"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

(2. Sam. 23:4)

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Januar – März 1996

Mein Schiffbruch im Glauben

Das neue Jahr begann mit viel Schnee und Minustemperaturen. Da Herr Tönjes auch nach den Feiertagen nicht erreichbar war und ich nicht wusste, wie es nun weiter gehen sollte, ging ich zur Arbeiterkammer, um mich rechtlich beraten zu lassen. Denn obwohl ich inzwischen schon 2,5 Monate lang kein Geld mehr erhalten hatte, bestand ja immer noch ein ungekündigtes Arbeitsverhältnis. Die dortige Juristin riet mir, ihm meine Arbeitskraft anzubieten, doch ihm auch eine kurze Frist zu setzen mit der Androhung, zu kündigen, falls er weiterhin nicht reagiere, da unser Lebensunterhalt gefährdet sei. Danach solle ich ihn beim Arbeitsgericht auf Zahlung der noch ausstehenden Löhne verklagen, was ich dann auch Ende Januar tat, zusammen mit allen anderen - um ihren Lohn geprellten - Mitarbeitern.

Mein Freund Bernd Fischer schrieb mir und warnte mich eindringlich, dass ich unbedingt den Kontakt zu Tobias und Rolf beenden müsse, da diese zu „Brudermördern“ geworden seien und ich durch ein Bündnis mit diesen mich mitschuldig machen würde an ihren Verleumdungen. Die Begründungen von Bernd waren sehr weise und biblisch gut fundiert, deshalb willigte ich ein und verwandte seine Argumente in einem Brief an Tobias, in welchem ich ihn eindringlich aufforderte, grundsätzlich sein – so wörtlich - „Schreiben gegen andere Brüder aufzugeben, da Du dafür nicht die nötige Begabung hast“. Wie nicht anders zu erwarten, verschärfte sich darauf allmählich der Ton zwischen uns, und Tobias begann nun, auch mir immer mehr Vorhaltungen zu machen, warum ich denn überhaupt auch noch Kontakt zu Bernd habe, der doch ein Irrlehrer sei mit seiner „Gott-belügt-die-Lügner“-These. Aber auch Hans-Udo reagierte nun mit einem langen Brief voller Vorwürfe gegen mich wegen meiner Treulosigkeit und wollte dieses ständige Hin und Her nicht länger mitmachen. In seinen Augen hatte ich nun endgültig bewiesen, dass auf mich kein Verlass sei, sondern dass ich ein unreifer und wankelmütiger Bruder sei, dem man nicht trauen könne.

Wankelmütig? Ja, das traf es in der Tat. Denn ich verlor allmählich immer mehr den Halt, weil ich zu viele falsche Entscheidungen getroffen hatte und keine Orientierung mehr besaß, was eigentlich Gottes Wille für mich war. In jener Zeit telefonierte ich viel mit Schwester Brigitta, die zu unserem Hauskreis gehörte und in den letzten zwei Jahren auch immer Marco‘ Seelsorgerin war. Brigitta sah sich immer als eine Art „Aufpasserin“ über unseren Glauben und erwartete stets, dass wir ihre Ratschläge auch befolgen sollten. So hatte ich ihr z.B. mitgeteilt, dass mein Vater mir 2.000,- DM geliehen habe, weil wir absolut blank waren und ich auch meine Miete nicht hätte bezahlen könne. Sie warf mir jedoch vor, dass ich mir kein Geld von meinem Vater hätte ausleihen dürfen, da mein Vater noch nicht wirklich gläubig sei und ein Christ sich nichts von Ungläubigen borgen sollte. Sie forderte mich auf, meinem Vater das Geld zurückzugeben und stattdessen zu beten, dass der HErr mir doch auf irgendeine andere Weise das Geld zukommen lassen möge. Ich hielt dies für gänzlich ausgeschlossen, befolgte jedoch ihren Wunsch, für dieses Wunder zu beten. Kurz darauf erhielt ich Post vom Finanzamt mit einem Steuerbescheid aus 1994, dass ich aufgrund eines zu geringen Einkommens meine gesamt bezahlten Steuern von etwas über 2000,- DM zurückerstattet bekommen würde. Ich war total sprachlos und rief sofort Brigitta an, um ihr von dieser Gebetserhörung zu berichten. Brigitta freute sich sehr, doch nachdem der erste Jubel verklungen war, sagte sie: „Simon, dann weißt Du ja hoffentlich, was Du jetzt zu tun hast.“ – Ich schluckte und sagte: „Du meinst, ich solle meinem Vater jetzt die 2000,-DM zurückgeben?“ – „Ja, selbstverständlich! Was denkst Du denn?!“ – „Aber Brigitta, ich hatte Dir doch schon gesagt, dass mein Vater das Geld gar nicht braucht, weil er genug davon hat. Ich hingegen kann es sehr gut gebrauchen, denn ich stecke ja noch immer in der Krise, und wenn ich es ihm jetzt auch geben würde, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass ich ihn schon bald wieder um Geld anbetteln müsste.“ – „Aber Simon! Jetzt bin ich aber wirklich sprachlos und schwer enttäuscht von Dir! Da hat Gott Dir einmal mehr Seine Macht gezeigt und ein solches Wunder geschenkt, und Du zweifelst immer noch daran, dass Er Euch auch weiterhin versorgen würde! Sag mal, hast Du denn überhaupt keinen Glauben!?“ – Eine gute Frage. Nach all den Prüfungen, die ich in der letzten Zeit schon durchgemacht hatte, waren alle meine Glaubensreserven aufgebraucht. Ich bat Brigitta um Verzeihung, dass ich derzeit zu schwach sei, um auf diese unverhoffte Finanzspritze verzichten zu können. Sie fragte mich, was sie denn überhaupt in den Bibelstunden noch von mir lernen könne, wenn ich in der Praxis so jämmerlich versagen würde. Das fragte ich mich auch.

