"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

(2. Sam. 23:4)

Suchmaschine

Statistik - Besucher

Heute 267 Gestern 477 Woche 267 Monat 4312 Insgesamt 540794

Kubik-Rubik Joomla! Extensions

Seite übersetzen?

buch

Achtung: Ab jetzt gibt es bei mir das Buch „Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen“ (733 Seiten) zu bestellen, und zwar für 5, - € an Selbstkosten zzgl. 3, - € Porto; den Betrag von 8, - € kannst Du direkt als Spende für ein Kinderheim in Rumänien überweisen (Kto.-Nr. steht auf der letzten Seite des Buches). Bitte schick mir einfach eine E-Mail mit Deiner Adresse und ich sende Dir das Buch zu.

„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

„Als ich in Seinem Licht durch das Dunkel wandelte“ Teil 28

Januar – März 1993

Taschendiebe und Betrüger

Am Neujahrsabend wollten wir wieder zurückfahren nach Lima. Während der fünfstündigen Busfahrt waren wir beide eingenickt. Im Halbschlaf spürte Ruth etwa eine halbe Stunde lang ein Streicheln in ihrem Nacken und dachte die ganze Zeit, dass ich das war. Doch irgendwann bemerkte sie, dass ich ihre linke Hand mit beiden Händen auf meinem Schoß hielt. Als ihr klar wurde, dass ich nicht drei Hände haben konnte, drehte sie sich erschrocken um: Ein fremder Mann hatte sie die ganze Zeit hinter ihr gestreichelt! Erst als sie mit ihm schimpfte, bemerkte auch ich, was passiert war und schimpfte ebenso mit diesem Lüstling. Doch bald darauf, als wir an einem anderen Abend in einem Stadtbus in Lima saßen, geschah es schon wieder, aber diesmal bei mir: ich hatte Ruth die ganze Zeit mit meinem linken Arm um die Schulter gefasst, als ich auf einmal ein Streicheln an meiner linken Hand verspürte. Ich dachte, dass Ruth das war. Aber plötzlich merkte ich, dass ein Taschendieb mir durch das offene Fenster im Bus meine Armbanduhr von außerhalb des stehenden Busses abgenommen hatte und sofort auf und davon war.

Ruth hatte mich ja schon vorgewarnt, dass es in Lima überall rateros gäbe, d.h. Trickdiebe, und ich deshalb keine Wertsachen mitnehmen sollte, wenn wir mal in der Stadt unterwegs waren. Doch an einem Abend, als wir nach der Bibelstunde an der Bushaltestelle der Avenida Abancay warteten, riss ein Dieb der Ruth die Handtasche von der Schulter. Ruth konnte sie zwar zunächst noch festhalten, aber als ich mich umwandte und ihn sah, war er schon mit der Handtasche losgelaufen. Ich rannte hinter ihm her. Er lief auf die Hauptstraße um die stehenden Autos und Busse herum. Als ich mich hinter einem Bus umsah, war er schon verschwunden. In der Handtasche waren unsere beiden Bibeln drinnen, sowie meine kaputte Brille – sonst nichts. Was soll’s, dachte ich. Vielleicht würde er ja in einer der Bibeln lesen und zum HErrn finden, dann hätte sich das ganze noch gelohnt. Doch es sollte anders kommen: zwei Tage später bekam Ruth einen Anruf von der Polizei. Man hatte doch tatsächlich ihre Handtasche gefunden mit den beiden Bibeln drin! Nur die kaputte Brille hatte der Dieb für sich behalten, aber mit den Bibeln konnte er nichts anfangen oder wurde von einem schlechten Gewissen geplagt. Zum Glück hatte Ruth ihren Namen und Telefonnummer in ihre Bibel geschrieben, so dass wir die Handtasche bei der Polizei abholen konnten.

An einem Abend war ich zusammen mit Ruth im Kino gewesen, als wir in der Fußgängerzone von Geldwechslern angebettelt wurden, ob wir nicht Dollar wechseln wollten. Wir wimmelten sie wie immer ab. Doch dann zeigte mir einer von ihnen auf dem Taschenrechner seinen Wechselkurs von 2,62 Soles/ Dollar, und da wurde ich stutzig. Ich hielt Ruth an und flüsterte ihr zu: „Er bietet uns einen Kurs von 2,62 an, dabei liegt der Kurs nur bei 2,26 Soles. Das sollten wir unbedingt annehmen!“ Ruth war misstrauisch: „Bestimmt wird er uns gefälschte Soles geben…“ Aber sie ließ sich schließlich überreden. Wir wollten bei ihm vorsichtshalber erst einmal nur 30 Dollar wechseln. Er tippte die Zahlen in seinen Taschenrechner und zählte uns 78 Soles und sechzig Cent ab. Ruth war äußerst misstrauisch und schaute sich jeden einzelnen Schein an, ob er auch echt sei. Irgendwo musste doch ein Harken an der Sache sein, denn wer verzichtet freiwillig schon auf rund 4,78 Dollar, die er mehr hätte bekommen können. Wir gaben ihm die vereinbarten 30 Dollar, und auch er prüfte ihre Echtheit. Auf einmal sprach ihn ein anderer Wechsler an und sagte: „Sag mal, bist Du etwa bescheuert, dass du hier Dollar für 2,62 Soles verkaufst? Der Kurs ist doch schließlich 2,26 Soles! Da hast Du einen Zahlendreher!“ – Unser Wechsler reagierte entsetzt: „Echt? Oh nein! Da habe ich nicht aufgepasst! Dann machen wir das wieder rückgängig.“ – „Nein, das geht jetzt nicht mehr!“ sagte Ruth. Ich sagte: „Lass mal, Ruth. Das kann jedem mal passieren. Gib ihm die Soles zurück, und er soll uns die 30 Dollar zurückgeben.“ So geschah es, und wir verabschiedeten uns.

