"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

„Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 15


Juli bis Dezember 1987

Weltverschwörung und Totalüberwachung

Am 07.07. war mein 19. Geburtstag, den ich – wie schon die letzten beiden Jahre – nicht mehr feiern wollte, da ich dies für unbiblisch hielt. Denn warum sollte man einen Menschen ehren und ihm gratulieren, wenn es doch gar nicht sein Verdienst war, dass er ein Jahr älter geworden war, sondern allein Gottes Gnade! Zudem wurden die drei Geburtstage, die in der Bibel erwähnt werden, allesamt von Gesetzlosen gefeiert, und bei jedem von diesen drei Geburtstagen musste jeweils ein (oder mehrere) Menschen sterben, nämlich beim Pharao der Bäcker, bei Herodes der Johannes und beim Geburtstag eines Sohnes von Hiob mussten gleich alle seine Kinder sterben. Aus meiner Sicht gab der Heilige Geist durch diese vermeintlichen Zufälle einen klaren Hinweis, dass man durch Geburtstage Gott die Ehre stiehlt. Auch Geschenke werden in der Bibel meistens nur negativ im Sinne von Bestechungsgeschenken erwähnt. Und wenn man es genau betrachtet, so wird man ja durch ein Geburtstagsgeschenk tatsächlich kompromittiert, weil man sich insgeheim verpflichtet fühlt, dem anderen zu seinem Geburtstag dann ebenso etwas zu schenken. All diesen Stress wollte ich mir nicht mehr antun, deshalb verbot ich meiner Familie, mir etwas zu schenken, was sie auch respektierten. Allerdings hatte ich gehofft, dass stattdessen Gott selbst mir eine Freude bereiten würde, denn am 07.07. war auch meine theoretische Führerscheinprüfung. Doch leider hatte ich zwei Fehlerpunkte zu viel und bestand sie an jenem Tag noch nicht, was ich jedoch mit Gelassenheit annahm. Zugleich erhielt ich ein Schreiben von der Bundeswehr, dass meine Kriegsdienstverweigerung inzwischen genehmigt wurde und ich stattdessen Zivildienst machen dürfe; jedoch auch nicht sofort, sondern erst in drei Jahren, wenn ich meine Ausbildung beendet haben würde.

Bei meinem Besuch Ende Juni bei Bruder Ralf Schiemann in Asmushausen hatte dieser mir zwei Bücher geschenkt von Norbert Homuth mit den Titeln „Herausforderung an die verweltlichte Christenheit“ und „Dokumente der Unterwanderung“. Bruder Raimund hatte mir bereits erklärt, dass es eine satanische Bruderschaft gäbe, die sich als „Freimaurer“ bezeichnen und heimlich Pläne schmieden würde, um das Kommen des Antichristen vorzubereiten. Der Bruder Norbert würde schon seit vielen Jahren über die geheimen Machenschaften dieser Weltverschwörer aufklären durch sein Monatsblättchen „Glaubensnachrichten“ und liefere ständig neue Beweise für seine These. Deshalb sei er ständig in Lebensgefahr und müsse damit rechnen, dass er eines Tages von den Freimaurern umgebracht werde, wie sie es schon bei anderen Verrätern taten. Da alle Politiker und auch die Medien inzwischen unter der Kontrolle dieser „Illuminati“ („Erleuchtete“) stünden, erfahre die Öffentlichkeit so gut wie nichts über diese Diener Satans, so dass sie völlig unbehelligt im Hintergrund die Strippen ziehen können. Bei all diesen spannenden Neuigkeiten, die mir Raimund bei unserer Rückfahrt nach Bremen erzählte, war ich natürlich richtig neugierig, was dieser Norbert noch so alles herausgefunden hatte und konnte es kaum abwarten, seine Bücher zu lesen.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus, als ich dann z.B. las, dass nicht nur das Rote Kreuz oder der Paritätische Wohlfahrtsverband, sondern auch die Christlichen Pfadfinder, denen ich ja angehört hatte, Kaderschmieden der Freimaurer seien und sogar von diesen extra gegründet wurden. Jetzt verstand ich auch, warum es bei den Pfadfindern diese Hierarchie-Grade gab, denn sie entsprachen genau denen der Freimaurer. In dem einen Buch erklärte Norbert anhand der Pyramide, die man auch auf der Ein-Dollar-Note sieht, dass es ganz viele Organisationen gäbe, die alle an der Weltverschwörung mitwirkten und hierarchisch geordnet seien. Ganz oben in der Spitze sei das allsehende Auge von Horus, dem ägyptischen Himmelsgott, der im Grunde Luzifer darstelle. Direkt unter ihm sei der sog. „Rat der 13“, d.h. die satanische Hohepriesterschaft der Familie Rothschild. Von dieser hatte ich ja bereits vier Jahre zuvor gehört auf der Tonbandaufnahme von John Todd, dem ehemaligen Oberhexer. Und darunter sei dann der „Rat der 33“, d.h. der Führer des Geldadels (Oligarchie), die die größten Banken der Welt beherrschten. Und dann kamen all die Hochgradfreimaurer, die in den führenden Positionen der Wirtschaft die Fäden in den Händen hielten und den Politikern bei geheimen Konferenzen wie die der Bilderberger vorschreiben, was sie zu tun hätten. Ich las, dass die UNO und die UNESCO von Freimaurern gegründet und geleitet wurden, dass die Freimaurer die Französische Revolution eingefädelt hätten und dass der ökumenische Weltkirchenrat ebenso ein Werk der Freimaurer sei. Erschrocken erfuhr ich, dass sogar die Evangelische Allianz von einem Freimaurer ins Leben gerufen wurde, und zwar 1846 in den Räumen einer Londoner Loge. Angeblich solle sogar die Reformation durch Martin Luther ein Werk der Freimaurer gewesen sein und von Philip Melanchton hinter den Kulissen eingefädelt worden sein, da die Freimaurer ja nach der Strategie vorgingen „Teile und herrsche“. Denn die Katholische Kirche war ihnen zu mächtig geworden, weshalb sie durch die Reformation geschwächt werden musste. Im Anhang fand sich dann eine Liste mit sämtlichen Pfarrern aus der Evangelischen und Katholischen Kirche, die heimlich auch Freimaurer sind. Dabei entdeckte ich u.a. den Pastor Göttrup aus Wasserhorst, der meine Eltern getraut und uns als Babys getauft hatte.

