"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

"Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte"   Teil 4

 

Jan. – Juni 1983

Wie ich zum Mörder wurde

Aus unserem süßen Jack-Russel-Welpen Bobby war im Laufe der Jahre ein kleiner Kampfhund geworden, der aufgrund mangelnder Erziehung machen durfte, was er wollte. Bobby hatte herausgefunden, dass er in der Rangordnung über uns Kindern stand, und er nur meiner Mutter gegenüber zu Liebe und Gehorsam verpflichtet war. Uns hingegen durfte er beißen – so viel und so oft er wollte – wenn wir seinen Wünschen nicht entsprachen. So legte er sich z.B. abends in unsere Betten, weil ihm sein Körbchen zu unbequem war. Wenn wir uns dann mitten in der Nacht mal im Halbschlaf auf die andere Seite rekelten und ihn dabei aufweckten, dann biss er ohne Vorwarnung zu. Ebenso, wenn einer unserer Freunde mal zu Besuch kam und Angst vor Bobby zeigte, nahm Bobby keine Rücksicht, sondern sprang den Gast an, um ihn in die Hand oder ins Gesicht zu beißen. Da man Bobby zur Strafe nicht schlagen konnte, ohne von ihm gebissen zu werden, machte ich es immer so, dass ich ihn nach einer Beißattacke in die Stube einsperrte. Dann nahm ich mir sämtliche Schuhe aus dem Schrank als Waffe, machte die Tür einen Spalt auf, um ihm diese zur Strafe auf die Schnauze zu werfen. Dann machte ich den Türspalt ganz schnell wieder zu, während er zähnefletschend auf mich zulief.

Da Bobby uns auch stark an der Leine zog, wenn wir mit ihm Gassi gingen, gewöhnten wir uns an, ihn einfach immer frei laufen zu lassen. Gehorchen tat er uns zwar nicht, wenn wir ihn riefen, aber wenigstens behielt er uns im Auge, um sich nicht zu verlaufen. Zum Glück lag unser Haus in der Nähe eines Baggersees mit viel Brachgelände an einer Bahnstrecke, wo er reichlich Auslauf haben konnte. Als uns jedoch irgendwann selbst das Gassigehen mühsam wurde, ließen wir Bobby morgens einfach nur noch raus auf die Straße, bis er irgendwann von allein wiederkam. So aggressiv, wie er sich uns gegenüber benahm, so trotzig und eigenmächtig benahm er sich leider auch in der ganzen Nachbarschaft, indem er ständig in fremden Gärten kotete oder mit den Hündinnen der Nachbarn kopulierte. Wenn die Nachbarn ihn dann wegscheuchen wollten, fletschte Bobby sie mit den Zähnen an und lief auf sie zu, so dass sie die Flucht ergriffen. Kein Wunder, dass wir immer wieder Ärger bekamen und man uns drohte, Bobby zu erschießen. Häufig vergewaltigte Bobby auch einfach andere Rüden, so dass die Kinder auf unsere Garagenwand schrieben: „Poppes Hund ist schwull“.

Die einzige Person, vor der Bobby Respekt hatte, war meine Mutter. Er liebte sie über alles, zumal sie ihm ja auch immer etwas zu Essen gab. Wenn meine Mutter von Weitem entfernt sich dem Haus näherte, dann sah Bobby sie schon vom Balkonfenster aus und klopfte mit seinem Schwanz wedelnd gegen die Schranktür. Und wenn sie ins Haus kam, machte er immer einen Freudentanz vor Glück.

Eines Tages beschwerte sich eine Nachbarin, dass Bobby ihre läufige Hündin geschwängert hatte. Zur Wiedergutmachung forderte sie von uns, dass wir wenigstens eine von den Welpen nehmen sollten. Wir gaben dem kleinen Hundebaby den Namen Peggy und freuten uns, dass wir endlich auch mal eine Hündin haben durften, die – wie sich herausstellte – genau das Gegenteil von Bobby war, nämlich liebevoll und sanftmütig. Doch als Peggy nach einem Jahr läufig wurde, wollte Bobby sie immer wieder besteigen, wobei er sich über das Verbot der Inzucht einfach hinwegsetzte. Als er sie beim Gassigehen mal wieder bestiegen hatte, wollte ich ihn an die Leine nehmen, um ihn von ihr runterzuziehen. Da biss Bobby mich so heftig wie noch nie. Ich hob meinen Arm hoch, aber Bobby hatte sich in meiner Hand festgebissen, so dass ich ihn mit in die Luft hob. Als er mich wieder losließ, hatte ich tiefe Löcher in meiner Hand, deren Krater mit Blut gefüllt war. Völlig unter Schock ging ich nach Hause und empfand nur noch Hass auf Bobby.

Es dauerte nicht lange, da war Peggy schwanger und brachte neun Welpen zur Welt. Meine Mutter war schockiert und fragte sich, wie sie die Arbeit mit so vielen Hunden zukünftig bewältigen könnte. Zum Glück fanden sich sofort zwei Nachbarkinder, die je einen Welpen nehmen wollten – aber wohin mit den anderen? Meine Mutter sprach mit der Nachbarin, die uns im Jahr zuvor Peggy gab. Sie erzählte ihr, dass sie die übrigen Hundewelpen einfach in eine Plastiktüte tat und sie im Müll entsorgte. „Die kriegen das kaum mit, sondern sind ganz schnell tot“ versicherte sie meiner Mutter. Doch diese war entsetzt bei dieser Vorstellung und sagte mir: „Simon, ich kann das nicht, das bring ich nicht übers Herz. Bitte kümmere Du Dich um dieses Problem. Aber sorge dafür, dass sie möglichst nicht leiden müssen…“

Es überraschte mich, dass meine Mutter mir zutraute, dieses ‚Problem‘ zu lösen. Nur zu gut konnte ich verstehen, dass sie selbst es nicht konnte; aber was machte sie so sicher, dass ich eine Lösung wüsste. Wie ein Soldat, der den Befehl zur Exekution erhalten hatte, nahm ich die sieben Welpen und zog mich mit ihnen zurück in den Hochkeller. Dann nahm ich jeden einzelnen und wickelte ihn erstmal in Küchenpapier ein. Dann nahm ich einen Hammer und erschlug sie einen nach dem anderen unter lautem Quieken und Winseln. Als alle tot waren und sich die Anspannung löste, erlitt ich einen Schock. Voller Herzklopfen flüchtete ich mit dem Fahrrad und den Welpen in der Tüte so schnell ich konnte, so als würde ich gerade von der Polizei verfolgt werden. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich einen siebenfachen Mord begangen hatte, und das mit nur 14 Jahren! War ich etwa ein Psychopath? Ich erinnerte mich daran, dass auch der Jürgen Bartsch damals die gefesselten Kinder mit einem Hammer erschlug, damit sie ihn nicht verrieten. So schnell konnte man zum Mörder werden! Goethe soll einmal gesagt haben, dass er durchaus imstande sei, einen Mord zu begehen, aber dass er bisher keine Gelegenheit dazu fand.

