„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

– „Stich-Worte“ Teil 11

 

41. Sturheit

„Ein Mann, der (trotz) Ermahnungen halsstarrig bleibt, wird plötzlich zerschmettert werden ohne Heilung. (Spr.29:1)

Sturheit gilt im Allgemeinen meist als Schwäche: man ist unbeugsam, uneinsichtig und halsstarrig. Zugleich wird sie nicht selten beschönigt als Standhaftigkeit, Rückgrat oder Prinzipientreue. Diese Ambivalenz (Kampf zwischen zwei Gegensätzen) führt zu einem folgenreichen Spannungsfeld zwischen innerer Festigkeit und innerer Verhärtung. Meist aber hindert eine sture Herzenshaltung uns am Umdenken (griech. META´NOIA = „Mitdenken“) und damit an der Veränderung zur Heiligung, die Gott mit uns vorhat.

Stur kommt ja von „starr“ und ist mehr als ein Beharren aufgrund einer starken Überzeugung, sondern ein Zustand innerer Unbeweglichkeit. In der hebräischen Bibel gibt es verschiedene Begriffe dafür קְשֵׁה־עֹרֶף = halsstarrig (wörtl. „mit hartem Nacken“ Jer.11:8, 13:10), כָּבֵד לֵב = „schweres Herz“ (etwa bei dem Pharao), חָזַק = „verhärten“ (im Sinne einer geistlichen Verstockung). Im Griechischen gibt es σκληροκαρδία = „Herzenshärte“ (Mk.16:14), ἀντιπίπτω = „widerstehen, sich entgegenstellen“ (Apg.7:51). Sturheit ist biblisch also weniger eine Charaktereigenschaft als eine existenzielle Haltung gegenüber Wahrheit, Korrektur und Gott. Abraham war bei der Opferung Isaaks unbeirrbar, weil es ein Gebot Gottes war, aber war gegenüber Lot sehr flexibel, um ihm den Vorzug zu geben bei der Wahl.

Kaum ein Begriff wird im Alten Testament so häufig auf Israel angewandt wie „halsstarrig“ (z.B. 2.Mo.32:9, 5.Mo. 9:6). Diese Diagnose erfolgte nicht trotz, sondern wegen all der Vorrechte, die Gott Seinem Volk gab. Sturheit zeigt sich hier also nicht in offenem Atheismus, sondern in der Weigerung, sich von Gott korrigieren zu lassen, sobald Sein Wille den eigenen Vorstellungen widerspricht. Im Unterschied dazu war die Herzensverhärtung beim Pharao in 2.Mo.7–14 ist ein Paradebeispiel für die Kraft der Sturheit: Er ignorierte wirklich jede Warnung. Seine Weigerung führte unwillkürlich in die Eskalation und ins Verderben. Eine Einsicht erfolgte jedes Mal erst, wenn es schon zu spät war. Auffällig ist, dass Pharaos Herz zunächst von ihm selbst verhärtet wurde, und erst später von Gott selbst. Dies ist ein Hinweis darauf, dass dauerhafte Sturheit zur Selbstverfestigung führt, die schließlich zum Gericht wird.

Der HErr Jesus begegnete der Sturheit besonders dort, wo man sie am wenigsten erwartet hätte, nämlich bei den Schriftgelehrten. Die Pharisäer waren nicht etwa ignorant, sondern überzeugt, nicht gottlos, sondern gesetzestreu. Ihre Sturheit bestand darin, dass sie ihre theologischen Kategorien nicht mehr hinterfragen konnten bzw. wollten (Mk.3:5). Die Wahrheit wurde ihnen zur Bedrohung, weil sie ihr eigenes Selbstbild infrage stellte. Heute ist es nicht anders, wenn man mit den Gläubigen der verschiedensten Sekten diskutiert. Man verwechselt regelmäßig die eigene Lehrauffassung mit der Bibel selbst und sagt: „Das ist doch EINDEUTIG!“, ohne zu merken, dass es kontrovers ist.