Voller Aufregung berichtete ich dem Bruder Edgard davon, aber der war leider gar nicht so begeistert, sondern erklärte mir, dass wir uns als Christen nicht mit diesen satanischen Machenschaften beschäftigen sollten. „Wir haben doch etwas viel Besseres und sollen auf den HErrn Jesus schauen!“ Ich dachte nur, dass der alte Bruder doch keine Ahnung habe, aber ich mich unbedingt weiter darüber informieren müsse, da der HErr Jesus ja bald komme und man sich vor der Verführung in der Endzeit schützen müsse. Ich schrieb also einen Brief an Bruder Norbert und erbat von ihm die Glaubensnachrichten. Da aber Edgard nicht erfahren dürfe, dass ich Kontakt zu Norbert aufgenommen hatte, gab ich als Absenderadresse die Anschrift meines Elternhauses in der Hermann-Osterloh-Str. 83 an. Ich dachte, so könnte ich bei Besuchen zuhause einfach heimlich meine empfangene Post abholen. Doch schon bald darauf flog meine List auf, als mein Vater bei Edgard anrief und sagte: „Hier ist ein Brief für Simon von einem gewissen Norbert Homuth“. Edgard stellte mich zur Rede, und ich bekannte ihm meine Verheimlichung. An einem anderen Tag hatte ich mir in einem Kiosk eine Zeitschrift gekauft, in der es um Esoterik und Okkultismus ging. Ich hatte die Zeitschrift extra in meiner Arbeitstasche gelassen, damit Edgard keine unangenehmen Fragen stellt. Doch schon am nächsten Tag sagte Edgard: „Sag mal, Simon, warum gibst Du denn Geld aus für so eine Zeitschrift über Esoterik?“ Ich erschrak und antwortete verlegen: „Ach, ähm … ich wollte … ach, weiß ich auch nicht…“

Wie oft ich von Edgard und Hedi kontrolliert wurde, konnte ich nur durch die wenigen Male erahnen, in welchen sie sich selbst notgedrungen dazu bekennen mussten. Und obwohl ich ihnen zwar gelegentlich Anlass gab zum Misstrauen, verstanden sie nicht, dass ich gerade durch ihre ständigen Vorwürfe doch auch allen Grund hatte, Dinge vor ihnen zu verheimlichen. Ich konnte ja verstehen, dass sie sich ständig Sorgen um mich machten, dass ich auf dumme Gedanken kommen könnte. Aber wenn man an einem Bäumchen zu viel herumschnippelt, dann geht er irgendwann ein. Deshalb schrieb Paulus ja an einer Stelle sinngemäß: „Ihr Eltern, übertreibt es nicht mit euren Kindern, damit sie nicht den Mut verlieren!“ An einem Tag hatte es Hedi definitiv übertrieben, als sie heimlich las, was ich in mein Tagebuch hineingeschrieben hatte. Ich hätte es nie gewusst, wenn sie nicht so einfältig gewesen wäre, mir deshalb einen Vorwurf zu machen: „Du, Simon, der Edgard ist ganz betrübt, weil Du in Deinem Tagebuch Dich über ihn beklagt hast. Du solltest unbedingt mit ihm darüber sprechen, denn das war nicht fair, was Du da über ihn geschrieben hast!“ – „Ach, - und woher weiß er, was ich über ihn geschrieben habe?“ – „Weißt Du, - ich hatte gestern in Deinem Zimmer Staub gewischt, und da habe ich Dein Tagebuch im Schreibtisch gefunden und aus Neugier mal hineingeschaut…“ – Ich war empört: „Und was ist jetzt schlimmer: dass ich vor Euch Geheimnisse habe oder dass Du heimlich in meinen Sachen schnüffelst?!“ – „Ja, das stimmt,“ räumte Hedi ein, „das war auch nicht ganz recht, das gebe ich zu. Dafür entschuldige ich mich. Aber dadurch habe ich jetzt wenigstens erfahren, wie Du über Edgard denkst.“ – „Und meinst Du nicht, dass ich auch gute Gründe habe, ihm dies nicht direkt zu sagen?“ fragte ich sie.

Mir fiel es nicht schwer, der Hedi ihre Neugier zu verzeihen, zumal es wohl Gottes Wille war, dass meine Überlegungen auf diese Weise ans Licht kommen sollten. Hedi war durch und durch einfältig, aber dadurch eben auch berechenbar. Einmal, als Daniels Frau Magdalena bei uns war und sich die Frauen in der Küche unterhielten, bekam ich z.B. folgenden Dialog mit: „Du Hedi, haschd du auch scho gehörd, dess es jedzd so oi Krankheid gibd, die sich EIDS nennt? Da sind schon ganz viele jung Mensche dro gschdorba…“ Hedi schaute aus dem Fenster bis zum Gartenzaun und sagte dann mit absoluter Gewissheit: „Nein, bei uns in Bremen gibt es so eine Krankheit nicht!“ Ähnlich selbstsicher und unbeirrbar vertrat Hedi mir gegenüber auch viele andere Thesen, die ich bis dahin noch nie gehört hatte. Zum Beispiel lernte ich von ihr, dass auch Steine wachsen können oder dass die Fliegen nicht durch Eier geboren werden, sondern „aus dem Mist kommen“. Sie war sich auch ganz sicher, dass Gott nicht die Mücken geschaffen habe, sondern dass diese vom Teufel kämen. Ich erinnerte sie daran, dass doch geschrieben stehe, dass alles, was es gibt, vom HErrn Jesus geschaffen sei, aber Hedi widersprach mir dennoch: „Der HErr hat ja nur das geschaffen, was sehr gut war. Aber die Mücken sind ja nicht gut, sondern böse. Deshalb kann Gott sie doch nicht geschaffen haben!

Das Gute an Hedi war, dass sie absolut nicht nachtragend war, zumal sie nach einem Streit schon nach kurzer Zeit gar nicht mehr wusste, worüber wir uns gestritten hatten. Einmal ging ich zu Edgard und sagte: „Edgard, ich bräuchte mal einen Tipp von Dir. Und zwar habe ich mich vorhin ziemlich heftig mit Hedi gezankt, weil sie einfach behauptet hatte, dass ich träge und faul sei zum Arbeiten. Könntest Du mal zwischen uns vermitteln, damit sie sich für eine solch leichtfertige Behauptung bei mir entschuldigt? Denn ich traue mich gar nicht, sie darauf anzusprechen, weil sie sowieso immer völlig uneinsichtig ist. Aber solche Vorwürfe können nicht einfach im Raum stehen bleiben, sondern müssen ausdiskutiert werden.“ – Edgard war ganz anderer Ansicht: „Ich mach mal einen anderen Vorschlag: Geh doch einfach runter in den Garten und hake das Laub zusammen, dann wird Hedi ihre Meinung über Dich sofort ändern.“ – „Ja, aber wir müssen doch trotzdem darüber sprechen…“ – „Nein, müsst Ihr dann nicht mehr, denn Hedi merkt dann selbst, dass Du fleißig und hilfsbereit bist.“ – „Meinst Du wirklich, dass sie das dann merkt?“ fragte ich. „Ja, natürlich. Ich kenne sie schließlich seit 37 Jahren.“ – Und tatsächlich: Nachdem ich das Laub zusammengehakt hatte, kam Hedi zu mir und lobte mich, dass ich ein fleißiger Junge sei. Edgard hatte also recht gehabt.


