"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 18


Januar - Dezember 1989

Gesunde Ernährung

Wenn man – wie meine Gasteltern Edgard und Hedi – sein Haus für den HErrn geöffnet hat, hat man den Vorteil, dass man immer wieder die ungewöhnlichsten Menschen kennenlernt, die zu Besuch kommen. Denn jeder bringt meist irgendetwas mit, von dem er mit geradezu missionarischem Eifer überzeugt ist, dass es nicht nur das eigene Leben bereichert hat, sondern auch noch das der anderen verbessern werde. Für junge Menschen wie mich, die gerne mal etwas Neues hören wollten, sind gerade solche Sonderlinge spannend, weil man von ihnen meist viel lernen kann – im positiven oder im negativen Sinn. Aber wenn man schon älter geworden ist, kann man so viele neue Reize gar nicht mehr gut vertragen und wünscht sich eigentlich nur noch seine Ruhe. Edgard und Hedi hatten schon genug damit, die Eigenheiten und heimlichen Nörgeleien der eigenen Glaubensgeschwister zu ertragen und konnten deshalb gut auf weitere Überraschungen von außen verzichten. Als ich z.B. Bruder Elieser einmal voller Begeisterung mitteilte, dass neuerdings eine ganze Familie zu uns in die Versammlung gehe, sagte er nur ernüchtert und abgeklärt: „Ach, weißt Du, Simon, das reizt mich schon lange nicht mehr, denn neue Gläubige bringen immer auch neue Probleme mit sich.“

An einem Abend bekamen Edgard und Hedi unerwarteten Besuch von einem Bruder namens Ludwig Fischer, den die beiden noch von früher kannten. Er gehörte zur Blumenthaler Baptistengemeinde, aber war schon seit langer Zeit nicht mehr bei Böhnkes vorbeigekommen. Als sie ihn zum gemeinsamen Abendessen einluden, sagte Ludwig: „Ich muss Euch bekennen, dass ich nicht mehr alles esse, was man mir serviert, sondern nur noch lebendige Nahrung zu mir nehme“. Edgard war irritiert: „Nanu, bist Du denn krank, dass Du jetzt eine besondere Diät machen musst?“ – „Nein, das nicht,“ antwortete Ludwig, „aber ich war sehr oft krank und hatte ständig rheumatische Schmerzen bis etwa vor zwei Jahren, bis mir auf einmal klar wurde, woran das liegt: Es liegt an der ständigen Übersäuerung unseres Körpers mit all dem überzuckerten oder verkochten Fraß, den die Industrie uns heute als ‚Lebensmittel‘ verkaufen will, obwohl er als Mittel zum Leben gar nicht mehr taugt und noch nicht einmal mehr Leben enthält.“ Nun schauten wir alle ahnungslos auf Ludwig und mussten zugeben, dass wir noch immer keinen Schimmer hatten von dem, was er uns gerade zu erklären versucht hatte.

Ich will es mal ganz simpel erklären an einem Beispiel: Wir alle wissen, dass ein Mensch stirbt, wenn er eine Fiebertemperatur von 42 °C erreicht. Grund dafür ist, dass bei 42 °C lebenswichtige Bausteine in den Zellen sterben, und zwar die Enzyme. Das sind bestimmte Proteine, die der Mensch durch lebendige Nahrung in sich aufnimmt. Alles was also über 42 °C erhitzt wurde, ist keine lebendige, sondern tote Nahrung, weil ihr die lebenswichtigen Enzyme fehlen. Wer also seinen Körper gesund erhalten will, sollte auf das Kochen, Braten und Backen lieber verzichten, sondern nur noch alles roh essen.“ Edgard warf ein: „Aber dann müssten wir doch alle längst erkrankt sein, weil wir uns bisher nie an solch eine Regel gehalten haben…“ – Ludwig hielt dagegen: „Nicht krank zu sein, bedeutet ja noch lange nicht, gesund zu sein, denn es ist ja ein schleichender Prozess. Ich z.B. habe früher immer gerne Kuchen und Kekse gegessen und mich gewundert, warum meine Gelenke immer häufiger schmerzten. Seit ich aber meine Nahrung umgestellt habe, habe ich keinerlei Beschwerden mehr, sondern fühle mich so fit wie nie zuvor! Es ist in dem Buch von Ernst Günter, der über diese enzymreiche Ernährung schreibt, auch von vielen Fallbeispielen berichtet, wie Menschen durch diese Nahrungsumstellung sogar von Krebs geheilt wurden. Seine eigene Tochter – so schreibt dieser Schweizer Autor – die von Kind auf nur Rohkost gegessen hat, ist z.B. noch nie krank gewesen! Denn letztlich sind ja sämtliche Krankheiten, die wir heute haben, zivilisationsbedingt, d.h. erst durch die moderne Industrienahrung überhaupt entstanden.“

Hedi war sehr angetan von diesen Erklärungen und schon fast überzeugt. Doch hatte sie noch ein paar Fragen: „Was ist denn mit Kartoffeln oder Fleisch? Die kann man doch schließlich nicht roh essen!“ – „Man muss ja auch nicht unbedingt Fleisch essen, denn das war von Anfang der Schöpfung ohnehin nicht von Gott vorgesehen, sondern ein Zugeständnis nach dem Sündenfall.“ Jetzt meldete sich Edgard energisch zu Wort: „Aber die Schrift sagt doch klar, dass wir alles essen dürfen, was auf dem Fleischmarkt angeboten wird und uns kein Gewissen machen brauchen. Was Gott gereinigt hat, dürfen wir nicht für unrein erklären!“ – „Ja, das stimmt,“ räumte Ludwig ein, „aber Paulus sagt auch: ‚Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich‘. Das ist ja im Glaubensleben ebenso: Wenn ich mich mit geistlich ungesunden Dingen befasse, wird auch mein Glaube allmählich ungesund. Und ebenso ist es ja schon im Natürlichen: Wenn ich ständig nur totes, verkochtes Essen zu mir nehme, dann muss ich mich nicht wundern, wenn ich im kränker werde.“ – Nun mischte auch ich mich in die Diskussion ein: „Aber wenn das so einfach wäre, dann hätte man doch schon längst öffentlich vor gekochter oder gebratener Nahrung gewarnt.“ – „Ja, aber das ist ja gerade der Skandal, dass die Pharmaindustrie gar kein Interesse daran hat, dass alle Menschen durch die lebendige Nahrung gesund bleiben, weil sie dann ihre Medikamente nicht mehr verkaufen könnten. Deshalb verraten sie natürlich niemandem, dass sie sich nur von Rohkost ernähren bräuchten, um gesund zu bleiben. Das ist doch ganz klar. Sie verdienen zwar auch viel Geld durch den Verkauf von synthetisch hergestellten Vitaminen oder Mineralien, aber eben nicht mit Enzymen, weil sich diese nicht künstlich herstellen lassen, sondern überall für wenig Geld verfügbar sind im rohen Obst und Gemüse. Das sollen aber die Leute nicht wissen, damit sie weiterhin Industrienahrung kaufen.“

Das leuchtete mir ein und überzeugte mich. Auch Hedi war sehr dankbar für all diese neuen Informationen. Aber Edgard blieb noch immer skeptisch. Als Ludwig wieder gegangen war, wies Edgard darauf hin, dass Ludwig kein einziges Wort vom HErrn Jesus gesagt hatte und fragte sich, ob diese neue Gesundheitslehre vom Ludwig Fischer nicht ein anderes Evangelium darstellen könnte. Hedi aber nahm die Anregungen durchaus ernst und erinnerte Edgard an seine häufigen, rheumatischen Beschwerden und an seine schmerzhaften Kniegelenke: „Dir könnte es wirklich helfen, wenn Du Dich mal wieder etwas gesünder ernährst und vor allem nicht immer so viel isst!“ Tatsächlich war Edgard ja schon seit Jahren adipös, so dass ihm das Traktate-Verteilen an die Briefkästen zunehmend schwerer viel. Beim Gehen wippte er immer hin- und her wie eine Ente, weil ihm wohl die Knie wehtaten. Er sagte immer, dass dies Durchblutungs-Störungen seien, weil er früher als junger Soldat oft in kalten Pfützen knien musste. Mir schien aber auch, dass es eher an seinem guten Appetit lag, vor allem weil er die Angewohnheit hatte, der Hedi zuliebe auch noch die Reste im Topf aufzuessen, damit dieser abgewaschen werden kann.

