"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

(2. Sam. 23:4)

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Januar – Juni 1999

Meine 4. Peru-Reise

Ende Januar fuhren wir als Familie wieder für einen Monat nach Peru, da es im Winter ohnehin nicht genug Arbeit gibt für Malerbetriebe. Diesmal aber nahmen wir meinen Vater mit, damit auch er mal dieses Land kennenlernen konnte, wovon wir ihm so oft schon berichtet hatten. Nach all der Hilfe, die er uns schon gegeben hatte, waren wir es ihm schuldig, dass wir uns mal bei ihm revangieren konnten. Da auch mein Vater in seiner Jugend bei den Pfadfindern war und so wie ich ein Abenteurer war, dem Armut und Entbehrungen nichts ausgemacht hatten, war ich mir sicher, dass er trotz seiner 57 Jahre keine Probleme haben würde mit den Widrigkeiten einer solchen Reise. Doch da hatte ich mich geirrt. Besonders als wir die alten Schwestern in Collique (im Norden Limas) besuchten, war mein Vater entsetzt über die Armut dort und sagte: „Simon, wie konntest Du mich nur in dieses fürchterliche Land bringen!? Das hält doch kein Mensch auf Dauer aus! Schrecklich, wie diese Leute hier Leben müssen! Da kriege ich wirklich die Krise!“ Aber schon zwei Tage später, als wir zu meinem Schwager Israel nach Ica-Parcona reisten, war mein Vater plötzlich ganz anderer Meinung und sagte: „Das ist ja wirklich phantastisch hier, Simon! Wir sollten hierher auswandern. Ich sollte hier ein Haus kaufen, wo wir alle drin wohnen könnten. Besser geht’s nicht!“ Und so ging das in den Tagen danach immer wieder auf und ab. Mein Vater war hin- und hergerissen in seinen Gefühlen, und mir wurde klar, dass sein Nervenkostüm nicht mehr so belastbar war wie früher.

Am Sonntagnachmittag fuhren wir mit der ganzen Gemeinde in Parcona zur Lagune von Huacachina, einer Oase mitten in der Wüste, wo wir gemeinsam aßen und Fußball spielten. Einige Wochen zuvor hatte sich eine achtköpfige Familie bekehrt und taufen lassen. Seit diese Familie Peña regelmäßig zum Gottesdienst ging, war die kleine Gemeinde fast auf das Doppelte angewachsen. Der Vater hatte jahrelang Bodybuilding praktiziert und konnte beim Posieren mit seinen übertrieben dicken Muskeln seine Brust durch Anspannung in Bewegung versetzen. Doch hatte er möglicherweise durch Anabolika dermaßen seine Leber ruiniert, dass er schon bald darauf starb mit gerade einmal nur 49 Jahren. Da die Familie nun keinen Ernährer mehr hatte, schenkte Israel ihr später sein Haus in Parcona, nachdem sein neues Haus in Ica im Jahr 2000 bezugsfertig wurde. Anschließend fuhren wir gemeinsam zur Baustelle und waren überrascht, wie viel Quadratmeter schon allein die Grundfläche betragen sollte (nämlich über 200 m²), inmitten eines 1.200 m² großen Gartens, der umzäunt war von Bäumen und dichtem Unterholz, sowie teilweise auch von einer drei Meter hohen Mauer.

Nach unserem Besuch in Ica reisten wir weiter nach Cuzco, der alten Inca-Hauptstadt im Gebirge, von wo aus wir ein weiteres Mal nach Machu Picchu fahren wollten, damit auch mein Vater mal diese Ruinenstadt sehen konnte, von der man bis heute nicht zuverlässig sagen kann, wann und wie sie erbaut wurde. Denn neuere Forschungen ziehen die bisher geltende Theorie in Zweifel, dass die Stadt erst im 15.Jh durch die Inkas erbaut wurde, da diese noch gar nicht in der Lage waren, die z.T. tonnenschweren Felsen so präzise zu schneiden und passgenau auf einander zu legen, so dass noch nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen passt. Sogar nichtreligiöse Forscher vermuten heute, dass die Ruinen in Peru – genauso wie die Pyramiden in Ägypten – von übernatürlichen, hochintelligenten Wese der menschlichen Frühgeschichte errichtet wurden, nämlich den „Nephilim“ (d.h. „Gefallene“ vergl. 1.Mo.6:1-4). Leider war die Bahnstrecke nach Machu Picchu jedoch wegen anhaltender Regenfälle durch Schlamm und herabfallendes Geröll unpassierbar geworden, so dass wir diesmal auf einen Besuch verzichten mussten. Stattdessen unternahmen wir Wanderungen zu den Ruinen von Písac, Urubamba und Ollantaytambo, wo wir eine Berglandschaft ähnlich wie in der Schweiz sahen mit gigantischen Schluchten und Tälern unter strahlend blauem Himmel.

Das letztes Ziel unserer Reise war Huaraz, eine Stadt in der „weißen Bergkette“ („Cordillera Blanca“) etwa 450 km nördlich von Lima, wo Berge von über 6.000 m Höhe liegen. Besonders der Gletschersee von Llanganuco hatte auf uns alle einen so starken Eindruck hinterlassen, dass wir ernsthaft überlegten, uns bei unserer nächsten Reise in Huaraz ein Haus zu kaufen, zumal der Ort damals touristisch noch kaum „entdeckt“ war.

Als wir wieder zurück nach Lima kamen, fand ich dort Briefe von Eduard und Hans-Jochen Bohm, aber auch von Tobias Schaum. Eduard hatte mir schon im Dezember geschrieben und auf meinen „Demas-Brief“ reagiert, den auch er bekommen hatte, indem er mir vorwarf, „der Schlange auf den Leim gegangen“ zu sein, die mir das Angebot machte, so zu „sein wie Gott“. Dass er es nur gut mit mir meinte und sich um mein Seelenheil sorgte, erkannte ich damals nicht, sondern unterstellte ihm Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe. Ich hatte ihm schon vor meiner Abreise noch geantwortet, indem ich ihm in spöttischer Weise Überheblichkeit und Arroganz vorwarf. Hier mal ein Ausschnitt aus meinem Brief vom 28.12.98:

Ausgerechnet Du nennst mich einen „Pharisäer“! Wer ist es denn von uns beiden, der sich für gerechter hält (vergl. Luk.18:11)? Und wer von uns beiden verachtet den anderen, indem er ihm zu verstehen gibt: ‚Du bist doch ganz in Sünden geboren, und Du willst uns belehren?!‘ (Joh.9:34). Würdest Du die Füße Jesu mit Tränen benetzen und mit Deinen Haaren abtrocknen? …

Du lebst doch in einer paranoiden Scheinwelt, in der es einen Gott gibt, der so ist wie Du, der Dir das Gefühl gibt: ‚Eduard, fürchte dich nicht, daß alle anderen Christen abgefallen sind und nur du und deine Familie übriggeblieben ist. Mir kommt es ja nicht auf die Menge an, sondern auf Qualität – und wenn ich auch unter den 5.000.000.000 Menschen nur euch 5 habe als meine Getreuen, so hat sich der Aufwand doch für mich gelohnt. Mach nur schön weiter so mein braves Kind – ich fang in der Zwischenzeit schon mal an, das Höllenfeuer anzuzünden, um die übrigen 4.999.999.995 Menschen zu rösten!‘ Fällt Dir eigentlich gar nicht auf, wie dumm und primitiv ein solches Weltbild ist? Hältst Du solch ein Gottesbild nicht auch für eine Beleidigung Gottes?

