"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Januar bis Juni 2008

Sexuelle Vielfalt

Im Winter 2007/2008 lag mein Kontostand mit rund 20.000, - € im Minus, bedingt durch die enorme Fehlkalkulation beim Bauvorhaben Hansehaus und die vielen Außenstände durch säumige oder zahlungsunwillige Kunden. Während ich mir ernsthaft Sorgen machte, ob meine Firma überhaupt noch weiter bestehen konnte, rief mich meine Mutter an und erzählte mir, dass ihre FeG-Gemeinde, die sich bereits seit Monaten im Dachgeschoss der Evangelischen Bekenntnisschule versammelte (aus Ermangelung eines eigenen Versammlungsraums), nun endlich ein passendes Gebäude gefunden habe im Stadtteil Utbremen, um dies zu kaufen. Die 2000 m² große ehemalige Schuhfabrik, die nur etwa 1,5 km vom Hauptbahnhof entfernt war, sollte ursprünglich 500.000,- € kosten (eigentlich ein Schnäppchen), doch da der alte Besitzer sie nicht los wurde, einigte man sich schließlich auf 350.000, - €. Um die Finanzierung abzusichern, sollten aber auch zwei Gewerbebetriebe im EG einen Teil des großen Gebäudes anmieten. Meine Mutter fragte mich, ob ich nicht einer dieser Mieter werden wolle, und ich sagte sofort zu. Denn seit dem Kauf der Firma Jastrembski im Jahr 2005 hatte ich ja immer noch zwei Werkstätten und zahlte entsprechend zwei Mieten, was gar nicht nötig tat. Also kündigte ich beide und schloss mit Marco van der Velde, dem Pastor der „Christusgemeinde“ einen Mietvertrag für 250 m² Lagerraum, inkl. einem kleinen Büro und einer Toilette für gerade einmal nur 600,- € Miete im Monat. Besser ging´s nicht. Heute kann ich Gott nur danken für dieses Geschenk!

Da wir nach den Feiertagen ohnehin kaum Aufträge hatten, hatte ich meine Lehrlinge Marco Krull, Baris Akcay und Bartosz Lukaszewski, sowie meinen Umschüler Nils Arend beauftragt, die Werkstatt zu renovieren und einzurichten. Die handwerklichen Fähigkeiten von Nils Arend waren mir dabei besonders nützlich, denn er hatte die Regale am Ende fast allein aufgebaut und ihre Aufteilung sehr bedacht konzipiert. Meine Sorge, dass die Werkstatt viel zu groß sei für unseren Bedarf erwies sich am Ende als unbegründet, denn durch die Zusammenlegung der beiden kleinen Werkstätten kam jede Menge an Material und Gerätschaft zusammen. Zum Schluss hatte ich noch die Idee, entlang des geputzten Streifens an der verklinkerten Fassade der Christusgemeinde die Regenbogenfarben in wiederholender Abfolge von einem Ende bis zum anderen aufzumalen, damit jeder Besucher sofort erkennen konnte, dass hier ein Malereibetrieb ansässig sei. Leider hatte ich mir für diese Idee nicht zuvor die Erlaubnis meines Vermieters, des Pastors Marco van der Velde, eingeholt. Als dieser dann am nächsten Tag mein „Kunstwerk“ sah, war er entsetzt und rief mich sofort an. „Simon, wie konntest Du das machen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen?!“ – „Entschuldige, aber ich hab’s nicht bös‘ gemeint, sondern wollte Dir damit eine Freude bereiten. So sieht die langweilige Wand doch viel schöner aus, nicht wahr?“ – „Nein, Simon, ich möchte das nicht. Du musst den Streifen wieder weiß übermalen, wie er vorher war, denn sonst denken alle, dass wir ein Schwulenclub sind.“ – „Aber der Regenbogen wird doch auch in der Bibel erwähnt als Bundeszeichen zwischen Gott und den Menschen…“ – „Das mag ja sein, aber heute werden die Farben des Regenbogens nur im Sinne der sexuellen Vielfalt interpretiert.“ – „Ja, aber sollte die Gemeinde des HErrn nicht offen sein für alle Menschen, egal welcher Herkunft? Wenn sich homosexuelle Menschen durch die Regenbogenfarben eingeladen fühlen, in Eure Gemeinde zu kommen, dann ist dies doch eher ein Vorteil…“ – „Nein, Simon, das sehe ich anders. Aber ich bin Dir auch keinerlei Rechenschaft schuldig, denn Du bist nur unser Mieter, und Du hättest uns fragen sollen, bevor Du da Deine künstlerische Kreativität entfaltest!“ Marco gab mir eine Frist von einer Woche, und ich ließ den Streifen wieder weiß malen.

Da meine Mutter den Marco van der Velde wie ihren eigenen Sohn liebte, drängte sie Marco, doch mit mir das Gespräch zu suchen, damit ich wieder zum christlichen Glauben zurückfände. Da ich selbst auch eine große Sehnsucht hatte, mich über meinen Unglauben mit jemandem auszutauschen, nahm ich dieses Gesprächsangebot bereitwillig an. Doch obwohl sich Marco zeitweise bis zu 3 Stunden Zeit nahm, gelang es ihm noch nicht einmal annährend, mich vom Glauben zu überzeugen, sondern im Gegenteil versuchte ich ihn von der Berechtigung meiner Zweifel zu überzeugen. Marco gab es irgendwann auf und verwies mich stattdessen auf Richard Werner (52), den Gemeindeältesten, der Marcos „rechte Hand“ war und auch der Seelsorger meiner Mutter. Richard erwies sich in der Folgezeit als ein Glücksfall, denn mit schonungsloser Offenheit konnte ich mit ihm nicht nur über sehr intime Dinge sprechen, sondern auch er offenbarte mir in einer für mich schockierenden Ehrlichkeit seine eigenen charakterlichen Schwächen. Richard gab mir dadurch immer das Gefühl, dass er immer für mich da sei und ich ihm wirklich alles erzählen konnte, was mich bedrückt. Dass war für mich eine große Hilfe, denn die eigentliche totale Finsternis in meinem Leben und die damit verbundenen Turbulenzen waren noch lange nicht vorbei, sondern hatten gerade erst begonnen…