Plötzlich pfiff uns ein Polizist zurück, der das Gespräch mitbekommen hatte und auf einmal neben den beiden Wechslern stand. Wir kamen wieder her und waren irritiert. „Geben Sie mir mal die 30 Dollar, Mister“ sagte der Polizist. Ich überreichte sie ihm, und zu unserem Entsetzen zerriss er sie vor unseren Augen. An den Wechsler gewandt sagte der Polizist: „Und jetzt gebt dem Ehepaar die echten 30 Dollar zurück!“ Sofort überreichte er uns andere 30 Dollar. Erst jetzt verstand ich, dass die anderen 30 Dollar gefälscht waren und wir nicht bemerkten, dass er sie ausgetauscht hatte. Dann erklärte uns der Polizist: „Wenn die Dollar echt gewesen wären, dann hätte man sie nicht einfach zerreißen können, denn sie sind reißfest. Aber ich ahnte schon, dass sie euch reinlegen wollten.“ Jetzt verstand ich auch, dass die beiden Wechsler heimlich unter einer Decke standen und die ganze Aufregung nur gespielt war, um uns falsche Dollars gegen echte zu geben. Dann sagte der Polizist zu den beiden Gaunern: „Und jetzt verschwindet von hier! Ich will euch hier nicht mehr sehen! Beim nächsten Mal verhafte ich euch!


Verhaftet in den USA

Am 13.01.93 war nun endlich unser Trauungstermin vor dem Standesamt. In den Tagen zuvor hatten wir uns noch in sämtlichen Ämtern und Ministerien die notwendigen Papiere für die Hochzeit besorgt, wie z.B. einen Gesundheitsnachweis, ein Führungszeugnis etc. Doch als wir morgens in der Municipalidad (Bürgerzentrum) von La Victoria, unserem Stadtteil, ankamen, um uns trauen zu lassen, erfuhren wir, dass wir noch immer einige Papiere, Stempel und Unterschriften benötigten. Zum Glück waren die dafür zuständigen Behörden alle unter dem Dach dieses Bürgerzentrums untergebracht. Allerdings sagte man uns, dass dies um 12:00 Uhr schließen würde, weshalb wir uns mit der Einbringung der fehlenden Unterlagen beeilen müssten, um noch rechtzeitig zu heiraten. So rannten wir an jenem Vormittag von einem Büro zum nächsten und mussten jedes Mal die zuständige Sachbearbeiterin anflehen, uns doch möglichst sofort die notwendige Bescheinigung auszustellen. Gegen 11:40 Uhr hatten wir endlich alle Unterlagen zusammen und rannten die Treppe hoch zum Trauungsraum, zusammen mit Ruths Eltern und den beiden Trauzeugen. Völlig schweißgebadet und außer Atem standen wir nun vor der großen Eichentür, als der Standesbeamte mit seiner Entourage die Treppe hochkam. Als er die Tür aufschloss, fragte er uns witzelnd: „Na, haben Sie sich das auch wirklich gut überlegt mit der Hochzeit? Noch ist es nicht zu spät!“ Als wir eingetreten waren, fragte er mich: „Und? Wieviel Kinder wollen Sie denn später haben?“ – „Zehn!“ antwortete ich entschlossen. „Na, dann haben sie sich ja viel vorgenommen.“

Nach zwanzig Minuten war die Trauung auch schon vorüber, und wir gingen erleichtert hinaus auf den großen Plaza de Manco Cápac. Nun waren wir endlich auch offiziell verheiratet und konnten als Eheleute übermorgen nach Deutschland fliegen. Da kam mir auf einmal ein Gedanke: „Ruthi, wir sollten vielleicht morgen noch mal zur Fluggesellschaft fahren, und unsere Flugtickets bestätigen lassen. Nicht, dass es noch irgendeine Überraschung gibt.“ Und so fuhren wir am nächsten Tag nach Miraflores zur Zentrale von American Airlines und legten unsere Tickets und Ausweise vor. Doch da sagte uns die Dame zu unserer Überraschung: „Señor Poppe, Sie können morgen fliegen, aber nicht Ihre Ehefrau, denn sie hat kein Visum für die Vereinigten Staaten. Denn Ihr Flug geht ja über die USA.“ – „Aber wir wollen uns doch gar nicht in den USA aufhalten, sondern gleich nach Deutschland weiterreisen. Wozu braucht man dann ein Visum?“ – „Das ist leider die Vorschrift. Ihre Frau darf noch nicht einmal hier ins Flugzeug steigen, wenn sie kein Visum hat. Tut mir sehr leid.“ – „Aber wir haben doch beide ein Flugticket. Und wenn wir den Flug nicht antreten, dann verfällt das Ticket!“ – „Es tut mir leid, Señor, aber so sind die Vorschriften.“ –

