„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

– „Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 12

Dezember 2018 – Januar 2019

Ein Gangster bekehrt sich

Inzwischen war Rebekka am 28.12. wieder nach Deutschland zurückgereist. Am nächsten Morgen lasen wir in Psalm 50: „Opfere Gott Lob und bezahle dem Höchsten deine Gelübde! Und rufe Mich an am Tage der Bedrängnis! Ich werde dich erretten und du sollst Mich preisen!“ Ja, wie wunderbar passte das wieder! Welch einen wunderbaren HErrn haben wir, der sich um unsere Belange kümmert, obgleich Er um so viel größer ist als wir und dennoch solch eine Fürsorge für uns übt! Noch immer berührte mich das Schicksal von Maikel (alias Elijah Nathan), der, um seine Ehe zu retten sogar den christlichen Glauben aufgab und wieder zum Islam zurückkehrte. Ich dachte: Gottes Arm ist stark, und Er vermag ihn wieder zurückzuholen aus dieser Verirrung! „Sollte Er uns mit Ihm nicht auch ALLE schenken?“ (Röm.8:32), zumal doch Sein Name über sie angerufen wird (Apg.15:17)! Am 29.12. wollte ich wieder das Evangelium predigen, aber nicht auf meine eigene Redekunst vertrauen, sondern wollte mich wie Elia ganz auf die Kraft Gottes verlassen, dass Er mir im richtigen Moment zu Hilfe komme, um ein würdiges Zeugnis zu geben vor allen.

An jenem Morgen hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich am Nachmittag noch ein echter Gangster und sogar zweifacher Mörder bekehren würde! Aber ich erzähle es der Reihenfolge nach: Als ich auf dem Platz San Martin ankam, sah ich schon meinen Konkurrenten Jaime, der einer Gruppe von etwa 50 Zuhörern den Sozialismus predigte, wie er es jeden Nachmittag tat. Die Sonne war auch heute wieder brütend heiß, so dass ich mir einen schattigen Platz suchte, um zu predigen. Aber es standen noch nicht genügend Leute beisammen, um anzufangen, deshalb setzte ich mich erst mal neben einen jungen Mann und fragte ihn, ob ich mich mit ihm über das Wort Gottes unterhalten dürfe. Schon bald stellte sich heraus, dass es sich um einen Glaubensbruder handelte. Während ich mich gerade mit ihm über die Notwendigkeit der Kopfbedeckung unterhielt, setzten sich links neben mich zwei Jungs hin und hörten mir zu. Einer der beiden jungen Männer hatte eine Weinflasche in der Hand und war auch leicht angeschwippst. Er fragte mich, ob Alkohol trinken Sünde sei, und so kamen wir ins Gespräch über das Thema Sünde und Vergebung. Der andere von den beiden war inzwischen weggegangen und nur der Angetrunkene blieb. Ich erklärte ihm das Evangelium, aber er unterbrach mich immer wieder mit merkwürdigen Fragen wie: „Kann Gott auch einem Mörder vergeben?“ oder: „Vor was muss man denn überhaupt gerettet werden?“ oder: „Warum sollte Jesus einen wie mich retten wollen?“ Mario (28) bekannte mir dann offen, dass er sein ganzes bisheriges Leben eigentlich nur von Raub und Diebstahl gelebt hätte, seit er mit 8 Jahren aus dem Kinderheim geflohen sei und er auf der Straße lebe.

Ich lud Mario ein, den HErrn Jesus Christus als Herrn und Retter anzunehmen, aber er wollte zunächst nicht. Ich drängte ihn immer wieder, aber er zögerte. Plötzlich machte er die Weinflasche auf und goss wortlos den gesamten Inhalt auf den Fußboden. Ich beglückwünschte ihn dazu und sagte, dass dies doch schon mal ein kleiner Schritt in die richtige Richtung sei, aber dass er nun auch sein bisheriges, verpfuschtes Leben aufgeben müsse, um vom HErrn Jesus ein neues Herz geschenkt zu bekommen. Zeitweise hörte er mir nur apathisch zu, weil er noch unter der Wirkung des Alkohols stand; aber als ich ihm versicherte, dass der HErr Jesus auch für ihn gestorben sei, damit er gerettet werde. Da fiel er in sich zusammen und rieb sich Tränen aus den Augen. Er flüsterte kaum verständlich: „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“ Dann fing er völlig an zu weinen und sagte schluchzend: „Ich habe schon zwei Menschen umgebracht, den einen sogar, indem ich ihn mit Benzin übergossen und angezündet habe! Dabei war er sogar mal mein Freund!“ Ich schluckte, aber versicherte ihm, dass dies für Gott kein Problem sei, zu vergeben. Dann fragte er mich mit zerbrechlicher Stimme: „Was muss ich denn machen, um gerettet zu werden?“ Ich sagte: „Wir können jetzt mal gemeinsam zum HErrn gehen im Gebet, und dann bekennst Du Ihm Deine Schuld und bittest Ihn um Vergebung“. Dann betete ich als erster und bat Gott, ihn zu erretten. Während ich betete, lehnte er sich gebeugt an meine Schulter. Dann fragte ich ihn, ob er jetzt beten wolle; er wollte aber lieber, dass ich vorbete, und er sprach mir dann unter Tränen und Schluchzen die Sätze nach. Ich hatte bisher noch nie eine so herzzerreißende Bekehrung miterlebt. Ich dankte Gott innerlich für diese Freude, die Er mir und allen Engeln im Himmel hier bereitet hatte.