Nachdem ich etwa 5 km kopf- und ziellos die Landstraße entlangfuhr, ließ ich die Tüte mit den toten Welpen schließlich in einem Container beim Mahndorfer See und fuhr wieder nach Hause. Später habe ich meine Mutter nie gefragt, warum sie das mir und den Hunden angetan hatte. Denn sie hätte die Hundewelpen ja auch ins Tierheim bringen können. Andererseits hatte diese Erfahrung dazu geführt, dass ich eine Hemmschwelle überstiegen hatte und nun wusste, dass ich zum Töten fähig war. Psychologisch ließe sich mein Verhalten leicht erklären durch das sog. Milgram-Experiment, bei dem nachgewiesen wurde, dass ein Mensch auf Befehl sein Gewissen ausschalten und seine Verantwortung auf den Befehlsgeber abwälzen kann. Von Hitler wird gesagt, dass er seine Mutter mit Deutschland identifiziert hatte und sie vor dem gewalttätigen Vater beschützen wollte. Wäre Hitler in einem anderen Elternhaus aufgewachsen, hätte es den Zweiten Weltkrieg vielleicht nie gegeben…

Wie wir beinahe von der Mafia entführt wurden

Um als Schülertheatergruppe die Jugendlichen besser erreichen zu können, erfand meine Schwester ein neues Theaterstück, das in der heutigen Zeit spielte. Wieder war es die Geschichte einer verbotenen Liebe, und zwar diesmal zwischen einer Tochter von reichen Eltern (Manuela) und einem Punker (Simon). Die Mutter (Diana) machte sich Sorgen, dass ihre Tochter ihr immer mehr entgleitet und beschließt daraufhin mit ihrem Mann (Birgit), nicht mehr so bieder und spießig zu sein, sondern in Stil und Kleidung sich mehr der heutigen Jugend anzupassen. Als sie jedoch an einem Abend mit ihrem Mann von einer Einkaufstour nach Haus kommt und mit ihrer supermodernen Kleidung und einer neu erlernten Jugendsprache ihre Tochter überraschen will, erwischt sie diese, wie sie gerade mit ihrem Punker-Freund Axel im Bett Sex hat. Nach der ersten Aufregung versucht die Mutter aber übertrieben cool und verständnisvoll zu reagieren, so dass es der Tochter schon beinahe unheimlich ist. Nach vielen überraschenden Wendungen kommt die Familie schließlich zu dem Schluss, dass es doch besser sei, wenn sie wieder zurückkehrt zu den angestammten Rollenerwartungen und keine weiteren Experimente wagt.

Das Stück trug den Titel „Der Schwanz, der mit dem Hund wedelt“ (als Anspielung darauf, dass Kinder ihre Eltern unter Druck setzen können, sich ihnen anzupassen). Zunächst führten wir das Stück in Schulen oder auf Straßenfesten auf, was nicht immer ganz reibungslos ablief. Denn da ich ja tatsächlich noch nie mit einem Mädchen geschlafen hatte, war es nicht einfach, eine Sex-Szene mit Stöhn-Geräuschen zu spielen. Ich erinnere mich noch, wie wir bei einem Straßenfest mit unserem Bett von Zuschauern fast umringt waren und unter einer Decke den Liebesakt nachahmten, während ich ungeduldig darauf wartete, dass Diana uns als Mutter doch endlich dabei ertappen möge. Diana hatte mir eine Punker-Lederjacke besorgt und meine langen, grüngefärbten Haare mit Haarspray zu einer Irokesenfrisur hochgekämmt. Dadurch sah ich am Ende aus wie ein echter Punker. Als ich vor Beginn eines Stadtfestes in voller Punker-Montur auf einem Platz saß, um auf die Sachen aufzupassen, kam ein Rocker auf mich zu und sagte lässig zu mir: „Ey, haste mal Feuer?

Im Frühjahr 1983 hatte meine Mutter ein Schülertheaterfestival im Kulturzentrum Schlachthof organisiert. Dabei war der Erlös aus dem Ticketverkauf für das italienische Waisenhaus „Casa Materna“ bestimmt. Meine Mutter ließ über ein Wochenende lang sämtliche Schülertheatergruppen nacheinander ihre Stücke spielen und lud dazu über die Schulleitungen mehrerer Bremer Schulen die gesamten Klassen dazu ein. Dabei unterlief meiner Mutter jedoch ein folgenschwerer Fehler, denn sie hatte es versäumt, durch eine genauere Abstimmung die Schulklassen auf verschiedene Zeiten aufzuteilen. So geschah es, dass die Vorführhalle schon bald restlos überfüllt war und manche Klassen wieder nach Haus geschickt werden mussten. Insgesamt war das Festival jedoch ein voller Erfolg, und meine Mutter bekam viel Lob von der Lokalpresse. Sie freundete sich sogar mit SV-Werder-Manager Willi Lemke an und bekam von ihm einen Fußball geschenkt mit den Unterschriften aller Werder-Spieler, den sie dann zugunsten von Casa Materna versteigern ließ.

In den Osterferien wollte meine Mutter mit uns allen nach Italien fahren, um gemeinsam das Kinderheim Casa Materna zu besuchen. Zu jener Zeit war Italien ein sehr beliebtes Reiseziel und auf allen Radiokanälen hörte man italienische Popmusik. Aber auch die Mafia kam in den 80er Jahren immer wieder in die Schlagzeilen durch Anschläge auf Politiker oder Entführungen von Touristen. Im Frühjahr 1983 führten besonders die Clans der sog. Camorra aus Neapel einen blutigen Bandenkrieg, dem bis zum Mai fast 800 Menschen zum Opfer fielen (weshalb vor Reisen nach Neapel gewarnt wurde). Wir bekamen das nur am Rande mit, machten uns jedoch keine Sorgen. Wir freuten uns schon wochenlang auf diese Reise, denn wir waren noch nie zuvor im Ausland. Mit dem Nachtzug fuhren wir über München und die Alpen durch die Toscana und erreichten schließlich am Nachmittag des nächsten Tages Neapel, von wo wir mit dem Bus nach Portiçi fuhren, wo wir von einer Mitarbeiterin des Kinderheims abgeholt wurden.

