"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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Achtung: Ab jetzt gibt es bei mir das Buch „Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen“ (733 Seiten) zu bestellen, und zwar für 5, - € an Selbstkosten zzgl. 3, - € Porto; den Betrag von 8, - € kannst Du direkt als Spende für ein Kinderheim in Rumänien überweisen (Kto.-Nr. steht auf der letzten Seite des Buches). Bitte schick mir einfach eine E-Mail mit Deiner Adresse und ich sende Dir das Buch zu.

„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 21


August bis September 1991

Im blinden Vertrauen auf Gottes Hilfe

Am Berliner Hauptbahnhof, der im Ostteil der Stadt liegt, wurde ich von Hans-Udo Hoster (52) abgeholt. Schon bei den ersten Gesprächen im Auto war mir der Bruder sehr sympathisch. Er hatte ein freundliches Lächeln, eine liebevolle Art und machte immer mal wieder auch eine scherzhafte Bemerkung. Als wir in seinem Haus in Berlin-Rudow ankamen, ging er mit mir in sein Schreibzimmer und ließ mich Platz nehmen. Ich berichtete ihm kurz, wer ich sei und welches meine Wünsche und Pläne für die Zukunft wären. Dann erzählte mir Hans-Udo, dass er früher mal Prediger war in einer großen Gemeinde in Berlin, nun aber als Missionsleiter angestellt sei in einem christlichen Verein, der ein Kinderheim in Pakistan unterstütze, in dem er einige Jahre selbst gearbeitet hatte. Gleichzeitig sei er Prediger einer kleineren Gemeinde in Berlin-Steglitz und leite zudem ein Hilfsprojekt, das seit zehn Jahren wöchentlich zig 30 kg-schwere Lebensmittelpakete vom Bahnhof Zoo aus nach Rumänien sendet.

Ich fragte Hans-Udo, wie er damals überhaupt nach Pakistan gekommen sei. Er berichtete mir, dass er 1964 von einer kleinen Mission, die er selbst unterstützt hatte, gebeten wurde, nach Pakistan zu gehen, da wegen der großen Armut dort dringend ehrenamtliche Helfer gebraucht wurden. Nach sieben Monaten entschied sich die Mission jedoch überraschenderweise, dieses Heim mit 46 Kindern aufzugeben. Darüber war Hans-Udo natürlich sehr traurig, denn die Kinder, denen er inzwischen wie ein Pakistani geworden war, hingen ihm sehr am Herzen. Kurz vor der Schließung stieg er frühmorgens auf das Flachdach, um seine stille Zeit zu haben. Er betete und sagte: „HErr, bitte sprich zu mir, dass ich verstehe, was ich tun soll!“ Dann schaute er hinab in den Hof und sah die Kinder, die sich wie jeden Morgen kleine Zweige abbrachen, um sich damit die Zähne zu putzen (denn das Heim war so arm, dass sie kein Geld hatten für Zahnbürsten oder Zahnpasta). Dann schlug er seine Bibel in Jeremia auf, um weiterzulesen im 33. Kapitel, wo es in Vers 3 heißt: „Rufe zu Mir, und Ich will dir antworten und will dir große und unerreichbare Dinge kundtun, die du nicht weißt.“ Da wurde dem Bruder auf einmal klar, dass Gott ihm das Geld für den Rückflug nach Deutschland (1.800,-DM) für die Weiterführung des Heimes gab, damit es zunächst mal für ein paar Wochen weiter versorgt werden konnte.

Dann stellte er sich an die Straße, betete und streckte seine Hand aus, um dann die 9.600 km nach Deutschland per Anhalter zu fahren, quer durch Pakistan, dem Iran, der Türkei, den damaligen Ostblockländern wie Bulgarien und Jugoslawien, dann Österreich und schließlich Deutschland. Als er nach 19 Tagen endlich sein Elternhaus in Mönchengladbach erreichte, hatte Gott ihn viele Wunder erleben lassen. Bald darauf fand er eine Stelle als LKW-Fahrer, die er sofort annahm, um unabhängig zu sein. Da Gott ihm bis hierher geholfen hatte, vertraute er darauf, dass der HErr auch seine weiteren Gebetsanliegen erhören werde:

1.) Er bat den HErrn um ein Auto, um die Reise zurück antreten zu können.

2.) Da er das Heim nicht als Lediger leiten konnte, wegen der zwei angestellten, ledigen Lehrerinnen, bat er Gott um eine liebe, zu ihm passende Frau, die bereit war, in solch ein Abenteuer einzusteigen.

3.) Schließlich bat er um Freunde und Unterstützer.

Zunächst erhörte der HErr sein erstes Anliegen, dass genau zu dieser Zeit ein pakistanischer Bibelschul-Direktor auf der Durchreise Hans-Udo besuchte, und ihn fragte: „Wärest Du bereit, einen für unsere Bibelschule nötigen PKW nach Pakistan zu fahren?“ Darauf antwortete Hans-Udo ein freudiges „Ja!“, und sah damit Gott schon am Werk! Dann betete er weiter für eine gläubige Ehefrau, was er ohnehin schon seit seinem 15-jährigern Lebensjahr tat: „Bitte lieber Herr, schenke mir eine Gehilfin, die bereit ist, mit mir in Pakistan ein Leben unter widrigsten Bedingungen zu führen!“ Aber wie sollte er eine solche finden, die so ein Gottvertrauen hat, zu solch einem Opfer in einer ungewissen Zukunft bereit zu sein? Durften nicht alle Frauen zurecht auch ein starkes Bedürfnis nach wirtschaftlicher Absicherung haben? Als er so betete, dachte er an Elsbeth, die Schwester seines Freundes im Schwarzwald. Sie war ihm schon vor Jahren positiv aufgefallen. Bei nächster Gelegenheit fuhr er hin und konfrontierte sie direkt mit der Frage, ob sie bereit sei, ihn zu heiraten. Offen bekannte er ihr, was sie im Kinderheim in Pakistan erwarten würde: Sie müsse sich auf ein sehr primitives Leben einstellen ohne fließendes Wasser, Spültoilette und Kühlschrank. „Wir wollen im Glauben, um des HErrn willen, gehen!“ Und, oh Wunder, Elsbeth sagte „Ja!“ und war bereit, weil sie schon länger in ihn verliebt war. Schon wieder hatte der HErr sein Gebet erhört! Nachdem ein Monat später eine einfache kleine Hochzeit stattgefunden hatte, saßen sie bald darauf im November 1965 im PKW und konnten mit dem Hochzeitsgeschenk von 650,-DM das Benzin bezahlen für die vierwöchige und strapaziöse Reise zurück nach Pakistan.

