"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

„Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 25

April bis Oktober 1992

„Wenn ich dich fragen würde…“

Drei Tage vor meinem Rückflug ging ich abends nach der Bibelstunde auf mein Zimmer, als auf einmal Ruth (29), die Tochter von Luis Condori, an die Tür klopfte. „Simon, ich müsste mal mit dir sprechen.“
Sie nahm Platz und fuhr fort: „Die Alexandra hat mir erzählt, dass du zu ihr gesagt hättest, dass du glaubst, ich sei in dich verliebt. Stimmt das?

Ich wurde verlegen: „Kann sein, dass ich das gesagt habe.“ –

„Also, ich wollte dir mitteilen, dass ich NICHT in dich verliebt bin. Nur dass du das weißt.“ –

„Okay. Tut mir leid“ sagte ich, „ich hatte das nur vermutet, weil du mich im Zoo, als wir auf der Wiese saßen, immer so angeschaut und angelächelt hast.“ –

Ach so. Und dann denkst du also, dass jedes Mädchen, das dich freundlich anschaut, gleich in dich verliebt sein muss?! Weißt du eigentlich, was es bedeutet, in jemanden verliebt zu sein?“ –

„Ja, natürlich, - jemanden lieben.“ –

„Nein, das bedeutet es eben nicht! Schau mal: als Gläubige lieben wir uns zum Beispiel. Aber das heißt ja noch nicht, dass wir ineinander verliebt sind. Verliebtsein heißt, dass man nur noch an die Person denken muss und Schmetterlinge im Bauch hat. Man kann dann nachts schon nicht mehr schlafen, weil sich alles nur noch um diesen einen Menschen kreist.“ –

„Ja stimmt, da hast du recht.“ –

„Und neben der christlichen Liebe gibt es auch noch das Interessiert-sein füreinander. Das ist wieder etwas anderes. Wenn man z.B. überlegt, welcher Partner geeignet wäre, um diesen zu heiraten.“

Nun hatte Ruth ein Wort in den Mund genommen, vor dem wir wohl beide innerlich erschraken. Deshalb lenkten wir das Gespräch nun in eine harmlosere Richtung und plauderten etwa eine halbe Stunde lang über unsere Hobbys und Charakterzüge, um uns gegenseitig besser verstehen zu können.

Doch dann rutschte mir die Frage heraus, die bis dahin unausgesprochen im Raum stand:

Ruth, sag mal: Wenn ich dich fragen würde, ob du meine Frau werden wolltest, was würdest du dann antworten?“ –

Vorsichtig und nachdenklich antwortete Ruth: „Ich denke, ich würde Ja sagen.“ –

„Okay. Dann läge es demnach also nur an mir, dass ich mich auch dazu entschließen müsste…“ –

„Ja, so ist das.“ –

Nun musste ich mit offenen Karten spielen: „Weißt du, Ruth, ich mag dich. Aber wir kennen uns ja bisher noch gar nicht richtig. Deshalb würde ich jetzt erst noch mal warten mit dieser Entscheidung, damit wir uns erst mal ein wenig mehr kennenlernen.“ –

„Das mit dem Warten ist aber nicht ganz so einfach,“ sagte Ruth, „denn du musst wissen, dass zu einer Ehe ja auch Kinder gehören, und eine Frau kann biologisch gesehen nur bis zu einem bestimmten Alter Kinder bekommen…“

Nun erschrak ich. Ruth meinte es also jetzt wirklich ernst! Mir war, als würde sie mir eine Pistole auf die Brust setzen.

Ich weiß, Ruth. Aber trotzdem können wir doch nicht einfach heiraten, ohne uns überhaupt zu kennen! Wir müssen doch erst einmal den HErrn fragen, ob der HErr uns wirklich füreinander bestimmt hat oder ob es vielleicht doch jemand anderes sein soll. Deshalb lass uns doch jetzt wenigstens noch mal ein Jahr warten und beten, bis der HErr uns Klarheit geschenkt hat.“ –

„Gibt es denn außer mir noch eine andere Glaubensschwester, die für dich prinzipiell infrage käme?“

„Ja, sicher.“ –

„Ach so: Also dann fährst du jetzt zurück nach Deutschland und fragst erstmal die andere. Und wenn die Nein sagt, dann kannst du mich ja immer noch nehmen? Dann bin ich quasi nur zweite Wahl!“

Nein, nein, Ruth, so ist das nicht!“ beteuerte ich, obwohl ich mir selbst gar nicht sicher sein konnte.

Wie heißt die andere denn?“ –

Ich dachte nur: Jetzt bloß nichts Falsches mehr sagen!

„Felicitas. – Aber keine Sorge: ich werde sie nicht fragen, sondern nur Gott um Rat fragen.“ –

So beschlossen wir, dass wir nun maximal noch ein Jahr warten wollten, bis der HErr uns Klarheit geschenkt habe, was Sein Wille sei. Wir plauderten dann noch eine Weile, bis wir uns Gutenacht sagten. Bevor Ruth ging, sagte ich noch augenzwinkernd zu ihr: „Dann kannst du ja schon mal anfangen, Deutsch zu lernen…“ Als ich wieder allein war auf dem Zimmer, ging ich auf die Knie und bat Gott: „HErr, bitte zeige mir doch, ob ich Ruth heiraten soll oder nicht.“ Prompt antwortete der HErr mir durch eine innere Stimme: „Ich habe es dir doch längst gezeigt: Natürlich sollst du Ruth heiraten, denn deshalb habe ich doch all dies so geführt.“ – Da freute ich mich, dass der HErr mir so schnell geantwortet hatte und die Sache nun für mich klar war. Jetzt brauchte ich es nur noch Ruth mitteilen.

Als ich am nächsten Morgen unter der Dusche war, überlegte ich mir, wie ich es ihr sagen könnte. Ich dachte an die Ruth der Bibel, die sich in der Nacht heimlich zu den Füßen Boas gelegt hatte. Genauso hatte ja auch meine Ruth sich am Abend angeschlichen, um mit einer List meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Also wollte ich ihr auf einem Zettel mit den Worten von Boas antworten: „Gesegnet seist du von dem HERRN, meine Tochter! Du hast deine letzte Treue schöner erwiesen als die erste, indem du nicht den jungen Männern nachgelaufen bist, sei es geringen oder reichen. Und nun, meine Tochter, fürchte dich nicht! Alles, was du sagst, werde ich für dich tun, erkennt doch alles Volk im Tor, dass du eine tüchtige Frau bist“ (Rut 3:10-11). Aber was, wenn Ruth nicht sofort versteht, dass dies ein Heiratsantrag sein sollte? Aber nachdem Ruth mir ja bereits ihr Ja gegeben hatte, ging es im Grunde ja nur darum, dass auch ich mein Ja nochmal bekräftige. Also schrieb ich in die Mitte eines kleinen Zettels einfach nur das Wort „“ und gab unten noch die Stelle an „Rut 3:10-11“. Dann ging ich zu ihr, übergab ihr den mehrfach gefalteten Zettel und ging zurück in mein Zimmer, um hinter dem Türspalt zu beobachten, wie sie darauf reagieren würde. Während Ruth den Zettel auseinanderfaltete, stieg die Spannung ins Unermessliche. Doch kein Aufschrei war zu hören, sondern sie nahm ihre Bibel und schlug zunächst die Stelle nach. Dann kam sie in mein Zimmer und wir umarmten uns.