Dann erklärte ich Mario, dass er von nun an nicht mehr stehlen dürfe, sondern einer ehrlichen Beschäftigung nachgehen müsse. Er antwortete: „Wer wird mir schon eine Arbeit geben, denn ich habe ja noch nicht einmal einen DNI (Personalausweis)!“ – „Wieso hast Du denn keinen?“ – „Weil meine Eltern mich nie offiziell angemeldet haben. Ich war denen schon immer egal und kann nur froh sein, dass sie nicht das Geld hatten, um mich abzutreiben.“ – „Aber Du kannst doch Papiere beantragen“ – „Ich weiß nicht, wie das geht“, sagte er, „mich nimmt ja ohnehin keiner ernst. Gestern war ich auf der Polizeiwache und wurde dort von den Polizisten grün und blau geschlagen. Siehst du diese Platzwunde hier am Auge? Die ist von denen. Sie wollten mir eine Lektion erteilen, weil ich diese Adidas-Schuhe hier gestohlen hatte. Aber dann hat mir einer von denen die Schuhe geschenkt, weil er meinte, dass ich ja sonst keine hätte“. – „Da siehst Du mal, dass nicht alle Menschen schlecht sind. Was Du jetzt brauchst, ist eine Gemeinde, die sich weiter um Dich kümmert. Wenn Du willst, komm doch morgen mit zur Alianza Cristiana, wo auch ich hingehe. Ich kann Dich auch gerne anholen.“ – „Ja, das können Sie gerne machen. Ich wohne hier gleich um die Ecke bei der Sunat“ (Finanzamt). – „Du wohnst beim Finanzamt?“ – „Ich kann es Ihnen gerne zeigen.“ – „Ja, gut.“ Wir gingen drei Straßenblöcke weiter, und dann hielt er vor einem Hauseingang des Finanzamts an mit einer Stahltür, die keinerlei Griffe hatte. Ich fragte ihn, wie er denn durch die Tür komme. „Gar nicht“ sagte er und legte sich sein fleckiges Sweatshirt vor die Tür, um dadurch anzudeuten, dass er vor der Tür schlafe. „Dies ist derzeit meine Wohnung; hier schlafe ich immer mit noch drei Kumpels. Hier können Sie mich abholen.“ Ich überlegte, ob er nicht vielmehr zu mir kommen sollte und beschrieb ihm den Weg. Er aber schlug vor: „Dann komme ich jetzt einfach mit zu Ihnen!“ -„Heute schon? Warum?“ – „Weil…“ er zögerte und sagte leise „weil ich mich in ihrer Nähe wohlfühle“. Ich sagte: „Ja, können wir gerne so machen.“ Ich griff in meine Tasche, um ihm ein Bus-Geld zu geben, aber er sagte: „Sie brauchen mir kein Geld geben, denn ich habe genug davon“, und er holte aus seiner Tasche eine ganze Hand voll Münzen. „Aber ich würde Ihnen gerne Mal meine Kumpel vorstellen. Sie brauchen keine Angst vor ihnen zu haben, denn ich werde denen sagen, dass Sie mein Bruder sind.“ – „Danke, aber lieber ein anderes Mal, denn ich will jetzt erst mal auf den Platz zurück zum Predigen, denn dazu bin ich ja hier hergekommen.“

Wir gingen also auf den San-Martin-Platz zurück in jene Sitzecke, wo ich auch schon öfter gepredigt hatte. Die Plätze waren inzwischen schon voll besetzt, als würden die Leute schon auf mich warten. Und tatsächlich rief einer, als ich ankam: „Ach seht, da ist ja der Bruder, der uns wieder was aus der Bibel erzählen will. Treten Sie näher!“ Ich lächelte und stellte mich in ihre Mitte. „Dann können Sie gleich mal anfangen und diesem Schwätzer hier widersprechen, der nicht an Gott glaubt!“(er zeigte auf einen jungen Mann neben ihm). Dieser sagte mir etwas Undeutliches und ich fragte ihn, ob er betrunken sei. „Nein, der ist nicht betrunken, sondern der hat zu viel Terokal geschnieft und dadurch sind seine Hirnzellen geschädigt!“ Ich fragte in die Runde: „Hat jemand von Ihnen ein Thema, über das er sprechen möchte? Aber bitte keine Politik sondern nur christliche Themen!“ Einer fragte: „Wenn Gott doch die Liebe ist, warum werden dann Homosexuelle diskriminiert, die doch nichts weiter tun, als Liebe zu üben?“ Nachdem ich ihm zunächst mal erklärt hatte, dass der Begriff „Liebe“ heute unterschiedlich verwendet wird und dass es Gott darum ging, dass die Menschen sich vermehren und nicht ihren Perversionen anhangen sollten, fragte er weiter: „Wenn es Gott nur darum geht, dass Homosexuelle keinen Sex miteinander haben sollen, dürfen sie dann trotzdem einander lieben und z.B. zusammen wohnen, vorausgesetzt, dass sie enthaltsam sind?“ – „Theoretisch ja, aber die Versuchung ist dann natürlich recht groß, weshalb sie lieber getrennt leben “. Dann kam die Frage: „Wenn die anderen Religionen alle verkehrt sind, warum hat Gott dann zugelassen, dass es so viele andere Religionen gibt?“ Ich antwortete: „Damit der Mensch nicht völlig verdirbt; denn die Religionen rufen den Menschen zur Mäßigung auf, und das ist erst mal gut. Denn sonst würde es nur noch ein Hauen und Stechen geben“.

Das war das Stichwort, dass sich auch mal Mario zu Wort melden wollte: „Hört mich! Viele von Euch kennen mich und wissen, dass ich ein ratero (Kleinkrimineller) bin. Aber seit heute Nachmittag gehöre ich zu Christus und habe mit meinem alten Leben gebrochen!“ Alle lachten über ihn. Er aber griff zum Beweis in seine Hosentasche, nahm alles Geld heraus und warf es im hohen Bogen auf den Platz. „Dieses Geld habe ich gestohlen, aber ich will es jetzt nicht mehr!“ Wieder lachten einige, aber andere machten sich auf, um das Geld einzusammeln. Dann zog er seine Schuhe aus und warf sie ebenso weg. Da musste ich an den heiligen Franziskus denken und fürchtete, er wird sich jetzt doch wohl nicht gleich ganz ausziehen wollen. „Warum machst Du das?“ fragte ich. „Weil auch die Schuhe gestohlen sind und ich sie deshalb nicht mehr will“. „Aber Du brauchst doch Schuhe. Du kannst sie doch später an den Laden wieder zurückgeben.“ – „Nur wenn Sie mich dabei begleiten“. „Ja, kann ich machen.“ Da holte er sie wieder her, zog sie aber noch nicht an, als würde er sie für verflucht halten. Die Themen gingen noch etwa eine Stunde weiter, und jedes Mal meldete sich auch Mario neben mir zu Wort und wollte ebenso evangelisieren, aber wegen seiner leicht stockenden und unter Alkohol stehenden Stimme nahm ihn niemand ernst. Dann zog er mich immer wieder am Arm, wie ein Kind seinen Papa am Arm zieht, weil er weg wollte, aber ich wollte zuerst die z.T. guten Fragen beantworten, zumal gerade eine sehr ruhige und sachliche Stimmung war wie selten. Dann aber verabschiedete ich mich von allen und ging mit Mario weiter.