Persönliche Frömmigkeit und Bevormundung

An einem heißen Sommertag, als Bruder Juri mal wieder mit seiner Familie zu Besuch war, hatten wir draußen auf der Terrasse den Tisch gedeckt zum gemeinsamen Kaffee- und Kuchenessen. Kurz bevor wir beginnen wollten, tippte mir Edgard auf die Schulter und bat mich, mal kurz ins Haus zu kommen, weil er mir etwas im Vertrauen sagen wollte. Im Flur sagte er dann: „Simon, Du hast ja im Moment ein kurzärmliges Hemd an. Aber wir wollen ja gleich beten und da ist es unangemessen, wenn Du Dir nicht auch die Arme bedeckst. Deshalb zieh Dir mal eben einen Pullover über!“ – „Aber Edgard,“ sagte ich „wir haben doch 35°C draußen und ich schwitze jetzt schon aus allen Poren…“ – „Ja, aber denk nur an Simon Petrus, der sich auch erstmal vollständig anzog, bevor er ins Wasser sprang, um zum HErrn zu schwimmen. Der Teufel will den Menschen immer ausziehen, und Gott will den Menschen immer anziehen. Sonst gebe ich Dir hier einfach eben meinen Anzug, und Du kannst ihn ja nach dem Gebet gleich wieder ausziehen.“ – Ich kam mir schließlich zwar ein wenig lächerlich vor in Edgards Anzug, aber wenigstens war die Diskussion dadurch schnell beendet. Und irgendwie ergaben Edgards Erklärungen ja auch wirklich Sinn. Denn Adam schämte sich ja tatsächlich über seine Nacktheit, so dass Gott ihm Kleidung machte. Und so sollen auch wir heute alles nackte Fleisch bedecken, wenn wir vor Gott treten. Und dass dies dem Teufel ein Ärgernis ist, sieht man ja gerade an der heutigen Mode, die immer mehr freizügig ist.

Man kann die vielen frommen Regeln und Rituale, denen ich damals unterworfen war, heute natürlich leicht als Aberglaube und Gesetzlichkeit kritisieren oder mitleidig belächeln. Aber hinter all diesen stand der Wunsch, Gott eine Freude zu bereiten, und für ein Kind Gottes gibt es eben nichts Schöneres als dies. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob diese frommen Übungen von anderen abgeschaut wurden, denn man tat sie ja letztlich nicht für andere, sondern übernahm sie aus der Überzeugung, Gott noch besser zu gefallen. Bei manchen Ritualen erschloss sich mir aber nicht immer sofort der Sinn, weshalb ich nachfragen musste. Z.B. fiel mir auf, dass Bruder Daniel vor dem Beten immer seine Brille abnahm und auch die anderen es dann nachahmten. Als ich Daniel einmal fragte, warum er dies täte, sagte er nur, dass er die Brille ja nur zum Lesen verwende, aber sie beim Gebet nicht benötige. Das leuchtete mir zwar ein, aber ich ahnte irgendwie, dass Edgard und Hermann, die als Brillenträger eigentlich es nur um Daniels willen taten, bestimmt eine andere Begründung hatten. Also fragte ich Edgard, warum er denn dies immer täte. „Das ist etwas ganz Persönliches zwischen mir und meinem HErrn, über das ich ungerne spreche…“ Jetzt war meine Neugier erst recht geweckt: „Aber wenn es etwas Gutes und Nützliches ist, dann würde ich es auch gerne nachahmen, um dem HErrn eine Freude zu machen“ antwortete ich. Dadurch gewann ich Edgards Vertrauen: „Na gut, dann sage ich es Dir: Weißt Du, wenn ich bete, dann schaue ich ja auf den HErrn. Und dann möchte ich nicht, dass da irgendetwas zwischen mir und dem HErrn steht, und sei es auch nur meine Brille…“

Solange man seine eigenen Regeln nur für sich lebt und sie nur freiwillig von anderen Christen nachgeahmt werden, ist da nichts gegen einzuwenden. Doch wenn man von der Richtigkeit einer Regel völlig überzeugt ist, kann es passieren, dass man seine eigene Erkenntnis zum generellen Maßstab für alle erhebt und andere Gläubige massiv unter Druck setzt, gerade wenn man in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen steht. An einem Tag bekannte uns z.B. Bruder Raimund auf einmal nach der Bibelstunde, dass er seinen Job im Kopierladen gekündigt habe und sich nun selbstständig machen wolle mit einem Schuhgeschäft im Zentrum von Blumenthal. Edgard fragte ihn, warum er diese Entscheidung getroffen habe, ohne sich erstmal mit den älteren Brüdern zu beraten. Raimund sagte, dass er diesen Plan schon ganz lange erwogen habe und sich ohnehin nicht mehr davon abbringen lassen würde, da er auf keinen Fall länger angestellt sein wolle. Wohlmöglich hatte auch Ralf ihn dazu überredet, da dieser ja schon seit langem die Lehre vertrete, dass ein Christ sich nicht durch ein Angestelltenverhältnis in eine Menschensklaverei begeben dürfe. Allerdings bekannte Raimund auch, dass er gar nicht so fromm sei wie die anderen, sondern dass er schon seit langem wieder Fernsehen schaue im Haus seiner Eltern. Edgard sagte, dass es immer ein Zeichen von Rebellion sei, wenn man sich aus einem Joch befreien wolle, um sein eigener Herr zu sein, denn man würde ja dann das Kreuz ablegen, das der HErr selbst einem auferlegt habe. Raimund ließ aber nicht mit sich reden, sondern war fest entschlossen, seinen Plan durchzusetzen. Als dann kurz darauf Bruder Daniel zu Besuch kam, ging er mit Raimund ins Schreibzimmer, um ihm die Leviten zu lesen. Ich lauschte kurz hinter der Tür und hörte, wie Daniel in dem Moment sagte: „Als Kaufmann musst Du mit den Wölfen heulen, weil es dann nur noch um Geldvermehrung geht und man dabei immer mehr faule Kompromisse macht. Ich weiß dies aus eigener Erfahrung, weil ich ja früher auch jahrelang in der Geschäftswelt tätig war und mitbekommen habe, wie groß die Verlockungen zum Betrug sind. Deshalb kann ich Dich nur warnen!“ Ich hatte keine Ahnung, was Bruder Daniel meinte, und ging schnell wieder weg von der Tür.