Doch mach Dir nichts draus, denn ich habe ja selber auch jahrelang in diesem Märchenschloß gelebt und weiß, wie schwer es ist, von diesen Hirngespinsten frei zu werden… Während der Glaube für mich eher notwendige Seelenmassage war, half er Dir vor allem, Deine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, um von Deinem „Gott“ das Lob und die Anerkennung zu empfangen, die Dir als Kind versagt blieben… Deine selbstgewählte Isolierung führt zu einem besorgniserregenden Realitäts-verlust. Du verdrängst Deine Not, indem Du die Probleme immer bei den anderen suchst. Deine Schuldgefühle projizierst Du auf andere, weil Du es ihnen nicht zugestehst, frei und unbekümmert zu sein. Dein ganzer Brief an mich ist im Grunde nur ein Selbstgespräch mit Deiner kranken Seele.

Spiel Dich also nicht länger als Seelsorger auf, lieber Eduard, solange Du selber Hilfe brauchst. Was Dir fehlt ist Wärme und Mitgefühl, damit Dein kaltes und starres Herz auftaut und Du keine Angst mehr hast, mit anderen über Deine Probleme zu reden, anstatt diese durch Gegenattacken zu verbergen …Wenn Du schonungslos Deine innere Not vor anderen bekennst, dann wirst Du frei davon. Das habe auch ich selbst erlebt. Als ich absolut unten war und es nichts mehr zu verbergen gab vor anderen, da erst gewann ich meine Selbstachtung wieder, und ich konnte allen feigen Brüdern zurufen: ‚Was wollt Ihr eigentlich von mir? Ich habe mich vor Euch ausgezogen bis auf’s letzte Hemd, - und jetzt seid ihr an der Reihe!“ Wer so radikal mit seiner Heuchelei gebrochen hat, der schämt sich auch nicht mehr, zu dem zu stehen, was er tut…“

Eduard schrieb mir nun deutlich demütiger und bemühte sich aufrichtig, auf meine unverschämten Unterstellungen einzugehen. Auch sein Bruder Hans Jochen Bohm versuchte, die von mir genannten Widersprüche, die ich in der Bibel sah und in meiner Demas-Schrift aufgezählt hatte, Punkt für Punkt aufzulösen. Allerdings unterstellte er mir, dass ich nie wirklich widergeboren sei, was er angeblich daran erkannt habe, dass ich in meinen Artikeln aus dem Monatsblatt „Die Bruderliebe“ Bibelstellen angeblich „stets aus dem Zusammenhang gerissen“ habe. Vielleicht war dies der Grund, dass ich sehr gereizt reagiert hatte, indem ich ihm Unaufrichtigkeit und Willkür vorwarf. Da Hans-Jochen ein hoch intelligenter und studierter Akademiker war, gab ich mir besonders Mühe, seine biblisch begründeten Argumente mit menschlicher Logik zu widerlegen:

Eine Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Glauben hängt nicht nur von der Glaubwürdigkeit des ‚Glaubens-Objektes‘ ab, sondern auch davon, ob ich die Entscheidung ohne Androhung von Repressalien treffen kann. Wenn in den diktatorischen Ländern wie China oder der DDR ‚Wahlen‘ stattfanden, dann waren diese meist eine Farce, denn obwohl sie dem Anschein nach ‚frei‘ waren, wurden doch alle, die nicht für das diktatorische Regime stimmten, politisch verfolgt, d.h. verhaftet, gefoltert und ermordet. Der in der Bibel erdichtete ’Gott‘ erpreßt die Menschen, indem Er ihnen mit der Höllenstrafe droht, wenn sie Seinen Propheten nicht glauben. Er läßt ihnen faktisch keine Wahl, weil es offensichtlich ist, daß niemand in die Hölle kommen möchte. Jesus schüchtert die Menschen also ein, anstatt durch glaubwürdige Argumente zu überzeugen; folglich ist es keine Frohbotschaft, sondern eine Drohbotschaft (‚Friß oder stirb!‘). Die Christen glauben also nicht aus Liebe zu Jesus, sondern aus Angst vor Jesus. Ihre ‚Liebe zu Jesus‘ ist die Liebe von Geiseln zu ihrem Geiselnehmer.“

Tobias Schaum nahm meinen Demas-Brief indes zum Anlass, in einem „offenen Brief“ nicht nur vor mir sondern auch vor dem Lesen des Demas-Briefes an sich zu warnen. Nach seinen Worten sollten Christen, die „noch nicht ausreichend genug gefestigt sind im Glauben“, besser gar nicht erst den Demas-Brief in die Hand nehmen, da sie durch diesen möglicherweise zutiefst erschüttert würden in ihrem Glauben. Erneut machte er mir schwere Vorwürfe und kündigte an, dass ich nun auf jeden Fall nicht mehr errettet werden könne, sondern für ewig verloren sei, da nach Hebräer 6:4-6 ein vom Glauben Abgefallener „nicht mehr zur Buße erneuert werden könne“. Seine Verdammungsurteile ließen mich jedoch unbeeindruckt, sondern gaben mir eher eine Bestätigung von dem „Wahnsinn“, von dem ich heilfroh war, dass ich ihm nun ein für alle Mal entflohen war. Ich fragte ihn, ob er denn „auch dann noch an die Bibel als Wort Gottes glauben würde, wenn Du der einzige auf der ganzen Erde wärest, der dies glaube? Nein, mit Sicherheit nicht. Denn dann kämest Du Dir ja lächerlich vor ( - und Du wärest es auch).“


Mein erster Geselle

Als wir nach knapp zwei Monaten Ende Februar 1999 wieder zurück waren in Deutschland, musste ich zunächst mal wieder ordentlich Werbeflyer verteilen, um neue Aufträge zu bekommen. Und es dauerte nicht lang, da riefen mich jede Menge Kunden an, so dass unsere Auftragslage für die nächsten zwei Monate erst mal gesichert war. Unter anderem meldete sich auch der Eigentümer eines Mehrfamilienhauses in Wunstorf, der mir den Auftrag erteilte, dieses Gebäude von vorne und hinten zu dämmen. Spätestens hier wurde mir klar, dass ich und Marco dies alles nicht mehr alleine bewerkstelligen konnten, sondern dass ich noch andere erfahrene Gesellen bräuchte. So machte ich ein Stellenangebot beim Arbeitsamt und erhielt sogleich mehrere Bewerbungen, u.a. von einem Altgesellen namens Wolfgang Kanz (47), den ich daraufhin zu mir einlud. Es war mein erstes Vorstellungsgespräch überhaupt, weshalb ich ziemlich nervös war und Marco bat, mit dabei zu sein.