In der Reformationszeit gab es viele sog. Wiedertäufer, die lieber sterben wollten als dass sie ihre Babys tauften. Einer von ihnen war Fritz Erbe (1500-1548), ein Bauer aus Herda (Thüringen), der nicht etwa wegen seines Glaubens an den HErrn Jesus, sondern aufgrund seines Bibelverständnisses 15 Jahre lang bis zu seinem Tod inhaftiert war in der Wartburg bis er dann grausam verendete. Während dieser Zeit gab man ihm mehrere Gelegenheiten, seine Auffassung zu ändern und sich wieder der protestantischen Lehre zu unterwerfen, aber er hielt dies für einen Verrat an seinem Gewissen. Aber auch die Kirche durfte nicht nachgiebig sein, da dies ihr Untergang gewesen wäre. Für beide Seiten ging es also um alles oder nichts. Heute hingegen würde niemand mehr wegen einer Lehrfrage auf alles verzichten (Familie, Beruf, Gesundheit und Leben).

Sturheit ist selten reine Dummheit, sondern oft ein Abwehrmechanismus. Sie schützt vor Kontrollverlust und vor Identitätsbedrohung – besonders heute in der sich ständig verändernden Welt der Endzeit. Und gerade bei solchen, die unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden schützt eine starre Haltung vor Kränkung und Gesichtsverlust. Wer seine Überzeugungen absolut setzt, der vermeidet die schmerzhafte Erfahrung, sich geirrt zu haben (2.Sam. 17:23). Menschen neigen dazu, widersprechende Argumente abzuwehren, um innere Spannung zu vermeiden. Sturheit stabilisiert das Selbstbild – allerdings um den Preis der Lernfähigkeit (Luk.16:15). Sturheit aktiviert Stress und Angst im Gehirn; Offenheit und Flexibilität hingegen haben eine höhere emotionale Regulation. Sturheit fühlt sich sicher an, macht aber langfristig unfreier.

Das es sturen Menschen oft nur ums Prinzip geht, ist der Grund, warum Gerichte in Deutschland völlig überlastet sind. Einmal beauftragte mich ein Professor damit, die Türen seiner Altbremer Wohnung zu lackieren, nachdem er aus dieser ausgezogen war. Sein Vermieter schrieb mir, dass ich diese „hochglänzend“ lackieren solle, aber der Professor verlangte, dass ich sie nur mit Seidenglanzlack streichen dürfe, so wie sie vorher waren. Bei der Abnahme stritt sich dann der Vermieter mit dem Professor, weil er ausdrücklich Hochglanz haben wollte. Der promovierte ExMieter reagierte gekränkt: „Ich lasse mir von niemandem Anweisungen erteilen!“ Dabei hätte es ihm doch völlig egal sein können, welchen Glanzgrad die Türen bekämen, da er sowieso ausgezogen war! Das ist wirklich Sturheit.

Vor ein paar Jahren stieß ein Autofahrer in Delmenhorst beim Öffnen der Tür auf einem Parkplatz gegen den Wagen eines anderen. Der „Geschädigte“ verlangte für den kaum sichtbaren Kratzer eine Entschädigung von 100,- €, der andere aber weigerte sich zu zahlen. Die Sache landete vor Gericht. Der Richter wollte aber kein Gutachten erstellen lassen, sondern schlug vor, sich den Kratzer mal gemeinsam anzusehen. Die Beteiligten gingen also hinunter auf den Parkplatz vom Gericht, und man zeigte dem Richter den Kratzer am Wagen. Auf einmal sprühte der Richter ein wenig Politur auf die Stelle und rieb sie mit einem weichen Tuch glänzend bis nichts mehr zu sehen war. Dann stand er auf und sagte, dass der Fall abgeschlossen sei. Der verdutzte Autobesitzer fühlte sich gedemütigt und war mit der ungewöhnlichen Schlichtung nicht einverstanden, da der Richter ihm die Aussicht auf eine Entschädigung genommen hatte. Der Richter hingegen hatte auf skurrile Weise beiden Streithähnen eine Lektion erteilt.