Hans-Udo hatte sich in seinem Herzen vorgenommen, nicht um Spenden zu betteln, um sich so ganz sicher zu sein, dass dieses Werk wirklich Gottes Werk sei. Doch es tat sich zunächst nichts. Nur wenige Verwandte sagten Hilfe zu, wobei auch noch kaum jemand von dieser Kinderheimarbeit wusste. Man riet ihm deshalb, er solle seine Abenteuer doch mal der Rheinischen Post berichten, damit diese einen Artikel darüber mit Kontoverbindung brächte. Doch Hans-Udo vertraute darauf, dass Gott die Herzen der Gläubigen schon noch anrühren würde. Bald darauf fragte ihn ein pensionierter Pfarrer, ob er wieder ins Kinderheim gehen würde. Nachdem er ihm dann über die Lage unterrichtet hatte, meinte der Pfarrer: „Von jetzt ab können Sie - wenn jemand fragt - antworten: ‚Ich habe für die Kinderheimarbeit einen Freund, der mir jeden Monat 30,-DM zugesagt, wenn ich weitermache‘.“ Das gab Hans-Udo Mut, diesen Glaubensweg zu betreten. Es erwies sich schließlich als gangbarer Weg, denn später konnten sogar noch andere Heime in verschiedenen Ländern gegründet werden. „Darüber geben wir allein Gott die Ehre und sind von Herzen dankbar.“ Ihre ersten Pionierjahre in Pakistan waren hart. Die ersten zwei ihrer fünf Kinder wurden ihnen dort geboren. Doch nach vier Jahren erkrankte Elsbeth schwer. Doch Gott half ihnen zur Rückkehr nach Deutschland, was dadurch möglich wurde, weil ein anderes Ehepaar 1969 an ihre Stelle trat. Seither hat das Wort Gottes im Kinderheim mit eigener Schule viele hunderte Kinder erreicht und wird weiterhin allein von betenden Gläubigen getragen. „Diese Kinder haben nun in einer islamischen Umwelt ihren Mann zu stehen. Und es ist gewaltig, welchen Einfluss die ehemaligen Kinder an vielen Orten in Pakistan ausüben. Nur als Beispiel: einer der Jungen, die damals im Heim heranwuchsen, gründete später selbst ein Kinderheim in Lahore und arbeitet heute als Prediger.“

1983 unterstützte Hans-Udo einen Hilfstransport nach Rumänien als Fahrer. Die meisten Menschen waren dringend auf Lebensmittel angewiesen, denn dieses Landes, das mal die Kornkammer Europas gewesen war, lag durch die kommunistische Misswirtschaft inzwischen völlig am Boden. Von 1984 bis 1990 organisierte Bruder Hans-Udo einen Nahrungsmittel-Paketversand an zirka 800 rumänische Familien, der nur vom Bahnhof Zoo aus möglich. Die Gelder kamen von einer mennonitischen Mission. Als dann 1989 der eiserne Vorhang fiel und der Diktator Ceauşescu hingerichtet wurde, konnte Hans-Udo ganz legal mit Bibeln nach Rumänien fahren, ohne das Risiko, verhaftet zu werden. Durch die vielen Besuche in Rumänien waren die Hosters inzwischen mit der wirtschaftlichen Not im Land, die besonders die Kinder traf, bestens vertraut. Und so entstand der Wunsch, auch in Rumänien ein Kinderheimprojekt zu beginnen, dass wie in Pakistan vom deutschen Verein durch Spenden finanziert werden sollte. Eine alte Schwester, die von den Hosters über Jahre betreut wurde, stellte ihr gesamtes Ersparte von 25.000,- DM für den Beginn eines Waisenhauses in Rumänien zur Verfügung. Der Ungar-Rumäne Edy Berzan, ein Freund von Hans-Udo fand in Tălmaciu, in der Nähe von Sibiu (Hermannstadt) ein Gehöft, mit zwei alten Häusern und einer Scheune, das sie für geeignet hielten. Es war von einer Mauer umfriedet. Kurz bevor ich nun nach Berlin kam, hatte der Verein das Grundstück gekauft, und nun ging es darum, diese Gebäude zu renovieren, um Kinder aufnehmen zu können. Hans-Udo fragte mich, ob ich mir nicht vorstellen könne, bei der nächsten Fahrt nach Rumänien einfach mal mitzukommen, um zu prüfen, ob das nicht etwas wäre, wo ich in Zukunft arbeiten könne. Denn gerade ich als Maler wäre auch gut als Hausmeister geeignet. Doch bevor ich antworten konnte, wurden wir zum Mittagessen gerufen.

Am Mittagstisch lernte ich nun auch die fünf Kinder der Hosters kennen: Timotheus (25), Henoch (23), Esther (21), Johannes (19) und Josua (12). Nachdem Hans-Udo für das Essen gedankt hatte, fragte er:

Was steht in Johannes 5:44 ?

Ich weiß es!“ sagte ich: „‘Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt, und die Ehre, welche von Gott allein ist, nicht sucht?‘“.

Nun schauten sie mich irritiert an, und Hans-Udo sagte: „Die Frage war eigentlich nicht an Dich gerichtet, sondern an meine Söhne. Aber woher kennst du den Vers?

Du hattest ja danach gefragt, - und zufällig kannte ich den Vers.“

Ja, aber woher?

Weil ich in der Bibel lese…“.

Hans-Udo lächelte: „Meine Jungs lesen auch in der Bibel von Kindheit an, aber sie haben es bis jetzt nicht geschafft, auf Anhieb zu sagen, was an irgendeiner beliebigen Stelle in der Bibel steht“.

Aber Du hast sie doch eben gefragt…?

Das schon, aber nur, weil ich ihnen diesen Vers erst heute Morgen vorlas als Hausaufgabe zum Auswendiglernen. Aber Du hast es auch schon so gewusst. Das beeindruckt mich. Wie oft liest Du denn in der Bibel? Hast Du sie auch schon einmal ganz durchgelesen?

Ja, sogar schon sechs Mal. Ich lese immer nach einem Bibellesekalender morgens, mittags und abends je ein Kapitel. In einem Jahr kommt man so durch die ganze Bibel.“

Habt ihr das gehört?“ wandte sich Hans-Udo an seine Söhne. „An dem Simon könnt ihr euch mal ein Beispiel nehmen. Er hat mir gesagt, dass er nicht aus einem gläubigen Elternhaus kommt, sondern sich mit 16 Jahren bekehrt hat. Jetzt ist er 23 und kann die Bibel schon bald auswendig! Und ihr tut euch so schwer damit, auch einmal etwas auswendig zu lernen!