Als es dann am Nachmittag zum vereinbarten Termin bei uns klingelte und ich die Tür öffnete, stand ein dicklicher Mann vor mir mit ungepflegten langen Haaren und einem Vollbart, dessen Kleidung stark nach Zigaretten roch. Als wir uns gesetzt hatten und ich Wolfgang nach seinem bisherigen Werdegang fragte, erzählte er mir, dass er schon viele Jahre arbeitslos sei, da er häufig krank war und immer wieder seine Arbeit verlor. Ich hakte nach, und er berichtete mir dann ausführlich von seinen ganzen Krankheiten und gesundheitlichen Beeinträchtigungen, so dass ich mich fragte, warum er sich denn überhaupt bei mir bewarb. Innerlich hatte ich ihn schon abgeschrieben, aber ich blieb höflich, bot ihm das „Du“ an und erzählte ihm von mir und meinem Bruder, was wir bisher erlebt hatten. Dabei haben wir einige Male gemeinsam gelacht, und ich konnte es mir nicht verkneifen, dem Wolfgang meinen Eindruck mitzuteilen: „Seien wir ehrlich, Wolfgang: Du hast eigentlich gar kein Interesse, bei mir zu arbeiten, weil Du schon seit Jahren durch Schwarzarbeit genug nebenbei verdienst und gar keine Zeit findest, um auch noch offiziell in einer Firma beschäftigt zu sein. Erzähl´ mir nichts, ich weiß doch, wie das läuft, denn welcher Arbeitssuchende erzählt beim Vorstellungsgespräch erst mal von seinen ganzen Krankheiten!“ Wolfgang grinste und sagte: „Na ja, wenn Du das sagst…“

Doch dann wurde er wieder ernst und erklärte mir, dass er uns beide ganz sympathisch und „cool“ fände und er eigentlich doch auch bereit wäre, bei uns zu arbeiten, zumal er auch endlich mal wieder etwas für seine Rente tun müsse. Ich war aber inzwischen skeptisch, ob das gut gehen würde, zumal Wolfgang ja auch schon 17 Jahre älter war als ich und damit auch nicht mehr so leistungsfähig war. Und wenn er dann auch noch ständig krank wäre und ich ihm noch nicht mal mehr kündigen kann. Aber wie konnte ich ihm das sagen, ohne dass er gekränkt wäre? Doch als ob er meine Gedanken lesen könnte, fügte Wolfgang hinzu: „Du bekommst übrigens vom Amt einen Zuschuss, wenn Du mich einstellen würdest, denn ich bin ein Langzeitarbeitsloser. Die würden Dir die Hälfte meines Lohnes erstatten, damit ich wieder in den Arbeitsmarkt integriert werde.“ – „Das hört sich ja nicht schlecht an!“ sagte ich. „Ja, genau. Und dadurch gehst Du auch kein finanzielles Risiko ein.“ Ich überlegte und sagte schließlich: „Wenn das wirklich so ist, dann würde ich Dich gerne nehmen!“ Wir gaben uns die Hand, und Wolfgang fing schon bald darauf bei mir an.

Zu meiner Überraschung stellte sich schon bald heraus, dass Wolfgang ziemlich flott und pfiffig war. Alles machte er mit großer Routine und Gelassenheit, so dass ich ihn schon bald ganz alleine arbeiten lassen konnte. Das war vielleicht ein Gefühl: Zum ersten Mal verdiente ich Geld ohne dass ich dafür selber etwas tun musste! Ich gab dem Wolfgang einfach morgens das das Material und das Angebot in die Hand und konnte dann einfach zu einer weiteren Baustelle fahren zum arbeiten. Damit er nicht neidisch werden würde, wenn er sieht, was ich für seine Arbeit vom Kunden an Geld bekommen würde, schummelte ich heimlich, indem ich die Preise zuvor um 10 – 20 % niedriger machte auf seinem Zettel. Als ich einmal zu Feierabend auf seine Baustelle fuhr, sah ich ihn, wie er gemütlich die Fassade strich und ganz beiläufig zu mir sagte: „Für die Fassade hast Du aber ganz schön wenig genommen! Ich musste mich richtig beeilen, damit Du keinen Verlust machst.“ Ich schmunzelte innerlich und sagte: „Ja, das weiß ich. Das liegt eben an der vielen Konkurrenz!“ In der Tat musste ich meine Angebote ohnehin schon sehr scharf kalkulieren, da ich ja erst mal bekannt werden musste. Um die Fassadenaufträge zu kriegen, bot ich den Kunden die Fassaden ohne Gerüstkosten an, indem wir sie einfach von der Schiebeleiter strichen. Marco und ich hatten hierfür schon bald eine Technik gefunden, dass wir schon bald sogar 10 m hohe Häuser problemlos von der Leiter streichen konnten, was eigentlich gar nicht erlaubt war. Auch Wolfgang machte dabei mit, so dass unsere Kunden in den Jahren danach viel Geld einsparen konnten.

Da ich noch keine Ahnung hatte, dass es bei Fassadenfarben die unterschiedlichsten Qualitäten gibt, kaufte ich in der Anfangszeit die Farbe einfach beim Baumarkt, wo sie deutlich billiger war als im Fachhandel. OBI hatte damals ein Produkt, wo der Liter bei nur knapp 4,- DM lag (statt normal 10,- DM). Daher kaufte ich diese Farbe regelmäßig in größeren Mengen und machte einfach immer das Etikett ab, damit der Kunde nicht erfährt, wie viel ich für den Eimer wirklich zahle. Einmal kam ich nachmittags auf die Baustelle und fragte Wolfgang, ob alles gut laufe. „Ja, alles gut, keine Sorge. Vorhin kam allerdings der Kunde zu mir und hat gefragt, warum an den Farbeimern überhaupt kein Etikett dran sei.“ Ich erschrak und fragte aufgeregt: „Und was hast Du ihm geantwortet??!“ Wolfgang reagierte gelassen und sagte: „Och, ich hab ihm einfach erklärt, dass Du die Eimer immer direkt beim Hersteller beziehen würdest, wenn die gerade abgefüllt werden, so dass da noch kein Etikett raufgekommen ist, und das hat er mir geglaubt.“ Ich lobte ihn und dachte: „Was für ein Teufelskerl!

Da mein Keller als Lagerraum inzwischen zu klein war, mietete ich eine alte Garage mit Holztor, wo wir unsere ganzen Materialien lagern konnten. Doch allmählich war der Müll an leeren Eimern und Abdeckmaterial stark angewachsen, und ich wusste nicht, wohin damit. Für den Hausmüll war es viel zu viel, und eine Deponie gab es nicht in der Nähe. Also lud ich nachts mein Auto voll, fuhr zum nächsten Supermarkt und warf meinen Müll einfach in die Container hinein. Ein schlechtes Gewissen plagte mich dabei nicht, aber ich hatte ein ungutes Gefühl im Bauch, dass dies doch keine Dauerlösung sein könne. Tatsächlich musste ich aber noch die nächsten zwei Jahre mein Müllproblem auf diese Weise lösen, bis mir endlich die Idee kam, alle vier Monate einen 20 m³-Container zu bestellen, den wir dann mit bis zu einer Tonne Restmüll befüllten. Das kostete mich zwar jedes Mal 400,- DM, aber dafür hatte ich nicht mehr diesen Stress und Herzklopfen.