Wir waren entsetzt. Das durfte doch nicht wahr sein! Ruth schimpfte mit mir, dass ich daran nicht gedacht hatte. Aber ich versicherte ihr, dass ich das nicht gewusst hatte. „Entschuldigen Sie,“ sagte Ruth zu der Dame, „könnten wir mal mit ihrem Vorgesetzten sprechen?“ – „Ja, selbstverständlich. Ich sage ihm Bescheid.“ Als sie wegging, sagte Ruth zu mir: „Lass uns mal beten, dass der HErr uns doch Gnade gebe in seinen Augen und wir irgendwie doch noch fliegen können.“ Wir beteten kurz und flehten den HErrn um Gnade an. Dann kam der Vorgesetzte, und wir erklärten ihm, dass wir erst gestern geheiratet hätten und unbedingt jetzt diesen Rückflug nach Deutschland nehmen müssten, da unsere Tickets sonst verfallen würden. Er schaute in seinen Computer und sagte, dass er mal einige Telefonate führen müsste. „Ich werde alles versuchen, was in meiner Macht steht, aber ich kann ihnen nicht versprechen, dass das klappt.“ Als er weg war, beteten wir weiter. Ich war mir sicher, dass der HErr nur unseren Glauben prüfen wolle und versuchte, Ruth zu beruhigen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Mann endlich zurück und sagte: „Ich habe grünes Licht bekommen. Sie können fliegen. Allerdings mussten wir Ihr Ticket vorverlegen auf heute Nacht. Ihr Flug geht um Mitternacht. Es besteht aber noch immer ein gewisses Risiko, dass sie in den USA Ärger bekommen können, denn Ihre Einreise ist illegal.

Wir waren überglücklich und dankten Gott. Schnell packten wir unsere letzten Sachen zusammen und fuhren am Abend zum Flughafen von Lima. Unter vielen Tränen verabschiedete sich Ruth von ihren Eltern und Geschwistern. Als das Flugzeug schließlich abhob, waren wir sehr erleichtert und dankten dem HErrn für all Seine Güte und Bewahrung. Nach etwa 8 Stunden Flug kamen wir in Chicago an, einem der größten Flughäfen der Welt. Hier hatten wir nun sieben Stunden Aufenthalt, bis am Nachmittag unser Flug nach Frankfurt ging. Wir schlenderten mit unserem Handgepäck durch die riesige Flughafenhalle. Noch nie hatte Ruth so viele Gringos (Weiße) auf einmal gesehen. Plötzlich hörten wir über Lautsprecher eine kaum hörbare Ansage: „Mister Seimin Pappi, xxyxyxyxyxyxxy….“ Ich verstand kein Wort, meinte aber, meinen Namen gehört zu haben. Nach drei Minuten wieder: „Mister Seimin Pappi, xyxyxyxyxyxyx…“ Jetzt war ich mir sicher, dass da mein Name genannt wurde. Ich sprach jemanden an und bat ihn, mir doch mal bei der nächsten Durchsage mitzuteilen, was man von mir wolle. Als die Durchsage zum dritten Mal kam, sagte er uns, wir sollten mal zum Immigrations-Büro (USCIS) gehen und zeigte auf eine Tür. Dort gingen wir hinein und fragten, was man von uns wolle. Auf einmal wurden wir von zwei Polizisten verhaftet. Man erklärte uns, dass Ruth illegal eingereist sei und dies eine Straftat darstelle. Da wir jedoch nach Deutschland weiterreisen wollten, ginge es nur darum, dass man uns bis zum Abflug in Gewahrsam nehmen müsse. Sie brachten uns in einen Raum, den wir für die nächsten Stunden nicht verlassen durften. Selbst auf Toilette wurden wir von der Polizei begleitet, damit wir auch ja nicht untertauchten. Sogar bis ins Flugzeug wurden wir am Ende von den Beamten begleitet. Wir fanden das reichlich übertrieben, hatten aber auch ein wenig Verständnis.

Als wir dann nach weiteren 9 Stunden Flug schließlich in Frankfurt ankamen, hatten wir ein weiteres Problem: Ich hatte gar kein Geld mehr, um mit dem Zug weiter nach Bremen zu reisen. Zu zweit würden wir etwa 200,- DM brauchen. Aber ich hatte schon eine Idee: in einer Telefonzelle suchte ich im Telefonbuch nach der Telefonnummer der Missionsgemeinde Frankfurt, von der ich nur wusste, dass es sie gibt, ohne jemanden dort persönlich zu kennen. Ein Bruder ging an den Apparat, und ich erklärte ihm meine Situation. Da ich ihm auch Namen aus der Missionsgemeinde Bremen nennen konnte, glaubte er mir und war sofort bereit, uns das Geld vorbeizubringen. Ich dankte ihm für sein Vertrauen und versprach, dass ich ihm das Geld unverzüglich zurücküberweisen würde, sobald wir in Bremen angekommen seien. Er kam dann vorbei und übergab uns die 200,-DM, wobei er betonte, dass er es aus Liebe zum HErrn gab, da auch wir gläubig seien. Ich bedankte mich herzlich und wir dankten Gott für diese Hilfe in der Not. Als wir schließlich im Zug saßen, machte Ruth den Fehler, das Wasser auf der Zugtoilette zu trinken, da sie sehr durstig war. Die Folge war eine Nierenbeckenentzündung.