Die Bibel unterscheidet klar zwischen Sturheit und Standhaftigkeit: Ein sturer Mensch sagt: „Ich kann und werde nicht umkehren!“ Ein Standhafter hingegen sagt: „Ich will nicht vom Guten abweichen“ (vergl. Dan.3:17-18). Der HErr Jesus selbst veranschaulichte uns diesen Unterschied durch Sein Leben: Er stand allezeit fest in der Wahrheit, war aber immer offen für den Willen Seines Vaters und sogar im Leiden noch lernfähig (Hebr. 5:8). Der Heilige Geist lehrt uns, dass wir nicht hart und unerbittlich sein sollen, aber sehr wohl, dass unser „Herz durch Gnade befestigt werde“ bei innerer Beweglichkeit (Hebr.13:9): „Heute, wenn ihr SEINE Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ (Hebr.3:15). Wohlgemerkt: SEINE Stimme und nicht die Stimme unserer Prinzipien, da diese falsch sein können.

Wenn man sich innerlich leer und minderwertig fühlt, neigt man dazu, Regeln und Prinzipien zu einer Waffe gegen andere zu missbrauchen, um sich dadurch selbst aufzuwerten (Röm.2:1-4). Vor zwei Jahren machte der damals 20-Jährige Niclas Matthei aus Gräfenhainichen auf sich aufmerksam, indem er als sog. „Anzeigenhauptmeister“ überall in Deutschland Falschparker anzeigte. Der stark narzisstisch wirkende Moralapostel verdiente damit kein Geld, genoss es jedoch, „den Blutdruck der Bevölkerung in die Höhe zu treiben“, wie er sagte. Dann ließ er sich einen Hitler-Oberbart wachsen und verbrannte einen Koran, um weiter in den Medien präsent zu sein. Zuletzt entwendete er in Böblitz (Spreewald) sämtliche Bücher aus einer öffentlichen Tauschbox, die ein Traditionsverein kostenlos zum Lesen für jedermann anbot, um sie zu verkaufen oder wegzuwerfen. Die berechtigte Empörung der Dorfbewohner war ihm egal, da er sich auf sein „Recht“ berief.

Sturheit ist aus biblischer Sicht keine Nebensünde, sondern eine Existenzgefahr des Glaubens. Sie verschließt den Menschen nicht in erster Linie vor Argumenten, sondern vor seiner Beziehung zu Gott und zu anderen. Wo Sturheit herrscht, endet das Wachstum, aber wo Umkehr möglich bleibt, beginnt erst die echte Freiheit. Wer ständig andere provozieren muss durch das Pochen auf sein Recht oder auf scheinbar biblische Regeln, hat sich unbewusst in eine „Fangschlinge des Teufels“ begeben, aus der man ihn nur noch mit viel Liebe, Sanftmut und Demut befreien kann (2.Tim.2:25-26). Der Teufel ist ein Rebell und Provokateur, indem er sich widersetzt (Satan = Ankläger, Widersacher). Dieses Sich-nichts-sagen-lassen und in Gesprächen immer Rechthabenwollen hat also nicht nur eine psychologische, sondern auch eine dämonische Ursache. Das APÄIThÄOo = „Sich-nicht-überzeugen-lassen“ in Joh.3:36, Röm.2:8 und Hebr.3:18 führt einen Christen unweigerlich in die Gehenna, wo der Starrsinn vom Feuer Gottes verzehrt wird. Deshalb lasst uns allezeit fügsam und beweglich sein im Denken, fest im Vertrauen und demütig im Herzen!

 

 

  1. Zeit auskaufen

„Sehet nun zu, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die gelegene Zeit auskaufend, denn die Tage sind böse.“ (Eph.5:15-16)

Der Ausdruck „die Zeit auskaufend“, „die Gelegenheit nutzend“ (griech. TON KAIRÒN EXAGORAZÓMENOI) ist nicht ein einmaliges Handeln, sondern eine andauernde Haltung/ Verhalten (Partizipform) und bedeutet wörtl.: „Fristen herauskaufend“, „vom Markt freikaufend“ (z.B. einen Sklaven vergl. Gal.3:13). Es geht darum, ständig den perfekten und von Gott gesetzten Moment für eine entscheidende Handlung zu erkennen und zu nutzen. Man kann zwar keine Zeit kaufen, aber man kann gute Gelegenheiten „retten“, indem man sie nicht versäumt.

