"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

(2. Sam. 23:4)

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

»Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte«
(Teil 6)

September bis Dezember 1984

Meine erste „Bekehrung

Am 01.09.1984, einem Sabbat, war ich vormittags wie immer in der Gemeinde. Am Ende wurde mitgeteilt, dass man am Nachmittag um 15:00 Uhr wieder eine Evangelisation machen wolle in der Innenstadt auf dem Ansgaritorplatz. Da es sich für mich nicht lohnte, vorher nach Haus zu fahren, blieb ich wie immer in der Innenstadt und stöberte in der Schallplattenabteilung von Karstadt rum, um mir Schallplatten anzuhören. Auf einmal wurden mitten in Karstadt die Kleiderständer weggeschoben und Tischreihen aufgebaut, die in einem U aufgestellt wurden. Ich fragte einen der Anwesenden, was da los sei und man erklärte mir, dass ein Schachmeister um 14:00 Uhr gegen zehn freiwillige Kunden gleichzeitig spielen würde, und der Sieger bekäme einen Preis. Sofort meldete auch ich mich an, denn diese Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich dachte, dass ich es doch wenigstens mal versuchen sollte, denn ich hatte noch nie gegen einen echten Profi gespielt. Als dann alle ihre Plätze eingenommen hatten vor den Schachbrettern, ging der Schachmeister immer reihum von Brett zu Brett, um innerhalb von drei Sekunden einen Zug zu machen. Schon bald hatte er die ersten Teilnehmer schachmatt gesetzt, aber ich konnte mich noch immer tapfer halten. Als er auf einmal mit seiner geschützten Dame meine Dame bedrohte, da schlug ich einfach seine Dame, wodurch ich auch die meinige opferte. Dadurch aber war es für ihn viel aufwendiger, mich schachmatt zu setzen, so dass ich am Ende als Letzter von seinen Gegnern übrigblieb. Ich hatte kaum noch Figuren auf dem Brett, aber wollte einfach nicht aufgeben, bis es ihm schließlich gelang, auch mich matt zu setzen. Er gratulierte mir für meine Hartnäckigkeit, aber ich schaute plötzlich erschrocken auf meine Uhr: es war schon 16:05 Uhr, d.h. die Evangelisation war schon über eine Stunde im Gange!

Ich lief also schnell zum Ansgaritorplatz, konnte aber unseren Stand nicht sehen. Stattdessen war dort eine andere Freiversammlung mit einem kleinen Chor, der evangelistische Lieder sang. Ich fragte eine von diesen, wo denn die Adventisten seien, und sie sagte mir, dass die schon wieder weg seien, weil jede Gemeinde nur eine Stunde bekäme. Als einziger schaute ich dann einem Schweizer zu, der eine Ansprache an die Leute hielt. Dann begann wieder der Chor zu singen, und der Schweizer ging auf mich zu. „Grüess di. Noa, besch du au ä Chrisst?“ – „Ja!“ antwortete ich stolz. „Also glaubst du, dass Jäsus dein Härr isst?“ – „Ja, natürlich.“ – „Und besch du dann au wiedrrgeborn?“ – „Häh? versteh ich nicht. ‚Wiedergeboren‘ wird man doch nur im Buddhismus.“ – „Nein, der Härr Jäsus sagt, dass niemand ins Reich Gottes komme wird, wenn er nit von Neue gebore ist. Hasch dos no nät gwusst?“ – „Kannst Du mir das mal zeigen, wo das in der Bibel steht?“ fragte ich. „Natürlicch.“ Dann las er mir die Stelle in Johannes 3 vor. Ich erklärte ihm, dass ich erst seit ein paar Monaten in der Bibel lesen würde und bisher erst im 2. Buch der Könige angekommen sei. Dann lud er mich zu einer Zeltevangelisation am Abend um 20:00 Uhr desselben Tages ein beim Freibad Sebaldsbrück, und ich versprach, zu kommen.