Die ersten Tage und Wochen

Von Frankfurt aus hatte ich meine Familie angerufen und ihr mitgeteilt, wann wir in Bremen ankommen würden. Als meine Mutter auf dem Bremer Hauptbahnhof uns beim Aussteigen aus dem Zug sah, ging sie auf Ruth zu und umarmte sie zwei Minuten lang voller Liebe. Ruth genoss ihre Herzlichkeit und freute sich über die liebevolle Aufnahme. Mein Vater war nicht gekommen, denn meine Mutter hatte ihn nicht benachrichtigt (aufgrund der bestehenden Ehekrise). Um so überraschter reagierte mein Vater auf unser Kommen und besonders beim Anblick seiner Schwiegertochter. Ruth wurde nun wie eine Prinzessin behandelt. Mein Vater brachte ihr eine Schale voll mit Obst auf unser Zimmer und war richtig aufgeregt über diesen plötzlichen Familienzuwachs. Heimlich vertraute er mir an: „Da hast du aber wirklich einen guten Fang gemacht, alle Achtung! So eine hübsche und exotische Frau – die hätte ich auch an deiner Stelle sofort genommen!“ Auch meine Geschwister waren völlig aus dem Häuschen über diese fremde Ausländerin, die auf einmal ihre Schwägerin war. Sie hatten viele Fragen an Ruth, die ich übersetzen sollte. Aber Ruth fühlte sich auf einmal gesundheitlich schlecht und wollte nichts essen.

Am nächsten Tag zeigte ich Ruth die Bremer Innenstadt. Sie war sprachlos und überwältigt von all den vielen Eindrücken. Besonders überrascht war sie, als sie den Sperrmüll sah, den Leute an die Straße gestellt hatten und konnte nicht fassen, was für gute Gegenstände und Kleidung die Leute einfach wegwerfen wollten. Sie wollte all dies unbedingt ihrer Familie in Peru mitteilen. Doch damals kostete ein Telefonat nach Peru noch zwischen 1,50 bis 2,00 DM pro Minute. Wir mussten in der Telefonzelle also immer wieder schnell Geld nachwerfen, weil sonst das Gespräch abbrach. Am Samstag fuhr ich mit Ruth zum spanischen Bibelkreis, der vom peruanischen Bruder Omar Llanos geleitet wurde. Sofort freundete sich Ruth mit den Glaubensschwestern dort an und war glücklich, hier Landsleute anzutreffen. Meine Familie beschloss, in der Bremer Bibelgemeinde unsere Hochzeit nachzufeiern und organisierte die Feier für Anfang Februar. Den Gottesdienst gestalteten wir zusammen mit Bruder Omar und seiner Frau Erika, indem wir spanische Loblieder vortrugen. Ruth gab dann Zeugnis von den Taten des HErrn in ihrem Leben, während Omar übersetzte. Nach dem gemeinsamen Essen hatte mein Bruder Marcus ein paar Spiele vorbereitet, die wir dann zusammen mit der ganzen Gemeinde machten.

Doch in den Tagen danach ging es Ruth immer schlechter. Sie hatte Fieber und Schüttelfrost, lag nur noch im Bett und wollte nichts mehr essen. Wir beteten, dass der HErr sie wieder gesundmachen möge, und selbst die Kinder, die einmal pro Woche kamen, um von meiner Mutter biblischen Unterricht zu bekommen, kamen an Ruths Bett, um ihr Lieder vorzusingen. Meine Mutter wollte einen Arzt rufen, aber ich wollte nicht, da ich glaubte, dass dies Sünde sei. Als meine Mutter aber darauf bestand, überließ ich Ruth die Entscheidung: „Ich bin in meinem Gewissen gebunden und darf den Arztbesuch nicht befürworten. Aber du bist für dich selbst verantwortlich vor Gott, Ruth, deshalb will ich dich nicht bevormunden.“ Ruth hatte bis dahin immer getan, was ich wollte und war wie ein hilfloses Lämmlein, das völlig von mir abhängig war. Aber nun sah sie die Notwendigkeit, auf meine Mutter zu hören, die sich ernsthaft Sorgen machte um Ruths Gesundheit. So fuhren wir zum Arzt, der bei Ruth eine Nierenbeckenentzündung feststellte und ihr Antibiotika verschrieb.