Doch schon bald nach Ludwigs Besuch wurde Edgard auf einmal tatsächlich schwer krank. Wir dachten, dass es eine normale Grippe sei, denn er hatte Fieber und Schüttelfrost. Aber bei der Laboruntersuchung seines Blutes stellte sich heraus, dass Edgard Leukämie hatte, allerdings eine sehr harmlose Form, die nur bei älteren Menschen auftritt und mit der man noch jahrelang weiterleben kann, weil der Krebs nur sehr langsam fortschreitet. Als wir damals Edgard am Krankenbett besuchten, sah ich zum ersten Mal einen ganz anderen Charakterzug bei Edgard, den er wohl nur heimlich in Anwesenheit seiner Frau übt: er gab sich total kindlich wie ein kleiner Junge, der es genoss, dass Hedi ihn wie eine Mutter umtüddelte. Er redete mit ihr in der Sprache eines Kleinkinds, wodurch er Hedi zum Lachen brachte. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es zwischen Eheleuten so eine Art alberne Geheimsprache gibt, woran schon der Philisterkönig Abimelech erkannte, dass Isaak und Rebekka verheiratet sein mussten (1.Mo.26:8-9). Im Grunde suchen die meisten Männer in ihrer Frau eben auch die Mutter und genießen es, wenn sie von dieser gelegentlich bemuttert werden.

Als es Edgard besser ging, unterwarf Hedi ihm einer strengen Diät, wie sie sein Arzt empfohlen hatte. Das allabendliche Apfelessen aus purer Langeweile hörte schlagartig auf. Stattdessen tat Hedi um so mehr Knoblauch ins Essen, der ja als ein natürliches Antibiotikum wirkt und den Körper von Schadstoffen reinigt. Hedi war so überzeugt vom Knoblauch, dass sie sich diesen sogar in ihr Müsli reinschnippelte. Elieser hatte mal gesagt, dass der Schwefelgeruch vom Knoblauch schon bald verschwinde, wenn der Körper irgendwann ganz gereinigt sei. Doch an einem Tag hatte es Hedi dann wirklich übertrieben: Sie hatte sich zu Mittag für sich und Edgard ein Gesundheitsgetränk gemixt, das nur aus rohem Gemüse und Knoblauch bestand und es dann gemeinsam getrunken. Als ich später von der Arbeit nach Haus kam, lagen sie beide schweißgebadet und mit rasendem Herzen auf dem Sofa und warteten, bis der starke Effekt endlich wieder nachließ. Jetzt war ihnen klar, dass man es mit der Gesundheit auch übertreiben konnte.

Die Heilige Einfalt

An einem Tag übergab mir Hedi ein Buch von Fritz Binde mit dem Titel „Die Heilige Einfalt“ und erklärte mir freudestrahlend, dass dies eines der besten christlichen Bücher sei, das sie je gelesen habe. Sie bat mich, das Buch ebenfalls zu lesen, da es ihr selbst eine große Hilfe geworden sei, endlich „die Personen loszulassen“. Damit wollte sie sagen, dass die tägliche Fürbitte wegen all der Nöte bei den anderen Geschwistern mit der Zeit bewirke, dass man sich gedanklich ständig nur mit den Fehlern der anderen beschäftige – gerade wenn man im übrigen einen solch reizarmen Alltag hat wie sie. Fritz Binde (1867-1921) war in seiner Jugend zunächst Freidenker und Sozialist, und wollte dann um die Jahrhundertwende als Anarchist für die Befreiung der Menschheit kämpfen, bis er schließlich zum Glauben an Christus fand und bis zu seinem Tod als Prediger der Gemeinschaftsbewegung gearbeitet hat. Er schrieb mehrere Bücher, in denen er mit kraftvoller, bildreicher Sprache einen Grad an Heiligung beschrieb, die an Georg Steinberger oder Gerhard Tersteegen erinnert. Eines der schönsten war sicherlich Die Heilige Einfalt, das man kaum einfach nur lesen kann, ohne es nach drei oder fünf Sätzen erst mal wieder an die Seite zu legen, da man die herausfordernde Geistesfülle erst einmal verdauen muss.

Hier mal eine Kostprobe: „Die allzeit mutigste Glaubenstat ist die Gebetsarbeit der Heiligen Einfalt. Nur die Einfalt kann wahrhaftig beten. Das Gebet ist ihr unmittelbarer Lebensausdruck. Alles andere Beten ist zwiespältige Quälerei, Zwittergeburt, Kunstprodukt. Vernunft und Wissenschaft lehren nie zu beten. Sie sind nur der vornehmste Strick Satans, an dem er die Menschenseele aus dem Gebetskämmerlein herauszerrt und sie in die Wüste der Gebetslosigkeit hineinschleppt. Mit diesem vornehmen Strick hat Satan mehr Seelen eingefangen als mit den plumpen Ketten aller gemeinen Verbrechen, Süchte und Lüste. Gebetsgeist verloren, Einfalt dahin, Glaube in Gefahr, Seele geschädigt! Bewahrung des Glaubens ist deshalb zuallererst Bewährung in der Gebetseinfalt. Alle Eigenschaften der Einfalt wollen sich aussprechen im Gebet oder dienen der Zurüstung zum Gebet. Ihre Verwunderung dankt, ihr Glaube redet, ihre Weisheit lehrt, durch ihren Gebetsmund zeugt Gott von sich selbst. Sein Wort, ihre Speise, wirkt, ihre Torheit rühmt, ihre Schmach preist, ihre Ohnmacht seufzt, ihre Schweigsamkeit stammelt, ihre Einsamkeit bereitet, ihre Stille empfängt. Nichts ist der göttlichen Natur der Einfalt angemessener als das Gebet, denn nichts ist den Sinnen und dem Verstand der menschlichen Natur fremder als das Gebet. Wenn die Einfalt betet, tut sie, was die Engel im Himmel allezeit in der Gegenwart Gottes tun. Da ist die Seele erhaben über die Sinne, erhöht über die Vernunft, entnommen den Menschen, gelöst vom fleischlichen Ich. Nichts bringt so sehr dem übernatürlichen Leben nahe wie das einfältige Gebet. Die zerstreuende Vielheit der Erscheinungen ist verbannt, die ablenkende Zwiespältigkeit der Gedanken ausgeschaltet, der Lärm der Menschen versunken, das Begehren des Fleisches gedämpft, die Schwere des Körperlichen wie überwunden. Aber dies alles ist nur der Glaubenseinfalt geschenkt, die beim Gebet ehrerbietig in den Himmel der Gegenwart Gottes eingeht.“ („Die Heilige Einfalt“, Fritz Binde, S.60-61)