  1. Zeitverschwendung durch Ablenkung

Kaum ein Mangel prägt unsere Gegenwart so sehr wie der Mangel an Zeit – und zugleich kaum ein Gut wird so achtlos verschwendet. Auch wir Gläubigen leben unter dem permanenten Eindruck von Zeitnot, während wir gleichzeitig viele Stunden in Tätigkeiten investieren, die rückblickend keinen Lohn bringen für die Ewigkeit. Diese paradoxe Erfahrung verweist auf ein tieferliegendes Problem: Nicht die Zeit selbst fehlt, sondern die Herrschaft über sie. Vor diesem Hintergrund gewinnt das biblische Gebot, „die Zeit auszukaufen“, eine erstaunliche Aktualität. Er ist kein frommer Appell zu besserer Organisation, sondern eine radikale Anfrage an unsere Prioritäten. Wir sollten uns nicht (nur) fragen: „Wie nutze ich meine Zeit effizienter?“, sondern: „Wer oder was verfügt über meine Zeit – und wozu?“

Martha tat z.B. das Richtige, aber nicht zur richtigen Zeit und auch nicht im rechten inneren Zustand. Sie war „beschäftigt mit vielem Dienen“ (Luk.10:40). Das gr. Wort PERI´ESPATO („in Anspruch genommen sein“) bedeutet wörtlich „hin- und hergezogen“. Das Problem ist nicht der Dienst, sondern die Zersplitterung der Aufmerksamkeit. Die Folge: sie verliert die Ruhe, dann die Freude und schließlich die Liebe, indem sie das Wesentliche aus dem Blick verliert. Wenn Paulus von „bösen Tagen“ spricht (Eph.5:16), meint er nicht in erster Linie Zeiten der offenen Verfolgung, sondern die fortschreitende Verderbnis in der Welt. Die heutige Smartphone-Welt zwingt uns nicht zur Ablenkung, sondern verführt uns, indem sie unsere Aufmerksamkeit bindet, so wie sich Simson durch Reize und Gewöhnung immer mehr „binden“ ließ, bis er sich nicht mehr befreien konnte (Rich. 16). Es war ein Prozess der Abstumpfung. Zeiten der Muße werden durch Zerstreuung verschwendet, anstatt sie für das Gebet zu nutzen. Dadurch verlieren wir schleichend unsere Freiheit und Konzentration auf Gottes Willen. Dabei ist der überflüssige Medienkonsum nicht bloß ein Begleitphänomen, sondern von den Plattform-Anbietern bewusst so konzipiert, dass der Nutzer seine Entscheidungsfreiheit verliert, indem er durch algorithmisch erzeugte Reize möglichst lange im Bann gehalten wird. Wir „verbringen“ unsere Zeit nicht mehr, sondern sie wird gegen unseren Willen verbraucht. Endloses Scrollen, ständige Benachrichtigungen: All dies ist darauf angelegt, Zeit zu binden, ohne Sinn zu stiften. Gerade darin liegt der Gegensatz zum Wort Gottes, in welchem Zeit (ChRONOS) nicht nur eine frei verfügbare Gabe Gottes ist, sondern als KAIROS zugleich „Frist“ und „Gelegenheit“, die man versäumen kann durch Unwachsamkeit (Mat.25:13).

  1. Aufschieben von Verpflichtungen

Die allgegenwärtige Verschwendung unserer Zeit und die dadurch verursachte Gewohnheit des Aufschiebens (Prokrastination) ist nach der Bibel eine Sünde, die die Bibel auch als „Ausschweifung“ bzw. „Abschweifung“ bezeichnet (Mk.7:22, Röm.13:13, Gal.5:19, Eph.5:18). Denn durch die ständigen Ablenkungen, verlieren wir die Fähigkeit zur Entscheidung für das Wesentliche. Wichtige Aufgaben werden leichtfertig aufgeschoben, nicht weil sie für uns zu schwer wären, sondern weil uns die geistige Wachsamkeit und Disziplin fehlt, sich uns diesen zu stellen. Das Aufschieben ist daher nicht bloß eine Folge von Trägheit, sondern die Vermeidung, sich mit der reizarmen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Wir flüchten in Ersatzbeschäftigungen, um uns der Konfrontation mit dem Eigentlichen zu entziehen. Aber nur ein besonnener, konzentrierter und gesammelter Mensch ist fähig die Wahrheit zu erkennen.