Sofort hatten wir beide den Wunsch, miteinander zu beten. Wir gingen auf die Knie, und Ruth fing sofort an, zu weinen, während sie Gott dankte, dass Er ihr Gebet erhört habe. Ich erfuhr auf einmal, dass Ruth den HErrn gebeten hatte, ihr noch vor ihrem 30. Geburtstag zu zeigen, wer ihr Ehemann werden würde. Und tatsächlich hatte der HErr einen Tag vor ihrem 30. Geburtstag ihr nun einen Mann geschenkt. Da erinnerte ich mich, wie Bruder Hans-Udo mich ein Jahr zuvor im Lkw nach Rumänien gefragt hatte: „Und, Simon, - wann willst du denn mal heiraten?“ Meine spontane Antwort überraschte ihn damals: „In einem Jahr.“ – „Tatsächlich? Hast Du denn schon eine Verlobte?“ – „Nein.“ – „Und woher willst du dann wissen, dass du in einem Jahr heiraten wirst?“ – „Ich weiß auch nicht, aber mir scheint, dass der HErr mir nächstes Jahr eine Gehilfin geben wird, die ich heiraten soll.“ Und jetzt hatte sich diese Prognose tatsächlich erfüllt! Ich war so dankbar, dass Gott mir dieses große Geschenk machte. Nach dem Gebet musste ich Ruth noch einmal minutenlang umarmen und weinte mit ihr zusammen vor Glück. Da fiel mir Jakob ein, der ebenfalls aus Dankbarkeit weinen musste, als er das erste Mal seine Rahel sah und sie küsste (1.Mo.29:11). Jakob war über den Jordan gegangen, um in Haran eine Braut zu finden, und mich hatte der HErr sogar über den Atlantik geführt, um in Peru meine Frau zu finden! Möge der HErr mir doch auch weiter gnädig sein! dachte ich, damit auch mein Same werde wie der Sand am Ufer des Meeres!


Rückkehr nach Deutschland

Irgendwie konnten wir unser Glück noch gar nicht fassen, dass wir auf einmal verlobt waren. Als erstes ging ich in die Küche zu Mutter Lucila und berichtete ihr, dass Ruth und ich uns füreinander entschieden hätten. Sie strahlte über das ganze Gesicht und umarmte mich. Als Luis nach Haus kam, setzte ich mich mit ihm aufs Sofa und bat ihn um die Hand seiner Tochter. Auch er war natürlich hoch erfreut und hatte Tränen in den Augen. Dann gab er uns beiden seinen Segen, und wir dankten gemeinsam Gott. Ruth und ich überlegten, wie es jetzt weitergehe. Sie war noch nicht ganz fertig mit ihrem Studium der Tiermedizin. Also beschlossen wir, erst im Dezember zu heiraten, wenn ich wieder nach Lima käme. Und dann würde ich sie nach der Hochzeit mitnehmen nach Deutschland. Ich erklärte ihr, dass ich von Beruf Maler sei, und zwar schon richtig gut Geld verdienen würde, dass ich aber vom HErrn dazu berufen sei, um Ihm später in Südamerika zu dienen. Konkret berichtete ich ihr von meinem Wunsch, ein Kinderheim zu gründen für verwahrloste Straßenkinder in Kolumbien. Ruth sagte nur: „Wo auch immer du hingehst, werde ich mitgehen und an deiner Seite dem HErrn dienen!“ Sie erzählte mir, dass sie schon zweimal einen gläubigen Freund hatte, aber jedes Mal endete es tragisch. Erstaunlicherweise wurden nämlich beide später schizophren: der eine hatte beim Militär eine homosexuelle Erfahrung mit einem anderen Soldaten gemacht und glaubte dann, die Lästerung gegen den Heiligen Geist begangen zu haben. Und der andere hatte sich aus Neugier mit Okkultismus beschäftigt und wurde danach psychotisch. Weil Ruth dann den Kontakt zu ihm abbrach, wurde er zum Stalker und stellte ihr nach. Eines Tages stand er vor der Tür und teilte Ruths Mutter mit, dass Gott von ihm verlangt habe, er solle Ruth sofort heiraten. Lucila teilte ihm mit, dass Ruth in Ica sei. Da er sich jedoch die 4-stündige Busfahrt dorthin nicht leisten konnte, beschloss er, die 300 km zu Fuß nach Ica zu pilgern. Auf dem Weg wurde er dann aber von einem Lkw überfahren und verlor dadurch seine beiden Beine. Dadurch litt Ruth lange an Schuldgefühlen.

Am letzten Abend ging ich mit Ruth im Park spazieren. Als wir uns auf eine Bank setzten, fragte ich Ruth, ob ich sie mal küssen dürfe. Sie erlaubte es, und ich gab ihr einen dezenten Kuss auf den Mund. „Das war aber jetzt kein Kuss!“ protestierte Ruth. „Man merkt, dass du wirklich noch ganz unerfahren bist. Ich würde dir gerne mal zeigen, wie ein echter Kuss geht…“ Wir gingen dann nach Haus auf ihr Zimmer, und dann zeigte sie mir, wie man richtig küsst. Mehr Einzelheiten kann ich hier verständlicherweise nicht nennen (vergl. Spr.30:18-19). Auf jeden Fall war ich überglücklich, dass der HErr mir nun ein so kostbares Geschenk gemacht hatte und freute mich riesig auf unsere Hochzeit. Am nächsten Tag kamen Israel und Alexandra mit ihren drei Kindern nach Lima, um mich zu verabschieden. Als ich den beiden von unserer Verlobung erzählte, sprang Israel vor Freude auf, während Alexandra sitzen blieb und mich ernst anschaute. War sie vielleicht traurig, weil Ruth ja ihre beste Freundin war und sie sich nun nicht mehr so oft sehen würden?