Als wir in dem großen Kinderheim ankamen, war dies für uns eine andere Welt. Das Waisenhaus bestand aus einem Hauptgebäude, einer Schule und einem Gästehaus, die sich auf einem etwa 4 ha großen Garten mit großen Palmen befanden. Die etwa 75 Jahre alten Brüder Santi hießen uns herzlich willkommen. Überall sahen wir die schwarzhaarigen Kinder im Alter zwischen 6 bis 12 Jahren spielen. Dann wurden sie zum Abendessen gerufen im großen Speisesaal. Vor dem Essen wurde gemeinsam gebetet. Es gab Fleischsuppe mit Weißbrot und einem merkwürdigen weißen, faserigen Käse. Die Santis aßen zusammen mit den Kindern und Mitarbeitern. Da wir kein Italienisch konnten, mussten wir uns immer mit Händen und Füßen verständigen. Aber manche Worte konnte ich schon verstehen, weil sie mit dem Französischen verwandt waren (z.B. bianco = weiß).

Patrick und ich schliefen in einem Zimmer, von dessen Balkontür aus man das Meer sehen konnte. Am nächsten Tag gingen wir morgens hinter das Haus an den Strand, der überraschenderweise aus schwarzem Sand bestand und voll war von angeschwemmtem Müll. Das Meer war glasklar, aber entlang des Strands sahen wir neben vielen Muscheln und Krabben auch kleine Rinnsale, in denen scheinbar Abwasser und Urin hinablief, weil es streng roch. Während wir am Meer entlanggingen, sahen wir auf einmal den Kadaver eines toten Pferdes. Von der Romantik der Capri-Fischer, wie sie im bekannten Schlager besungen wurde, war nicht viel zu sehen. Nach dem Frühstück wechselten wir Geld in einer Bank, an deren Tür ein Aufkleber war, der es verbot, die Bank mit einer Waffe zu betreten. Ungewöhnlich war auch der ruppige Verkehr und das chaotische Parken der Autos. Man hatte den Eindruck, dass niemand irgendeine Regel einhielt. In den Gassen der Stadt sah man überall diese typischen Wäscheleinen gespannt wie aus einem Nick-Knatterton-Comic. Diana war mit ihren blonden Haaren wohl eine Attraktion, denn einmal fuhren Jugendliche auf Mopeds an uns vorbei und pfiffen ihr hinterher.

Nach dem Mittag machten wir einen Ausflug zum nahegelegenen Pompeji und Herculaneum, wo 79 n.Chr. der große Vesuv-Ausbruch war, dessen Lava die beiden Städte begrub und die Leichen der Bewohner über Jahrhunderte in einem Lavamantel unversehrt konservierte. An den Wänden der Ruinen sah man sehr viele Gemälde mit z.T. erotischen Szenen. Später erfuhren wir, dass diese Städte damals Zentren der Prostitution waren, weshalb Gott offenbar an ihnen Gericht übte. Abends hatten die Kinder dann für uns eine kleine Vorführung vorbereitet, bei der sie auf einer Bühne im Chor sangen und auswendig gelernte Texte vortrugen.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Sorrento, von wo aus Boote auf die Insel Capri abfuhren. Wir hatten in unserem Reiseführer gelesen, dass es nahe Salerno einen Basar für Kunsthandwerk gab, wo man schöne Muscheln kaufen kann. Mit dem Wörterbuch in der Hand fragte ich die Leute: „Scusi, dove trovo conchiglie intagliate?” Auf einmal sprach uns ein vornehmer Herr im Anzug an und gab uns zu verstehen, dass er uns dorthin bringen könne mit seinem Auto („macchina“). Wir bedankten uns für seine Freundlichkeit und nahmen das Angebot dankbar an. Er gab uns zu verstehen, dass wir hier stehenbleiben sollen, und er nur eben seinen Wagen holen wolle. Als er gerade weg war, rief uns auf einmal eine kleine, dicke Frau ganz aufgeregt etwas zu, was wir nicht verstanden: „Per favore, non andare con quest'uomo in nessuna circostanza! È un imbroglione e appartiene alla camorra!!!”

Wir schauten sie ratlos an, denn wir verstanden kein Wort. Sie wiederholte den Satz, und auf einmal hörte ich deutlich das Wort „camorra“. Ich fragte noch einmal „camorra?“ Mit großen Augen bestätigte sie: „Sì, esattamente, alla CAMORRA!!!“ Wir erschraken und beschlossen sofort, den nächsten Bus zu nehmen, um von hier zu verschwinden. Just in dem Moment kam auch der Bus nach Portiçi. Die Tür ging auf und Marcus ging als erster hinein. Doch auf einmal ging jener Mann hinter Marcus her, griff ihn am Arm und zog ihn hinter sich aus dem Bus wieder raus an meiner Mutter vorbei, wobei er ununterbrochen auf uns einredete, wir aber nichts verstanden. Dann zeigte er seinen Wagen, den er inzwischen gebracht hatte und bat uns, diesen zu besteigen. Wir gaben ihm zu verstehen, dass wir nicht mehr mit ihm fahren wollten, aber er redete die ganze Zeit auf uns ein. Auf einmal mischte sich jene Frau über den Zaun ein und beschimpfte den Mann wütend. Die beiden stritten sich kurz und dann stieg der Mann plötzlich in seinen Wagen und fuhr davon.

Letzte Gewissheit, ob er uns wirklich entführen wollte, hatten wir nicht, aber sein Verhalten war doch äußerst verdächtig. Besonders krass war, dass er Marcus am Arm aus dem Bus zerrte. Warum sonst hatte er solch ein Interesse, dass wir mit ihm fahren sollten? Wir blieben noch eine Woche in Neapel und machten noch viele Ausflüge. Aber dieses unvergessliche Erlebnis sitzt uns allen noch bis heute in den Knochen. Mit Sicherheit hatte Gott uns hier einen Engel gesandt, der uns vor dem Bösen bewahren sollte. Aber es sollte nicht die einzige Bewahrung in diesem Jahr bleiben, denn es folgten noch weitere:


