"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 24


März bis April 1992

Erweckung in Kolumbien

Schon bei der ersten Raststätte in Kolumbien, fragte mich einer, ob ich „hierba“ (Drogen) kaufen wolle, aber ich lehnte dankend ab. Als uns Pepe Gomez nach 30 Stunden vom Busbahnhof in Bogotá abholte, war ich gerädert. Schwester Fidela fragte ihn: „Und, Bruder Pepe? - wie geht es euch und eurer Versammlung?“ Pepe erklärte: „Das ist kompliziert. Denn vor einer Woche habe ich den Geschwistern der Versammlung gesagt, dass ich nicht mehr bereit sei, die Lauheit, Meckerei und Unzuverlässigkeit der anderen zu ertragen, sondern mich in Zukunft nur noch mit meiner Familie versammeln werde, weil ich die ständige Quengelei und den Tratsch der anderen über mich leid bin. Der HErr hat es ja schon angekündigt in Seinem Wort, dass es nur eine sehr kleine Herde sein werde, die am Ende errettet wird (Luk.12:32).“ Ich dachte in dem Moment: Was will er denn damit sagen? Etwa, dass von den 5 Millionen Einwohnern von Bogotá nur er und seine Familie zur ‚kleinen Herde‘ des HErrn gehören würden? Das kann ja wohl nicht angehen! Das ist ja total sektiererisch! Darüber musste ich mal mit ihm sprechen. Denn ich hatte eher den Eindruck, dass mindestens die Hälfte der Südamerikaner gläubig sein musste, denn überall sah man Bibelverse hängen, ob in Bussen oder Einkaufsläden. Sogar wenn man im Gebirge fuhr, sah man immer wieder Felsen, auf denen jemand mit weißer Farbe gepinselt hatte: „Cristo viene pronto!“ („Christus kommt bald“). Bald an jeder Straßenecke sieht man in Südamerika irgendeine Pfingstgemeinde, aus deren offenen Türen laute Lobpreismusik erschallt. Diese vielen Gemeinden haben alle ihre eigenen Namen – einer schöner wie der andere - wie z.B.: „Tempel des lebendigen Gottes“ oder „Versammlung der Auserwählten“ oder „Königspalast Jesu“ usw.

Als wir in seinem Haus ankamen, fragte mich Bruder Pepe, wer ich sei und woher ich käme. Als ich meinen Namen nannte, sagte er überrascht und erfreut: „Ach, Sie sind also jener junge Bruder aus Deutschland, von dem der alte Bruder Arturo Vicente immer so geschwärmt hat! Das ist aber für mich eine große Ehre!“ Ich fühlte mich geschmeichelt und versuchte deshalb, die Erwartungen etwas zu dämpfen, indem ich erklärte: „Ja, Bruder Vicente hat immer viel zu hoch von mir gedacht, aber in Wirklichkeit bin ich längst noch nicht so weit im Glauben, wie er dachte, sondern muss noch viel lernen.“ – „Das müssen wir ja alle, aber ein Bruder wie Sie, der noch so jung ist, aber die Bibel schon so gut kennt, wie Arturo immer sagte, das findet man sehr selten.“ – „Aber Bibelwissen ist ja längst nicht alles, der Wandel ist ja viel wichtiger.“ – „Selbstverständlich, Bruder!“ Und dann fügte er hinzu: „Wie lange werden Sie bleiben? Ich hoffe, nicht nur 2 oder 3 Tage, nicht wahr?“ – „Ich kann auch ein oder zwei Wochen bleiben, wenn ich darf. Doch habe ich mal eine Bitte: Wäre das in Ordnung, wenn wir uns duzen könnten, denn in Deutschland ist es so üblich, dass wir uns duzen.“ – „Kein Problem, Bruder Simon. Sie müssen wissen, bzw. du musst wissen, dass das ´Sie´ bei uns eine Form der Respektbekundung ist und es uns deshalb schwerfällt, jemanden, den wir mögen, zu duzen. Das ‚Du‘ wird nur bei Personen verwendet, die man nicht so gut kennt, z.B. bei Behörden. Aber unter uns Gläubigen sagen wir immer Sie.“ – „Ja, das habe ich schon gemerkt. Aber in Deutschland ist es genau andersherum. Der Bruder Israel aus Ica hat sogar die Kinder in der Kinderstunde mit ´Sie´ angesprochen, weil es das ´Ihr´ hier scheinbar gar nicht gibt.“ – „Das stimmt“ sagte Pepe, „selbst unter uns Familienangehörigen siezen wir uns, weil wir uns daran gewöhnt haben. Aber wenn Sie wollen, dann sage ich jetzt immer ‚du‘ zu Ihnen bzw. zu Dir.“ - „Ja, das wäre mir lieber.“ Dann fuhr Pepe fort: „Ich werde gleich mal den Bruder Rodrigo anrufen und ein paar andere Brüder, dass wir für heute Abend eine Bibelstunde machen sollten, wo du dann predigen kannst.“ – Das irritierte mich: „Aber hattest du nicht im Auto gesagt, dass du dich gerade von allen getrennt habest?“ – „Das schon. Aber wenn sie hören, dass ein Gast aus Deutschland gekommen sei, kommen sie garantiert alle wieder.“

Dann rief Pepes Frau Waldina zum Abendessen, so dass ich auch mal die vier Kinder von ihnen kennenlernte, und zwar Janet (19), Monica (18), Jhon-Jairo (16) und Dianara (15). Bei den Gesprächen am Tisch merkte ich sofort, dass die Familie Gomez weit mehr als fröhlich und unkompliziert war – sie waren eher lustig, albern und ausgelassen. Es fiel kaum ein Satz, der nicht irgendwie scherzhaft gemeint war. Dabei war Pepe von allen noch der größte Witzbold, bei dem ich nie sicher war, ob er gerade wieder einen Spaß machte. Entsprechend sympathisch war mir nun die ganze Familie, und auch ich konnte mich ganz entspannt fühlen. Sie stellten mir viele Fragen, und ich erzählte ihnen von Deutschland und den Geschwistern dort. Nach dem Essen rief Pepe dann mehrere Geschwister an, und tatsächlich kamen dann etwa zehn Geschwister, die sich in einen Stuhlkreis zur gemeinsamen Bibellese zusammensetzten. Nachdem wir gebetet und ein Loblied gesungen hatten, erteilte Pepe mir das Wort. Ich sprach über die Gemeinde in Laodizea und betonte, dass wir alle heute Buße tun müssen wegen unserer Lauheit, Weltlichkeit und unserer Arroganz (Offb.3:14-21). Dabei predigte ich mit so viel Leidenschaft, dass ich das Ausspucken aus dem Mund sogar nachahmte zur Veranschaulichung. Der HErr sei gar nicht mehr in unserer Mitte, sondern klopfe von außen an die Gemeindetür, um dann nur noch bei einzelnen einzugehen, die wirklich Buße getan hätten von ihrer Gleichgültigkeit und Sektiererei. Als ich fertig war und mich wieder gesetzt hatte, stand Pepe auf und sagte, dass der HErr heute Abend außerordentlich zu ihm geredet habe und er entschuldigte sich sogar unter Tränen bei den Geschwistern, dafür, dass er sie in pharisäerhafter Weise verlassen wollte, anstatt sich weiter um ihr Seelenheil zu bemühen. Er flehte die Geschwister an, dass wir den heutigen Abend doch alle zum Anlass nehmen sollten, vor dem HErrn Buße zu tun, damit Er uns nicht aus Seinem Munde ausspeien möge und bezeichnete mich als „Gesandten Gottes“, der ihnen diesen Weckruf als quasi letzte Warnung kundgeben sollte. Ich war sehr erstaunt über diese Reaktion und dankte Gott dafür.