Immer mehr Kunden riefen mich an und beauftragten mich, so dass ich Mitte April schon einen weiteren Gesellen einstellen musste. Auch Heiko war ein Langzeitarbeitsloser, für den ich die Hälfte seines Lohnes vom Arbeitsamt erstattet bekam. Mit seiner Hilfe konnten wir im Mai dann auch den Großauftrag mit der Wärmedämmung eines Mehrfamilienhauses erfolgreich erledigen. Mein Auftragsbuch war mittlerweile so voll, dass ich immer zwei Monate im Voraus ausgebucht war. Da ich so billig war, wurde aus 90 % aller Kostenvoranschläge auch ein Auftrag. Zum ersten Mal hatte ich keine Geldsorgen mehr, sondern kaufte einen Firmenwagen und mehrere Schiebeleitern. Ich überlegte auch, dass wir endlich auch mal etwas für unsere Altersvorsorge tun sollten und dachte zunächst an Aktienfonds. Doch dann sagte ich mir, dass ich bisher mit meinen wenigen Aktien eine viel höhere Rendite erzielt hatte als die meisten Aktienfonds und kam zu dem Schluss: Was die können, kann ich viel besser…


Mein Einstieg ins Aktiengeschäft

Im März 1999 war der damalige SPD-Chef und Finanzminister Oscar Lafontaine ganz überraschend von allen Ämtern zurückgetreten, da er die Bevormundung seines Parteikollegen Gerhard Schröder leid war. Der Bundeskanzler hatte von Beginn der Amtszeit den Schulterschluss mit den Konzernchefs gesucht, um die Konjunktur wieder zum Laufen zu bringen und war dabei immer weiter von den sozialdemokratischen Prinzipien abgerückt. Lafontaine wollte diesen Verrat nicht länger mitmachen und schrieb daher ein Buch mit dem Titel: „Das Herz schlägt links“. Nun hatte Schröder endlich freie Hand, um den z.T. neoliberalen Wünschen der Wirtschaft entgegenzukommen, was später dann zur Agenda 2010, der Riesterrente und den Hartz-IV-Gesetzen führte. Weltweit brach nun Jubel aus bei den Investoren, und die Aktienkurse schossen sprunghaft nach oben. Aufgrund der amerikanischen Niedrigzinspolitik hatte die Notenbank Federal Reserve den Markt jahrelang mit billigem Geld überschwemmt, so dass der Ankauf von Aktien die einzige Möglichkeit war, um noch eine Rendite zu erzielen. Der US-Leitindex Dow Jones war von 2500 Punkten im Jahr 1990 auf 5000 Punkte im Jahr 1995 geklettert und überschritt Ende März 1999 sogar die 10.000-Punkte-Marke. Grund dafür war die robuste US-Konjunktur, die vielen Firmenfusionen in den 90ern und die Globalisierung. Die Etablierung des Internets und des Handys hatten weltweit zu einer euphorischen Aufbruchstimmung im Bereich digitaler Technologie geführt. Daher kam es ab 1995 zu einer Vielzahl von Firmenneugründungen („Startups“) und durch das große Anlegerinteresse vermehrt zu Börsengängen. Während die einen eine sog. „Blase“ fürchteten wie 1929, sprachen die anderen von einem neuen Zeitalter der Aktienbewertung. Die Aktie der Suchmaschine Yahoo war z.B. von 20 US$ im Jahr 1995 auf 360 US$ im Jahr 1999 gestiegen. Oder der Internethändler Amazon war von anfangs 17,80 US$ im Jahr 1998 ein Jahr später auf über 80 US$ gestiegen. Nebenbei bemerkt: heute (20 Jahre später) liegt der Kurs von Amazon schon bei 1.575 US$). Der weltweite Aktienmarkt war allmählich zum Kasino geworden, in welchem Millionen von renditesüchtigen Zockern am schnellen Geld mitverdienen wollten. Die Gewinne der einen, sind aber immer auch die Verluste der anderen, und so hatte auch der Börsenboom viele Opfer zu beklagen. Ganze Volkswirtschaften in Asien und Südamerika sind durch die Spekulanten in die Zahlungsunfähigkeit getrieben worden.

Solche ethischen Bedenken hatte ich jedoch nicht, als ich mich im März 1999 entschied, 4000,- DM in Aktien anzulegen. Die Frage, warum ich eigentlich noch mehr Geld haben wollte, als Gott mir schon gegeben hatte, stellte ich mir auch nicht. Jetzt wo ich endlich mal mehr Geld hatte als nötig, wollte ich nicht länger zögern, es gewinnbringend anzulegen (Luk.12:17-21). Doch muss man bei Wertpapieren bekanntlich den richtigen Zeitpunkt ermitteln, damit man sie nicht überteuert kauft. Eine Börsenweisheit lautet: „Buy on bad news, sell on good news”. Man sollte also bei schlechten Nachrichten – wenn die Kurse fallen – kaufen, und erst dann verkaufen, wenn man bei guten Nachrichten und damit steigenden Kursen das Potenzial für ausgeschöpft hält. Diese Gelegenheit kam dann Ende 1999 mit dem Beginn des Kosovo-Krieges, als der Deutsche Aktienindex (DAX) innerhalb weniger Tage von 5000 auf 4700 Punkte fiel. Ob eine Aktie „billig“ ist, erkennt man am sog. „KGV“, d.h. Kurs-Gewinn-Verhältnis. Wenn der KGV einer AG unter 10 liegt, muss dies aber noch nicht bedeuten, dass sie auch großes Potential besitzt. Wer schnelle Gewinne erzielen will, muss auch die Entwicklung des Kurses, den sog. „Chartverlauf“ analysieren, um den richtigen Kaufzeitpunkt zu ermitteln. Zuletzt aber sollte man auch etwas über das Unternehmen wissen, was es eigentlich herstellt und in welch einer Verfassung es sich befindet. Ich hatte mir deshalb in den Tagen zuvor eine Einkaufsliste an Aktien zusammengestellt, die ich mir aus Empfehlungen von Fachzeitschriften ausgesucht hatte. Da der Onlinehandel Ende der 90er Jahre noch nicht so verbreitet war, kaufte auch ich meine ersten Aktien noch umständlich bei der Bank (vergl. Luk.19:23). Da diese für jeden Kauf und Verkauf eine Gebühr berechnete, musste ich mir gut überlegen, welche Aktien ich in meinem „Portfolio“ (Bestand) haben wollte, denn sie mussten ja mindestens die Kosten decken.

Tatsächlich hätte ich kaum einen besseren Zeitpunkt wählen können, denn schon nach wenigen Wochen hatte ich meinen Einsatz verdoppelt. Jeden Tag konnte ich auf einem kleinen „Skyper“ (auch „Pager“ genannt) beobachten, wie sich meine Aktien nach oben entwickelten. Dies erhöhte bei mir die Lust am Zocken. Um aber schneller reagieren zu können, brauchte ich endlich einen Internet-Anschluss, wie ihn schon mein Freund Joachim besaß. Das war gar nicht so einfach, wie es Tennisstar Boris Becker in seiner damaligen Werbung für AOL glauben machen sollte („Ich bin drin!“), denn das Einwählen über ein Modem dauerte jedes Mal sehr lange, und die Verbindung brach immer wieder ab. Schließlich aber funktionierte es endlich, und ich konnte jeden Tag nach der Arbeit online sehen, wie sich „meine Kinder“ entwickelt hatten. Häufig hatte ich an einem einzigen Tag mal eben 1.000,- DM an Gewinn erzielt, also mehr, als ich in der gleichen Zeit durch meine Firma verdienen konnte!

Im Sommer 1999 empfahl mir mein Bruder Marco, dass ich doch den polnischen Glaubensbruder Michal Wolny (35) als Aushilfe einstellen könnte, zumal dieser schon seit einigen Jahren als ungelernter Maler tätig sei und Marco mit ihm gesprochen hatte. So vereinbarte ich mit Michal, dass er bei mir zunächst mal ab 01.08. bis zum Beginn des Winters bei mir in Vollzeit als Malerhelfer arbeiten könne und dann im Frühjahr auch eine Umschulung zum Malergesellen machen könne. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, zumal auch meine Mutter mit den Wolnys gut befreundet war. Meine Mutter hatte Ende 1998 zusammen mit ihrer Freundin Iris Hamelmann, den Wolnys und einigen anderen Gläubigen die „Bibelgemeinde“ verlassen und versammelte sich nun in einem kleinen Hauskreis, der von einem jungen Prediger namens Marco van der Velde geleitet wurde. Dieser hatte vor, in Bremen eine neue Gemeinde zu gründen, die dem Bund „Freier evangelischer Gemeinden“ (FeG) angehörte. Kurz darauf stellte ich auch noch eine junge Malergesellin ein namens Kerstin Vöhse.