Der sonderbare Malermeister

Als Ruth wieder gesund war, meldete ich sie zu einem Deutsch-Intensivkurs bei der Volkshochschule an. Von nun an bekam sie jeden Vormittag Unterricht, so dass sie schon bald die ersten Sätze auf Deutsch sagen konnte. Ich hingegen bewarb mich bei einem Malermeister in der Nähe um eine Anstellung und bekam sogleich den Job. Manfred Bresch hatte bis dahin noch nie einen Mitarbeiter gehabt und behandelte mich zunächst sehr wohlwollend. Doch dann begann er, Kritik an meinem Arbeitsstil zu üben: „Wieso reißt du denn die Raufaser in den Ecken, anstatt sie zu schneiden?“ – „Weil ich das so gelernt habe. Eine Raufaser ist ja schließlich keine Vinyltapete.“ – „Ich möchte aber nicht, dass Du die Raufasertapete reißt, sondern mit der Schere schneidest!“ – „Aber das ist fachlich nicht richtig.“ – „In meiner Firma wirst du das tun, was ich dir sage!“ – „Aber man sieht die Schnittkanten dann doch…“ – „Ich weiß. Deshalb gehe ich hinterher immer noch mal mit ein wenig Spachtelmasse dabei und schmiere sie mit dem Finger durch die Ecken.“ – Ich dachte: Das ist doch völlig umständlich und dauert viel zu lange – aber ich sage mal lieber nichts. Als Herr Bresch dann sah, dass ich es nicht auf seine Art tat, war er sauer auf mich. Da das Ergebnis jedoch sauber aussah und ich schnell vorankam, sagte er nichts. Doch in den Tagen danach wurde Herr Bresch immer gehässiger zu mir. Wenn er auf die Baustelle kam, dann rief er laut vor allen anderen Handwerkern: „Na, wo ist denn mein Mitarbeiter? Schläft der hier irgendwo? Dann sagt ihm mal, dass er jetzt aufwachen muss, denn sein Chef ist da!“ – Was sollte das? fragte ich mich. Wie kommt er darauf, dass ich angeblich rumliegen würde? Und warum stellt er mich vor allen anderen Bauarbeitern so bloß?

Kurz darauf ließ Herr Bresch auch seine beiden Söhne in der Firma arbeiten, die beide ausgelernte Maler waren (der eine machte sogar schon seine Fortbildung zum Malermeister). Hinter der Tür hörte ich den Chef zu seinen Söhnen sagen: „Ihr könnt die Tapete in den Leibungen ruhig um die Ecke herum kleben, so wie Simon das immer macht, denn das geht viel schneller.“ – „Aber Papa, du hast uns das immer anders beigebracht!“ – „Ja, ich weiß, aber auch ich lerne immer noch gerne was dazu.“ – Da war ich natürlich sehr stolz, dass er sich etwas von mir abgeschaut hatte und es sogar seinen Söhnen weitergab. Doch nachdem der erste Monat herum war und ich meine Lohnabrechnung bekam, war ich schockiert, denn er hatte mir willkürlich den Lohn gekürzt. Ich rief ihn an: „Herr Bresch, entschuldigen Sie, aber Sie haben mir nur 17,50 DM/Stunde gezahlt…“ – „Ja. Na und?“ – „Der Tariflohn für Junggesellen liegt aber bei 18,50 DM/Stunde.“ – „Das weiß ich. Aber Du hast ja auch gerade erst bei mir angefangen, deshalb will ich noch nicht so viel Risiko eingehen.“ – „Aber Sie sind dazu verpflichtet, mir den Tariflohn zu zahlen. Außerdem steht dieser auch so im Arbeitsvertrag!“ – „Ich bin zu gar nichts verpflichtet! Du kannst froh sein, dass ich dich angestellt habe!“ – „Herr Bresch, ich bitte Sie. Ein Tariflohn ist dazu da, dass er eingehalten wird. Sonst hätten Sie den Vertrag auch nicht unterschreiben brauchen, wenn Sie damit nicht einverstanden waren. Aber hinterher können Sie den nicht einseitig abändern.“

Zum Glück sah es Herr Bresch schließlich ein und zahlte mir den korrekten Lohn. Und nicht nur das: So als wolle er mir beweisen, dass er nicht geizig sei, schickte er mich fast jeden Tag zum Bäcker, um für ihn und mich Brötchen mit Beilagen zu kaufen. Er lud sogar andere Handwerker ein, sich von den Brötchen zu bedienen. Doch dann rutschte ihm eines Tages zu Feierabend ein ziemlich beleidigender Satz heraus, für den ich ihn bat, sich bei mir zu entschuldigen. Er sah es jedoch nicht ein, so dass ich wütend die Baustelle verließ, ohne mich zu verabschieden. Am nächsten Tag war ich schon etwas eher auf der Baustelle und schlenderte gedankenlos durch die bereits fertiggestellten Zimmer des Altbaus. Auf einmal bemerkte ich in einem Zimmer einen „Feiertag“, d.h. eine nicht gestrichene Stelle. Nun schaute ich genauer und fand plötzlich überall solche Fehlstellen und schlecht gespachtelte Bereiche. Überall hatte hier Herr Bresch gearbeitet. Sollte ich ihn darauf hinweisen? Vielleicht würde er sich gekränkt fühlen, weil ich ihn dadurch bloßstellen würde… Auf einmal kam Herr Bresch. Er bat mich, dass ich alle Türen und Rahmen, die er lackiert hatte, noch einmal nacharbeiten solle, da der Architekt Risse und Ungleichmäßigkeiten reklamiert hatte. Als ich zu Feierabend fertig war, kam Herr Bresch auf die Baustelle und inspizierte meine Arbeit. Überall fand er plötzlich Stellen in den Türen, die seiner Ansicht noch nicht gut genug seien. Dabei hielt er mir eine völlig übertriebene Moralpredigt und machte mir die schlimmsten Vorwürfe, als ob ich noch wie ein Lehrling arbeiten würde. Ich bat ihn um Mäßigung und erinnerte ihn daran, dass er ja schließlich selbst zuvor diese Stellen übersehen habe. Als er sich von seiner misslaunigen Kritik an mir aber überhaupt nicht abbringen ließ, platzte auch mir der Kragen und ich warf ihm vor, dass er überall im Haus schlecht gearbeitet habe. Sofort stritt er dies ab und wollte Beweise sehen. Daraufhin ging ich mit ihm von Zimmer zu Zimmer und zeigte ihm all die Stellen, die ich schon am Morgen bemerkt hatte. „Schauen Sie sich nur mal diese Wand hier im Wohnzimmer an, wie sie jetzt im Streiflicht aussieht – überall sieht man Beulen und Vertiefungen! Das wird der Architekt niemals akzeptieren! Sie hätten die Wand erst einmal vollständig spachteln müssen, bevor Sie sie tapeziert haben. Ich hätte Ihnen das wirklich nicht sagen wollen, weil ich Sie als Meister nicht bloßstellen wollte. Aber wenn Sie mich die ganze Zeit so scharf attackieren, denn empfinde ich das als ungerecht, wo Sie doch selbst auch nicht so gründlich arbeiten.“ Herr Bresch sagte am Ende kein Wort mehr, sondern ging schweigend zum Auto. Kurz darauf erhielt ich meine Kündigung, die er nicht weiter begründete.