Am nächsten Morgen erklärte mir Pepe, dass ich von nun an jeden Abend bei ihm predigen solle, und auch die anderen Geschwister darum gebeten hätten. Tagsüber habe er als selbstständiger Goldschmied jedoch keine Zeit, sich um mich zu kümmern, da er arbeiten müsse. Deshalb würde mir sein Sohn Jhon-Jairo, der noch Schulferien hatte, die Stadt zeigen und mit mir Geschwister besuchen. Und so geschah es dann, dass wir am Vormittag zunächst zusammen in Pepes Goldschmiedewerkstatt fuhren, damit ich ihm mal ein wenig bei der Arbeit zuschauen könne. Da Kolumbien reich an Gold und Smaragden war, gab es sehr viele Goldschmiede in Kolumbien, um die Wünsche ihrer zahlreichen Kunden aus aller Welt zu erfüllen. Anschließend fuhr ich mit Jhon-Jairo zu Bruder Rodrigo Escárraga (66), der ein Arzt im Ruhestand war und dessen Name mir noch aus den Gebetsbriefen von Stanley Bown bekannt war. Dr. Rodrigo hatte eine deutlich jüngere Ehefrau aus zweiter Ehe und einen kleinen Sohn. Was mir auffiel, war, dass sie alle nicht nur sehr ruhig und sanftmütig waren, sondern auch ungewöhnlich leise redeten. Als wir zu Mittag aßen, musste ich regelrecht die Ohren spitzen, um ihre Unterhaltung im Flüsterton überhaupt mitzubekommen. Da konnte ich mir dann einen scherzhaften Kommentar nicht verkneifen: „Bruder Rodrigo: Wenn der Geheimdienst des Antichristen irgendwann mal Ihre Wohnung verwanzen sollte, dann hätte er bestimmt große Schwierigkeiten, sie überhaupt verstehen zu können, weil Sie alle so leise reden...“

Am Nachmittag saß ich allein auf meinem Zimmer und schrieb gerade einen Brief, als Janet ins Zimmer kam. Ich dachte, sie wolle nur etwas aus dem Schrank holen, aber sie ging zum Fenster und schaute wortlos hinaus. Dann drehte sie sich auf einmal um und sagte: „Bruder Simon, weißt du, was mir gerade eben die Vögel zugezwitschert haben?“ Verwundert sagte ich: „Äh...nein... Was haben sie dir denn gesagt?“ Sie warf ihre langen Haare nach hinten und sagte: „Sie haben mir zugeflüstert, dass du nicht mehr allein sein willst und auf der Suche nach einer Frau bist. Ist das wahr?“ Ich war schockiert und verunsichert. Was sollte das denn jetzt? Wollte sie mich verführen? Offensichtlich ja. Meine Reaktion war hart, aber bestimmt: „Hör mal, Janet. Ich find das nicht gut, was du machst. Ich bin ein junger Bruder und noch unverheiratet, und du bringst mich jetzt mit dieser Frage ziemlich in Verlegenheit. Natürlich würde ich gerne mal heiraten, aber ich will geduldig warten, bis der HErr mir zur rechten Zeit die richtige Frau schenkt. Aber das ist kein Thema, über das wir uns unterhalten sollten...“ Janet erschrak etwas, sagte aber dann: „Entschuldige, Bruder, dass ich dies ansprach. Ich sage jetzt auch nichts mehr dazu. Entschuldigung!“ Dann verließ sie fluchtartig den Raum. Doch als ob dies noch nicht genug der Demütigung gewesen wäre, entschied ich mich als Predigtthema am Abend für die Geschichte von Dina, der Tochter Jakobs, die in 1.Mose 34 aus lauter Neugier einfach mal so gucken wollte nach den Mädels aus der Umgebung und dann von einem Einheimischen vergewaltigt wurde. Sie hatte wahrscheinlich ihre Eltern gar nicht um Erlaubnis gefragt, bevor die das sichere Lager verließ (weil diese es ihr wohlmöglich verboten hätten). Ich schloss daraus, dass die Töchter von gläubigen Eltern nicht einfach mit ihren Blicken umherschweifen dürfen, um Ausschau nach jungen Leuten zu halten, sondern lieber geduldig warten sollten, bis der HErr ihnen einen geeigneten Ehepartner zuweise. Wahrscheinlich war Janet in diesem Moment vor Scham im Boden versunken und konnte nicht verstehen, wie ich nur so grausam sein konnte. Aber ein paar Wochen später – auf der Rückreise durch Kolumbien - sollte sich zeigen, dass ich doch recht hatte mit meiner Warnung...


Die Kinder aus der Kanalisation

Am nächsten Tag fuhr ich mit Bruder Pepe Gomez aufs Land, und zwar zu den im Osten liegenden Llanos, was man mit „Tiefebene“ übersetzen kann. In einem Dorf namens Barranca de Upía leitete Bruder Gustavo Zubieta mit seinen zehn Kindern eine Versammlung von ca. 20 Geschwistern und besaß eine granja, d.h. eine Rinderfarm. Wegen der brütenden Hitze haben wir den Gottesdienst unter freiem Himmel abgehalten, wobei man wegen des lauten Zirpens der Zikaden kaum sein eigenes Wort verstand. Als wir am nächsten Tag abends nach Bogota zurückfuhren, hatte Pepe ein Problem mit seinen Reifen, weil sie schon ziemlich abgefahren waren. Er fuhr zu einer Werkstatt, während ich auf dem Beifahrersitz wartete. Auf einmal kamen mehrere kleine Kinder zu mir ans Auto und bettelten um Geld. Sie waren völlig dreckig und zerlumpt, weil sie sich wohl ewig nicht gewaschen hatten. Ich gab jedem von ihnen ein paar Pesos in die Hand, und dann gingen sie wieder. Als Pepe wieder ins Auto stieg, um nach Hause zu fahren, kam plötzlich einer Jungen noch mal zurück. Ich machte die Scheibe runter, und er sagte: „Ich wollte mich nur noch mal bedanken, Señor, für die Spende. Gott vergelte es Ihnen!“ Während Pepe diesem ca. 8-jährigen Jungen dann etwas vom HErrn Jesus erzählte, schaute ich in seine klaren Kinderaugen: sein Gesicht und seine Kleidung waren fast schwarz vor Dreck, und er stank penetrant nach Urin. Er zitterte in der Kälte der Nacht (10 ˚C) und tat mir sehr leid. Während ich ihn so anschaute, kam der Werkstattmeister herzu, stieß ihn brutal weg und sagte, er solle verschwinden.

Wir fuhren los, aber mir ließ der Kleine keine Ruhe mehr. Pepe erklärte mir, dass dies gamines sind, also Straßenkinder, die nachts in der Kanalisation schlafen, um sich vor Triebtätern zu verstecken. In der Regel handelt es sich um uneheliche Kinder, die von zuhause abgehauen sind oder vertrieben wurden, weil die Mütter Prostituierte sind. Sie ernähren sich von Müllresten, betteln und stehlen; einige aber nehmen auch Drogen und prostituieren sich. Wie entsetzlich! dachte ich. Wir schlafen diese Nacht in einem bequemen Bett, und diese Kinder müssen auf der Straße schlafen wie Ratten! Das kann doch nicht wahr sein! Wir müssen etwas für diese Kinder tun,“ sagte ich zu Pepe. „Denn sie können ja nichts dafür, dass sie stehlen müssen, denn wovon sollen sie sich sonst ernähren. Wir müssen ihnen Liebe und Geborgenheit schenken, um sie für den HErrn Jesus zu gewinnen.“ – „Und wie stellst du dir das vor?“ fragte mich Pepe. „Wir könnten vielleicht mit Gottes Hilfe ein Kinderheim gründen.“ – „Es gibt hier schon genügend Kinderheime in Bogotá, aber die Kinder wollen dort nicht hin, weil sie dort keine Zigaretten und Drogen bekommen können. Deshalb flüchten sie immer wieder aus diesen Einrichtungen.“ – Ich überlegte: „Dann müssten wir ein Kinderheim auf dem Land gründen, z.B. in Barranca de Upía bei Bruder Zubieta. Dort würde man sich gut um sie kümmern, und sie können dann nicht einfach abhauen.“

Pepe war eine Weile still und sagte dann: „Bruder Simón, was auch immer du tun willst für diese Kinder, werde ich dich unterstützen. Mich beschämt es, dass wir Gläubigen hier in Kolumbien uns so sehr an dieses Elend gewöhnt haben, dass erst ein Bruder aus Deutschland kommen muss, um uns dafür die Augen zu öffnen. Von heute an hast du all meine Unterstützung!“ Dann reichte er mir die Hand und wir sagten uns gegenseitig: „Gracias al Señor!

