"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Januar bis Juni 2012

Abitur ohne Schulbesuch

Wenn man in einer großen Familie aufwächst, fällt es der Mutter nicht leicht, jedem Kind immer die gleiche Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken, wie ein Kind es nötig hätte. Unsere Mutter liebte uns über alles, war jedoch zugleich völlig überfordert und überlastet mit uns, so dass sie froh war, dass wir immer alle miteinander spielten und uns allein beschäftigen konnten. Als wir eingeschult wurden, bemerkte meine Klassenlehrerin, dass ich sehr verträumt war und kaum mit anderen Kindern spielte. Tatsächlich fühlte ich mich anfangs unwohl und unsicher in der Schule und wäre lieber zuhause geblieben. Die Kinder in dieser Schule (Grundschule a. d. Oderstr.) gehörten wie wir zur sozialen Unterschicht (Prekariat) und waren sehr wild. Prügeleien waren an der Tagesordnung. Während mein Zwillingsbruder Marco ein richtiger Draufgänger war, der gerne draußen rumtobte und immer allen zeigen wollte, was er konnte, blieb ich eher still und zurückgezogen zuhause, malte viel oder spielte mit meinem kleinen Bruder Playmobil. Meine Mutter lobte mich immer, weil ich so schöne Bilder malte und schon mit 6 Jahren die Buchstaben aus den Büchern abmalte. Während andere Kinder draußen spielten, malte ich mit 8 Jahren Weltkarten und die Flaggen der Länder ab, schrieb die lateinischen Namen sämtlicher Dinosaurier in eine Liste und machte etwa 10-mal ein kartographisches Bild von den Straßen unseres Stadtteils. Meine Eltern waren stolz auf mich und nannten mich „Goldköpfchen“ oder „Professor Siebenschneider“, und auch in der Schule schrieb ich immer nur gute Noten.

Wenn ein Kind jedoch immer nur für gute Leistungen beachtet und gelobt wird, kann es kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, sondern redet sich ein, dass es immerzu nur leisten und „liefern“ muss, um geliebt zu werden. Ich konnte nur dann glücklich sein, wenn ich jeden in meinem Umfeld übertraf, weshalb ich kaum einen Freund hatte (außer einen gewisser Ulf, der noch ehrgeiziger war als ich). Als ich etwa 11 Jahre alt war, machte ich auf einmal ständig ins Bett. Meine Mutter machte sich Sorgen und war alarmiert. Sie meldete mich bei einer psychologischen Kinder- und Jugendbetreuung an, wo ich ein Jahr lang jeden Nachmittag nach der Schule verbrachte. Der dortige Psychologe Albrecht Kröning (60) wurde für mich zum Ersatzvater. Er erklärte meinen Eltern, dass ich hochbegabt sei und eine besondere Förderung brauche, die nicht auf (Selbst-)Exklusion, sondern Inklusion basierte, also einer betreuten Integration unter Kindern meines Alters, was schließlich auch gelang. Ich kam aufs Gymnasium und hatte einen Notendurchschnitt von 1,5. Doch als ich 13 wurde, kam schon wieder dieser Leistungsdruck auf, diesmal aber von ganz anderer Seite: Denn dadurch, dass ich größer und damit stärker war als alle anderen Schüler der Schule, wollten sich alle an mir messen, und ich musste ständig an Prügel-Wettkämpfen teilnehmen, damit meine Mitschüler stolz auf mich sein konnten. Diese Schlägereien nahmen dann in der neuen Schule derart überhand, dass ich mich mit 15 Jahren weigerte, zur Schule zu gehen. Die Schulbehörde wies mir dann eine neue Schule zu, wo ich zwar dann meinen besten Freund kennenlernte, aber ansonsten trotz guter Noten ein Außenseiter blieb. Als ich mich dann mit 16 J. bekehrte und erfuhr, dass die „Weisheit der Welt Torheit bei Gott sei“ (1.Kor.3:19) und dass wir uns von den Ungläubigen absondern sollen (2.Kor.6:14-18), machte ich aus meiner Not eine Tugend und gab mir in der Schule keine Mühe mehr. Auf Anraten eines alten Bruders brach ich den Besuch des Gymnasiums nach der 11. Klasse ab („Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen“ Röm.12:16) und machte eine Ausbildung zum Maler. Später habe ich es viele Male bereut, dass ich nicht das Abitur gemacht habe, um zu studieren.

Eines Abends Anfang 2012 sollte ich eigentlich meine Büroarbeit machen, d.h. Angebote und Rechnungen schreiben. Aber um mir diese lästige Arbeit zu versüßen, schaltete ich wie immer den Fernseher an, der gleich rechts neben dem PC-Bildschirm stand, um mir während des Tippens politische Debatten anzuhören. Ich blieb eine Weile beim Sender Radio Bremen hängen und schaute mir die lokalen Nachrichten auf „buten un binnen“ an („draußen und drinnen“). Auf einmal erklärte der Sprecher, dass man ein Experiment vorhabe, und zwar suche man freiwillige Erwachsene, die in diesem Frühjahr einfach mal so eine Abiturprüfung schreiben wollen, um zu testen, ob sie das Abitur auch schon allein durch ihre Allgemeinbildung schaffen würden. Das ließ mich aufhorchen, und ich überlegte mir: Warum nicht? Schließlich hatte ich ja einen gemessenen IQ von 133 (100 ist der Durchschnitt). Ich schrieb also spontan eine Mail an den Sender und bot mich als Kandidaten an. Kurz darauf rief mich der zuständige Moderator János Kereszti an und lud mich zu einem ersten Treffen mit den anderen Teilnehmern in das Gymnasium der Gesamtschule Ost ein. Man plane, eine Doku-Sendung in mehreren Episoden zu drehen, in welcher auch ein wenig über das Privatleben jedes Kandidaten berichtet werde. Ich nahm an, dass wohl viele dem Aufruf gefolgt waren, als ich dann aber zu dem Termin erschien, waren gerade einmal nur zwei andere ältere Erwachsene erschienen. Man erklärte uns den Ablauf, indem jeder zunächst einmal sich fünf Fächer auswählen durfte, in welchen er/sie geprüft werden wolle. Ich wählte Kunst, Politik, Geschichte, Deutsch und Spanisch. Als nächste würde man dann für jedes Fach entsprechende Lehrkräfte suchen, die bereit waren, an dieser Aktion teilzunehmen, um die Klausuren zu prüfen und zu benoten.

Doch einen Monat später rief mich Herr Kereszti an und teilte mit, dass die anderen beiden Kandidaten inzwischen abgesprungen seien. Sie hatten scheinbar „kalte Füße“ gekriegt bei der Vorstellung, dass sie sich im Falle schlechter Noten ziemlich blamieren würden vor der Bremer Öffentlichkeit. Deshalb fragte man mich, ob ich auch allein weitermachen würde, und ich sagte zu. Da sich von meinen Fächern nur zwei Lehrer bereit erklärten, mich freiwillig zu prüfen, sollte ich nur noch in Politik und Spanisch geprüft werden. Nun kam das Fernsehteam zu mir nach Hause und interviewte mich und meine Tochter Rebekka, um Näheres von mir zu erfahren. Dann teilte man mir den Termin für die erste Klausur in Politik am 02.05.12 mit. Am Beispiel des Afghanistan-Krieges von 2001 sollte im Nachhinein der Sinn von Auslandseinsätzen der Bundeswehr analysiert werden. Dazu sollte ich drei Fragen über einen ZEIT-Artikel ausführlich beantworten, in welchem die westliche Intervention kritisch hinterfragt wurde. Dort hieß es, dass der Wiederaufbau der staatlichen Institutionen nach demokratischen Prinzipien weitestgehend eine „Fassade“ blieb, da er von der einheimischen Bevölkerung nicht wirklich anerkannt wurde. Aufgrund mangelnder Legitimität waren die Wahlen nur eine Pflichtübung und stellten keine Akzeptanz her. Während die Invasoren die naive Vorstellung von einer „neuen Zeit“ hätten, wollten die Einheimischen oftmals lieber an ihren bestehenden sozialen Strukturen festhalten. Die Eingreifenden versuchten, ihre eigenen, internationalen Normen ohne Einbeziehung der Bevölkerung an den Planungen zu verwirklichen, die sie als alternativlos ansahen. Durch die Beeinflussung bereits erprobter gesellschaftlicher Prozesse wurden schließlich selbsttragende Institutionen verhindert, so dass die Helfer sich selbst unentbehrlich machten. Der gewaltsame Einsatz von Machtmitteln, um schwelende Bürgerkriege gewaltsam zu beenden, widerspreche indes dem eigenen Demokratie-Anspruch und könne deshalb auch auf Dauer keine demokratischen Systeme schaffen.