Am Abend fuhren sie mich dann zum Flughafen, und wir verabschiedeten uns mit Tränen der Freude. Im Flugzeug fragte ich mich, wie wohl meine Familie auf diese Neuigkeiten reagieren würde. Ich konnte es kaum abwarten, es meiner Mutter zu berichten, weshalb ich sie beim Zwischenstopp in Mailand anrief: „Muddi, ich bin heute Abend wieder in Bremen, aber ich muss dir schon jetzt eine gute Nachricht erzählen. Aber du musst dich erstmal hinsetzen.“ Meine Mutter war ganz aufgeregt: „Erzähl mal, ich sitze schon!“ – „Muddi, ich werde HEIRATEN!“ – „WAAAS!“ Ihr schossen sofort die Tränen in die Augen. – „Ja, echt, und zwar eine richtige Indianerin aus Peru!“ Nun war meine Mutter völlig aus dem Häuschen. Ich erzählte ihr schnell noch ein paar Einzelheiten, bis mein Geld alle war und das Gespräch abrupt endete. In Hamburg holte mich dann Bruder Raimund wieder vom Flughafen ab und brachte mich nach Bremen. Auch er war sehr überrascht und beeindruckt über all das, was ich mit Gott in diesen drei Monaten erleben durfte. Zuhause angekommen, wollten alle wissen, wer diese Ruth sei und wie wir uns kennengelernt hätten. Diana sagte: „Ich wusste, dass Simon der erste von uns sein würde, der heiratet!

In den Tagen danach schrieb ich meine Erlebnisse auf und schickte Kopien von meinem Bericht an alle Geschwister, die ich kannte. Auch bewarb ich mich bei Malereibetrieben und wurde kurz darauf auch von der Firma Hespenheide in Bremen-Findorff genommen. Ich suchte eine eigene Wohnung im Raum Findorff und lernte dann wie durch ein Wunder einen Glaubensbruder kennen namens Udo Block (38), der in unmittelbarer Nähe meiner Firma wohnte. Er bot mir an, gemeinsam in seiner Wohnung zu leben und mit ihm die Miete zu teilen. Da Udo erst seit einem Jahr bekehrt war und zuvor 22 Jahre drogenabhängig, war er sehr froh, dass einer wie ich, der zwar noch jung aber schon acht Jahre im Glauben war, ihm Gesellschaft leisten würde. Ich war so froh und dankbar über all den Segen, den Gott mir bisher geschenkt hatte! Womit hatte ich all diese Güte und Barmherzigkeit Gottes nur verdient, dass Er mir bis hierhin geholfen hatte! Aus lauter Dankbarkeit beschloss ich, dass ich von nun an dem HErrn in meiner freien Zeit von ganzem Herzen dienen wollte, indem ich allen Gläubigen, die ich kannte, von nun an regelmäßig ein kostenloses Monatsblättchen zuschicken wollte mit Gedanken aus Gottes Wort, so wie es auch der Bruder Daniel Werner immer tat. Dabei wurde ich von dem Vers in Hebr.3:13 geleitet, wo es heißt: „Ermuntert einander jeden Tag, solange es heute heißt, auf dass niemand von euch verhärtet werde durch den Betrug der Sünde.“ Als Titel wählte ich den Begriff „Die Bruderliebe“ (griech. PhILADELPHIA), um dadurch für die Wertschätzung, Geduld und Toleranz unter den heutigen Gläubigen zu werben.

An den Wochenenden besuchte ich wieder regelmäßig Edgard und Hedi in Blumenthal. Die beiden freuten sich über mein Glück, und Edgard erzählte mir, dass Bruder Daniel jetzt nicht mehr zu ihnen käme wegen der Wein-Lehre, sondern stattdessen sich mit Schwester Alice und Bruder Waldemar im Haus der Mutter von Alice versammeln würde. Auch würden sie selbst jetzt immer sonntags mit allen Geschwistern zum Gottesdienst in die Brüdergemeinde im Lehrer-Lämpel-Weg fahren. Ich fuhr daraufhin dann auch öfter mit, aber der Gottesdienstraum gefiel mir nicht sehr, weil er eine sehr schlechte Belüftung hatte. Stattdessen ging ich nun immer häufiger in die sog. „Bibelgemeinde“, wo meine Eltern hingingen, zumal sie relativ bibeltreu war. In die Missionsgemeinde traute ich mich nicht, weil ich ja einmal in einem Rundbrief öffentlich vor dieser Sekte gewarnt hatte. Ich hatte eine große Sehnsucht in meinem Herzen, dass doch diese ganze Sektiererei unter Gläubigen endlich aufhören möge und alle Christen gemeinsam wieder zur biblischen Lehre umkehren. Aber die wenigen Treuen, die ich kannte, waren überall in Deutschland verstreut wie Schafe, die keinen Hirten hatten.

Der sinnliche Mitbewohner

Nachdem ich ein Zimmer in der Wohnung von Udo Block bezogen hatte, freundeten wir uns schon bald an. Udo war groß und schlank, hatte einen Schnurrbart und rauchte viel. Er hatte einen ganzen Stapel von Andachtsbüchern, die er jeden Morgen durcharbeitete. Und da er eine Behindertenrente erhielt, brauchte er nicht arbeiten. Ich erzählte ihm von meiner Vergangenheit, und dann begann er, mir seine Geschichte zu erzählen:

Ich war schon immer unwiderstehlich für die Frauen und konnte sie mit Leichtigkeit verführen. Meinen ersten Sex hatte ich bereits mit 14 und habe seither nicht mehr aufhören können. Dann fing ich an zu kiffen und bald darauf auch an mit dem Koksen. Ich machte eine Ausbildung zum Koch und arbeitete in Luxusrestaurants. Mitte 20 lernte ich eine 10 Jahre ältere Sozialarbeiterin kennen. Wir zogen zusammen, und sie verwöhnte mich in jeder Hinsicht. Doch eines Tages, als ich etwa 29 J. war, fuhr ich mit dem Fahrrad und hatte auf einmal so einen merkwürdigen Linksdrall. Ich dachte zunächst, dass mit meinem Fahrrad etwas nicht in Ordnung sei, weil es ständig nach links lenkte. Als ich abstieg, merkte ich, dass es an meinem Kopf lag, denn mir wurde total schwindelig. Alles drehte sich. Ich stieg die Treppenstufen zu einem nahegelegenen Haus hoch und drückte die Klingel, um Hilfe zu erbitten. Doch in dem Moment fiel ich in Ohnmacht und wachte erst wieder im Krankenhaus auf.