Um noch andere Gemeinden in Kolumbien kennenzulernen, lud mich Dr. Rodrigo Escárraga ein, mit ihm zusammen nach Neiva zu reisen, wo es sehr viele Geschwister gäbe in einem kleinen Dorf auf dem Land. Da die Busreise einige Stunden dauerte und wir erst am Abend ankamen, übernachteten wir in einer kleinen Pension (Hostal), bevor wir am nächsten Tag ins Dorf weiterfuhren. Was mich sehr erfreute, war, dass auch Bruder Escárraga ein wirklicher Beter war, denn sowohl vorm Zubettgehen als auch nach dem Aufstehen hatte er neben unseren gemeinsamen Gebeten auch immer wieder Zeiten des persönlichen Gebets auf den Knien. Da er ein Arzt war, fragte ich ihn, warum ich immer so einen sauren Schweißgeruch hätte, und er erklärte mir, dass ich zu viele säureproduzierende Lebensmittel konsumieren würde wie etwa Kaffee, Zucker oder Fleisch. Er empfahl mir, auch keine Gewürze oder kohlensäurehaltige Getränke mehr zu nehmen. Und dann schaute er mir in die Augen und sagte, ich sei kerngesund. Diesen Blick in die Augen verwendete er dann auch später, als sich im Anschluss an den gemeinsamen Gottesdienst mit den Geschwistern im Dorf die kranken oder gebrechlicheren Geschwister in einer Reihe anstellten und er bei jedem allein durch den Blick in die Augen sagen konnte, welche Leiden die jeweilige Person habe. Und tatsächlich stimmten seine Diagnosen wohl auch mit dem tatsächlichen Befunden überein, denn jedes Mal bestätigten die gläubigen Patienten die Entdeckungen von Dr. Escárraga, was mich sehr wunderte. Dieser Bruder gab mir wirklich viele Rätsel auf: nicht nur, dass er als anerkannter Arzt an solche „Hellseherdiagnosen“ oder Homöopathie glaubte, sondern auch ständig unerwartete Verhaltensweisen in Alltagssituationen an den Tag legte: z.B. hatte ich mir auf der Rückfahrt eine Cola gekauft; doch nachdem ich sie ausgetrunken hatte und eine ganze Weile noch in der Hand hielt, nahm er mitten im Gespräch die leere Glasflasche mit einem Lächeln aus meiner Hand, schob die Fensterscheibe im Bus etwas auf und warf die Flasche einfach auf die Landstraße, wo sie in vielen Scherben zerschellte – so als ob es das Normalste von der Welt sei. Ihn darauf anzusprechen, dass das doch eigentlich Umweltverschmutzung sei, traute ich mich jedoch nicht, weil dieser Bruder mit seinem milden Lächeln mir immer unheimlicher wurde.

An einem Abend nach der Bibelstunde fragte ich Bruder Pepe, ob es vielleicht die Möglichkeit gäbe, mal ein paar Fotos zu machen von den Straßenkindern, um den Geschwistern in Deutschland mal zu zeigen, wie diese Kinder leben. „Selbstverständlich. Wenn du in die Innenstadt fährst, d.h. nach Candelaria oder nach Los Mártiros, findest du überall bettelnde Kinder. Aber du solltest dort nicht allein hinfahren.“ Da schaltete sich Bruder Chucho Alvarez (47) ein und bot an, mich am nächsten Tag dorthin zu begleiten. Chucho, der eigentlich Jesús hieß, hatte sich erst vor kurzem zum HErrn Jesus bekehrt und war wie Pepe aus Quito, lebte aber seit Jahren in Bogotá. So fuhren wir am nächsten Tag ins Stadtzentrum und erkundigten uns bei einem Polizisten, wo wir die Gamines fänden. Er sagte: „Vielleicht hier vorne in der Bronx zwischen der 10. und 11. Straße. Aber da könnt Ihr nicht einfach hingehen ohne Personenschutz. Das ist viel zu gefährlich.“ – „Würden Sie uns vielleicht dorthin begleiten?“ fragte ich „denn Sie sind ja bewaffnet.“ – „Nein, auf keinen Fall!“ sagte der Polizist. „Das ist auch für mich viel zu gefährlich, denn da leben ja lauter Gangster und Drogenhändler. Die haben sogar schon Kollegen von mir umgebracht. Aber wenn ihr da unbedingt reingehen wollt, dann fragt doch mal drüben in der Kaserne nach, ob die euch eine Eskorte zur Verfügung stellen.“ Ich dachte erst, dass der einen Scherz machte, aber Chucho war schon im Begriff, die Straße zu überqueren. „Lass mal, das ist doch total übertrieben!“ sagte ich. Aber Chucho ließ sich nicht abhalten, sondern fragte nach.

Nach 10 Minuten kam er raus, und mit ihm 6 Soldaten von der Policía Militar in voller Uniform und mit M16-Gewehren in der Hand. Ich traute meinen Augen nicht und musste lachen. Da kam der Capitán zu mir und begrüßte mich, während mir noch die Knie schlotterten. „Mr. Alvarez hat uns schon mitgeteilt, dass Sie hier ein Kinderheim gründen wollen. Das finde ich ja eine gute Sache! Da werden wir Ihnen gerne behilflich sein.“ Auf einmal ging einer der Soldaten mitten auf die große Hauptstraße mit seiner Trillerpfeife und ließ den ganzen Verkehr zum Stehen bringen, damit wir die Straße überqueren konnten. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Glaubten die etwa, dass ich irgendein Vertreter der deutschen Regierung sei, der Personenschutz benötigte? – oh nein, wie peinlich! Aber ich musste jetzt so tun, als ob dies alles ganz normal wäre, um die Soldaten nicht bloßzustellen. Also marschierten wir in dieses Elendsviertel, und ich machte Fotos. Leider gab es gar nicht so viele Kinder, aber dafür um so mehr Drogensüchtige und Obdachlose, die rechts und links der Gassen im Dreck lagen. Und wenn ich mal ein Kind fotografieren wollte, dann wendete es sich schnell ab, damit sein Gesicht nicht auf dem Foto zu sehen war. Während wir durch das Viertel gingen, erklärte mir der Kommandant: „Dieser Stadtteil ist wirklich eine Schande für Kolumbien, denn seit Jahren werden die Menschen hier sich selbst überlassen. Man nennt diesen Ort auch ´La caldera del diablo´, der Kessel des Teufels. Hier herrscht die absolute Gesetzlosigkeit: es wird gefoltert und gemordet, ohne dass die Politiker mal ein Machtwort sprechen und das Viertel räumen lassen.“ Chucho ergänzte: „Noch schlimmer: die Politiker stecken doch alle mit den Drogenbossen unter einer Decke und werden von ihnen bezahlt. Und wenn hier mal eine Razzia stattfindet, dann geschieht dies nur zum Schein für die Presse, um den Eindruck zu vermitteln, als würde die Polizei eingreifen. Aber danach ist alles wie zuvor: es werden Waffen und Drogen verkauft, Kinder zur Prostitution gezwungen und wer nicht zahlt, wird umgebracht.“ Dann stellte mir der Hauptmann ein paar Fragen, wie das Leben in Deutschland sei und was genau wir vorhätten. Ich erklärte es ihm und stellte dann fest, dass es hier ja doch nicht so viele Kinder gäbe. Der capitán erklärte mir: „Die sind tagsüber in der ganzen Stadt verteilt, um sich etwas zu Essen zu suchen.