Mein Glaubensleben war an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Meine fromme Fassade war inzwischen so durchlöchert, dass jeder geistliche Mensch sofort sehen konnte, dass da kaum mehr geistliche Substanz vorhanden war, von der ich hätte zehren können. Deswegen erlitt ich all diese schweren Züchtigungen, weil Gott von mir schwer enttäuscht war und mir nun mit aller Eindringlichkeit zeigen wollte, dass ich Buße tun müsse. Ich erinnerte mich an die Worte Jesu: „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße (d.h. ändere dein Denken) und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust“ (Offb.2:5). Womit hatten all die Probleme angefangen? Was war der Ursache, dass ich vom Wege abgekommen bin? Fing es nicht schon 1994 an, als ich für Ruth einen Fernseher gekauft hatte und später sogar einen Videorekorder? Dabei hatte ich doch jahrelang immer gepredigt, dass Fernsehen Sünde sei! Und ich hatte meine Haltung auch nie öffentlich widerrufen, sondern stattdessen seither jedes Mal den Fernseher versteckt, wenn ich Besuch von Brüdern bekam. Tobias hatte schon ganz richtig bemerkt, dass ich ein Heuchler sei. Aber es war noch nicht zu spät. Das Licht Gottes war noch nicht ganz in mir erloschen (1.Sam.3:3) einen „glimmenden Docht“ wie ich würde der HErr nicht auslöschen (Mt.12:20). Ich musste also nur den Götzen aus unserem Haus entfernen, und dann würde schon alles gut werden.

So schlich ich mich heimlich ins Haus, um den Fernseher samt Antenne in einen Karton zu packen, um ihn zu zerdeppern. Von Bruder Norbert Homuth hatte ich gelernt, dass man einen Fernseher nicht einfach auf den Sperrmüll tun dürfe, da er sonst von jemand anderes mitgenommen werden könnte, sondern dass man ihn in jedem Fall vorher zerstören müsse, z.B. durch Steinigung. Das wollte ich tun, aber dazu musste ich ihn erst einmal wegschaffen. Als ich den Karton auf meinen Gepäckträger tat, sah mich meine Schwiegermutter und fragte mich beiläufig, was ich denn vorhätte. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Tengo que llevar basura“ („Ich muss nur mal eben Müll wegbringen“). Ohne einen Plan zu haben, fuhr ich mit dem Fahrrad auf die B6 Richtung Brinkum. Als ich auf die Ochtumbrücke kam, hielt ich mein Fahrrad an, lud den Karton ab und wollte ihn unbemerkt in den Fluss werfen. Doch mir kam der Gedanke, dass dies Umweltverschmutzung sei, und so warf ich ihn nicht in den Fluss, sondern auf die daneben befindliche Uferböschung. Doch zu meiner Überraschung war der Fernseher so weich gelandet, dass er nicht kaputt gegangen war. Also ging ich nochmal runter, brachte ihn wieder nach oben auf die Brücke und warf ihn ein zweites Mal, und erst dann zerbrach er in viel Stücke. Dann ging ich noch einmal nach unten und befestigte am Fernseher einen Zettel, den ich zuvor als eine Art „Grabrede“ geschrieben hatte, und zwar mit einem Gedicht, das Heinrich Heine kurz vor seinem Tod gedichtet haben soll: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt! Die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist, die Leier die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang. O HErr, o HErr, ich kniee nieder, vergib, vergib mir meine Lieder!“.

Als ich zurückkam, verkündigte ich voller Freude und Stolz, dass ich gerade eben unseren Fernseher zerschmettert hätte. Lucila reagierte etwas erschrocken und sagte nur: „Sí pues, era la caja del diablo“ („Na ja, das war ja auch eine Teufelskiste“). Ruth hingegen war nicht gerade begeistert über diese eigenmächtige Entscheidung von mir, weil ich mich nicht zuvor mit ihr abgesprochen hatte. Sie warf mir vor dass sie und ihre Mutter nun überhaupt keine Zerstreuung mehr hätten und sie wegen des Schnees und der Kälte draußen noch nicht einmal längere Zeit Spazieren gehen könnten. Aber als ich ihr die Gründe erklärte, dass das Fernsehen für mich ein Anstoß zur Sünde sei und ich diesen deshalb mit Stumpf und Stiel ausrotten musste, verstand sie es und war damit einverstanden. Ich versprach ihr, dass wir uns von nun an mehr Zeit nehmen würden zur regelmäßigen Bibellese und Gebet. Durch die neu gewonnene Zeit konnte ich - während Lucila strickte und wir uns unterhielten - auch endlich mal mein 2.000-Teile-Puzzle fertigstellen, das schon die ganze Zeit auf dem Boden lag. Doch sollte diese Idylle vom trauten Heim nur von kurzer Dauer sein…


Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…

Am Freitag, den 25.01.96 stand auf einmal Marco vor der Tür. Inzwischen hatte er einen richtigen Vollbart, wie es ihm die Brüder aus Asmushausen „beigebracht“ hatten (nach ihrer Auffassung habe Gott den Mann ja schließlich mit Bartwuchs geschaffen, deshalb sei es Sünde, wenn man sich rasieren würde, weil man dadurch ja dem Willen Gottes widerstehen würde). Er begrüßte uns herzlich und wir sprachen miteinander über die letzten Tage und Wochen und es gelang mir, ihn davon zu überzeugen, dass der Tobias sich durch seine harte und unfruchtbare Agitation gegen Hans-Udo und andere Brüder versündigt habe. Marco räumte ein, dass der eigentliche Grund für seinen Besuch der war, um mich und meine Familie „zur Buße zu rufen“, aber dass er nun einsah, dass er sich nicht in solche Anklagen wie die gegen Hans-Udo einzumischen habe, zumal er diesen überhaupt nicht kenne. Doch am nächsten Tag war er schon früh aus dem Haus gegangen und hatte mir nur einen Zettel hinterlassen mit meinem Taufspruch aus Luk.22:31-32: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre. Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder!“ Marco sah mich scheinbar total in Sünden zu versinken und wollte mit diesem Apell mir vorerst den Rücken kehren. Doch erfuhr ich später, dass er in unser Elternhaus gefahren war, um nun meinen Vater und meinen Bruder Patrick zur Buße zu rufen, was bei diesen jedoch nur auf Befremden stieß. In der Nacht von Samstag auf Sonntag überfiel Marco dann der Wunsch, das ganze Haus meiner Eltern von oben bis unten zu reinigen, sozusagen als letzten Dienst für die Familie, bevor er für immer gehen wollte. In der Morgendämmerung stieg er dann in den ersten Bummelzug, um nach Asmushausen zurückzufahren. Als er schon in Göttingen war, besann er sich darauf, wieder nach Bremen zu fahren, weil dort sein Platz sei. Er besprach sich am Montag mit Schwester Brigitta über seine Situation, doch bekam er plötzlich eine sonderbare, geistesgestörte Anwandlung, weil er Brigittas Wohnung angeblich voller Dämonen sah. So verließ er sie fluchtartig, um – wie er sagte – „Sodom und Gomorra“ zu verlassen. Er schnappte sich seinen Rucksack und ein Fahrrad, und fuhr bis zur nächsten Autobahnauffahrt. Dort stellte er es unabgeschlossen mitten auf dem Gehweg, ging die Böschung der Autobahn hinauf und ging von 18.00 bis 21.00 Uhr ca. 30 km die Autobahn entlang, um auf den schnellsten Weg nach Asmushausen zu kommen. Seinen Rucksack mit seinen ganzen Habseligkeiten ließ er unterwegs an einer Leitplanke zurück, weil er ihm zu schwer war. Ein anhaltender Autofahrer bot ihm an, einzusteigen, aber er lehnte ab. Um ca. 22.00 Uhr rief er meinen Bruder Patrick zuhause an und bat mit stockender Stimme, ihn in Langwedel bei der Autobahnausfahrt Achim-Ost abzuholen. Er war völlig durchgefroren und verwirrt. Nachdem sie dann zwar sein Fahrrad aber nicht mehr seinen Rucksack aufgabeln konnten, fuhren sie wieder nach Hause. Als ich dann mit ihm telefonierte sagte er mit leiser Stimme: „Ich wollte ein besserer Christ sein, aber diese Superchristen in Asmushausen – das kann es irgendwie nicht sein. Ich bleibe jetzt hier.“ Am Dienstagmorgen rief er Tobias an, um ihn über seinen Schluß zu informieren. Tobias reagierte erbost und sagte ungefähr so viel wie: „Wenn du in Sodom bleiben willst, dann kann ich dir nicht mehr helfen!“ Nach dem Gespräch sagte er zu Patrick unter Tränen: „Wie können sie immer nur so hart zu mir sein…“.