Nicht jeder gutgemeinte Ratschlag muss immer gleich ein Schlag ins Gesicht des anderen gewesen sein. Vielmehr sollten wir als Christen ja lernen, unser Verhalten im Alltag möglichst genau nach den Geboten Gottes auszurichten, und dabei sind wir auf die Ermahnung und Zurechtweisung älterer Brüder immer wieder angewiesen. So gab es z.B. damals einen Bruder namens Heinz Brockmann (52), der zwar in Soest wohnte, aber uns alle zwei Monate besuchen kam, weil er Bruder Edgard sehr mochte. Jedes Mal, wenn er kam, jammerte er wieder über seine schlechte Ehe, da seine Frau ungläubig war und ihn ständig terrorisierte. Heinz war eigentlich ein ganz lieber Kerl, wenn auch ein wenig eitel, da er immer großen Wert auf sein attraktives Aussehen legte. Er war KFZ-Meister und hatte mehrere Kinder, aber irgendwie fehlte es ihm trotzdem etwas an Persönlichkeit, weshalb er immer ein wenig depressiv wirkte. Er erzählte, dass seine Frau sehr dominant sei und einen totalen Hass auf den christlichen Glauben habe. Sie sei aber sehr engagiert beim Roten Kreuz und anderen Ehrenämtern, so dass sie kaum noch Gemeinsamkeiten hätten und die Ehe der beiden nur noch auf dem Papier bestünde. Am liebsten wäre ihm, dass seine Frau sich von ihm trennte, damit er endlich frei sein konnte, um – wie er sagte – dem HErrn dienen zu können. Er fragte sogar mal Bruder Daniel, ob es nicht sogar eine Erlaubnis gäbe in der Schrift, sich zu trennen, da wir ja schließlich nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen zusammenleben dürfen (2.Kor.6:14). „Nein, lieber Heinz, das hättest Du Dir vorher überlegen müssen. Aber der HErr sagt auch, dass ihm Scheidung verhasst sei.“ Darauf entgegnete Heinz: „Aber sagt Jesus nicht auch an anderer Stelle, dass man viel Lohn bekäme, wenn man bereit sei, um des HErrn willen alles zu verlassen, inklusive der Ehefrau und Kinder (Mt.19:29)?“ – „Nein,“ lächelte Daniel „damit ist ja nicht die Scheidung gemeint, sondern dass man bereit werde, durch einen klaren Auftrag vom HErrn für längere Zeit auf die Annehmlichkeiten des Familienlebens zu verzichten.“

Und dann gab es auch noch einen Bruder in unsere Hausgemeinde namens Hartmut Eickhoff, der aufgrund von psychosomatischen Problemen schon seit Jahren als arbeitsunfähig galt und immer so merkwürdige Ausschläge auf seiner blassen Haut hatte. Er nahm zur Behandlung seiner psychischen Probleme immer homöopathische „Medikamente“, von denen ich mal gehört hatte, dass sie völlig wirkungslos seien, sondern eine bloße Geldschneiderei. Aber Hartmut war völlig überzeugt von diesen Placebo-Stoffen und behauptete sogar, dass er ohne diese gar nicht mehr am Leben sei. Von der „Schulmedizin“ hielt er natürlich kaum etwas. Ich fragte ihn deshalb: „Wenn die Homöopathie wirklich wirksam wäre, warum bist Du dann trotz all der Jahre, die Du sie schon nimmst, noch immer nicht geheilt?“ Darauf erklärte er mir: „Es gibt Krankheiten, die nicht heilbar sind. Aber die Homöopathie hilft mir, dass ich wenigstens mit der Krankheit leben kann.“ – „Hast Du wenigstens mal versucht, diese Stoffe mal wieder abzusetzen?“ – „Auf keinen Fall! Das wäre mein sicherer Tod.“ – „Aber da ist doch faktisch gar kein Wirkstoff mehr drin, wenn sie immer weiter verdünnt werden…“ – „Ja, aber es ist ja eben nicht allein der Wirkstoff, sondern auch das Schütteln. Mit dem Verstand kann man das nicht immer verstehen, aber der beste Beweis, dass es wirkt, ist doch, dass es tatsächlich hilft!


Tieropfer auf dem Marktplatz

Eines Nachts klingelte auf einmal das Telefon bei meiner Mutter. Sie ging im Bademantel die Treppe runter und fragte sich, wer um diese Zeit noch anrufen würde. Es war die Polizei. Der Wachmann fragte zunächst, ob es zuträfe, dass sie einen Sohn habe namens Simon Poppe, der in der Angerburgerstr. 46 in Bremen-Blumenthal wohne. Aufgeregt bejahte sie das. Dann teilte er meiner Mutter mit, dass man mich und ein paar andere verhaftet habe und wir mit einer Strafanzeige wegen Landfriedensbruch und Tierquälerei rechnen müssen, da wir auf dem Bremer Marktplatz ein Tier geopfert hätten. Meine Mutter war sofort außer sich und bat darum, mich zu sprechen. Der Polizist sagte, dass ich etwas unter Drogeneinfluss stünde und deshalb noch nicht vernehmungsfähig sei. Wenn sie aber wolle, könne meine Mutter mich jetzt abholen auf der Polizeiwache 44 im Doventorsteinweg. Meiner Mutter schlug das Herz bis zum Hals, als sie auflegte. Als meine Schwester die Treppe herunterkam, erzählte meine Mutter ganz aufgeregt, was sie gerade gehört hatte. „Ach Mama!“ sagte meine Schwester, „glaub doch sowas nicht! Da hat sich einer mit Dir einen Scherz erlaubt. Oder glaubst Du ernsthaft, dass Simon dazu in der Lage wäre, auf dem Marktplatz ein Tier zu opfern?! Da wollte Dich doch nur jemand auf den Arm nehmen.“ Meine Mutter war schon etwas beruhigter: „Aber woher wusste der Anrufer, dass Simon nicht mehr bei uns wohnt, sondern bei Böhnkes?“ – „Das muss einer gewesen sein, der uns kennt und der Dir aus Spaß einen Schrecken einjagen wollte“ beruhigte meine Schwester sie. Am nächsten Tag rief meine Mutter vorsichtshalber bei uns an und fragte mich, wo ich die letzte Nacht verbracht hätte. „In meinem Bett natürlich. Warum?“ Und dann erzählte sie mir von diesem merkwürdigen Anruf. Ich fragte mich, wer ein Interesse daran gehabt haben könnte, meine Mutter auf so primitive Weise zu erschrecken. Doch schon eine Woche später kam wieder so ein Anruf von der angeblichen Polizei, aber diesmal bei Hedi. Wieder fragte der Mann, ob Hedi einen Sohn namens Simon habe. Sie sagte nur: „Nein! Da müssen Sie sich verwählt haben!“ und legte einfach auf.