Wie ich beinahe meine Schwester tötete

Obwohl sich das Verhältnis zu meinen Freunden in der Klasse immer mehr eingetrübt hatte, unternahmen wir noch immer regelmäßig Besuche im Kino oder im Schwimmbad. An einem heißen Tag im Mai war ich mit Zweien von ihnen mit dem Fahrrad unterwegs, als wir bei einem Waldstück zu einem Natursee kamen. Wir hielten an, setzten uns ans Ufer und unterhielten uns. Vor Hitze lief uns der Schweiß ins Gesicht. Leider hatten wir keine Badehosen und Handtücher dabei. Da kam mir die Idee, einfach nackend ins Wasser zu gehen, da ja weit und breit niemand war, der mich sehen konnte. Gesagt, getan. Ich stieg ins kühle Wasser und begann zu schwimmen. Dann lud ich die anderen beiden ein, ebenso reinzukommen, aber sie wollten nicht. Plötzlich flüsterte der eine dem anderen etwas ins Ohr, woraufhin beide anfingen, zu lachen. Dann nahmen sie meine Kleidung und riefen mir zu, dass sie jetzt nach Hause fahren würden, aber meine Klamotten mitnehmen wollten. Ich sagte nur: „WEHE! Ihr spinnt ja wohl!“ Aber sie lachten nur und fuhren los. Ich hoffte, sie würden wiederkommen, aber sie kamen nicht mehr. Ich musste also tatsächlich nackend auf mein Fahrrad steigen und zurück nach Arbergen fahren. Das war mir so peinlich, und ich hoffte nur, dass niemand mich beachten würde. An jenem Tag schwor ich mir, dass ich künftig lieber ganz auf Freunde verzichten wollte, als mit solchen wie diesen etwas zu unternehmen.

Durch Zufall hatte ich ein neues Hobby für mich entdeckt, und zwar das Puzzeln. Anfangs genügten mir noch 1000- oder 2000-Teile-Puzzle, aber dann mussten es bald 3000- bis 5000-Teile-Puzzle sein, die mich herausforderten. Eines Tages kaufte ich mir ein 6000-Teile Puzzle mit der Seeschlacht von Algiers mit einer Größe von 1 m x 1,5 m. Da ich in meinem Zimmer kaum Platz dafür hatte, machte ich es oben auf dem Dachboden. So konnte ich stundenlang ungestört puzzeln und hörte dabei die Schallplatten von Chris de Burgh. Doch irgendwann beklagte sich meine Mutter darüber, dass sie kaum Platz habe zum Wäsche-Aufhängen und bat mich, mein bereits zur Hälfte fertiges Puzzle hinunter in mein Zimmer zu bringen, um es dort weiter zu puzzeln. Meine Frage war jedoch, wie ich es unbeschadet durch die schmale Bodenluke bekäme. Ich bat meinen Bruder Patrick an einem Ende des Kartonpapiers anzufassen, auf dem das Puzzle aufgebaut war, und ich nahm das andere Ende. Um es durch die Luke zu zwängen, mussten wir es vorsichtig zu einem U wölben, damit es auch hindurchpasse. Dabei hatte ich jedoch nicht die Gesetze der Schwerkraft beachtet, so dass das Puzzle in einem Winkel von 45 °Grad einfach nach unten rutschte und in 3000 Teile zerfiel. Die Arbeit von zwei Monaten war innerhalb von 3 Sekunden vernichtet worden. Durch diesen Schock verlor ich auf einmal die Lust am Puzzeln.

Zu unserem 15. Geburtstag hatte sich Marcus ein echtes Luftgewehr gewünscht und tatsächlich auch bekommen. Sofort begannen wir, auf dem Dachboden auf die mitgelieferten Zielscheiben zu schießen. Dazu mussten wir für jeden neuen Schuss das Gewehr wieder mit einer eierbecherförmigen Patrone laden. Wenn wir jedoch ohne Patrone schossen, knallte es genauso, als wäre das Gewehr geladen gewesen. Diesen Umstand nutzten wir häufig, um einander zu erschrecken, indem wir aus Spaß auf uns schossen, wissend, dass nichts passieren konnte, da das Gewehr ja nicht geladen war. An einem Tag war Marcus mit seinem Freund Marco auf dem Dachboden. Meine Mutter hatte zum Essen gerufen, aber Marco wollte noch ein letztes Mal schießen. Er lud das Gewehr, als Marcus ihn rief, er möge doch jetzt runterkommen, da alle auf sie warten würden. Er legte das geladene Gewehr beiseite und kam die Treppe runter.

Am nächsten Tag war ich auf dem Dachboden am Puzzeln, als meine Schwester hochkam, um Wäsche aufzuhängen. Wie immer blödelte ich mit Diana rum und wir lachten viel. Da kam auf einmal ein Lied mit indischen Klängen und Instrumenten, dass Diana sehr gefiel. Sie sagte, sie könne Bauchtanzen und wolle es mir vorführen. Während sie also tanzte, sagte ich: „OK. Ich bin der Maharadscha und werde Dich prüfen. Wenn Du nicht gut genug tanzt, dann muss ich Dich leider erschießen“. Ich nahm das Gewehr und fuchtelte drohend mit dem Lauf umher. Kurz darauf sagte ich aus Spaß: „Tja, Pech gehabt, Du hast leider nicht gut genug getanzt. Arrevederci!“ Dann schoss ich aus einem Meter Entfernung auf Diana, und sie fiel wortlos zu Boden. Sie kniete vor mir und machte einen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck.

Ich ging davon aus, dass Diana nur simulieren würde, und ließ sie eine Weile einfach vor mir hocken, während ich weiter puzzelte. Auf einmal rührte sich Diana und sagte: „Du hast mich getroffen!“ In der Annahme, dass sie mir nur einen Schrecken einjagen wollte, sagte ich lässig: „Pech gehabt. Du hättest eben besser tanzen müssen.“ Diana rappelte sich vorsichtig auf und stieg die Treppe runter. Da wunderte ich mich ein wenig und stieg kurz darauf ebenfalls hinterher. In dem Moment kam Diana aus dem Bad und sagte mit ernster Stimme: „Simon, Du hast mich wirklich getroffen! Ich habe starke Schmerzen und eben im Bad auch die Schusswunde gesehen. Schau mal all das Blut hier!“ Da wurde ich bleich vor Schreck und lief schnell die Treppe runter, um meiner Mutter Bescheid zu sagen.

Was wir nicht ahnten, war, dass genau in dem Moment, als ich auf Diana schoss, mein 10-jähriger Bruder Patrick auf dem Spielplatz von einem Klettergerüst geschubst wurde und rückwärts mit dem Kopf auf den Boden gestürzt war, wobei er bewusstlos liegen blieb. Die Kinder hatten bei meiner Mutter geklingelt, die daraufhin sofort hinlief. Als ich sie nun vor der Haustür antraf, rief ich meiner Mutter weinerlich zu: „Mama, es ist was Schlimmes passiert…“ – „Ja, ich weiß schon bescheid! Ich hab‘ eben gerade den Krankenwagen gerufen!“ sagte sie energisch. ‚Nanu?!‘ dachte ich, ‚woher wusste sie das?‘ In diesem Moment kam Diana hinter mir und sagte: „Mama, Simon hat eben auf mich geschossen und mich getroffen!“ Meine Mutter rief: „WAAAS?!! Das darf doch nicht wahr sein!“ – Ich verteidigte mich: „Das ist nicht meine Schuld, denn ich konnte doch nicht ahnen, dass die geladen war.“ Sofort rief meine Mutter erneut den Notarzt, so dass beide dann ins Krankenhaus kamen.