Beim Ausräumen der alten Werkstatt von Arno Jastrembski entdeckte ich einen alten Karton, der voll war mit Pornoheften. Ich rief Arno an, ob er die noch haben wolle, aber er sagte mir, ich könne die entsorgen. Beim Anblick dieser Hefte wurde ich an die Zeit meiner Jugend erinnert, als ich auf dem Dachboden unseres Hauses damals Pornohefte entdeckte und sie mir heimlich zunutze machte. Doch als ich Christ wurde, verabscheute ich diese dermaßen, dass ich einmal als Lehrling sogar in eine ziemlich unangenehme Situation geriet: Beim Abrücken der Möbel im Haus eines Kunden hatten meine beiden Kollegen hinterm Bett Pornohefte des Kunden entdeckt, die sie mit ausschweifendem Gelächter durchblätterten. Als sie bemerkten, dass ich keinerlei Interesse zeigte, hielt mir der Kollege Werner Holle ein Heft aufgeschlagen vors Gesicht und sagte: „Guck Dir mal diese Titten an, Simon! Das ist doch wirklich geil, nicht wahr!“ – Ich drehte meinen Kopf weg und sagte: „Nein, ich guck mir das nicht an.“ Darauf versuchte er, mir immer wieder das Heft vor die Augen zu halten, aber ich schaute immer wieder weg. Daraufhin sagte Werner: „Das kann ja wohl nicht angehen, dass Poppe sich das nicht anschauen will! Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung: Poppe ist schwul!“ – „Nein, das bin ich nicht! Aber ich will das nicht sehen, weil Gott dies verboten hat in Seinem Wort!“ – Darauf sagte Werner: „Ach Poppe, das ist doch etwas ganz Natürliches! Sogar in der Tierwelt gibt es das. Wenn Gott das nicht gewollt hätte, warum hat er dann Menschen und Tiere mit der Lust nach Sex ausgestattet?

Auf diese Frage hatte ich damals keine Antwort. Aber jetzt als Ungläubiger war mir dies ohnehin nicht mehr wichtig. Ich fand es zu schade, die ganzen Hefte einfach wegzuschmeißen und nahm mir heimlich einige mit, die ich unter der Matratze meines Bettes versteckte. Dass ich damit die Sünde Achans aus Josua Kap. 7 wiederholte, war mir in diesem Moment nicht bewusst. Und so geschah es, dass ich jedes Mal, wenn ich onanieren wollte, sie von dort hervorholte. Dies funktionierte über mehrere Wochen – bis eines Tages Ruth die Matratze beim Bettenmachen anhob und die Hefte entdeckte. Dann war das Geschrei groß und Ruth drohte mir, dass sie sich von mir trennen würde, wenn sie solch einen Dreck noch ein einziges Mal finden würde. Ich entschuldigte mich und versprach ihr, dass ich es nie wieder tun würde. Ruth verbrannte die Hefte im Garten, aber die Bilder in meinem Kopf konnte sie nicht zerstören. Zu meinem eigenen Erschrecken stellte ich fest, dass ich nach diesen Bildern süchtig geworden war. Von da an begann ich, mir heimlich im Internet Pornos anzusehen. Der Zugang war überraschend einfach und zudem kostenlos. Einmal jedoch kam Ruth die Treppe hoch und in mein Zimmer. Ich schaltete schnell den Monitor aus, doch Ruth spürte sofort, dass ich etwas zu verbergen hätte, denn mein Herz schlug mir bis zum Hals. Sie fragte, was ich da eben angeschaut hätte, und aus lauter Panik machte ich schnell den Computer aus. Zum Glück beharrte Ruth nicht auf eine Antwort, sondern beließ es dabei.

Durch das beinahe tägliche Konsumieren von Pornographie geriet ich nicht nur in eine teuflische Abhängigkeit, sondern allmählich erlahmte auch unsere eheliche Sexualität. Ruth wunderte sich, dass ich nicht mehr so konnte wie früher, ahnte aber nicht, dass ich mein Pulver bereits verschossen hatte. Ich lebte auf einmal ein Doppelleben, das mir zwar nicht behagte, aber dass ich nicht mehr ändern konnte. Zudem wurde mir auch bewusst, dass mich nicht nur junge Frauen reizten, sondern auch schöne junge Männer. Seit ich als 14-Jähriger mal von einem anderen Jungen in einer Nacht mitten im Schlaf sexuell berührt wurde, war ich in meiner Fantasie dem eigenen Geschlecht nie mehr ganz abgeneigt. Als Christ hatte ich diese Neigung jedoch mit Gottes Hilfe überwinden können. Doch jetzt musste ich mir eingestehen, dass dieses bisexuelle Verlangen zurückgekehrt war, da ich mich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlte. Am liebsten hätte ich meiner Frau das bekannt, aber sie hatte jedes Mal schon so empört reagiert, wenn ich ihr die Homosexualität als etwas Natürliches erklärt hatte, so dass ich mir das nicht traute. Auch mit Richard wollte ich nicht darüber sprechen, weil ich Angst hatte, dass ich in seiner Gunst fallen könnte. Deshalb bat ich eines Tages den Prediger unserer Gemeinde, der „Gemeinde Gottes“, den Deutschbrasilianer Norberto Hort, um ein seelsorgerliches Gespräch. Ich bekannte Norberto unverhohlen, dass ich in Wirklichkeit kein Christ sei und dass ich heimlich bisexuell empfände. Norberto lächelte nur phlegmatisch und sagte, dass er damit kein Problem habe und dass ich auch weiterhin herzlich willkommen sei in seiner Gemeinde. Ich war etwas überrascht über seine gleichgültige Haltung, aber war froh, dass ich es jetzt wenigstens einem Menschen gegenüber bekannt hatte.


Der Fall Haferkamp (Teil 2)

Seit der katastrophalen Reklamation unserer Wärmedämmarbeiten an einem Mehrfamilienhaus im Jahr 2004, waren ja inzwischen schon viele Gerichtstermine und Begutachtungen geschehen durch die Gutachter der beiden Streitparteien. Nun aber hatte der Kunde Haferkamp bei Gericht ein selbstständiges Beweissicherungsverfahrens beantragt, und zu diesem Zweck hatte das Gericht den Bausachverständigen Thomas Toussaint bestellt. Mein eigener Gutachter, der Malermeister Harmsen, rief mich abends an und sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Poppe; mit dem Thomas Toussaint bin ich gut bekannt – der wird Sie nicht hängen lassen. Solche Sachen muss man einfach ein wenig deichseln, wissen Sie…“ Nach dem Telefonat schaute ich erst mal im Wörterbuch nach, was das Wort „deichseln“ bedeutet: „hinbiegen, schaukeln, bewerkstelligen, durchboxen, in den Griff bekommen“. Was meint er damit? Will er andeuten, dass ich Herrn Toussaint bestechen soll? Oder redete ich mir das nur ein? Vielleicht hatten die sich ja abgesprochen und Harmsen sollte mir einen unverfänglichen Wink geben? Aber was wäre, wenn ich mich irre? Wie peinlich wäre das! Aber warum sagt er mir, dass „man so etwas deichseln müsse“? Was könnte er sonst damit angedeutet haben? Bin ich schwer von Kapee? Oder ging meine Fantasie gerade wieder mit mir durch? Besser ich gebe mich einfältig, auch wenn ich dadurch eine Chance verpasse, dachte ich, denn dann gehe ich wenigstens kein Risiko ein.