Kurz darauf war dann der Termin für meine Spanischklausur, in welcher es um die Interpretation eines spanischen Textes über die Geschlechterrollen in der heutigen spanischen Gesellschaft ging. Dort berichtet eine 43-jährige, berufstätige Ehefrau von ihren enttäuschten Erwartungen an ihren Mann, von dem sie sich jedoch aus Angst vor der Einsamkeit nicht scheiden lassen möchte. Der Text war sehr sarkastisch geschrieben und beschrieb ihren Mann als egoistischen und unromantischen Langweiler, der sich kaum in die Bedürfnisse und Sehnsüchte seiner Frau einzufühlen vermochte. Er sei, so schreibt sie, „An und für sich ein guter Mann, d.h. er schlägt mich nicht, verspielt auch nicht unser Haushaltsgeld und wirft auch nicht mit Steinen auf Katzen“. Aber die anfängliche Leidenschaft sei lange verflogen, und er komme auch nicht auf die Idee, ihr einfach mal freiwillig ein wenig in der Küche zu helfen. Und wenn er es mal tut, dann nur widerwillig und brauche so lange zum Schälen von Gemüse, dass sie in der gleichen Zeit zehnmal mehr geschafft habe. Sie hätte sich so gerne einen allseits begabten und tüchtigen Mann gewünscht, auf den sie hätte stolz sein können und mit dem sie eine „Musterehe“ hätte führen können, auf die andere Paare neidisch gewesen wären. Stattdessen sei ihre Ehe nur mittelmäßig und trostlos. Ich versuchte, die vier Fragen zur Geschichte so gut ich konnte zu beantworten, indem ich zur Veranschaulichung z.T. auch meine persönlichen Erfahrungen aus meiner Ehe mit einfließen ließ.

Dabei muss ich wohl allzu sehr abgeschweift sein von der eigentlichen Fragestellung, denn als ich einen Monat später die Prüfungsergebnisse erhielt, hatte man in beiden Klausuren bemängelt, dass ich nicht genügend „die Bezüge zum Text“ hergestellt hätte, sondern viel zu frei auf vorgefasste Erkenntnisse zurückgegriffen hätte. In Politik erhielt ich deshalb nur eine 4- (4 Punkte), während ich in Spanisch wenigstens 2- (10 Punkte) schaffte. Ich war überrascht, wie detailliert die Prüfer auf jeden einzelnen Aspekt eingegangen waren, als würde es sich hier um eine wissenschaftliche Arbeit oder um die Rezension eines Romanes handeln. Viel Lob bekam ich für meine Spanischkenntnisse. Die Prüferin schrieb dazu: „Der Text ist problemlos lesbar und zeichnet sich durch eine sehr gute Idiomatik aus. Die Lexik ist somit reichhaltig, variabel und treffsicher eingesetzt… Der Satzbau ist korrekt und differenziert, Verbindungselemente sind vorhanden und sprachtypische Konstruktionen variabel genutzt. Das Repertoire an Satzverknüpfungen ist umfangreich. Es werden komplexe, vielfältige grammatische Strukturen verwendet…“ Ich dachte später: „Na, das ist aber nur reiner Zufall gewesen, denn ich habe absolut nicht darauf geachtet!“ In der sprachlichen Beurteilung bekam ich denn auch eine 1- (13 Punkte).

Insgesamt hatte ich also dieses verkürzte Abitur bestanden und der Schulleiter gab mir sogar ein Abiturzeugnis, wobei er darauf hinwies, dass dieses wirklich nur der Ehrung diene, aber damit nicht die allgemeine Hochschulreife belegt werden könne. Mein Bruder Patrick nahm dann die letzte Folge der Doku auf und veröffentlichte sie auf YouTube, wo sie bis heute über 340.000 Mal aufgerufen wurde*. In der Folge wurde ich dann immer wieder von meinen Kunden angesprochen, die regelmäßig „buten un binnen“ sehen, so dass sich die ganze Aktion als sehr werbewirksam erwies für meine Firma.

(https://www.youtube.com/watch?v=eSrYBIQc1mo).

Heiratsvermittlungen (Teil 2)

Nachdem Ruth und ich ja 2009 meinen gläubigen Mitarbeiter Jörg Osterkamp (40) erfolgreich mit Ruths peruanischer Verwandten Dr. Erika Condori (36) „verkuppelt“ hatten, gab es bei der Zusammenführung von Fanny Ccanto (33), der Tochter von Ruths Cousine Melania, mit dem autistischen Glaubensbruder Uwe Schröder (54) große Probleme, denn die Deutsche Botschaft weigerte sich, der Fanny ein Einreise-Visum auszustellen, da sie wegen des Altersunterschiedes von 21 Jahren eine Scheinehe vermuteten. Da der geistig eingeschränkte Uwe bei einer Befragung heimlich einen Spickzettel verwendete, wurde dies als Schummelversuch gedeutet und deswegen behördlicherseits eine Ehe aus Liebe abgestritten. Es folgte ein aufwändiger Indizienprozess, in welchem Uwes Anwalt vor dem Verwaltungsgericht die Echtheit ihrer Liebe beweisen musste. Schließlich gewann Uwe den Prozess, so dass Fanny im Januar 2012 zwei Jahre nach ihrer Hochzeit ihren Uwe endlich mit uns auf dem Bremer Flughafen begrüßen konnte. Da Fanny genauso einfältig und treuherzig war wie Uwe, passten die beiden ziemlich gut zusammen, trotz des Altersunterschieds.

Als Fanny neun Monate später eine gesunde Tochter zur Welt brachte, rief mich die Hebamme aus einem Bremer Krankenhaus an und bat mich, vorbeizukommen, um bei der Übersetzung von Unterweisungen zu helfen, was ich auch tat. Tags darauf aber rief mich der Stationsarzt an und erklärte mir seine Besorgnis, dass er aufgrund der verminderten Intelligenz des Paares es nicht verantworten könne, die Mutter aus dem Krankenhaus zu entlassen, da er sich um das Kindeswohl sorgen mache. Es war also nicht nur ein sprachliches Verständigungsproblem, sondern auch ein kognitives (z.B. hatte die Krankenschwester das Zimmer betreten und sah das Baby unbekleidet bei geöffnetem Fenster, ohne dass Uwe oder Fanny auf die Idee kamen, dass sich das Kind erkälten könnte). Ich fuhr also nochmal zum Krankenhaus und übersetzte der Fanny, um was mich der Arzt bat. Spätestens jetzt wurde mir deutlich, dass eine Heiratsvermittlung auch mit sehr viel Verantwortung verbunden war und es u.U. nicht einfach damit getan sei, zwei Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Denn wenn es Probleme gibt, dann ist auch der unschuldige Nachwuchs davon betroffen. Zum Glück kam auch noch Uwes Schwester Silvia vorbei und versprach, sich neben der Betreuung durch die Mütterpflegerin ebenso um das Wohl des Kindes zu kümmern.

Zur selben Zeit war Ruth in engem freundschaftlichem Kontakt mit Jennifer (35), der Schwester von Fanny, die auch gerne einen gläubigen Deutschen heiraten wollte. Wir hatten bereits durch eine christliche Partnerbörse versucht, die Jennifer mit einem gewissen Thomas zu verkuppeln, einem gläubigen Analphabeten aus Lörrach, der aber kurz vor seiner Flugreise nach Peru einen Rückzieher machte, so dass Jennifer wieder allein blieb. Ruth und ich überlegten nun, wer eventuell aus unserem Bekanntenkreis in Frage käme, um Jennifer zu heiraten. An einem Samstagvormittag, als ich mich gerade beim Abwaschen in der Küche mit Ruth unterhielt, fiel mir auf einmal der Fabian (42) ein, den ich noch aus meiner Schulzeit kannte. Ruth hatte allerdings Bedenken, denn Fabian war kein echter Christ. Er war zwar in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und hatte als 15-Jähriger sogar viele Seiten aus der Bibel abgeschrieben, um sich den Text besser zu merken, aber hatte mir dann mit 16 mitgeteilt, dass er sich „vom Christentum verabschiedet habe“. Er studierte dann Philosophie und Volkswirtschaft und arbeitet heute beim Statistischen Landesamt in Hannover. Ich rief ihn also spontan an und fragte, ob er sich vorstellen könne, eine Peruanerin zu heiraten. Ich erzählte ihm dann von Jennifer, und er zeigte Interesse. Auch Jennifer wollte ihn kennenlernen, aber Ruth warnte sie, dass Fabian nicht mehr gläubig sei. Er bekannte zwar selbst, Christ zu sein, allerdings im Sinne des liberalen Theologen Paul Tillich. Sie schrieben sich dann einige Monate auf Englisch und verliebten sich in einander. Bald darauf reiste Fabian nach Lima und heiratete Jennifer. Seitdem leben sie in Hannover und haben mittlerweile zwei Töchter.