Als Mose 40 Tage auf dem Berg Gottes verschwunden war (ein Bild auf die heutige Abwesenheit Jesu im Fleische), vermisste das Volk die Stimme Gottes und Seine Wunder (2.Mo.32:1). Es war nicht der Unglaube, sondern die Ungeduld, dass sie die Abwesenheit Gottes auf einmal als Leere empfanden, die sie durch Bilder, Lärm und Aktion erneut füllen wollten. Wo der Mensch die Stille nicht erträgt, erschafft er sich Ersatzgötter. Das goldene Kalb war weniger ein Götzendienst aus Überzeugung als eine Zerstreuung aus innerer Leere. Deshalb steht geschrieben: „Bewahre dein Herz mehr als alles, denn von ihm sind die Ausgänge des Lebens“ (Spr. 4:23). Seelsorgerlich betrachtet ist Ablenkung nämlich ein Zeichen innerer Doppelherzigkeit (Mt.6:24, Jak.1:8, 4:8). Wir wissen, was wir tun sollten, aber schaffen es nicht, es umzusetzen (Röm.7:15-19), weil zwischen unserer Erkenntnis und unserem Handeln eine Lücke klafft. „Die Zeit auszukaufen“ bedeutet in diesem Fall, durch Umdenken die Gewohnheit des Aufschiebens bewusst abzulegen. Es geht also nicht um Zeitmanagement oder Selbstoptimierung, sondern um den Gehorsam im Kleinen. „Heute, wenn ihr Seine Stimme hört …“ (Hebr.3:7-8). Wenn wir immer auf den besseren Zeitpunkt warten, überhören wir diesen Ruf Gottes.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von keinem überwältigen lassen“ (1.Kor.6:12). Ein suchthafter Medienkonsum wirkt geistlich zerstörerisch, weil er die Seele in einen Zustand dauernder Reizung versetzt. Die Stille wird unerträglich und die Konzentration anstrengend. Das geistliche Leben im Gebet und Nachsinnen setzt aber Ungestörtheit voraus. Wer seine Zeit nicht schützt, verliert allmählich den Zugang zu Gott. „Zeitauskaufen“ heißt praktisch, dass wir uns bewusst Zeiten setzen ohne Medien und auch unseren Tages- und Wochenrhythmus so ordnen, dass wir das Unwichtige begrenzen und das Nötige nicht länger aufschieben. Enthaltsamkeit ist kein Verzicht, um sich des starken Willens zu rühmen, sondern eine Rückgewinnung der verlorengegangenen Freiheit. Wir geben das Fruchtlose auf, um uns nur noch dem Fruchtbringenden zu widmen.

 

  1. Warum wir die Zeit ausnutzen sollten

Der alte Mensch lebt von Natur zerstreut, ist neugierig und oberflächlich. Als Kinder Gottes wissen wir aber, dass es für alles unter der Sonne eine bestimmte Zeit gibt, die von Gott dafür vorgesehen ist (Pred.3:1-8). Gott will, dass wir Seine Ordnung ernst nehmen und unsere Zeiten in Seine Hand legen (Ps.31:15). Wer erkennt, dass Zeit nicht unendlich verfügbar ist, der beginnt anders zu leben. In einer Welt, die will, dass wir unsere „Freizeit“ systematisch mit Zerstreuungen verbringen, ist das Zeitauskaufen ein Akt geistiger Klarheit und zugleich ein bewusster Widerstand gegen Ablenkung, Aufschub und innerer Flucht. Es geht nicht darum, jede Minute zu füllen, sondern die entscheidenden Momente nicht zu verpassen. Als geistlich Weise leben wir nicht schneller, sondern wacher, indem uns allezeit bewusst ist, dass wir für alles Tun und Lassen einmal Rechenschaft ablegen müssen vor dem HErrn: „Siehe, Ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk sein wird“ (Offb.22:12).