Herr Toussaint hatte zunächst eine genauestens festgelegte Überprüfung unserer Dämmarbeiten angeordnet, die bereits im Jahr 2007 vorgenommen wurde durch die MPA (Materialprüfungsanstalt), um die Haftzugfestigkeit des Putzklebers zu überprüfen. Nun aber wurde beschlossen, dass wir den fehlenden Brandschutz vorne und hinten nachträglich einbauen, sowie sämtlich Hausecken und Fensterleibungen begradigen sollten mit neuen Eckschutzschienen, bevor wir die gesamte Fläche neu verdübeln und neu armieren. Zum Schluss waren die 700 m² noch neu zu verputzen mit Silikonharzkratzputz und die Flächen zu streichen. Die Kosten hierfür lagen bei rund 10.000, - €, die ich gar nicht hatte. Ich sprach mit meinem Lieferanten Brillux, ob sie mir die Bezahlung der benötigten Materialien um ein paar Monate zurückstellen könnten bis ich wieder liquide sei. Sie willigten ein unter der Bedingung, dass ich von nun an ihr einziger Lieferant werden solle, was ich versprach. Sie boten sogar an, dass sie dieses Projekt durch zwei Dämmexperten ihrer Firma beratend begleiten würden, damit nichts mehr schiefgehen könne, was ich dankbar annahm.

So wurde das gesamte Gebäude hinten und vorne noch einmal eingerüstet, und wir begannen mit den Arbeiten. Doch schon nach einer Woche trafen sich der Gutachter mit dem Bauherrn und meinen beiden Brillux-Betreuern zu einer erneuten Begutachtung auf dem Gerüst, weil der Kunde wieder einiges zu bemängeln hatte. Die Brillux-Experten riefen mich zur Seite und flüsterten mir zu: „Herr Poppe, bei aller Liebe, aber wenn das so weitergeht, dann wird das hier eine Endlosnummer, und Sie kommen aus dieser Nummer nicht mehr heil raus. Wir raten Ihnen deshalb dringend: Lassen Sie die Nacharbeit nicht länger Ihre Leute machen, denn SIE KÖNNEN ES NICHT! Wir kennen eine kurdische Firma, die Ihnen das hier zu einem günstigen Preis fertig machen kann, denn das sind echte Profis. Die sind sozusagen schon mit der Glättekelle auf die Welt gekommen. Lassen Sie ihre Leute lieber woanders arbeiten und Ihr Geld verdienen, denn um den Karren aus dem Graben zu ziehen, müssen hier jetzt richtige Profis ran!“ Ich nahm diesen Vorschlag sofort dankbar an, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich diese hätte bezahlen können. Ich einigte mich mit der Firma auf 5000,-€ und dachte: „Der Kunde wird mir ja am Ende meine 13.7000, - € bezahlen, die noch offen sind, und damit kann ich dann auch die Kurden bezahlen.“

Doch noch bevor die Kurdenfirma loslegen konnte, verlangte der Kunde von mir einen Kostenvorschuss von etwa 11.000, - €, da ich ihm die ganzen Anwalts- und Gutachterkosten erstatten sollte, die er bis dahin auslegen musste. Ich war dazu nicht bereit, weshalb er mir am Telefon mit einer Klage drohte. Daraufhin sah ich mich genötigt, ihm reinen Wein einzuschenken: „Herr Haferkamp, es ist nicht unbedingt so, dass ich nicht will, sondern ICH KANN NICHT, da ich faktisch jetzt schon bankrott bin.“ – „Aber Sie haben doch ein Haus, auf dass Sie eine Hypothek nehmen können für einen Bankkredit.“ – „Das Haus gehört meiner Frau, und ich habe bereits 25.000, - € Schulden bei der Bank, so dass ich keinen weiteren Kredit mehr erhalte.“ – „Na ja, Herr Poppe, das werden wir noch sehen, ob Sie wirklich insolvent sind! Ich bekomme mein Geld am Ende so oder so, spätestens nach 30 Jahren!“ – „Da wäre ich mir nicht so sicher“, sagte ich. „Und warum nicht?“ fragte Herr Haferkamp. „Weil ich vorhabe, demnächst das Land zu verlassen, um nach Südamerika auszuwandern!“ bluffte ich. „Ich habe dort seit 15 Jahren ein Landhaus mit großem Grundstück, wo wir neu anfangen können. Wir werden das Haus meiner Frau verkaufen und können von dem Erlös dort ein gutes Leben führen. Ich werde Sie mit Ihren ganzen Forderungen zurücklassen, und dann werden Sie allein sehen müssen, wie Sie klarkommen!“ Herr Haferkamp schnappte nach Luft: „Das werde ich nicht zulassen, Herr Poppe. Sie wissen nämlich nicht, dass ich gute Kontakte zur russischen Mafia habe, und dann ist es für Sie nicht gerade ein Vorteil, dass Sie eine kleine Tochter haben!

Was sagt er da?! fragte ich mich. Hat er gerade allen Ernstes versucht, meine Familie zu bedrohen?! Er will meiner Tochter etwas antun, wenn ich nicht zahle? Er hat mich bedroht! Und ausgerecht er, der doch selbst Anwalt ist! Ich rief die Polizei an und erzählte dort kurz, was passiert war. Der Polizist fragte: „Fühlen Sie sich denn wirklich bedroht?“ – „An sich schon.“ erwiderte ich. – „Aber für eine Strafanzeige reicht das noch nicht, denn er würde das sofort abstreiten. Sie brauchen dafür einen Zeugen. Nehmen Sie doch einfach mal so ein Telefonat auf Band auf und bitten ihn, dass er nochmal sagen soll, was er vorhat, wenn Sie nicht zahlen.“ Ich tat es und versuchte – während das Aufnahmegerät lief – dem Herrn Haferkamp noch einmal diese Drohung zu entlocken. Aber dieser roch scheinbar die Lunte und erklärte mir, dass ich ihn da ganz missverstanden hätte („Ich hatte lediglich gesagt, dass ich eine russische Inkassofirma kenne, die in der Vergangenheit schon erfolgreich Forderungen eingetrieben hat. Selbstverständlich mit legalen Mitteln. Und für ihre Tochter sei das doch sicher auch nicht angenehm, wenn sie durch eine Auswanderung all ihre Freundinnen in Deutschland zurücklassen müsste, so habe ich das gemeint“). Herr Haferkamp hatte sich noch einmal herausgewunden aus der Affäre.