Gottes Ringen um die Seelen

Plötzlich kam ein weiterer Junge auf mich zu und stellte sich als Freund von Mario vor. Christian (30) war ein kleiner, schmächtiger junger Mann mit weit geöffneten Augen und einem geradezu hypnotischen Blick. Er war so dünn, als leide er unter Magersucht. Er sagte, dass auch er wie Mario seit 18 Jahren auf der Straße lebe, weil seine Eltern bei einem Unfall gestorben seien, er aber mit 12 Jahren aus der Wohnung geflüchtet sei, weil er unter Schizophrenie leide und panische Angst vor Nähe habe. Im Wahn habe er manchmal völlig unsinnige Dinge getan und sich selbst dabei verletzt. Aber er glaube an Gott und sei kein Gangster wie Mario, sondern würde gerne mehr von mir erfahren, was die Bibel lehre. Ich sagte ihm, dass ich gerade auf dem Weg nach Hause sei, aber dass er gerne mit uns mitkommen könne. So gingen wir zu dritt weiter bis plötzlich ein weiterer junger Mann zu uns stieß und sich als José (31) vorstellte. Er sagte, er habe meine Predigt gehört und sei ebenso auf der Suche nach Gott. Er habe sein Leben lang schon Träume und Visionen, in denen Gott und die heilige Jungfrau vorkämen, die ihm Dinge zeigen wollten, die er oft nicht verstand. Er suche nun jemanden, der ihm seine Träume deuten könne. Ich sagte auch ihm, dass er sich uns anschließen könne und zu uns nach Hause mitkommen könne. So stiegen wir alle in den Bus und ich gab Mario und José jeweils einen Sol als Fahrgeld. Im Bus betete ich: „HErr, ich fühle mich im Moment völlig schwach und überfordert mit dieser Situation. Ich fürchte mich, dass Ruth die Gäste nicht aufnehmen will und dadurch das Zeugnis geschädigt wird. Bitte hilf mir, HErr, und unterstütze mich, denn ich schaffe das nicht alleine. Und bitte mach, dass Ruthi nicht wieder an die Decke geht, wenn ich mit diesen drei Landstreichern vor der Tür stehe. Danke, Vater, Amen.

Als wir in der Nähe von Matute ausstiegen, um zu Fuß weiter zu gehen, fragte mich Christian: „Sag mal, Simon, hast Du denn  eigentlich gar keine Angst, uns zu Dir nach Hause zu nehmen? Du kennst uns doch gar nicht.“ Auch Mario bekräftigte: „Ja, genau, Simon. Du darfst Leute nicht einfach zu Dir nach Hause nehmen, denn sie könnten Dich überfallen und ausrauben. Es ist besser, wenn Du nicht so vertrauensselig wärst.“ Ich lächelte und erklärte ihnen, dass ich mich unter dem Schirm des Höchsten befände und mich von Myriaden von Engeln beschützt wisse. Wenn mir daher etwas zustoßen sollte, dann hat es Gott so angeordnet und es sei gut. Wir gingen schweigend weiter bis wir zu unserer Wohnung gelangten. Ruth war noch nicht zuhause. Ich bat sie, Platz zu nehmen und bot einem jeden von ihnen erst mal ein Glas Inka-Cola an, eine gelbe Limonade, die etwas nach Kaugummi schmeckt. Und dann machte ich den Vorschlag, dass erst mal jeder sich vorstellen sollte und ein wenig aus seinem Leben berichten könnte. Christian machte den Anfang und erzählte von seiner Obdachlosigkeit und seiner z.T., selbstgewählten Einsamkeit. Dann aber klopfte es an der Tür, aber es war nicht Ruth, sondern Ricardo, der mich zum Essen einladen wollte. Ich flüsterte ihm ins Ohr, dass er wie gerufen komme, um mich bei den seelsorgerlichen Gesprächen zu unterstützen. Ricardo kam rein und setze sich; und von nun an übernahm er die Moderation, was mir aufgrund meiner Müdigkeit sehr recht war.

Als nächste erzählte Mario in seiner etwas schnodderigen Gossensprache, dass er die ersten 8 Jahre seines Lebens im Heim zugebracht habe, da sein Vater Alkoholiker war und seine Mutter ihn ablehnte. Als sein einziger Heimfreund adoptiert wurde, flüchtete er nach Arequipa und wohnte fortan bei seinem Onkel, der allerdings ein Gangsterboss war, wie auch alle seine Söhne. Diese schlugen ihn bei jeder Kleinigkeit, ohne dass er wusste, warum. Er fürchtete sie und wusste, dass sie alle Mörder waren, die sich durch Raub und Diebstahl ein schönes Leben machten. Da er keine anderen Vorbilder hatte, machte er es ihnen nach. Mit 12 Jahren flüchtete Mario erneut und kehrte nach Lima zurück, wo er nun dauerhaft auf der Straße lebte. Er sammelte eine Gruppe von Kleinkriminellen um sich, um gemeinsam Läden zu überfallen. Dadurch erbeuteten sie für gewöhnlich am Tag pro Überfall rund 1000 Soles, die sie aber auch sofort wieder ausgaben. Mario profilierte sich dabei als besonders kaltblütig („de sangre fria“), indem er den Verkäufern das Messer an den Hals hielt, während die anderen den Laden plünderten. Ricardo fragte: „Hast Du auch schon mal einen Menschen getötet?“ – „Ja,“ sagte er, „sogar schon zwei. Wenn ich dafür jetzt ins Gefängnis muss, dann bin ich dazu bereit.“ – „Wer waren die?“ fragte Ricardo. „Einer war sogar mal mein Freund, aber er hat mich betrogen.“ – „Und der andere?“ – „Das war ein Mann von der Straße“ – „Von der Straße?“ – „Ja. Er wollte sich nicht berauben lassen.“ Ich bekam eine Gänsehaut.

Ich war auch schon mal 18 Monate im Gefängnis in Cañete, aber nur wegen einfachen Handyraubs; dass ich ein Mörder bin, haben die nie rausgefunden. Einmal habe ich einen Mann mit 30 Messerstichen attackiert, aber er hat es überlebt. Er wohnt ganz in der Nähe hier in Matute, in San Beatriz“. – „Dann solltest Du zu ihm hingehen und ihn um Vergebung bitten!“ sagte Ricardo. „Der wird mir niemals vergeben! Das schaff ich nicht.“ – „Wenn Du neues Leben aus Gott hast, dann wirst Du es machen. Erzähl mir doch mal, was Du heute Nachmittag erlebt hast.“ forderte Ricardo ihn auf. „Das war so,“ antwortete er, „ich habe mich nämlich in ein Mädchen verliebt und wir hatten uns für morgen verabredet. Ich wollte ihr aber etwas schenken und brauchte Geld. Deshalb hatte ich mich heute Mittag mit ein paar Kumpels verabredet, und wir wollten eine Apotheke ausrauben. Dazu wollten wir uns erst mal etwas Mut antrinken und setzten uns mit der Weinflasche auf die Parkbank. Da hörte ich, wie Simon gerade über die Bibel sprach und interessierte mich. Und dann passierte etwas, das ich noch nie erlebt habe, denn die Worte stachen mir ins Herz, und da war etwas, das unbedingt hinauswollte. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr geheult, aber ich musste plötzlich total heulen, so dass ich mich über mich selbst wunderte.“ -„Was war es denn, dass Dich zum Weinen brachte?“ wollte Ricardo wissen. „Es war dieser eine Satz, dass niemand größere Liebe hat als der, der für seine Freunde sein Leben gibt. Ich konnte es nicht fassen, dass Jesus mich dreckigen Nichtsnutz so sehr liebt, dass er auch für mich gestorben ist.“ Schon wieder kamen ihm die Tränen in diesem Moment.