Als ich am Abend ankam, war dort ein großes Zelt aufgebaut, das voll war von Besuchern. Ich ahnte nicht, dass ich wahrscheinlich einer von nur wenigen Gästen war, denn die meisten gehörten zur Bremer Missionsgemeinde. Der Bruder aus der Schweiz predigte mit sehr viel Pathos, aber ich war völlig unkonzentriert und hörte kaum zu. Am Ende der Veranstaltung ging er auf mich zu und fragte mich, wie es mir gefallen habe. „Gut!“ log ich. „Un besch denn jetz beräit, deis Labbä de Härrn Jäisus zu übergääbn?“ – „Aber ich bin doch schon ein Christ“, erwiderte ich. „Nein, dos bischt du jez no nät. Denn dir fehlt ja noch die Wiedrrgebuurt. Aber wennt willscht, chönne mir jez zusamä bäten un den Herrn bitten, dass Er di errätte. Biste beräit?“ – „Ja. Also wenn mir noch was fehlt, dann bitte immer her damit. Ich möchte auf jeden Fall ein Christ sein, egal was ich machen muss.“

Dann ging er mir voran in einen Wohnwagen und erklärte mir nochmal ausführlich das Evangelium. Aber wieder war ich so angespannt, dass ich kaum zuhörte. Er stellte mir dann Fragen, die ich vorsichtshalber alle mit „Ja“ beantwortete. Dann bat er mich, mit ihm auf die Knie zu gehen und mich vorm HErrn als Sünder zu bekennen. Ich betete: „Lieber Vater, …“ da unterbrach er mich: „Nein, Du konnst noch gar nät zum Vater bäten, weil Du noch nät Sei Kind bisch. Du musst zum Härrn Jäsus bäten. Pass auf, wir mochn dos so: ich spräche die Worte voor und du sprricchst sie oinfach noach. Abgemocht?“ Und dann fing er an, und ich sprach ihm jeden Satz nach, ohne zu verstehen, was sie bedeuten sollten. Aber ich war überzeugt davon, dass es schon die richtigen Sätze sein würden. Dann sprachen wir das Amen und setzten uns wieder. Er fragte mich, ob ich noch irgendwelche Fragen hätte, als auf einmal der Prediger der Missionsgemeinde, Udo Slopianka, den Wohnwagen betrat zusammen mit Dieter Müller, seiner rechten Hand. Als sie erfuhren, dass ich mich gerade bekehrt hatte, fragte mich Udo: „Und? Hast Du was gespürt?“ Unsicher antwortete ich: „Nein…“ Dann lächelten sie und sagten: „Dann ist es echt. Denn hättest Du jetzt ‚Ja‘ geantwortet, dann hättest Du gelogen, denn bei einer Bekehrung spürt man tatsächlich auch nichts.“ Da war ich erstmal beruhigt.

Dann fragten sie mich, wer ich sei und was ich vom Herrn Jesus schon gelernt hätte. Ich erzählte ihnen, dass ich bisher zu den Siebenten-Tags-Adventisten gehe und dass ich vorhätte, Pastor der Adventisten zu werden. Sie lächelten sich an und sagten: „Um Gottes Willen: bloß nicht, Junge! Die Adventisten sind eine schlimme Sekte, die von einer falschen Prophetin gegründet wurden. Da kannst Du auf keinen Fall mehr hingehen, denn die verführen Dich, an ihre falschen Lehren zu glauben!“ Erschrocken sagte ich: „Aber was soll denn bei uns falsch sein? Wir glauben nur an das, was in der Bibel steht.“ – „Ja, das sagen sie alle von sich. Das behaupten auch die Zeugen Jehovas von sich. Aber entscheidend ist, was wir im Neuen Testament lesen. Die STA stehen noch unter dem Gesetz, und Paulus sagt, dass jeder, der noch unter dem Gesetz steht, unter dem Fluch ist!“ Dann redeten sie zwei Stunden lang auf mich ein, um mich von den Adventisten abzubringen, aber ich verstand nur Bruchteile von all dem. Als wir uns schließlich verabschiedeten, war es schon kurz nach Mitternacht. Ich fuhr mit dem Fahrrad nach Haus, wo ich gegen 0:30 Uhr ankam. Meine Mutter machte mir die Tür auf und schimpfte heftig mit mir, weil sie schon kurz davorstand, die Polizei zu alarmieren. Ich erzählte ihr deshalb nichts, was an jenem Abend passiert war.