An einem Wochenende, als Daniels jüngerer Bruder Elieser (58) mit seiner Frau Martha bei uns zu Besuch war, lud ich auch meine Mutter ein, damit sie Elieser mal kennenlernte, der viel liebevoller war als Bruder Daniel. Meine Mutter erzählte ihm am Tisch, wie sie zum Glauben gekommen sei und welche Probleme sie derzeit habe mit ihrem Mann und der Kirchengemeinde, in die sie gehe. Elieser erklärte ihr, dass man sich als Christ von Institutionen trennen müsse, wenn diese nicht auf den Lehren der Schrift beruhen, sondern auf menschlichen Ideen. Meine Mutter sagte: „Es gibt sicherlich viele Missstände in unserer Kirche. Aber ich sage mir, dass doch auch ich viele Fehler habe in meinem Charakter und deshalb nicht das Recht habe, über andere den Stab zu brechen.“ – Darauf erklärte Elieser: „Man muss zwischen persönlichen Sünden und institutionellen Sünden unterscheiden. Die persönliche Heiligung ist ein langsamer Wachstumsprozess. Da muss man geduldig sein mit sich selbst und mit anderen. Aber wenn es um Lehrfragen geht, dann muss man sich schon bald entscheiden, ob man weiter auf Lügen hören möchte oder auf die Wahrheit. Die evangelische Kirche vertritt so viele Ansichten, die sich nicht mit der Wahrheit der Schrift vereinbaren lassen, dass man sich konsequenterweise von ihr trennen muss, um sich nicht an der Lüge mitschuldig zu machen. Das fängt schon an bei der Babytaufe bis hin zu der Seligsprechung von Ungläubigen bei der Beerdigung. Als Christen müssen wir jede Art von Lüge meiden und uns absondern.“ Zu meiner großen Verwunderung und Freude ließ meine Mutter sich von diesen Erklärungen überzeugen und trat Mitte September aus der Kirche aus. Eine Woche später ließ sie sich dann taufen aufgrund ihres Glaubens und ließ meinen Vater wieder nach Hause kommen, da sie ihre Trennung als unbiblisch erkannte. In der Folgezeit wurde ihre Liebe zueinander zu neuem Leben erweckt.

Auch bei meiner Schwester Diana regte sich nun immer mehr das Interesse am Glauben. Ich erfuhr durch meine Mutter, dass sie sich von ihrem Freund Ralf getrennt hatte, der sie bis dahin darin gehindert hatte, im Glauben ernst zu machen, und ging neuerdings in einen christlichen Hauskreis. All diese erfreulichen Nachrichten bestärkten mich darin, auch weiterhin immer Fürbitte zu tun, denn ich merkte ja, dass Gott wirklich Gebet erhört. Von Bruder Stanley Bown bekam ich ja immer noch regelmäßig den monatlichen Gebetsrundbrief auf Englisch zugeschickt. Ich notierte mir die darin genannten Namen aus den jeweiligen Ländern und fertigte Landkarten an neben den Namenslisten, um mir einen Überblick zu verschaffen über all diese Christen, die zu unserem Kreis gehörten. So hatte ich eine Gebetsliste von Deutschland, Europa, Nordamerika und Südamerika. Jeden Tag nahm ich mir der Reihenfolge nach eine Gebetsliste und brachte die Namen nacheinander vor Gott. Nach etwa zehn Minuten war ich fertig und betete dann noch für meine engsten Verwandten und Bekannten, die noch nicht gläubig waren, damit der HErr auch sie errette. Allmählich wurden mir die fremden Namen vertrauter und ich träumte davon, einmal all diese Geschwister zu besuchen. Sie kannten mich nicht, aber wenn sie wüssten, dass ich jeden 4. Tag für sie betete!

Bruder Edgard hatte mir inzwischen seine Schreibmaschine geschenkt, und ich benutzte sie nun immer häufiger, um biblische Aufsätze und Briefe zu schreiben. Ich versuchte, mit zehn Fingern zu schreiben, aber hatte mich schon so sehr an das Zwei-Finger-Tippen gewohnt, dass ich dabei blieb. Eines Tages fragte mich Daniel, ob ich für ihn die alten Aufsätze von Bruder Percy Heward vom Englischen ins Deutsche übersetzen könne, damit er diese dann in seinem Monatsblättchen „Gedanken aus Gottes Wort“ veröffentlichen könne. Das war für mich eine große Ehre, und so gab mir Daniel einen ganzen Ordner von Auslegungen und Kurzbetrachtungen, die ich dann auf DIN-A5-Blättern übersetzte und dem Daniel zuschickte. Um den Platz zu nutzen, fing ich schon immer an der äußersten Ecke oben links an und schrieb bis auf den letzten Zentimeter unten links. Dabei geschah es natürlich, dass der übersetzte Text manchmal mitten auf der Seite endete. Nun geschah etwas ganz Merkwürdiges: Da es mich in meinem ästhetischen Empfinden störte, dass die Seite nicht ganz voll wurde, ergänzte ich den Artikel einfach mit eigenen, geistlichen Gedanken. Das es sich hier eigentlich um eine Verfälschung handelte, war mir gar nicht so bewusst, denn ich sagte mir, dass ja sowohl Bruder Hewards als auch meine Gedanken beide vom Heiligen Geist kämen, der doch der eigentliche Autor des Artikels war. Und so tat ich es dann die nächsten Jahre weiter bei Dutzenden von Artikeln, und niemand bemerkte es. Wenn ich sie dann später in den neuen Ausgaben wiederfand, freute ich mich, dass auch ich wenigstens ein paar eigene Gedanken dazu beitragen konnte.