Patrick kam wieder zu sich und hatte nur eine Gehirnerschütterung. Aber Diana musste sofort notoperiert werden, denn die Kugel war 10 cm tief neben der Scheide eingedrungen und nur 1 cm neben der Aorta (Beinschlagader). Der Chirurg erklärte meiner Mutter, dass bei einem Schuss in die Aorta meine Schwester wegen Blutverlust hätte sterben können oder ihr Bein amputiert werden müssen. Meine Mutter bedankte sich sehr bei dem Arzt, dass er extra am Sonntag gekommen sei. Er aber meinte nur, dass sie mir eine ordentliche Tracht Prügel geben solle. Stattdessen verbot sie uns einfach nur für immer das Luftgewehr und schimpfte mit meinem Vater, wie ihm überhaupt solch ein Geburtstagsgeschenk eingefallen sein konnte.

Juli – Dez. 1983

Wie ich beinahe im Meer ertrank

In den Sommerferien fuhren mein Bruder Marcus und ich auf die Insel Fehmarn, da wir uns in einer Segelschule angemeldet hatten, um dort Segeln zu lernen. Am zweiten Tag und durften wir nach dem Unterricht am Nachmittag zum ersten Mal mit dem Segelboot ein wenig aufs Meer hinausfahren, um das Gelernte anzuwenden. Jeder sollte sich einen Partner suchen für eine Jolle (Segelboot). Mein Partner war auf den Tag genau so alt wie ich, konnte jedoch nicht schwimmen, was ich erst später erfuhr. Wir schipperten eine ganze Weile entlang des Ufers bei sehr ruhiger See. Es war fast windstill, deshalb machte es kaum Spaß, da wir nicht vorankamen. Ich saß zunächst an der Pinne (Ruder) und gab meinem Kollegen Anweisungen, wie er das Großsegel halten solle. Da er sich aber ungeschickt anstellte, tauschten wir, und ich zog kräftig am Seil, damit sich das Segel spannte. Dabei lehnte ich mich weit nach hinten und versuchte, hart am Wind zu segeln, um vom Ufer wegzukommen. Endlich bekamen wir ein wenig Fahrt und wir jauchzten uns gegenseitig zu vor Freude.

Wir erreichten schon bald jene Markierung aus Bojen, die wir eigentlich nicht überschreiten sollten. Weil wir aber so flott vorankamen, wollten wir nicht abdrehen, sondern erst mal noch ein Stück weitersegeln. Dabei hatten wir jedoch nicht bemerkt, dass plötzlich auch der Wind deutlich an Stärke zugenommen hatte. So schlitterten wir mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit über die Wasserfläche und das Boot kippte schon stark zur Seite, während wir wie im Galopp auf und ab schlugen. Ich streckte mich weit nach hinten und empfand unsere Schräglage als ganz normal, weil ich dies schon auf vielen Fotos so gesehen hatte. Irgendwann wurde uns aber dann doch sehr mulmig zumute, aber wir trauten uns nicht, uns dieses Gefühl gegenseitig einzugestehen, da keiner von uns als schwächlich gelten wollte. Doch plötzlich drang immer mehr Wasser ins Boot, und es dauerte nicht lange und da waren wir plötzlich gekentert.

Mein Partner, der wohl etwas Wasser geschluckt hatte, fing sofort an, mich anzuschreien und mir die Schuld zu geben für dieses Desaster. Er bekannte mir unter Tränen, dass er nicht schwimmen könne und Angst habe, zu ertrinken. Ich schaute mich um, aber zu meinem Erschrecken stellte ich fest, dass wir mitten auf dem Meer waren und der Wellengang inzwischen so stark war, dass wir den Horizont nicht mehr sehen konnten. Ohne dass wir es bemerkt hatten, befanden wir uns mitten im Sturm. Ich war zunächst ratlos, aber dann erinnerte ich mich an eine Zeichnung, die ich mal in einem Segel-Lehrbuch gesehen hatte, was man tun solle, wenn man gekentert war. In diesem Fall müsste man sich auf das Schwert (auch Kiel genannt) stellen, um durch das Gewicht das Boot mit Schwung wieder aufzurichten. Dies teilte ich meinem Kollegen mit und schritt sogleich zur Tat. Was ich jedoch übersehen hatte, war, dass man zuvor erst das Segel einholen müsste. So geschah es, dass sich das Boot zwar aufrichtete, aber dann sofort in die andere Richtung umkippte, so dass es uns auf den Kopf knallte.

Mein Partner hatte sich wohl dabei verletzt, denn er schrie mich verzweifelt an und machte mir Vorwürfe, dass ich alles nur noch schlimmer machen würde. Tatsächlich konnten wir nun gar nichts mehr machen, denn die Wellen schlugen jetzt direkt in den Rumpf des Bootes hinein, so dass ein erneutes Umdrehen nicht mehr möglich war. Wir versuchten, uns am Rumpf festzuhalten, aber die Wellen warfen uns immer wieder ins Wasser, so dass uns nach und nach auch die Kräfte schwanden. Zu allem Unglück stellten wir fest, dass auch der Stöpsel der Jolle offen war, so dass das Boot allmählich zu Sinken begann. Ich war völlig fertig mit den Nerven und hielt ein wenig inne, um nachzudenken. Gab es noch eine Hoffnung? Oder war dieser Segelausflug jetzt das Letzte, was wir in unserem Erdendasein noch erleben sollten? Ich konnte es kaum fassen: wir mussten jetzt sterben! Niemals würden wir es schaffen, aus eigener Kraft zum Strand zu schwimmen, denn dafür waren wir viel zu weit draußen. Und der andere konnte ja sowieso nicht schwimmen.

Ich schaute zum Himmel und sah die Sonne hinter einer dunklen Wolke durchscheinen. Dann kam mir der Gedanke, dass nur Gott uns noch helfen konnte. Ich rief meinem Partner zu, dass wir jetzt nur noch beten könnten. Doch er schrie mich an und fluchte mir mit Fäkalworten. Also betete ich allein und wollte fest glauben, dass Gott uns noch irgendwie Hilfe schicken könnte. Dann schaute ich zum Horizont voller Erwartung, dass jetzt irgendwie etwas passieren würde. Doch soweit ich schaute war nichts als tosendes Meer zu erblicken. So kauerte ich mich auf den Bug, der noch etwa einen Meter aus dem Wasser ragte, während der andere sich am Mast festklammerte und vor sich hin wimmerte.