Es klopfte wieder an der Tür, und diesmal war es Ruth. Als sie die drei jungen Männer sah, grüßte sie nur kurz und rief mich dann ins Schlafzimmer. „Was machen die hier?!! Ich will, dass die sofort verschwinden!“ – „Ruthi, ich erklär Dir alles später. Jeder erzählt gerade von seiner Vergangenheit, denn ich hatte…“ -„DAS INTERESSIERT MICH NICHT!!!“ flüsterte mir Ruth laut und rasend vor Wut zu. „ICH WILL, DASS DIE JETZT SOFORT GEHEN, DENN ICH HATTE EINEN SEHR ANSTRENGENDEN TAG; ICH PLATZE GLEICH VOR WUT!!! Ich gebe Dir noch max. 15 Minuten!!!“ – O weiha, dachte ich und ging wieder zu den anderen. Ricardo sagte in diesem Moment: „Bevor ich auf all das Gesagte mal eingehe, wollen wir zuvor noch das Zeugnis von José hören.“ Da begann José (31) zu erzählen, dass er auf dem Land aufgewachsen sei und schon immer die Natur und die Ruhe geliebt habe. Doch dann fing es an, dass er ständig Tagträume hatte, die aber völlig real erschienen und sich z.T. mit der Realität vermischten. Einmal stellte er sich vor, dass er mitten in einem Feuer war und ihm ein Licht erschien, dem er folgte. Als er aufwachte, war seine Kleidung an einigen Stellen angebrannt. Dann war er in einer Schlangengrube drinnen und wurde gebissen, und als er wach wurde, ging es ihm wirklich schlecht. Doch dann kam der Tag, wo es genau andersherum war, dass er nämlich im Gebirge auf dem Boden lag und ein Panther fauchend auf ihn zu kam, er aber dachte, dass dies nur ein Traum sei. Dann aber roch der Panther fauchend an seinem Gesicht und ihm wurde bewusst, dass es doch kein Traum war, sondern er sich in absoluter Lebensgefahr befand. Er hatte aber eine totale Ruhe in sich und betete: „HErr, wenn ich jetzt von diesem Panther gefressen werde, dann werde ich wieder völlig eins werden mit ihm und der ganzen Natur. Wenn er mich aber am Leben lässt, dann will ich von nun an Dir dienen. Amen“. In diesem Moment, wandte der Panther sich um und streifte dabei mit seinem Schwanz den Körper von José, so dass er merkte, dass er sich das nicht einbildete. „Seit ich dies Versprechen vor etwa einem Jahr gab, habe ich es bis jetzt noch nicht eingelöst.“ Dann erzählte José noch viele andere Geschichten, aber ich konnte mich kaum noch konzentrieren, weil ich wie auf glühenden Kohlen saß, denn die 15 Minuten waren längst rum. Ich unterbrach also und erklärte, dass wir den Dialog jetzt mal draußen auf den Parkbänken fortsetzen müssten, was wir dann auch taten.

Wir sprachen noch etwa eine Stunde weiter über die Notwendigkeit, sein Leben ganz in Gottes Hände zu geben, damit er von nun an das Regiment übernehme. Bevor wir die drei aber dann verabschieden wollten, sagte Mario leise und mit gesenktem Kopf: „Ich fürchte, ich schaff das nicht. Ich weiß genau, wenn ich gleich hier weg bin, dann geh ich wieder in mein altes Leben zurück und werde weiter stehlen. Denn wovor soll ich denn sonst leben?“ Ricardo sagte: „Das ist der Dämon, der Dir das einredet.“ Ich ergänzte: „Du brauchst keine Angst haben, Mario, denn der HErr wird sich von nun an um Dich kümmern. Aber Du musst Ihm vertrauen und jetzt wirklich mit dem Stehlen aufhören, denn sonst war alles umsonst.“ Wir standen auf und ich fragte sie, ob sie noch etwas Geld zum Essenkaufen wollen und gab jeden rund 6 Soles in die Hand, da ich sie jetzt nur noch verabschieden wollte, um mich um Ruth zu kümmern. „Woher weißt Du, dass wir das Geld jetzt nicht für Drogen ausgeben?“ fragte Mario. „Weil ich darauf vertrauen will, dass Gott aus Dir einen neuen Menschen gemacht hat, der nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren will“.

Nachdem sie gegangen waren, setzte ich mich noch mal kurz mit Ricardo auf die Parkbank, denn er wollte mit mir noch mal über die Eindrücke zu reden. Wir sprachen noch etwa eine halbe Stunde bis 22.30 Uhr, als ich plötzlich im schalen Laternenlicht eine riesige grüne Raupe sah von etwa 15 cm Länge und 2 cm Durchmesser. Als ich Ricardo darauf hinwies, war er total schockiert und sagte: „Simon, so einen Wurm habe ich noch nie hier gesehen, und ich wohne schon seit 60 Jahren hier in Matute. So etwas gibt es hier nicht. Ich glaube, dass der HErr uns damit etwas zeigen will, denn das geht hier nicht mit rechten Dingen zu.“ Ich nahm die Raupe auf meine Hand, aber Ricardo schrie sofort: „NICHT ANFASSEN! denn das Tier ist vielleicht giftig!“ Ich sagte: „Mir fällt gerade dieser Wurm aus Jona 4 ein, den Gott sandte, um den Wunderbaum zu fressen. Der Wurm ist vielleicht ein Bild auf den HErrn Jesus.“ – „Wie kommst Du darauf?“ fragte Ricardo. „Weil es doch heißt in dem Psalm: Ich aber bin ein Wurm und kein Mann.“ Die Raupe krabbelte mir unterdessen immer weiter den Arm hoch, sodass ich sie in die andere Hand nahm. Dann verabschiedete ich mich von Ricardo, aber er wollte mir vorsichtshalber nicht die Hand geben. Ich wollte Ruth die Raupe zeigen, aber sie war schon eingeschlafen.

Und wenn Mario jetzt weitere Morde begeht?