Am nächsten Morgen war Sonntag, und ich fuhr zu Manfred und Florian, um mit ihnen im nahegelegenen Baggersee zu schwimmen. Während wir uns von dem langen Ast eines Baumes in den See fallen ließen, erzählte ich Manfred, was am Abend passiert war: „Du, Manni, ich hab´ mich gestern taufen lassen.“ – „Häh?! Wieso hast Du Dich taufen lassen?? Ich dachte, wir wollten uns doch zusammen taufen lassen… Und überhaupt: wie konnte das passieren?“ Dann erklärte ich ihm, was alles am Vortag geschehen war. „Aber das war doch keine Taufe!“ erklärte Manfred. „Wieso nicht?“ fragte ich. „Weil man bei einer Taufe immer im Wasser untertaucht.“ – „Dann war eben eine Trockentaufe!“ – „Quatsch! Sowas gibt es nicht.“ – „Aber was war es denn dann?“ fragte ich. „Keine Ahnung, aber `ne Taufe war das nicht“. – „Die wollten von mir, dass ich nicht mehr zu den Adventisten gehe.“ – „Dann waren die bestimmt vom Teufel!“ erklärte Manfred sofort. „Wie nannten die sich denn?“ – „Missionsgemeinde“ – „Ach, von denen habe ich schon mal gehört. Da geht ja auch diese Sonja Achtmann hin aus unserem Gebetskreis. Und willst Du jetzt auf sie hören und nicht mehr mitkommen?“ – „Nein, natürlich komm ich auch weiter zur Gemeinde, ist doch klar.“ – „Na, dann bin ich ja beruhigt“.


Für ein Jahr lang in die USA

Am darauffolgenden Tag begann wieder Schule – inzwischen die 10. Klasse. Am Ende der Mathestunde sagte unser Klassenlehrer zu uns: „Ich hab‘ hier noch mal was, das ich an Euch weiterleiten soll; und zwar Prospekte von zwei Organisationen, die einen Schüleraustausch in die USA anbieten. Schüleraustausch bedeutet, dass man ein Jahr lang in Amerika zur Schule geht und dann bei einer Gastfamilie wohnt. Falls jemand von Euch Interesse hat, kann er oder sie sich hier gerne bewerben.“ Ich schaute zu Manfred und sagte: „Das wäre doch was für uns!“ Ich hatte schon al Kind davon geträumt, einmal als Cowboy quer durch Amerika zu traben, einmal von Ost nach West. Und jetzt bot sich diese einmalige Chance! Manfred ließ sich überreden, und wir füllten beide einen Antrag aus, und zwar er beim „American Field Service“ (AFS) und ich bei „Youth for understanding“ (YFU).

Schon eine Woche später wurde Manfred zu einem Casting eingeladen. Er berichtete mir danach, dass da mehrere Kandidaten gegeneinander antraten und er in der ersten Vorauswahl nominiert wurde, d.h. nun eine Runde weiter war. Er erklärte mir, dass die Organisatoren staatliche Förderungen bekämen, unter der Bedingung, unter allen Bewerbern nur die geeignetsten auszuwählen, um Deutschland in den USA würdig zu vertreten. Deshalb würden bei jedem Casting alle Kandidaten gegeneinander antreten in einem Wettbewerb, bei dem eine Jury dann entscheidet, wer von den Teilnehmern die Aufgaben am besten gelöst habe, um eine Runde weiterzukommen. Da ich bisher aber noch nicht einmal eine Einladung bekommen hatte, rechnete ich mir kaum noch Chancen aus und war sehr traurig, dass Manfred allein genommen werde. Doch dann kam endlich auch für mich die Einladung von Youth for Understanding.

Ich wurde zu einem Hotel in der Innenstadt eingeladen und sollte in einem Wartebereich Platz nehmen, wo schon vier andere Bewerber saßen. Wir waren alle hochnervös und sprachen kein einziges Wort miteinander. Dann wurden wir gebeten, einen Raum zu betreten. Ein älterer Mann stellte sich vor, dass er von Beruf Richter sei und hier ehrenamtlich mit den beiden anderen anwesenden Frauen die Jury bildete. Er erklärte uns, dass wir Kandidaten uns einmal vorstellen sollten, dass wir die Delegierten eines Stadtrates wären, die sich jetzt mal 20 Minuten lang über die Frage unterhalten sollten, ob man überschüssige Einnahmen im Haushalt lieber für ein neues Wohnheim für Gastarbeiter oder für die Sanierung einer Schule ausgeben sollte. Während meine Gesprächspartner noch unschlüssig waren, wie sie überhaupt anfangen konnten, übernahm ich sofort die Führung und erklärte, warum die Schule doch Vorrang haben müsse. Mir war klar, dass es jetzt um alles oder nichts ging, weshalb ich mich geradezu mit Leidenschaft in dieses langweilige Thema hineinsteigerte. Zum Glück bekamen meine Konkurrenten den Mund kaum auf, so dass ich am Ende gewählt wurde, um in die Endausscheidung zu kommen.