Der Arzt teilte mir mit, dass ich einen Schlaganfall erlitten hätte und nun halbseitig gelähmt sei. Es würde einige Jahre dauern, bis die Lähmung wieder vorbei sei, aber weil ich noch jung war, stünden die Heilungs-Chancen recht gut. Für mich war diese Nachricht jedoch eine Katastrophe. Mein süßes Leben war nun vorbei, und ich fühlte mich wie ein Krüppel. Keine Frau würde mich nun noch begehren. Also nahm ich noch mehr Drogen und versuchte, immer berauscht zu sein, um mein Leben zu ertragen. Ich verbrachte die nächsten Jahre in verschiedenen Reha-Kliniken, und mit der Zeit verbesserte sich mein Zustand. Vor etwa drei Jahren galt ich als geheilt und lernte eine junge Frau kennen. Michaela war Christin und versuchte, mich zum christlichen Glauben zu bekehren. Ich aber hatte eigentlich nur Interesse an ihr, aber nicht unbedingt an ihrem Glauben. Sie war noch Jungfrau, als wir das erste Mal miteinander schliefen. Ich war völlig verrückt nach ihr, aber sie erzählte mir immer wieder, dass dies Sünde sei und wir eigentlich erst einmal heiraten müssten. Sie bedrängte mich immer mehr, den christlichen Glauben anzunehmen, da ihre Eltern einen ungläubigen Schwiegersohn nicht akzeptieren würden. Ich begann also, in der Bibel zu lesen und übergab schon bald darauf mein Leben Jesus. Mit Gottes Hilfe schaffte ich es nun endlich, mit den Drogen aufzuhören. Trotzdem hatten wir weiterhin vorehelichen Verkehr, so dass Michaela eines Tages zu mir sagte: ‚Udo, es tut mir leid, aber so geht das nicht weiter. Ich möchte, dass wir morgen zum Pastor unserer Gemeinde gehen, unsere Schuld bekennen und dann bis zur Hochzeit keinen Sex mehr miteinander haben. Das ist einfach nicht richtig vor Gott!‘ Ich erklärte mich damit einverstanden, fragte sie jedoch: ‚Wenn wir erst morgen zum Pastor gehen, um unsere Sünde zu bekennen, dann können wir heute Abend doch noch ein letztes Mal Sex haben, oder?‘

Doch in den Wochen danach veränderte sich Michaela und wurde immer radikaler. Wir stritten öfter, und sie machte mir Vorwürfe, dass sie durch mich in Sünde gefallen sei. Schließlich trennte sie sich sogar von mir, weil ich in ihren Augen noch nicht richtig bekehrt sei. Für mich brach dadurch eine Welt zusammen, denn Michaela ist für mich noch immer die Frau meines Lebens. Das war vor etwa 6 Monaten, und ich bin immer noch nicht darüber hinweggekommen. Weißt du, Simon, wenn man so viele Jahre auf Droge war wie ich, dann hat man nie gelernt, mit Rückschlägen im Leben klarzukommen. Denn wenn es mir früher schlecht ging, habe ich immer sofort einen Joint geraucht, um wieder runterzukommen. Aber mir fehlt heute einfach die Kraft, um Unangenehmes auch einfach mal zu ertragen. Meine Gedanken kreisen den ganzen Tag nur noch um Michaela, und ich kann sie einfach nicht vergessen. Dabei lese ich jeden Morgen meine Andachtsbücher und bete immer, damit dieses schlechte Gefühl verschwindet. Aber es braucht nur mal ein kleiner Anlass kommen und schon bin ich wieder völlig gelähmt und brauche eine Zigarette.“

„Vielleicht solltest Du einfach mehr auf Gott vertrauen und Ihn bitten, dass sie wieder zu Dir zurückkehrt?“ sagte ich. „Nein, das hat keinen Zweck, denn sie will mich nicht mehr und hat wohl auch schon einen anderen.“ – „Dann bitte Gott doch darum, dass Er dir Kraft gibt, um ehelos zu bleiben oder aber dir eine andere Frau über den Weg laufen lässt, die du heiraten sollst.“ Und so geschah es, dass ich allmählich Udos Seelsorger wurde und ihm beinahe jeden Tag nach der Arbeit zuhörte und ihm Ratschläge erteilte. Doch schon nach wenigen Wochen fiel mir auf, dass Udo kaum Fortschritte machte, sondern immer wieder mir die gleiche Geschichte mit immer neuen Einzelheiten erzählte. Jedes Mal aufs Neue musste ich ihm Mut machen durch Gottes Verheißungen und ihm erklären, dass alle Dinge, die uns widerfahren, zum Besten mitwirken, weil der HErr sie für unsere Erziehung gebraucht.

Als Udo jedoch merkte, dass mir das Zuhören zunehmend schwerer fiel, begann er mich immer häufiger zu „erpressen“. Und dass geschah so: immer wenn ich von der Arbeit nach Haus kam und mich schnell in mein Zimmer zurückziehen wollte, rief er mich vom Wohnzimmer und sagte mit der Zigarette in der Hand: „Simon, ich wollte dir nur mitteilen, dass ich mich jetzt entschieden habe, dass ich wieder in die Welt zurück gehe.“ Anfangs war es noch so, dass ich dann jedes Mal auf ihn einredete und ihn zum Durchhalten bewegte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass Udo diese Androhung nur machte, um mich wieder in ein Gespräch mit ihm zu ziehen. Er hatte also gar nicht wirklich vor, den HErrn zu verlassen, sondern schien nur zu bluffen. Eines Tages platzte mir der Kragen und ich schimpfte mit ihm: „Ich bin den ganzen Tag am Arbeiten, während Du nur Fernsehen schaust und rumgrübelst. Du musst endlich dein Leben ändern und anfangen, etwas Sinnvolles zu tun. Oder glaubst du, dass Gott Freude daran hat, wenn du den ganzen Tag vor der Glotze sitzt und eine Zigarette nach der anderen rauchst?“ - „Was schlägst du vor?“ fragte mich Udo. „Du musst deinen Fernseher zerstören, und dann wird der HErr dich wieder segnen können. Immer wenn die Kinder Israel die Götzenbilder Kanaans vernichteten, hat der HErr ihnen danach eine Belebung geschenkt.“ Zu meiner Überraschung, war Udo sofort damit einverstanden. Wir überlegten, ob wir den Fernseher einfach aus dem Fenster des Wohnblocks werfen könnten, hatten aber dann die Befürchtung, dass jemand dann gerade unten vorbei gehen könnte. Also trugen wir ihn hinunter in den Keller und zertrümmerten ihn dort mit dem Hammer. Wir dankten Gott für den großen Sieg, und Udo bezeugte, dass es ihm nun schon viel besser ginge.