Missionieren verboten in Costa Rica

Nach einer Woche in Kolumbien, wollte ich meine Reise eigentlich gerne fortsetzen nach Mittelamerika, wo ich ebenso Adressen von Geschwistern bekommen hatte, die zur Percy-Heward-Gruppe gehörten. Das Problem war jedoch, dass ich gerade nur noch 200 Dollar hatte, die nicht mehr ausreichen würden, um noch weiterzufahren, sondern gerade genug waren, um wieder nach Lima zurückzukehren. Als ich den Brüdern Pepe Gomez und Nelson Diaz meine Planänderung mitgeteilt hatte, besprachen sie sich untereinander und sagten dann zu mir: „Bruder Simon, deine Reise nach Kolumbien war für uns alle hier bisher von großem Segen, und wir haben den Eindruck, dass Gott dich berufen hat, um die Arbeit vom heimgegangenen Bruder Arturo fortzusetzen. Deshalb haben wir beschlossen, dich mit einer Spende zu unterstützen, damit du deine Reise fortsetzen kannst. Wir schenken dir jetzt beide noch einmal je 150 Dollar für die Busreisen, und darüber hinaus werden wir dir auch noch den Hin- und Rückflug nach Costa Rica spendieren. Denn nach Costa Rica kannst du nicht mit dem Bus fahren, da es zwischen Kolumbien und Panama gar keine Straße gibt, sondern nur Sumpf und dichter Urwald.“ Ich war über dieses Geschenk der Brüder hocherfreut und zugleich beschämt. Denn obwohl sie beide im Goldhandwerk arbeiteten, waren sie keineswegs reich, sondern lebten sehr bescheiden. Familie Gomez hatte z.B. – wie die meisten Familien in Lateinamerika – keine Waschmaschine, sondern wusch die Wäsche immer mit der Hand. Für die 200 Dollar, die die Flugreise gekostet hatte, hätten sie sich auch eine Waschmaschine leisten können. Umso mehr sah ich also darin ihre Liebe, aber auch die Verantwortung, die ich nun hatte.

So flog ich also Anfang März mit der Fluggesellschaft Avianca zunächst auf die Karibik-Insel San Andrés, von wo ich erst einen Tag später weiterfliegen konnte nach Costa Rica. Ich nutzte den kurzen Aufenthalt, um mal einen Strandspaziergang rund um die Insel zu machen, die wie die meisten Karibik-Inseln nur mit Palmen bewaldet war. Dabei fand ich riesige Muscheln und Meeresschnecken mit perlmuttfarbigen Innenseiten, die ich einsammelte und mitnehmen wollte, aber die Plastiktüte dann später versehentlich liegenließ. Als ich dann am nächsten Tag in San José, der Hauptstadt von Costa Rica, ankam. Musste ich noch mit dem Taxi nach Alajuela fahren, einem Vorort von San José, wo Bruder Francisco Mena (72) wohnte. Die Adresse lautete: „Alajuela, 350 Meter östlich von der Apotheke ´Hermosa´“. Aber erstaunlicherweise konnte der Taxifahrer etwas damit anfangen, denn in Lateinamerika gibt es häufig keine Straßennamen oder Hausnummern. Er hielt vor einem winzigen Friseursalon mit der von Hand geschriebenen Aufschrift „Luz del Mundo“ (Licht der Welt) und sagte: „Hier müsste das in etwa sein“. Und so war es auch. Bruder Francisco war von Beruf Friseur und lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen zusammen mit seiner Frau und seinen drei erwachsenen Kindern Maria (28), David (26) und Rebeca (19). Die Wände ihrer Behausung bestanden aus Holz und gewebten Strohmatten, und die Zimmer waren so klein, dass gerade nur ein Bett reinpasste. Der Sohn David hatte damals bereits eine Brieffreundschaft mit Ruth Condori aus Lima begonnen, aber es fehlte ihm wohl zu sehr an Grips, weshalb Ruth die Hoffnung auf eine Liaison schon bald wieder aufgab. Maria hingegen war hoch intelligent, aber wie ihre Mutter etwas korpulent. Bruder Francisco erzählte mir, dass er sich nur mit seiner Familie und einem gewissen Ricardo Araya (62) versammele, da die vielen anderen Christen in Costa Rica ja nicht bereit seien, die Abendmahlslehre von Bruder Arturo Vicente anzunehmen und man deshalb keine Gemeinschaft mit ihnen haben könne. Ich fragte mich, ob er sich eigentlich überhaupt bemühte um neue Seelen für den HErrn.

Am nächsten Morgen sagte ich zu Francisco, dass ich gerne mal in der Innenstadt evangelisieren würde. „No es possible“ sagte er. „¿Por qué no?“ („Warum nicht?“) fragte ich. „Porque es prohibido, hermano“ („Weil es verboten ist, Bruder“). - „Aber das kann man doch gar nicht verbieten...“ entgegnete ich irritiert. „Doch. Die katholische Kirche ist hier sehr mächtig in Costa Rica und hat das Missionieren gesetzlich unter Strafe stellen lassen.“ – „Tatsächlich? Aber das widerspricht doch völlig der Religions- und Meinungsfreiheit.“ – „Aber es ist nun mal ein Gesetz. Man will den Religionsfrieden wahren. Da können wir nichts gegen machen.“ – „Petrus und die Apostel ließen sich das Evangelisieren aber nicht verbieten, sondern erklärten, dass man Gott mehr gehorchen müsse als Menschen. Heute ist doch Samstag und eine gute Gelegenheit zum Missionieren. Deshalb werde ich heute auf jeden Fall in die Innenstadt gehen.“ – „Wenn Sie bereit sind, ein hohes Bußgeld dafür in Kauf zu nehmen, dann machen Sie das“ sagte Francisco. Wir beteten gemeinsam um Bewahrung, und seine Tochter Rebeca bot an, mich zu begleiten. Als wir auf dem Marktplatz von Alajuela ankamen, stellte ich mich auf ein Podest und begann, laut zu predigen. Innerhalb kürzester Zeit kamen Leute vorbei, um mir zuzuhören. Von weitem sah ich auch zwei Polizisten, die interessiert stehenblieben, aber keine Anstalten machten, um mich am Predigen zu hindern. Es war also scheinbar doch nicht wirklich verboten (oder aber man tolerierte mich einfach als Gringo). Als ich nach einer halben Stunde aufhörte, wurde ich von mehreren Gläubigen umlagert, die alle gleichzeitig redeten und von mir wissen wollten, woher ich käme und welcher Kirche ich angehöre. Drei von ihnen erklärten, dass sie zur ‚Gemeinde Christi‘ gehören und gerne mit mir über die biblische Lehre sprechen würden. Wir unterhielten uns dann über mehrere Punkte, wobei ich viele ihrer Ansichten durchaus teilen konnte. Sie luden mich ein, dass ich doch mal ihren Prediger kennenlernen möge. Wir gingen also gemeinsam in das Haus, wo er wohnte und setzten uns mit ihm in sein Wohnzimmer. Der alte Mann war sehr freundlich zu mir und Rebeca, und als wir uns verabschiedeten, tauschten wir unsere Adressen aus.