Inzwischen bekam ich auch immer häufiger Briefe und Postkarten des kanadischen Missionars Dr. Arthur Vincent (90), der mir zwei Jahre zuvor schon mal ein Telegramm schickte, als ich in den USA war. Er hatte ebenso die Angewohnheit, schon in der äußersten Ecke oben anzufangen mit dem Schreiben, schrieb aber auch noch besonders klein, damit so viele Wörter wie möglich auf das Papier passten. Und dann verwendete er grundsätzlich nur gebrauchte Briefumschläge und z.T. auch die Rückseiten irgendwelcher Werbepost, um kein neues Papier zu verschwenden. Er schrieb und schrieb und schrieb, immer mit der Hand und bis zu fünf Briefe pro Woche, so dass ich kaum mit dem Antworten hinterherkam. Aber ich fühlte mich sehr geehrt, mich mit jemandem so vertrauensvoll zu schreiben, der 70 Jahre älter war als ich. Dr. Vincent hatte neben Spanisch auch Griechisch und Hebräisch gelernt, da er sich sehr für den Grundtext der Bibel interessierte. Er empfahl mir, diese drei Sprachen ebenso zu lernen, da ich noch jung sei und genug Zeit hätte. Er berichtete mir von seinen jährlichen Reisen nach Südamerika, die er trotz seines hohen Alters noch immer tätigte seit 1956. Er war sozusagen der Missionar dieses Percy-Heward-Kreises und sorgte dafür, dass überall die gleichen Lehren verbreitet würden. Da er aber schon alt war und keinen Nachfolger hatte, bot er mir an, in seine Fußstapfen zu treten.


Mein Versagen auf ganzer Linie

Am 01.09.1987 begann meine Ausbildung in der Malerfirma Klaus Hillmer. Und schon gleich am zweiten Tag, als ich mit meinem Chef eine Halle in der Zahnradfabrik Tandler streichen sollte, passierte mir ein Malheur. Als ich nämlich vom Rollgerüst runterkletterte mit meinem Farbeimer, fiel der große Pinsel, den ich nur auf den Eimerrand gelegt hatte, von ganz oben herunter und landete mit der Borstenseite voller Farbe genau auf den Kopf meines Chefs. „Hey, sag mal, bist Du denn total bekloppt!?!“ fluchte Herr Hillmer, und ich entschuldigte mich sofort. Aber meine Pechsträhne riss nicht ab: Ständig vergas ich z.B. die Tiefgrund-Bürste nach dem Gebrauch wieder in den halbgefüllten Eimer zu legen, damit sie nicht eintrocknet, sondern hängte sie immer an den Eimerrand, so dass man sie am nächsten Tag nur noch wegwerfen konnte. Nachdem mir das ein zweites Mal passiert war, gab mir der Geselle Werner einen Tritt in den Hintern und schimpfte mit mir. Als es mir dann auch noch ein drittes Mal passiert war, warf mir der Geselle eines Morgens die eingetrocknete Bürste voll Wut gegen den Kopf. Da wir uns als Christen ja nicht wehren dürfen, verteidigte ich mich lediglich mit Worten: „Du darfst nicht vergessen, dass ich noch ein Lehrling bin und deshalb noch Fehler machen darf…“ – „Aber nicht, wenn ich Dir schon dreimal das Gleiche erklärt habe und Du einfach nicht drauf achtest!“ brüllte mich Werner an. Daraufhin versuchte ich es mit der Psychologie: „Das eigentliche Problem ist, dass Ihr beiden keine eigenen Kinder habt und deshalb nie die Chance hattet, Geduld zu üben.“ Werner und Rudi schauten sich verblüfft an: „Ey sag mal: Was laberst Du da wieder für einen Scheiß! Du bist doch das beste Beispiel, warum wir keine Kinder haben wollen!

Leider bekam auch Herr Hillmer schon bald mit, dass ich die meiste Zeit während der Arbeit mit meinen Gedanken abwesend war. Als wir einmal in einem Neubau in der Mittagspause auf den Eimern saßen und unsere Brote aßen, sagte Herr Hillmer zu mir: „Simon, Du kannst gleich im Anschluss mal überall in den Räumen, wo wir schon gestrichen haben mit der Heizkörperrolle den unteren Bereich der Wände noch mal nachstreichen, denn die Fußleiste deckt das sonst nicht ab.“ – „Ja, ist gut,“ sagte ich, obwohl ich gar nicht zugehört hatte. Als die Mittagspause dann beendet war, fragte ich Herrn Hillmer: „Was soll ich denn als nächstes machen?“ – „Das habe ich Dir doch vor fünfzehn Minuten gesagt!“ stellte mein Chef überrascht fest. „Können Sie mir das noch mal eben sagen, denn ich hab’s gerade vergessen“ bat ich ihn unterwürfig. „Das kannst Du doch so schnell noch gar nicht vergessen haben. Überleg doch mal ganz scharf, was ich Dir gesagt habe.“ – „Ich weiß es wirklich nicht mehr. Sagen Sie’s doch eben nochmal.“ – „Nein. Ich will, dass Du Dich jetzt mal völlig konzentrierst, dann wird es Dir wieder einfallen!“ – „Bitte, Herr Hillmer, ich kann’s nicht sagen…“ – „Dann müssen wir das mal üben. Ich warte hier jetzt so lange, bis es Dir eingefallen ist!“ – Ich fing an zu raten, aber lag jedes Mal daneben. Erst nach etwa zehn Minuten erlöste mich Herr Hillmer aus dieser hochnotpeinlichen Befragung, aber schimpfte heftig, weil ich ihm gar nicht zugehört hatte.

Ich hatte große Angst, die Probezeit nicht zu bestehen, weshalb ich mir größte Mühe gab, möglichst viel Leistung zu bringen. Wenn ich an manchen Tagen mit einer Aufgabe allein war, machte ich extra keine Pausen oder arbeitete sogar noch nach Feierabend weiter, um einen guten Eindruck zu machen. Aber durch meine ständige Angst zu Versagen war ich häufig noch unkonzentrierter und strich sogar in Bereichen, die gar nicht mehr Teil des Kundenauftrags waren. Ähnlich angespannt und unkonzentriert war ich dann auch bei den Fahrstunden, so dass der Fahrlehrer ständig mit mir schimpfte. Bevor Mitte September meine erste Fahrprüfung stattfand, machte ich aus Nervosität so viele Fehler, dass mein Fahrlehrer schwarz sah. Als dann die Prüfung stattfand, tappte ich auch schon nach fünf Minuten in eine Falle, indem ich an einer schwierigen Stelle die Vorfahrt nicht beachtet hatte, und war durchgefallen.