Als wir mit dem Essen fertig waren und Elsbeth die Teller abräumte, fragte mich Hans-Udo, ob ich denn nun Interesse hätte, Anfang Oktober mal mitzukommen nach Rumänien, um dort ein paar Wochen als Maler zu arbeiten. Ich sagte, dass ich zunächst erst noch meine Fahrradtour durch Deutschland bis Ende September fortsetzen wolle, aber dann bis zum Ende des Jahres noch etwas Zeit hätte, um dem HErrn dort in Rumänien zu dienen. Hans-Udo freute sich über meine Bereitschaft und sagte: „Wer weiß, vielleicht hat der HErr dort noch etwas mit dir vor, und du könntest dann am Aufbau des Kinderheims von Anfang an dabei sein!“ Ich war mir unsicher: „Eigentlich habe ich eher den Eindruck, dass mich der HErr nach Südamerika berufen hat, denn da zieht es mich schon seit langem hin. Ich habe mir ja für Ende Januar ein Flugticket nach Peru gekauft, deshalb muss ich unbedingt rechtzeitig wieder aus Rumänien zurück sein.“ – „Lass dich einfach vom HErrn leiten, Simon, denn Er allein entscheidet, wer wann und wo für Ihn arbeiten soll.

Als wir aufstehen wollten, kam mir noch ein Gedanke: „Hans-Udo, ich hab´ mal ´ne ganz persönliche Frage, und ich hoffe, dass ich dir damit nicht zu nahe trete.“ – „Schieß los!“ sagte er. „Und zwar hast Du mir ja erzählt, dass die Mitarbeiter, die für dich arbeiten, sich ganz schön aufopfern für den HErrn, indem sie auf eine berufliche Karriere verzichten und in ständiger Abhängigkeit von Spendengeldern leben…“ – – „Nein, das stimmt nicht, denn alle, ob in Pakistan wie in Rumänin werden ordentlich angestellt, deswegen habe ich ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in den beiden Ländern einen Verein gegründet.“ – „Okay!“ räumte ich ein. „Aber was ich dich mal fragen wollte: Du wohnst ja jetzt hier mit deiner Familie in einem schönen Einfamilienhaus, und Berlin ist ja wirklich nicht gerade billig. Aber findest du es nicht ungerecht, dass du hier ein ziemlich komfortables Leben haben kannst, während deine Mitarbeiter in Armut leben müssen? Man könnte ja fast sagen, dass du heute Wasser predigst und Wein trinkst…“ – Warum hatte ich das bloß gesagt! frage ich mich heute. Wie konnte ich gegenüber diesem älteren Bruder, der sich so verdient gemacht hatte für den HErrn, so unverschämt und frech sein! Aber ich war noch jung und unreif, und meine Zunge saß noch sehr locker. Hans-Udo reagierte jedoch souverän. Er berichtete auf welch wunderbare Weise der HErr es gewirkt habe, dass sie dies versteckte Häuschen bei einem Spaziergang gefunden hätten. Er habe nie ein eigenes Haus besitzen wollen und deshalb 20 Jahre Miete bezahlt. Erst durch den Wohnberechtigungsschein, bedingt durch 5 Kinder, habe er Darlehen akzeptiert und zahle jetzt monatlich weniger ab, als vorher die Miete war. Er erzählte noch weitere Führungen in seinem Leben, doch ich blieb am Ende bei meiner harten Haltung: „Hans-Udo, du brauchst dich jetzt nicht vor mir rechtfertigen. Wir müssen ja alle mal vor dem HErrn Rechenschaft ablegen…“

Was verstehst du unter Allversöhnung?

In den darauffolgenden Tagen nahmen mich die Hoster-Söhne bei diversen Erledigungen mit und wir freundeten uns an. An einem Abend fuhren wir dann nach Hersbruck, wo es eine Lagerhalle gab für Kleidungsspenden, die für Rumänien bestimmt waren. Unterwegs unterhielt ich mich mit Hans-Udo über verschiedene Punkte der biblischen Lehre. Ich freute mich, dass auch Hans-Udo das Fernsehen ablehnte und die Kopfbedeckung der Frau beim Gebet klar von der Schrift erkannt hatte, so dass er deswegen sogar mal seinen Dienst als Prediger einer Freikirche verlor. Doch je mehr wir uns in die Details der Schrift vertieften, merkte Hans-Udo, dass ich noch eine sehr rigorose, ja nahezu gesetzliche Position in vielen Lehrfragen vertrat, so wie sie mir durch Bruder Daniel Werner vermittelt wurde. Erst um 1:00 Uhr nachts kamen wir in Hersbruck an, und Hans-Udo klingelte an der Tür eines Hauses. Eine Glaubensschwester machte uns die Tür auf und zeigte uns die Betten, wo wir schlafen konnten. Kurz vor dem Einschlafen sagte Hans-Udo zu mir: „Simon, ist dir aufgefallen, dass diese Christin weder ein Kopftuch noch einen Rock trug? Aber obwohl sie mich nur flüchtig kennt, hat sie uns mitten in der Nacht einen Schlafplatz angeboten. Deshalb frag dich mal, ob auch all die frommen Gläubigen, die du kennst, dazu bereit wären. Dabei geht es im Glauben doch vorrangig um die Liebe, und erst danach kommen all die anderen Gebote.“ Ich deckte mich zu und sagte: „Ja, das stimmt… Da hast du recht…. Gute Nacht.“

Nachdem Hans-Udo am nächsten Tag seine Besorgungen in Hersbruck erledigt hatte, fuhren wir wieder zurück nach Berlin. Und schon wieder begannen angeregte Diskussionen über die biblische Lehre. Diesmal stand die Frage im Raum, ob ein Christ eigentlich noch am Wehrdienst teilnehmen könne. Auch Hans-Udo war der Überzeugung, dass es besser sei, den Krieg nicht zu erlernen und hatte deshalb auch den Kriegsdienst verweigert. Doch es störte ihn, dass ich der Überzeugung war, dass kein Christ jemals eine Waffe benutzen dürfe, zumal sein gläubiger Bruder Kurt den Kriegsdienst nicht verweigert hatte.