Am späten Abend besuchte mich Marco. Er war inzwischen völlig klar und entschieden, sich endgültig von diesen Brüdern zu trennen, bis sie Buße getan hätten. Doch während wir uns unterhielten über die heutige Situation in der Christenheit und über meine Schwachheit im Fleische und auch über das Gute, das Marco in Asmushausen von HErrn geschenkt bekam, stand Marco plötzlich auf und wollte gehen. Er sagte, hier sei nicht sein Platz, er habe keinen Frieden hier. Ich hielt ihn zurück und erklärte ihm ausgiebig sein krankhaftes, debiles Verhalten und die Gefahren in Asmushausen. Als ich fertig war, stand er auf und sagte: „Dein eigener Mund verurteilt dich! Komm mit mir nach Asmushausen und lass dich dort durch die Brüder von deinen Sünden überführen!“ Er zog seine Jacke an, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen, weil ich Angst um ihn hatte. Ich sagte: „Marco, das ist doch nicht der Heilige Geist, der dich treibt, sondern Dämonen! Lass uns doch erst einmal zusammen beten!“ Er schaute mich wie hypnotisiert an. Sein Blick war starr und apathisch. Er sagte: „Nein, lass mich gehen.“ Ich sagte: „Um deinetwillen würde ich sogar schon morgen nach Asmushausen fahren.“ Dann setzte er sich wieder, und sagte, er würde nur deshalb die Nacht hier verbringen, weil ich ihm dieses Versprechen gemacht habe. In dem Moment rief mich plötzlich Hans-Udo an und wir sprachen kurz über die Kritik der Asmushausener. Da stand Marco auf und wollte mit Hans-Udo sprechen; ich ließ es aber nicht zu, sondern verabschiedete mich schnell von dem Bruder. Als Marco dann laut etwas in den Hörer hineinrief, hatte Hans-Udo bereits aufgelegt, so dass Markus ihm „Feigheit“ vorwarf.

Dann hielt ich Marco anderthalb Stunden ohne Unterbrechung bis Mitternacht einen Vortrag über die ganze Situation, erzählte ihm, wie viel Böses Tobias schon durch seine üble Nachrede angerichtet hatte und fing sogar dabei an zu weinen, wie er schon Zwietracht ausgestreut hatte unter Brüdern, so dass fast alle Brüder sich inzwischen von mir getrennt hätten. Als ich fertig war und froh war über seine scheinbar einsichtsvolle Geduld, stand er zu meiner Überraschung wieder wortlos auf, um zu gehen. Diesmal hinderte ich ihn aber nicht, sondern ging auf die Knie, um für Ihn zu beten und ging dann mit Ruth zu Bett. Nach einer halben Stunde kam Marco wieder und da er wusste, wo der Hausschlüssel versteckt war, kam er die Treppe hoch und sagte, dass der letzte Zug schon gefahren sei und er deshalb bis morgen noch bleiben würde. Ich holte ihm ein Federbett vom Dachboden, während er still in der Bibel las. Doch nach 10 Minuten hatte er schon wieder den Entschluss gefasst, zu gehen, weil er lieber auf dem Hauptbahnhof übernachten wollte. Ich versuchte ihn, zu überreden, zumal es angefangen hatte zu schneien, aber es half nichts. Eine Stunde später – ich war schon fast eingeschlafen – stand Marco wieder in der Wohnung. Er sagte nichts, sondern setzte sich aufs Sofa, um in der Bibel zu lesen. Ich lege mich wieder hin, doch nach 5 Minuten zog er sich wieder seine Jacke an und wollte gehen. Ich sagte nur: „Marco, komm endlich zur Ruhe!“ Er verharrte eine Weile und ging dann aber doch. Draußen schneite es heftig.

Es vergingen 2 Stunden, da kam er wieder und sagte: „Simon, mein Verhalten war eigenwilliger Gottesdienst. Ich hatte Petrus-Allüren. Ich bitte dich um Vergebung!“ Doch es waren kaum 5 Minuten vergangen, da meinte er wieder, er müsse nach Matth. 10 das „Haus verlassen und den Staub von seinen Füßen schütteln“, da ich seine Bußbotschaft nicht annahm. Ich schimpfte mit ihm und sagte, er sei wie ein „Junkie vollgekifft“ und sollte sich von Tobias lieber die Füße anstatt das Hirn waschen. Auch sagte ich ihm das er die schlechte Frucht von Tobias bösem Verhalten sei und dass ich deshalb nie mehr nach Asmushausen gehen würde, bis sie alle Buße getan hätten. Ich merkte bei Marco einen völlig verzweifelten Gesichtsausdruck und er beschworen mich, nie mehr das Haus zu betreten. Ich brüllte ihn wütend an: „GEH DOCH ENDLICH, HAU AB! und stör uns nicht ständig!“ Nach einer halben Stunde kam Marco wieder ins Haus und sagte mit verklärter Stimme: „Simon, ich bin wieder da und bleibe jetzt hier. Es ist alles gut, alles wieder in Ordnung, mach dir keine Sorgen…“ Diesmal war es von Dauer, aber mein Schlaf war dahin. Es war schon 3:30 Uhr in der Frühe. Ich dusche mich und legte mich noch für 4 Stunden nieder. Ruth hatte übrigens schon vorher sämtliche Messer in der Küche versteckt, damit Marco sich nicht wieder wie vor zwei Jahren die Pulsadern aufschneiden könnte. Doch endlich war der Spuk vorbei, zumindest hofften wir es.