Meine ständige Versagensangst trieb mich umso mehr ins Gebet. Ich flehte zu Gott, dass Er mir doch Gelingen schenken möge, um kein schlechtes Zeugnis zu sein. Von Joseph las ich in der Bibel, dass er überall Gelingen hatte, egal was er tat. Aber Joseph war auch ein Jüngling, der jeder Versuchung widerstand. Ich hingegen hatte noch immer keinen Sieg über die Selbstbefriedigung, sondern schaffte es kaum länger als eine Woche, sie zu unterdrücken. Und das Schlimmste war, dass ich mit niemandem darüber reden konnte, denn die anderen waren ja alle schon viel älter. Ich dachte, dass Selbstbefriedigung nur ein Problem von Jugendlichen sei, denn Paulus sprach ja von „jugendlichen Lüsten“, vor denen Timotheus fliehen solle (2.Tim.2:22). Wahrscheinlich – so dachte ich – hatten die anderen das schon lange hinter sich und gingen davon aus, dass ich das auch nicht mehr tun würde. Wie peinlich wäre es daher, wenn sie wüssten, dass ich es noch immer tue! Und wie sehr betrübte ich jedes Mal den Heiligen Geist, wenn ich diesem Trieb in mir wieder nachgab! Mein einziger Trost waren die Bußpsalmen, wo David z.B. von sich sagte, dass „in seinem Fleisch nichts Heiles sei… Denn meine Ungerechtigkeiten sind über mein Haupt gegangen, wie eine schwere Last sind sie zu schwer für mich… Ich bin ermattet und über die Maßen zerschlagen, ich heule vor Gestöhn meines Herzens. HErr, vor Dir ist all mein Begehr, und mein Seufzen ist nicht vor Dir verborgen“ (Ps.38:3-9).

Aber wie konnte der HErr mir Gelingen schenken, wenn ich Ihn doch ständig enttäuschte durch meinen Ungehorsam?! Ich musste endlich aufhören, mich selbst zu beflecken, denn erst dann konnte Gott mein Gebet erhören. Deshalb tat ich endlich das, was Paulus wohl meinte, als er schrieb: „Ich zerschlage meinen Leib und führe ihn in Knechtschaft“. Ich begann damit zu fasten und hörte sogar auf, mich zu waschen, um meines Elends dadurch bewusstzuwerden. Als ich abends ins Bett ging, fesselte ich sogar einmal meine Hand ans Bettgestell, um mich dadurch an meinen Entschluss zu erinnern. Mir war klar, dass die ersten Wochen meines Entzugs sehr leidvoll sein würden, aber wenn ich diese hinter mir gebracht hätte, würde es leichter werden. Doch obwohl ich mir nicht mehr die Haare wusch, sahen sie immer wie frisch gewaschen aus, was daran lag, dass ich in jener Woche immer die Decken einer Wohnung schleifen musste und der Schleifstaub auf meine fettigen Haare fiel. Ich war so naiv und kindlich, dass ich nach ein paar Tagen zu meinem Chef sagte: „Herr Hillmer, schauen Sie mal auf meine Haare, die sehen doch aus wie frisch gewaschen, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit habe ich sie schon ein paar Tage nicht gewaschen, sondern das ist der Schleifstaub, der sie so sauber aussehen lässt!“ Herr Hillmer lächelte und schüttelte nur den Kopf: „Du Ferkel!

Nach einer Woche spürte ich abends einen Juckreiz auf der Haut, und als ich auch noch überall rote Flecken auf meinem Bauch sah, hörte ich sofort auf mit dem Waschverzicht und badete mich erstmal gründlich. Ende September hatte ich dann schon vier Wochen Enthaltsamkeit geübt und freute mich über den Sieg. Als der Druck Anfang Oktober immer stärker wurde, kamen mir die Worte Jesu in den Sinn: „Wenn deine rechte Hand dich ärgert, dann hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist dir nütze, dass eines deiner Glieder umkomme und nicht dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde“ (Mt.5:30). Ohne Frage spielte der HErr hier auf die Selbstbefriedigung an, und Er meinte das so, wie Er es sagte. Ich nahm mir also heimlich ein langes Messer aus der Küche, ging ins Bad und nahm mir vor, mein sündhaftes Glied so weit einzuschneiden, dass ich ihn künftig nur noch zum Pinkeln verwenden könne. Doch schon der erste blutige Schnitt in die Haut war so schmerzhaft, dass ich nicht weiter schneiden konnte und ließ es sein. Nach einer Woche wachte ich dann morgens mit einem Samenerguss auf. Davon hatte ich bisher immer nur von anderen gehört, aber nun war es mir selbst passiert. Jetzt hatte ich mich biblisch gesehen verunreinigt – wenn auch nicht freiwillig – aber mein Enthaltsamkeitsgelübde war nach meinem Verständnis damit wertlos geworden und ich hätte es nach 4.Mose 6:12 noch einmal von vorne beginnen müssen. Dazu hatte ich aber keine Kraft mehr.


„Du wirst es nie schaffen!“

Am Freitag, den 23.10. hatte ich meine zweite Fahrprüfung. Inzwischen hatte ich bereits 25 Fahrstunden hinter mir und fuhr schon deutlich besser, so dass ich mir sicher war, dass ich es diesmal schaffen würde. Ich betete morgens: „HErr, Du weißt, dass ich einen Führerschein brauche. Deshalb bitte ich Dich, dass Du mir heute Gelingen schenken mögest zu Deiner Ehre und Verherrlichung, wenn Du es willst, dass ich den Führerschein machen soll“. Dann fiel mir noch ergänzend ein, zu beten: „Aber wenn Du es nicht willst, dass ich einen Führerschein machen soll, dann gib mir heute kein Gelingen! Amen.“ Auf einmal fragte ich mich: Und was ist, wenn ich heute nicht bestehe? Dann dürfte ich es ja jetzt gar nicht weiter versuchen, sondern muss wegen meiner Worte nun ganz auf einen Führerschein verzichten… Aber sofort unterdrückte ich diese Überlegungen, da ich ja schließlich im Glauben gebetet hatte und nicht zweifeln durfte.

Ich war hypernervös, so dass ich beim Fahren die ganze Zeit meine Zungenspitze gegen die Oberlippe hin und her rieb, um mich zu konzentrieren. Nach etwa einer halben Stunde fuhr ich auf einer Landstraße in Beckedorf, als der Prüfer sagte: „Am Ende der Straße bitte links!“ Von weitem sah ich eine Verkehrsinsel mit einem Pfeil nach rechts und dachte: Aha, das soll wohl eine Falle sein, aber der Pfeil ist ja nur für die gedacht, die rechts abbiegen wollen! Ich ordnete mich also links ein, als auf einmal mein Fahrlehrer den Wagen zum Stehen brachte. Dann zeigte er auf das Schild Rechts vorbei und fragte mich, ob ich das nicht gesehen hätte. „Doch, habe ich, aber das ist ja nur für die, die… - Bin ich jetzt etwa durchgefallen?!“ – „Allerdings!“ seufzte der Fahrlehrer. „Ach, bitte nicht! Bitte, bitte nicht! Geben Sie mir doch noch eine letzte Chance, bitte, bitte, bitte!!!“ Ich fing an zu heulen, aber es nützte nichts. Der Prüfer sagte nur: „Fahren Sie bitte wieder zur Fahrschule zurück“. Mein Herz raste. Nur wegen einem so blöden Fehler! Mir schwirrten tausend Gedanken im Kopf herum, als ich an einer Kreuzung schließlich links in die Hammersbeckerstraße abbiegen sollte. Doch als ich gerade abbiegen wollte, trat mein Fahrlehrer plötzlich mit Wucht auf die Bremse und brüllte mich an: „SIEHST DU ETWA NICHT DEN GEGENVERKEHR!!! Willst Du uns etwa alle umbringen?!“ Noch völlig unter Schock fügte er hinzu: „Sei froh, dass Du nicht bestanden hast, denn bei so einer Fahrweise würdest Du nicht mehr lange am Leben bleiben!“ – Mit leiser Stimme wimmerte ich: „Tschuldigung, ich dachte, ich hätte Vorfahrt…“ Als wir dann heil bei der Fahrschule ankamen, atmete der Prüfer und mein Fahrlehrer auf und verabschiedeten mich.