Mir war klar, dass ich faktisch pleite war und mir die ganzen Nachbesserung-, Anwalts- und Gutachterkosten gar nicht mehr leisten konnte. Ich musste jetzt die Insolvenz anmelden und wieder irgendwo als angestellter Maler arbeiten, bis ich nach sieben Jahren eine Restschuldbefreiung bekäme. Ich las abends in einem Buch über Insolvenzrecht und überlegte mir die nächsten Schritte. Das Gefühl, endlich aus diesem ganzen Schlamassel herauszukommen, beflügelte mich und ließ mich wieder atmen. Endlich würde ich frei sein von all diesem „Tanz uns Goldene Kalb“. Ich konnte ja nachts schon kaum mehr schlafen wegen all der Probleme. Aber was sollte aus meiner Familie und all den Mitarbeitern werden, die ich nun entlassen müsste? Und wie würden wir das Haus weiter abbezahlen können? Außerdem stimmte es ja wirklich, dass Rebekka (12) ja noch zur Schule ging und hier in Habenhausen ihren Freundeskreis hatte. Deshalb war an einen Verkauf des Hauses im Moment gar nicht zu denken. Aber Ruths Selbstständigkeit als Hundephysiotherapeutin warf bisher noch keinen Gewinn ab, weil sie ja erst gerade damit angefangen hatte. Und wer weiß, ob ich so schnell irgendeine gut bezahlte Anstellung finden würde? Und selbst wenn, würde mir ja ein Großteil meines Lohnes gleich wieder zur Schuldentilgung abgezogen werden. Und wie sollte ich dann das Haus weiter finanzieren können? – Nein, so leid es mir tat, aber ich musste Verantwortung übernehmen für meine Familie und durfte mich nicht feige aus der Affäre stehlen, in die ich mich selbst hineinmanövriert hatte. Ich musste einen letzten Versuch unternehmen, meine Firma zu retten, auch wenn es noch so hart wäre, denn die Alternative war noch viel schlimmer! Augen zu und durch!

Um einen weiteren teuren Gerichtsstreit zu vermeiden, versuchte ich, mich mit dem Kunden Herrn Haferkamp außergerichtlich zu einigen. Ich bot ihm an, dass ich sogar die strittigen und aus meiner Sicht völlig unberechtigten Kosten des dilettantischen Gutachtens von Herrn Stoiber in Höhe von 3.581,33 € nebst einigen anderen unberechtigten Geldforderungenübernehmen würde, wenn Haferkamp mir im Gegenzug einen Zahlungsaufschub bis zum 21.09.2008 gewährte und auch die Frist für die Nacharbeit noch bis zum 20.08.08 verlängern würde, denn bis dahin könnten wir es schaffen. Herr Haferkamp sah ein, dass er sich selbst keinen Gefallen tun würde, wenn er mir die Luft zum Atmen raube und willigte deshalb in diese Vereinbarung mit mir ein. Ich hatte jedoch am Ende eine Klausel eingebaut, die meine Zugeständnisse an die Bedingung eines endgültigen Verzichts auf eine gerichtliche Auseinandersetzung band, ohne dass Herr Haferkamp dies auf den ersten Blick bemerkte:

Sollte eine der beiden Parteien ihren Verpflichtungen nicht, nicht vollständig und/oder nicht termingerecht nachkommen, ist diese Vereinbarung hinfällig geworden. In diesem Fall wird auch der Anspruch auf Erstattung des Betrages von 6.589,01 € sofort zur Zahlung fällig“ (*)

(* d.h. das, was ich Herrn Haferkamp in jedem Falle an Gerichtskosten etc. schuldig war)

Diese Klausel war ja so formuliert, als wäre sie zu meinem Nachteil. In Wirklichkeit überlas man dabei schnell den Nebensatz „…ist diese Vereinbarung hinfällig geworden“. Im Klartext bedeutete dies aber, dass bei einer behaupteten Nichterfüllung der Nacharbeiten, ich auch nicht mehr an meine Zugeständnisse gebunden wäre, ihm neben den berechtigten 6.589,01 € auch noch die aus meiner Sicht unberechtigten 7.126,05 € zu zahlen, hatte aber dadurch insgeheim Zeit gewonnen. Es kam dann, wie ich es schon vermutet hatte, dass Herr Haferkamp nach Abschluss der Arbeiten Ende 2008 die Abnahme verweigerte und weitere 3.000, - € von mir forderte. Da er meine Vereinbarung ein Jahr zuvor jedoch unterschrieben hatte, erinnerte ich ihn in einem Schreiben daran, was für Folgen das haben würde, wenn er nicht endlich Ruhe gäbe: „Wenn Sie mir nun eine gerichtliche Auseinandersetzung androhen, gefährden Sie selbst diese Zugeständnisse, denn diese waren ja schließlich an die Bedingung geknüpft, dass beide Parteien ihren Verpflichtungen vollständig und termingerecht nachkommen. Eine Klage aber würde bedeuten, dass sie selbst diese Gültigkeitsvoraussetzung unserer Vereinbarung in Frage stellen, indem Sie mir ja vorwerfen, ich wäre meinen Verpflichtungen nicht nachgekommen, weil ich Ihnen z.B. die 3.000, - € nicht zugestehe. Dadurch aber würde die ganze Vereinbarung hinfällig und ich könnte von Ihnen noch die 7.126,05 € verlangen…“ Als Herr Haferkamp merkte, dass ich ihn ausgetrickst hatte, gab er endlich auf, mich weiter zu bedrängen. Ich konnte seine Kostenforderung von 13.715,06 € mit meiner restlichen Werklohnforderung von 13.773,11 € verrechnen, so dass ich ihm am Ende nichts mehr schuldig blieb. Auch die kurdische Firma konnte ich am Ende bezahlen, sowie alle Materialkosten, indem ich durch eine sog. „Ansparabschreibung“ mir eine Steuererstattung für zukünftige Investitionen vom Finanzamt auszahlen ließ, wie mir mein Steuerberater als legalen Trick verriet (die ich jedoch im Jahr 2010 zurückerstatten musste).