Die Seilwinde und die verweigerte Gehaltserhöhung

Anfang April 2012 waren wieder alle 5 Gesellen am Start, d.h. Andre Bindemann, Fadi Shoushari, Andrej Tschernyaschuk, Peter Schönholz, Pawel Hnidziuk und Luciano Fiorito. Kurz darauf stellte ich auch noch Bartosz Lukaszewski und Burhan Akkus als Aushilfen ein, musste mich aber schon bald von Burhan wieder trennen, da er zu frech war. Stattdessen nahm ich einen Griechen namens Loay Karaja (47), der aber so pingelig und langsam arbeitete, dass ich auch ihn schon bald wieder entließ, ihm jedoch anbot, für mich als Subunternehmer zum Festpreis zu arbeiten. Als Lehrlinge hatte ich Tarek Mohamad (23), Rossano Seay (26), Kevin Putins (19) und Samet Zafrak (20). Zudem freundete ich mich mit einem kurdischen Subunternehmer an namens Ismael Budan (43). Wir hatten nicht nur das gleiche Alter, sondern in allem die gleiche Meinung und die gleichen Interessen. Er hatte den Islam verlassen und war nun auf der Suche nach einer neuen Religion. Da seine Vorfahren Meder waren, interessierte er sich für die Überlieferungen von Zarathustra, einem persischen Philosophen, der etwa um 600 v.Chr. lebte. Ismael war auf der Suche nach Sinn, Identität und einer geistigen Heimat, denn er war früher bei der PKK und deshalb als Asylant nach Deutschland gekommen. Er war immer so freundlich und höflich wie ein englischer Gentleman, dass auch meine Kunden ganz angetan waren von seinen guten Manieren. Fortan gab ich ihm sämtliche Wärmedämmaufträge, die er völlig in Eigenregie abwickelte zur vollsten Zufriedenheit meiner Kunden. Heute hat Ismael übrigens eine Firma mit vielen Mitarbeitern, hat sich ein großes Haus gekauft und mich wirtschaftlich überholt. Wir sind bis heute immer noch Freunde.

Da ich immer viel unterwegs war und nur abends Zeit hatte, vernachlässigte ich immer mehr meine familiären Verpflichtungen. Besonders meine Mutter beklagte sich darüber, dass immer SIE es war, die uns anrief, aber dass wir sie nie von uns aus anriefen. Ich dachte immer, dass sie eigentlich ganz zufrieden sein müsste, wo doch jetzt ihre Freundin Iris in die Nachbarwohnung eingezogen sei und dadurch immer jemanden zum Quatschen hätte. Eine Weile war es so, dass meine Mutter immer auf den Anrufbeantworter sprach, indem sie jenes bekannte Lied von Max Raabe sang: „Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich, und ich frage mich, denkt gelegentlich jemand mal an mich.“ Natürlich hatte ich dann ein schlechtes Gewissen und rief sie sofort immer an. Rebekka ging ja bei ihrer Oma immer regelmäßig ein und aus, weshalb sie ein sehr vertrautes Verhältnis miteinander hatten. Aber auch viele junge Christen waren in meine Mutter „verliebt“, weil sie so ein weiches Herz hatte und jedem nur helfen wollte, wo sie nur konnte. Meine Mutter klagte auch darüber, dass es ihr schwerfiel, regelmäßig die Einkäufe in ihre Wohnung in den 3.Stock zu schleppen. Iris hatte zwar ein Auto, aber beide alten Damen litten unter Bandscheibenvorfällen und anderen altersbedingten Beschwerden. Sie überlegten deshalb schon, in eine betreute Wohneinrichtung für Senioren zu ziehen. Da kam mir eine Idee: „Wir haben auf der Baustelle so eine elektrische Seilwinde, wo wir Materialien immer von ganz unten nach ganz oben übers Gerüst hinaufziehen lassen. Ich habe mir jetzt sogar eine zweite gekauft, weil es die im Angebot gab. Wenn Du willst, kann ich Dir eine schenken und die an Deinem Balkon anbauen. Dann steht eine von Euch beiden unten und füllt den Korb, und die andere raucht nur den Knopf drücken, und der volle Einkaufskorb wird automatisch nach oben gezogen.“

Meine Mutter fand die Idee gut, und so brachte ich ihr die Seilwinde und baute sie an Iris Balkon an. Von nun an brauchten sie keine schweren Tüten mehr die Treppen hochschleppen und auch nicht mehr darüber nachdenken, noch einmal umzuziehen, denn das Problem war wirklich gelöst. Meine Mutter war sehr glücklich, und auch ich freute mich über die gute Tat. Doch einige Zeit später rief ein Reporter der Tageszeitung WESER REPORT bei meiner Mutter an und fragte, ob er einen Artikel schreiben dürfe über diese Seilwinde, weil er davon gehört habe und diese Idee als vorbildlich befand. Kurz darauf erschien ein großer Artikel: „Senioren-Seilwinde-Selbsthilfe – Zwei patente Damen aus Kattenesch sichern sich mit Malerzubehör die Selbständigkeit – Über einfache Tricks, die altengerechtes Wohnen zuhause ermöglichen sollen, wird aufgrund des demographischen Wandels viel gesprochen. Renate Poppe und Iris Hamelmann haben nicht nur zugehört… usw.“ Diesen Artikel muss dann wohl auch ein Reporter der BILD-Zeitung gelesen haben, denn auch er meldete sich bei meiner Mutter und machte eine Story draus. Bald darauf war auch der WESER KURIER zur Stelle, und ich dachte, was denn an dieser Seilwinden-Geschichte so besonderes sei. Aber es ging noch weiter: Der Fernsehsender RTL meldete sich bei meiner Mutter und fragte, ob sie eine Doku darüber drehen könnten. Ich dachte: Wie verrückt ist das denn?! Man lud auch mich zum Drehtermin ein, und sie machten einen kleinen Beitrag mit Vorführung und Interview. Danach fragte ich den Reporter: „Warum wird so viel Aufhebens von gemacht von dieser Sache?“ Er sagte: „Weil es irgendwie drollig ist.“ (https://www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=EiTro9X5Hyk&feature=emb_logo). Später meldete sich auch noch der Sender Sat1 und machte auch noch mal eine kurze Sendung darüber. Am Ende bekam ich Emails aus ganz Deutschland von Leuten, die solch eine Seilwinde bei mir bestellen wollten, weil sie dachten, ich würde solche in Massen herstellen und verkaufen.

Mir war nun klar, dass man durch die Medien schon bei scheinbar unbedeutenden Erlebnissen eine große Aufmerksamkeit bekommt, denn die sind ja immer auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Kurz darauf erlebte ich dann wieder etwas „Drolliges“: Es war an einem Freitagnachmittag gegen 14:00 Uhr als ich müde von der Arbeit nach Haus kam, Mittag aß und mich gerade hinlegen wollte, da schrieb mir mein Mitarbeiter Peter Schönholz (34) per SMS: „Simon, ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich die Baustelle heute fertig bekommen habe. Du kannst mich Montag also woanders einplanen.“ Ich freute mich und schrieb ihm zurück: „Super! Da warst Du aber wirklich fleißig!“ Dann legte ich mich hin und dachte, dass ich in Peter wirklich einen guten Gesellen habe, der immer schnell und sauber arbeitet, genauso wie mein Vorarbeiter Andre Bindermann. Aber warum sollte Peter dann nicht auch den gleichen Lohn bekommen wie Andre? Ich schrieb dem Peter: „Da sich Deine Leistung in nicht mehr unterscheidet von der Leistung Andres – und häufig sogar noch besser ist – bekommst Du von mir rückwirkend zum 1.April einen Stundenlohn von 16 Euro. Ich freue mich, dass ich Dich habe!