Als nächstes sollte ich einen mehrseitigen Bericht über mich auf Englisch schreiben, d.h. über meine Familie, meine Hobbys und über meine Interessen und Überzeugungen. Nachdem ich meine Eltern und Geschwister vorgestellt hatte, schwadronierte ich wortreich wie ein Politiker über meine idealistischen Ziele und Ansichten, insbesondere über meinen christlichen Glauben und dass ich einmal Prediger bei den Siebenten-Tags-Adventisten werden wolle. Und dann kam das für mich völlig Unerwartete: während ich schließlich als Austauschschüler genommen wurde, bekam Manfred überraschenderweise eine Absage. War sein Englisch vielleicht nicht gut genug? Oder hatte er irgendeine Ansicht vertreten, die nicht opportun war? Er war natürlich sehr traurig und enttäuscht, und mir fiel es schwer, ihn zu trösten.

Einige Wochen später erhielt ich die Unterlagen über den genauen Ablauf. Alle Kandidaten mussten noch an einem einwöchigen Seminar teilnehmen, wo sie über Land und Leute aufgeklärt und typische Konfliktsituationen einüben sollten. Jeder Austauschschüler bekam einen ehrenamtlichen Betreuer in den USA zugeteilt. Unsere Berichte wurden dazu verwendet, um unter den Gastfamilien eine jeweils geeignete für jeden auszuwählen. Da ich sehr viel über meinen christlichen Glauben geschrieben hatte, wurde ich einer Baptisten-Prediger-Familie zugeteilt, nämlich der Familie Huntley aus Minnesota. Und ein paar Monate später bekam ich dann auf einmal auch Post von der 14-jährigen Tochter Heather, die mir schrieb (übersetzt): „Lieber Simon, wir freuen uns sehr, dass Du nächstes Jahr bei uns wohnen wirst. Mein Vater John ist von Beruf Pastor, Zimmermann und Maler. Er hat braune Augen. Meine Mutter Ann hat grüne Augen, und ich habe bräunlich-grüne Augen. Welche Augenfarbe hast Du denn? …“ Ich wunderte mich ein wenig, dass ihr die Auskunft über die Augenfarbe ihrer Familie so wichtig war. Am 06.08.1985 sollte die Reise beginnen. Aber als mein Vater die Rechnung für Flug und Betreuung bekam in Höhe von 6.900,- DM war er doch ziemlich erschrocken. Er sagte zu mir: „Wenn Du unbedingt in die USA willst, musst Du Dich auch an den Kosten beteiligen. Ich finde, Du solltest mindestens 2.000, - DM selber aufbringen.“ Damit war ich einverstanden und bot meinem Vater als erstes an, meine Briefmarkensammlung für 1.500, - DM in Zahlung zu nehmen. Die restlichen 500,- DM wollte ich vom Taschengeld sparen.


Sabbat oder Sonntag?

An einem Samstag Anfang Oktober´84 war ich wieder in der Bremer Innenstadt, als ich am Ansgaritorplatz wieder jene Freiversammlung sah, durch die ich mich einen Monat zuvor bekehrt hatte. Ein Bruder namens Dieter Müller (40) erkannte mich und kam auf mich zu. „Hallo Simon. Schön Dich wiederzusehen. Wie geht´s Dir?“ Wir plauderten eine Weile, und dann lud er mich in seine Gemeinde zur Jugendstunde ein: „Ich bin der Leiter der Jugendgruppe, und wir treffen uns jeden Samstag um 18:00 Uhr zur Bibelstunde, also heute Abend. Wenn Du Zeit und Lust hast, bist Du gerne eingeladen. Und zwar sind wir die Missionsgemeinde Bremen und unser Versammlungsraum ist im 3. OG eines Bürogebäudes An der Weide 27, etwa 500 m vom Hauptbahnhof entfernt.“ Ich war neugierig und versprach, zu kommen.