Die „Zeit auskaufen“ meint also nicht, jeden Anlass oder jedes Angebot zu nutzen, sondern die entscheidenden Gelegenheiten für das Reich Gottes nicht verstreichen zu lassen (Mat.6:33). Wer die Zeit „auskauft“, handelt deshalb nicht hektisch, sondern unterscheidend. Er lebt nicht einfach dahin, sondern fragt: Was ist jetzt dran? Was dient dem Guten, was dem Wahren, was dem Aufbau und was raubt mir diese Möglichkeit? Nutzen uns die Medien oder nützen wir viel mehr ihnen?

Als Schafe unseres Guten Hirten sollen wir uns nicht von einer fremden Macht treiben, sondern von Ihm führen lassen. Unsere kurze Zeit auf Erden ist kostbar und nicht beliebig wiederholbar. Jeder Tag enthält ein begrenztes Feld von Möglichkeiten, die Gott uns geschenkt hat.

Der HErr will, dass wir überwinden und ruft uns deshalb aus der Passivität in die Verantwortung, aus der Ablenkung in die Sammlung, aus dem Aufschub in die Entscheidung. In einer Welt, die unsere Zeit systematisch verbraucht, ist das Auskaufen der Zeit ein Akt geistlicher Selbstbehauptung und stiller Widerstand gegen die Verwertungslogik. Gott hat uns dafür den Sabbat gegeben,der kein bloßer Ruhetag, sondern ein dem HErr geheiligter Tag, um durch Ruhe und Besinnung uns den wirtschaftlichen und medialen Zwängen zu entziehen.

 

 

  1. Sättigung

„Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; ihr esset, aber nicht zur Sättigung; ihr trinket, aber nicht zur Genüge; ihr kleidet euch, aber es wird keinem warm. Und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel!“ (Haggai 1:6)

 

Das Wort Sättigung klingt harmlos, fast schon idyllisch. Ich stelle mir einen vollen Tisch vor und eine glückliche Familie, die gerade gegessen hat. Doch biblisch betrachtet ist Sättigung kein neutraler Zustand, sondern ein Wendepunkt, der oftmals sogar gefährlich sein kann. In

der Bibel finden wir immer wieder eine beunruhigende Abfolge: Gott gibt, der Mensch wird satt, und dann entfernt er sich: „Als sie aber satt wurden, erhob sich ihr Herz, und sie vergaßen mich“ (5.Mo.8:10–14). Das ist kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster.

Sättigung als Auslöser des Vergessens

Das Volk Israel ist das klassische Beispiel: In der Wüste schrie es vor Hunger (2.Mo.16:3). Es war abhängig, verletzlich und auf Gottes Hilfe angewiesen. Und genau in dem Moment geschah Gottes Versorgung mit Manna, Wachteln und Wasser aus dem Felsen. Doch kaum war ihr Hunger gestillt, vergaßen sie auch schon Gottes Wohltat. Deshalb sollte Aaron von dem Manna etwas aufbewahren zum Zeugnis für zukünftige Generationen. Unser Manna ist der HErr Jesus (Joh.6), und wir sollen Seine Versorgungstreue stets als Erinnerung im Herzen tragen, bis unsere Wüstenzeit hier endet.

In 4.Mose 11 begann das Volk erneut zu klagen, und zwar nicht trotz der Sättigung, sondern gerade danach. Plötzlich reichte das Gegebene nicht mehr und die Erinnerung wurde selektiv. Ägypten als Ort der Sklaverei wurde rückblickend zum Ort der Fülle verklärt. Und ihre Sättigung hatte nicht etwa Dankbarkeit erzeugt, sondern ein Anspruchsdenken. Der Mensch vergisst nicht im Mangel, sondern eher im Überfluss (5.Mo.32:13-15). Der Philosoph Schopenhauer beschrieb den Willen des Menschen als eine ständige Abfolge von Mangel – Leid – Begehr – Sättigung – kurzzeitige Ruhe – Langeweile  und erneuter Mangel. „Da gab Er ihnen ihr Begehr, aber Er sandte Magerkeit in ihre Seelen“ (Ps.106:15).