Damit war die Sache für mich erledigt und mein Gewissen beruhigt. Ich legte mich aufs Ohr und wollte gerade ausruhen, da schrieb Peter zurück: „Oh nein, das geht auf keinen Fall. Ich wollte letztes Jahr 14 Euro und Du hast mir 15 Euro gegeben. Jetzt willst du mir 16 Euro Stundenlohn geben. Das ist nicht okay und das möchte ich auch nicht annehmen. Meine Arbeit und mein Wissen sind nicht besser als das von Andre.“ Ich dachte: Na sowas! Das ist aber bescheiden! Und schrieb zurück: „Wenn ich Dir den Loh erhöhe, dann tue ich das auch für mich, damit ich kein schlechtes Gewissen haben muss. Also, Du bekommst 16 Euro, ob Du willst oder nicht. Du kannst die Differenz (ca. 180,-€ im Monat) ja auch spenden.“ Ich legte mich wieder hin, aber schon kurz darauf antwortete Peter: „Wieso hast Du ein schlechtes Gewissen? Ich finde 15 Euro, die du letztes Jahr erhöht hast, sind genug. Lass es so, wie es jetzt ist- Ich möchte nicht mehr Geld.“ Ich dachte: Wo gibt’s denn sowas! Was konnte ich jetzt tun? Dann schrieb ich ihm zurück: „Wenn Du wirklich keine Lohnerhöhung willst, dann will ich Dir jedenfalls jedes Mal eine Prämie geben, wenn Du in einer Woche überdurchschnittlich schnell warst.“ Dann kehrte auch Ruhe ein, aber ausruhen konnte ich mich nicht mehr. Was für ein vorbildlicher Mensch dieser Peter! dachte ich. Das kann man echt nicht glauben. Aber so war er schon immer: Während die anderen ihren Stundenzettel nur so „hinschmierten“, gab mir Peter Woche für Woche auf die Minute genaue Angaben mit dem PC geschrieben. Er hätte genauso gut Buchhalter werden können. Bei so einem Mitarbeiter braucht man als Chef nie fürchten, dass man betrogen wird (und wenn doch, dann war es verdient, aufgrund einer nahezu perfekten Täuschung). Auch seine Baustellen sahen immer aus, als würde man jeden Moment den Besuch eines Werbefotografen erwarten, der ein Musterfoto für ein Hochglanzmagazin machen wollte. Sogar die Farbeimer standen immer in Reih und Glied, als hätte jemand sie an einer Schnur entlang präzise aufgestellt. Kein Wunder, dass die Kunden auch immer voll des Lobes waren über diesen Gesellen. Dabei konnte ich mich keinesfalls rühmen, dass er bei mir gelernt hatte, denn all diese Sauberkeit und Pingeligkeit hatte er ja nicht von mir übernommen.

Während ich so da lag und nachdachte, kam mir der Gedanke, dass man Peter wirklich mal ehren sollte. Ein so vorbildlicher Geselle sollte kein Schattendasein führen, sondern auch mal so wie ich in der Zeitung stehen. Ich sprang auf, rief die Nummer der BILD-Zeitung an und erzählte der Dame kurz mein Anliegen. Sie zeigte Interesse und bat mich, Peter zu einem Interview zu überreden, und dass man ein Foto von ihm bräuchte. Doch trotz vielen Zuredens wollte Peter nicht in der Zeitung stehen, erst recht nicht mit Foto. Für die BILD-Zeitung war die Story aber noch nicht gestorben. Der Reporter fragte, ob man nicht stattdessen mit mir ein Interview und Foto machen könne. Peter hatte nichts dagegen, und so traf ich mich mit dem Reporter und übergab ihm zum Nachweis mein IPhone mit dem SMS-Austausch, den er sich abfotografierte. Zwei Tage später stand in der BILD-Zeitung ein ganzseitiger Artikel. Als ich an jenem Morgen zur Werkstatt fuhr, breitete einer der Mitarbeiter die Zeitung vor uns auf den Tisch aus, und wir lasen zusammen den Text:

DEUTSCHLANDS IRRSTE GEHALTSVERHANDLUNG – ANGESTELLTER KÄMPFT GEGEN GEHALTSERHÖHUNG“.   Im Text hieß es dann: »Bremen – Kommt der Chef zum Angestellten und sagt: „Ich möchte Dir mehr zahlen.“ Antwortet der Angestellte: „Nein, bloß nicht.“ Der Witz: Das ist kein Witz und in einem Bremer Malerbetrieb vor wenigen Tagen tatsächlich so passiert.

Malermeister Simon Poppe (43) hat 14 Angestellte, denen er mehr als den üblichen Tarif von 14 Euro zahlt. Mit seinem Gesellen Peter S. (34) war der Handwerker so außergewöhnlich zufrieden, dass er ihm unbedingt noch etwas drauflegen wollte. Meister Poppe: „Er arbeitet in einem unglaublichen Tempo und liefert hervorragende Arbeit ab. Das wollte ich belohnen.“ Also bot er seinem Mitarbeiter per SMS rund 180 Euro mehr im Monat an. Doch die Antwort verschlug dem Chef die Sprache. Peter S. schrieb zurück: „Oh nein, das geht auf keinen Fall. Das ist nicht okay, das möchte ich auch nicht annehmen.“ Ein Angestellter, der freiwillig auf Geld verzichtet - wo gibt‘s denn so etwas? Poppe: „Peter hat einen sehr edlen Charakter, will auf keinen Fall bevorzugt werden. Deshalb schätze ich ihn auch so. Weil er so schnell ist, kann ich mehr Aufträge annehmen und mehr Geld verdienen.“ Deshalb schaltete jetzt Meister Poppe seinerseits auf stur und fand einen anderen Weg: Peter S. bekommt keine feste Lohnerhöhung, sondern jedes Mal eine Prämie, wenn er gute Arbeit abgeliefert hat. Poppe: „Sein Edelmut ehrt ihn, aber die Lohnerhöhung muss einfach sein!“ Mal sehen, ob der bescheidene Mann die Prämie tatsächlich annimmt

(https://www.bild.de/regional/bremen/gehalt/unglaubliche-gehaltsverhandlung-23872728.bild.html)

Als ich kurz darauf zum Lieferanten fuhr, wussten es dort bereits alle Verkäufer, denn die BILD lesen ja viele. Einer frotzelte aus Spaß, ob er nicht auch bei mir arbeiten dürfe, da er als Verkäufer deutlich weniger verdiene. Und dann bekam ich auch noch Emails, und zwar aus ganz Deutschlands, in welchen Leute bettelten, ob ich nicht ihre Familie finanziell unterstützen könne, wo ich doch so ein gutes Herz habe. Dann las ich einige der etwa 150 Leserkommentare in der Onlineausgabe der BILD: Viele hielten die ganze Story für eine raffinierte Fake-News, da es ja nur zu offensichtlich sei, dass es mir nur um Werbung für meine Firma ginge. Andere vermuteten, dass Peter vielleicht in Scheidung lebe und nur deshalb nicht mehr als eine bestimmte Summe verdienen dürfe, da man den Rest sonst sofort pfänden würde. Ich amüsierte mich über diese Spekulationen und dachte: „Erstaunlich, wie man durch einen einzigen Anruf bei den Medien solch eine Aufmerksamkeit bekommen kann! Ich sollte vielleicht öfter mal so eine Aktion machen, wenn es wieder irgendetwas Ungewöhnliches zu berichten gibt…“

Juli - Dezember 2012

Häusliche Leiden

Während ich beruflich immer mehr Erfolg hatte, ging es Ruth gesundheitlich zunehmend schlechter. Im Sommer stellte man bei ihr im Rahmen einer Blutabnahme hohe Entzündungswerte fest, weshalb sie ins Krankenhaus musste. Die Ursache war eine Nierenentzündung, bedingt durch eine zu häufige Einnahme von Ibuprophen, einem bekannten Mittel gegen entzündlichen Muskelschmerz. Bei dieser Gelegenheit erhoffte Ruth, dass man vielleicht auch die Ursache finden würde, warum sie schon seit rund zwei Jahren immer stärker werdende Schmerzen in verschiedenen Körperteilen verspürte. Zu unserer Enttäuschung fand man leider nichts. Alles begann damit, als Ruth zwei Jahre zuvor einen großen Hund behandelte und beim Auf-die-Seite-drehen des betäubten Hundes einen stechenden Schmerz im Rücken verspürte. In der Folgezeit wiederholten sich diese Schmerzen immer öfter, so dass Ruth zum Orthopäden ging. Er stellte drei Bandscheibenvorfälle bei ihr fest und verschrieb ihr neben leichten Schmerzmitteln auch regelmäßiges Schwimmen. Da aber ohnehin viel zu wenig Kunden in die Tierarztpraxis kamen, die für ihr Haustier eine Physiotherapie benötigten, gab Ruth 2010 ihr Gewerbe auf, um sich nur noch um Rebekkas Schulnoten zu kümmern. Diese Mühe wurde dann auch reich belohnt, denn als Rebekka im Sommer 2012 die Realschule beendete, um aufs Gymnasium zu wechseln, war sie sogar die Beste ihres Jahrgangs und bekam von der Bekenntnisschule bei der Abschlussfeier eine Goldmedaille und eine McArthur-Studienbibel als Geschenk.