„Deshalb hat die Bundeswehr doch ihre Berechtigung. Du kannst keiner Nation verdenken, dass sie ihr Land gegen das Böse verteidigt. Als ich meinen Dienst verweigerte, war man total überrascht über meinen Standpunkt und stellte mir Fangfragen: ‚Was würden Sie machen, wenn der Feind einen Turm sprengen will auf dem sich ihre Familie befindet, und Sie könnten das mit einem Schuss Ihrer Waffe verhindern?‘ Ich antwortete damals: ‚Ich käme nicht in die Lage, da ich ja als Christ das Tragen einer Waffe verweigern muss.‘ Sie ließen mich völlig ungeschoren, ich wurde anerkannt und brauchte nicht mal einen Ersatzdienst zu leisten, obwohl ich natürlich dazu bereit war. Mein Bruder Kurt kann das nicht so sehen. Er würde es als legitimes Recht ansehen, von der Waffe Gebrauch zu machen, wenn es darum ginge, sich selbst und andere vor dem Bösen zu schützen, selbst wenn er jemanden erschießen muss.“

„Ich finde das ziemlich unchristlich. Als Gläubige sollen wir die Menschen doch vor der ewigen Hölle retten und sie nicht auch noch eigenhändig dort hineinbringen. Du musst dir mal vorstellen, was das für den Erschossenen bedeutet: Wenn ICH sterbe, komme ich in den Himmel, aber wenn ER stirbt, geht er für ewig verloren! Das kann ich doch unmöglich verantworten!“

„Die Frage ist natürlich, ob die Hölle wirklich ewig ist…“

„Was willst du denn damit sagen? Natürlich ist die Hölle ewig, das sagt die Bibel doch eindeutig!“

„Lassen wir das Thema, Simon.“

Nein, ich würde schon gerne wissen, was du damit andeuten wolltest. Denn das hörte sich ja eben an, als würdest du an die Allversöhnung glauben. Oder glaubst du etwa an die Allversöhnung?“

„Nun, dazu müsste man erst einmal klären, was du unter Allversöhnung verstehst.“

„Aha, dann bist du also ein Allversöhner!“

„Nein, das ist schon mal so nicht richtig, denn wie sollte ich als Mensch das Weltall mit Gott versöhnen können! Das konnte nur der HErr allein, und das steht ja auch so in der Bibel in Kolosser 1,20, dass Gott das All mit sich versöhnt hat, indem Er Frieden gemacht hat durch das Blut Seines Kreuzes…

Aber trotzdem müssen die Menschen dieses Versöhnungsangebot doch auch noch persönlich annehmen! Wer aber das Evangelium ablehnt, geht in Ewigkeit verloren – das sagt die Bibel doch auch ganz klar!“

„Das griechische Wort für ‚Ewigkeit‘ bedeutet aber eigentlich nur ‚Zeitalter‘, deswegen kann die Strafe in der Hölle nicht ewig sein.“

„Das habe ich ja noch nie gehört! In allen Bibel steht immer ‚ewig‘, auch in der Elberfelder Übersetzung.“

Aber das gleiche Wort für ‚Ewigkeit‘ wird an den allermeisten Stellen der Bibel immer nur im Sinne von ‚Zeitalter‘ übersetzt, weil es sonst gar keinen Sinn ergeben würde. Du solltest das wirklich mal an Hand des Grundtextes prüfen. Denn Gott hat uns ja Sein Wort in der hebräischen und altgriechischen Übersetzung gegeben, deshalb ist es ganz entscheidend, was Er wirklich gesagt hat, und nicht, wie die Menschen es später irrtümlich übersetzt haben.“

Wenn das so wäre, dann wäre ja auch das ewige Leben nicht ewig. Aber mal abgesehen davon wäre der HErr Jesus dann auch ganz umsonst gestorben! Das ganze Leid, das Er für uns erlitten hat, wäre alles vergeblich, da ja ohnehin alle gerettet werden! Das ist doch eine Verhöhnung Seines Opfers am Kreuz!“

„Du meinst, dass sich Sein Leiden am Kreuz mehr gelohnt hätte, wenn möglichst wenige errettet werden? Dabei will Gott doch ausdrücklich, dass ALLE Menschen errettet werden, und wenn Gott sich das vorgenommen hat, glaubst du, dass Er das nicht schaffen kann? Du darfst aber nicht den Fehler machen, zu glauben, dass die Rettung einfach so geschieht nach dem Tod. Nein, die Menschen werden erstmal von Gott bestraft für ihre Sünden, und erst, wenn sie den letzten Heller bezahlt haben, kommen sie wieder raus und dürfen sich zum HErrn Jesus bekehren.“

Wir redeten dann noch gut zwei Stunden weiter, wobei es heftig hochherging. Ich war innerlich tief betrübt und enttäuscht, denn Edgard hatte mich ja immer vor den Allversöhnern gewarnt. Und jetzt hatte ich durch Zufall mal so einen kennengelernt, der ansonsten doch wirklich absolut fromm und vorbildlich war und seine Kinder im Glauben erzogen hat. Zudem kannte sich Hans-Udo sehr gut in der Bibel aus und war sogar Prediger. Wie konnte es nur möglich sein, dass er dann an solch eine Irrlehre glaubt, fragte ich mich. Als wir dann abends ankamen, wollte ich nur noch ins Bett und hatte mich noch nicht einmal von den Hosters verabschiedet, weil ich ziemlich verbittert war. Nach einer Stunde machte er vorsichtig die Tür auf und sagte leise in die Dunkelheit: „Simon, schläfst du schon?“ Ich tat so, als ob ich schon schlief. Da beugte er sich zu mir nieder, gab mir einen Kuss und sagte: „Ich hab dich lieb.“

Am nächsten Morgen wollte ich nach dem Frühstück wieder aufbrechen, um meine Radtour durch Deutschland fortzusetzen. Hans-Udo kam zu mir mit ein paar Büchern und sagte: „Schau mal, dies ist eine ganz besonders wörtliche Übersetzung der Bibel, die ein alter Bruder namens Fritz-Henning Baader geschrieben hat. Die kann ich Dir nur wärmstens empfehlen, und du kannst sie sogar kostenlos bei ihm bestellen.“ Ich nahm jene Bibel und begann, an einer beliebigen Stelle zu lesen:

ˑDenn ihr, ˑihr ˑwurdet als Nachahmer ʻwerdengemacht, Brüder, Nachahmer der Herausgerufenen* des Gottes¹, der ˑin ˑdem ˑJuUDAe´A seienden in ChRISTOo JESuU, da dasselbe ihr erlittet, auch ihr, von den eigenen Stammesgenossen³, so, wie auch sie von den Juden, von den auch von den Herrn ˑJESuUS ʻUmgebrachthabenden und die Propheten und uns ʻHinausverfolgenden, von den auch Gott nicht Gefallenden und allen Menschen im Gegensatz Stehenden

Was ist das denn für ein komisches Deutsch? Das versteht man ja kaum…“ sagte ich.