Irgendwie hatte ich aber die feste Zuversicht, dass Gott mein Gebet erhört habe und ich mir keine Sorgen mehr machen müsse. Und ehe ich mich versah, tauchte weit weg am Horizont ein kleiner weißer Punkt auf, der immer größer wurde. Und dann erkannte ich ein Motorboot, dass sich genau auf uns zu bewegte. Ein Mann mit weißem Vollbart und Kapitänsmütze machte einen Bogen um unser Boot und warf uns einen Rettungsring zu. Ich sprang ins Wasser und ergriff ihn, und er zog mich daran ans Boot. Dann warf ich den Ring meinem Kollegen zu, musste es aber einige Male wiederholen, bis er diesen endlich greifen konnte und ich ihn schließlich ins Boot ziehen konnte. Wir waren heilfroh für unsere Rettung und ich dankte Gott leise für Seine Hilfe. Auch die Stimmung des anderen hellte sich merklich auf. Der Mann war aus Hamburg und erzählte uns, dass er eigentlich mittags wieder nach Hause fahren wollte, aber dann von der Sturmwarnung im Radio hörte. Später erfuhren wir, dass auch Marcus und alle anderen gekentert waren, und dass das Seenotrettungsboot der Segelschule an jenem Nachmittag wegen eines Motorschadens nicht zum Einsatz kommen konnte. Von den 20 Teilnehmern mussten zwei mit dem Hubschrauber gerettet werden, weil sie bei der Fehmarnsundbrücke in einen Strudel gerieten. Durch Gottes Gnade ist an jenem Tag aber niemand uns Leben gekommen.


Wie ich erneut zur Zielscheibe von Prügelattacken wurde

In den letzten Tagen der Sommerferien war ich zusammen mit Marcus im Mahndorfer See, als auf einmal eine Horde von 15 Jugendlichen auf mich zukam, mich umzingelte und bedrohte. Sie waren alle etwa in meinem Alter, aber ich kannte sie nicht und wusste nicht, was sie von mir wollten. Dann griffen sie mich und wollten mich unter Wasser drücken. Ich wehrte mich, so gut ich konnte und schlug wild um mich. Doch mir war klar, dass ich gegen so viele keine Chance hatte. Mir schlug das Herz bis zum Hals, denn ich ahnte, dass das kein gutes Ende nehmen würde. Doch dann gelang es mir, mich zu befreien und lief so schnell ich konnte davon. Sie jedoch bemühten sich gar nicht erst, mich zu fangen. Von weiter Entfernung beobachtete ich sie aus dem Gebüsch, was sie als nächstes tun würden. Sie hätten sich Marcus als Opfer wählen können, aber sie hatten es mal wieder nur auf mich abgesehen. Nach einer halben Stunde, als die Luft rein war, ging ich zu Marcus und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Er sagte, dass sie mein Fahrrad genommen hatten und aus Spaß all auf den Stoffsattel raufgepinkelt hätten. Tatsächlich roch er streng nach Urin, so dass ich mein Fahrrad nach Haus schieben musste. Die ganze Zeit dachte ich nur an Rache.

Ein paar Tage später war ich nachmittags nach der Theaterprobe im Gemeindehaus Bultstraße in den nahegelegenen CO-OP-Laden gegangen, um mir Süßigkeiten zu kaufen. Als ich in der Schlange an der Kasse stand, sprach mich plötzlich von hinten ein Jugendlicher an: „Ey, Poppe, haste dich schon auf deinen vollgepissten Sattel gesetzt? Tut uns echt leid, aber wir mussten nun mal so dringend pinkeln…“ Ich drehte mich zu ihm und sagte nur: „Freu dich, dass du deinen Spaß hattest“. Dann drehte ich mich wieder weg. „Ja, das war echt lustig, Alter.“ Da ich nicht reagierte, trat er mich leicht und sagte: „Ey, ich rede mit dir!“ In diesem Moment drehte ich mich blitzschnell zu ihm und boxte ihn mehrfach gegen Kopf und Arme, dass er zurückwich. Er versuchte noch nicht einmal sich zu wehren, sondern lief schnell aus dem Supermarkt, während die Kunden und Kassierer alle mit mir schimpften. Durch die Schaufensterscheibe gab mir der Kerl ein Zeichen mit der Hand, dass man mir zur Strafe dafür den Hals abschneiden würde. Ich bezahlte meine Sachen, ging raus und sah den Jungen auf der anderen Straßenseite. Er sagte, dass er gerade seinen Kumpels Bescheid gesagt habe, die jetzt kommen würden, um mich gleich nach Strich und Faden vermöbeln würden. Dabei zeigte er hinter sich auf die Straße Hinter den Ellern, die berüchtigt war, weil dort die ganzen Bandenkämpfe passierten und ständig die Polizei kam.

Ich hatte panische Angst und wollte eigentlich nur schnell zur Bushaltestelle. Aber aus irgendeinem irrationalen Grund überquerte ich die Straße und ging auf ihn zu. Er flüchtete etwa 5 m weit, ließ aber sein Rennrad zurück. Vor seinen Augen begann ich nun, auf sein Fahrrad einzutreten und es zu demolieren. Daraufhin sagte er: „Poppe, du hast keine Ahnung, was du da tust und wirst es noch bitter bereuen. Wir werden dich so fertig machen, dass dir Hören und Sehen vergeht!“ Dann ließ ich das demolierte Fahrrad liegen und ging schnell zu meiner Haltestelle, in der Hoffnung, dass der Bus bald käme, bevor die anderen kämen. Und tatsächlich kam der Bus, so dass ich erstmal in Sicherheit war.