Im Jahr 2011 fiel Ruth sogar schon das Schwimmen schwer, denn sie hatte Schmerzen in der Schulter. Der Arzt stellte das sog. Impingiment-Syndrom bei ihr fest, d.h. eine chronische Reizung im Oberarmgelenk, die durch eine Degeneration von Sehnen und Schleimbeuteln in der Schulter verursacht ist. Doch dann klagte sie nach einem Fahrradsturz auch noch über ständige Knieschmerzen, die einfach nicht weggingen. Eine Tropenmedizinerin untersuchte sie auf Borreliose (Bakterien, die durch Zecken übertragen werden) und wurde fündig. Zudem hatte sie auch eine Bartonellose, ein besonders in Peru typisches Bakterium, dass durch Katzen übertragen wird, aber weit weniger gefährlich ist als die Borreliose, die häufig auch eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) verursachen kann. Ruth wurde mit Antibiotika behandelt, und die Bakterien verschwanden. Aber die Schmerzen blieben und wurden sogar noch schlimmer. Ruth hatte den Eindruck, dass sie so wie Hiob mit einer Plage nach der anderen heimgesucht wurde. Sie fühlte sich oftmals von den Ärzten nicht ernst genommen und wollte deshalb, dass ich sie von nun an immer begleiten sollte, um Druck auszuüben. Als nach einer gründlichen Untersuchung im Diakonissen-Krankenhaus kein einziger Befund zu Tage trat, hielt der Rheumatologe die Schmerzen meiner Frau scheinbar für hypochondrisch (d.h. für eingebildet). Als ich ihm versicherte, dass meine Frau schon häufig an Suizid dachte, nahm er sie dann endlich ernst, verwies sie jedoch erst mal an einen Psychiater.

An einem Freitag nachts ging ich dann noch einmal mit unseren drei Chihuahua-Hunden am See spazieren. Es war gegen 23:30 Uhr, und kein Mensch war mehr auf der Straße. Da das Risiko, einem großen Hund zu begegnen, nur sehr gering war, hatte ich die drei Hunde wie üblich von der Leine gelassen, damit sie ungestört am Rande des Parks schnüffeln konnten. Als ich mich wieder auf den Rückweg gemacht hatte und mich der Habenhauser Landstraße näherte, wollte ich die drei Hunde wieder anleinen. Doch plötzlich hatte Charly irgendetwas in der Dunkelheit gesehen und rannte auf einmal laut bellend davon. Seine Hundetochter Chini rannte ihm aus Neugier bellend hinterher. Ich rannte ebenso los und rief Charly, er solle sofort herkommen. Beide Hunde näherten sich der Straße und ich schrie aus Leibeskräften: „CHARLY, CHINI, KOMMT SOFORT HER!!! A U S !!!!!!“ Auf einmal sah ich auf der verlassenen Landstraße die Scheinwerfer eines Autos. Ich schrie: „N E I N !!!“, doch in dem Moment sah ich, wie der Wagen Chini am Hinterteil erfasste und sie laut aufjaulte. Ich schrie weiter: „NEIN, NEIN, NEIN!“ und heulte verzweifelt. Als ich bei Chini angelangt war, lag sie winselnd auf dem Boden und konnte nicht mehr aufstehen. Der Wagen war weitergefahren, und ich hob Chini auf den Arm, um mit ihr schnell nach Hause zu laufen. Ich war völlig fertig mit den Nerven.

Noch in derselben Nacht fuhr ich dann mit Ruth zu einer Tierklinik, wo man Chini ein Schmerzmittel gab und sie röntgte. Dann kam die zuständige Tierärztin zu uns und erklärte, dass Chinis Darm und Organe teilweise gerissen seien und eine OP kaum Chancen auf Erfolg habe. Man empfahl uns, Chini einschläfern zu lassen. Wir baten um Bedenkzeit und ließen unsere Hündin erstmal über Nacht noch in der Tierklinik, wo sie unter Betäubung war. Am nächsten Tag beschlossen wir, dass ich allein zur Klinik fahren sollte, um mich noch einmal von Chini zu verabschieden, denn Ruth war nicht in der Lage. Ich sah unsere Hündin, wie sie sediert mit offenen Augen auf dem Tisch lag, die Zunge etwas herausgestreckt und gleichmäßig atmend. Sie schaute mich aus ihren schwarzen Augen an, und ich streichelte sie sanft. Dann kam die Tierärztin wieder ins Zimmer und spritzte ihr Phenobarbital, ein Barbiturat, das früher auch Menschen als Schlafmittel verwendet haben, das aber bei Kleintieren tödlich wirkt. Ich schaute zu, wie Chini kurz darauf die Augen schloss. In mir war absolut keine Gefühlsregung außer ein wenig Erleichterung, dass es jetzt vorbei war und sie nicht mehr leiden musste. Doch als ich nach Haus kam und auch Rebekka von Chinis Tod erfuhr, da war das Geschrei groß. Den ganzen Tag weinten Ruth und Rebekka und wollten sich nicht trösten lassen. Ich kam mir dabei sehr schäbig vor, denn schließlich war es ja meine Schuld, dass Chini sterben musste, und ausgerechnet jetzt konnte ich keine Träne hervorbringen. Das war mir sehr unangenehm, als wenn ich ein gefühlloser Psychopath wäre.

Provokation

Während ich mich innerlich mehr und mehr von meiner Familie entfernte, um mich von meinen Verpflichtungen und der häuslichen Enge zu befreien, verbrauchte ich immer mehr Zeit außerhalb des Hauses, sogar am Wochenende, auf der unbewussten und verzweifelten Suche nach Geltung und Anerkennung, indem ich z.B. – wie bereits im Vorjahr – in der Fußgängerzone Bilder malte. Dabei handelte es sich keineswegs um ruhige und gefällige Landschaftsbilder, sondern meist um plakative und äußerst provokante Bilder, wie z.B. die Steinigung einer Frau in Afrika oder ein Bild über Tierversuche an Affen neben einem KZ-Arzt, der an einer Gruppe jüdischer Kinder Experimente machte. Auf einem anderen Bild, war ein Kindersoldat mit Kalaschnikow zu sehen vor einem Berg an Totenschädeln und dem Aktienkurs einer Waffenfirma. Eines der Bilder, auf dem der syrische Präsident Bashir Al-Assad in einer Wanne voller Blut badete und auf welchem Putin einen Eimer mit Blut nachkippte, wurde mir in einem Parkhaus gestohlen. Aber ich hätte diese Bilder ohnehin nicht verkaufen können, denn wer hätte sich schon solche grauenvollen Bilder in sein Wohnzimmer gehängt? Für mich war der Weg das Ziel, denn ich suchte die Bewunderung der Leute, die ich auch allenthalben erhielt, da ich sehr gut malte (manche Bilder sahen aus wie vergrößerte Fotos). Zugleich liebte ich die Provokation. Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge, der Bomben bastelte, um sie den Leuten vor die Füße zu werfen. Den Terrorismus, den ich anprangerte, wollte ich im Grunde selbst verüben. Bei manchen Bildern lachte ich mir still eins ins Fäustchen und freute mich schon auf die Reaktion meines Umfeldes.