Juli - Dezember 1999

Sonnenfinsternis und finstere Mächte

Während ich mich über immer größere Aktiengewinne freute, ging es meiner Ruth allmählich gesundheitlich immer schlechter. Sie hatte inzwischen ihr Studium abgebrochen, da sie keine Hoffnung mehr hatte, sich den Lehrstoff noch aneignen zu können. Sie wollte jetzt nur noch für unsere Tochter Rebekka da sein, die inzwischen vormittags schon in den Kindergarten ging. Doch musste sie inzwischen bis zu 4 Tabletten Tramal nehmen, um den Tag zu überstehen. Die Tabletten wirkten jedoch immer schlechter und brauchten manchmal bis zu einer Stunde, dass sie wirkten. Manchmal kam Rebekka morgens an Ruths Bett mit ihrem leeren Fläschchen und sagte „Teta!“ ( „Fläschchen!“). Ihre langen Haare waren vom Schlaf zerzaust und ihre Strumpfhose hing so lang an ihren Füßen, dass sie ständig drauf trat und stolperte. Ruth sagte dann: „Ja, mein Kindchen, ich mach Dir gleich dein Fläschchen. Aber Mama hat noch Aua, Mama kann noch nicht aufstehen!“ Rebekka bestand aber darauf: „Mama, Teta, Teta!!“ Dann sagte Ruth: „Rebekkita, Du musst mal für Mama beten, damit Gott der Mami das Aua wegmacht, ja, mein Kindchen?“ Rebekka kniete sich nun hin und betete: „Lieber Gott, bitte mach, dass Mama jetzt kein Aua mehr hat! Amen!“ und dann sprang sie auf und sagte: „Und jetzt Teta, Mama, Teta!“ Dann stand Ruth auf und machte ihr ein Fläschchen warm.

Doch die Schmerzen von Ruth wurden allmählich immer intensiver, so dass sie zeitweise nur noch im Bett liegen konnte. Ich erinnere mich, dass ich an manchen Tagen mittags fröhlich nach Hause kam, um Ruth über meine Erfolge zu berichten; und dann fand ich sie weinend im Schlafzimmer und sie sagte mir, dass sie schon seit zwei Stunden nur noch auf die Decke starre, weil sie sich nicht mehr ohne Schmerzen bewegen könne. Das brach mir das Herz und erstickte augenblicklich auch jede Freude in mir. Draußen waren 30 ˚C und Sonnenschein, und Ruth lag hier im Halbdunkel bei heruntergelassenem Rollo und konnte sich an nichts mehr freuen. Während ich siegreich immer höher über mich hinauswuchs, verwelkte und verkümmerte meine geliebte Frau an meiner Seite zu einem Häuflein Elend. Die Ärzte hatten sie ja längst aufgegeben, und ich konnte nur zusehen wie sie dahinvegetierte und nichts machen! Inzwischen konnte ich sie noch nicht einmal mehr massieren, weil ihr schon der geringste Druck weh tat. Ruth sagte damals immer wieder unter Tränen: „Gott erlaubt mir nicht, glücklich zu sein.“ Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass sie sich doch frei machen sollte von diesem Gottglauben, da dieser ihr doch nur noch mehr Unglück bereite; aber das traute ich mich damals noch nicht zu sagen (vergl. Hiob 2:9). Stattdessen fühlte ich mich wie die Freunde Hiobs, die eine Woche lang nur noch in Stille trauernd bei Hiob saßen und mit ihm sein Leid trugen (Hi.2:12-13).

In den Nachrichten wurde im Sommer 1999 eine sog. „Totale Sonnenfinsternis“ angekündigt. Das war schon etwas Besonderes, denn eine solche bekam man ja im Schnitt nur alle 375 Jahre zu sehen. Geistlich gesehen hatte sich aber auch auf meine Seele ein finsterer Schatten gelegt. Die „Sonne“ ist ja in der Bibel ein Bild auf Jesus (Ps.19:4-5, 84:11, Jes.60:19, Mal.4:2) und der Mond, der sich vor die Sonne stellt, steht für Satan, der die Nacht beherrscht (1.Mo.1:16). Wenn der „Gott dieser Welt“ einen Menschen verfinstert hat, kann er das Licht und die Herrlichkeit Christi nicht mehr sehen (2.Kor.4:4), so dass er vorübergehend glaubt, die „Sonne der Gerechtigkeit“ würde es gar nicht geben. Die Sonnenfinsternis von 1999 gab vielen Menschen in Europa die Gelegenheit, dass sie sich für einen Moment der Erhabenheit der Sonne einerseits und der Geringfügigkeit der Erde andererseits bewusst werden konnten. Der Dichter Adalbert Stifter, der 1842 selber mal eine Sonnenfinsternis miterlebte, schrieb darüber: „Es war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten“. Tatsächlich gab es an jenem 11.08.99 kaum jemanden in Deutschland, der während dieser 2 Minuten um die Mittagszeit nicht zum Himmel aufsah. So ähnlich wird man sich wohl auch bald das Kommen des HErrn Jesus Christus auf die Erde vorstellen können (Luk.21:28). „Siehe, Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird Ihn sehen, auch die Ihn durchstochen haben, und wehklagen werden Seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen“ (Offb.1:7).

Eines Nachts stand Ruth auf, weil sie vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Verzweifelt ging sie in der Wohnung umher und sah, wie ich und Rebekka tief schliefen. Dann ging sie im Wohnzimmer auf die Knie und weinte über ihr Elend. Sie betete: „HErr, ich danke Dir für all das Gute, das ich von Dir geschenkt bekam. Aber ich verstehe nicht, warum Du mir auch diese Schmerzen gegeben hast, die ich einfach nicht mehr ertragen kann. Bitte, bitte, bitte, nimm mir doch diese furchtbaren Schmerzen weg! Denn wenn nicht, wozu soll ich dann noch weiter leben? Ich kann einfach nicht mehr.“ Dann legte sie sich weinend auf den Bauch und breitete ihre Arme aus in völliger Ergebenheit. So blieb sie eine lange Zeit liegen und weinte unentwegt. Doch dann kam ihr eine Erinnerung, die sie schon fast vergessen hatte. Sie erinnerte sich an ihre Freundin Naida aus Lima, die sich auch einmal wie sie so auf den Fußboden gelegen hatte und dann von einer furchtbaren Besessenheit befreit wurde:

Ruth hatte Naida durch einen Aushang im Foyer der Freikirche kennengelernt, als Ruth 19 Jahre alt war und eine Aushilfstätigkeit suchte. Naida war 15 Jahre älter, aber erst seit kurzem gläubig. Sie hatte eine Firma, die Puppenkleidung herstellte und suchte gläubige Aushilfskräfte. Die beiden Schwestern kamen miteinander ins Gespräch und freundeten sich an. Eines Nachmittags erzählte Naida der Ruth, dass sie sich von ihrem Mann habe scheiden lassen, weil dieser Freimaurer und sogar Satanist war. Sie hatte ein traumatisches Erlebnis gehabt, als sie eines Nachts aufwachte, sich nackt auf einem Tisch befand und von Männern in schwarzer Kutte umringt war. Erst dachte sie, es wäre ein Traum, doch dann wurde ihr klar, dass alles real war. Doch in den Tagen und Wochen nach der Scheidung erlebte sie ganz merkwürdige Dinge, - als würden ihr dämonische Wesen nach dem Leben trachten. Zudem litt sie unter ständiger Sexsucht. Sie konnte ihren Alltag kaum mehr bewerkstelligen, weil sie immer nur an Sex denken musste. Deshalb legte sie sich eines Abends auf den Fußboden und flehte Gott an, dass Er sie doch von diesen dämonischen Angriffen und der Sexsucht befreien möge. Sie hatte bis dahin gar keine Beziehung zu Gott gehabt, sondern war nur katholisch aufgewachsen. Doch auf einmal erlebte sie ganz deutlich die Nähe Gottes und tat unter Tränen Buße von all ihren Sünden. Von diesem Tag an war sie völlig geheilt und konnte wieder ein normales Leben führen.