Am nächsten Tag stand ich mit meinen Mitschülern im Gang vor dem Klassenraum, als auf einmal eine ganze Meute an Jugendlichen auf mich zukam. Sie umringten mich, und ich dachte, dass sie mich doch nicht hier in der Schule angreifen würden. Da erkannte ich deren Anführer Thomas Turner wieder, der mich schon einmal mit seiner Bande überfallen hatte. Neben ihm stand der Sohn unserer Nachbarn, Frank Senger. Thomas hatte schon längst die Schule beendet und gar kein Recht mehr, die Schule zu betreten. Doch dann sprach er mich an: „Hör zu, Poppe: Du hast gestern meinen Kumpel Stefan im Supermarkt verprügelt, obwohl er sich gar nicht wehren konnte, da er zwei Kisten Bier trug…“ – „Das stimmt ja gar nicht“ erwiderte ich. „Die zwei Kisten hat er frei erfunden, weil es ihm wohl peinlich war!“ unterbrach ich ihn. „Wie dem auch sei“ entgegnete er, „ich mach dir ein faires Angebot: Wir treffen uns heute Nachmittag um 15:00 Uhr auf dem Parkplatz in der Dasbacherstraße, und dort werden wir beide kämpfen. Wenn du gewinnst, spendiere ich dir eine Kiste Bier; aber wenn ich gewinne, gibst du eine Kiste Bier aus. Abgemacht?“ – Irritiert fragte ich: „Warum sollte ich mich mit dir prügeln wollen? Ich bin doch nicht blöd.“ – „Doch, du wirst schon kommen, denn wenn du nicht kommst, dann holen wir dich! Du wirst schon sehen.“ Dann gingen sie.

Selbstverständlich ging ich am Nachmittag nicht zu der Verabredung, weil es sich eher nach einer Hinrichtung anhörte. Und wie ich es erwartet hatte, wurde unser Reihenendhaus kurz darauf von einer Horde Jugendlicher umlagert. Einer von ihnen klingelte an der Tür, aber meine Mutter antwortete wunschgemäß, dass ich nicht da sei. Währenddessen schaute ich vorsichtig hinter der Gardine, um sie zu beobachten. Aber leider musste mich einer bemerkt haben, denn sie riefen: „Hey, Poppe, komm raus, du Feigling!“ Sie grölten laut und waren scheinbar auch leicht angetrunken. Erst nach einer halben Stunde verschwanden sie endlich. Mir war klar, dass sie mich am nächsten Tag aufsuchen und vermöbeln würden, denn dieser Stefan verlangte Rache für sein demoliertes Fahrrad. Vielleicht würden sie mir auflauern und dann auch mein Fahrrad kaputt treten…

Am nächsten Morgen fuhr ich nicht wie üblich auf den Fahrrad-Parkplatz der Schule, sondern versteckte mein Rad in den Büschen in der Nähe. ‚Aber wie sollte ich in die Schule gelangen, ohne dass sie mich abfangen würden? Sollte ich durch den Hintereingang gehen? Dann würden sie mich für einen Feigling halten und mir nach der Schule auflauern, um mich anzugreifen. Nein, das beste wäre, wenn ich ganz normal den vorderen Aufgang zum Haupteingang der Schule nehme, damit sie sehen, dass ich mich nicht vor ihnen verstecke!‘ So ging ich also den Aufgang hinauf und sah schon von einiger Entfernung, dass sie alle dort im geschlossenen Kreis standen und rauchten. Ich versuchte, an ihnen vorbeizugehen, aber da schubste einer den anderen zum Vorwand auf mich, der dann sagte: „Ey, Poppe, was rempelst du mich an!“ Und schon stand ein großer Kerl vor mir, den ich noch nie gesehen hatte, griff mich am Kragen und schlug mir immer wieder gezielt auf Mund und Nase, so dass ich schon bald darauf blutete und meine Lippen dick anschwollen. Nach etwa zehn Schlägen ließ er mich los, und wie benommen ging ich geradewegs zum Schulleiter. Doch schon als ich ankam, brach ich in Tränen aus, weil ich völlig fertig war. Ich nannte dem Schulleiter die Namen von einigen der Täter, und er ließ sie über Lautsprecher ausrufen, um in sein Büro zu kommen. Dann forderte er von ihnen eine Entschuldigung, aber ich war nicht damit einverstanden, sondern forderte, dass sie unverzüglich der Schule verwiesen werden, da ich andernfalls nicht mehr kommen würde.

Dann ging ich nach Hause und machte meine Drohung wahr, wobei auch meine Mutter völlig einverstanden war mit meiner Entscheidung. Am Nachmittag gingen wir zur Polizei und erstatteten Anzeige, wobei ich den Nachbarsohn Frank Senger als Mittäter nannte. Dann vergingen zwei Wochen, in denen ich nicht mehr zur Schule ging und meine Mutter viele Telefonate führte mit der Schulbehörde und der Polizei. Schließlich teilte man uns mit, dass ich nicht mehr ins SZ an der Drebberstraße gehen brauche, sondern von nun an ins Schulzentrum Ellener Feld gehen dürfe. Später wurde ich noch als Zeuge geladen, als der Haupttäter angeklagt wurde. Er bekannte sich schuldig und wurde nach Jugendstrafrecht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Richterin ermahnte jedoch auch mich, weil ich mich an den Prügeleien ja selbst auch beteiligt hatte.


Wie ich in der neuen Schule einen echten Freund fand

So kam ich Anfang September 1983 in die 9.Klasse des Gymnasiums im SZ Ellener Feld. Schon nach der ersten Stunde merkte ich, dass der Klassenlehrer Fritz Schulze, der nebenberuflich als Pastor arbeitete und früher mal SPD-Abgeordneter war, einen sehr patriarchalischen Führungsstil hatte und sämtliche Schüler ihn als großes Vorbild anhimmelten. Da ich niemanden kannte, war die Pause mir sehr unangenehm. Aber auf einmal setzte sich ein Schüler neben mich und sagte: „Hallo Simon, ich heiße Manfred, aber alle nennen mich Manni.“ Manfred hatte lange Haare und ein freundliches Lächeln. Wer hätte gedacht, dass wir für die nächsten 30 Jahre treue Freunde bleiben würden! Er war genauso wie ich ein Außenseiter in der Klasse, aber empfand dies keineswegs als Makel, sondern als Vorrecht. Er sagte immer: „Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, aber die lebendigen Fische können auch gegen den Strom schwimmen.“

Schon bald darauf merkte ich, dass Manni sich nichts aus den üblichen Konventionen machte. Er duschte sich nur einmal in der Woche im Sportunterricht und trug mehr oder weniger unmodische, aber zweckmäßige Klamotten. So wie ich verachtete er das spießige Getue und die Angeberei mit äußerlichen Dingen, sondern interessierte sich für das Echte und Bleibende. Einmal erwischte er mich dabei, wie ich auf der Schultoilette meine Haare im Spiegel zurechtmachte und sagte lachend: „Hey, Simon, Du bist ja doch noch ganz schön eitel! hahahah“ Und dann lief er laut lachend weg. Aber er meinte es nicht böse, sondern wollte mir vermitteln, dass man sich nicht zum Sklaven der Leute machen lassen sollte. Aber wie ein Gammler, wie er sich anzog, wollte ich auch nicht aussehen. Gerade jetzt, wo endlich meine blöde Akne verschwunden war, konnte ich meine Haare endlich nach hinten kämmen. Und wenn ich mich neuerdings vor dem Spiegel betrachtete, empfand ich mich zum ersten Mal als schön. Meine Gesichtszüge hatten endlich ein wenig Kanten bekommen und mir wuchs schon ein kleiner Stoppelbart unter der Nase. Mein Vater hatte mir seine oliv-grüne Lederjacke geschenkt, und darin sah ich richtig cool aus. Dem Erwachsensein war ich endlich ein Stück nähergekommen.