Elisabeth Fritzl

Wer kann sich noch an Elisabeth Fritzl (*1966) erinnern? Heute redet ja kaum einer mehr von ihr. Viele haben sogar noch nie ihren Namen gehört. Aber das, was ihr angetan wurde, ist schlimmer als Mord oder irgendein anderes grausameres Verbrechen, und gerade deshalb sollte es nicht einfach vergessen werden. Die Österreicherin wurde mit 18 Jahren entführt und dann 24 Jahre lang in einem winzigen Kellerverlies gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt, über 3000 Mal, und zwar von ihrem eigenen Vater! Er zeugte mit ihr 7 Kinder, die z.T. ihr ganzes Leben lang nur in diesem 18,64 m² großen Kellerraum ohne Fenster und frische Luft gelebt haben, bis sie am 19.04.2008 zum ersten Mal bei ihrer Befreiung das Tageslicht erblickten. Während die Befreiung von Natascha Kampusch (18) im Jahr 2006 nach 8 Jahre langer Entführung und regelmäßiger Vergewaltigung durch den Psychopathen Wolfgang Priklopil noch über Jahre im kollektiven Gedächtnis der Welt blieb und sogar durch ein Buch und einen Kinofilm einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, geriet der weitaus monströsere Fall des anderen Psychopathen aus Österreich, Josef Fritzl (73) aus Amstetten, inzwischen fast schon in Vergessenheit. Deshalb will ich für die, die den Fall kaum oder gar nicht kennen, kurz an ihr Schicksal erinnern:

Elisabeth wurde bereits im Alter von 11 Jahren das erste Mal von ihrem Vater vergewaltigt. Josef Fritzl selbst war während des zweiten Weltkriegs vaterlos aufgewachsen bei seiner autoritären Mutter. Da er der einzige „Mann im Haus“ war, musste er schon früh die Rolle des Vaters übernehmen, da seine Mutter dies so verlangte. Kein Wunder also, dass auch er später seine Tochter als frei verfügbaren Besitz ansah, mit der er machen konnte, was er wollte. Als Elisabeth mit 16 Jahren von zuhause floh, wurde sie in Wien von Polizisten aufgegriffen und wieder nach Haus gebracht. Von da an beschloss ihr Vater, ein Kellerverlies zu bauen, damit er seine Tochter immer für sich haben konnte als Sexsklavin. Als sie 18 Jahre wurde, lockte er sie unter dem Vorwand, ihm beim Tragen einer Tür zu helfen, hinunter in den Keller und betäubte sie. Dann band er sie an einen Metallpfosten. Der Strick war gerade nur so lang, dass sie das eigens für sie installierte Klo erreichen konnte. Er versorgte sie mit Lebensmitteln und Kleidung, aber vergewaltigte sie täglich, ohne dabei ein Kondom zu verwenden. Wenn sie ihm nicht gehorchte, stellte er ihr den Strom ab, so dass sie stundenlang völlig im Dunkeln war. Sie zeugte mit ihm sieben Kinder durch Inzest, die sie allein austragen musste. Als es im Keller zu eng wurde, legte Josef Fritzl eines der Mädchen vor die Wohnungstür ab mit einem Brief von Elisabeth, dass sie angeblich nun einer Sekte angehöre und die Eltern bitte, für das Kind zu sorgen. Ihre Mutter Rosemarie glaubt ihr die Geschichte. Später brachte er noch zwei weitere Kinder nach oben unter dem gleichen Vorwand.

1996 bekam Elisabeth Zwillinge, doch der eine Junge erkrankte schwer an Atemnot, so dass er starb. Seine Leiche verbrannte der Vater im Heizofen. Die drei anderen Kinder wuchsen weiter im Kellerverlies auf, in welchem es streng nach Schimmel roch, da es nur einen einzigen Entlüftungsschacht gab. Wie ihre Mutter wurden ihre Haut und Haare allmählich ganz weiß, da sie nie in Kontakt mit Sonnenlicht kamen. Fritzl besorgte ihnen einen Fernseher, so dass sie von einer Welt erfahren, die sie nie real sehen sollten. Jedes Jahr flog Fritzl für einen ganzen Monat nach Thailand, um sich dort zu amüsieren, während seine Kinder bzw. Enkelkinder ein unvorstellbares Martyrium durchmachten. Ob seine Frau Rosemarie eingeweiht war in den makabren Lebensstil ihres Mannes, darf bezweifelt werden. Auch von den Mietern der Ybbsstr. 40 ahnte niemand, was für ein perverses Doppelleben ihr Vermieter spielte. Elisabeth hatte sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden, dass sie nie wieder herauskommen würde. Doch als ihre älteste Tochter Kerstin 19 J. wird, erkrankt sie so schwer, dass Elisabeth ihren Vater anflehte, sie ins Krankenhaus zu bringen. Er rief darauf am Samstag, den 19.04.08 früh morgens den Rettungsdienst. Kerstin hatte schwere Krämpfe, war völlig abgemagert und hatte das Bewusstsein verloren. Die Erstversorger wunderten sich, dass ihre Haut völlig fahl sei ohne Pigment. Leber und Niere funktionierten nicht mehr richtig, der Mund war voller Blut, und die Ärzte wussten sich keinen Rat.

Josef Fritzl (73) gab sich als ahnungsloser Großvater und wiederholte das Märchen von der Tochter, die ihre Kinder immer vor der Tür abliefert, da sie einer Sekte angehöre. Ein untersuchender Arzt wurde  misstrauisch. Man müsse dringend mit der Mutter des Mädchens sprechen, um ihr Leben retten zu können. Es wurde sofort ein Aufruf gemacht über den lokalen Funk und Fernsehen, dass sich die Mutter des Mädchens doch dringend melden möge, um die Umstände des Zustands ihrer Tochter aufzuklären. Das bekam Elisabeth mit und flehte ihren Vater unter Tränen an, sie zu ihrer Tochter ins Krankenhaus zu bringen. Der Vater willigte ein, aber beschwor sie, an der Version mit der Sekte festzuhalten. Nach 8.516 Tagen Gefangenschaft durfte Elisabeth zum ersten Mal ihr Kellerverlies verlassen. Zunächst trug Elisabeth im Krankenhaus auch die auswendig gelernte Sektenversion ihres Vaters vor, doch dann brach auf einmal das ganze Lügengebäude in sich zusammen. Josef Frizl wurde verhaftet und die anderen drei Kinder aus ihrem Verlies befreit. Bei seiner ersten Vernehmung durch die Polizei sagte Frizl: „Ich habe nur das Beste gewollt für meine Tochter, damit sie nicht von der Welt verdorben wird. Ich bin kein Monster, denn ich hätte ich sie ja auch alle töten können; dann wäre nichts gewesen, und ich säße jetzt nicht hier. Niemand wäre je draufgekommen, auch nicht die leichtgläubigen österreichischen Behörden. Ohne mich würde Kerstin gar nicht mehr leben, denn ich habe ja dafür gesorgt, dass sie ins Spital kommt.“ Doch zwei Jahre später vertraute er einem 19-jährigen Zelleninsassen im Gefängnis von St. Pölten an, dass er eigentlich vorhatte, seine Tochter und Enkelkinder zu töten, da er sich „zu alt für ein Doppelleben fühlte“. Er stand vor der Wahl, entweder seine Tochter und deren drei ihrer sieben Kinder freizulassen und sich der Justiz zu stellen oder sie alle zu töten. Frizl hatte sich schließlich für die Ermordung der vier entschieden. Die Leichen wollte er in Säure auflösen, um alle Spuren zu verwischen. Er habe die Tat bereits detailliert geplant, berichtete eine englische Tageszeitung später.