Am nächsten Tag verabschiedete ich mich von Familie Mena und fuhr weiter nach Nicaragua. Dort hatte ich im Bus leider ein unerfreuliches Erlebnis, denn die Sitzplätze waren leider nur für Leute mit kurzen Beinen. Als ich aber die Frau neben mir fragte, ob ich mit ihr den Platz tauschen könne, um meine Beine im Gang auszustrecken, weigerte sie sich und machte sich über mich lustig gegenüber den anderen Fahrgästen. Solch eine Unfreundlichkeit gegenüber einem Ausländer hatte ich bisher noch nie erlebt und konnte mir diese nur dadurch erklären, dass ja über Jahre die Kommunisten in Nicaragua geherrscht hatten, die einen Hass auf die Weißen haben. Als ich abends an der Grenze zu Honduras ankam, übernachtete ich in einem „Hotel“ für 5,- Dollar/Nacht, wobei die „Dusche“ aus einer Regentonne bestand mit einer Schale drinnen, mit der man das kalte Wasser schöpfte, um es sich über den Kopf zu gießen. Als ich am Morgen die Grenze überquerte, kam ein etwa 13-jähriger Junge herzu gelaufen, um mir beim Koffertragen zu helfen. Zuvor hatte ich mit ihm ein Trinkgeld von 10 Lempira vereinbart, hatte aber kein Kleingeld dabei. „Macht nichts Mister, ich kann wechseln“. Dann gab ich ihm einen 50 Lempiraschein, mit welchem er auf einmal in einen Laden ging, um – wie er sagte – zu wechseln. Als er nach 5 Minuten noch immer nicht herauskam, hupte der Bus, dass er losfahren wolle. Was machte er so lange da drin? fragte ich mich. Dann ging ich in den Laden, aber der Junge war nicht mehr da. Ich dachte: Er hat’s verdient, und ich habe was dazugelernt.


Im Gefängnis von El Salvador

Am nächsten Tag kam ich schließlich in San Salvador an, der Hauptstadt von El Salvador. Leslie Molina (31) wohnte mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern in Santa Tecla, einer reicheren Siedlung am Stadtrand. Der Vater hatte die Familie ein Jahr zuvor verlassen und war mit einer anderen Frau an einen unbekannten Ort verzogen, worunter die Mutter sehr litt. Leslie war von Beruf Lehrerin und gab sogar Englischunterricht, obwohl sie Englisch nur schreiben, aber nicht sprechen konnte, weil sie die Aussprache selbst nie richtig gelernt hatte. Sie hatten im Haus eine kleine Versammlung, die von einem Bruder namens Napoleon Alverado (71) geleitet wurde. Doch seit dem Tod von Dr. Arturo Vicente aus Kanada sahen sich die Geschwister wie hilflose und unmündige Waisenkinder, da niemand der minder bemittelten Brüder den Bruder Arturo auch nur annähernd ersetzen konnte. Die kleine Hausgemeinde drohte daher zu verfallen, da schon die ersten Geschwister in andere Kreise gingen. Hier wurde mir auf einmal deutlich, wie schädlich das ist, wenn eine Führungspersönlichkeit allein alles am Laufen hält und keine Ämter an andere delegiert. Dadurch werden Gläubige in Unmündigkeit gehalten und können keine eigene geistliche Persönlichkeit entwickeln.

Leslie Molina war extrem schüchtern. Immer wenn ich sie nach ihrer Meinung fragte, lächelte sie nur verlegen und zuckte mit den Schultern. Da war mir sofort klar, dass sie als Ehefrau nicht in Frage kam, denn ich wollte mich ja schließlich auch mal mit meiner zukünftigen Frau unterhalten können und nicht nur still nebeneinanderher leben. Aber immerhin begleitete sie mich auf Schritt und Tritt, so als wäre sie meine persönliche Sekretärin. Ich machte den Vorschlag, dass ich gerne jeden Tag in der Innenstadt evangelisieren würde, und sie brachte mich zu einem großen Platz in der Innenstadt, wo auch andere Evangelisten predigten. Ich stellte mich vor einer Ansammlung von etwa 20 Männern, die auf einer Treppe saßen und müßig darauf warteten, dass die Zeit vergeht. Nachdem ich ihnen jedoch etwa 30 Minuten lang laut das Evangelium verkündigt hatte, erlebte ich eine Überraschung, mit der ich wirklich nicht gerechnet hatte: Ein Großteil der jungen Männer war aufgestanden, hatte mich umringt und stellte mir Fragen wie etwa: „Bruder, sag doch mal, wie siehst Du es: Gilt nur die Taufe im Namen des HErrn Jesus oder auch die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes?“ Einige zückten sogar ihre Bibeln hervor, und ich fragte mich, wozu ich ihnen eigentlich das Evangelium erklärt hatte, da sie es ja offensichtlich längst kannten. El Salvador war also – wie viele andere Länder Lateinamerikas – ein durch und durch christianisiertes Land, wo die allermeisten schon einmal das Evangelium gehört hatten. Daher änderte ich meine Botschaft und predigte in den Tagen darauf über andere biblische Themen. Dabei entstanden nicht selten angeregte Diskussionen über die biblische Lehre. Ein ziemlich gut belesener Christ wollte z.B. mir und den Zuhörern weismachen, dass die Bibel nicht allein Gottes Wort sei, sondern dass es auch heute noch Neuoffenbarungen gäbe. Dazu missbrauchte er Aussagen wie in Joh.16:12 oder 1.Petr.4:11 und ließ sich auch kaum eines Besseren belehren.

Zum Ende der Woche hatte sich dann immerhin einer bekehrt, indem er unter Tränen Buße tat - dem HErrn sei Dank! Am Wochenende fuhren wir dann mit im Wagen von Br. Alfredo Flores nach Agencia in der Provinz von La Union, um dort Geschwister zu besuchen. Am Horizont sah man überall Vulkane, die es hier aufgrund der angrenzenden Kontinentalplatten sehr viele gab. Hier auf dem Land gab es kaum noch richtige Gebäude, sondern nur noch Lehmhütten mit Strohdächern. Alfredo erklärte mir, dass es in El Salvador ein massives Arm-Reich-Gefälle gäbe: in der Hauptstadt San Salvador wohnten die reichen Grundbesitzerfamilien und auf dem Land die Armen, die kaum genug zu Essen hatten. Ich sah Frauen und Kinder, die auf ihren Schultern Wasserkrüge trugen, und an den Flüssen wuschen die Frauen die Wäsche. Alfredo erklärte mir, dass es in den 80er Jahren einen grausamen Bürgerkrieg gab, nachdem eine von den USA unterstützte Militärjunta sich an die Macht geputscht hatte, um einen Sieg der Kommunisten wie in Nicaragua zu verhindern. Mit primitiven Holzgeräten versuchten sich die Bauern gegen die Todesschwadronen zur Wehr zu setzen. Dabei starben etwa 70.000 Menschen. Auch Bruder David Benitez (32), Vater von sechs kleinen Kindern, in dessen Lehmhütte wir übernachteten, wurde von den Militärs ins Genick geschossen und überlebte wie durch ein Wunder.

Am Sonntag versammelten wir uns unter freien Himmel. Von überall her waren Geschwister gekommen, unter ihnen auch der leitende Bruder Lisandro Sandoval (48) aus Lolotique. Am Nachmittag fuhren wir dann zu einem Gefängnis nach Cojutepeque, um dort das Evangelium zu predigen. Bruder Napoleon sagte mir, dass dies eines der schlimmsten Gefängnisse von Lateinamerika sei, wo es eine satanistische Jugendbande namens Mara Salvatrucha gibt, die ihr Geld mit Drogen-, Waffen- und Menschenhandel verdient. Als wir das Gefängnis betraten, wurden wir entsprechend gründlich durchsucht. Dann wurden wir in den Gefängnishof gebracht, wo es etwa hundert Häftlinge gab, die alle noch sehr jung waren (etwa zwischen 18 und 25 Jahren). Ihre Köpfe waren geschoren, und auf ihren freien Oberkörpern sah man überall die Initialen M. S. oder die Zahl 13 eintätowiert. Ich begann, laut auf dem Platz zu predigen. Schon bald war ich umringt von den Sträflingen, die sich auf den Boden setzten und mir zuhörten. Immer wieder wurde ich aber auch unterbrochen von einigen, die mich anbettelten, so dass ich mich sehr konzentrieren musste. Mir taten diese Jugendlichen sehr leid, weil sie schon so früh auf die schiefe Bahn geraten waren und nun die Hölle auf Erden erlebten. Aber offensichtlich gab es auch noch andere, die hier im Gefängnis gepredigt hatten, denn am Ende wurde ich von ein paar Jugendlichen angesprochen, die bereits gläubig geworden waren und sich regelmäßig zusammen trafen zum Gebet und zur Bibellese. Das hat mich sehr gefreut.