Die Gruppe bestand aus etwa 15 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Dort war auch jene Sonja Achtmann, die in unseren Schüler-Gebetskreis ging, aber irgendwann nicht mehr kam. Sie freute sich, dass ich gekommen sei und erklärte: „Tut mir leid, dass ich nicht mehr gekommen bin. Die Ältesten unserer Gemeinde haben mir dies untersagt, weil Manfred und Du zu den Adventisten geht.“ Dann ging’s los, und Dieter sprach über den Guten Hirten in Johannes 10. Am Ende stellte er fragen, um zu prüfen, ob wir den Text auch verstanden hatten. Sofort fiel mir auf, dass die anderen Jugendlichen die Bibel schon ziemlich gut kannten. Ich hingegen kam kaum hinterher mit dem Aufschlagen von Bibelstellen. Auf einmal fragte Dieter: „Wer sind denn die Hunde des Guten Hirten?“ – Ich wunderte mich über die Frage, denn im Text war ja gar nicht von Hunden die Rede. „Die Dämonen?“ fragte einer. „Nein. Dämonen werden nicht als ‚Hunde‘ bezeichnet, sondern als ‚Vögel‘. Überlegt doch mal…“ Da meldete sich Sonja: „Die bösen Arbeiter?“ – „Ja genau, die meinte ich!“ sagte Dieter erfreut. Ich verstand nur Bahnhof. „Was denn für ‚böse Arbeiter‘?“ fragte ich. „Das sind Gemeindemitarbeiter, die andere Christen schädigen. Paulus spricht von solchen in Phil.3:2.“ Und dann machte er weiter, so als ob ich seine Antwort hätte verstehen können.

‚Hirtenhunde helfen doch den Schafen, damit sie beisammenbleiben‘ dachte ich. ‚Aber erstaunlich, dass Sonja überhaupt wusste, dass es im Philipperbrief diese Stelle über Hunde gibt! Dabei ist sie erst 15 Jahre alt! Die muss ja wirklich jeden Tag in der Bibel lesen, um so schlau zu sein! So gut würde ich auch gerne mal die Bibel kennen! Das hatte mich jetzt wirklich schwer beeindruckt. In dieser Gemeinde kann ich noch richtig was lernen!‘ dachte ich. Am Ende der Bibelstunde fragte mich Dieter, wie es mir gefallen habe. „Auch wenn für Dich vieles noch neu ist, aber Du kannst das nach und nach verstehen, wenn Du nur öfter kommen würdest. Weiß Du, Simon, wenn jemand sein Leben dem HErrn übergibt, dann kommt er danach normalerweise auch regelmäßig in eine christliche Gemeinde.“ – „Aber ich gehe ja schon immer in eine Gemeinde, nämlich zu den Adventisten!“ erwiderte ich. „Das ist aber keine biblische Gemeinde, sondern eine Sekte. Das haben wir Dir doch erklärt“. Peinlich getroffen gab ich zu: „Ja, aber das habe ich noch nicht ganz verstanden.“ – „Dann komm morgen doch auch mal mit in unseren Gottesdienst, dann kann ich Dir das im Anschluss nochmal ausführlich erklären. Du bist herzlich eingeladen! Unser Gottesdienst beginnt um 10:30 Uhr.“ - Ich versprach zu kommen.

Als ich ankam, war ich etwas verwundert, weil es in dem etwa 100 qm-großen Gottesdienst-Raum gar kein Kreuz gab, sondern nur ein großer Schriftzug an der Wand war, wo mit roten Buchstaben stand „JESUS LEBT“. Die etwa 70 Besucher waren – wie ich später erfuhr – schon seit über einer Stunde hier, weil sie von 9:00 – 10:00 Uhr das Abendmahl feierten. Nach dem Gesang und Gebet predigten drei Brüder, wobei der letzte von ihnen, Udo Slopianka (ca. 55) offensichtlich der Hauptprediger war. Nach dem Gottesdienst kamen zwei Brüder auf mich zu, Dieter und Karl-Heinz, und redeten auf mich ein, dass ich nicht mehr zu den Adventisten gehen dürfe, da sie nicht aus Glauben, sondern aus Gesetzeswerken gerechtfertigt werden wollen, was aber nach den Worten von Paulus unmöglich sei (Röm.3:20, Gal.2:16). Ich notierte mir die Verse und versprach, dass ich das prüfen würde.