 

Juli bis Dezember 2008

Vom Zweifler zum Gottesleugner

An einem Sonntag im Sommer 2008 predigte unser Pastor über das Gleichnis vom Säemann in Matth. 13. Ich dachte bei mir: „Welcher Bauer würde wohl sein wertvolles Saatgut einfach achtlos auf einen Weg oder auf Steine oder gar auf ein Unkrautfeld werfen? Das macht doch keiner! Und wenn einer das trotzdem täte, dann wäre er doch selbst schuld daran, dass auf solchen Untergründen nichts wachsen kann. Die Christen sollten sich doch mal ernsthaft fragen: Könnte man Gott wirklich unterstellen, dass Er so etwas Unsinniges tun würde? Ein vernünftiger Bauer würde sein Feld doch erst mal von Steinen und Unkraut befreien, es umpflügen, bewässern und düngen. Und genauso müsste doch der Schöpfer des Universums erst einmal alle Hinderungsgründe zum Wachsen beseitigen und es nicht dem Zufall überlassen, ob seine Botschaft angenommen wird, wo sie doch angeblich so heilsnotwendig ist. Wenn er aber tatsächlich so verschwenderisch mit seinem Saatgut umgeht, dann wäre es doch erst recht absurd, wenn er dem Untergrund die Schuld dafür geben würde, dass die Saat nicht richtig aufgeht. Kann der Boden sich etwa selbst kultivieren? Aber genau das wird doch hier behauptet, dass nämlich die Menschen einmal dafür zur Rechenschaft gezogen werden sollen dafür, dass sie so geblieben sind, wie Gott sie geschaffen hat. Sie sollen für alle Ewigkeit dafür in der Hölle gequält werden, dass sie eine völlig unglaubwürdige Botschaft nicht geglaubt haben! So ein Schwachsinn!“ dachte ich.

Norberto hatte mal in einer anderen Predigt gesagt: „Ich würde selbst meinem schlimmsten Feind diese Strafe nicht wünschen“. Aber dem Gott der Liebe traut er also diese Bosheit zu? Warum sind die Christen nur bereit, solche unverdaulichen Kröten zu schlucken? Warum drücken sie beide Augen zu und weigern sich, ihr Glaubenskonstrukt auch nur mal einen Moment kritisch zu hinterfragen? Ich wollte es wissen und schrieb dem Norberto am Sonntagnachmittag einen Brief:

Lieber Norberto, Du wirst Dich sicherlich sehr wundern, dass ich Dir schreibe, anstatt dass ich es Dir mündlich sage. Nun, manche Gedanken kann ich ehrlich gesagt besser formulieren, wenn ich es schriftlich tue, weil mir dann zum Nachdenken mehr Zeit bleibt. […] Du hast heute u.a. über Joh.3:16 gesprochen, wo es bekanntlich heißt: „Also (wörtl. Auf diese Weise, derart, folgendermaßen) hat Gott die Welt geliebt…“ Mit anderen Worten: Er hat sie NICHT EINFACH SO bedingungslos geliebt, sondern Er stellt eine Bedingung, nämlich den Glauben daran, „dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab…“ Tatsächlich? Aber wer konnte das von Gott verlangen? Wer konnte dies Gott zur Bedingung stellen? Wenn Gott doch selbst alle Macht hat, wer konnte dann solch ein Opfer von Ihm einfordern? Und wem dies nicht gelingt zu glauben, die kann Gott angeblich nicht mehr lieben? Gott schafft es nicht mehr, sie auch noch zu erretten? Welch ein Armutszeugnis, das Gott hier von den Autoren der Bibel ausgestellt wird! Und Gott findet sich scheinbar damit ab, dass die Mehrzahl Seiner Geschöpfe für immer verloren geht, obwohl Er sie doch angeblich alle erretten will, aber nicht in der Lage dazu ist.

Ob die Bibel wirklich Gottes Wort ist, muss sich an ihrer Glaubwürdigkeit beweisen. Machen wir uns nicht schuldig, wenn wir etwas glauben wollen, was doch eigentlich unglaubwürdig ist? Als man vor kurzem in Österreich eine Frau mit drei von ihren sieben Kindern aus einem geheimen Kellerverlies befreite, wo sie 24 Jahre lang von ihrem eigenen Vater gefangen gehalten und tausende Male von ihm vergewaltigt wurde, da fragte man ihn, wie er ihr das antun konnte. Seine Antwort lautete: „Ich habe meine Tochter geliebt und wollte sie vor dem Bösen bewahren. Wenn ich sie nicht geliebt hätte, dann hätte ich sie ja auch töten können und niemand hätte es bemerkt.“ Diese ungeheuerliche Logik finden wir aber auch in Joh.3:16. Obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass Gott Seine Geschöpfe liebt und vor Schaden bewahrt, ist Er angeblich erst dann dazu bereit, wenn sie auch Seine Bedingungen erfüllen; andernfalls aber räumt Er sich das Recht ein, sie quälen oder töten zu dürfen. Wenn man bedenkt, dass Gott ja selbst die ewige Verdammnis geschaffen hat, dann ist das Rettungsangebot Gottes doch mindestens genauso zynisch wie die von Joseph Fritzl beteuerte Liebe zu seiner Tochter Elisabeth. […] Vielleicht kannst Du deshalb auch verstehen, dass es mir immer schwerer fällt, an den Gottesdiensten teilzunehmen, da ich die Lehre der Bibel nicht für das Wort Gottes halte, sondern für eine von Menschen erdachte Irrlehre. Es hat also wirklich nichts mit Euch zu tun, denn ich habe Euch alle wirklich sehr liebgewonnen, aber ich kann mein Gewissen nicht ständig unterdrücken und mich zum Schweigen zwingen, wo ich doch eigentlich Farbe bekennen sollte…“