Der Unterricht in der neuen Schule war deutlich strenger. In Mathe rutschte ich von der Note 2 auf eine 4. In Deutsch und Kunst schrieb ich aber weiter eine 1 und in Sport bekam ich neuerdings immer eine 2. Im Französischunterricht kam ich aber kaum noch mit. Die neue Klasse war schon um viele Lektionen weiter, weil meine vorige Lehrerin Frau Reby sich nicht an den Lehrplan gehalten hatte. Vorher hatte ich immer eine 2 oder 3, aber jetzt drohte mir eine 5, wenn ich den verlorenen Stoff nicht nachholte. Ich rief Frau Reby an und fragte, was ich machen könne. Sie bot an, mir kostenlos Nachhilfeunterricht zu geben, was für mich eine große Ehre war. Ich konnte es kaum fassen, dass ich Frau Reby nun ganz für mich allein haben konnte. Herzklopfend fuhr ich zu ihrer Wohnung und stellte etwas irritiert und eifersüchtig fest, dass sie mit einem anderen Lehrer aus der Schule zusammenlebte. In der neuen Schule fand ich unsere Englischlehrerin Frau Wiechmann sehr sympathisch, auch wenn sie des Öfteren mal ausrastete. Und auch den Französischlehrer Herrn Jetzsch fand ich cool, weil er immer sehr vertrauliche Dinge ausplauderte und fast genauso wie mein großes Idol Chris de Burgh aussah.

Einmal hatten wir im Unterricht eine Delegation von „Greenpeace“ zu Gast. Sie erklärten uns ihre Arbeit, dass sie am Polarkreis, im Norden Kanadas, Robbenbabys besprühen, damit sie nicht von Pelzjägern abgeschlachtet werden. Oder dass sie Walfangschiffe daran hindern, die Wale zu töten, indem sie vor deren Bug fahren, um sie zum Abdrehen zu zwingen. Dieses Engagement gefiel mir sehr, und ich beschloss, bei Greenpeace mitzumachen. Doch nachdem ich mehrere Wochen lang nach Bremen-Oslebshausen fuhr, wo deren Treffen stattfanden, langweilte es mich. Denn dort wurden immer nur Vorträge gehalten, z.B. über den sauren Regen oder dass man keine Cola-Dosen kaufen sollte, sondern lieber Flaschen, etc., dass ich nicht mehr hinging. Dann versuchte ich es für kurze Zeit beim C.V.J.M., aber auch dort wurde immer nur geredet oder gebastelt, wie bei den Pfadfindern, so dass ich mir dumm vorkam („Lasst uns heute mal alles aufmalen, was wir gut und schön finden – und all das ist Gott für uns“).

Ich wollte ja gerne etwas Praktisches tun, um die Welt zu verbessern, z.B. nach Afrika fahren, um als Entwicklungshelfer zu arbeiten, so wie Albert Schweitzer. Im Fernsehen hatte ich die Lebensgeschichte von Martin Luther King und Franz von Assisi gesehen und im Kino gab es die Verfilmung der Geschichte von Gandhi. Das waren doch wirklich Vorbilder, an denen man sich orientieren sollte! wie ich meinte. Aber meine Mitschüler waren nur an einer beruflichen Karriere interessiert. Einmal hatten die Lehrer zu einem Elternabend auch die Schüler der Klasse eingeladen. Doch obwohl die Themen totlangweilig waren, redeten meine Mitschüler fleißig mit, so dass ich mich fragte, was daran so spannend sein sollte. Irgendwann meldete ich mich und sagte vor allen Eltern und Schülern: „Wir diskutieren hier über irgendwelche belanglosen Schulreformen, aber währenddessen sterben in der Dritten Welt jeden Tag 400.000 Kinder an Unterernährung!“ Die Schülerin Beate, die mich noch nie ausstehen konnte, erwiderte: „Das stimmt doch gar nicht, Simon! Ich kenne die Statistik. Und es sind nur 40.000 Kinder pro Tag. Du hast Dich um eine Null vertan!“ – „Na und?!“ fragte ich, „sind denn 40.000 tote Kinder täglich nicht schon Grund genug, um etwas gegen den Hunger in der Welt zu unternehmen?! Stattdessen sitzen wir hier nur rum und beklagen uns über irgendeinen bescheuerten Unterrichtsausfall oder über den Lehrermangel!“ Zu meinem Erschrecken ignorierte man meine Worte und setzte die Diskussion einfach fort, so als ob ich gar nichts gesagt hätte. Da stahl ich mich beschämt aus der Klasse und fuhr nach Hause.

Wenn es bei uns zuhause mal Streit gab, hatten wir die Angewohnheit, immer alles erstmal bis zum letzten Punkt auszudiskutieren. Erst wenn man auch wirklich alles angesprochen hat, konnte wieder Harmonie einkehren. Meinem Vater war dieses viele Diskutieren jedoch lästig, zumal er es auch von seinem Vater nicht gewohnt war. Dieser war im Nazireich Träger des Eisernen Kreuzes gewesen und hatte meinen Vater immer mit dem Rohrstock erzogen. Kein Wunder, dass auch mein Vater keine Lust hatte zum Reden, sondern, wenn ihm etwas missfiel, schlug er einfach zu. Und wenn meine Mutter mal wieder mit ihm schimpfte (weil er z.B. sein Ohrenschmalz immer hinter der Gardine in der Küche abwischte, wo er am Fenster saß), dann stand er einfach nach einer Weile wortlos auf und ging aus der Küche raus, um das Gezeter meiner Mutter nicht anhören zu müssen. Meine Mutter empfand das ständige Ignorieren ihrer Kritik als Lieblosigkeit. Immer häufiger beklagte sie sich bei uns über unseren Vater und erzählte, dass die Frauen aus ihrer Selbsterfahrungsgruppe ihr schon lange geraten hätten, sich von unserem Vater scheiden zu lassen. An einem Nachmittag, als wir Kinder alle zusammensaßen, sprach meine Mutter das Thema an und erbat von uns eine Probe-Abstimmung, wer dafür und wer dagegen sei. Ich war der Einzige, der eine Scheidung befürwortet hatte, die anderen waren alle dagegen.