Das ist die DaBhaR-Übersetzung, also eine ganz wörtliche Wiedergabe des griechischen Grundtextes, wo auch die grammatikalischen Besonderheiten wie z.B. das Partizip oder der Aorist berücksichtigt werden. Sie eignet sich eigentlich nicht zum Lesen, aber ist durchaus nützlich als Nachschlagewerk.“ Sofort dachte ich: Diese Bibel muss ich unbedingt haben! Er zeigte mir dann noch andere Bücher von jenem Schriftgelehrten Baader und schenkte mir ein Taschenbuch, in welchem die Allversöhnung einmal ausführlich erklärt wurde. Ich dachte: Na ja, das les´ ich ja sowieso nicht. Hans-Udo lud mich auch ein, Mitte September an einer Bibeltagung teilzunehmen auf der sog. Langensteinbacher Höhe im Schwarzwald. „Ja, das kann ich gerne machen, denn ich hatte ohnehin vor, in den Schwarzwald zu fahren. Ich schau gerne mal vorbei!“ Dann verabschiedete ich mich von Familie Hoster und fuhr mit dem Zug erst einmal zurück nach Bremen. Dort bestellte ich die DaBhaR-Übersetzung und ein paar andere Bücher von Baader und legte ihm 100,-DM in den Umschlag. Im Briefkasten fand ich auch einen Brief von Bruder Karl-Heinz Schubert aus Sachsenheim. Er hatte von Edgard gehört, dass ich die Versammlung verlassen hätte und ermahnte mich, dass ich wieder zurückkehren solle. Ich schrieb ihm, dass es mir leidtäte, was ich den Geschwistern angetan hatte und ich auch nicht so recht erklären könne, warum es richtig war zu gehen, aber dass ich es einfach nicht mehr aushielt.


Ist Kindererziehung Gottes Sache?

Als nächstes fuhr ich also wieder nach Mönchengladbach, um meine Fahrradtour durch Deutschland an der Stelle fortzusetzen, wo ich sie unterbrochen hatte. Doch kaum angekommen, lud mich Bruder Albert, der Schwiegersohn von Kurt Hoster, zu sich ins Haus ein, weil er mit mir sprechen wolle. Er erkundigte sich zunächst ganz harmlos über den Besuch bei Bruder Hans-Udo in Berlin. Als ich ihm dann aber auch von der Einladung auf die Langensteinbacher Höhe berichtete, nahm er dies zum Anlass, um einmal Tacheles mit mir zu reden. Ich erfuhr nun, dass die gesamte Verwandtschaft vom Hans-Udo nicht glücklich darüber sei, dass er die Allversöhnung vertrete. Diese Lehre habe einen sehr schlechten Ruf in christlichen Kreisen und deren Ablehnung bei vielen gehe so weit, dass sie sogar den Kontakt mit solchen Gläubigen verweigern, die zwar nicht selbst an die Allversöhnung glauben, jedoch Gemeinschaft mit deren Anhängern pflegen. Ich wollte mich aber von den mahnenden Worten vom Albert nicht von meinem Vorhaben abbringen, sondern mir selber ein Bild machen über diese „Allversöhner“, zumal ich nicht den Eindruck hatte, dass Bruder Hans-Udo so ein falscher Christ sei. Als ich Albert dann noch anvertraute, dass ich als nächstes Bruder Juri Neu aus Darmstadt besuchen würde, geriet er gänzlich außer sich und erklärte mir, dass auch Juri Neu kein guter Umgang sei für einen jungen und unerfahrenen Gläubigen, sondern ebenfalls ein Irrlehrer. Das überraschte mich sehr, denn bis dahin war ich der Meinung, dass kaum ein anderer so gut predigen konnte, wie der Juri. Er erklärte mir, dass Juri zwar gut reden könne, aber dass sein Lebenswandel und der seiner Familie in einem krassen Gegensatz dazu stehen würde. Außerdem sei Juri der Meinung, dass der Mensch nichts für sein Heil tun könne, sondern allein angewiesen sei auf Gottes Wirken. Deshalb seien auch seine Kinder unerzogen und frech, weil er es überhaupt nicht für nötig halte, sie in der Furcht Gottes zu erziehen. 

Mir gefiel diese Kritik nicht, da sie im Gegensatz zu meinem eigenen Eindruck vom Juri stand; und ich fand es auch nicht gut, dass Albert mir den Besuch beim Juri ausreden wollte, so als ob ich nicht selbst in der Lage wäre, dies zu beurteilen. Ich müsse schließlich meine eigenen Erfahrungen machen, erklärte ich ihm. Missgelaunt verabschiedete er mich und ließ mich nur noch wissen, dass er für mich beten würde, was allerdings wie eine Drohung klang. So fuhr ich also gegen Mittag von Mönchengladbach los Richtung Köln und erreichte am Abend Bonn, die damalige Hauptstadt von Deutschland. Ich übernachtete am Ufer des Rheins unter freiem Himmel und wurde morgens von einer Herde Kühe geweckt, die in unmittelbarer Nähe von mir grasten. Ich wusch mich und versorgte mich bei Aldi mit Lebensmitteln. Dann fuhr ich den Rhein weiter runter und erreichte am Nachmittag Koblenz.

1991 war ein so heißer und trockener Sommer, dass in den Alpen die Gletscher zu schmelzen anfingen, und schließlich sogar die Mumie eines erfrorenen Mannes freilegten, den berühmten „Ötzi“, der dort vor 5.300 Jahren starb. Obwohl es erst August war, fingen die Blätter schon an, braun zu werden und fielen ab. Es hatte schon wochenlang nicht geregnet, aber ich war froh, dass ich dadurch immer gutes Wetter hatte. Ich überlegte, welches mein nächster Übernachtungsort sein könnte, wo ich am besten auch mal wieder duschen könnte. Ich schaute auf der Karte und fand einen Ort namens Boppard, den ich bis zum Abend erreichen würde. Ich erinnerte mich, dass ich noch ein Taschenbuch dabeihatte, in welchem alle Adressen der Brüdergemeinden von ganz Deutschland standen. Glücklicherweise gab es auch in Boppard eine kleine Hausgemeinde, und ich rief dort an, ob ich dort übernachten könne. Kein Problem, sagte man mir, und ich fuhr hin. Es war eine nette Familie mit einem Sohn in meinem Alter, mit dem ich bis in die Nacht hinein quatschen konnte. Das ist das Schöne, dachte ich, dass man als junger Christ überall aufgenommen wird bei Gläubigen in der ganzen Welt. Ich brauchte nichts bezahlen und hatte obendrein noch neue Bekanntschaften gemacht.