Ich hatte mich also entschieden, nicht mehr am Gottesdienst teilzunehmen. Die Zeit der Heuchelei und Schauspielerei sollte jetzt vorbei sein. Lange genug hatte ich auf andere Rücksicht genommen, jetzt sollten auch sie mal auf mich Rücksicht nehmen. Es ist doch eine Zumutung, von mir zu erwarten, dass ich mir Woche für Woche eine Predigt anhören sollte, bei der ich fast das Kotzen bekäme. Das wäre so, als würde man zu einer Veranstaltung von Neonazis hingehen, wo ständig nur Lobhudelei auf das Deutschtum gepredigt wird, während man alle anderen Völker zum Teufel jagt. Ich hatte zwar schon die letzten 6 Jahre nicht mehr an die Existenz des biblischen Gottes geglaubt, aber die Zeit war gekommen, dass ich diesen unerträglichen Glauben bekämpfen musste. Ich hatte mir in den letzten drei Jahren schon einiges an „Munition“ besorgt aus Büchern gegen den christlichen Glauben, z.B. Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ oder Franz Buggles „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“. Jetzt wollte ich offen den Kampf gegen das Christentum antreten. Ich sah mich schon als großen Aufklärer, und freute mich bei der Vorstellung, dass ich mit all meinem Wissen nun eine nützliche Aufgabe erfüllen könnte. Es war nun nicht mehr alles umsonst, was ich erlitten hatte, sondern ich konnte von jetzt an andere warnen als Kronzeuge, damit sie nicht den gleichen unheilvollen Weg beschreiten würden. So wie ich früher für das Evangelium missioniert hatte, wollte ich jetzt vor dem Evangelium warnen.

Doch dazu brauchte ich Verbündete. Im Internet wurde ich auf eine Institution aufmerksam, die sich Giordano-Bruno-Stiftung nennt. Deren Hauptredner Michael Schmidt-Salomon, der etwa in meinem Alter ist, war damals ständiger Gast in TV-Talkshows, wo er sich mit Kirchenvertretern einen verbalen Schlagabtausch lieferte. Ich schaute mir diese Sendungen an wie einen spannenden Boxkampf und jubelte jedes Mal innerlich, wenn Schmidt-Salomon seinen Gegnern mal wieder einen ordentlichen Seitenhieb verpasst hatte, z.B. mit dem Satz: „Die Menschenrechte sind nicht durch die Kirche in die Welt gekommen, sondern sind im Gegenteil gegen den enormen Widerstand der Kirchen errungen worden infolge der Aufklärung“. Auch nahm ich Kontakt auf zum „Verband der Freidenker und Konfessionslosen“ in Bremen und besuchte deren Chefin Ursula Leitzow (60). Ich erzählte ihr von meinem Werdegang, und sie lud mich zu einem Treffen ihres Vereins ein, um auch mal die anderen kennenzulernen. Zu meiner Überraschung kamen bei diesem Treffen gerade einmal nur 6 Personen zusammen. Ursel sagte damals zu mir: „Das liegt in der Natur der Sache: niemand hat Lust, sich als Atheist durch etwas zu identifizieren, woran er NICHT glaubt, sondern lieber durch etwas, an WAS er glaubt. Außerdem sind Freidenker sehr individuell und lassen sich deshalb kaum für ein gesellschaftliches Anliegen begeistern, weil sich ihr Leben eher um ihre eigenen Bedürfnisse dreht.“

In der kleinen Runde im Nebenraum eines Hotels ging es zunächst um den Wunsch, in der Innenstadt in regelmäßigen Abständen durch einen eigenen Büchertisch präsent zu sein – ähnlich wie es die Christen tun – um dadurch für eine bessere Trennung von Kirche und Staat zu werben. Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei den Konfessionslosen um eine finstere Macht handelt, die die Welt in einen gottlosen Staat umstürzen wollen, schlug einer der Teilnehmer vor, man könne ein großes Plakat aufstellen mit dem Spruch: „Bei uns geht es mit rechten Dingen zu“. Ich fand den Spruch jedoch ziemlich blöd und sagte: „Das könnte man so verstehen, als wenn wir Rechtsradikale wären. Was haltet Ihr von dem Spruch: ‚Glaubst du noch oder lachst du schon?‘“ Da reagierten aber alle empört drüber und sagten: „Nein, auf keinen Fall! Wir wollen die religiösen Menschen doch gewinnen und nicht abschrecken!“ Ich dachte: „Nanu, diese Argumentation kommt mir doch bekannt vor… Aber erstaunlich, dass ich denen hier sogar schon zu radikal bin!“ Doch noch überraschter war ich dann, als zwei von ihnen berichteten von einem Besuch bei Pastor Helmut Langel. Dieser hatte sich ihnen klar als überzeugter Atheist geoutet, weshalb das 4-stündige Gespräch in einer sehr entspannten Atmosphäre verlief. Doch am Ende fragten sie ihn: „Sag mal, Helmut: Du bist genauso gottlos wie wir und denkst in allen Dingen exakt genauso wie wir; aber umso weniger können wir verstehen, warum Du noch bei diesem Sauhaufen Kirche mitmachst, anstatt auszutreten und Dich uns anzuschließen.“ Daraufhin soll Pastor Langel gesagt haben: „Weil ich in der Kirche mehr bewirken kann, als außerhalb der Kirche…“