Doch es dauerte nicht lange, da fiel Udo wieder zurück in seine alten Gewohnheiten. Als ich von der Arbeit nach Haus kam, sah ich Udo, wie er im Wohnzimmer die Beine einer Frau streichelte, die ich noch nie gesehen hatte. Als sie irgendwann ging, fragte ich Udo, wer das war. „Wir hatten uns heute durch Zufall beim Einkaufen kennengelernt, und da habe ich sie zu mir in die Wohnung eingeladen.“ – „Aber wenn ihr Euch gar nicht kanntet, wie konnte es dann sein, dass du sie berührt hast?“ – „Erst haben wir uns nur unterhalten, und irgendwann habe ich sie gefragt, ob sie mir erlaube, dass ich ihre Beine streichele. Und sie hat Ja gesagt.“ – „Wie kommst du dazu, sie als Christ so etwas zu fragen?! Willst du schon wieder anfangen mit der Hurerei?“ – „Ach was! Du bist einfach zu verklemmt, Simon! Was ist schon dabei, wenn ich eine Frau einfach mal etwas streichle! Ein bisschen Zärtlichkeit brauchen wir doch alle.“ Da wurde mir klar, dass Udo wirklich in einer ganz anderen Welt lebte, die mir völlig unbekannt war. Ich hatte ja tatsächlich keine Erfahrung auf diesem Gebiet, aber für ihn war das ganz normal.

An einem Tag als wir auf der Arbeit Mittagpause machten, erzählte ich meinen Kollegen, dass ich im Dezember nach Peru reisen würde, um meine Verlobte zu heiraten. „Und was machst du, wenn sie dann schon mit einem anderen durchgebrannt ist?“ fragte mich einer. „Nein, das macht sie nicht“ erwiderte ich. „Woher willst du das wissen?“ – „Weil ich meine Verlobte kenne und wir uns lieben.“ – „Ja, aber was ist, wenn sie plötzlich in Versuchung kommt und ihr plötzlich ganz heiß wird zwischen den Beinen?“ – „Meine Frau und ich sind Christen, und bei uns gibt es keinen Sex vor der Ehe, weil wir Gott fürchten.“ – „Wie, was? Du hattest also auch noch nie Sex mit einem Mädchen?“ – „Nein.“ antwortete ich. Auf einmal fingen alle an zu lachen. „Sag mal, wie alt bist du denn?“ – „23.“ – „Und du hast bisher wirklich noch nie mit einem Mädchen geschlafen? Jetzt echt? Du bist immer noch jungfräulich?“ – „Ja. Na und?“ – Ich tat so, als würde es mir nichts ausmachen, aber in Wirklichkeit fühlte ich mich als totalen Versager. Ich konnte nicht mitreden, und alle schauten mich nun mitleidig lächelnd an, als wäre ich impotent oder psychisch gehemmt. Schon morgen würde es die ganze Firma wissen.


Ivo Sasek

Damals bekam ich immer regelmäßig die Schriften eines Schweizer Predigers namens Ivo Sasek zugeschickt. Er hatte in Walzenhausen im Kanton Appenzell ein christliches Rehabilitationshaus namens OBADJA, sowie einen kleinen Zirkel von Getreuen, die sich selbst „Obadja-Team“ nannten. Dort sollten Drogenabhängige, aber auch andere im Glauben Gestrandete über Monate lernen, wie sie durch eiserne Disziplin künftig selbstständig im Leben zurechtkämen, ohne wieder in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Zwei- bis dreimal im Jahr lud Ivo in seinem Rundbrief „Der Ölbaum“ zu Bibelfreizeiten ein, zu denen etwa 30 bis 50 Teilnehmer aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen. Da Ivo in seinen Texten immer wieder die Notwendigkeit einer inneren Erneuerung durch den Geist Gottes, sowie ein geistliches Verschmelzen der Gläubigen zur Einswerdung in Christus thematisierte, fühlte ich mich sehr angezogen von dieser Botschaft und meldete mich für die ein einwöchiges Bibelseminar an.

Als ich dort abends ankam, wurde mir ein Zimmer zugeteilt mit einem charismatischen Bruder namens Hans (40). Er war schon öfter gekommen und erklärte mir ausführlich die Anliegen vom Ivo. Als wir auf das Thema Geistesgaben zu sprechen kamen, sagte er, dass jeder die Gabe der Zungenrede bekommen könne, wenn er die Geistestaufe empfinge. „Aber Paulus schreibt doch: ‚Sprechen etwa alle in Sprachen?‘ (1.Kor.12:30). Demnach konnten auch damals nicht alle Christen in Sprachen reden!“ – „Ja, weil sich eben schon damals nicht alle danach ausstreckten! Paulus fordert aber dazu auf, nach der Zungenrede zu trachten. Was man nicht erbittet, bekommt man nicht.“ – „Aber Paulus sagte auch, dass die Zungenrede eines Tages aufhören werde (1.Kor.13:8), und sie hat ja nach der Apostelzeit tatsächlich aufgehört.“ – „Das wird immer wieder behauptet. Aber der HErr sagte, dass die Zungenrede ein Zeichen sei für alle, die da glauben (Mk. 16:17). Demnach hört sie erst auf, wenn wir vom Glauben zum Schauen kommen.“ – „Hast du auch die Zungenrede?“ – „Ja, natürlich.“ – „Macht es dir etwas aus, wenn du sie mal vorführen könntest, denn ich habe sie ehrlich gesagt bisher noch nie gehört.“ – „Das geht nicht so einfach wie auf Knopfdruck. Das muss der Heilige Geist in mir wirken. Außerdem ist die Zungenrede ja ein Gebet zu Gott. Das kann man nicht ‚vorführen‘ wie ein Theaterstück.“ – „Aber wir können doch gemeinsam beten, und dann betest du in Zungen, und ich höre mir das an.“ – „Na gut, ich will es versuchen.“