Immer wenn ich diese Worte wieder lese, versetze ich mich unwillkürlich in diesen Bewusstseinszustand, wie ich ihn schon seit meiner Jugend damals erlebte. Wenn ich damals in aller Frühe auf den Knien vor dem Fenster meines Zimmers war - ganz mit Gott allein. Draußen zwitscherten überall schon die Vögel in der Morgendämmerung und gaben Gott so auf ihre Weise einen Lobgesang. Auch wenn ich auf viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet hatte, wie z.B. ein gutes Abitur, einen angesehenen Universitätsabschluss, ein schönes Auto oder gar eine hübsche Freundin, war ich doch innerlich sehr glücklich und zufrieden, weil ich wusste, dass Gott mich liebte und sich an mir freute. Auch von Edgard und Hedi fühlte ich mich sehr geliebt und hatte hohes Ansehen bei allen Geschwistern. Ich der Berufsschule war ich respektiert und schrieb in allen Fächern immer nur eine 1. Und auch das Verhältnis zu meinen Arbeitskollegen hatte sich inzwischen etwas gebessert. Aber selbst, wenn sie mich hin und wieder noch demütigten oder sich über mich lustig machten, hatte ich immer mehr den Eindruck, dass sie mit meinen Leistungen zufrieden waren, auch wenn sie mir das nie sagten. Denn inzwischen nahmen sie sich viel Zeit, um mir neue Dinge zu zeigen, wie z.B. das Spachteln oder Tapezieren, und beobachteten mich, ob ich es auch genauso tat, wie sie es mir gezeigt hatten. Der HErr schenkte mir Gelingen, so dass mein Chef mich immer häufiger Kundenaufträge ganz allein ausführen ließ.

Wenn ich abends dann auf meinem Zimmer war und auf der Schreibmaschine einen Brief an meinen Freund Daniel Ahner oder an meine Familie schrieb - angefüllt mit Dutzenden Bibelstellen - dann war ich ganz in meinem Element und konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Es war wie der Garten Eden. Ich hatte die Hand an den Pflug gelegt und wollte nicht mehr zurückblicken an all das, was ich an vermeintlich schönen Dingen in meiner Jugendzeit versäumt habe. Eva wurde nur dadurch verführt, weil sie befürchtet hatte, dass Gott ihr noch irgendetwas vorenthielte. So wie Fritz Binde es richtig erkannt hatte, sucht der Mensch zeitlebens immer nach neuen Sinnesreizen oder eitlem Ruhm. Er will immer mehr haben an Reichtum und Wissen, als was Gott ihm zugeteilt hat. Dabei besteht das eigentliche Glück doch darin, dass man etwas nicht mehr unbedingt braucht, sondern trotz seines Verzichtes glücklich ist. Über meiner Zimmertür hatte ich mit großen Buchstaben den Namen „JESUS CHRISTUS“ geschrieben, um mich dadurch immer wieder daran zu erinnern, was ich wirklich wollte. Und über meinem Bett hing jener Bibelabschnitt, der mir in der damaligen Zeit der wichtigste war von allen:

Gedenke meines Elends und meines Umherirrens, des Wermuts und der Bitterkeit! Beständig denkt meine Seele daran und ist niedergebeugt in mir. Dies will ich mir zu Herzen nehmen, darum will ich hoffen: Es sind die Gütigkeiten des HErrn, daß wir nicht aufgerieben sind; denn Seine Erbarmungen sind nicht zu Ende; sie sind alle Morgen neu, Deine Treue ist groß. Des HErrn ist mein Teil, sagt meine Seele; darum will ich auf Ihn hoffen. Gütig ist der HErr gegen die, welche auf Ihn harren, gegen die Seele, die nach Ihm trachtet. Es ist gut, daß man still warte auf die Rettung des HErrn. Es ist dem Manne gut, daß er das Joch in seiner Jugend trage. Er sitze einsam und schweige, weil Er es ihm auferlegt hat; er lege seinen Mund in den Staub; vielleicht gibt es Hoffnung. Dem, der ihn schlägt, reiche er den Backen dar, werde mit Schmach gesättigt. Denn der HErr verstößt nicht ewiglich; sondern wenn Er betrübt hat, erbarmt Er sich nach der Menge Seiner Gütigkeiten. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt Er die Menschenkinder. … Wer ist, der da sprach, und es geschah, ohne daß der HErr es geboten? Das Böse und das Gute, geht es nicht aus dem Munde des Höchsten hervor? Was beklagt sich der lebende Mensch? Über seine Sünden beklage sich der Mann! … HErr, ich habe Deinen Namen angerufen aus der tiefsten Grube. Du hast meine Stimme gehört; verbirg Dein Ohr nicht vor meinem Seufzen, meinem Schreien! Du hast Dich genaht an dem Tage, da ich Dich anrief; Du sprachst: Fürchte dich nicht!“ (Klag.3:19-39, 55-57).

Inkonsequenz

Während Edgard noch krank war, verteilte ich samstags immer zusammen mit Bruder Raimund Traktate. Raimund nutzte die Gelegenheit, um sich über seine ganze Lebens-Unzufriedenheit bei mir zu beklagen. Ihm war schon klar, dass er sich diesen Mangel an Glück und Erfüllung selbst zuzuschreiben hatte; dennoch meckerte er auch über die führenden Brüder, allen voran über Edgard und warf ihm Laschheit und Inkonsequenz vor. Darüber war ich wirklich verwundert und bat ihn, er solle doch mal Beispiele nennen. „Was ich nicht verstehen kann, ist, dass Edgard einerseits immer so auf Äußerlichkeiten bedacht ist, aber selber es auch nicht immer so genau nimmt mit der Eitelkeit und dem Götzendienst. Ist Dir z.B. mal dieser holzgeschnitzte Hirsch auf dem Wohnzimmerschrank bei ihm aufgefallen? Der fällt ja richtig auf, wenn man bedenkt, dass sonst keine einzige Figur in seinem Haus zu finden ist, sondern überall Bibelverse hängen. Mir scheint, dass Edgard sich einfach nicht von diesem blöden Hirsch trennen wollte, weil er es nicht übers Herz gebracht hat, ihn wegzuwerfen. Aber was hat solch ein Götze im Haus eines Gläubigen zu suchen?! Edgard sagt doch auch immer, dass wir keine Fotos machen dürfen, weil Gott das ja verboten hat, sich ein Abbild zu machen. Aber dann muss er konsequenterweise auch auf jenen Hirsch verzichten!“ – „Und warum sagst Du ihm das nicht einfach offen, so wie Du es mir gesagt hast?“ fragte ich ihn. Raimund winkte ab: „Dann ist Edgard gleich wieder beleidigt und wird sich nur rechtfertigen.“ – „Aber wenn Du hinter seinem Rücken über ihn redest, ist es doch noch viel schlimmer. Wenn Dich der Hirsch wirklich stört, dann musst Du ihm das sagen!“ – „Es ist ja nicht bloß der Hirsch. Böhnkes haben ja im Wohnzimmer auch einen kleinen Kronleuchter. Findest Du, dass ein Kronleuchter in das Haus von ernsthaften Gläubigen gehört? Eine schlichte Lampe würde doch auch schon genug Licht bringen. Das ist doch alles eitler Tand, auf den Edgard lieber verzichten sollte!