Doch auch am nächsten Tag ging der Hornor weiter: Nachdem wir gefrühstückt hatten, schlug ich vor, mit Marco zusammen nach Arbergen ins Elternhaus zu fahren, denn mein Vater würde sich sicherlich schon Sorgen machen, ob Marco nicht schon wieder eine Psychose habe wie vor zwei Jahren, als er im Wahn mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen und schließlich mit Erfrierungen 3. Grades in die Geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Als wir im Bus saßen, schüttete Marco mir sein ganzes Herz aus und erklärte, dass er in Rolf Schiemann einen Ersatzvater gesucht habe, den er über die Maßen bewunderte und so sein wollte wie er. Wörtlich: „Weißt Du, Simon, wenn ich an meine Beziehung zu Gott denke, dann habe ich immer die Vorstellung, als wäre ich wie ein ganz kleiner Junge, der seinem übergroßen Vater am Hosenbein zieht, während dieser am Tisch sitzt, und ihm sagt, dass er auch mal auf seinem Schoß sitzen möchte. Ja, ich wollte mein ganzes Leben lang einfach nur auf dem Schoß Gottes sitzen, aber egal was ich auch tue, habe ich immer das Gefühl, dass Gott mich nicht auf seinen Schoß lassen will, so oft ich auch an Seinem Hosenbein ziehe.“ Ich bekam eine Gänsehaut. Wow, was für einen tiefen Einblick in seine Seele, den mir mein Bruder gewährte! War es aber mit mir nicht genau das Gleiche? Auch ich wollte einfach nur wieder jenes schöne Gefühl haben, von Gott geliebt zu sein. Aber nach all dem, was ich angestellt hatte, konnte Gott mich doch kaum mehr lieben, sondern war einfach nur noch bitter enttäuscht von mir!


Der Wahnsinn

Als wir im Elternhaus ankamen, öffnete ich die Küchentür, wo mein Vater am Fenster saß und fröhlich mit seiner für ihn typisch sarkastischen Ausgelassenheit sagte: „Ach da seid ihr ja! Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, Marco, dass du dich schon wieder an irgendeinen Baum gehängt haben könntest! Hahahahahahahahaha!“ Mein Vater lachte laut, und ich machte schnell wieder die Tür zu in der Hoffnung, dass mein labiler Bruder diesen dummen Spruch nicht gehört habe. Ich ging mit ihm ins Wohnzimmer und wir sprachen dort weiter miteinander über die ganze Situation. Nach etwa einer halben Stunde, während Marco mir gerade etwas erklärte, stockte er plötzlich und grübelte einen Moment. Dann schaute er mich wieder mit diesem starren Blick an, zeigte mit seinem Finger auf mich und sagte mir mit beschwörenden Worten: „Simon, Du musst Buße tun! Das ganze hier ist doch eine Falle! Ich werde jetzt nicht weiter mit Dir reden, sondern nach Asmushausen zurückgehen!“ Ich stand auf und sagte: „Ach geht das jetzt schon wieder los! Hör doch endlich auf, Marco, und komm endlich zur Ruhe! Das ist doch der Teufel, der Dich ängstigen will. Bleib doch hier!“ Marco war aber aufgestanden und ging aus dem Wohnzimmer hinaus. Ich hielt ihn fest und versperrte ihm mit aller Kraft den Weg, indem ich mich am Treppengeländer und Türrahmen festhielt. Daraufhin rannte Marco stracks nach oben, als gäbe es dort noch einen anderen Ausgang. Ich lief ihm hinterher, und er drohte mir, dass er über den Balkon nach unten springen würde, wenn ich ihn nicht gehen lassen würde. Ich bat ihn, mir doch wenigstens kurz zuzuhören; aber er riss die Balkontür auf und wollte gerade springen, als ich nachgab und ihn gehen ließ. Er rannte los und ich rannte ihm hinterher, indem ich ihn fragte: „Was willst Du denn? Wo willst Du hin?“ Er sagte: „Ich muss die Stadt verlassen!“ – „Aber warum?“ Mit keuchender Stimme rief er: „Weil es schon 16.00 Uhr ist und die Sonne innerhalb der nächsten Stunde untergeht!“ – „Häh?!? Was hat das denn mit dem Sonnenuntergang zu tun??!“ fragte ich. „Erinnerst Du Dich nicht, was die Engel zu Lot sagten? Dass er vor Sonnenuntergang die Stadt verlassen müsse? Ich war gekommen, um Dich mitzunehmen, aber wenn Du nicht kommen willst, dann musst Du halt mit all den anderen Gottlosen untergehen!“ – „Das ist doch völliger Wahnsinn, was Du erzählst! Zum einen ist Bremen doch nicht Sodom und zum anderen bist Du kein Engel!“ – „Doch! Denn Engel bedeutet einfach nur Bote!“ – „Dann kannst Du Dir aber trotzdem noch Zeit lassen, denn die Engel mussten erst bei der Morgenröte die Stadt verlassen haben. Marco, bitte halt doch mal kurz an, BITTE!“ – „Nein, Du kannst ja weiter reden, aber dann musst Du schon mit mir laufen!“ – Ich war schon völlig außer Atem, aber versuchte, ihn in seinem Wahn zu verstehen: „Lot sollte aber auf die Berge fliehen, aber hier sind weit und breit keine Berge!“ – „Doch. Da hinten in Mahndorf ist die Autobahn, und wenn man dort die Anhöhung hinaufgeht, dann ist das auch wie Berge!“

Hätte jemand dieses merkwürdige Gespräch mitgehört, dann hätte er uns wohl beide für verrückt gehalten. Ich rief mit letzter Puste: „Marco, Du willst doch nicht die Autobahn entlang nach Asmushausen laufen! Das sind über 300 km, da brauchst Du zu Fuß über eine Woche! Außerdem ist das verboten auf der Autobahn zu gehen!“ – Ich hielt ihn am Arm, weil ich nicht mehr weiterlaufen konnte, aber er riss sich sofort wieder los. Ich rief ihm zu: „Wenn Du jetzt nicht stehenbleibst, dann rufe ich die Polizei!“ Er lief weiter und ich blieb stehen, um zu verschnaufen. Dann ging ich in eine Telefonzelle und rief die Polizei.