Wir knieten nieder, und nachdem er ein paar Einleitungsworte auf Deutsch gesagt hatte, sprach er auf einmal ruhig in Zungen: „Kilakoma-schiradoma-nurikana-kolakina-schirokalima-kulimarischa-narukioma-schirokaluma-nirowaluma-kilomaruna-schinowaruna-kulamiruna-mirukaluma-schurikulamina-kiloduma-rimukaluma-scharinumanula-kolischumina-kilokumana-schirokalima-nuriwaluma-manurikula-kilarinuma -kilowarima. Amen!“ Ich schaute ihn irritiert an. „Und?“ fragte er, „was denkst du?“ Ich überlegte: „Mir schien das jetzt aber nicht wie eine echte Sprache. Du hast immer wieder die gleichen Silben benutzt. Ständig hast du was von ‚Kilo‘ gesagt und am Ende kam immer ein ‚-a‘.“ – „Das war ja auch keine irdische Sprache, sondern eine Engelsprache!“ – „Na ja, das kann man immer behaupten. Hast du denn selber verstanden, was du da gesagt hast?“ – „Nein, natürlich nicht. Das müsste jemand übersetzen, der die Gabe dafür hat.“ – „Aber Paulus sagt doch, dass die Zungenrede für den, der sie redet, erbaulich sei.“ – „Ja. Und?“ – „Wie konnte sie dich denn erbauen, wenn du sie gar nicht verstanden hast?“ – „Sie hätte mich ja erbaut, wenn ein Übersetzer da gewesen wäre.“ – „Aber wie willst du prüfen, ob der Übersetzer es überhaupt richtig übersetzt? Er könnte ja auch einfach irgendwelche Sätze erfinden.“ – „Das wäre dann aber Betrug, und ein echter Christ würde das nicht tun.“ – „Nein, Betrug nicht, sondern er könnte sich ja auch einreden, dass seine Übersetzung vom Heiligen Geist wäre, genauso wie du dir einreden kannst, dass deine Zungenrede echt ist. Aber sie könnte auch Einbildung sein.“ – „Wir müssen das jetzt hier abbrechen, denn sonst besteht die Gefahr, dass du gegen den Heiligen Geist lästerst, Simon.“

Am nächsten Morgen kündigte Schwester Maja nach dem Frühstück an, dass um 9:00 Uhr Versammlung sei, aber wer möchte, könne auch schon um 8:30 Uhr zum Gebet im Nebenraum kommen. Ich nahm dies Angebot an und kniete mich mit etwa 10 Geschwistern hin zum Gebet. Bruder Johannes fing an im Schweizer Dialekt zu beten: „Herr, wir bitten Di, dass der Geist doch heute durchbrechen möge und dass alle mitgerissen werden mögen in Deinen Strom des Geistes und wir alle hineingelangen in die geistliche Wirklichkeit. Wir bitten Di, dass der Ivo doch heute die richtigen Worte haben möge und dass…“ Nach etwa fünf Minuten betete die nächste Schwester: „Herr, auch i bitte Di, dass Du doch alle ziehen mögest in diesen Strom des Geistes und dass wir doch alle durchbrechen mögen… usw.“ Ich dachte nur: Was haben die nur immer mit diesem ‚Durchbrechen‘ oder dieser ‚geistigen Wirklichkeit‘? Dann betete ich: „Lieber Vater im Himmel, habe herzlich Dank, dass ich hier sein darf bei den lieben Geschwistern. Mögest Du sie alle reichlich segnen und mit uns sein. Ich bitte Dich auch für unsere Obrigkeit und auch für den Frieden Jerusalems…“ Auf einmal unterbrach mich Johannes: „Du, Simon, merkst du eigentlich gar nicht, dass du überhaupt nicht im Geiste betest? Wir versuchen hier gerade gemeinsam, in diesen Strom des Geistes einzudringen, um völlig eins zu werden, aber du bringst uns hier völlig aus der Bahn mit irgendwelchen Bitten für Jerusalem usw. die doch absolut nicht das Thema sind jetzt! Wenn du nicht mit uns eins werden willst im Gebet, dann müssen wir dich leider ausschließen von unserer Gebetsgemeinschaft, denn du bringst hier einen völlig fremden Geist hinein!“ – „Aber ich habe doch nur biblische Gebetsanliegen gebracht, mehr nicht?“ – „Ja, aber das ist jetzt einfach nicht das Thema, Simon.“

Nach der Gebetsstunde, die mir eher wie eine Gehirn-Gleichschaltung vorkam, setzten wir uns in den Versammlungsraum. Nachdem sich Ivo noch mit einigen Brüdern unterredet hatte, begann er die Predigt mit einem Gebet und sprach dann etwa zehn Minuten lang über den Zustand der heutigen Gemeinde. Doch auf einmal sagte er: „Liebe Geschwister, ich muss an dieser Stelle hier jetzt abbrechen, denn ich spüre im Geist, dass hier gerade eine fremde Macht im Raume ist, die sich dem Geist Gottes entgegenstellt. Und der HErr hat mir gezeigt, dass ich jetzt nicht weiterpredigen soll, sondern als erste soll sich dieser fremde Geist offenbaren und ins Licht gestellt werden. Es tut mir sehr leid…“ Dann setzte sich der Ivo, und es begann eine bedrückende Stille im Raum. Ich dachte: Was soll das denn jetzt? Das ist ja totale Erpressung. Er meint doch bestimmt mich – wen denn sonst? Aber warum sagt er das nicht einfach? Oder hat ihm der Geist denn nicht auch offenbart, wer hier von uns der Schuldige ist? Aber vielleicht war Ivo wirklich ein Prophet und musste das jetzt sagen… vielleicht war ich wirklich so geistlos, wie Johannes meinte… Während ich so mit Herzklopfen grübelte, ging auf einmal eine Schwester nach vorne. Mit weinerlicher Stimme sagte sie: „Ich glaube, es ist wegen mir, weil ich vorhin böse Gedanken über die Bettina hatte und mit der Susi über sie gesprochen hatte. Bettina, bitte vergib mir!“ Dann setzte sie sich wieder. Nach weiteren fünf Minuten ging ein Bruder nach vorne und sprach ins Mikrophon: „Geschwister, ich glaube, ich bin es, denn ich hatte letzte Woche gelogen, als ich behauptete, ich wäre krank gewesen und konnte deshalb nicht zum Hauskreis kommen. In Wirklichkeit hatte ich nur keine Lust. Aber dadurch habe ich ja den Heiligen Geist belogen! Möge der HErr mir vergeben!“ Er setzte sich wieder. Ich dachte: Interessant. Jetzt kommt alles ans Licht wie bei der Sünde Achans. Nach ein paar Minuten ging wieder eine Frau nach vorne, die aber so leise wimmerte, dass man sie kaum verstand. Nach etwa einer halben Stunde ging Ivo selbst wieder ans Rednerpult und sagte: „Liebe Geschwister, ich spüre inzwischen schon eine Erleichterung im Geiste. Aber da ist immer noch etwas, das ich nicht beschreiben kann, das mich aber jetzt noch immer massiv am Predigen hindert. Lasst uns still zum HErrn flehen, dass dieser unreine Geist doch jetzt weichen möge!“ Es war beängstigend. Also entweder war dies jetzt ein billiger Psychotrick vom Ivo oder er war wirklich so eine Art geistliches Medium. Aber ich war wie erstarrt und konnte nicht nach vorne gehen.