Am nächsten Tag fuhr ich den Rhein weiter runter, am Loreleyfelsen vorbei. Es war eine fantastische Aussicht, rechts und links riesige Berghänge mit vielen Burgen aus der Ritterzeit; zudem ein strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. Ich war froh, dass ich nicht über diese Berge fahren musste, sondern bequem immer auf gerader Ebene fahren konnte entlang des Rheins. Da ich jedoch viel zu viel Gepäck mitgenommen hatte, ging mein Fahrrad allmählich in die Kniee. Kurz vor Bingen knackte mir eine Speiche nach der anderen weg, so dass ich einen Fahrradladen aufsuchen musste, der mir neue Speichen anbrachte. Dann fuhr ich weiter nach Mainz und übernachtete schließlich auf dem Hügel eines Weinberges, wieder unter freiem Himmel. Gegen 2:00 Uhr nachts konnte ich aber nicht mehr schlafen, zumal der Boden sehr hart und unbequem war. Ich setzte mich also wieder aufs Fahrrad und fuhr die ganze Nacht durch, bis ich in der Morgendämmerung Darmstadt erreichte. Ich fuhr hinunter in den Süden nach Eberstadt, wo Juri mit seiner Familie auf dem Gelände der Ev. Marienschwesternschaft wohnte. Früh um 7:00 Uhr klingelte ich an jenem Samstag an der Tür. Seine Frau Lena machte auf und war überrascht, mich zu sehen. Sie bat mich herein und sagte: „Der Juri ist nicht da, aber er kommt heute wieder von einer Reise nach Russland.“ Sie gab mir Frühstück, setzte sich mit ihrer Bibel an den Tisch und wollte meine Meinung wissen zu bestimmten Bibelstellen. Bald aber hatte ich den Eindruck, dass sie gar nichts von mir lernen, sondern auf geschickte Art mich belehren wollte.

Inzwischen waren ihre 14 Jahre alte Tochter und ihr 12-jähriger Sohn aufgestanden und stritten sich wegen irgendwas. Während Lena mir ihre Sichtweise aus der Bibel erklärte, hörte ich ihre Kinder laut rumschreien, was sie jedoch nicht zu stören schien. Ich war erschrocken über die lauten Kraftausdrücke, die ich im Hintergrund hörte, aber Lena ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Da bot ich an, draußen etwas mit den Kindern zusammen zu unternehmen. Lena fragte die beiden, und dann gingen sie mit mir in den Wald spazieren. Aber auch dort fiel es mir schwer, sie durch Fragen mal auf andere Gedanken zu bringen, denn sie waren sehr misslaunig und benutzten sogar Fäkalwörter. Ich war ziemlich erschrocken, weil ich immer dachte, dass es sowas in russlanddeutschen Familien nicht geben würde. Als wir wieder zurückkamen, war Juri inzwischen gekommen und wir begrüßten uns herzlich. Ich erzählte ihm, dass ich aus Bremen geflohen sei, und er sagte mir, dass er dies gehofft habe, dass der HErr mich eines Tages so führen würde. Dann erzählte er mir, dass er in Russland eine Glaubensschwester aufsuchen musste, um sie daran zu hindern, sich von ihrem Mann zu trennen. „Und deswegen bist du extra nach Russland gefahren?“ fragte ich. „Ja, denn am Telefon ließ sie sich noch nicht überzeugen. Letztens habe ich fast 3 Stunden mit ihr telefoniert!“ – „Waaas?! Du hast 3 Stunden lang nach Russland telefoniert. Dabei kostet doch allein eine Minute schon 2,-DM!“ – „Ja, genau. Das Telefonat hat mich über 300,-DM gekostet.“ sagte Juri grinsend. „Aber der HErr wollte es so, damit sie sich nicht von ihrem Mann scheiden lässt.“ Diese Art zu reden kannte ich schon vom Juri. Wenn er z.B. in Bremen eine halbe Stunde zu spät zum Gottesdienst kam, sagte er anstatt einer Entschuldigung einfach nur: „Ich habe keine Ahnung, warum der HErr wollte, dass ich eine halbe Stunde später kommen sollte.“ An allem war immer der HErr schuld.

Während Juri sich auf das Sofa hingelegt hatte, um sich von der Reise auszuruhen, fragte ich ihn: „Sag mal, Juri, ich bin ehrlich gesagt etwas erschrocken über Deine Kinder, weil sie ganz schön viele Kraftausdrücke verwenden. Warum lässt Du sowas zu?“ – „Ach, Simon!“ sagte Juri „warum bist Du nur so kleingläubig? Wir Menschen wollen immer aus eigener Kraft alles hinbiegen, wie wir meinen, dass es sein muss. Aber schau dir an, wie Gott die Bäume wachsen lässt, ohne dass jemand an ihnen ziehen muss. Und jetzt stell dir nur vor, wie Gott meine Kinder völlig erneuern wird, wenn sie erst einmal von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt sein werden! Wir Menschen wollen Gott immer ins Handwerk pfuschen, aber wir müssen lernen, einfach mal Ihn wirken zu lassen, dass Er die Menschen nach Seinem Willen verändert.“ Während er redete, hatte Juri die ganze Zeit ein mildes Lächeln im Gesicht, das mich irgendwie bezauberte. Ein wenig hatte er ja recht, dass wir wirklich mehr auf Gott vertrauen sollten, anstatt immer selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Aber andererseits widersprach Juri sich doch selbst, wenn er auf der einen Seite extra ganz nach Russland fährt, nur um eine scheiternde Ehe zu retten, aber währenddessen zuhause seine eigenen Kinder vor die Hunde gehen lässt. Er hätte ja auch einfach für die Schwester beten können, dass Gott ihr andere Gedanken schenke. Dann hätte er viel Zeit gespart, um sie mit seinen Kindern etwas zu unternehmen und ihnen ein Vorbild zu sein. Außerdem hat Gott die Erziehung der Kinder doch in die Verantwortung der Eltern gelegt (1.Mo.18:19). Also können wir doch nicht einfach unsere Pflicht zurück auf Gott schieben, damit Er die Kinder für uns erziehe…