Eines Tages erfuhr Gabi Schierenbeck, die Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer, von meinem künstlerischen Hobby und fragte mich, ob ich vielleicht bei der Handwerksmesse in Bremen meine Bilder ausstellen könnte, was ich gerne zusagte. Während der dreitägigen Veranstaltung sollte ich neben anderen Kunstausstellern auch selbst malen. Währenddessen unterhielt ich mich mit einem Fotographen, der der sog. „Schwarzen Szene“ angehörte, also ein Grufti. Entsprechend sahen auch seine Fotos aus: alle düster und gespenstisch. Ich fragte ihn beiläufig, ob er eigentlich an die Existenz Gottes und des Teufels glaube. „Ja, selbstverständlich“, sagte er. „Alles, was in der Bibel steht, ist wahr. Aber ich wünschte mir, dass es alles frei erfunden wäre.“ Ich war verwirrt und fragte, wie er denn darauf komme, dass es einen Gott gäbe. „Jeder Mensch kann doch problemlos erkennen, dass es einen Gott geben muss, und ich bin ihm sogar selbst mal begegnet. Aber ich wünschte mir nichts lieber, dass es keinen Gott gäbe, denn Gott wird mich und alle anderen Menschen eines Tages verurteilen, und es gibt keine Chance, ihm zu entkommen! Ich habe schon oft versucht, nicht an Gott zu glauben und ihn einfach zu ignorieren, aber es gelang mir nie. Das macht mich völlig fertig, denn ich will nicht in die Hölle kommen!“ Ich dachte, dass dieser Typ irgendwie nicht ganz dicht sei und sagte zu ihm: „Bei mir ist es genau anders herum: Ich glaube nicht an die Existenz eines Gottes, aber wenn ich nur einen einzigen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass es Gott gäbe. Denn dann wäre alles wieder gut. Denn ein Gott muss gut sein, sonst könnte er auch kein Gott sein. Ein böser Gott hätte uns schon alle längst vernichtet.“ - „Aber würde ein guter Gott die Menschen in der Hölle quälen?“ fragte er. „Nein, natürlich nicht. Deshalb ist die Bibel ja auch ein Märchenbuch. Ich kann nicht verstehen, wie man daran glauben kann.“ – „Ich weiß, dass die Bibel wahr ist, aber gerade deshalb bin ich voll Furcht und Zittern! Ich wünschte, Gott hätte mich nie erschaffen!“ - Ich dachte nur: Armer Irrer!

Verständlicherweise durfte ich meine Bilder nicht zuhause aufhängen, deshalb lagerte ich sie in der Werkstatt. Als es aber immer mehr wurden, kam mir die Idee, mich mal bei verschiedenen Künstleragenturen vorzustellen, ob sie nicht Interesse hätten, eine Ausstellung meiner Bilder zu machen. Ich nahm also ein Foto von einem meiner Gemälde und zeigte es der Chefin einer Agentur. Sie schaute es an und sagte: „Unsere Agentur vermittelt nur Künstler, die sich schon einen Namen gemacht haben – und nicht solche, die noch in der Findungsphase sind. Tut mir leid, aber ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.“ Ich ging weg und dachte: „‘…die noch in der Findungsphase sind‘? – Was soll das denn heißen?“ Aber sie hatte im Grunde recht, denn einen wirklichen Stil hatte ich ja noch gar nicht. Mein Kunstlehrer in der Oberstufe sagte damals zu mir, dass meine Bilder nichts mit Kunst zu tun hätten, da sie viel zu plakativ seien. „Da kann man ja gleich ein Foto machen“ sagte er. Eine andere Kunstexpertin sagte mal zu mir: „Ihre Technik ist gut, aber Ihnen fehlt das kunsttheoretische Wissen.“

Ich versuchte es weiter bei einer Künstlerin und Galeristin namens Daliah Nordhaus, die ihr Atelier ganz in der Nähe meiner Werkstatt hatte. Wir freundeten uns an, und sie half mir, eine Ausstellung bei sich in der Galerie zu organisieren. Sie meinte, dass meine Bilder einen Verkaufswert von etwa 800,- € pro Stk hätten, dass ich aber maximal nur 500,- € verlangen könnte, da ich noch nicht bekannt sei. Ich sagte, dass ich schon froh sei, wenn ich wenigstens 200 oder 300 € bekäme als Aufwandsentschädigung, aber Delia sagte: „Unter 500,- € darfst Du die Bilder nicht verkaufen, denn dadurch machst Du die Preise kaputt. Außerdem: überleg doch mal, wie viel Zeit Du in jedes Deiner Bilder investiert hast! Willst Du sie dann wirklich für einen Appel und ´n Ei verhökern?“

Wir überlegten, wie man meinen Kunststil bezeichnen könnte, um einen Titel für die Ausstellung zu haben. In Anlehnung an den eher provokanten Stil der „Neuen Sachlichkeit“ (1920-1933) nannte ich meinen Stil einfach die „Neue Unsachlichkeit“. Ich ließ Plakate und Flyer drucken, und Delia nahm Kontakt zum Weser-Kurier auf, der einen kleinen Artikel machte. Am 14.10.12 war dann die Vernissage (Eröffnungsfeier) mit Sektempfang. Es kamen jedoch nur etwa 10 Gäste, die wir mehr oder weniger persönlich eingeladen hatten. Aber keiner kaufte ein Bild. Kein Wunder, denn wer würde schon 500,- € für ein Bild ausgeben, auf dem z.B. die Präsidenten und Premierminister Europas beim G-20 Gipfel alle splitternackt nebeneinanderstehen? Später habe ich die meisten dieser Bilder verbrannt, nachdem ich wieder zum Glauben kam

(https://www.youtube.com/watch?v=0wOhxqjiacM).

Der Fall Krudorf

Wenn man im Jahr für rund 400 Kunden arbeitet, darunter etwa 300 Neukunden, dann kann es schon mal vorkommen, dass es darunter ein schwarzes Schaf gibt, dem man es praktisch nie recht machen kann. Im Nachhinein betrachtet, war Herr Krudorf der bislang schwierigste Kunde, den ich je hatte. Ich spürte dies schon bei meinem ersten Besuch, dass er und seine Frau sehr pingelig sein würden, deshalb beschloss ich sofort, ihm meinen besten Mann zu schicken, Andre Bindemann, zusammen mit dem Lehrling Tarek. Er wollte, dass sein gesamtes Reihenhaus von oben bis unten neu mit Glasgewebe tapeziert werden solle. Ich machte ihm ein Angebot zum Gesamtpreis von rund 6.000, - € brutto. Doch kurz vor Beginn der Arbeiten änderte Herr Krudorf seine Meinung und wollten lieber eine Vliestapete haben. Er suchte sich eine einfarbig cremeweiße aus, die sehr dünn war und kaum Struktur hatte. Ich erklärte Herrn Krudorf, dass bei einer solch dünnen Tapete ein viel höherer Spachtelaufwand erforderlich sei. Trotzdem bestand er aber auf dieser Tapete. Wir spachtelten den Untergrund also zweimal vollflächig inkl. Zwischenschliff, brauchten dafür aber auch fast die doppelte Zeit. Nach einer Woche schrieb ich eine Abschlagsrechnung über 3.000, - €, die mir der Kunde auch prompt bezahlte. Als wir die Arbeiten jedoch fertig hatten und ich die Schlussrechnung über 3.426,94 € geschickt hatte (inkl. Tapeten), rief mich Herr Krudorf an und beschwerte sich, da er mit dem Ergebnis nicht zufrieden sei.

Ich traf mich also noch mal mit den Eheleuten. Herr Krudorf hatte eine Liste angefertigt, die wir durchgingen. Entweder beanstandete er Geringfügigkeiten oder aber Dinge, die man gar nicht hätte besser machen können. So war ich z.B. selbst überrascht, wie sauber und exakt Andre die Tapeten auf Stoß geklebt hatte, so dass man quasi gar keine Naht sehen konnte, obwohl die Tapete so schlicht und gleichmäßig war. Wenn man jedoch ganz genau hinschaute, entdeckte man natürlich trotzdem die Naht, und gerade das störte aber Herrn Krudorf. Ich erklärte ihm, dass man bei einer so dünnen und einfarbigen Tapete immer ein wenig die Naht sehen könne, diese aber doch gar nicht auffallen würde. Als nächstes schob er mir einen Hocker hin, um mir zu zeigen, dass die Türfalzen von oben nicht vollständig lackiert wurden. Dann monierte er, dass die Tapete ein paar Millimeter über den Fliesensockel tapeziert wurde. „Ja, damit man die offene Fuge dahinter nicht sieht“ erklärte ich. Er führte mich ins Wohnzimmer und machte den Rollladen herunter; dann sagte er: „Normalerweise benutzen wir den Rollladen nie, aber wenn man ihn runtermacht und dann mal von hier guckt, wenn die Lampen aus sind, dann sieht man hier mitten in der Wand eine leichte Wölbung, sehen Sie hier…“ Ich erklärte: „Das liegt an dem extremen Streiflicht, das hinten vom Küchenfenster kommt. Wenn aber der Rollladen wieder oben ist, dann sieht man das schon gar nicht mehr.“ – „Das mag ja sein, aber fest steht doch, dass hier nicht ausreichend gespachtelt wurde!“ erwiderte der Kunde. „Man kann aber eine Leistung nur bei den gewöhnlichen Lichtverhältnissen beurteilen und nicht unter extremem Streiflicht. Sie sagen ja selber, dass sie den Rollladen nie herunterlassen. Was stört Sie dann also?“ Von seiner langen Liste blieben am Ende also nur noch Kleinigkeiten übrig, die man locker an zwei halben Tagen ausbessern konnte (unter Berücksichtigung der Trocknungszeit). Er unterschrieb das Abnahmeprotokoll und wir vereinbarten einen Termin für den ersten Teil der Ausbesserung am nächsten Tag. Wie zu erwarten, waren wir gegen Mittag fertig.