Nach einer sehr gesegneten Woche machte ich mich am 23.03. wieder auf den Rückweg nach Lima, von wo aus ich am 15.04. zurück nach Deutschland fliegen musste. Mein Problem war jedoch, dass ich kaum noch Geld hatte. Es reichte gerade noch, um damit nach Costa Rica zu reisen, von wo aus ich mit dem bereits bezahlten Flugticket nach Bogotá zurückfliegen konnte. Aber von dort müsste ich mir noch einmal Geld leihen von Bruder Pepe, um nach Lima zurückzukehren. Ab jetzt musste ich absolut sparsam sein! Als ich am späten Nachmittag in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua ankam, hatte ich noch nicht einmal mehr Geld übrig, um mir etwas zu Essen zu kaufen, geschweige denn für eine Unterkunft, weil ich das letzte Geld ja für die Busreise nach Costa Rica brauchte. Ich betete und bat den HErrn, dass Er mich versorgen möge. Für etwa 5.000 Córdobas (ca. 5,- Dollar) fuhr ich an die Grenze zu Costa Rica zu einem keinen Dorf namens Sapoa, in der Nähe vom Nicaragua-See. Schon bald kam ein Taxifahrer, der mich zu einem Hotel fahren wollten, aber ich lehnte dankend ab. Der Taxista ließ nicht locker, so dass ich ihm bekennen musste, dass ich mir ein Hotel nicht leisten könne. „Ich kann Sie zu einer sehr preisgünstigen Herberge hinfahren, wo Sie nur 7 Dollar pro Nacht zahlen.“ – „Auch das ist noch zu viel für mich, deshalb suche ich mir etwas Günstigeres.“ Ich ließ ihn irritiert zurück und ging mit meinem Rucksack und meiner Reisetasche an den Rand des Dorfes. Dann ging ich auf ein Feld und legte mich unter ein paar Bäumen auf den Acker. Die Sonne war untergegangen und der Himmel leuchtete in einem rot-orangem Farbton, so als wollte der HErr mir all Seine Liebe zu mir ausdrücken. Ich schlief schon bald ein, doch wurde gegen Mitternacht plötzlich geweckt durch Schläge, die auf mich niedergingen. Es dauerte eine Weile, bis ich im Halbschlaf registrierte, dass ein starker Wind aufgekommen war, der das überreife Obst von den Bäumen wehte. Aber ich war einfach zu müde, um aufzustehen und ließ die Früchte einfach auf mich niederprasseln. Als ich am Morgen aufwachte, war das ganze Feld übersät mit gelben Mangos. Ich dankte dem HErrn und freute mich wie die Kinder Israel über das Manna, dass der HErr in der Nacht für mein leibliches Wohl gesorgt hatte. Ich aß, so viel ich konnte und nahm mir auch noch Mangos als Proviant mit. Meine Hände waren so klebrig, dass ich unbedingt Wasser brauchte zum Waschen. Doch nur wenige Hundert Meter entfernt war ja der 8.000 km² große Nicaragua-See! Wie wunderbar der HErr für mich sorgte, dass ich mich nun auch baden konnte!


Mit Gott eine Mauer überspringen

Nachdem ich in Bogotá angekommen war, erzählte ich Bruder Pepe von meinen Erlebnissen auf der Reise, und wie der HErr mir beigestanden hat in meiner Not. Pepe machte den Vorschlag, dass wir beide vor meiner Weiterreise noch unbedingt mal die Geschwister in Tame und Betoyes besuchen sollten, zwei Dörfern an der Grenze zu Venezuela. Bei meiner Hinreise, war ein Besuch dort noch zu gefährlich, da die Region dort das Stammesgebiet der ELN- und FARC-Terroristen sei, die schon seit 30 Jahren einen erbitterten Krieg gegen die Regierungssoldaten führen und schon weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Die Guerillaverbände finanzierten ihren Kampf nicht nur durch Drogenhandel, sondern auch durch Entführungen von Touristen, weshalb eine solche Reise nicht ganz unriskant für mich war. Aber wir vertrauten auf Gott und befahlen uns dem HErrn an. Noch in derselben Nacht fuhren wir los mit dem Überlandbus und kamen nach 14 Stunden am nächsten Morgen in Tame an, wo uns Bruder Elder herzlich willkommen hieß. In der Stadt Tame, die in der Zona Arauca im Nord-Osten Kolumbiens lag, wohnten nur einige wenige, sehr arme Brüder; in Betoyes hingegen, einem Dorf mitten im Urwald, versammelten sich etwa 80 Geschwister, alles mehr oder weniger reiche Viehbesitzer. In Betoyes hatte ich den Eindruck, ich sei im Wilden Westen angekommen: Vor den Tavernen standen die Pferde angebunden an der Wassertränke, und am Rande der staubigen Pisten saßen die Cowboys bei 37 ˚C mit ihren Sombreros und Buschmessern und warteten, bis ein Haciendabesitzer sie anheuert, für 3000 Pesos pro Tag (8,- DM) ihre Herden zu hüten oder in ihren Zuckerrohrplantagen zu arbeiten.

Ein Gringo wie ich (aus dem engl. Greenhorn) war in dieser Gegend schon eine Seltenheit, weshalb sich viele nach mir umschauten. Wir hatten uns in den 5 Tagen dort zwei bis dreimal täglich versammelt, worüber sich die Geschwister sehr gefreut haben. Denn es fehlte ihnen sehr an erbaulicher Wortverkündigung, weil sie sich wegen ihrer vielen Arbeit kaum Zeit nehmen, selbst in der Bibel zu lesen. Durch unseren Besuch wurden sie aber richtig wachgerüttelt, sich mehr mit der Schrift zu beschäftigen. Am Sonntagmorgen machte ich mit Bruder Pepe einen Spaziergang am Rande des Urwalds, als plötzlich die Guerilleros auftauchten. Sie waren zu zweit auf einem Motorrad und fuhren um uns herum, wobei sie uns misstrauisch anschauten und dann weiterfuhren. Gleich darauf kamen die Brüder aufgeregt mit dem Jeep an und riefen uns, einzusteigen. Sie waren sehr besorgt um uns, weil auch sie die Terroristen vorbeifahren sahen. Noch am selben Sonntag brachten sie mich und Pepe zur Busstation und befahlen uns der Obhut des HErrn an. Olivio (20), der jüngste Sohn von Rosendo Zubieta (65), dem leitenden Bruder in Betoyes, musste sein Elternhaus verlassen, weil die Terroristen ihn rekrutieren wollten und er sich weigerte. Er floh nach Bogotá, um nicht von ihnen getötet zu werden.

Als wir wieder nach Bogotá zurückgekehrt waren, blieb ich noch zwei Tage bei Familie Gomez. Am Nachmittag, als ich gerade etwas las, hörte ich unten ein lautes Geschrei. Ich rannte die Treppe runter und machte die Tür auf, wo das Geschrei herkam. Da sah ich Janet, wie sie laut heulend im Arm ihrer Mutter lag. Ich fragte, was passiert sei, aber Waldina gab mir ein Zeichen, dass jetzt gerade nicht der richtige Moment sei. Später erzählte sie mir, dass Janet sich in einen Soldaten verliebt habe und mit ihm auch intim war. Er versprach ihr, sie zu heiraten, aber dann erfuhr sie, dass er längst verheiratet war und sie nur benutzt hatte. Deshalb sei sie am Boden zerstört, da er ihre große Liebe gewesen sei. Ich dachte nur: Jetzt hat sie selbst mal die Erfahrung gemacht, dass sich Gläubige nicht in einen Ungläubigen verlieben dürfen. Ich hatte sie ja gewarnt, aber sie wollte nicht auf mich hören.