 

Der trügerische Zustand: „genug

Das deutsche Wort „Sättigung“ kommt von „satt“ = voll, lat. satis = „genug“ (vergl. Satisfaktion). Im Hebräischen heißt שָׂבַע (SaVa‘) „voll sein, genug haben, keinen Bedarf mehr spüren“. Und genau hier liegt das Problem. Denn „kein Bedarf mehr spüren“ heißt nicht: keinen Bedarf mehr haben. Sättigung täuscht eine Endgültigkeit vor, die nicht wirklich vorhanden ist.

Sodom hatte diese Sättigung ohne Mangelbewusstsein: „Siehe, das war die Schuld Sodoms: Hochmut, Sattheit und sorglose Ruhe … aber dem Armen und Bedürftigen halfen sie nicht“ (Hes.16:49). Sodom wird hier überraschenderweise nicht zuerst über sexuelle Ausschweifung definiert, sondern über Sättigung. Damit hätten wir nicht gerechnet. Nicht der Exzess ist unser Problem, sondern die Selbstgenügsamkeit, nicht das Zuviel an Lust, sondern das Zuwenig an Hunger nach dem Richtigen. Sättigung kann blind machen für den anderen, wie wir bei Sodom sehen. Die sexuelle Ausschweifung in 1.Mo.19 war nicht der Ausgangspunkt der Diagnose in Hes.16, sondern ein Symptom eines bereits zerfallenen sozialen und geistlichen Zustands. Ihre Sättigung führte zu Gleichgültigkeit, diese zu Blindheit und schließlich zu Unrecht. Die großen Sünden beginnen also mit einem Überfluss ohne Verantwortung (soziale Kälte).

Sättigung ist nicht grundsätzlich negativ. Im Gegenteil: Gott hat die Fülle und will, dass auch wir an allem Genüge und keinen Mangel haben (2.Kor.9:8, Phil.4:12). Weil der HErr unser Hirte ist, wird es uns an nichts mangeln (Ps.23:1). „Und sie aßen und wurden satt“ (z. B. bei der Speisung in Matth.14). Das ist ein Zeichen göttlicher Fürsorge. Aber bemerkenswert ist, dass diese Sättigung nie als ein Endzustand gedacht war. Nach der Speisung sucht die Menge den HErrn Jesus erneut, aber nicht wegen der Zeichen, sondern weil sie wieder satt werden will (Joh. 6). Seine Reaktion ist scharf: „Ihr sucht mich … weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“ Mit anderen Worten: Ihr habt das Eigentliche verfehlt. Sättigung kann also sogar im frommen Kontext zur Verfehlung führen.

 

Geistliche Sättigung

Noch zugespitzter wird es in der Offenbarung: „Weil du sagst: Ich bin reich und habe Überfluss … und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist“ (Offb.3:17). Das ist Sättigung in ihrer tragischsten Form: Menschen halten sich für erfüllt und gesegnet und sind es nicht. Hier wird Sättigung zur Täuschung. Nicht der Hunger ist gefährlich, sondern die Illusion, keinen Hunger mehr zu haben, denn dies kann tödlich sein. Dieser Mangel als Realität führt bei den törichten Jungfrauen zu einem bösen Erwachen, wenn sie plötzlich ihres geistlichen Mangels gewahr werden. Im Prophetenbuch Amos heißt es: „Siehe, es kommen Tage … da will ich einen Hunger ins Land senden – nicht einen Hunger nach Brot und nicht einen Durst nach Wasser, sondern danach, das Wort des HErrn zu hören“ (Am.8:11). Das ist bemerkenswert: Der eigentliche Mangel der Zukunft ist nicht zuerst materiell, sondern geistlich. Ein Mensch kann satt sein an Brot und zugleich verhungern an Wahrheit.