Ruth fragte sich, ob nicht auch sie von dämonischen Mächten geplagt werde, die wegen irgendeiner nicht bekannten Sünde Zugriff auf ihr Leben hatten und sie vernichten wollten. Da erinnerte sich Ruth an verborgene Gräuelsünden aus ihrer Vergangenheit, die sie nie vor Gott bekannt hatte und bat dann ausdrücklich für diese um Vergebung. Auch beschlich sie der Verdacht, dass – ähnlich wie bei ihrer Freundin Naida – durch mich ein dämonischer Einfluss auf unsere Ehe gekommen sei, weil auch ich mit Freimaurern Kontakt hatte und finstere Musik hörte. Deshalb bat sie Gott, dass Seine Engel sie umschirmen mögen, damit sie den „feurigen Pfeilen des Bösen“ nicht länger schutzlos ausgeliefert sei (Eph.6:12-16).


Ruths vollständige Heilung

Am nächsten Morgen berichtete mir Ruth von ihrer verzweifelten Situation in der Nacht, und wir überlegten, was wir tun könnten. Ich machte Ruth den Vorschlag, doch noch einmal zu irgendeinem Arzt zu gehen, aber sie winkte sofort ab. „Ich war jetzt schon bei so vielen Ärzten, aber das hat mir überhaupt nichts gebracht, sondern es ist vielmehr immer schlimmer mit mir geworden! Ich will nur noch auf Gott vertrauen. Und wenn der HErr mich nicht heilen will, dann wird es ein Arzt erst recht nicht können!“ – „Aber Gott kann doch auch Ärzte gebrauchen…“ entgegnete ich. „Hat Er aber bisher nicht getan!“ Sie weinte wieder, und ich umarmte sie. „Lass uns doch noch einen allerletzten Versuch wagen“, sagte ich, „…ein allerletztes Mal; und wenn Dir auch diesmal nicht geholfen werden kann, dann brauchst Du auch nie mehr zum Arzt gehen!“ Ich suchte mir aus den gelben Seiten einen beliebigen Allgemeinmediziner, bei dem Ruth noch nicht war, und machte einen kurzfristigen Termin. Als wir dann ihm gegenüber saßen, berichtete Ruth ihm ausführlich von ihrem ganzen Martyrium und dass sie inzwischen völlig am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte sei. Dr. Hirsch erwies sich sofort als sehr einfühlsam und verständnisvoll, indem er ihr geduldig zuhörte und immer wieder mit Zwischenfragen nachhakte. Doch dann äußerte er einen überraschenden Verdacht: „Frau Poppe, möglicherweise ist die ursprüngliche, chronische Entzündung im Lumbo-sacral-Bereich gar nicht mehr die eigentliche Ursache für ihre Dauerschmerzen…“ Ruth reagierte sofort hysterisch: „Wollen Sie andeuten, dass meine Schmerzen nur psychisch bedingt sind?! Dass ich mir die Schmerzen etwa nur einbilde!?“ – „Nein, um Gottes willen!“ beruhigte sie der Mediziner „Ihre Schmerzen sind absolut real, aber sie haben ihre Ursache möglicherweise gar nicht mehr so sehr in dieser Verwachsung des Kreuzbeins mit dem Lendenwirbel, sondern durch ihrem unkontrollierten und viel zu lange andauernden Schmerzmittelkonsum.“ – „Sie wollen sagen, dass die Schmerzen durch das Schmerzmittel verursacht sind?!“ fragte ich ungläubig. „Richtig. Sie müssen wissen, dass Opiate wie Tramal süchtig machen und deshalb normalerweise nicht länger als eine Woche eingenommen werden dürfen. Der peruanische Orthopäde in Bremen, von dem Sie mir erzählt haben, hat es sicherlich gut mit ihnen gemeint, dass er ihnen dieses Medikament jetzt schon seit fünf Jahren regelmäßig verschreibt. Aber der Kollege hat ihnen damit einen Bärendienst erwiesen und im Grunde für Sie wie ein verantwortungsloser Drogendealer gehandelt. Es tut mir leid, dass ich das so deutlich sagen muss.“

Wir waren verstört und überrascht zugleich, denn so etwas hatten wir noch nie gehört. „Sie können die Wirkung solcher Opiate auch mit anderen Drogen vergleichen wie z.B. Alkohol: Wenn eine bestimmte Linie überschritten wird, kann das Medikament nicht mehr ohne weiteres abgesetzt werden, denn der Körper reagiert mit Entzugserscheinungen. Gleichzeitig fordert er aber, dass die Dosis immer weiter erhöht wird, weil die Wirkung mit der Zeit nachlässt. Das Schmerzmittel ist dann zum Selbstläufer geworden und produziert selber Schmerzen, als wolle es protestieren. Die einzige Chance, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist ein radikaler Entzug.“ Wir waren geschockt. „Sie meinen, dass ich überhaupt kein Tramal mehr nehmen soll?“ fragte Ruth „Das halte ich aber keine sechs Stunden aus! Das überlebe ich nicht!“ – „Ganz verzichten sollen sie nicht auf Analgetika, aber ich werde Ihnen ein anderes verschreiben, nämlich Morphin. Trotzdem werden sie eine Woche lang erhebliche Entzugserscheinungen mit Übelkeit und Erbrechen haben, aber wenn sie diese Woche überstanden haben, dann werden sie frei sein, möglicherweise auch völlig frei von Schmerzen!“ Das hörte sich verlockend an, und wir willigten ein. Etwas anderes blieb uns ohnehin nicht übrig.

Und dann kam die Woche. Es war für Ruth ein Marsch durch die Hölle. Ich erinnere mich, wie sie schweißgebadet mitten in der Nacht in der Wohnung auf und ab ging und fast wahnsinnig war vor Schmerzen. Erst jetzt wurde uns klar, dass Tramal eine ähnliche Wirkung wie Heroin besaß. Ständig musste Ruth sich übergeben, aber die Aussicht auf Heilung ließ sie diese Tortur tapfer durchhalten. Dr. Hirsch hatte ihr versprochen, dass sie ihn in dieser Woche jederzeit anrufen könne, selbst mitten in der Nacht, wenn sie seine Hilfe benötige. Und tatsächlich ging er dann auch ans Telefon und kam vorbei, um Ruth eine Spritze zu geben, wenn sie es nicht mehr aushielt. Was für eine Menschenliebe! Dieser Arzt war wirklich wie ein Engel, den uns Gott gesandt hatte. Und als die Woche herum war, da spürte Ruth tatsächlich kaum noch Schmerzen. Sie konnte auf leichte Schmerzmittel umsteigen wie Diclophenac oder Ibuprophen und brauchte irgendwann gar keine Schmerzmittel mehr. Nach 5 Jahren Dauerschmerzen war Ruth nun endlich geheilt! Dem HErrn sei Dank! Ruth war überglücklich und lobte Gott für Seine Güte. Auch ich spürte tief in meinem Innern eine Dankbarkeit, verdrängt sie aber sofort wieder, da ich mir ein Handeln Gottes nicht rational erklären konnte.