An und für sich musste ich Raimund rechtgeben, denn in mancherlei Hinsicht war Daniel viel radikaler als Edgard. Er hatte sogar schon mal geplant, alle Blumen und Bäume in seinem Garten auszureißen und den Garten einzubetonieren, da er der Ansicht war, dass Gartenarbeit reine Zeitverschwendung sei. Aber da hatte seine Frau Magdalena sich beschwert und darauf bestanden, dass sie ihren Garten behalten wolle, da sie sich an all der Blumenpracht jedes Jahr erfreue. Das war aber typisch für Bruder Daniel: Alles war irgendwie auch nur im Geringsten schön oder anmutig war, galt für ihn sofort als Augenlust. Jede Regung von Lockerheit oder Kreativität wurde unter Daniels Aufsicht sofort unterdrückt. In all den Jahren hatte Daniel meines Wissens nur ein einziges Mal eine scherzhafte Bemerkung gemacht, als er wegen irgendeines winzigen Fehlers lapidar sagte: „Oh pardon, ein Regiefehler!“ Mit anderen war Daniel aber genauso streng und unerbittlich, wie mit sich selbst: Als einmal der ungläubige Mann einer Glaubensschwester verstarb, da verbot Daniel ihr, an der Beerdigung ihres Mannes teilzunehmen, weil der HErr Jesus ja sagte: „Lasset die Toten ihre Toten begraben“. Die Schwester beteuerte jedoch, dass dies ein Affront wäre für ihre ungläubigen Verwandten und sie schon allein aus Rücksicht auf diese an der Beerdigung teilnehmen müsse, da sie es ja nicht verstehen würden. Daniel blieb aber hart und uneinsichtig. Als die Schwester dann heimlich doch an der Beerdigungsfeier teilnahm und es später bekannt wurde, stellte Daniel sie zur Rede und drohte ihr wegen des Ungehorsams sogar mit einem Gemeinschaftsausschluss: „Auf solchen Beerdigungen von Ungläubigen werden die Menschen von diesen gottlosen Pastoren belogen, indem ihnen suggeriert wird, dass nach dem Tod alle Menschen in den Himmel kämen. An solch einer Lügenveranstaltung dürfen wir nicht teilnehmen, da wir uns sonst mitschuldig machen!“ Am Ende begnadigte Daniel aber die Schwester.

Als Edgard mir eines Tages eine neue revidierte Elberfelder Bibel schenkte, weil meine alte Bibel schon völlig verschlissen und auseinandergefallen war, fing ich schon bald darauf an, mir wieder alle wichtigen Verse in der neuen Bibel zu unterstreichen, wie ich es auch in meiner vorigen Bibel tat. Als der alte Bruder Daniel mich dabei beobachtete, sagte er vorwurfsvoll: „Was machst Du denn da bloß mit der Bibel! Die ist doch kein Malbuch, sondern das heilige Wort Gottes!“ Ich erschrak und versuchte mich zu rechtfertigen: „Ich versuche doch nur, die wichtigen Verse hervorzuheben, um sie später schneller zu finden.“ Daniel ließ sich davon nicht überzeugen: „Wenn Du einzelne Bibelworte unterstreichst, weil sie Dir wichtig sind, dann sagst Du damit indirekt, dass Dir die nicht unterstrichenen Verse weniger wichtig sind. Als Kind Gottes solltest Du aber jeden Vers in Gottes Wort lieben und keinen bevorzugen noch benachteiligen. Gottes Wort ist heilig, deshalb dürfen wir es nicht verändern und auch nicht darin rumstreichen.“ Diese Kritik traf mich hart, denn es war mir, als hätte ich durch meine Unterstreichungen die Heilige Schrift entweiht. Jetzt konnte ich es nicht mehr rückgängig machen, und ich bereute diesen Frevel, durch den ich mein Geschenk entwertet hatte. Zum Glück schenkte mir mein Vater jene alte Elberfelder Bibel, die Edgard ihm mal geschenkt hatte, so dass ich jetzt wieder eine jungfräuliche Bibel hatte, in die ich nichts mehr unterstreichen wollte. Zur selben Zeit schenkte ein Patient meines Vaters, bei dem er als Altenpfleger gearbeitet hatte, aus Dankbarkeit eine ganz riesengroße Bibel von 1693.

An einem Tag saß ich mit Bruder Daniel im Auto, als dieser plötzlich das Radio einschaltete, um Nachrichten zu hören. Ich war wie gelähmt vor Schreck, denn Daniel hatte uns ja über Jahre immer wieder eingeschärft, dass wir als Christen weder Fernsehen noch Radio hören sollten, da uns die Dinge der Welt nichts angehen brauchen. Nicht etwa, dass ich auf der Arbeit ohnehin ständig Radio hörte und dadurch immer gut informiert war. Aber offiziell war uns das Interesse an weltlichen Nachrichten ja als Weltliebe verboten worden, weshalb mich Daniels Verhalten extrem verstörte. Doch als ob Daniel meine Gedanken lesen konnte, sagte er auf einmal: „Ich habe das Radio nur deshalb angemacht, weil gleich im Anschluss der Verkehrsfunk kommt, den ich hören muss.“ Ich sagte nichts, aber mir schien dies insgeheim wie eine billige Ausrede, da er doch wissen musste, dass der Verkehrsfunk immer erst fünf Minuten nach der vollen Stunde kommt und er das Radio noch nicht so früh hätte einschalten brauchen. Auf jeden Fall musste ich es dem Edgard melden. Als ich es dann später dem Edgard gepetzt hatte, war dieser ebenso erschrocken wie ich. „Das hätte ich nie von Bruder Daniel gedacht, dass er so inkonsequent sein könnte!“ Doch als ich ein paar Tage später mal an der Garage vorbeiging, um etwas aus dem Schuppen zu holen, ertappte ich Bruder Edgard auf frischer Tat, wie auch er heimlich Nachrichten am Autoradio hörte. Offensichtlich dachte er sich: wenn Daniel sich diese Freiheit nimmt, will ich es auch!

In einer Zeit übermäßiger Vielfalt und maßlosem Genuss gibt es immer wieder Menschen, die sich von der rigorosen Enthaltsamkeit von allem Weltlichen angezogen fühlen und sich dann Kreisen wie dem von Bruder Daniel Werner anschlossen. Im Frühjahr 1989 war es sogar eine ganze Hausgemeinde in Freiburg (Breisgau), die sich den Sachsenheimern anschließen wollte. Doch so schnell wie dieser Entschluss getroffen wurde, so schnell wurde er auch schon wieder aufgegeben, da Daniel immer wieder andersdenkende Gläubige vor den Kopf stieß. Daniel betrachtete die Härte und Unerbittlichkeit gegen andere wohl als Lackmus-Test, um die Bereitschaft zur Unterwürfigkeit zu prüfen, da er nicht bereit war, jahrelang seine Zeit in Gläubige zu investieren, die sich am Ende als rebellisch erwiesen und dann andere Unzufriedene hinter sich abziehen könnten. Erst wenn ein Christ alle Zumutungen tapfer ertragen hatte, durfte er das Vertrauen von Bruder Daniel genießen. Und so war es auch mit Bruder Robert Brandt (32), ein selbständiger Agraringenieur, der sich zunächst den Freiburgern und dann dem Daniel-Werner-Kreis anschloss. Auch Robert wurde von Daniel auf Mark und Bein geprüft, wobei sich herausstellte, dass Robert Vegetarier war. In Anwesenheit Roberts und vieler Geschwister erklärte Daniel, dass der Vegetarismus eine dämonische Lehre sei, und dass Gott den Menschen nicht nur den Verzehr von Fleisch erlaubt, sondern sogar geboten habe. Robert war zwar sicher gekränkt und gedemütigt durch diese Bloßstellung, aber er ließ sich nichts anmerken, sondern unterwarf sich dem Daniel bedingungslos. Da er sowohl demütig, als auch hoch intelligent war, hatte Daniel wahrscheinlich den Robert als seinen zukünftigen Nachfolger erwählt. Als ich einmal beim Daniel die Türen lackierte, unterhielt ich mich mit Robert und fragte ihn, was ihn dazu bewogen hatte, Vegetarier zu werden. „Anfangs war es eigentlich nur Eitelkeit, weil ich möglichst schlank sein wollte. Und später interessierte ich mich immer mehr für den Buddhismus, wo ja auch der Vegetarismus sehr beliebt ist.“ – „Aber warum willst Du denn heute noch Vegetarier sein, wo Du doch jetzt Christ bist und obendrein extrem schlank?“ fragte ich ihn. „Das ist einfach eine Sache der Gewohnheit. Mich ekelt Fleisch einfach.“