Am darauffolgenden Sabbat wandte ich mich an Edgar Machel, den neuen Jugendleiter der Adventisten und konfrontierte ihn mit diesen Bibelstellen. Er erklärte mir, dass man unterscheiden müsse zwischen der Rechtfertigung aus Glauben an Christus und der Nachfolge als Christ, bei welcher man aus Liebe und Dankbarkeit freiwillig die Gebote Gottes hält. „Schau mal, der HErr Jesus sagt: ‚Wer mich liebt, der hält meine Gebote‘ (Joh.14:15) und im Johannesbrief steht: ‚Seine Gebote sind nicht schwer‘. Die Christen heute erkennen alle an, dass man die zehn Gebote halten müsse, aber tatsächlich werden nur neun Gebote befolgt, aber das Sabbatgebot wird einfach ignoriert.“ Das leuchtete mir absolut ein, und ich war neugierig, was die Missionsgemeinde darauf erwidern würde. Am nächsten Sonntag setzte ich mich wieder mit den Brüdern zusammen und berichtete ihnen, was der Prediger der Adventgemeinde mir mitgegeben hatte. „Ja, wir sollen die Gebote Christi halten, aber nicht mehr die Gebote aus dem Alten Testament! Wenn Du mal in der Bergpredigt liest, dann sagt Jesus immer wieder: ‚Ihr habt gehört, was geschrieben steht… Ich aber sage euch…‘ Und dann gibt Jesus eine ganz andere Anweisung. Zum Beispiel war das Schwören, die Ehescheidung oder der Hass auf die Feinde im Alten Bund noch erlaubt, aber Jesus verbietet es! Dafür erlaubt Jesus aber andere Dinge, die im Gesetz Mose verboten waren, z.B. das Heilen am Sabbat oder das Essen von Schweinefleisch. Denn Er sagt, dass nichts in den Körper eingehen könnte, was den Menschen verunreinigt.“

Wieder hatte ich mir alles notiert und ging am nächsten Sabbat zum Jugendleiter der Adventisten, um zu hören, was er dazu erwidern könnte. „Nein, das ist völlig falsch. Der Herr Jesus hat nichts anderes getan und gelehrt, als das, was im Gesetz stand, sondern hat die Gebote Gottes nur richtig ausgelegt. Er sagt sogar ganz klar, dass Er nicht gekommen sei, das Gesetz abzuschaffen, sondern um es zu erfüllen (Mt.5:17). Nicht ein Buchstabe vom Gesetz soll jemals aufgehoben werden; und wer das Gesetz tut und lehrt, wird großgeheißen werden im Reich der Himmel (Mt.5:18-19). Deshalb gingen die Apostel auch jeden Sabbat in die Synagoge zum Gottesdienst. Erst die Katholische Kirche hat dann später unter Kaiser Konstantin den biblischen Sabbat abgeschafft und ihn gegen den heidnischen Sonntag ausgetauscht zu Ehren des römischen Sonnengottes. Aber Gottes Gebote ändern sich nicht. Lies mal was Paulus hier schreibt: ‚Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Keineswegs! Sondern wir bestätigen das Gesetz‘. Wer die Gebote einfach ignoriert, den nennt die Bibel einen ‚Gesetzlosen‘. “