Am nächsten Morgen fing ich an, Ruth von den Erlebnissen am Vortag zu berichten. In dem Moment klopfte es an die Tür. Es war Ricardo, der uns zum Gottesdienst abholen wollte. Wir aßen zusammen Frühstück und sprachen über Mario. Als Ruth erfuhr, dass Mario zwei Menschen ermordet hatte, war sie entsetzt und schimpfte mit mir, dass ich sie überhaupt mit nach Hause gebracht hatte. „Versprich mir, dass Du niemals mehr fremde Menschen hier in unsere Wohnung lässt! Wir sind hier schließlich nicht in Deutschland, sondern in Peru, wo Raubüberfälle und Morde an der Tagesordnung sind. Versprich mir das!!!“ Ich sagte: „Ich kann Dir das nicht versprechen, denn wenn der HErr mir zeigt, dass ich jemandem helfen soll, dann muss ich doch einen Ort haben, wo ich in Ruhe mit ihm reden kann und er auch zu Essen bekommt.“ – „Aber Du kannst ihm auch draußen Essen kaufen und Dich mit ihm auf der Parkbank unterhalten! Ich will hier keine fremden Leute mehr im Haus! und wenn Du das nicht versprechen kannst, dann werde ich auch nicht mehr erlauben, dass Du in der Innenstadt predigst!“ Auch Ricardo redete auf mich ein und gab Ruth Recht: „Simon, Du verhältst Dich wie ein naiver, kleiner Junge. Aber Du trägst Verantwortung für Deine Frau. Du willst doch sicher, dass dieses Haus hier ein Bethaus bleibt und nicht zu einer Räuberhöhle wird. Ich würde solche Typen wie gestern auch nie in meine Wohnung lassen, denn so einer wie Mario ist doch unberechenbar!“ – „Glaubst Du, dass er uns immer die Wahrheit gesagt hat?“ -„Aber selbstverständlich! denn von solchen gibt es doch Hunderte hier in Lima. Wir erfahren ja nur einen Bruchteil von dem, was hier täglich passiert, aus den Medien, aber selbst das ist schon eine riesige Menge an Verbrechen. Dieses Land hier geht vor die Hunde, und wir befinden uns hier auf Kriegsgebiet! Wenn Du das nicht einsiehst, dann wirst Du das nächste Mal eine leichte Beute für sie sein.“

Ruth war inzwischen so aufgeregt, dass sie sich ins Schlafzimmer zurückzog und nicht mehr mit in die Gemeinde wollte. So ging ich mit Ricardo alleine in den Gottesdienst, denn auch Mario und die anderen beiden waren leider nicht gekommen. Die Predigt war sehr schön und handelte über dem Verrat von Petrus und seiner Versöhnung mit dem HErrn in Joh.21. Auf dem Rückweg unterhielt ich mich noch mal mit Ricardo, dass wir dem HErrn einfach mehr vertrauen sollten, weil wir uns sonst selber unbrauchbar machen für den Dienst. Ich sagte ihm: „Wer auf den Wind sieht, wird nicht säen, und wer auf die Wolken schaut, wird nicht ernten.“ Nur der „Faule sagt: ‚Ein Löwe ist draußen, ich könnte gefressen werden auf der Straße‘.“ Wir sollen uns aber nicht vor Menschen fürchten, sondern vor dem HErrn. Ricardo aber meinte, wir sollten aber auch nicht blauäugige „Kinder am Verstande sein“, sondern nur an der Bosheit Unmündige (1.Kor.14:20). Als ich nach Hause kam, war Ruth immer noch sehr schlecht gelaunt, deshalb betete ich. Immerhin war ja heute unser 26. Hochzeitstag, und den durften wir ja nicht im Streit miteinander verbringen. Bei einem weiteren Versöhnungsversuch kam es dann zu einer heftigen Aussprache. Sie warf mir vor, dass ihr meine ständige Schreiberei morgens und abends auf die Nerven ginge und ich ermahnte sie, dass ihre Fernsehguckerei reine Zeitverschwendung und Götzendienst sei. „Am liebsten würde ich diese Teufelskiste da auf dem Boden zerdeppern!“ -„Wag es ja nicht!“ „Du wirst es eines Tages vor dem HErrn verantworten müssen! und Dir sollte klar sein, dass Götzendiener nicht in das Reich Gottes eingehen!“ – „Du hast kein Recht, mich zu richten!“ – „Nein, aber das Wort Gottes sagt es ganz klar!“ – „Dann wäre ja auch Ricardo ein Götzendiener und auch alle anderen! Du übertreibst!“ – „Wir müssen alle einmal Rechenschaft ablegen vor dem HErrn, wie viel Frucht wir gebracht haben, und wenn draußen Millionen Menschen verloren gehen, während wir Christen Fernsehen schauen, dann machen wir uns der unterlassenen Hilfeleistung schuldig!“ – „Was soll ich denn machen, wenn ich ständig Schmerzen habe, und der HErr mich nicht heilen will?! Am liebsten würde ich sterben, dann kannst Du nach Belieben alles machen was Du willst. Ich bin Dir doch ohnehin schon immer eine Last gewesen.“ Ruth weinte, und ich setzte mich zu ihr. „Nein, bist Du nicht“ tröstete ich sie. Wir umarmten uns.

In den nächsten Tagen kümmerte ich mich erstmal weiter um die Fenster, um Ruth glücklich zu machen. Ich schlug sämtliche Scheiben raus und kehrte etwa 50 kg Glas zusammen. Dann schlug ich mit Hammer und Meißel die alten Kitt-Krusten raus, säuberte die Falzen und schliff die Fenster, um sie anschließend zu lackieren. Über Sylvester aßen wir dann bei Ricardo Truthahn, lasen in der Bibel und schauten uns das Feuerwerk an. Am 02.01. kam Ruths Cousine Eva zu uns, um ein paar Tage zu bleiben. Ruth ging mit Eva Obst und Gemüse einkaufen, während ich die Glasscheiben fürs Küchenfenster und Wohnzimmer bestellte und mit nach Hause nahm. Dann klebte ich die Scheiben für die Küche ein, versiegelte sie und lackierte die Metallrahmen an einigen Stellen nach. Während dessen stellte ich mir die Frage, ob der Mario jetzt wohl in sein altes Gangster-Leben zurückgekehrt war oder nicht. Seit seiner Bekehrung hatte er sich ja gar nicht mehr gemeldet. Was ist, wenn er nun weitere Morde begehen wird? Sollte ich ihn zu seinem eigenen Schutz nicht bei der Polizei anzeigen? Er hatte sogar selbst den Wunsch geäußert, reinen Tisch machen zu wollen, um der Gerechtigkeit willen. Hatte ich überhaupt das Recht, ihn zu verraten? Oder hatte ich als Christ vielleicht sogar die Pflicht, andere Menschen vor ihm zu schützen? Es gibt zwar das Beichtgeheimnis, aber dies gilt nicht im Fall einer potentiellen Gefahr. Und wenn er wirklich zwei Morde begangen hat, die bis heute nie aufgeklärt wurden, dann kann ein solches Verbrechen nicht einfach ungesühnt bleiben um der Opfer willen, selbst wenn er sich jetzt bekehrt haben sollte. Aber wenn er weitere Morde begeht, dann mache ich mich doch sogar mitschuldig, weil ich um seine Gefährlichkeit wusste und nicht vor ihm gewarnt hatte (2.Mo.21:29). Ich hatte ja 2006 schon einmal einen Betrüger bei der Bremer Polizei angezeigt, die ihn jedoch nicht festnahm, da angeblich „keine Fluchtgefahr“ bestand und er „seine Bewährungsauflagen erfülle“. Daraufhin flüchtete er aus Bremen und betrog immer weiter Kaufleute in Sachsen-Anhalt und Bayern, bis er schließlich in Ungarn ein deutsches Rentnerehepaar ermordete und dafür zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Wäre die Bremer Staatsanwaltschaft damals nicht so nachlässig gewesen, dann würde das Rentnerehepaar heute noch leben! Die Polizei ist ja eine „Dienerin Gottes“, daher sollten wir sie als Christen unterstützen, so wie es Mordokai tat in Esther 2:22-23. Wenn Mario aber nur geflunkert hat oder es diese Morde nie gegeben hat, dann wird die Polizei das feststellen. Ich werde einfach nur meine Zeugenaussage machen, um nicht mitschuldig zu werden.