Etwa 5 Minuten später fuhr zufällig mein Bruder Patrick von der Arbeit nach Hause und sah meinen Bruder Marco ihm entgegengehen. Er hielt an und sagte: „Hallo Marco, was für ein Zufall! Soll ich Dich mitnehmen? Komm steig ein!“ Marco zögerte einen Moment, dachte aber, dass es besser sei, wenn Patrick keinen Verdacht schöpft. Er stieg ein und sagte: „Du musst hier einmal drehen und kannst mich da hinten beim Ortausgang rauslassen, wo die Autobahnauffahrt ist“. Patrick fuhr jedoch weiter stadteinwärts und fragte: „Wieso, was willst Du denn dort? Ich fahr jetzt nach zu uns nach Hause und dachte, dass ich Dich dorthin mitnehmen soll.“ – „Dann halt sofort an, denn ich muss in die andere Richtung!“ – „Wieso, was willst Du denn dort?“ – „Kann ich Dir jetzt nicht erklären. Halt sofort an oder ich spring aus dem Auto!“ – „Hä? Was soll das, was willst Du denn?“ – Doch in dem Moment hatte Marco sich abgeschnallt und die Beifahrertür aufgemacht, um zu springen, da hielt Patrick schnell den Wagen an. Marco rannte raus ohne sich zu verabschieden, und Patrick rief ihm hinterher: „Bist Du jetzt völlig bescheuert? Was soll das??!“ Unterdessen war die Polizei zu mir gekommen und ich erklärte ihnen, dass mein Bruder verrückt sei und auf die Autobahn gelaufen wäre. Ich stieg hinten ins Polizeiauto ein, und wir fuhren bei Uphusen auf die Autobahn Richtung Bremer-Kreuz, doch nirgendwo war Marco zu sehen. Dann fuhren wir am Bremer Kreuz in Richtung Hannover bis zur ersten Ausfahrt Achim, aber auch dort war Marco nicht zu sehen. Weiter aber hätte er nicht kommen können, also fuhren wir wieder zurück. Ich konnte mir das nicht erklären und entschuldigte mich bei den Beamten für diesen falschen Alarm. Sie brachten mich wieder zurück nach Arbergen und ich fuhr nach Hause.

Gegen 17.30 Uhr ging dann bei der Polizei ein Notruf ein. Ein Autofahrer hatte meinen Bruder auf der Autobahn die Standspur entlanggehen sehen Richtung Hannover. Die Polizei hiel Marco daraufhin an und baten ihn, ins Polizeiauto zu steigen, um seine Personalien aufzunehmen. Als sie schon wieder losgefahren waren, um mit ihm nach Bremen zurückzufahren, sprang Marco während der Fahrt aus dem Polizeiauto und rannte davon. Die Polizei hielt sofort an, lief ihm hinterher und legte ihm Handschellen an. Nachdem sie auf der Wache den Vorfall protokolliert hatten, wurde mein Bruder durch Beschluss eines Amtsrichters entmündigt und in die Psychiatrie eingewiesen (im ZKH- Bremen-Ost), wo er auch 2 Jahre zuvor schon einmal war. Um 23.00 Uhr erhielt ich dann von der Polizei einen Anruf, wo mir über Marco berichtet wurde. Am darauf folgenden Donnerstag, den 31.01.96 besuchten Ruth und ich meinen Bruder und unterhielten uns mit ihm auf seinem Zimmer. Nachdem wir zusammen gebetet hatten, sagte Marco plötzlich: „Ich bitte Euch, dass ihr jetzt gehen solltet, denn ich spüre in diesem Moment wieder so ein starkes Angstgefühl in mir aufsteigen.“ In diesem Moment kamen zwei Krankenschwestern rein mit einem Bett und sagten, dass sie mal eben die Betten tauschen müssten. Wir gingen hinaus zum Fahrstuhl, aber sahen, wie Marco im Schlafanzug auf den Flur ging und völlig in Gedanken versunken war. Doch noch bevor unser Fahrstehl kam, fiel Marco plötzlich auf die Knie hob seine Hände empor und brüllte mit lauter Stimme: „OH GOTT; HILF MIR! HILF MIR, BITTE!“.

Ruth und ich waren völlig erstarrt vor Entsetzen. Mein armer Bruder! Was haben sie bloß mit ihm gemacht! Ich war jetzt völlig entschieden, Marco vor jeden weiteren Kontakt mit Tobias zu schützen, damit Marco sich nicht schon wieder das Leben nehmen würde. Ich schrieb Tobias, dass es möglich sei, dass aus ihm nicht der Geist Gottes, sondern der Geist des „Verklägers der Brüder“ spräche (Offb.12:10), indem er sich anmaße durch seine ständige Gesinnungskritik ein „Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens zu sein“, ein Attribut, das aber nur Gott zukäme (Hebr.4:12). Desweiteren hatte ich von Patrick erfahren, dass Tobias ihm in einem Telefonat mitgeteilt hatte, Marco nicht länger bei sich aufnehmen zu wollen, da dies für ihn und seine Familie eine zu große Belastung sei. Daher fragte ich Tobias, wo Marco denn seiner Meinung nach nun hingehen solle. In einem 10-seitigen Brief holte Tobias dann zum Gegenschlag aus und wies jede Verantwortung für Marco zurück. Seine Wirrnis sei nur dadurch zu erklären, dass er entgegen dem Rat der Brüder nach Bremen gereist sei, denn sie hielten meine ganze Familie für einen reinen Sündenpfuhl. Als Beispiele zählte er sämtliche Vergehen meiner Eltern auf, von denen Marco ihm berichtet hatte. Bei ihnen hingegen habe sich Marco die ganze Zeit über geborgen und geliebt gefühlt, was er mit Zitaten aus dem Tagebuch von Marco zu beweisen suchte. Er beschimpfte mich als „giftige, heuchlerische Schlange“ und drohte mir, als nächstes auch alle meine peinlichsten Sünden vor allen Brüdern zu veröffentlichen, damit jeder wisse, wer ich sei.