April – Juni 1993

Otto

Am Wochenende fuhren wir öfter mal nach Blumenthal, um Edgard und Hedi zu besuchen. Auch sie hatten Ruth völlig in ihr Herz geschlossen, auch wenn sie noch nicht direkt mit ihr sprechen konnten. Da der Weg mit rund zwei Stunden Busfahrt aber recht beschwerlich war, trafen wir uns nur alle zwei Monate mal. Da kam mir die Idee, dass ich Ruth doch mal zur Missionsgemeinde mitnehmen könnte, wo ich mich ja an sich auch immer zuhause gefühlt hatte. Also betraten wir am darauffolgenden Sonntag in der Abendmahlspause den Gottesdienstraum und setzten uns weiter hinten in die Reihe. Nachdem wir unsere Jacken ausgezogen hatten, kam auf einmal Soni, einer der Ältesten, zu uns und sagte in einem ruhigen Ton: „Simon, Du bist hier unerwünscht, und ich darf Dich jetzt bitten zu gehen, denn Deine Anwesenheit hier ist Befleckung. Du hast uns als Gemeinde öffentlich verleumdet und damit Christus selbst angegriffen. Deshalb verlass bitte jetzt diesen Raum!“ Ich übersetzte kurz für Ruth, was er sagte, nahm meine Jacke und stand auf, während Ruth mir erschrocken folgte. Als wir draußen waren, machte mir Ruth schwere Vorwürfe: „POR QUÉ ME HACES PASAR VERGÜENZA!“ (etwa: „Wie konntest du mich nur in solch eine peinliche Lage bringen!“). – „Damit konnte ich doch gar nicht rechnen!“ – „Ach was! Das hättest Du doch vorher ahnen können, dass Du hier unerwünscht bist!

Im Spanischkreis lernten wir indes eine Peruanerin namens Delia Habermann kennen, die uns zu sich nach Haus einlud. Sie und ihr Mann gingen sonntags immer in die „Gemeinde Christi“, einer Freikirche in Bremen-Walle, zu der sie uns einluden. So gingen wir an mehreren Sonntagen dorthin und lernten dort einen Bruder namens Otto Eickhoff (36) kennen. Er ging schon beim ersten Mal freudestrahlend auf uns zu und strotzte nur so von Energie und Fröhlichkeit. Delia erzählte uns später, dass Otto schon seit 20 Jahren in diese Gemeinde gehe, aber dennoch eher ein Außenseiter sei, aufgrund seines exzentrischen und überschwänglichen Charakters. Ruth und ich hatten aber insgeheim den Eindruck, dass Otto der einzige, lebendige Christ war in dieser Gemeinde, während die anderen eher trocken, lau und verkopft wirkten. Otto strahlte einfach immer eine gerade anziehende Freude aus, die uns faszinierte. Statt mit Fahrrad oder Bus zur Arbeit zu fahren, joggte er jeden Tag die zwei Kilometer zur Post (wo er beschäftigt war) hin und zurück, so dass er bei seiner schlanken Statur einen kräftigen Brustkorb hatte. Wenn er etwas sagte, brachte er uns immer wieder zum Lachen, weil er durch seine Einfalt irgendwie komisch wirkte. So hatte Otto z.B. überhaupt keine Hemmungen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Leuten von Gott zu erzählen. Einmal hatte er seine Tasche auf der Arbeit liegen lassen, als ich zufällig auf der Post war. Als er sich diese von einem Arbeitskollegen geben ließ, rief Otto laut in der Filiale: „Wer suchet, der findet! – steht schon so in der Bibel!“ Als es seinen Kollegen bei der Post irgendwann zu bunt war mit Ottos aufdringlichen Missionierungsversuchen, wurde er in den Außendienst strafversetzt, weil man glaubte, dass er als einfacher Postbote niemanden mehr nerven könne. Doch dann rief auf einmal ein Kunde an und beschwerte sich beim Personalchef über Otto: „Sagen Sie mal: gehört es neuerdings zu den Aufgaben der Post, die Menschen zum christlichen Glauben zu bekehren? Denn wir haben ja seit kurzem einen neuen Postboten, der heute kam, um mir während der Gartenarbeit die Post zu übergeben. Unter anderem war da aber auch die von mir abonnierte Zeitschrift STERN dabei. Aber Ihr Postbote ermahnte mich, dass ich die lieber nicht lesen solle, weil da nur Schund drin stehe. Stattdessen solle ich lieber in der Bibel lesen. Und dann schenkte er mir ein Neues Testament. Also der Typ hat ja wohl nicht alle Tassen im Schrank!