Vom Odenwald in den Schwarzwald

Am nächsten Morgen machte ich mich wieder auf den Weg. Mein nächstes Ziel war Ludwigshafen, wo auch Helmut Kohl wohnte. Doch ich wollte diesmal nicht den Bundeskanzler im Stadtteil Oggersheim besuchen, sondern meinen Freund und Bruder Ralf Daubermann (36) aus Oppau. Als ich nach etwa 3 Stunden ankam, war ich sehr erstaunt, den Ralf auch mal persönlich kennenzulernen, denn wir hatten uns ja in den letzten zwei Jahren immer nur Briefe geschrieben. Er hatte ein markantes Gesicht mit Vollbart und so eine komische Aussprache: „Wos habbe wir des Johr a herrlische Somme, worm un trocke, gar net so schwiel. Abe frein sisch de Leud? Nä! Bloß gejammet wird widder über di Hitz!“ Ralf war von Beruf Dipl.-Psychologe und wohnte mit seiner Frau Jutta und seinen beiden Kindern im Hause seiner Schwiegereltern. Ralfs Büro war übervoll mit Büchern, als würde er seine Zeit mit nichts anderem verbringen als mit Lesen. Die meisten seiner Bücher waren christlich, aber er hatte auch ziemlich viele Kochbücher. Als wir uns gesetzt hatten, fragte ich ihn, wie er eigentlich seinen Beruf mit seinem Glauben in Einklang bringen könne. „Die Psychologie an sich ist keine Teufelslehre, sondern eine präzise Wissenschaft. Da untersucht man z.B. wie lange sich ein 3-jähriger Junge auf eine Aufgabe konzentrieren kann. Doch hat natürlich jeder große Psychologe auch seine eigene Weltanschauung gehabt, die er in seine Forschung mit einfließen ließ, z.B. Sigmund Freund und Carl-Gustav Jung. Deshalb steht die Psychologie heute bei Gläubigen unter Verdacht, den Menschen seinen Glauben an Gott madig zu machen, so als ob es sich bei Gott in Wirklichkeit nur um eine Projektion handele oder einen Ersatz für den eigenen Vater, der nie für einen da war, usw. Aber die reine Psychologie ist ganz ideologiefrei. Deshalb konnte ich sie als Christ reinen Gewissens studieren.“

Es machte mir viel Spaß, mich mit Ralf zu unterhalten, denn er war nicht nur hochintelligent, sondern hatte auch eine echte Frömmigkeit (z.B. las er u.a. in seiner stillen Zeit einfach nur die Lieder im Reichsliederbuch, um sich dadurch zu erbauen). Er kannte so viele Christen und Gruppierungen und hatte unglaublich viel zu erzählen, was mich alles sehr interessierte. So hatte er gerade von einem noch ganz unbekannten, aber vielversprechenden, 35-jährigen Prediger aus der Schweiz gehört namens Ivo Sasek, der ein sehr schönes Blättchen herausgebe, „Der Ölbaum“, in welchem er das Volk Gottes zur Umkehr aufriefe. „Wenn du Zeit hast, kannst du ihn ja mal besuchen und mir anschließend davon berichten“ sagte Ralf. Ich fragte Ralf dann, was er mir über die Allversöhner sagen könne, da ich gerade einen solchen kennengelernt hätte. Er grinste und sagte: „Na klar. Aber da gibt es ganz unterschiedliche – wie überall in der Christenheit. Es gibt die Lauen und die Bibeltreuen. Und die sind überall verstreut in allen Gemeinden. Aber besonders im Schwabenländle zahlreich vertreten, weil damals im Pietismus viele an diese Lehre glaubten. Heute werden die oft verteufelt, aber völlig zu Unrecht, denn die sind ganz harmlos. Aber weil die Lehre so einen schlechten Ruf hat, trauen sich die meisten ihrer Vertreter nicht, sich öffentlich zu dieser zu bekennen. Einer ihrer Vertreter sagte mal: ‚Wer’s nicht glaubt, ist ein Ochse, aber wer es lehrt, ist ein Esel‘. Unter ihnen gibt es schon viele liebe Brüder, z.B. mein Freund Friedemann Bottesch. Den solltest du auch mal kennenlernen. Er wohnt in der Nähe von Pforzheim, etwa 100 km von hier im Nord-Schwarzwald. Wenn Du willst, kannst du ihn morgen ja mal besuchen, wenn du weiterfährst. Ich ruf ihn gerne mal an, um deinen Besuch anzukündigen.“ Dann schenkte mir Ralf noch ein Buch mit dem Titel „Werden alle Menschen gerettet?“ von Andreas Symank. „Das ist ein Bruder, der früher mal Allversöhner war, aber dann erkannte, dass das eine falsche Lehre ist.

Am nächsten Tag unterhielt ich mich noch den ganzen Vormittag mit Ralf und machte mich dann nach dem Mittagessen auf den Weg. Zunächst fuhr ich nach Mannheim und dann nach Schwetzingen. Doch dann hatte ich mich auf einmal völlig verfahren und war in einem tiefen Wald gelandet, wo ich nirgends ein Schild sah, um mich zu orientieren. Da der Himmel stark bewölkt war, konnte ich mich noch nicht einmal an der Sonne orientieren. Da erinnerte ich mich, dass ich bei den Pfadfindern mal gelernt hatte, dass die Baumstämme immer von der nördlichen Seite mit Grünalgen befallen sind, da dort am wenigsten Sonne hinscheint. Also wusste ich jetzt, wie ich in den Süden komme. Doch nachdem ich etwa eine halbe Stunde immer geradeaus durch den Wald fuhr, stieß ich plötzlich auf eine große Lichtung. Was ist das denn? fragte ich mich. Vor mir kreuzte etwas meinen Weg, das aussah wie eine Rennbahnstrecke, die aber völlig still und verlassen war. Und nun? dachte ich. Soll ich jetzt rechts oder links herum? Vielleicht würde die noch viele Kilometer lang sein… Am sichersten wäre, wenn ich die Rennbahn einfach überquere. Mitten in der Woche würden hier doch keine Rennwagen entlangbrettern. Ich betete, überstieg dann den Zaun und schob mein Fahrrad dann so schnell wie ich konnte über die Rennstrecke. Nach ein paar hundert Metern kam dann eine zweite, die ich ebenso überquerte. Und dann sah ich auf einmal ein Schild auf dem stand „Hockenheimring“.

Spät am Abend kam ich schließlich in Pforzheim an. Nun waren es nur noch ca. 15 km bis nach Straubenhardt, aber ich war so müde, dass ich lieber irgendwo im Wald übernachten wollte. Und obwohl der Boden steinhart war, schlief ich sofort ein. Weil es stockdunkel war, merkte ich nicht, dass ich mitten auf einem Waldweg schlief. Früh am Morgen, als ich aufwachte, ging plötzlich eine ganze Gruppe an Kindern an mir vorbei, was mir sehr peinlich war. Schnell sprang ich auf, stopfte meine Decke in den Rucksack und fuhr wieder los. Friedemann wohnte noch bei seinen Eltern in einem großen Haus, das an einem Hügel lag. Familie Bottesch wunderte sich, dass ich schon so früh am Morgen bei ihnen ankam, als sie gerade beim Frühstücken waren. Vater Martin Bottesch war Rumäniendeutscher und besaß ein Pflegeheim. Sein Sohn Friedemann (33) hatte eine neurologische Behinderung, weshalb er nicht arbeiten konnte. Wir verstanden uns aber sehr gut, weil auch er sich – wie ich – an strengen Regeln orientierte, die ihm ein Gefühl von Sicherheit und Zufriedenheit vermittelten. So schrieb er gerade an einem Traktat für Gläubige, mit welchem er den Foto-Bilderdienst anprangerte. Dabei zählte er genausten auf, welche Abbildungen noch erlaubt seien, wie z.B. Landkarten etc. und fragte mich, welche Bibelstellen ich noch kennen würde, um diese These zu untermauern.