Das Bekennen von Sünden war in der Walzenhausener Gemeinde ein ganz zentrales Thema. Es gründete sich auf Jak.5:16a „Bekennet denn einander die Vergehungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ Wir bildeten dazu regelmäßig kleine Gruppen, wo jeder nacheinander vor allen seine Sünden bekannte. Das war mir bisher noch nie so begegnet, aber sehr befreiend. Einmal ging ich zum Ivo, um ihm persönlich etwas zu beichten: „Ich habe immer noch nicht die Selbstbefriedigung überwunden, obwohl ich mich bemühe, sie möglichst lange hinauszuzögern. Letztens habe ich eine Predigtkassette von dir gehört, wo du über das Thema Rücksicht beim Geschlechtsverkehr gepredigt hast. Selbst das hat mich dann zur Selbstbefriedigung verleitet. Bitte bete für mich, dass ich davon frei werde!“ Ich bekannte dem Ivo auch, dass ich zunächst Zweifel hatte über seine Autorität, aber inzwischen doch überzeugt sei, dass er ein Mann Gottes ist, zumal auch seine Kinder alle so wohl erzogen waren und die Töchter alle Röcke trugen.

Das einzige Unbehagen und ein Zweifel, der mich immer wieder beschlich, war, dass es in den Predigten vom Ivo gar nicht so sehr um den HErrn Jesus ging, sondern vor allem um Ivo selbst. Immer wieder sprach er schlecht über all die anderen Prediger heutzutage, aber machte keinen Hehl daraus, dass er sich als den einzig wahren Propheten Gottes heute sah. Einmal sagte er sogar (Gedächtniszitat): „Erst sandte Gott den Paulus, um dieses Geheimnis Gottes kundzutun, dann war es Martin Luther, der damit beauftragt wurde, die Wahrheit auf den Leuchter zu stellen, und heute hat der HErr entschieden, dass von hier, von Walzenhausen aus, eine gewaltige Erweckung ausgehen soll, um das zerfallene Haus Gottes wieder aufzurichten.“ Also erst Paulus, dann Luther und dann Ivo. Keine Frage – entweder war Ivo absolut größenwahnsinnig oder aber er hatte recht. Da ich aber nichts Falsches bei ihm sehen konnte, musste ich von dem Zweiten ausgehen. Als ich wieder zurück nach Bremen fuhr, las ich im Zug ein Traktat, wo Ivo über ein Erlebnis berichtete, das ich hier mal sinngemäß wiedergebe:

An einem Tag, als ich mal wieder im Gebet und Fasten war, da kam der Geist Gottes über mich und sprach zu mir: ‚Menschensohn, ich habe eine Botschaft für das Volk Gottes, das du ihnen ausrichten sollst. Bitte schreibe alles auf, was ich dir jetzt diktieren werde!‘ Daraufhin nahm ich einen Zettel und Stift, und auf einmal kam es wie in mächtigen Wogen über mich und ich fing an zu schreiben, ohne dass ich selber ahnen konnte, was noch alles käme… Ich konnte gar nicht mehr aufhören und erschrak selbst bei all den fürchterlichen Worten, die ich dem Volk Gottes heute ausrichten sollte, denn es war eine Ankündigung des baldigen Gerichts, das der HErr über Sein Volk verfügen werde. Ich zitterte am ganzen Leib und fand kaum mehr Ruhe bei all diesen schrecklichen Worten. Es war, als würde ich schwanger gehen mit dieser Botschaft und unter Geburtswehen mich krümmen vor Schmerz. Aber es half alles nichts, denn diese Botschaft vom Herrn musste herauskommen ans Licht. Es dauerte viele Tage, bis alles vollständig aufgeschrieben worden war. Ich zitterte am ganzen Leib, weil mir bewusst war, was diese Worte des Herrn noch alles ausrichten würden, wenn ich sie erst einmal verkündigt hätte. Aber dann sprach der Herr zu mir: ‚Ivo, du sollst diesen Brief an das Volk Gottes wieder vernichten und ihnen nicht mitteilen, denn sie sind nicht würdig, all das zu erfahren, was ich ihnen mitteilen wollte. Nur du solltest es erfahren, aber du darfst es ihnen jetzt nicht sagen, weil es ein Geheimnis bleiben soll. Versiegele diese Worte für immer in deinem Herzen!‘ Und das ist der Grund, liebe Geschwister, warum ich es euch nicht mitteilen darf.“

Dieses Traktat fand ich sehr merkwürdig. Warum sollte der HErr dem Ivo eine Botschaft an uns aufschreiben lassen, die er uns dann am Ende doch nicht mitteilen soll? Warum dann überhaupt diese Botschaft? Und warum hat Ivo uns denn dann mitgeteilt, dass es so eine geheime Botschaft Gottes denn überhaupt gibt, wenn wir sie ja ohnehin nicht erfahren sollen? Dann hätte er doch auch nicht extra ein Traktat drucken lassen müssen. Jetzt hatte er uns nur unnötig neugierig gemacht. Was könnte uns der Herr gesagt haben wollen, was er uns dann schließlich doch vorenthalten wollte? War es überhaupt möglich, dass Gott plötzlich Seine Meinung änderte? Irgendwie machte das Traktat keinen Sinn.


Woran erkennt man eine Sekte?

Als ich wieder zuhause in Bremen war, berichtete ich dem Udo von meinen Erfahrungen mit Bruder Ivo und sagte: „Auch wenn dort beim Ivo Sasek auch nicht alles Gold ist, was glänzt, hat mir die Verbundenheit und Disziplin der Geschwister dort sehr gut gefallen. Das wäre eigentlich genau das Richtige für dich, Udo, damit du endlich vom Rauchen frei wirst und deinen Tag besser in den Griff bekommst. Die Geschwister dort haben jahrelange Erfahrung mit Drogenabhängigen und können dir deshalb wirklich helfen. Wenn du willst, dann melde dich doch einfach für das nächste Bibelseminar dort an.“ Udo ließ sich überzeugen und füllte schon bald einen Antrag aus. Indes war die Zeit gekommen, dass ich mich für meine nächste Reise nach Südamerika vorbereiten musste und für meine Hochzeit mit Ruth. Als ich Mitte Oktober bei der Malerfirma in Findorff gekündigt wurde, nahm ich dies zum Anlass, bei Udo Block auszuziehen und kehrte wieder in mein Elternhaus zurück. Gemäß den Anweisungen im peruanischen Konsulat beantragte ich beim Standesamt in Bremen eine „Ehefähigkeitsbescheinigung“ und ließ sie anschließend übersetzen und beglaubigen. Auch kaufte ich Flugtickets für Ruth und mich, wobei der One-Way-Flug für Ruth dann am selben Tag, dem 15.01.1993, im selben Flugzeug erfolgen sollte.