Nun blieben mir nur noch 11 Tage, um von Peru aus nach Deutschland zurück zu reisen. Da ich völlig blank war, gab mir Pepe erneut Geld für die Rückreise und auch für Verpflegung für unterwegs. Schwester Fidela Gutiérrez, die die ganze Zeit bei den Gomez gewohnt hatte, sollte mit mir zurückreisen nach Guayaquil. Doch als wir nach ein paar Stunden auf einem Rastplatz haltmachten, bettelte mich Fidela an, ob ich ihr nicht etwas zu Essen kaufen könne. „Hat dir der Pepe denn keine Verpflegung oder Geld mitgegeben?“ fragte ich verwundert. „Nein, hat er nicht.“ Das konnte ich mir zwar kaum vorstellen, aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie mich anlügen würde. Und so ging es dann die ganze Fahrt über weiter, dass ich ihr regelmäßig Essen kaufte, bis wir in Ipiales ankamen, dem Grenzort zwischen Kolumbien und Ecuador. Ich bat Fidela, dass sie bei den Koffern stehen bleiben sollte, während ich in die Zollstation ginge, um die Stempel für die Pässe zu kriegen. Da ich jedoch eine Bescheinigung vergessen hatte, ging ich nochmal zurück und sah, wie Fidela sich gerade ein Souvenir kaufte. „Sag mal, Schwester Fidela, du hast mir doch gesagt, dass du absolut kein Geld hast. Und jetzt kaufst du hier hinter meinem Rücken Andenken ein! Dann hast du mir also nicht die Wahrheit gesagt!“ Sie schaute mich mit betretenem Gesichtsausdruck an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Als wir später wieder im Bus nach Quito saßen, schimpfte ich heftig mit ihr, dass sie sich schämen solle, als Christin zu lügen. Fidela aber machte nur eine verschämte und verlegene Miene und sagte kein Wort.

Als wir nach insgesamt 37-stündiger Busfahrt zusammen abends in Guayaquil ankamen, stand die Millionenstadt unter Wasser. Die starken Regenfälle der Vortage hatten den Süden Ecuadors in ein riesiges Meer verwandelt, so dass die Autos wie Boote durch die kniehohen Wasserstraßen fuhren. Am Samstag fuhr ich dann mit Bruder Nelson im Motorboot aufs Land, um die Familie Mendiolaza zu besuchen. Durch die intensive Äquatorsonne und den reflektierenden Wasserspiegel hatte ich schon bald einen starken Sonnenbrand. Wir hatten aber gute Gemeinschaft miteinander und besprachen mit dem Lehrer Abraham Mora die Einzelheiten, wie er den Schulunterricht auf dem Land organisieren könne. Ich versprach, in Deutschland Spenden zu sammeln, um eine richtige Tafel, Tische und Sitzbänke davon zu kaufen. „Der Unterricht könnte im Schatten der Bäume stattfinden“ schlug ich vor. „Das geht nicht“ wandte Nelson ein, „denn wir müssen ja die Tafel und Tische irgendwo unterstellen, damit sie nicht gestohlen werden.“ – „Aber dafür würde doch ein einziger Raum reichen, den man abschließen kann“. – „Nein, Bruder Simon, wir bauen eine richtige Schule!“ sagte Nelson.

Am Montag machte ich mich dann auf, um nach Lima zurückzukehren. Als ich aber in der Grenzstadt Tumbes ankam, erklärte man mir, dass kein Bus mehr nach Lima fahre, da die Panamericana (Küstenstraße) von starken Wassermassen aus dem Gebirge weggespült wurde und sich ein breiter Fluss gebildet habe, der die Straße unterbrach. „Und wann ist die Straße wieder passierbar?“ fragte ich. „Frühestens in einem Monat, denn um die Straße wiederherzurichten, muss der Fluss erst umgeleitet werden.“ – „Aber ich muss spätestens in einer Woche in Lima sein, weil dann mein Flug nach Deutschland geht, und ich kann ihn nicht verlängern.“ – „Dann müssen Sie mit dem Flugzeug nach Lima reisen.“ – „Aber dafür habe ich kein Geld!“ – „Tut mir leid, junger Mann, aber da kann ich Ihnen nicht helfen.“ – „Aber gibt es denn nicht irgendeine andere Route, um nach Lima zu kommen?“ – „Nein, gibt es nicht!“ blaffte mich der Ticketverkäufer ungeduldig an. Ich war verzweifelt, zumal ich nur noch umgerechnet 25,- Dollar übrig hatte von Pepes Geld, und allein die 22-Stündige Busfahrt hätte ja schon 23,- Dollar gekostet. Wie sollte ich von 2,- Dollar überhaupt leben? Zumal jetzt ja noch nicht mal ein Bus fuhr…

Da erinnerte ich mich an jenen Bibelvers aus Psalm 18, den Bruder Edgard immer wieder zitiert hatte: „Mit meinem Gott werde ich eine Mauer überspringen“ (Ps.18:29). Ich betete und flehte den HErrn um Gnade an, dass ich doch irgendwie nach Lima zurückkäme. Dann fragte ich bei anderen Busstationen nach, aber alle sagten das gleiche, dass es keine Busfahrten nach Lima gäbe. Doch dann machte mir ein Busunternehmen Hoffnung: „Wir fahren die Panamericana runter bis zur Unglücksstelle, und dann muss jeder sehen, wie er den Fluss überquert, zur Not muss man eben schwimmen. Das ist aber nicht ganz ungefährlich, denn der Fluss hat eine sehr starke Strömung.“ – „Und wie soll ich mein Gepäck über den Fluss kriegen?“ – „Keine Ahnung.“ Wie sollte er es auch wissen können. Aber in mir keimte Hoffnung auf, denn es stand ja geschrieben: „Keinen Ausweg sehend und doch nicht ohne Ausweg“ (2.Kor.4:8). Auch Mose wusste nicht, wie die Kinder Israel das Schilfmeer durchqueren konnten, aber dann zeigte Gott ihm Seine Macht. Und schließlich hatte ich ja gebetet, und der HErr hatte sicherlich schon jetzt einen Plan für mich, selbst wenn ich diesen noch nicht sehen konnte. Ich sollte diesen Bus nehmen, und das tat ich dann auch. Nach etwa drei Stunden erreichten wir die Unglücksstelle. Es war kurz nach Mitternacht, und wir waren mitten in der Wüste. Die meisten Fahrgäste schliefen, aber ich stand auf und wollte den Bus verlassen. Denn da ich kaum noch Geld hatte, um mir etwas zu Essen zu kaufen, wollte ich nicht bis zum Morgen warten. Der chofer (Schaffner) stellte sich mir in den Weg: „Mister, Sie können jetzt nicht aussteigen, denn es ist mitten in der Nacht. Warten Sie doch wie die anderen bis es hell wird, dann können Sie immer noch versuchen, den Fluss zu überqueren. In der Dunkelheit ist es viel zu gefährlich!“ – „Ich weiß,“ sagte ich, „aber ich muss so schnell wie möglich in Lima sein, deshalb muss ich das Risiko auf mich nehmen.“ – „Wie Sie meinen. Ich habe Sie ja gewarnt.“ Er ließ mich durch, und auch zwei andere Frauen nahmen schnell ihr Gepäck und folgten mir.