Jetzt war alles aus und vorbei. Es war genau das eingetreten, was ich befürchtet hatte. So viel Geld hatte Hedi ausgegeben! und jetzt habe ich sie so sehr enttäuscht! Aber der Prüfer hatte wohl recht: ich war noch nicht reif für einen Führerschein, weil ich einfach zu zerstreut war. Aber wie würden nun meine Geschwister und Arbeitskollegen reagieren? Als ich nach Haus kam, hatten wir Besuch: Der Engländer Stanley Bown und seine Frau Ruth waren gekommen, aber auch Daniel und seine Frau Magdalena. Ich ging ins Wohnzimmer, begrüßte alle und bekannte dann, dass ich schon wieder durch die Prüfung gefallen sei. Hedi seufzte, schüttelte mit dem Kopf und sagte zu den Anwesenden den so ziemlich schlimmsten Satz, den sie mir in solch einer Situation hätte sagen können: „Naja, manche Menschen eignen sich nun mal nicht für einen Führerschein!“ Innerlich schrie ich sie an, wie sie mir nur – statt mich zu trösten – eine so grausame Behauptung an den Kopf werfen konnte; aber nach außen ließ ich mir meine Bitterkeit nicht anmerken. Stanley sagte mir zum Trost: „Don't worry about it, Simon! I failed my driving test about eight times, but in the end I made it!“ („Mach Dir nichts draus! Ich bin sogar schon achtmal durch die Prüfung gefallen, aber habe es am Ende dann doch geschafft!“).

Am nächsten Montag fragte mich mein Chef: „Na Simon, haste bestanden?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Ach, mach Dir nichts draus, denn ‚dreimal ist Bremer Recht‘!“ – „Nein, ich werde nicht weitermachen“ erwiderte ich. „Wieso das denn nicht?! Du kannst doch nicht einfach aufgeben!“ – „Ich kann das nicht erklären. Das würden Sie nicht verstehen…“ Es gab inzwischen vieles, was Herr Hillmer nicht verstehen konnte, aber er musste es nun mal respektieren. Als ich mich z.B. einmal nach der Arbeit von ihm verabschiedete, brach ein heftiges Gewitter los. Er sagte: „Pass auf, dass Du auf dem Fahrrad nicht vom Blitz getroffen wirst!“ Ich sagte: „Keine Sorge, das kann nicht passieren.“ – „Wieso das denn nicht?“ fragte er überrascht. „Weil in der Bibel steht, dass Gott Seine Blitze nur gegen die aussendet, die davon getroffen werden sollen“ (Hiob 36:32). „So ein Blödsinn!“ ereiferte sich Herr Hillmer. „Wer vom Blitz getroffen wurde, der hat einfach Pech gehabt! Einen Gott gibt’s sowieso nicht.“

An einem Tag war ich dabei, die Fassade der Möbelfabrik von Hillmers Tennisfreund Bonacker zu streichen. Als Herr Hillmer vorbeikam, fragte er mich, ob Herr Bonacker heute schon vorbeigekommen wäre. „Nein, noch nicht.“ sagte ich. „Pass auf: Wenn er vorbeikommt und Dich fragt, ob Du auch die Wände vorher grundiert hast, dann sag ihm ‚Ja!‘“. – „Aber Sie haben doch zu mir gesagt, ich brauch die nicht zu grundieren…“ – „Ja, aber das braucht er ja nicht zu wissen!“ – „Aber lügen darf ich nicht“ erklärte ich Herrn Hillmer. „Wieso das denn nicht?!“ – „Weil Gott das verboten hat.“ – „Ach was! Ich hab‘ Dir schon einmal gesagt, dass es gar keinen Gott gibt.“ – „Dann sag ich ihm einfach, dass er Sie fragen soll.“ – „Nein, das sagst Du ihm auch nicht, denn dann schöpft er Verdacht, weil Du es ja wissen musst. Sag doch einfach ‚Ja‘ und gut is‘.“ – „Nein, ich darf nun mal nicht lügen.“ Herr Hillmer wurde nervös: „Und warum hast Du mir das nicht vorher gesagt? Hätte ich das gleich gewusst, dann hätte ich einen der Gesellen die Arbeit hier machen lassen!“ – „Woher sollte ich das denn wissen? Warum wollten Sie denn nicht, dass ich die Wände vorher grundiere?“ – „Ach, misch Dich da nicht ein!“ und dann ging er weg.

Anfang Dezember sagte Werner in der Frühstückspause zu mir: „Hör mal, Simon: Gestern kam der Chef zu uns und erzählte, dass Deine Probezeit jetzt zu Ende geht. Und er wollte von uns wissen, was denn unsere Meinung wäre, ob er Dich übernehmen soll.“ – „Und was habt Ihr ihm geantwortet?“ fragte ich. „Wir haben ihm empfohlen, dass er Dich kündigen soll, denn Du taugst nichts.“ – „Das habt Ihr ihm gesagt?“ – „Ja, denn das ist ja auch so. Du bist eine Niete, kannst Dich nicht konzentrieren und bist einfach zu blöd für den Beruf.“ Ich schluckte. „Und wird er mich jetzt kündigen?“ – „Nein“ antwortete Werner. „Du hast nochmal Glück gehabt, denn der Chef wollte am Ende nicht auf uns hören, sondern will Dich behalten. Aber eins sage ich Dir, Simon: DU WIRST ES NIEEE SCHAFFEN! Aus Dir wird nie und nimmer ein Malergeselle! Und solltest Du doch irgendwann mal den Gesellenbrief schaffen, dann nehm‘ ich den und schmeiß den in die Weser!“ Ich dachte nur: Was habe ich da bloß für Arbeitskollegen!