Als ich am nächsten Tag den Rest erledigen wollte, verschob der Kunde jedoch den Termin um eine Woche, weil er zuvor einen Gutachter gebeten hatte um eine Stellungnahme. Wie nicht anders zu erwarten, traf ich dann meinen Kollegen Harmsen, der schon oft genug bewiesen hatte, dass er alles andere als unparteiisch war, sondern in seinen Gutachten schrieb, was sein Auftraggeber lesen wollte. Doch zu meiner Freude stellte Herr Harmsen zunächst fest, dass es sich „um eine ausgesprochen gelungene Handwerksarbeit“ handeln würde. Auch Harmsen bestätigte bei mehreren der Punkte, dass diese „nur in Ihrer subjektiven Wahrnehmung existieren“ würden, bei anderen hingegen, dass sie „im Rahmen von hinzunehmenden Toleranzen liegen“. Wenn Herr Krudorf die kaum sichtbaren Nähte als störend empfände, „dann könnte man doch die Tapeten alle noch einmal mit Latexfarbe überstreichen“. Herr Krudorf war entsetzt über diesen Vorschlag. Nur wenige Punkte sah Harmsen als wirkliche Mängel an, so dass ich sehr erleichtert war. So hatten wir eine Stelle in der großen Decke nachgebessert, die man aber leider etwas sehen konnte. Als Herr Krudorf dann mal in den Keller ging, um etwas zu holen, schaute mich Herr Harmsen an und sagte: „Es wird immer schlimmer, Herr Poppe, nicht wahr!“ Ich sagte nur: „Wem sagen Sie das!“ Ich hatte also ein gutes Gefühl, als ich mich verabschiedete, dass es mit Herrn Krudorf doch noch eine einvernehmliche Einigung geben würde.

Doch als zwei Wochen später das Gutachten vorlag, erschrak ich, denn Herr Harmsen hatte die Kosten der Nachbesserung auf brutto 2.178,46 € angesetzt. Eine Unverschämtheit! Dachte ich. Allein für das erneute Abdecken der unteren Etage, um die Decken erneut zu streichen, veranschlagte Harmsen 480,-€, obwohl ich für alle 5 Räume im gesamten Haus zusammen nur 250,- € berechnet hatte. Noch viel unverfrorener war das Begleitschreiben von Herrn Krudorf, in welchem er nicht nur eine Verrechnung der veranschlagten 2.178,46 € mit meiner Werklohnforderung verlangte, sondern zusätzlich noch auch eine Erstattung der Gutachterkosten (537,88 €), sowie angeblich zusätzlicher Reinigungskosten seiner Frau (480,- €). Dann verlangte er eine Entschädigung dafür, dass er seine Zeit investieren musste, um sich mit mir und dem Gutachter zu treffen (10 Std. á 33,07€ = 330,70 €), sah aber hingegen nicht ein, dass er den ursprünglich im KV nicht vorhersehbaren, zusätzlich erforderlichen Spachtelaufwand von 300,- € bezahlen sollte, der nur durch die Änderung seines Tapetenwunsches erforderlich wurde.

Insgesamt wollte er also 3.828,54 € von mir haben, abzgl. meiner Forderung von brutto 3.426,94 €, also 401,60 €, die ich ihm „binnen 10-Tage-Frist“ auf sein Konto überweisen sollte. Offensichtlich hatte Herr Krudorf also weder Skrupel noch Rechtsempfinden. Ich schrieb ihm deshalb: „Ihr Schreiben kann ich beim besten Willen nicht ernst nehmen und ist möglicherweise auch von Ihnen nicht ernst gemeint… Ihre Forderungen sind z.T. aberwitzig, denn … das Gutachten von Herrn Harmsen ist ein von ihnen beauftragtes Privatgutachten ohne gerichtliche Relevanz. Die darin genannten Preise dienen lediglich als Grundlage für eine außergerichtliche Einigung, begründen aber keinen Rechtsanspruch…“ Des Weiteren erklärte ich ihm, dass wir unsere Nachbesserung noch gar nicht abgeschlossen hatten, wir aber einen gesetzlichen Anspruch auf Nachbesserung hätten, die uns der Kunde einräumen muss. Zudem habe Herr Krudorf dem Gutachter ganz viele neue „Mängel“ gezeigt, die gar nicht in seiner ursprünglichen Mängelliste und Abnahmeprotokoll erwähnt wurden und von denen wir deshalb auch noch gar nichts wissen konnten. Eigentlich hätte sich Herr Harmsen bei seiner Begutachtung nur auf das Abnahmeprotokoll beschränken dürfen.

Zum Schluss ließ ich mich dann noch zu folgender Bemerkung verleiten: „Dass aber auch Herr Harmsen der Ansicht ist, dass die von Ihnen beanstandeten Mängel berechtigt sind, wundert mich nicht, schließlich haben Sie ihn – um dies festzustellen – ja auch bezahlt. Oder glauben Sie allen Ernstes, dass er solch ein Gutachten auch geschrieben hätte, wenn ICH ihn beauftragt hätte? Dann wären Sie genauso naiv wie jener Mann, der nach Hause kommt und zu seiner Frau sagt: ‚Schatz, wir haben noch mal Glück gehabt: der Rechtsanwalt, bei dem ich eben war, sieht den Sachverhalt genauso wie ich!‘ Es gilt hier der Grundsatz: Wes´ Brot ich ess´ des Lied ich sing´. Herr Harmsen hat z.B. vor ein paar Jahren auch für mich mal ein solches ‚Gefälligkeitsgutachten‘ geschrieben, das mir jedoch vor Gericht nichts genützt hatte, da der vom Gericht bestellte Gutachter ganz andere Feststellungen traf, die schließlich galten… Herr Harmsen war nicht dazu verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, weil er nicht unter Eid stand. Also hat er das geschrieben, was Sie von ihm hören wollten. Was hätten Sie wohl getan, wenn er geschrieben hätte, dass es sich bei Ihren Beanstandungen um Bagatellen handelt, die zwar eine geringfügige Minderung aber keine Nachbesserung rechtfertigen? Hätten Sie ihm dann wohl auch noch die 537,88 € für das Gutachten bezahlt? Nein! Warum sollten Sie?! - Mich haben Sie doch schließlich auch nicht korrekt bezahlt! Und deshalb blieb Herrn Harmsen gar nichts anderes übrig, wenn er nicht seine Bezahlung verlieren wollte…

Eine Woche später erhielt ich einen Brief vom Gutachter Harmsen. Zunächst stellte er fest, dass es gar nicht erst zu dieser Auseinandersetzung gekommen wäre, wenn ich dem Kunden von Anfang an richtig beraten und ihn von der Entscheidung für diese Tapete abgeraten hätte, da diese praktisch nicht tapezierbar sei, ohne dass man geringfügig auch noch Nähte sehen könnte. Alsdann wies er mit Nachdruck den Vorwurf von sich, es habe sich bei seinem Gutachten um ein „Gefälligkeitsgutachten“ gehandelt. „Sollten Sie diese Äußerung noch einmal wiederholen, werde ich durch Herrn RA Prof. Dr. Ganten Verleumdungsklage gegen Sie einreichen.“ Sein Schlusssatz lautete dann: „Bei dieser Gelegenheit muss ich Ihnen leider auch mitteilen, dass bei Ihnen in den vielen Jahren Ihrer Selbstständigkeit im Umgang mit Kunden noch ein Defizit besteht. Mit freundlichen Grüßen…“ Ich dachte: Ja, mein ‚Defizit‘ besteht wahrscheinlich darin, dass mir in all den Jahren noch kein dickes Fell gewachsen ist, dass ich mich gegen die Heuchelei von Kunden nur dadurch wehren könnte, indem ich selber zum Heuchler werde. Wie leicht lässt sich über die Schwächen anderer Kollegen ungefragt schwadronieren, wenn man selbst nicht ein solches Unrecht erlitten hat, sondern man hingegen auch noch Geld dafür bekommt, wenn man wahrheitswidrig die Dinge so hindreht, wie es der Auftraggeber wünscht!