Selbstverständlich wollte ich auf meiner zweiten Lateinamerikareise auch wieder die anderen Gemeinden besuchen, und zwar diesmal auch die Geschwister in Guatemala, die ich beim letzten Mal aus Zeitgründen ausgelassen hatte. Ruth hatte mir schon mitgeteilt, dass sie aufgrund ihres Studiums noch nicht dorthin begleiten könne. Um nicht wieder zweimal diese 4000 km hin- und zurück von Lima nach Guatemala mit dem Bus reisen zu müssen, hatte ich geplant, auf dem Hinflug gleich nach Guatemala zu fliegen, um dann von dort aus nur einmal diese Ochsentour nach Lima fahren zu müssen. Da ich schon seit drei Jahren in freundschaftlichen Briefkontakt war mit der Familie Marroquín aus Retalhuleu (Guatemala), hatte ich ihnen mitgeteilt, dass ich sie am Dienstag, den 31.10.1992 für eine Woche besuchen würde. Sie freuten sich sehr darüber und schrieben mir, dass auch der argentinische Bruder Samuel (60) für den 04.11.92 in Guatemala ankommen würde. Der Geschäftsmann Samuel Franco war zu Lebzeiten noch verfeindet mit dem kanadischen Missionars Arthur Vincent (1897-1991), aber wollte nun nach dessen Heimgang offensichtlich dessen Nachfolger werden, weshalb er mit seiner Frau Lorenza ebenso wie ich eine Rundreise durch ganz Südamerika geplant hatte, um die Ländereien seines Ex-Rivalen in Besitz zu nehmen.

Ja, es klingt tatsächlich ein wenig sarkastisch, aber das, was ich dann in den nächsten Wochen mit Bruder Samuel Franco erleben sollte, bot tatsächlich den Stoff für ein billiges Schmierentheater, durch das mir immer deutlicher das Wesen der Sektiererei deutlich wurde: der Name des HErrn wird missbraucht, um unter dem Deckmantel biblischer Wahrheiten seine eigenen Machtinteressen durchzusetzen und dabei alle Kritiker auszuschalten mit der Begründung, sie seien Irrlehrer. Bruder Thomas Schaum (31), mit dem ich inzwischen sehr gute Freundschaft pflegte, hatte mir eine gerade erschienene Ausarbeitung von W. J. Ouweneel geschickt über das Thema „Sektiererei – eine Gefahr für die Brüderbewegung“. Durch diese wurden mir endgültig die Augen geöffnet über die Mechanismen, durch welche hochbegabte Brüder wie Daniel Werner von ihren Anhängern auf subtile Weise zu unfehlbaren Päpsten oder aber ihre Auslegungen zu alleingültigen Bibellehren hochstilisiert werden, während man sich von Kritik von außen abschottet durch Umgangsverbot. Meistens sind es extrem seltene Bibelauslegungen, wie z.B. die Lehre der Böhm-Brüder, dass es für die Taufe ein angebliches Mindestalter von 20 Jahren gäbe, da nach 4.Mo.14:29-33 alle unter 20-jährigen noch als „Kinder“ gelten würden. Wenn man solche dann widerlegt, z.B. mit dem Hinweis, dass 4.Mo.14:33 gar nicht von Kindern, sondern von „Söhnen“ (hebr. BeNiM) spricht, dann werden solche Argumente meist einfach ignoriert und abgeschüttelt, weil man sich so sehr in seine eigene Auslegung verliebt hat, dass man sie nicht einfach aufgeben will.

Leider neigte auch mein Freund Thomas Schaum zu solchen voreiligen Schlüssen, indem er die Brüdern Fritz-Henning Baader und Hans-Udo Hoster leichtfertig beschuldigte, „betrügerische Arbeiter“ bzw. sogar „Diener Satans“ zu sein (2.Kor.11:13), weil sie mit der Allversöhnungslehre seiner Ansicht nach ein „anderes Evangelium“ vertreten würden. Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, da ja bekanntlich „die Erkenntnis nicht in allen ist“ (1.Kor.8:7), aber er bat mich, den Kontakt mit diesen abzubrechen. Daher schrieb ich ihm: „Das Wissen um die Ewigkeit der Verdammnis gehört m.E. nicht zu den zentralen Inhalten des Evangeliums. Die Hoffnung auf eine Allversöhnung veranlasst deren Vertreter auch nicht dazu, sie in ihre Evangeliumsverkündigung einzubeziehen, was ja auch unsinnig wäre. Deshalb predigt Hans-Udo das Evangelium genauso, wie wir es auch kennen, ohne irgendwelche Zusätze [] Natürlich kann man jede Irrlehre so hindrehen, dass man sie als Widerspruch zu den fundamentalen Aussagen des Evangeliums auslegen kann, damit man einen Grund gefunden hat, sich von einer unliebsamen Person abzusondern.“

Trotz der unterschiedlichen Ansicht zur Frage der Toleranz gegenüber Anderslehrenden stand Thomas (noch) voll und ganz hinter mir und meinem Dienst in Südamerika. Obwohl er sehr arm war, spendete er mir sogar etwas, um es an die armen Geschwister in Südamerika weiterzuleiten. Nachdem ich einen Rundbrief an alle mir bekannten Gläubigen in Deutschland verschickt hatte, in welchem ich ihnen von dem Schulprojekt in Ecuador berichtet hatte, kamen insgesamt 6.000, - DM an Spenden zusammen, dem HErrn sei Dank! Allein einer der Spender hatte einfach 1.000, - DM in einen Briefumschlag gesteckt und mir anonym, d.h. ohne Absender, zugeschickt, jedoch mit dem Hinweis, dass es sich um eine Sammlung seiner Gemeinde handele „für die Bedürftigen in Südamerika“. Ich wechselte das Geld und bekam etwa 4.200, - Dollar dafür. Für meine eigenen Kosten nahm ich diesmal 2.000, - DM mit, um in den 2 ½ Monaten nicht wieder so knapp bei Kasse zu sein. Dass aber allein schon die Kosten für eine Hochzeit normalerweise bei 2000, - DM liegen können, inkl. Eheringe, hatte ich mal wieder nicht bedacht…