Allmählich schwirrten mir die Argumente nur so im Kopf herum und ich kam völlig durcheinander. Ich musste jetzt endlich mal wissen, wer von beiden Gruppierungen hier die Bibel richtig auslegt. Also ging ich wieder zur Missionsgemeinde und legte ihnen die Argumente der Adventisten vor. „In Matthäus 5 spricht Jesus zu den Juden, aber nicht zur Gemeinde, denn die gab es ja noch gar nicht. Wer aus Glauben gerechtfertigt wurde, der braucht das Gesetz Mose gar nicht mehr halten, denn Paulus schreibt, dass das Gesetz nicht für Gläubige bestimmt ist, sondern nur für Gesetzlose (1.Tim.1:8-10). Wenn ein Christ heute noch das Gesetz halten will, dann ist er aus der Gnade gefallen und wird schon bei einer einzigen Übertretung sofort an allen Geboten schuldig (Gal.5:3-4, Jak.2:10). Paulus befürchtete bei den Galatern, dass er ganz umsonst an ihnen gearbeitet habe, da sie noch immer den Sabbat und andere Feiertage aus dem Gesetz einhalten wollten (Gal.4:10-11). Im Neuen Testament findest Du nirgends eine Aufforderung, noch den Sabbat zu halten. Als Jesus gefragt wurde, welche Gebote zu halten sind, nennt Er fast alle, außer den Sabbat (Lk.18:20), denn dieser hat sich geistlich erfüllt für jemanden, der durch Jesus in die Ruhe Gottes eingegangen ist (Hebr.4:3-10) …“ Hier unterbrach ich: „Aber wenn Jesus doch selbst sagt, dass keines der Gebote Gottes je aufgelöst wird, dann gilt das doch auch für den Sabbat, oder etwa nicht?“ – „Natürlich bleiben die Gebote Gottes bestehen, aber sie gelten nur für die Ungläubigen, die ja noch unter dem Gesetz sind – lies Römer 3:19! Für uns Christen gilt das, was Paulus in Röm.14:5 sagt: ‚Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich. Ein jeder aber sei in seinem eigenen Sinne völlig überzeugt‘.“ Diese Stelle gefiel mir gut, und ich notierte sie mir.


Worte oder Taten

Als ich ein paar Tage später von der Schule nach Hause kam, sah ich auf einmal eine alte Frau an der Straße, die weinte. Ich bremste und fragte sie, was denn los sei. Sie erzählte mir mit tränenerdrückter Stimme, dass sie vorhin ihre Rente bei der Sparkasse abgeholt habe und jemand dann ihr Portemonnaie gestohlen habe. Und jetzt sei ihre ganz Rente weg, und sie wisse nicht, wie sie den ganzen Monat über die Runden kommen solle. Sie tat mir sehr leid, und ich überlegte, wie ich ihr helfen könnte. Da fiel mir auf einmal ein, dass die Adventisten jeden Sabbat immer mitteilen, für welchen Zweck diesmal die Kollekte sei. Daraufhin ging ich mit ihr in eine Telefonzelle und fragte Pastor Bernd Bangert, ob man nicht die nächste Kollekte einfach für diese arme Rentnerin spenden könne. Bernd versprach mir, dass er mal mit dem Vorstand sprechen würde, ob dies möglich sei. Bald darauf konnte ich dann der Rentnerin mitteilen, dass der Vorstand einverstanden sei und sie am nächsten Samstag mit mir zur Adventgemeinde fahren könne, um dort die Kollekte in Empfang zu nehmen. Sie war überglücklich und bekannte dann auf der Rednerbühne, dass sie hier wirklich praktische Nächstenliebe erfahren habe und deshalb von nun an öfter kommen wolle. Ich dachte damals: ‚Das stimmt wirklich: Die Adventisten kennen zwar die Bibel nicht so gut wie die Missionsgemeinde, aber dafür sind sie viel liebevoller und glaubwürdiger als die Brüder der Missionsgemeinde, die irgendwie immer ziemlich lieblos und unsympathisch wirken!

Ich machte einen Termin bei Bernd Bangert, um mit ihm über meine Zukunftspläne zu sprechen. Vor allem wollte ich wissen, ob ich auch dann noch Adventistenprediger werden könne, wenn ich nicht an den Sabbat glauben würde. Nachdem ich ihm von meinen Besuchen in der Missionsgemeinde berichtet hatte und was ich dort von den Brüdern gelernt hatte, erklärte ich ihm freimütig, dass wir die zehn Gebote nicht mehr halten brauchen, weil diese zum Alten Bund gehören, der nicht mehr gelte. Bernd lächelte und sagte: „Dann sollte ich wohl jetzt etwas besser auf mein Portemonnaie aufpassen… - nicht, dass Du es mir gleich stehlen wirst!“ – „Aber warum sollte ich das tun?“ fragte ich. „Na wenn Du sagst, dass die Gebote nicht mehr gelten, dann kannst Du ja jetzt machen, was Du willst.“ – „Theoretisch ja“, erklärte ich, „aber praktisch nicht, denn ich verzichte als Christ freiwillig darauf, andere zu bestehlen!“ – „Das sagst Du jetzt so, aber wenn es allein auf Freiwilligkeit beruht, dann könnte Dir ja später in den Sinn kommen, mich doch zu bestehlen, zumal Dich ja nichts daran hindert.“