Anstatt zu vermitteln, hatte Harmsen mal wieder für seinen Brotgeber Partei ergriffen, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als Herrn Krudorf auf Zahlung zu verklagen. Da Richter jedoch selbst keinen Sachverstand haben können, greifen sie bei einer so verfahrenen Lage gern auf den Sachverstand von Gutachtern zurück, die dann de facto für sie die Entscheidung treffen. Da man als Unternehmer erfahrungsgemäß bei strenger gutachterlicher Beurteilung nur verlieren kann, machte ich vor Gericht den Vorschlag, dass nicht ein Gutachter, sondern irgendein neutraler Malermeister unsere Arbeit beurteilen möge. Er solle dann entscheiden, bei welcher der Beanstandungen Krudorfs es sich um einen echten Mangel handele. Ich erklärte mich zudem bereit, diese Mängel dann eigenhändig zu beheben und meine Arbeit dann wiederum von diesem Malermeisterkollegen abnehmen zu lassen. Sollte er dann zufrieden sein, solle der Kunde mir meinen restlichen Werklohn auszahlen. Zum Glück war Herr Krudorf mit diesem Vorschlag einverstanden. Die Einigung wurde zu Protokoll gegeben und die Verhandlung war beendet.

Um jeden Verdacht der Kungelei auszuräumen, einigten wir uns, dass wir keinen Malermeister aus Bremen nehmen sollten, sondern einen unbekannten aus dem Bremer Umland. Die Wahl fiel auf den Malermeister Melchior aus Oyten. Er erklärte sich dazu bereit, die zwei Abnahmen für mich zu machen gegen eine Aufwandsentschädigung. Drei Monate später fand nun die erste Besichtigung statt, und glücklicherweise rügte der Kollege Melchior nur die Decke und die eine Wand im Wohnzimmer. Herr Krudorf bestand jedoch auch auf eine Nachlackierung der Türzargen. Er rückte wieder den Hocker hin und bat Herrn melchior, sich die bereits nachlackierte Oberkante der Zarge anzusehen. „Ich sehe nichts“ sagte Herr Melchior. „Dann schauen Sie bitte mal genau hin! Fällt Ihnen etwa nichts auf?!“ – „Ganz ehrlich, nein. Was meinen Sie denn?“ – „Sehen Sie etwa nicht, dass Firma Poppe beim Nachlackieren der Oberkante einen anderen Lack verwendet hat? Denn das Weiß ist etwas heller als die restliche Zarge.“ Herr Melchior stieg wieder runter vom Hocker und sagte: „Ehrlich gesagt habe ich in all den Jahren meiner Selbstständigkeit noch nie eine Tür von oben lackiert, denn das sieht doch keiner.“

Ich war guten Mutes, dass Herr Melchior der Richtige sei, um meine Arbeit diesmal nüchtern, fair und vor allem unparteiisch zu beurteilen. Denn echte Handwerker wissen eben, auf was es wirklich ankommt, um ein sauberes Ergebnis zu erzielen, ohne sich dabei von realitätsfernen Extrawünschen des Kunden irre zu machen. Man muss „die Kirche eben im Dorf lassen“, wie der Volksmund sagt. So machte ich mich einen Monat später ans Werk. Doch als ich bei Lieferanten die drei Rollen Tapete abholen wollte, erfuhr ich eine böse Überraschung: die Tapete sei nicht mehr lieferbar, da der Hersteller Insolvenz angemeldet hatte. Natürlich glaubte mir der Kunde dies nicht und fuhr persönlich zu meinem Lieferanten. Dort erfuhr er, dass es noch einen Restbestand in Viersen gäbe, dieser aber erst in 4 Tagen per Paketdienst lieferbar sei, also am nächsten Montag. Da die Frist zur Nachbesserung jedoch schon am Freitag enden sollte, schikanierte Herr Krudorf mich mit der Forderung, selbst nach Viersen zu fahren (3 Stunden hin und 3 Stunden zurück), um die Tapete abzuholen. Schließlich verlängerte er schließlich die Frist um eine Woche, wollte sich jedoch eine andere Tapete aussuchen. Als ich jedoch am nächsten Tag kam, machte mir keiner die Tür auf. Auf allen Telefonnummern war niemand erreichbar. Später erfuhr ich, dass er wegen eines Schwächeanfalls in die Notaufnahme gebracht wurde. Fünf Tage später schrieb mir Herr Krudorf, wann es denn endlich bei ihm weiter ginge. Er drohte mir, in ein Hotel zu ziehen und mir die Kosten aufzuerlegen, wenn ich nicht am nächsten Tag fertig werde, da sein Haus „derzeit unbewohnbar“ sei. Am nächsten Tag kam ich mit zwei Gesellen, aber Herr Krudorf war nicht da, sondern nur seine Frau. Ich konnte nichts machen, denn eine neue Tapete hatte er immer noch nicht besorgt. Das Wohnzimmer war schon wieder vollständig eingerichtet – von wegen „unbewohnbar“!

Ich schrieb ihm eine Email, dass ich mit zwei Zeugen feststellen konnte, dass alle Möbel wieder an seinem Platz seien. Daraufhin schreib er: „Die Nutzfähigkeit der Wohnung ist natürlich auch immer eine Frage des Niveaus. Was jedoch überhaupt nicht hinnehmbar ist, dass Sie Ihren Mitarbeitern unter falschen Voraussetzungen Zutritt zu meiner Wohnung verschafft haben. Damit haben Sie:
1. einen Vertrauensbruch begangen, 2. stellt das m.E. einen Straftatbestand dar. Ich lasse gerade prüfen, ob unter solchen Voraussetzungen eine weitere Arbeit mit Ihnen überhaupt noch möglich ist und werde ggf. Strafanzeige erstatten… Sie zeigen mir mit Ihren Mails, dass menschliche Intelligenz messbar ist…
“ Ich rief ihn an und überzeugte ihn schließlich, dass er sich jetzt wirklich mal zusammenreißen müsse, um die gemeinsam die Kuh vom Eis zu kriegen. Ich bestellte den Restbestand Tapete aus Viersen und tapezierte schließlich die Wand. Am Ende sah alles tip top aus, und ich war sehr erleichtert.

Doch als am nächsten Tag Herr Melchior kam, traute ich meinen Augen nicht: Mitten in der Wand war eine kleine Blase entstanden, da die Spachtelmasse an jener Stelle nachträglich abgeplatzt war infolge eines gequollenen Papierschnipsels, der versehentlich nicht abgekratzt war. Die Wand musste also nochmal tapeziert werden! Doch Herr Krudorf weigerte sich und verlangte stattdessen eine Entschädigung. Bei einer weiteren Gerichtsverhandlung fragte die Richterin Herrn Melchior, was er denn für die Nacharbeit bei Herrn Krudorf berechnen würde. Diese Frage kam für ihn völlig unerwartet, und er sagte zögernd: „Also ich hätte etwa 2.000,-€ genommen zzgl. Mwst, also etwa 2.500,- €.“ Ich schaute ihn wutschnaubend an, aber er vermied es, mich anzuschauen. Schließlich verkündigte die Richterin, dass mir Herr Krudorf meinen Werklohn abzüglich der von Melchiors veranschlagten 2.500,-€ zahlen solle, also nur 926,94 €. Ich war fassungslos.

Im Nachhinein betrachtet sehe ich die Erlebnisse mit solchen Kunden wie Herrn Krudorf als ein Gericht Gottes an. Gott hielt mir einen Spiegel vor, um mir zu zeigen, dass ich mich im Grunde genauso gesetzlos und gottlos verhielt wie Herr Krudorf. Doch trotz all meiner Sünden hat Gott mich in dieser schweren Zeit durchgetragen. „Du hast Menschen reiten lassen auf unserem Haupte; wir sind ins Feuer und ins Wasser gekommen, aber Du hast uns herausgeführt zu überströmender Erquickung“ (Psalm 66:12).