Auch dieser Satz kam mir gut bekannt vor, denn er wurde ja auch von gläubigen Pastoren verwendet, um zu begründen, warum sie nicht die „Hure Babylon“ (Staatskirche) verlassen wollten. So wie diese hofften, dass sich durch ihre Mitgliedschaft noch das Evangelium ausbreiten könnte innerhalb der Kirche, so hofften die gottlosen Pastoren wie Langel, dass sich durch sie der Atheismus noch weiter ausbreiten könne, wenn sie nur in der Kirche blieben. Überhaupt gab es doch viele Gemeinsamkeiten zwischen engagierten Christen und engagierten Atheisten, denn beide sind Überzeugungstäter und beide hatten die Kirche als Feindbild, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. Mir aber waren die Atheisten zu langweilig und bieder. Sie hatten auch gar nichts gegen die Christen, sondern nur gegen die Kirche, und zwar wegen der Benachteiligung, da sie neidisch waren auf die staatliche Förderung durch Kirchensteuern, während sie selbst nichts bekamen. Ich wiederum hatte überhaupt nichts gegen die Kirche, sondern nur etwas gegen das Christentum. Man musste das Übel an der Wurzel packen. Aber dazu waren mir die Konfessionslosen zu harmlos, weshalb ich mir radikalere Christentums-Gegner suchen musste. Da erinnerte ich mich wieder an die Freimaurer, zu denen ich ja schon mal vor Jahren Kontakt aufnahm, als ich mich gerade vom Glauben abgewandt hatte. Ich rief also meinen damaligen Freund Carl-Ernst an und wir trafen uns regelmäßig. Ich erzählte ihm, dass meine Frau Ruth inzwischen mitbekommen hatte, dass ich überhaupt nicht mehr an Gott glauben würde, denn sie hatte Telefonate mitgehört, in welchen ich mich aufs Lästerlichste über Gott und die Bibel ausgelassen hatte. Carl-Ernst warnte mich, dass ich eine „wandelnde Zeitbombe“ sei und dass ich sofort aufhören müsse mit meinem Hass auf das Christentum, da ich sonst den Erhalt meiner Familie gefährden würde. Tatsächlich hatte Ruth mir schon des Öfteren angedroht, dass sie sich von mir scheiden lassen würde.


Die Weltwirtschaftskrise und der falsche Messias

Doch nicht nur in meiner Ehe gab es allmählich erste Risse und ein drohendes Scheitern, sondern auch die Weltwirtschaft geriet 2008 in erhebliche Turbulenzen. Nachdem mehrere Banken und Versicherungsunternehmen der USA schon in Konkurs gegangen waren wegen der faulen Immobilienkredite, drohte nun die „Kernschmelze“ durch eine fatale Kettenreaktion auf dem gesamten Globus. An einem Wochenende Mitte September schlugen die Banken Deutschlands Alarm, weil die Hongkonger Börse am Freitag so tief ins Minus gerutscht war, dass die Wahrscheinlichkeit eines gigantischen Ausverkaufs an den Börsen eine Panik auslösen würde unter sämtlichen Bankkunden Deutschlands und der Welt, indem alle gleichzeitig ihre Ersparnisse von ihren Konten räumen könnten. Die Bankiers forderten von Finanzminister Peer Steinbrück eine Schuldenübernahme der Hypo-Real-Estate-Bank und eine sofortige Generalbürgschaft des Staates für alle Sparguthaben bei allen deutschen Banken, das spätestens Sonntagabend über die Medien veröffentlicht werden sollte, um die Märkte weltweit wieder zu beruhigen. Steinbrück war jedoch wegen einer Urlaubsreise zunächst unauffindbar, so dass die Welt für mehrere Stunden am Abgrund stand, ohne dass dies überhaupt den meisten bewusst war. Ähnlich wie bei der Kuba-Krise im November 1962, als die Welt wegen eines drohenden Atomkrieges den Atem anhielt und im letzten Moment ein Einlenken des sowjetischen Präsidenten Chruschtschow den 3. Weltkrieg verhinderte, so stellten sich im September 2008 Merkel und Steinbrück in einer Pressekonferenz an jenem Sonntagabend vor die Kameras und verkündigten im letzten Moment, dass der deutsche Staat für alle privaten Sparguthaben bürgen würde und es deshalb keinen Grund zur Panik gäbe. In den Wochen danach beruhigten sich die Märkte und das Unheil war abgewendet.

Doch das eigentliche Problem, dass sich nämlich die Investmentbanken über Jahre der Weltwirtschaft bedient haben, um mit „billigem Geld“ wie in einem Spielcasino horrende Renditen zu erzielen und jetzt in der Krise plötzlich die Steuerzahler um Hilfe baten, um durch ihren Untergang nicht auch noch die ganze Welt in ein finanzielles Chaos zu stürzen, dieses Problem war noch lange nicht beseitigt. Um einen solchen Super-GAU wie im Herbst 2008 zukünftig zu verhindern, bräuchte es nicht nur einen „Europäischen Rettungsschirm“ (ESM), sondern auch viele neue Regeln, um die Zockerei der Reichen und Mächtigen einzudämmen. Damals machte allmählich eine Organisation immer mehr von sich reden, die sich „attac“ nannte und hauptsächlich aus linken Studenten, Intellektuellen aber auch vielen Hartz-4-Empfängern bestand. Sie protestierten auf den G7-Gipfeln gegen den „Raubtier-Kapitalismus“ und die unkontrollierte Globalisierung der Wirtschaft, durch welche ganze Volkswirtschaften in den Ruin getrieben oder ans Gängelband des Internationalen Währungsfonds gelegt werden wie z.B. Griechenland. Attac forderte die Einführung einer Finanztransaktionssteuer (Tobin-Steuer), um den Missbrauch von internationalen Geldgeschäften unattraktiv zu machen. Zudem sollten Steuer-Oasen ausgetrocknet werden und eine solidarische Ökonomie weltweit gewährleistet werden durch Mindestlöhne, Grundeinkommen etc. Ich fand diese Ideen sehr gut und entschloss mich deshalb, bei attac Mitglied zu werden und regelmäßig zu spenden.

Am 04.11.2008 gewann Barak Hussein Obama (47) dann als erster schwarzer Präsident der USA die Wahlen. Weltweit wurde er als „Weltpräsident“ (Spiegel) gefeiert und besonders die Deutschen feierten ihn 200.000 Menschen am 24.07.08 wie einen Messias. Die Erwartungen an seine Präsidentschaft waren so hoch, dass man ihm ein Jahr später sogar schon mit dem Friedensnobelpreis ehrte, obwohl er bis dahin noch gar nichts erreicht hatte. Allein sein Wahlspruch „Yes we can“ hatte die Leute so sehr verzaubert, dass sie ihm die Lösung all der gewaltigen Probleme in der Welt zutrauten. Für manche Gläubige in den USA war er schon deshalb der Antichrist. Manche hielten ihn wegen seines 2.Vornamens Hussein für einen Muslim und z.T. noch nicht einmal für einen Amerikaner, da sein Vater aus Kenia kam. Letztlich waren die Probleme so zahlreich und die Erwartungen an ihn so hoch, dass er sie nie hätte lösen können. Hätte er sie jedoch gelöst – so wie es vielleicht dem zukünftigen Antichristen gelingen wird – dann hätte man schon Obama zum Weltherrscher ernannt. So aber war sein Auftritt nur eine Generalprobe, und viel bewirken konnte er schließlich auch nicht.