Am Nachmittag fuhr ich mit ihm in eine Jugendstunde, wo der Jugendleiter über die richtige Haltung beim Gebet referierte, nämlich mit ausgestreckten Armen und offenen Händen. Im Anschluss stellte mir Friedemann seinen Freund Kai Breustedt vor, der etwa in meinem Alter war. Dieser gehörte zu jenem Fritz-Henning-Baader-Kreis und verwendete sogar genau die gleichen Wortschöpfungen seines Lehrers. Bruder Kai erklärte mir, dass wir Christen im Neuen Bund in Wirklichkeit biologische Israeliten sind, nämlich die Nachfahren der Zehn Stämme, die damals nach der assyrischen Gefangenschaft verschollen sind. Tatsächlich seien sie aber über den Kaukasus nach Europa gewandert und hätten sich mit den dortigen Ureinwohnern vermischt. Daher hätten auch sämtliche Städte und Länder Europas hebräische Namen, wie etwa BeRiT AM (Britain) = „Bundesvolk“, Danmark = „Gebiet von Dan“ oder Sachsen = Isaakssohn. „Nee, das glaube ich nicht!“ sagte ich, „denn das klingt mir doch zu rassistisch.“ – „Was hat das denn mit Rassismus zu tun?!“ fragte Kai. „Weil ein Rassist ja immer großen Wert auf seine biologische Abstammung legt. Aber im Neuen Testament ist nicht mehr unsere Herkunft, sondern unsere Zukunft entscheidend, d.h. ob wir dem HErrn Jesus gehören.“ – „Aber das eine schließt doch nicht das andere aus!“ entgegnete Kai. „Und nur weil etwas neu für dich ist, solltest du es nicht sofort ablehnen, sondern erst einmal zuhören!“ Dann zeigte er mir recht viele Bibelstellen, die er scheinbar alle aus dem Effeff kannte. Ich konnte aber kaum zuhören, weil ich total von seiner Intelligenz geplättet war. Aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass das kein gutes Ende nehmen würde, wenn jemand, der noch so jung ist, schon der große Bibellehrer sein will. Denn Hochmut kommt ja immer vor dem Fall.

Bevor ich weiter zur Langensteinbacher Höhe fuhr, besuchte ich einen alten Bruder namens Alois Nowak, der früher mal zum Daniel-Werner-Kreis gehörte, sich aber dann mit Daniel überworfen hatte. Er war von Beruf Friseur, betonte aber, dass er aus Anstandsgründen nur Männern die Haare schneiden würde. Während er mir die Haare schnitt, erklärte er mir, dass sich ganz dünne Haare (wie meine) viel leichter schneiden ließen als dicke Haare (wie die von Arabern). Aber am schwierigsten seien die krausen Haare von Afrikanern, weshalb es viel mehr Zeit und Geschick bedurfte. Alois war zwar recht einsam, aber trotzdem sehr fröhlich. Er schwärmte von großen Evangelisten wie Reinhard Bonnke, durch die schon Tausende zum lebendigen Glauben kamen. Ich hatte eher meine Zweifel wegen seiner Geldeintreibungs- und Manipulationsmethoden, aber Alois wollte davon nichts wissen: „Selbst wenn Motive und Methoden nicht immer lauter sind, so sagt Paulus in Phil.1:18 mit anderen Worten: ‚Hauptsache Christus wird verkündigt!‘“ Mit den Christen aus der Langensteinbacher Höhe wollte er aber nichts zu tun haben, obwohl er ganz in ihrer Nähe wohnte, und zwar nicht wegen der Allversöhnungslehre, sondern weil sie in seinen Augen eher lau waren und ihnen „das Feuer fehlte“. Und tatsächlich: als ich am nächsten Tag dort eintraf und mit Bruder Hans-Udo an der Bibelkonferenz teilnahm, hatte ich auch den Eindruck, dass das alles ziemlich trocken und langweilig war. Ich konnte auch nicht verstehen, warum viele von ihnen dort an die Homöopathie glaubten, wo doch längst bekannt war, dass der Erfinder Samuel Hahnemann ein Esoteriker war, der an kosmische Kräfte glaubte und den HErrn Jesus einen „Erzschwärmer“ nannte. Aber Hans-Udo hatte dort halt viele Freunde von früher.

Während der Tagung überlegte ich, ob ich nicht auch noch mal nach Sachsenheim fahren sollte, um mich mit Bruder Daniel zu treffen. Er wusste ja noch immer nicht die Gründe, warum ich einfach abgehauen war, und ich wollte, dass wir wenigstens in Frieden auseinandergehen und dass er nicht schlecht über mich denken solle. So nahm ich allen Mut zusammen und fuhr am nächsten Tag gen Osten zum 50 km entfernten Ort Klein-Sachsenheim. Als ich an Daniels Tür klingelte, war er natürlich überrascht über meinen Besuch und hieß mich hineinzukommen. Wir setzten uns in sein Wohnzimmer und er fing sofort an, mir eine Moralpredigt zu halten, dass ich mich sehr schlecht benommen hätte und völlig undankbar gewesen sei. „Weißt du, Simon, möglicherweise trifft dich auch nur eine kleinere Schuld, denn du bist ja auch nie richtig erzogen worden. Eine Hauptschuld haben deine Eltern, die es versäumt haben, dich in Gottesfurcht zu erziehen. Deshalb weißt du gar nicht, was für einen Schaden du im Grunde anrichtest durch deinen Eigenwillen. Aber auch jetzt ist es noch nicht zu spät: Kehre um nach Bremen und bitte Edgard und Hedi um Vergebung, dann wird dir auch der HErr vergeben!“ Ich zitterte innerlich, denn Daniel war noch immer tief verwurzelt in meinem Gewissen und mir kam es vor, als würde ich gerade mit Gott selbst sprechen. Doch dann besann ich mich auf das, was ich in den letzten Tagen gelernt hatte und sagte: „Ich wäre gerne wieder in Gemeinschaft mit euch, aber ich kann nicht verstehen, dass ihr überhaupt keinen Kontakt haben wollt, mit Geschwistern aus anderen Kreisen, die genauso den HErrn Jesus lieben und den Willen Gottes tun wollen…“ – Daniel fiel mir ins Wort: „Das stimmt ja nicht, was du sagst. Denn würden sie wirklich den Willen Gottes tun wollen, dann würden sie ja ihre ganzen falschen Ansichten aufgeben und zu UNS kommen.“ …

Fortsetzung folgt.