Ruth wollte nun endlich auch einen Führerschein machen und wir meldeten sie bei der Fahrschule an. Bis dahin war sie ja völlig von mir abhängig und konnte weder Einkäufe erledigen, noch Rebekka vom Kindergarten abholen. Sie wollte auch ohne Titel bei einem Tierarzt als Assistentin arbeiten, aber vorerst noch viel besser Deutsch lernen. Da es nun keinen Grund mehr gab, noch länger in Neustadt am Rübenberge zu bleiben, planten wir, im Winter nach Bremen zurückzukehren, um uns irgendwo am Stadtrand eine kleine Wohnung zu nehmen, von wo wir Ausflüge in die Natur machen konnten. Rebekka war inzwischen schon vier Jahre alt und malte ein Bild nach dem anderen. Auch unsere Velourpolstermöbel waren schon bald mit dem Edding-Stift voll bekritzelt, so dass wir nicht wussten, ob wir lachen oder weinen sollten. Immer wenn es eine ganze Weise ganz still war in der Wohnung, hatte Rebekka meist irgendetwas ausgefressen, ob nun der Reis in der Küche ausgestreut auf dem Boden lag oder sie Plastikspielsachen in die Öffnung unseres Videorecorders steckte – irgend eine Idee hatte sie immer. Aber auch Erwachsene verhalten sich manchmal wie Kinder:…


Ein böser Streich

Inzwischen funktionierte auch endlich das Internet reibungslos, und ich begann, mich auf diesem neuen Terrain mal umzuschauen. Bei meinen ersten Surfexpeditionen entdeckte ich schon bald, dass auch mein früherer Freund und Glaubensbruder Tobias Schaum mit einer eigenen Internetseite präsent war. Durch eine Suchmaschine fand ich aber heraus, dass er auch in verschiedenen Diskussionsforen aktiv war, u.a. auf einer Seite, die sich „www.gegendenstrom.de“ nannte. Zu meiner Überraschung las ich dort, wie sich der liebe Tobias dort mit Atheisten nicht nur über christliche Themen, sondern auch über völlig weltliche Dinge austauschte, wie z.B. über Musikbands. Ich dachte: „Na sieh mal einer an! Er stellt sich hier also von seiner besten Seite dar, als Intellektueller, der überall mitreden kann. Aber wenn seine Gesprächspartner wüssten, dass er in Wirklichkeit ein religiöser Fanatiker ist, dann würden sie ihm sicherlich die Freundschaft kündigen und ihn mit Tomaten bewerfen.“ Aber auch auf seiner eigenen Internetseite plauderte er mit Atheisten und ließ sogar zu, dass Satanisten ihren Spott abließen ohne dass er sie blockierte. Auf einmal kam mir eine perfide Idee: Ich trug mich einfach mit seinem Namen ins Gästebuch ein (damals ging das noch) und schrieb einen Fake-Kommentar, den ich mit den Initialen von Tobias „T.J.S.“ unterschrieb. Der Text lautete: „Höret ihr Spötter! Ich habe langsam genug von Euren Lästerungen, mit denen Ihr meine Homepage beschmutzt… Ihr werdet Euch noch wundern, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann kommt mein HERR wieder und wird mich und meine Familie in Seine Herrlichkeit entrücken… Die Sonne wird sich verfinstern und es wird Plagen geben auf der Erde, weil Ihr den Worten des HERRN nicht geglaubt habt. Deshalb warne ich Euch ein letztes Mal solange es noch Zeit ist: Tut Buße und bittet Gott um Vergebung wegen all Eurer Sünden, damit Ihr nicht für alle Zeiten in den Feuersee geworfen werdet! Gott sei Euch gnädig!“ Ich lachte mir eins ins Fäustchen bei der Vorstellung, wie jetzt alle über den Tobias schimpfen werden, ohne daß er je beweisen könnte, daß nicht er sondern ich es war, der diesen Kommentar geschrieben hatte. Ich kam mir vor, wie ein pubertierender Junge, der zum Spaß einen Chinaböller in den Briefkasten des bösen Nachbarn steckte.

Die Reaktion sollte nicht lange auf sich warten. Schon am Abend desselben Tages hatten mehrere Gästebuchteilnehmer überrascht reagiert auf die vermeintliche Einlassung von „TJS“. Mit Schadenfreude las ich ihren Spott und Empörung, wobei einige auch schon den Verdacht hegten, dass dieser Kommentar nicht von Tobias Schaum kommen könne, da der so gar nicht zu ihm passte. Und dann meldete sich Tobias selbst zu Wort und erklärte, dass jemand anderes dies unter seinem Namen geschrieben habe, er aber schon herausfinden würde, wer dies getan habe. Ich dachte: Wie wird er das herausfinden können? Aber es dauerte nur zwei Tage, da wusste Tobias, dass ich es gewesen war, und nannte mich gemäß Spr.26:18-19 einen „Wahnsinnigen“, weil ich mich ja damit zu entschuldigen suchte, dass ich doch nur einen Scherz gemacht habe. Sofort blockierte er mich und wollte auch keinerlei Diskussion mit mir führen, da ich in seinen Augen ohnehin „unwiederbringlich verloren“ sei, „ganz gleich, wie lange er noch auf dieser Erde zu ‚leben‘ hat“. Ein Dialog mit mir sei genauso sinnlos „wie ein hoffnungsloser Wiederbelebungsversuch“ an einem gefällten Baum. Stattdessen aber rechtfertigte er sein Verhalten den anderen gegenüber, indem er mich ausführlich über mehrere Seiten an den Pranger stellte. Dabei übertrieb er allerdings dermaßen, dass nun auch die Gästebuchteilnehmer ihn zur Mäßigung aufriefen. Ich entschuldigte mich öffentlich bei Tobias. Aber einige waren so wütend über meinen boshaften Streich, dass sie mich als „Denunziantenschwein“ beschimpften und mir wünschten, dass man Fake-Kommentare mit meinen Namen auf einer Seite von radikalen Moslems verbreiten sollte, damit sie mir „den A… aufreißen“. Mir wurde auf einmal klar, dass solch ein Diskussionsforum nicht nur ein Spielplatz für Selbstdarsteller ist, sondern zugleich auch ein Gerichtstribunal und ein öffentlicher Hinrichtungsplatz, wo man verbal gesteinigt werden konnte. In der Anonymität hinter einem PC sind Menschen viel enthemmter, weil sie keine Rücksicht mehr nehmen brauchen, sondern hemmungslos alles herauslassen können, was in ihrem Herzen ist (Mt.15:19). Und jetzt war meine eigene Bosheit und Schlechtigkeit ungewollt ans Licht gekommen. Während ich mich drei Jahre zuvor noch über die Verdorbenheit von John Jairo erschrocken und ereifert hatte, weil er ohne Skrupel sich auf Kosten anderer lustig machte, wollte mir Gott nur zeigen, dass ich keinen Deut besser war (Röm.2:1-4).