Ruth hatte bei der Sache ein mulmiges Gefühl, verstand aber auch meine Sorgen. Wir beteten für Mario, dass der HErr auf ihn achthabe und dass Gottes Wille geschehe. Dann gingen wir auf die Polizeiwache unseres Stadtteils La Victoria, wo wir jedoch erfuhren, dass sie nicht zuständig seien, da es sich um Mord handeln würde und dafür ein spezielles Morddezernat im Stadtzentrum zuständig sei. Als wir dann bei jenem – einer Festung gleichendem – Gebäude ankamen, wartete Ruth draußen, während ich im Vorzimmer mein Anliegen vortrug. In dem Moment kam der Polizeikommandant Victor Revoredo Farfán heraus und bat mich in seine Amtsstube, die voller Auszeichnungen, Fotos, Medaillen, aber auch vieler katholischer Jesus-Bildchen war. Sein riesiger Schreibtisch und sein großes Namensschild ließen keinen Zweifel daran, dass er hier der absolute Boss war. Ich erklärte auch ihm mein Anliegen, und als ich fertig war, stand er auf und schenkte mir erst mal ein Glas Mineralwasser ein. Dann ging er hinaus und sagte nur, dass ich ihn mal kurz entschuldigen möge. Kurz darauf kam er mit drei Mordermittlern hinein, stellte mich ihnen kurz vor und setzte sich dann, um ihnen zu erzählen, was ich ihm gesagt hatte. Dann fing er an, ihnen einen Vortrag zu halten, wie stark der christliche Glaube eine Person verändern könne und dass er als überzeugter katholischer Christ sich von Herzen wünschen würde, dass es noch mehr solche Überzeugungstäter wie mich gäbe, die ihre „wertvolle Zeit investieren, um solche armseligen Kriminellen auf den Weg des Guten zu bringen und die sich ernsthaft um ihre Zukunft sorgen“. Er bot mir an, gemeinsam mit ihm Mittag zu essen, was ich aber ablehnte, da Ruth auf mich wartete. Als er mir dann noch zur Erinnerung eine Tasse schenkte mit dem Emblem seiner Behörde und auch noch ein Foto mit mir machen ließ, hatte ich zunächst den Eindruck, dass man mich hier verschaukeln. Doch dann brachten die Fahnder uns in einem Zivilauto zu dem Ort, wo Mario jede Nacht schlief und machten Fotos. Dann ließen sie mich ein Phantombild anfertigen und zeigten mir Fotos von Verdächtigen, die es jedoch nicht waren. Da Ruth sich um mich sorgte, versicherten sie ihr, erst nach unserer Abreise zuzugreifen.

Er führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn(Luk.10:34)

Noch immer hatte ich die Hoffnung, Mario noch einmal zu finden, um ihn zu ermahnen, auf den Weg des HErrn zu bleiben und sich gegebenenfalls auch freiwillig der Polizei zu stellen. Für meinen nächsten Einsatz nahm ich für Mario eine Hose, Schuhe, Unterhosen, Strümpfe und ein Hemd mit, für den Fall, dass ich ihn träfe. Als ich wieder auf den Platz ging zum Evangelisieren, sah ich drei junge Männer, die ich auf den HErrn ansprach. Ganz allmählich gesellten sich weitere Männer zu uns und hörten meiner Botschaft mit mehr oder weniger großem Interesse zu. Am Ende lud ich sie ein, den HErrn Jesus Christus als ihren Herrn anzunehmen und fragte in die Runde, wer mit mir beten wolle. Alle schauten mich schüchtern an und fühlten sich offensichtlich unwohl bei dieser aufdringlichen Frage. Nach und nach stahl sich dann auch einer nach dem anderen hinweg, je länger ich auf sie einredete, bis zum Schluss nur noch einer übrig blieb, der immer noch standhaft zuhörte. Doch trotz allem Zuredens traute er sich nicht, mit mir zusammen zu beten, sondern sagte nur leise: „Ich möchte mich heute Abend zuhause bekehren; das geht doch auch, nicht wahr“. Ich sagte: „Ja, selbstverständlich. Das Gebet ist ja etwas ganz Persönliches, und das können Sie auch im stillen Kämmerlein.“ Der junge Mann heißt Helberto, oder so ähnlich. Als nächstes unterhielt ich mich mit einem gewissen Jesús* (26) unter vier Augen, den ich ebenso drängte, ins Reich Gottes einzugehen, aber auch er zögerte und blieb unentschlossen (*Jesús ist im katholischen Südamerika ein häufiger Vorname). Unterdessen hatte sich ein offensichtlich Homosexueller neben uns hingestellt und hörte zu. Da Jesús sich nicht entscheiden wollte, sprach ich diesen an, der sehr auskunftsfreudig reagierte und mir seine ganze Lebensgeschichte erzählte. Elias – so hieß er – kam aus christlich-charismatischem Elternhaus, hatte sich aber schon früh vom christlichen Glauben abgewandt, nachdem er seine „Erleuchtung“ im Zen-Buddhismus fand. Er hielt mir dann eine halbe Stunde lang einen Vortrag über irgendwelche Yoga-Energien und tantrisch-buddhistischen Chakren, nahm aber im Gegenzug vom Evangelium gar nichts an, sondern wollte eher scheinbar mich zum Buddhismus bekehren, so dass ich mich freundlich von ihm verabschiedete.