Otto lud uns zu sich nach Haus ein, und wir nahmen die Einladung gerne an. Er war Einzelkind und wohnte noch bei seiner betagten Mutter, die mindestens genauso lustig-verschroben war wie Otto. Als wir am reich gedeckten Kaffee-und-Kuchen-Tisch saßen, sagte die alte Dame zu Ruth: „Junges Fräulein, sie sind ja so hübsch! Erlauben Sie mir, Ihnen ein Geschenk zu machen.“ Als sie zum Tisch zurückkehrte hatte sie ein uraltes Nachthemd mitgebracht und sagte, dass dies noch von ihrer verstorbenen Tante sei, aber doch noch gut erhalten. Dann bat sie Ruth, doch mal Schuhe anzuprobieren, die noch aus den 20er Jahren waren. Ruth grinste nur und bedankte sich höflich. Kurz darauf ging Otto in die Küche und schnitt einen weiteren Kuchen an, um ihn zu servieren. Seine Mutter sagte mit ihrer schrulligen Stimme: „Ach, Ottchen, was machst du denn da! Lass das doch bitte, es steht doch schon genug auf dem Tisch.“ – Otto schnitt aber weiter und sagte: „Für die Gäste nur das Beste!“ Seine Mutter beobachtete ihn ein paar Sekunden, und auf einmal gab sie ihm völlig unvermittelt eine Ohrfeige. Ich zuckte zusammen, denn damit hatte wohl keiner gerechnet. Otto entschuldigte sich bei seiner Mama, und wir setzten uns alle wieder an den Tisch, als ob nichts wäre. Nun ahnte ich, warum Otto so speziell war.

Ein paar Wochen später starb seine Mutter, - ausgerechnet sie, die für Otto doch die wichtigste Person im Leben war! Bei der Beerdigung war die ganze Gemeinde gekommen. Neben uns saß Delia in der Bank und betupfte mit einem Taschentuch ihre Augen. Ich dachte nur: Was für eine Heuchelei – niemand in der Gemeinde hatte Otto je besucht, geschweige denn Interesse an seiner Mutter gehabt. Und jetzt tun alle so, als würden sie um sie trauern! Dann bildeten alle eine Schlange, um Otto zu kondolieren. Otto lächelte jedes Mal tapfer, ohne etwas zu sagen. Als dann aber wir an der Reihe waren, sagte er freudestrahlend: „Du, Simon, meine Mutter hat sich vor ihrem Tod noch bekehrt!!! Ich habe ihre Hand gehalten und mit ihr zusammen zum HErrn Jesus gebetet. Und dann ist sie ganz friedlich eingeschlafen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie jetzt mit dem HErrn oben im Himmel ist und auf uns herabschaut. Ach, ich freu mich so sehr!“ Wir umarmten ihn und versicherten ihm, dass wir immer für ihn da sein werden.


Unsere erste eigene Wohnung

Inzwischen hatte ich wieder eine Anstellung gefunden, und zwar beim Malereibetrieb Siebrecht, einer Firma mit 100 Angestellten. Ruth ging vormittags weiter zur Volkshochschule, um Deutsch zu lernen und nachmittags las sie Bücher von deutschen Autoren in Spanisch, die wir uns aus der Bibliothek geliehen hatten und die sie regelrecht verschlang, z.B. von Hans Fallada „Pequeño hombre - ¿Y ahora qué?“ („Kleiner Mann, was nun?“) oder von Olga Lengel „Los hornos de Hitler“ („Die Öfen Hitlers“). Voller Begeisterung erzählte mir Ruth dann nach Feierabend immer von dem Inhalt ihrer Romane und fühlte sich völlig in die Zeit des Dritten Reiches versetzt, von dem sie bisher kaum etwas wusste. Um sich nützlich zu machen, half sie meiner Mutter immer bei der Hausarbeit, was aber nicht selten zu Problemen führte, da sie der deutschen Sprache noch nicht so mächtig war. So wusch sie die Teller mit Domestos (Chlor-Reiniger), verwechselte Zucker mit Salz oder tat auf meine Butterbrote für die Arbeit Marmelade auf Leberwurst. An einem Tag zog sie mich ins Zimmer, schloss die Tür und begann zu weinen: „Simón, tu mamá es tan cruel conmigo! Siempre se mete en todo!“ („Simon, Deine Mutter ist so streng mit mir und mischt sich in alles ein!“). Sie fühlte sich kontrolliert und bevormundet, hielt es einfach nicht mehr aus. „Simi, ich möchte endlich eine eigene Wohnung ganz für uns allein haben. Du verdienst doch jetzt genug Geld. Bitte such doch mal eine Wohnung für uns!