Fernweh

Obwohl ich immer viel Zeit hatte, um biblische Aufsätze zu schreiben, war mir bewusst, dass kaum einer sie lesen würde. Ich machte immer wieder Kopien von diesen und legte sie meinen Briefen bei (das Internet gab es ja noch nicht in den 80ern). Aber ich sehnte mich danach, einen größeren Wirkungskreis zu haben, um das Evangelium und die gesunde Lehre weiter hinauszutragen. Aber ich war bei Edgard und Hedi wie ein Gefangener – wenn auch in einem goldenen Käfig. Sie liebten mich und gaben mir alles, was ich brauchte. Nur eines hatte ich eben nicht: Freiheit. Ich war ja vollkommen abhängig von ihnen, sowohl materiell als auch geistig. Jeden anderen hätte dies vielleicht nicht gestört. Aber ich war nun mal ein Gläubiger voller Ideen und Visionen, weshalb ich die Enge als sehr bedrückend empfand. Wenn sie mir doch wenigstens mal erlauben würden, auf Reise zu gehen, um neue Geschwister kennenzulernen und eigene Erfahrungen zu machen! Bei Aldi hatte ich mir eine Autokartensammlung für ganz Deutschland gekauft und schaute mir voller Sehnsucht die vielen Orte an, wo ich zu gerne mal hinfahren würde, so wie 1984 mit Manfred und Klaus, als wir durch ganz Deutschland getingelt waren. Das war ein Abenteuer! Zu gerne würde ich das noch einmal tun. Am liebsten wollte ich nach Südamerika reisen, wo der Ricardo wohnt. Peru muss ein wunderschönes Land sein mit hohen Bergen und einem großen Urwald. Vielleicht würden mir die Geschwister nach dem Ende meiner Ausbildung erlauben, dorthin zu reisen, um die Geschwister dort zu besuchen…

Mit dem Lernen der spanischen Sprache kam ich sehr gut voran. Inzwischen hatte ich fast sämtliche Lehrbücher der spanischen Sprache systematisch, Lektion für Lektion, durchgearbeitet und die richtige Aussprache durch das Abhören von Kassetten erlernt. Ich wusste jetzt, dass man das doppelte L in Mallorca als J ausspricht, und dass es vier verschiedene Möglichkeiten gibt, um im Spanischen „ich war“ zu schreiben, nämlich „yo soy“, „yo estoy“, „yo estaba“ und „yo era“. Aber ich kannte die Sprache nur in der Theorie, aber hatte noch keine Möglichkeit, sie in der Praxis anzuwenden. Allerdings gab mir Edgard nun die Gelegenheit, die Briefe der Brüder Luis und Israel Condori zu übersetzen, was mir sehr viel Spaß machte. Im Sommer 1989 schrieb ich meinen ersten Brief an Ricardo auf Spanisch, wobei ich auch immer wieder ins Deutsche wechselte, wenn mir ein Wort nicht einfiel. Ricardo freute sich sehr, dass ich nun auch etwas Spanisch konnte und ermutigte mich, weiterzuschreiben. Nun schrieb ich auch selbst dem Luis und Israel auf Spanisch, und es entwickelte sich ein reger Briefaustausch. Dem Edgard behagte es jedoch gar nicht, dass ich mich mit einem alten Bruder wie Luis schrieb, ohne dass er wissen konnte, worüber ich mich mit ihm austauschte. Deshalb bat mich Edgard, dass ich nicht länger eigene Briefe an Luis schreiben sollte, sondern mich mit dem Übersetzen seiner Briefe begnügen müsse. Stattdessen bot er mir an, dass ich mich doch mit Luis Tochter Ruth schreiben könne: „Die Alten sollten sich mit den Alten schreiben, und die Jungen mit den Jungen“.

Dieses Angebot nahm ich gerne an, und so geschah es, dass ich eine Brieffreundschaft mit Ruth Condori de Palacios anfing. In einem ihrer ersten Briefe schickte mir Ruth drei Fotos von sich, auf denen sie wunderschön war. Sie hatte lange, gewellte Haare und einen lieblichen Mund. Sie trug ein weißes Spitzenkleid, in dem sie aussah wie ein Engel. Irgendwie wirkte sie so zart und zerbrechlich, dass es mir wie ein Traum erschien, der zu schön war, um wahr zu sein. Würde sie mich vielleicht nehmen wollen? Optisch passte ich ja nun gar nicht zu ihr mit meiner hühnenhaften Statur und meinen roten Haaren. Aber selbst wenn ich sie vielleicht nie persönlich sehen oder kennenlernen würde, so war es mir schon ein Glück, dass sie mir überhaupt schrieb. Sie sollte von nun an meine heimliche Liebe sein, die Projektionsfläche all meiner Sehnsüchte und Träume! Ich nahm ihre Fotos sogar auf die Arbeit mit und zeigte sie meinen Kollegen, wobei ich mit ihr angab: „Hier, das hier ist meine Freundin aus Peru.“ Sie gratulierten mir: „Wow, Poppe, die sieht ja wirklich klasse aus! Da hast Du aber einen guten Fang gemacht!“ Insgeheim genoss ich ihren Neid und empfand es als Genugtuung für all die Demütigungen, die sie mir bereits zugefügt hatten. Jetzt hatte ich auch mal etwas, das vor ihnen wert hatte.

Doch es gab noch ein anderes Mädchen, das mir auf einmal schrieb, weil sie durch Arthur Vincent von mir gehört hatte, und zwar Leslie Molina aus El Salvador. Sie war Englischlehrerin, weshalb ich mich die ersten Monate nur auf Englisch mit ihr schrieb. Sie bot mir an, dass ich ihr auf Spanisch schreiben und sie dann meine Grammatikfehler korrigieren könne, was wir dann auch taten. Als sie mir jedoch dann ein Foto von sich schickte, war mir klar, dass ich sie wohl eher nicht so gerne heiraten würde. Denn obgleich auch sie ein nettes Lächeln hatte, sah sie viel zu bieder aus mit ihrem Haardutt und ihrem Porzellanpuppen-Gesicht. Man sah ihr auch gar nicht so sehr das Exotische einer Amazone an, was mir ja gerade an Ruth so gefiel, sondern sie sah eher europäisch aus, wie eine Russlanddeutsche. Aber da Leslie sehr höflich und hilfsbereit war, hielt ich die Freundschaft mit ihr und dankte Gott, dass ich nun schon so viel Kontakt nach Südamerika bekommen hatte.

Doch noch immer fehlte mir die Möglichkeit, mich mit jemandem auch auf Spanisch zu unterhalten. Eines Tages erzählte mir Schwester Friedel Fröse, dass es bei ihr in Schwanewede einen peruanischen Gläubigen gäbe namens Omar Llanos (42), der sogar Spanischlehrer sei. Sofort wollte ich Kontakt zu ihm aufnehmen, aber ich musste erst einmal herausfinden, ob meine Gasteltern mir dies erlauben würden. Ganz beiläufig fragte ich dann den Edagrd, ob er schon mal etwas von einem Omar Llanos gehört habe. „Ja, der hat uns auch mal besucht. Aber das ist ein lauer Christ, der noch zur Landeskirche gehört. Das hat keinen Wert, sich mit dem zu beschäftigen.“ Nun wusste ich, dass ich den Kontakt zu Omar nur heimlich aufnehmen konnte, ohne dass Edgard etwas davon erfahren durfte. Ich suchte also seine Nummer im Telefonbuch und rief ihn an. Er war sehr freundlich und lud mich zu sich nach Haus ein. Und so begann über die nächsten Jahre eine herzliche Freundschaft zu ihm und seiner Frau Erika, die sogar bis zum heutigen Tag anhält.