Als ich mit 17 Jahren als Austauschschüler bei einer Baptistenprediger-Familie in den USA lebte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es auch ein Christsein ohne Liebe zu Gott gibt. Jedes noch so geringe Bedürfnis nach Frömmigkeit, wie ich sie gewohnt war, wurde von der Familie sogleich als Gesetzlichkeit, Bevormundung und Belästigung empfunden. „Lasst uns mit dem Heiligen Israels in Ruhe!“ (Jes.30:11). Am letzten Tag meines Aufenthalts bot man mir an, die Bibelstunde zu halten. Ich predigte über die Sattheit Israels in 4.Mo.11:4-9 und wie die Kinder Israel alles Mögliche unternahmen, um dem in ihren Augen faden Manna noch irgendwie einen Geschmack abzugewinnen. Doch plötzlich stockte meine Stimme und ich begann zu weinen, weil mir die Vorstellung, wie es den HErrn betrübt, wenn uns Sein Wort nicht mehr schmeckt, unerträglich war. Ich glaube, dass diese Tränen bei ihnen eine viel größere Wirkung hinterließen als eine noch so harte Ermahnung.

Hunger als segensreicher Weg

Der HErr stellt das Prinzip des darwinistischen Survival of the fittest auf den Kopf: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Mt.5:6). Nicht die Satten sind selig, sondern die Hungrigen (Luk.6:21+25)! Das widerspricht eigentlich so ziemlich jeder Strategie und Lebensweisheit, die ein Motivationstrainer vor Führungskräften eines Konzerns mitteilen könnte. Aber es trifft den Kern: Denn nur wer noch Hunger hat, ist offen für Korrektur, und nur wer Mangel spürt, bleibt im Denken beweglich. Sättigung darf nach der Bibel nie ein Ziel sein, sondern nur eine Durchgangsphase. Sättigung, die abstumpft, führt zu Vergessen, Hochmut und Trägheit. Hingegen folgt auf einen echten Hunger nach Wahrheit und Gerechtigkeit eine tiefe Sättigung, die zu Dankbarkeit führt.

Unsere entscheidende Frage sollte daher nicht lauten: Bin ich satt? sondern: Wovon bin ich satt geworden? Denn das, was den Menschen sättigt, formt ihn. Nicht der Hunger als solcher entscheidet über die Ausrichtung des Menschen, sondern das, was nach dem Hunger kommt. Der Mensch ist Gott oft am nächsten, wenn er hungrig ist und am weitesten entfernt, wenn er satt ist.

 

Die endzeitliche Knappheit

Nicht jede Sättigung ist also ein Segen. Wo das Wort Gottes verschwindet, verliert auch das Leben seine Ordnung. Maßlosigkeit, Fehlentscheidungen und Selbstüberschätzung haben Konsequenzen, oft auch ganz praktisch. Gerade für eine Gesellschaft wie die unsere ist das brisant. Jahrzehntelang war Sättigung der Normalzustand: volle Regale, stabile Verhältnisse und wachsende Möglichkeiten. Mangel ist für viele keine Erfahrung, sondern eine abstrakte Vorstellung. Vielleicht liegt aber genau darin unsere eigentliche Schwäche. Denn wer Sättigung gewohnt ist, ist auf Entbehrung schlecht vorbereitet – äußerlich wie innerlich.

Das Wort Gottes kündigt aber in Sach.6 und Offb.6 eine große Deflation an – vermutlich infolge einer Weltwirtschaftskrise („schwarze Pferde“). Die „fetten Jahre“ gehen jetzt vorbei und es folgen sieben Hungerjahre in Analogie zur Joseph-Jesus-Prophetie. Als Kinder Gottes sollte uns das nicht in Panik versetzen, sondern zu einer  Vorbereitung führen. Nicht durch Angst, sondern durch Einübung: Verzicht, Maßhalten, Fasten und bewusste Begrenzung. Nicht weil Mangel gut ist, sondern weil ungeprüfte Sättigung träge macht. Askese ist kein Selbstzweck, sondern Training: freiwillig weniger zu brauchen, um nicht unfrei zu werden, wenn weniger da ist. Denn eines ist sicher: Eine Zeit, die nur von Sättigung lebt, ist nicht stabil, und ein Glaube, der nur im Überfluss funktioniert, wird im Mangel nicht bestehen (Mt.25:6-12).

 

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