Das war gar nicht so einfach, denn 1993 war die Nachfrage noch immer viel höher als das Angebot wegen der vielen Asylanten. Auf jede angebotene Wohnung meldeten sich sofort 10 Interessenten. Man durfte auch keine Ansprüche stellen, sondern musste froh sein für alles, was man kriegen konnte. So fanden wir schließlich eine 1-Zimmer-Wohnung mit 16,00 m² in Bremen Woltmershausen in der Ochtumstr. 2. Die Miete von 550,-DM war eigentlich eine Unverschämtheit für diese winzige Wohnung, aber hinzu kamen noch 1.100,-DM Kaution und 500,-DM Maklercourtage. Aber wir hatten keine andere Wahl. Meine ganzen Ersparnisse gingen drauf, so dass wir kein Geld mehr hatten für eigene Möbel. Aber dann erlebten wir auf wundersame Weise die Hilfe Gottes: Kurz vor unserem Umzug am 01.06.93 sahen wir eines Abends Sperrmüll an der Straße. Unter anderem war da ein französisches Bett mit goldenem Metallrahmen. Ruth sagte: „Aber da fehlt ja ein Bein am Bett!“ – „Ist nicht so schlimm, da stell ich einen Farbeimer drunter, dann geht das schon.“ Dann fuhren wir weiter im Stadtteil Arbergen und fanden noch eine Matratze, die fast neu war. Und dann auch noch eine Waschmaschine! Sie leckte zwar, weil die Manchette perforiert war; aber man konnte die Manchette umdrehen, und dann leckte sie nicht mehr. Mein Bruder Marcus half mir, die Beute nach und nach ins Elternhaus zu schleppen.

Als der Umzug schließlich geschafft war, lagen wir abends in unserem Bett und waren überglücklich. Nun fehlte uns nur noch ein Baby, um unser Glück vollkommen zu machen. Wir beteten abends jedes Mal, dass der HErr uns doch ein Kind schenken möge, aber das ließ noch auf sich warten. Vorläufig sollte uns erstmal ein kleines Kätzlein genügen. Wir machten einen Ausflug zum Tierheim in Bremen-Findorff und nahmen eine kleine Katze mit, die wir Michu nannten. Leider war Michu immer sehr eifersüchtig, wenn wir miteinander schmusten und attackierte uns dann mit ihrer Tatze, dass wir lachen mussten. Es war eine wunderbare Zeit. Endlich waren wir völlig frei und konnten unsere Ehe in vollen Zügen genießen. Wir kauften uns Fahrräder und machten zusammen Fahrradtouren außerhalb Bremens, besuchten auch den Zoo in Bremerhaven und alberten am Strand herum. Wir waren arm, aber glücklich.

Eines Tages lernten wir auf dem Flohmarkt eine hübsche Mulattin kennen namens Angela (21) aus der Dominikanischen Republik. Sie war mit einem Deutschen verheiratet namens Mario (22), der etwas korpulent war. Wir freundeten uns an, und sie kamen uns einmal besuchen. Als wir sie jedoch fragten, wie sie sich kennengelernt haben, da verschlug es uns die Sprache. Mario erklärte gleichmütig: „Ich war dort im Urlaub mit ein paar Freunden, und wir gingen dann zusammen in den Puff. Dort traf ich Angela.“ – „Du meinst…“ – „Ja, sie ist eine Nutte. Aber das hat mich nie gestört. Meine Mutter arbeitet ja auch in der Prostitution. Da kann man richtig gut Geld verdienen! Wir haben dann schnell geheiratet und ich hab sie nach Deutschland gebracht.“ – „Aber jetzt macht sie das doch nicht mehr, oder?“ – „Doch, na klar. Ich bin ihr Zuhälter und kassiere die Kohle.“ Da wurde mir ganz übel, und ich wollte das Gespräch beenden. „Ach, Simon, du bist ja ganz schön verklemmt. Das ist ein Geschäft wie jedes andere. Und Angela ist ja wirklich eine heiße Schnitte, nicht wahr!“ – „Aber bist du denn nicht eifersüchtig? Immerhin ist das doch deine Frau!“ – „Nein, überhaupt nicht. Wir haben ja schließlich auch ständig Sex miteinander, manchmal bis zu dreimal am Tag.“ – „Aber hast du denn nicht Angst um deine Frau, dass sie eines Tages mal an einen Perversen gerät?“ – „Ja, schon. Einmal hatte ein Gangsterboss sie und wollte sie nicht mehr rausgeben. Sie drohten mir, mir ein‘ auf die Fresse zu hauen, wenn ich nicht verschwinde. Da hab‘ ich die Bullen gerufen, die Angela dann befreit haben.“

Wir erzählten den beiden vom HErrn Jesus, und Angela erklärte, dass ihr Vater sogar Pastor einer Pfingstgemeinde sei. Sie sei jedoch immer schon das schwarze Schaf unter ihren Geschwistern gewesen und kam früh auf die schiefe Bahn. Wir luden die beiden zum Spanischkreis ein und sie kamen auch. Bruder Omar predigte an jenem Samstag ganz wunderbar über den Guten Hirten. Wir beteten, dass der HErr doch ihr Herz öffnen möge. Nach der Predigt fragte Ruth die Angela auf der Damen-Toilette, wie sie die Predigt fand. „Ach, ehrlich gesagt, hab ich die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie ich den Mario wieder loswerden kann. Eine Landsmännin hat mir angeboten, ihn mit Vodoo-Zauber umzubringen…“