Wir gingen an einer ganz langen LKW-Schlange entlang. Die Leute hatten sich z.T. hier mitten in der Wüste ein Lagerfeuer gemacht. Als wir den Fluss erreichten, erklärte ich den beiden Frauen, dass ich vorangehen würde, um zu testen, wie tief das Wasser ist. Sollte das Wasser mir bis zur Brust gehen, dann konnten sie sich immer noch für einen anderen Weg entscheiden. Sie waren sofort damit einverstanden, zumal ich sie um einen Kopf überragte. Dann nahm ich meinen Rucksack auf den Kopf und stieg in den Fluss, der etwa 50 Meter breit war. Das Wasser ging mir bis zur Taille, und die Strömung war wirklich sehr stark. Dennoch konnte ich sicher treten ohne das Gleichgewicht zu verlieren, und auch die anderen beiden Frauen waren sehr tapfer. Schließlich erreichten wir das andere Ufer, wo schon eine kleine Gruppe beisammensaß, die es ebenso geschafft hatte. Sie sagten mir, dass ein Bus um 4:00 Uhr käme, um nach Piura zu fahren, und von dort führe dann wieder ein Bus nach Lima. So unterhielten wir uns drei Stunden miteinander - was wegen der vielen Mücken nicht ganz angenehm war – bis dann tatsächlich ein Bus eintraf, der uns nach Piura fuhr.

Als wir dort um 5:30 Uhr ankamen, erkundigte ich mich beim Busunternehmen, wann der nächste Bus nach Lima abführe. „Um 6:00 Uhr, Mister.“ – „Das ist ja fantastisch!“ sagte ich. „Dann fährt er also in einer halben Stunde!“ – „Nein, Mister, um 6:00 Uhr heute Abend…“ Das war für mich ein Schock, denn das bedeutete ja, dass ich den ganzen Tag in Piura warten müsste, wo doch Ricardo gesagt hatte, dass es der gefährlichste Ort von Peru sei mit der höchsten Kriminalität. Durch Gottes Güte erlaubte man mir, dass ich mein Gepäck dort kostenlos hinterlegen konnte. Nach dem Kauf des Tickets blieben mir nur noch umgerechnet 1,50 DM übrig, von denen ich noch 0,70 DM für den Stadtbus in Lima brauchen würde, um zu den Condoris zu gelangen. Also hatte ich 0,80 DM, um für die nächsten 27 Stunden über die Runden zu kommen. Ich kaufte mir eine Flasche mit 1,50 L Wasser für umgerechnet 50 Pfennig und musste dann noch 20 Pfennig für die Toilettennutzung bezahlen. So verbrachte ich den Tag zwangsläufig mit Fasten und Beten bis ich am Abend dann den Bus nach Lima nehmen konnte. Ich hatte mit meinem Gott die Mauer überspringen können.

Mit umgerechnet 80 Pfennig kam ich dann am nächsten Tag gegen 10:00 Uhr in Lima an. Ich war sehr durstig, hatte aber kein Geld mehr, um mir etwas zu Trinken zu kaufen. Ich erkundigte mich, welcher Bus nach Matute fuhr und wollte dann in diesen einsteigen. Doch kam ich mit meinem Rucksack nicht durch die Tür, so dass ich ihn erst abnehmen musste. Dabei stellte ich mein Handgepäck kurz auf den Boden, um den Rucksack von der Schulter zu nehmen. Im Augenwinkel registrierte ich noch, wie jemand meine Umhängetasche beiseiteschob. Doch als ich mich hinsetzen wollte, war die Tasche verschwunden. Mein Herz schlug heftig und ich rief zum Busfahrer: „Baja, baja!“ (Anhalten, anhalten!). Ich hoffte, den Dieb beim Aussteigen zu entdecken, aber sowohl drinnen wie draußen waren zu viele Leute, so dass man nichts sehen konnte. Die Tasche war weg. Doch noch wollte ich nicht aufgeben. Als ich in Matute ankam, war niemand da außer Bruder Daniel Caichihua (40), der gerade zu Besuch war und mir die Tür aufmachte. Ich erzählte ihm von dem Diebstahl und bat ihn, mit mir zur Polizei zu gehen. Denn immerhin waren in der Tasche nicht nur viele Wertgegenstände wie mein Fotoapparat, mein Kassettenrekorder und mein Adressbuch, sondern auch mein Pass, den ich ja dringend brauchte, um nach Deutschland zurückzukehren. Daniel war einverstanden, mich zum Kommissariat zu begleiten.

Als wir dort ankamen, erklärte ich den Polizeibeamten, wie und wo der Diebstahl passiert sei. „Ja, und was denken Sie, können wir für Sie tun?“ fragte einer der Beamten. „Ich möchte eine Anzeige aufgeben!“ – „Eine Anzeige möchten Sie machen? Gegen wen denn?“ – „Natürlich gegen den Dieb! Denn wenn sie ihn gefasst haben, dann wissen Sie, dass mir die Tasche gehört.“ Die Polizisten schauten sich gegenseitig an und lächelten. Dann sagte einer: „Das Problem ist, dass wir hier keinen Schreibblock haben, um Ihre Anzeige aufzunehmen. Wenn Sie freundlicherweise einen Schreibblock kaufen könnten, dann nehmen wir die Anzeige sofort auf.“ Ich merkte gar nicht, dass sie mich veräppeln wollten, sondern kaufte in einem nahegelegenen Schreibwarenladen ein cuaderno, das ich ihnen dann übergab. Mit Schönschrift schrieb der Beamte dann meine Angaben auf die erste Seite und ließ mich dann unterschreiben. Dann versprach er uns, dass sie sich bei uns melden würden, falls der Dieb irgendwann einmal gefasst werden sollte und verabschiedeten uns. „Irgendwann einmal“? dachte ich. Allmählich dämmerte mir, dass sie gar nichts unternehmen würden und bei so viel Diebstählen in dieser Stadt auch gar nicht dazu in der Lage wären. Die Anzeige war also nur ein Scherz gewesen, um sich über mich lustig zu machen. Der HErr wollte, dass ich diesen Diebstahl aus Seiner Hand nehmen sollte, so wie geschrieben steht: „Der HErr hat gegeben, der HErr hat genommen, - gepriesen sei der Name des HErrn!“ (Hiob 1:21). Ich musste aber zur Deutschen Botschaft, um mir provisorische Ausweispapiere machen zu lassen.

Auch mein Freund Ricardo wurde in jenen Tagen bestohlen, und zwar um all seine Ersparnisse auf seinem Bankkonto. Denn am 05.04.92 hatte sich der gerade erst gewählte Präsident Alberto Fujimori durch Auflösung des Parlaments zum Diktator erklärt, was zu Panikabbuchungen auf den Konten und einer Bankenpleite führte. Kurz darauf verlor Ricardo auch noch seinen gut bezahlten Posten beim Fischfangministerium. Um seine Familie über Wasser zu halten, verdiente er sich Geld, indem er Butterbrote machte und sie an Angestellte und Fabrikarbeiter verkaufte. Doch wenigstens gelang es mir durch Gottes Gnade in der letzten Woche meines Aufenthalts in Peru, den Ricardo wieder mit dem alten Bruder Luis zu versöhnen, so dass die drohende Spaltung der Gemeinde vorläufig abgewendet wurde. Rückblickend konnte ich nur staunen, wieviel Segen mir der HErr in diesen 3 Monaten geschenkt hatte, um dadurch auch anderen ein Segen sein zu können. 500 Jahre nach der Entdeckung Südamerikas durch Kolumbus durfte auch ich Südamerika entdecken und wusste nun, dass der HErr mich auch zukünftig hier noch verwenden würde zu Seinem Dienst. Doch das größte Abenteuer und zugleich das kostbarste Geschenk vom HErrn sollte mir dann erst zwei Tage vor meiner Abreise nach Deutschland begegnen…

Fortsetzung folgt 😉