Der Untergang

Dieser Brief folgte dann ein paar Tage später. Er war so schlimm, dass ich total geschockt war und nur noch bitterlich weinen konnte. Er hatte doch tatsächlich einen „offenen Brief“ geschrieben, indem er ausführlich und der Reihe nach nicht nur die bisherigen Vorwürfe gegen mich auflistete, sondern darüber hinaus auch noch die peinlichsten Dinge über mich breit vor allen anderen aufführte,, von denen ich nicht ahnte, dass Marco sie ihm erzählt haben könnte, damit alle auch die noch so intimsten Dinge über mich erfahren sollten. Ich war völlig erstarrt und wollte mich nur noch in die letzte Ecke verkriechen. Dieser Brief war so schlimm, dass ich ihn vernichten musste, damit niemand ihn je mehr lesen sollte. Und auch jedem, der ihn möglicherweise gelesen haben könnte, wollte ich von nun an nie mehr unter die Augen treten. Mir war völlig klar, dass ich mich jetzt vollkommen zurückziehen und verstecken musste. Tobias hatte mich getötet. Er hat mir den letzten Stich verpasst; von dieser Wunde würde ich nicht mehr genesen. Es war aus und vorbei. Der Simon Poppe war nun Geschichte. Gott selbst hatte mich durch den Tobias vernichtend geschlagen; Er hat mich gewogen und für zu leicht befunden. Ich weinte den ganzen Abend, so dass Ruth sich um mich sorgte, denn ich wollte mich nicht mehr trösten lassen. Dann verbrachte ich lange Zeit im Gebet und bat den HErrn, dass Er sich doch meiner erbarme. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt und hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen könne. Hatte Gott mich wirklich inzwischen endgültig verworfen? Aber wo bleibt dann Sein Erbarmen mit einem Sünder wie mir? Ich dachte an die Worte Hiobs: „Ich schreie zu Dir, und Du antwortest mir nicht; ich stehe da, und Du starrst mich an. In einen Grausamen verwandelst Du Dich mir, mit der Stärke Deiner Hand befeindest Du mich… Doch streckt man beim Sturze nicht die Hand aus, oder erhebt man bei seinem Untergang nicht darob ein Hilfsgeschrei? … Trauernd gehe ich einher ohne Sonne; ich stehe auf in der Versammlung und schreie“ (Hi.30:20-28).

Mitte Februar kamen die Brüder aus Asmushausen nach Bremen, um Marco zu besuchen. Dieser war nach zwei Wochen wieder aus der Psychiatrie entlassen worden, hatte sich aber zuvor geweigert, ein Formular zu unterschreiben, dass ihn aufgrund seiner Wahn-bedingten, verminderten Schuldfähigkeit von all den Kosten (5.000,-DM) befreit hätte, die durch die Einweisung und den Aufenthalt in der Psychiatrie entstanden waren. Denn da Marco aus Gewissensgründen kein Mitglied der Krankenkasse war (er wollte Abtreibungen nicht unterstützen), wollte er jetzt auch nicht, dass der Staat für die Kosten aufkommen solle, die er verursacht hatte, sondern bot an, diese selber in Raten abzustottern. Tobias und Rolf, teilten Marco jedoch mit, dass es für sie unmöglich sei, ihn weiterhin in Asmushausen aufzunehmen, zumal die Dorfbewohner ohnehin schon mit Argusaugen auf die kleine Sekte blickten und sie sich deshalb kein weiteres Aufsehen mehr erlauben könnten. Marco war darüber sehr traurig, sah es aber auch ein. Er wollte aber auf keinen Fall mehr zurück in sein altes Leben als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen, weil er sich für diese Aufgabe derzeit seelisch nicht stark genug fühlte. Deshalb versuchte er sich als selbständiger Hausmeister, der sich um die Reinigung von Treppenhäusern und um die Gärten von Wohnanlagen kümmerte.

Inzwischen erhielt ich Post vom Arbeitsgericht. Der Termin zur Verhandlung war kurzfristig einberaumt worden, da akute Fluchtgefahr bestand. Doch Tönjes erschien zum Gütetermin und verteidigte sich mit einem überraschenden Kampfgeist. Er warf uns vor, wir hätten ihn alle betrogen, indem wir die Stundenzettel wahrheitswidrig und willkürlich ausgefüllt hätten, so dass er kein Vertrauen mehr hatte und bis zur endgültigen Klärung die Löhne zurückgehalten habe. Selbstverständlich wolle er unsere Löhne alle zahlen, aber nicht in der von uns geforderten Höhe. Die meisten von uns hatten Forderungen von im Schnitt 6.000,-DM. Tönjes bot uns indes an, die Hälfte zu zahlen, womit wir natürlich absolut nicht einverstanden waren. Der Arbeitsrichter machte nun den Vorschlag, ob man sich denn nicht auf pauschal 5.000,- DM einig werden könne. Für Tönjes war dies indes viel zu viel, und er schlug 4.000,- DM für jeden vor. Nun war eigentlich eine Einigung bei 4.500,-DM das Naheliegenste, und wir waren auch damit einverstanden. Aber Tönjes wollte weiter feilschen, und so einigten wir uns schließlich auf 4.250,- DM. Ich war nur froh, dass auch dieser Alptraum endlich zu Ende war und wir nun endlich Geld bekämen. Als wir die Treppen vom Gericht runter gingen, sprach meine Frau Herrn Tönjes darauf an, dass auch sie noch 300,-DM für ihren Putzdienst zu bekommen habe. „Ach, Sie haben bisher kein Geld erhalten? Das tut mir wirklich leid. Ich werde das prüfen und mich darum kümmern. Wie geht es übrigens ihrem Baby? Ist das Kind wohl auf?“ – „Ja,“ antwortete meine Frau, „aber das Kind braucht etwas zu essen.“

Nachdem in den Wochen danach immer noch kein Geld kam, ließ ich mir einen sog. „vollstreckbaren Titel“ ausfertigen und beantragte die Vollstreckung. Als der Gerichtsvollzieher Wochen später an der Tür von Herrn Tönjes klingelte, war dieser auf Nimmerwiedersehen nach Portugal ausgewandert. Der ganze Streit vor Gericht war also nur eine Hinhaltetaktik gewesen, um den Eindruck zu erwecken, dass er noch zahlen würde. Er hatte uns also alle an der Nase herumgeführt. Die Schulden bei meinem Vater waren inzwischen auf 3000,- DM angewachsen, und ich bat meinen Vater um weiteren Aufschub, bis ich Geld vom Sozialamt bekommen würde.