Omar und Erika erzählten mir viel von Peru, von der Landschaft und den Essgewohnheiten usw. Auch schenkte mir Omar Kassetten mit peruanischer Folkloremusik mit christlichen Texten, die mir sehr gut gefiel. Er zeigte mir Fotos und Dias von ihren Reisen durch Peru, und ich war völlig fasziniert. Nun war mir endgültig klar, dass ich unbedingt einmal nach Peru reisen wolle, wenn nicht sogar für immer dort leben. Omar verhehlte mir jedoch auch nicht, dass es in Peru sehr viel Kriminalität gäbe und vor allem den gefürchteten „Sendero Luminoso“ („Leuchtender Pfad“), eine kommunistische Terrororganisation, die es besonders auf Ausländer abgesehen habe, um diese zu foltern und zu töten. Omar gab mir Tipps, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich mal überfallen werden sollte. Ich bewunderte seine deutsche Frau Erika, wie gut sie spanisch konnte. Sie hatte als Missionarin in Peru gearbeitet, wo sie Ende der 70er den Omar kennenlernte und dann heiratete. Nun hatten sie zwei Söhne im Alter von 14 J., die total wie Peruaner aussahen.

Omar schenkte mir ein Buch, das den Titel trug: „Schafft das Fernsehen ab! – Eine Streitschrift gegen das Leben aus zweiter Hand“. Allein der Titel gefiel mir schon sehr gut. Überhaupt hatte Omar unglaublich viele Schriften, sogar christliche Comics, von denen er mir reichlich mitgab. In diesen war von einem Pater Romero Rivera die Rede, der als Jesuit in Mittelamerika die Freikirchen unterwandern sollte, aber dann Buße tat und sich von der Katholischen Kirche abwandte. Dann berichtete er, dass die katholischen Führer alle Mitglieder der Freimaurerei seien und einem sog. „Schwarzen Papst“ gehorchen, der hinter den Kulissen die Fäden ziehe. Nach seinem Ausstieg habe die RKK wie eine Mafia ihn verfolgt und mehrere Mordanschläge auf ihn verübt, weil er zu viel wusste. Ich war ganz fasziniert von all diesen Informationen und fragte Omar, ob er noch mehr davon hätte. Er vermittelte dann den Kontakt zu einer Dorothea Klauser in Schwanewede, die ein ganzes Buchzimmer voll von Verschwörungsliteratur hatte. Ich unterhielt mich mit ihr über die Freimaurer, und sie sagte mir, dass auch sie selbst schon in deren Fadenkreuz geraten sei. „Echt? Wie das denn?“ fragte ich. „Letztens war ich draußen im Garten bei der Arbeit, da fuhr ein kleiner türkischer Junge mit dem Fahrrad an mir vorbei. Und als dieser genau auf meiner Höhe war, rotzte er plötzlich vor mir auf den Boden. Ich bin mir ganz sicher, dass die ihn geschickt haben, um mich einzuschüchtern, denn anders kann ich mir das gar nicht erklären.“ – Da merkte ich, dass diese Dorothea inzwischen schon unter Verfolgungswahn litt.


Eine Begegnung mit Satan

Als ich im August 89 ins dritte Lehrjahr kam, hatte sich das Verhältnis zwischen mir und meinen beiden Arbeitskollegen schon mehr als entspannt. Sie respektierten mich nun als ihresgleichen, was nicht zuletzt auch daran lag, dass ich mittlerweile genauso sauber und schnell arbeitete wie sie. Wie stark ich mich verbessert hatte, konnte mein Chef schon allein daran erkennen, dass ich schon bei weitem bessere Leistungen erbrachte wie der neue Lehrling namens Dirk Fuhrmann (20), den er gerade eingestellt hatte. Dirk war ein heimlicher Neonazi (d.h. er trug keine Glatze und Springerstiefel, ging aber regelmäßig zu den Treffen der Kameradschaft). Er war in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von mir, denn er war nicht nur faul, sondern auch sehr feige. Einmal sagte der Geselle zu ihm: „Du kannst mal die Fenster im Treppenhaus schleifen. Für den oberen Bereich musst Du auf das Leitergerüst steigen, um da ranzukommen. Das wackelt zwar etwas, ist aber ungefährlich. Du musst mal sehen, ob Du Dir das zutraust…“ Hätte man mir das gesagt, dann hätte ich mir das nicht zweimal sagen lassen, sondern die Gelegenheit genutzt, um meinen Mut unter Beweis zu stellen. Aber Dirk war so eine Memme, dass er kurz darauf zu dem Gesellen ging und sagte: „Ich habe die Fenster nur im unteren Bereich geschliffen, denn im oberen traue ich mich nicht.“ Ich dachte: Oh nein, und dass will ein Neonazi sei! Was für eine Schande für Deutschland, wenn es nur solche Feiglinge hat! Aber so war es ständig mit Dirk: An einem Tag ließen die Gesellen ihn in der Werkstatt und betrauten ihn mit einer Aufgabe, die er allein bewältigen sollte. Als wir am nächsten Tag kamen, hatte er absolut nichts gemacht. Zur Rede gestellt, antwortete er: „Ich hatte Angst es falsch zu machen und konnte niemand fragen. Deshalb bin ich vorsichtshalber schnell nach Haus gefahren, um keinen Schaden anzurichten…“

An einem anderen Tag war ich mit Dirk allein am Streichen und wir unterhielten uns über meinen Glauben. Dirk sagte, dass er zwar nicht unbedingt an die Existenz Gottes glaube, wohl aber an die Existenz Satans. „Wie das denn?“ fragte ich. „Weil ich Satan persönlich erlebt habe! Das kam so: Vor ein paar Monaten lud mich eine Freundin zu einer Schwarzen Messe ein, d.h. eine Anrufung von Dämonenfürsten. Ich war neugierig und ging mit. Wir fuhren zu einem Bekannten von ihr, der Satanist war und trafen uns dort mit einer Gruppe von Jugendlichen, die auch dabei sein wollten. Wir gingen in einen Raum, der völlig schwarz gestrichen war, sowohl an der Decke als auch an den Wänden. Überall hingen okkulte Symbole und Figuren, und an der Wand hing ein Plakat mit einer dämonischen Fratze, die den Betrachter bösartig anschaute. Der Bekannte zündete schwarze Kerzen an und forderte uns auf, uns im Kreis hinzuknien. Dann sprach er eine lange Beschwörungsformel in einer anderen Sprache, wohl Lateinisch. Auf einmal entstand ein kalter Wind im Raum, obwohl die Tür und Fenster geschlossen waren. Der Wind wurde so stark, dass die Kerzen ausgingen und das Plakat von der Wand fiel. Die Mädchen schrien vor Schreck, und wir machten schnell das Licht wieder an. Doch als wir das Plakat mit dem dämonischen Wesen wieder aufhängen wollten, da sahen wir voller Entsetzen, dass die Fratze nun nicht mehr grimmig schaute, sondern sich vor Lachen den Bauch hielt. Ich war mir aber ganz sicher, dass das Bild vorher ganz anders aussah. Seither weiß ich, dass Satan existiert. Das war echt furchtbar, und ich werde um keinen Preis der Welt je mehr an solch einer Beschwörung teilnehmen!“