Ich war frustriert, denn inzwischen war es schon 16.30 Uhr und kein einziger Fisch hatte bisher angebissen. Noch deprimierter war ich, als ich die riesige Menschenmenge sah, die sich wieder um jenen Jaime gescharrt hatte, der den Leuten täglich zur selben Stunde und am selben Ort das Paradies auf Erden ohne Gott und Jesus predigte. Zur gleichen Zeit sah ich einen Pfingstler-Evangelisten, der mit lauter Stimme das Evangelium predigte und kein einziger hörte ihm zu. Was für ein Jammer! Ich überlegte schon, nach Hause zu fahren, aber bat den HErrn, dass Er doch wenigstens noch eine Seele retten möge. In diesem Moment winkte mir Jesús zu, der auf einer Bank saß zusammen mit einem anderen Jungen. Ich ging zu ihnen und Jesús stellte mir seinen Freund Israel (20) vor, ein magersüchtiger Junge, der mit seinen großen Locken zwar hübsch aussah, jedoch bestialisch stank, weil er sich offensichtlich seit Wochen nicht gewaschen hatte. Jesús fragte mich, ob ich die Schuhe und Kleidungsstücke, die ich den ganzen Tag schon in einer Plastiktüte mit mir schleppte (und die ursprünglich für Mario bestimmt waren), ob ich diese nicht dem Israel schenken könne, da dessen Schuhe schon auseinanderfielen. Und tatsächlich: als dieser dann meine Schuhe anprobieren wollte, sah ich, wie er aus seinen kaputten, stinkenden Schuhen seine Füße herauszog, die man durch die riesigen Löcher seiner ekeligen Strümpfe sehen konnte. Leider hatten die Nike-Schuhe Größe 42, während er Größe 44 hatte. Glücklicherweise passten sie aber zufällig dem Jesús, so dass ich sie ihm schenkte, während Israel die Jeans bekam.

Wir setzten uns auf eine andere Bank im Schatten, und ich erklärte beiden noch einmal das Evangelium und dass der HErr Jesus auch für sie gestorben sei. Dann las ich ihnen die Geschichte vom verlorenen Sohn in Luk.15 vor und fragte den Israel, ob er jetzt auch zum Vaterhaus gehen wolle. Er sagte sofort „Ja!“ Dann betete ich mit ihm, und er sprach mir alle Worte nach, außer in dem Moment, wo er von sich aus mal offen seine mir unbekannten Sünden aufzählen sollte, was er auch tat. Danach fragte ich seinen Freund Jesús noch einmal, ob nicht auch er jetzt endlich seinem Herzen einen Ruck geben wolle, um sich zu bekehren. Er zögerte noch immer, aber am Ende willigte er doch ein, zusammen mit mir zu beten. Auch er zählte dann eine ziemlich lange Liste an Sünden auf, die er vor Gott bekennen wollte und wir schlossen mit einem gemeinsamen „Amen“. Wir unterhielten uns dann noch eine ganze Weile über ihre Lebenssituation, und mir war klar, dass ich sie nun unmöglich einfach wegschicken konnte, zumal ich erfuhr, dass nicht nur Israel, sondern auch Jesús obdachlos waren. Sie taten mir so sehr leid, dass ich sie zu mir nehmen wollte, damit sie sich endlich mal duschen und umziehen könnten. Inzwischen klebte auch mir das T-Shirt am Körper und ich merkte, dass ich muffelte. Wie viel mehr also diese, die schon lange weder sich noch ihre Klamotten waschen konnten. Ich lud sie also nach Haus ein und sie kamen bereitwillig mit. Auf dem Weg war ich aber schon wieder von Unsicherheit und Zweifeln angefochten und ich betete: „HErr, ich bin so schwach, aber Du bist mächtig. Handle Du um Deines Namens willen und schenke Du mir Weisheit, wie ich mich richtig verhalten soll. Und schenke doch der Ruth diesmal ein weites Herz, dass sie diesmal meine Gäste bereitwillig aufnehme! Ich kann gar nichts tun ohne Dich, deshalb hilf mir bitte! Ich liebe Dich. Amen!“ Nach etwa 15 Haltestellen stiegen wir aus und gingen zu unserer Wohnung im Residenz-Distrikt Matute. Ruth war noch nicht gekommen.

Zunächst duschte sich Israel und dann Jesús. Dem Israel gab ich zuvor von mir ein Unterhemd, Unterhose, ein Hemd und ein Handtuch. Zudem bot ich ihm an, dass wir seinen stinkenden Pullover und sein T-Shirt waschen könnten, was er dankbar annahm. Jesús erbat sich nur neue Strümpfe von mir. Am liebsten hätte ich ihnen auch einen Schlafplatz für die nächsten 7 Tage angeboten (solange ich noch da war), aber Ruth hätte das nie erlaubt. Ich schaute im Kühlschrank nach, ob ich ihnen etwas zu Essen geben konnte und entdeckte einen ganzen Topf mit Bratnudeln und Hähnchenfleisch, den Ruth extra zurückgestellt hatte für den morgigen Sonntag. Ich machte ihn warm und verteilte alles auf drei Teller. Sie setzten sich und wir beteten gemeinsam. Israels Teller war schon kurze Zeit später leer, denn der ausgehungerte Junge hatte das Essen förmlich in sich hineingeschlungen. Ich tat dann sämtliches Obst auf den Tisch, und Israel nahm sich eine große Mango, und ich dachte noch einmal an die Worte in Luk. 15: „Bringet das Beste herbei!“ Da fiel mir ein, dass wir im Eisfach auch noch Schokolade aus Deutschland hatten, und ich bot ihnen eine Tafel an. Dann erzählten sie mir von sich: Jesús Eltern waren arme Fischer, die in einem vier Stunden von Lima entfernten Fischerdorf namens Huarmey wohnten. Auch Jesús musste die ersten Jahre seiner Kindheit in einem Heim verbringen, da er als 9. Kind seiner Eltern von diesen nicht versorgt werden konnte. Später aber holte seine Mutter ihn wieder nach Haus, nachdem der Vater gestorben war, damit er seine Brüder beim Fischfang unterstütze. Doch dann erkrankte seine Mutter an Tuberkulose und starb qualvoll. Aber auch Jesús hatte sich angesteckt und war dem Tode nahe, so dass er seinen Glauben an Gott verlor. Da er als Fischer keine Arbeit fand, zog er vor 3 Wochen nach Lima, wo er jedoch in einer Nacht komplett ausgeraubt wurde und seither auf der Straße lebe.

Israel hingegen ist in Cuzco (im Gebirge) aufgewachsen. Seine Mutter hatte sich schon früh von seinem alkoholabhängigen Vater scheiden lassen, so dass dieser ihn als einzigen Sohn mit der Verwaltung des Haushaltsgeldes betraute. „Wenn ich einmal wieder stockbetrunken von dir Geld fordere, um Alkohol zu kaufen,“ sagte sein Vater, „darfst du es mir nicht geben, selbst wenn ich dich noch so sehr anflehe!“ Doch schon bald bedrohte ihn der Vater im Alkoholrausch, verprügelte ihn, weil er nicht das Geld rausrücken wollte, und schmiss ihn am Ende raus, weil er ihn angeblich bestohlen habe. Seither bekomme er von seiner Tante hin und wieder eine Unterstützung, müsse aber auf der Straße leben, da der neue Mann seiner Mutter und der seiner Tante ihn ablehnten. Da seine Tante jedoch aus Denver (USA) sei, bestünde die Möglichkeit, dass sie ihn irgendwann dorthin mitnehme.