Ein Lichtblick am Horizont

An einem Morgen saßen wir zusammen am Frühstückstisch mit meinem Vater und überlegten, wie es weitergehen könnte. Ruth wollte gerne im April mit unserer Tochter nach Peru reisen, um ihr Studium zu beenden und ihren Doktortitel zu machen, denn sonst wäre alles umsonst gewesen. Mein Vater fragte mich damals: „Simon, was hältst Du davon, wenn Du Dich selbstständig machst? Da würdest Du doch deutlich mehr verdienen!“ – „Ich hatte das schon versucht, aber ohne Meistertitel bekommt man schnell Ärger wegen Schwarzarbeit. Das bin ich inzwischen leid.“ – "Warum machst Du dann nicht einfach Deinen Meistertitel? Du bist doch intelligent genug und könntest das schaffen.“ – „Ja, Papa, aber das kostet locker bis zu 17.000,- DM mit Kurs- und Prüfungsgebühren und, und woher sollte ich das Geld nehmen?“ – „Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, Meister-BaFöG zu beantragen?“ – „Ja, aber das würde längst nicht alle Kosten abdecken. Wovon sollten wir denn leben, wenn ich ein Jahr lang nur zur Schule gehen würde?“ – „Also, Simon, wenn Du das machen würdest, dann würde ich Dir das Geld zur Verfügung stellen. Das würde ich auf jeden Fall machen, denn es wäre mir eine große Ehre, wenn Du später mal Deinen eigenen Handwerksbetrieb hättest!“ – „Aber es gibt noch ein Problem, Papa: Ich habe noch immer keinen Führerschein. Wie sollte ich mich denn selbstständig machen ohne Fahrerlaubnis? Aber auch dafür habe ich kein Geld.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon! Auch den Führerschein bezahle ich Dir!“ Ich war total gerührt von so viel Liebe von meinem Vater. Nach all den schlechten Nachrichten war dies mal endlich wieder ein Lichtblick am Horizont.

Unterdessen hatte ich mich bei einigen Malerbetrieben in Bremen beworben, und die Firma Horn war bereit, mich zu nehmen. Als ich Herrn Horn von Herrn Tönjes berichtete, erklärte er mir, dass dieser bis vor einem Jahr als Freigänger in seiner Firma gearbeitet hatte. Er hatte nämlich wegen diverser Betrügereien als Veranstalter von sog Kaffeefahrten eine Haftstrafe absitzen müssen. Schon während dieser Zeit als Freigänger habe Tönjes bei der Arbeit immer wieder Telefonate mit zukünftigen Kunden geführt, weil er seine Selbstständigkeit plante. Für die Zeit bis zu meinem ersten Gehalt hatte mir das Sozialamt etwa 1000,-DM zur Überbrückung gegeben. Eine Schwester aus unserem Hauskreis gab uns ebenso eine Spende für Oma Lucila, damit sie wieder zurück nach Peru fliegen konnte in Begleitung von Ruth und Rebekka. Mit dem Geld meines Vaters konnte Ruth auch ein Flugticket für den 01.04.96 kaufen. Wir vereinbarten, dass ich ihr von meinem Gehalt regelmäßig Geld schicke und dann Anfang Oktober selber auch nach Peru und Ecuador reisen würde, um bei der Einarbeitung eines potenziellen Nachfolgers für die Kinderheimleitung behilflich zu sein und um Ruth bei ihrer Doktorarbeit zu unterstützen. Wie sich zeigte, sollte ich die lange Zeit der Trennung auch nicht ganz alleine verbringen, denn mein kolumbianischer Freund Pepe Gomez (44) hatte sich gemeldet und uns mitgeteilt, dass sein Sohn John-Jairo (20) Ende Juni nach Bremen kommen würde, um dann 3 Monate bei uns zu wohnen. Doch um dem John-Jairo geistlich stärken zu können, musste ich erst einmal selber wieder einen stabilen Boden unter den Füßen haben, was den Glauben anging.

Bernd hatte mir empfohlen, mir mal in Bremen eine biblische Gemeinde zu suchen, zumal ich nach Ruths Abreise dringend mehr Gemeinschaft mit anderen Christen benötigte. Es gab zwar noch immer die Bibelstunden bei Schwester Brigitta, aber da ich dort der einzige Lehrende war, hatte ich dort niemanden, der mich belehrte. Der Hauskreis in Blumenthal bei Edgard und Hedi, in dem ich aufgewachsen war, hatte sich vor einiger Zeit aufgelöst, und die Geschwister gingen jetzt alle in die Exklusive Brüdergemeinde im Lehrer-Lämpel-Weg. Ich war dort auch schon einige Male hingegangen, aber mir gefiel die Athosphäre dort nicht. Zwischen jedem Gebet, Gesang oder geistlicher Ansprache machten die Brüder dort immer eine 3 bis 5 Minuten lange Kunstpause, in welcher der Heilige Geist den einen oder anderen Bruder dann spontan zu einem Gebet, einen Gesangsvorschlag oder einer Predigt berufen sollte. Denn sich vorzubereiten auf eine Predigt oder sich untereinander abzustimmen, war bei den Brüdern nicht erlaubt, weil man dadurch "den Geist dämpfen" würde. So war es zumindest in der Theorie, aber praktisch hatte man eher den Eindruck, dass sie sich sehr wohl etwas vorbereitet hatten und es unter vorgehaltener Hand auch Absprachen gegeben haben muss. Was mich auch störte, war der "Mief" im Gottesdienst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Da der Gottesdienst in einer umgebauten Turnhalle stattfand, waren nur ganz oben ein paar schmale Belüftungsfenster. Aber selbst wenn diese alle auf Kipp standen, war die Luft bei so vielen Personen schnell verbraucht, was aber scheinbar niemanden außer mir störte. Ich überlegte daher, lieber zur sog. "Missionsgemeinde Bremen" zurückzukehren, wo ich mich 1984 bekehrt hatte. Diese hatte mich zwar drei Jahre zuvor noch buchstäblich hinausgeworfen vor Beginn eines Gottesdienstes, weil ich zuvor ihre Exorzismuspraxis öffentlich kritisiert hatte, aber ich konnte sie ja um Vergebung bitten, und dann müssten sie mich wieder aufnehmen. Allerdings musste ich dann mal mit Brigitta sprechen, ob wir unsere sonntäglichen Bibelstunden dann nicht lieber auf den Abend verschieben können, um zu dieser Gemeinde zu gehen. Ich schrieb also am 11.03.96 einen Brief an den Gemeindeleiter Udo Slopianka und bat ihn um Vergebung und um Aufnahme in seine Gemeinde. Er rief mich daraufhin an und lud mich herzlich ein, wiederzukommen.