Wenn Du weißt, dass es Satan gibt, dann muss Dir doch auch klar sein, dass es Gott gibt.“ sagte ich. „Ja, wahrscheinlich gibt es auch Gott, aber das interessiert mich nicht. Ich will mit diesem ganzen Thema einfach nichts mehr zu tun haben.“ Und dann erzählte mir Dirk, dass er sich regelmäßig mit seinen Neonazi-Kameraden trifft, um gemeinsam auf Jagd zu gehen. „Auf Jagd?“ fragte ich. „Ja. Wir klatschen Ausländer und Linke. Jetzt am Samstag treffen wir uns wieder und wollen einen Kanaken-Treff in Schwanewede überfallen. Aber behalte das bitte für Dich.“ Ich hatte keine Ahnung, warum er glaubte, dass er mich ins Vertrauen ziehen könne. Denn für mich war sofort klar, dass ich das der Polizei melden müsse. Nach Feierabend ging ich dann auch in eine Telefonzelle und informierte die Polizei, was die Nazis am Wochenende vorhätten. Da ich aber keine konkreten Angaben machen konnte, versicherte mir der Beamte, dass sie schon ein wachsames Auge haben würden. Einen Monat später sagte mir Dirk: „Du, Simon, ich hab da nochmal drüber nachgedacht: Ich werde jetzt doch nochmal an diesem satanischen Ritual teilnehmen, und zwar weil ich mir ganz sicher sein will, dass an dieser Sache etwas dran ist. Ich muss es unbedingt wissen!“ – „Dann verhältst Du Dich genauso wie die Eva, die unbedingt wissen wollte, wie der verbotene Apfel schmeckt. Ich rate Dir dringend davon ab. Du solltest auf keinen Fall an einer schwarzen Messe teilnehmen, - auch nicht aus Neugier – denn Du begibst Dich dort in größte Gefahr. Es ist gut möglich, dass ein Dämon dann von Dir Besitz ergreifen kann, und dann wirst Du Deines Lebens nicht mehr glücklich!“ Aber Dirk wollte nicht auf mich hören, sondern ging am Ende wohl doch hin. Was danach mit ihm geschah, habe ich nicht mehr erfahren, denn der Chef hatte ihn schon innerhalb der Probezeit wieder entlassen.

Etwas anders verliefen in der Folgezeit Gespräche, die ich mit meinen Schulfreunden Manfred und Klaus hatte, als sie mich in Blumenthal besuchen kamen. Klaus war immer noch Adventist, hatte sich aber zuletzt ebenso wie Manfred vom christlichen Glauben distanziert, nachdem er die Armut in Dritte-Welt-Ländern sah, die er bereist hatte. Er sagte, dass sich dadurch sein Horizont erweitert hätte, was auch immer er damit sagen wollte. Doch durch die Gespräche mit Edgard und mir wurden sie dann doch sehr angerührt, wie mir schien. Zu meiner Freude kam nun auch meine Schulfreundin Maren Behrens wieder öfter vorbei, die sich drei Jahre zuvor bekehrt hatte. Sie hatte immer noch einen kindlichen Glauben und nahm die Unterweisung von Bruder Edgard bereitwillig auf. Und dann nahmen schließlich auch noch Elena und Diana, die Töchter von Ulrike Miralles, den HErrn Jesus als ihren Heiland an und ließen sich taufen. Und zu guter Letzt kehrte im September Bruder Karl-Heinz Schubert nach jahrelanger Trennung wieder zur Hausgemeinde in Sachsenheim zurück und versöhnte sich mit Bruder Daniel Werner.

Traurige Nachrichten kamen indes Ende Oktober von Bruder Ralf Schiemann aus Bebra-Asmushausen: Nachdem er zwei Jahre lang seine inzwischen neunjährige Tochter Rahel nicht zur Schule geschickt und auch mehrere Geldstrafen nicht bezahlt hatte, verfügte das Gericht, dass ihm und seiner Frau Dorothea das Sorgerecht über ihre Kinder entzogen werden und man ihre beiden Kinder ins Heim geben solle. Daraufhin packte Ralf schnell seine sieben Sachen und wollte mit seiner Familie nach Österreich flüchten. Auf der Fahrt dorthin ging es Ralfs Frau Dorothea gesundheitlich auf einmal sehr schlecht. Was es sein könnte, wussten sie nicht, denn Ralf und Dorothea waren aus Gewissensgründen schon seit Jahren nicht mehr zum Arzt gegangen. Als sie mitten in der Nacht auf einer schneebedeckten Straße in den Alpen fuhren, hielt Dorothea es vor Schmerzen nicht mehr aus und bat Ralf, Hilfe zu holen. Er stieg aus und ging zu einem naheliegenden Gehöft. Doch als er zurückkam, reagierte Dorothea nicht mehr. Sie war vor den Augen ihrer beiden kleinen Kinder im Auto verstorben. Das war natürlich ein sehr schwerer Schlag für den Ralf, aber er nahm es aus der Hand Gottes und konnte den Verlust tapfer ertragen durch den Trost des HErrn.


Herr Hillmers Täuschungsversuch

Eines Morgens kam mein Chef, Herr Hillmer, in die Werkstatt und bekannte uns, dass er am Abend zuvor seinen Führerschein verloren habe wegen Trunkenheit am Steuer. Er war verständlicherweise sehr verbittert darüber, weil er angeblich nur aus Rücksicht auf seine Frau gefahren sei, die sich schlecht fühlte. Tatsächlich war Herr Hillmer in jenen Tagen wirklich vom Pech verfolgt, denn er hatte sehr viel Ärger mit Kunden, die ihm nicht zahlen wollten wegen Ausführungsmängeln. Bei einem reichen Kundenehepaar in Schwachhausen hatte ich z.B. tagelang Wände gespachtelt und geschliffen, weil Herr Hillmer ihnen angeboten hatte, ihre Wände zu lackieren. Als sie dann soweit vorbereitet waren, baute Herr Hillmer sein neu erworbenes Hochdruck-Spritzgerät auf und spritzte die Wände. Es fiel mir sehr schwer, meinem Chef beim Spritzen zu assistieren, da die Lösemittelkonzentration in den Räumen so hoch war, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Herr Hillmer hatte ja eine Atemschutzmaske und einen Schutzanzug, aber ich hatte gar nichts von ihm bekommen. Da ihm zudem die Erfahrung fehlte, trug er in den Eckbereichen immer viel zu viel Lack auf durch Überlappungen, so dass sich Laufnester bildeten. Am nächsten Tag durfte ich wieder alle Läufer herausschleifen. Er machte einen neuen Versuch und ließ mich diesmal die nicht betroffenen, fertigen Flächen abkleben, damit sie nicht vollnebeln mit Lack. Als er jedoch später das Klebeband abnahm, ging auch die darunterliegende Farbe mit ab, so dass er ein drittes Mal lackieren musste. Doch anstatt den Versuch mit dem Lackieren von Wänden aufzugeben, bot er es auch noch einem weiteren Kunden aus Worpswede an, der seine Kellerwände gemacht haben wollte. Auch diesmal lief der Lack in großen Mengen die Wand runter und war auch am nächsten Tag noch nicht ganz trocken. Wieder schliff ich alles, und Herr Hillmer unternahm einen zweiten Versuch. Zunächst sah es gut aus, aber auch dann bildeten sich erneut überall Läufer und Nester. Frustriert rief er den Vertreter des Lackherstellers an, um sich zu beschweren. Doch dieser gab den Vorwurf zurück und erklärte ihm, dass man einen Acryllack doch nicht auf eiskalte Kellerwände spritzen könne, da sie kälteempfindlich sind. Im Acryllack sei das Frostschutzmittel Glykol herausgenommen worden, da man sonst kein Umweltengel-Symbol bekommen hätte. „Woher sollte ICH das denn wissen!?“ schimpfte Herr Hillmer, während er frustriert an einer Zigarette rauchte. „Dabei hatte ich nur wegen Dir, Simon, den wasserlöslichen Acryllack verwendet, damit Du nicht wieder diese Atembeschwerden bekommst.“ Also war ich diesmal schuld, dachte ich.