Der große „Lottogewinn

Inzwischen hatte ich mir bei der Commerzbank ein Online-Konto zugelegt, so dass ich Kauf- und Verkaufsorder für Aktien in Sekundenschnelle einfach vom Schreibtisch zuhause aus geben konnte. Mein Depot war mittlerweile auf etwa 10 – 12 Positionen durchschnittlich angewachsen, die jedoch von mir ständig ausgetauscht wurden und einen Gesamtwert von etwa 20.000,-DM hatten. Ich war inzwischen völlig der Spielsucht verfallen und versuchte ständig, mein Depot zu optimieren. Wenn ich von einem neuen aussichtsreichen Unternehmen las, dass von irgendwelchen Aktienprofis angepriesen wurde und auch schon gut gelaufen war, dann gab es für mich kein Halten mehr, sondern ich musste es unbedingt auch haben. Ab Mitte 1999 hatte sich innerhalb weniger Monate die Börsenbewertung zahlreicher Unternehmen vervielfacht. Man hielt die häufig prozentual zweistelligen Kurssteigerungen für übertrieben, wollte aber dennoch davon profitieren. Auch Investmentfonds verstärkten die Spekulationsblase, indem sie ihren Kunden immer höhere Gewinne in Aussicht stellten.

Wenn ein IT- und Biotech-Unternehmen neu an die Börse ging, dann schoss der Kurs meist schon am ersten Handelstag durch die Decke, so dass jeder, der sie gezeichnet (bestellt) hatte, schon gleich am ersten Tag einen Gewinn von 50 bis 100 % seines Einsatzes verbuchen konnte (manchmal sogar noch weit mehr!). Da solche „Neuemissionen“ daher immer 10- bis 30-fach überzeichnet waren, wurde die Zuteilung durch einen Zufallsgenerator vorgenommen, bei dem die Zuteilungschance jedoch deutlich höher war als ein gleichhoher Lottogewinn. Deshalb nahm auch ich damals an jeder beliebigen Neuemission teil, egal ob von der NASDAQ oder vom Neuen Markt oder irgend einer anderen europäischen Börse, denn man konnte ja im Prinzip nur gewinnen und nichts verlieren (außer seine Seele gemäß Luk.9:24-25). Voraussetzung war jedoch, dass man seine im Falle einer Zuteilung bei Neuemissionen seine Aktien gleich am nächsten Handelstag wieder verkauft, denn meist fielen sie gleich danach wieder.

An einem Tag rief ich spät am Nachmittag bei meiner Bank an und wollte eine Kauforder durchgeben, da erfuhr ich durch Zufall, dass ich bei der Neuemission eines italienischen Finanzdienstleisters zum Zuge kam, den ich bereits vor einer Woche geordert, aber schon ganz vergessen hatte. Ich erschrak und dachte erst: „O nein, der Kurs ist mit Sicherheit jetzt viel niedriger!“ Ich fragte die Dame: „Wie viel Aktien hatte ich denn noch mal bestellt?“ – „Sie hatten 300 Aktien zum Kurs von 9,93 DM gekauft.“ – „Und wo liegt der Kurs jetzt?“ – „Einen Moment, ich schaue mal eben nach… (10 Sekunden Pause) … Der aktuelle Kurs liegt derzeit in Mailand bei umgerechnet 97,62 DM“. Mein Herz klopfte. Ich rechnete schnell nach und stellte fest: Mein Einsatz hatte sich also verzehnfacht und demzufolge ein Gewinn von fast 27.000,-DM! „Dann will ich sofort verkaufen!“ – „Das geht nicht mehr, denn die Börse ist bereits geschlossen. Rufen Sie morgen noch mal an.“ Ich jubelte und berichtete es Ruth. Wir tanzten den Flur rauf und runter vor Freude. Die Zeit der Armut war nun endlich vorbei. Wenn das so weiterginge, würden wir uns bald ein eigenes Haus kaufen können.

Am nächsten Tag gab ich eine Verkaufsorder und hoffte, dass der Kurs nicht inzwischen wieder gefallen sei. Aber im Gegenteil war er sogar noch um weitere 50,-DM gestiegen, so dass ich am Ende sogar einen Erlös von 45.000,-DM hatte. Erst später erfuhr ich, dass der Kurs sogar noch viel weiter stieg. Ich hatte keine Ahnung, warum und weiß heute noch nicht einmal mehr den Namen des Unternehmens, weil es mich nicht interessierte. Auch dass diese Gewinne zwar legal aber nicht legitim waren, verdrängte ich, denn warum sollte ich nicht auch einmal der Nutznießer von einer verrückten Welt sein! Was ich damals nicht durchschaute, war, dass diese völlig übertriebene Kapitalisierung (d.h. spekulative Bepreisung) eigentlich nur dadurch möglich sein konnte, indem dieses Geld anderen – nämlich den Schwächsten in der Gesellschaft – zuvor entzogen wurde, d.h. den Menschen in der 3. Welt und der Natur. Denn Geld bekommt ja keine Kinder wie beispielsweise eine Kuh, sondern wandert immer nur von einer Tasche in die nächste, so daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Gott lässt diese Ungerechtigkeit nur deshalb zu, damit sie an einen Punkt erreicht, durch den sogar noch dem letzten die Augen aufgehen können, dass solch eine gewissenlose Haltung nicht ohne Konsequenzen bleiben kann und der Mensch zum Umdenken gelangt (Röm.2:4).

Von solchen Überlegungen war ich damals aber noch weit entfernt, sondern glaubte, dass ich nun einmal dazu auserkoren sei, auf der Sonnenseite des Lebens zu sein. Ich war in einem völligen Renditerausch und hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass meine Aktien innerhalb von nur einer Woche zuweilen um bis zu 30 % an Wert stiegen. Daher konnte ich auch Rückschläge ohne weiteres mit Gelassenheit entgegennehmen. Einmal investierte ich z.B. 4000,-DM in einen der sog. „Pennystocks“, also einer Aktie, die weniger als 1,-DM an Wert an. Aufgrund des geringen Handelsvolumens schlägt der Kurs schnell mal eben stark nach unten oder nach oben aus, so dass man entweder hohe Gewinne oder hohe Verluste riskiert. Einen Tag nach dem Kauf war die Firma schon nicht mehr an der Börse gelistet, weil sie inzwischen endgültig bankrott war und aus dem Handel genommen wurde; mit anderen Worten: ein Totalverlust für mich! Aber was soll’s! Was sind schon 4.000,- DM bei einem Depot von inzwischen über 50.000,- DM an „Spielgeld“! Man kann ja schließlich nicht immer nur Gewinn machen, sagte ich mir.

Das Jahr 1999 war auch jenes Jahr, in welchem der Seher Nostradamus den Weltuntergang vorhergesagt hatte. Tatsächlich machten sich viele IT-Experten auf der ganzen Welt Sorgen, dass durch den Jahrtausendsprung die Rechner auf der ganzen Welt in das Jahr 1900 zurückversetzt werden könnten. Man befürchtete ein Horrorszenario, dass um Punkt Mitternacht die Lichter ausgehen könnten. Flugzeuge würden vom Himmel stürzen, Kernkraftwerke durchschmelzen oder womöglich Interkontinentalraketen Amok fliegen und dadurch ein atomares Höllenfeuer entfachen. Computer-Experten aus Ost und West arbeiteten Monate im Voraus an einem Notfallplan, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Doch am Ende blieb das Chaos zum Jahrtausendwechsel aus, dem HErrn sei Dank! Wir waren als Familie extra in die Bremer Innenstadt gereist, um das Feuerwerksspektakel auf dem Bremer Marktplatz mit anzusehen. Unsere 4-jährige Rebekka schaute damals nur ängstlich auf uns hinauf und wollte auf den Arm genommen werden, weil ihr all der Krach nicht geheuer vorkam.