Erste Zweifel

Für ihre Doktorarbeit über Kokzidien (Parasiten) in Greifvögeln benötigte Ruth noch jede Menge Kopien aus Fachliteratur, und da das Internet 1996 noch in den Kinderschuhen steckte, mussten wir öfters zur Universitätsbibliothek Bremen, wo Ruth sich aus den entsprechenden Fachbüchern die nötigen Informationen zusammenkopieren konnte. Ich begleitete sie mit Rebekka, und um die Zeit ihrer Recherche zu überbrücken, ging ich zum Bereich der „Religion“, um mal zu stöbern, was es so an Literatur gab. Dabei stieß ich auf ein kleines Taschenbuch mit dem Titel: „Naive Frömmigkeit der Gegenwart. Eine kritische Untersuchung d. Schriften Werner Heukelbachs“. Ich dachte: „Na sowas, den Werner Heukelbach kenn ich doch durch seinen Traktatversand! Das würde mich ja mal interessieren, was die an ihm zu kritisieren haben!“ Ich lieh mir das Buch aus und begann, es zu lesen. Es war eine Dissertation (Doktorarbeit). Auf den ersten Seiten gab der Autor einen Überblick über die wesentlichen Thesen Heukelbachs, die im Prinzip dem Evangelium entsprachen, um dann zu untersuchen, inwiefern sie eigentlich haltbar sind in Bezug auf die empirische Beobachtung. Am Beispiel der in der von Heukelbach beschriebenen Auswirkungen der Wiedergeburt aus Wasser und Geist, verglich er die Phänomene von Erneuerung und Begeisterung mit den Empfindungen, die ein Mensch hat, der sich z.B. vom Buddhismus zum Kommunismus bekehrt oder anders herum. Immer ginge solchen Bekehrungen eine tiefe Sinnkrise voraus, eine schwere Depression oder eine ausweglose Lebenslage. Die Verheißung, einen Neuanfang erleben zu dürfen, lösen dann ganz zwangsläufig bei einem Menschen Glückshormone aus, so dass sich diese tiefgreifende Erneuerung auch auf ganz natürliche Weise erklären lasse. Ähnlich verhalte es sich außerdem bei ersehnten Ereignissen, die man gerne als „Wunder“ bezeichnet, obgleich sie sich noch völlig im Rahmen der Wahrscheinlichkeit zugetragen haben. In jedem Fall sei immer wieder der Wunsch der Vater des Gedankens.

An dieser Stelle hatte ich keine Lust mehr, weiterzulesen, denn die Argumente ärgerten mich. Wie konnte dieser Schwätzer sich anmaßen, mein Bekehrungserlebnis mit irgendwelchen säkularen oder heidnischen „Bekehrungen“ zu vergleichen, wenn er das meinige doch gar nicht kennt und auch nicht kennen kann? Aber war es nicht andersherum genauso? Woher konnte ich denn sicher sein, dass mein Umdenken ein unvergleichbar höheres Niveau hat als sein Umdenken? Sind denn Empfindungen nicht immer subjektiver Art? Wenn man aber persönliche Gotteserfahrungen des anderen gar nicht kennen kann, dann kann man auch nicht beurteilen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern man muss darüber schweigen. Allerdings sagt die Bibel, dass die Ungläubigen Menschen „verfinstert sind am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“ (Eph.4:18). Von daher darf man ein Kind Gottes nie vergleichen mit einem Ungläubigen. Mögen vielleicht manche Erfahrungen der Ungläubigen ähnlich sein wie bei Gläubigen, so war doch etwas Entscheidendes anders, nämlich der Glaube. Und das es anders war, musste ich glauben. Ich sollte auch weiterhin „aus Glauben glauben“ (Röm.1:17). Aber der Zweifel begann in mir zu nagen, denn Theorie und Wirklichkeit stimmten immer weniger miteinander überein.

Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ich habe diese Nacht geträumt, dass ich im Bus sitze, aber keinen Fahrschein besaß. Doch nahm ich an, unbemerkt zu bleiben. Als ich mich  jedoch umdrehte, sah ich den Kontrolleur... – Ich wollte aussteigen, aber die Tür schloss sich vor mir, und der Kontrolleur wollte meinen Fahrausweis sehen.“ Als ich erwachte, erinnerte mich diese Begebenheit an das Hochzeitsmahl im Himmel, wo es ebenso einen Gast gab, der kein Hochzeitskleid anhatte und deshalb hinausgeworfen wurde in die äußerste Finsternis (Mt. 22:11-13). Konnte das nicht auch auf mich zutreffen? War ich nicht inzwischen selber ein „Schwarzfahrer“ im Christentum geworden, der gar keine Berechtigung mehr hatte, um weiterhin unter den Heiligen mitzumischen, da ich ohne Geistesleitung mich nicht mehr als Kind Gottes betrachten konnte (Röm.8:14)? In einem anderen Traum hatte ich mir vorgestellt, dass ich gestorben sei. Irgendwie war mir dieses Gefühl wohlig und angenehm. Ich stellte mir vor, wie alle um mich herum trauern würden. Ich fragte mich im Halbschlaf: Muss man erst tot sein, um Mitleid zu empfangen? Ich hatte mich aber ganz bewusst nur als tot verstellt, weil ich selbst den Zeitpunkt wählen wollte, wann ich mich den anderen als lebend zu erkennen geben wollte. Ihre Verwunderung und Verständnislosigkeit machte mir nichts aus. Ich wollte wissen, warum sie jetzt erst um mich getrauert hätten und nicht schon vorher als ich vermeintlich noch am Leben war. Aber ging es den anderen nicht vielleicht genauso wie mir? Hatten wir nicht alle eine Sehnsucht nach der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Zuwendung? Mir schien, dass das ganze Leben der Menschen an und für sich nichts weiter als ein Warten war auf ein besseres Leben. Nur dass die meisten dies nicht zugeben wollten, weil man ihre Sehnsucht als Schwäche deuten würde.

 

 

 

 

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