Unterdessen hatte ich erfahren, dass ich bei einem Notendurchschnitt von mindestens „2 meine Lehre um ein halbes Jahr verkürzen könne. Dazu musste ich sowohl von der Berufsschule als auch von meinem Chef eine entsprechend positive Beurteilung bekommen. Da ich in der Schule praktisch immer nur Einsen schrieb, lag es nun nur noch an Herrn Hillmer, dass er mir eine gute Note geben müsse. Dieser war natürlich nicht sehr begeistert davon, dass ich schon sechs Monate vor dem eigentlichen Ende meiner Lehre gehen wolle, denn ich war für ihn ja im Grunde eine billige Arbeitskraft. Für mich war es hingegen schon sicher, dass ich an der Winterprüfung teilnehme und am Ende auch bestehen würde, denn ich hatte bereits alles gut gelernt. Meine Sorge war vielmehr, wie ich nach Peru kommen könnte. Edgard hatte mir schon die Erlaubnis erteilt, dass ich nach bestandener Ausbildung gerne für ein paar Wochen nach Peru reisen könne. Aber Bruder Karl-Heinz Schubert hatte mir erzählt, dass man als Christ nicht mit dem Flugzeug fliegen dürfe, da unser Luftraum angeblich der Bereich sei, in welchem sich der Teufel und die Dämonen aufhalten. Er selber war in den 60er Jahren deshalb mit dem Schiff nach Argentinien gereist. Ich hatte gehört, dass man als Handwerker auch auf dem Schiff arbeiten könne, um dadurch nicht die Überfahrt bezahlen zu müssen (man nannte die „rüberarbeiten“). Ich rief also bei mehreren Reedereien an und erfuhr dann vom Hapag Lloyd, dass diese Möglichkeit seit jenem Jahr 1989 nicht mehr möglich sei, da sich die Gesetzeslage geändert habe aufgrund neuer Versicherungsbestimmungen. Nun hatte ich also nur noch die Möglichkeit, mir ein Flugticket zu kaufen.

Doch als ich nach drei Wochen noch immer keinen positiven Bescheid von der Handwerkskammer erhalten hatte, rief ich dort an und fragte, ob ich denn nun an der vorgezogenen Prüfung im Winter teilnehmen könne. Die Dame schaute in ihren Unterlagen nach und sagte dann: „Ich bedaure, aber das ist leider nicht möglich. Denn Ihr Arbeitgeber hat Ihnen keine 2 gegeben, sondern eine 4.“ – „Waaas?! Das kann doch nicht sein!“ Schockiert und traurig legte ich den Hörer auf und fragte mich, was sich Herr Hillmer dabei gedacht hatte. Am nächsten Morgen teilte ich meinen beiden Kollegen Werner und Rudi mit, dass ich jetzt noch ein weiteres halbes Jahr bei ihnen arbeiten würde, da der Chef mir keine ausreichend gute Note gegeben hatte, um die Ausbildung zu verkürzen. Die beiden waren empört und stinkesauer auf Herrn Hillmer, dass er so egoistisch gehandelt habe. „Warte, Simon, da kommt er gerade. Wir werden ihn mal zur Rede stellen!“ Dann riefen sie ihn: „Herr Hillmer, können Sie mal bitte kommen!“ Ahnungslos folgte er der Anweisung. „Ja, was ist denn?“ – „Sagen Sie mal, stimmt es, dass Sie dem Lehrling eine 4 gegeben haben? Das ist ja eine Unverschämtheit von Ihnen! Sie wissen ganz genau, dass er eine solche Note nicht verdient hat!“ Herr Hillmer war auf diesen Vorwurf nicht gefasst und redete sich raus: „Das stimmt nicht! Ich habe ihm keine 4 gegeben, sondern eine 3.“ – „Nein, Sie haben mir eine 4 gegeben; das hat mir die Dame von der Handwerkskammer gesagt“ sagte ich. „Nein, das ist einfach nicht wahr! Ich ruf da sofort an und sag ihr, dass sie mich falsch verstanden hat!“ – „Es ist zu spät“ sagte ich, „und auch eine 3 hätte nicht gereicht, sondern nur eine 2. Aber jetzt ist es ohnehin zu spät, denn die Anmeldefrist ist schon abgelaufen.“

Ich war sehr frustriert, aber dann dachte ich: Was ist schon ein halbes Jahr, wenn Jakob sogar sieben Jahre gearbeitet hatte, um seine Braut zu heiraten! Doch kurz darauf geschah ein Ereignis, auf das 17 Millionen Menschen schon 40 Jahre lang mit Sehnsucht gewartet hatten. Ich erfuhr davon am 10.11. morgens um 7:00 Uhr auf dem Weg zur Baustelle im Transporter: „Ey Simon, hast Du auch schon gehört: Die Mauer ist offen!“ – „Wie? Du meinst die Berliner Mauer?“ – „Ja, welche denn sonst! Haben sie gestern spätabends im Fernsehen gezeigt“. – „Was?! Das ist ja ein Ding! Wie konnte das denn passieren?“ Das war wirklich eine Überraschung, mit der wohl keiner damals gerechnet hatte. Mir war sofort klar, dass das in die Geschichte eingehen werde, und so geschah es dann ja auch. Herr Hillmer fuhr an jenem Freitag sofort nach Berlin, um sich die Jubelfeiern vor Ort anzusehen. Stolz berichtete er uns am Montag, dass er zum ersten Mal in seinem Leben unter dem Brandenburger Tor stand und da hindurchgegangen war, obgleich noch überall Wachleute standen. Obwohl ich damals nicht genau wusste, warum es überhaupt all die Jahre zu diesem Eisernen Vorhang kam und was zu dessen Einsturz geführt hatte, erinnerte ich mich, dass ich ja selbst ein Jahr zuvor das Ende des Kommunismus in der Berufsschule vor der ganzen Klasse angekündigt hatte aufgrund des 8. Kapitels im Buch vom Propheten Daniel. Und jetzt hatte es sich tatsächlich bewahrheitet!

Unser Klassenlehrer war ganz und gar nicht der Ansicht, dass mit dem Fall der Berliner Mauer nun der Kommunismus beendet sei, und er hielt auch gar nichts von dem sog „10-Punkte-Plan von Helmut Kohl“, über den die BILD-Zeitung berichtet hatte. „Ich finde, man muss die Bürger der DDR jetzt selbst entscheiden lassen, was für ein Gesellschaftssystem sie von nun an haben wollen. Der Westen darf sich hier nicht einmischen. Vielleicht entsteht ja jetzt etwas ganz Neues in der DDR, das wir hier in der BRD nachahmen könnten…“ Als der Unterricht zu Ende war, fragte ich den Lehrer, warum die Leute in der DDR nicht mehr den Sozialismus wollten. „Weil er einfach nicht funktioniert hat. Die Leute hatten die Nase voll von den Versprechen des Politbüros, weil sie ja sahen, dass es dem Westen viel besser ging, während sie ständig den Gürtel enger schnallen mussten.“ – „Aber warum hat der Sozialismus denn nicht funktioniert?“ wollte ich wissen. „Weil es keine Anreize gab, seine Leistung zu verbessern. Stell Dir mal eine Fabrik vor, wo alle immer das gleiche verdienen, egal ob sie fleißig sind oder faul. Wenn es nun auch nur einige wenige in der Fabrik gibt, die faul sind, dann nehmen sich die Fleißigen an ihnen einen Anstoß und fragen sich: Warum sollen wir uns überhaupt anstrengen, wenn wir doch nur genauso wenig verdienen wie jene Faulen. Das ist doch ungerecht! Also werden wir jetzt auch nicht mehr die volle Leistung bringen. Und so vergeht Jahr um Jahr, bis alle so denken und die ganze Wirtschaft allmählich immer weiter den Bach runtergeht.“