Unterdessen war Ruth am Abend gekommen und war nicht gerade erfreut darüber, dass ich schon wieder Unbekannte mit nach Haus gebracht habe ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Deshalb ging ich erst mal mit den beiden jungen Männern hinaus und setzte mich auf eine Parkbank. Ich schenkte dem Israel eine Bibel und erklärte ihm kurz die Bücher der Bibel und wie sie aufgeteilt seien. Dann gab ich ihm noch Busgeld, damit er zu seiner Mutter nach Lurin fahren könne, um dort zu übernachten. Auch dem Jesús gab ich Busgeld, jedoch nicht für Huarmey, denn das hätte 30 Soles gekostet, die ich nicht hatte, sondern nur, um in die Innenstadt zurückzufahren. Ich lud beide ein, am nächsten Tag wieder zu kommen, wollte sie jedoch nicht kompromittieren. Wir beteten noch einmal zusammen und verabschiedeten uns. Ich ging in die Wohnung zurück und sprach mit Ruth, die mal wieder sehr aufgeregt war und weinte, weil sie starke Schmerzen hatte. Deshalb zog ich mich erst mal zurück und betete. Dann ging ich wieder zu ihr, um sie zu trösten. Ich berichtete ihr dann, was Gott an jenem Tag wieder getan hatte. Sie freute sich darüber und ihre Laune besserte sich danach schon merklich.

Am nächsten Morgen sprach ich beim Frühstück mit Ruth darüber, wie wir in der Zukunft uns effektiv um Obdachlose kümmern könnten. Leider war Ruth nicht bereit, dass wir sie in unser Haus aufnehmen, was die Sache sehr vereinfacht hätte. Ruth begründete dies mit dem barmherzigen Samariter, der den Verletzten auch nicht bei sich zuhause aufnahm, sondern in eine neutrale Herberge, wo er für zwei Tage alle Kosten bezahlte. Ich hatte daraufhin die Idee, später, wenn ich erst mal eine Firma hätte, die Obdachlosen in einer angemieteten Wohnung leben zu lassen und sie mit Lebensmitteln zu versorgen, für die sie jedoch als Gegenleistung in meiner Firma arbeiten müssten (wobei sie selbstverständlich auch noch etwas dazu verdienen, dass sie ansparen könnten, um eine Familie zu gründen). Ruths Kommentar zu meinem Vorschlag war: „Como se llama este cuento?“ („Wie lautet der Titel dieses Märchens?“). Sie hielt dies also für ziemlich unrealistisch.

Mir war aufgefallen, dass all jene, die sich bisher bekehrt hatten, alle etwas Gemeinsames hatten: sie waren jung, arm und obdachlos. Es schien mir, als habe der HErr mir unter dieser Zielgruppe eine wirkungsvolle Tür geöffnet, wo ich auch weiter drauf achten sollte (1.Kor.16:9). Ich setzte mich also an jenem Tag wieder an einen schattigen Platz und sprach einen Jungen an, der rein äußerlich auch eher wie ein Obdachloser aussah mit einer Wunde am Kinn, als habe ihn jemand geschlagen. Piero Tucunan (24) lebte tatsächlich auf der Straße, war aber kein Räuber, sondern einer, der den Leuten im Stau für 0,50 Soles die Scheiben putzt, um sich dadurch ein Mittagessen zusammenzusparen. Ich fragte Piero, ob er wisse, dass der HErr Jesus auch für SEINE Sünden gestorben sei. „Ja, das habe ich schon gehört, und ich glaube auch an Jesus und bete auch manchmal. Ich habe auch immer meine Rosenkranzkette dabei, die mir schon oft geholfen hat.“ Darauf erklärte ich ihm ausführlich das Evangelium und nannte ihm die Erlebnisse mit Mario als Beispiel, wie Gott einen Räuber völlig zerbrechen kann, so dass er am Ende sogar sein Geld wegwirft. „Ach, den Mario Gallego, der dort bei der Sunat schläft, den kenn ich auch!“ sagte Piero. Dann fragte ich ihn, ob denn auch er dem HErrn Jesus sein Herz schenken wolle, indem er Buße tut von seinen Sünden. „Ja, auf jeden Fall!“ Dann beteten wir gemeinsam, und auch diesmal bot ich ihm an, dass er seine Sünden im Gebet auch beim Namen nennen könne, damit Gott ihn davon reinigen möge, was er dann auch tat (es waren diesmal zwar auch z.T. sehr unmoralische Sünden, aber keine Verbrechen). Dann hieß ich auch Piero herzlich willkommen in der Familie Gottes, ermahnte ihn, sich eine evangelikale Gemeinde zu suchen, wo er weitere Hilfe erfahre.

In den nächsten Wochen hatte ich noch viele weitere solche Gespräche, wo der HErr den einen oder anderen anrühren und zur Buße führen konnte. Einer von ihnen wollte sich dann auch gleich am nächsten Tag taufen lassen im Meer. Doch als ich ihn am nächsten Tag abholen wollte, war er nicht erschienen. Die genannten Erlebnisse sollten aber als Beispiele dienen zur Nachahmung. Denn wenn auch nicht jeder die Gabe hat, sich auf einen Platz hinzustellen, um zu predigen, so ist es ein vergleichsweise Leichtes, jemanden im Park auf der Bank anzusprechen, ob man ihm /ihr etwas von Gott erzählen dürfe. Es gibt nicht wenige, die dankbar sind, mal nach langer Zeit der Einsamkeit wieder mit jemanden sprechen zu dürfen. Und der HErr kann dann durch eine Überleitung vom persönlichen Schicksal des einzelnen zur frohen Botschaft des HErrn Jesus das Herz auftun, um den Weg des Heils zu beschreiten.

Wer noch weitere Erlebnisse und Einzelheiten von meiner Reise wissen möchte, findet diese in meinem 53-Seiten langen Tagebuch auf meiner Internetseite „Der Hahnenschrei“ unter dem Inhaltsverzeichnis mit der Überschrift „Reisetagebücher“ („Ich habe schon zwei Menschen umgebracht,…“ Ein mörderisches Zeugnis (29.12.18) – Der Hahnenschrei). Am 12.01.19 fuhr ich dann über Costa Rica und der Schweiz wieder zurück nach Deutschland, während Ruth erst zwei Wochen später am 27.01.19 nach Deutschland zurückflog. Dem HErrn sei Dank für alle Bewahrung und Segen! Möge Er all jenen Seelen nachgehen, die sich bekehrt hatten! Durch Gottes Güte durfte ich bei meiner nächsten Reise im Januar 2020 auch den Mario Gallego wiedersehen, der tatsächlich im Glauben geblieben war, regelmäßig in eine Gemeinde ging und seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Süßigkeiten bestritt.

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