Da ich wusste, dass ich keine Chance hatte gegen die Argumente von Bruder Bangert, verzichtete ich auf einen weiteren Disput und erklärte stattdessen: „Ich will Adventist bleiben und sogar auf der Marienhöhe in Darmstadt Theologie studieren. Aber muss ich denn unbedingt auch an den Sabbat glauben, wenn ich nicht richtig davon überzeugt bin?“ – „Dann frage ich mal zurück: Warum willst Du unbedingt Prediger bei den Adventisten werden, wenn Du unsere Lehren nicht alle teilst? Wenn ich Du wäre, dann würde ich lieber bei der Evangelischen Kirche Theologie studieren.“ Dann beugte er sich verschwörerisch vor und flüsterte mir zu: „Ganz ehrlich, mach das mal! Denn da verdienst Du auch mehr.“ Dann schenkte er mir noch zwei Bücher: „Ein fast vergessenes Geschenk“ (über den Sabbat) und „Kein Tod mehr! – wann beginnt das ewige Leben?“, beide von Gustav Tobler.

Am nächsten Sonntag ging ich wieder zur Missionsgemeinde, und nach dem Gottesdienst fragte mich Bruder Karl-Heinz: „Na, Simon, hast Du es denn jetzt endlich verstanden mit dem Sabbat?“ – „Ja, jetzt habe ich es verstanden, dass es ganz egal ist, ob man nun den Sabbat hält oder den Sonntag, sondern jeder kann es machen, wie er möchte. Ich z.B. habe mich entschieden, sowohl den Sabbat als auch den Sonntag für den HErrn zu halten.“ Eigentlich hatte ich insgeheim gehofft, eine zufriedenstellende Antwort abgegeben zu haben, aber die Miene von Karl-Heinz verzog sich und er sagte: „Simon, ich fürchte, wir müssen uns doch nochmal hinsetzen, denn Du hast es immer noch nicht verstanden.“ Er ging mit mir und einem anderen Bruder in ein Nebenzimmer und erklärte: „Petrus warf jenen Christen, die am alten Bund festhalten wollten, vor, dass sie Gott versuchen würden – stell Dir mal vor: Es ist eine Versuchung Gottes! denn sie legen mit dem Gesetz ein Joch auf den Hals der Jünger, das weder sie noch ihre Väter je zu tragen vermochten (Apg.15:10). Und an jenem Tag beschlossen die Apostel einstimmig, dass man die Heiden nicht mehr beunruhigen dürfe, die sich zu Christus bekehrte hatten, sondern dass sie nur noch vier Dinge aus dem Gesetz zu befolgen hätten, nämlich keine Götzen, keine Hurerei, kein Ersticktes essen und kein Blut trinken (Apg.15:20). Von allen anderen Geboten sind Gläubige des Neuen Bundes befreit.“

Ja, aber ich kann doch freiwillig den Sabbat halten. Oder ist das etwa eine Sünde?“ Dieter schüttelte verständnislos den Kopf: „Du verstehst es einfach nicht. Christus ist das Ende des Gesetzes (Röm.10:4), aber wenn Du noch immer an den Vorschriften des Alten Bundes festhalten willst, dann verleugnest Du das Werk Christi in Deinem Leben! Paulus warnt die Kolosser, dass niemand sie um den Kampfpreis bringen möge, der noch eigenwillig an Sabbaten oder Neumonden festhält (Kol.2:16-17). Das ist ein Spiel mit dem Feuer, denn es gibt nur diese beiden Möglichkeiten: entweder die Gnade oder das Gesetz!“ – „Und wenn ich nicht den Sabbat halte, darf ich dann wenigstens noch zu den Adventisten gehen? Ich gehe doch schließlich auch zu Euch…“ – „Aber dann hinkst Du auf beiden Seiten! Außerdem: Was bringt es Dir, wenn Du dort weiter hingehst, wenn die doch nur Irrlehren verbreiten?!“ – Ich senkte den Kopf: „Weil dort all meine Freunde sind…