„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

Aktuelles

– „Stich-Worte“ Teil 11

 

41. Sturheit

„Ein Mann, der (trotz) Ermahnungen halsstarrig bleibt, wird plötzlich zerschmettert werden ohne Heilung. (Spr.29:1)

Sturheit gilt im Allgemeinen meist als Schwäche: man ist unbeugsam, uneinsichtig und halsstarrig. Zugleich wird sie nicht selten beschönigt als Standhaftigkeit, Rückgrat oder Prinzipientreue. Diese Ambivalenz (Kampf zwischen zwei Gegensätzen) führt zu einem folgenreichen Spannungsfeld zwischen innerer Festigkeit und innerer Verhärtung. Meist aber hindert eine sture Herzenshaltung uns am Umdenken (griech. META´NOIA = „Mitdenken“) und damit an der Veränderung zur Heiligung, die Gott mit uns vorhat.

Stur kommt ja von „starr“ und ist mehr als ein Beharren aufgrund einer starken Überzeugung, sondern ein Zustand innerer Unbeweglichkeit. In der hebräischen Bibel gibt es verschiedene Begriffe dafür קְשֵׁה־עֹרֶף = halsstarrig (wörtl. „mit hartem Nacken“ Jer.11:8, 13:10), כָּבֵד לֵב = „schweres Herz“ (etwa bei dem Pharao), חָזַק = „verhärten“ (im Sinne einer geistlichen Verstockung). Im Griechischen gibt es σκληροκαρδία = „Herzenshärte“ (Mk.16:14), ἀντιπίπτω = „widerstehen, sich entgegenstellen“ (Apg.7:51). Sturheit ist biblisch also weniger eine Charaktereigenschaft als eine existenzielle Haltung gegenüber Wahrheit, Korrektur und Gott. Abraham war bei der Opferung Isaaks unbeirrbar, weil es ein Gebot Gottes war, aber war gegenüber Lot sehr flexibel, um ihm den Vorzug zu geben bei der Wahl.

Kaum ein Begriff wird im Alten Testament so häufig auf Israel angewandt wie „halsstarrig“ (z.B. 2.Mo.32:9, 5.Mo. 9:6). Diese Diagnose erfolgte nicht trotz, sondern wegen all der Vorrechte, die Gott Seinem Volk gab. Sturheit zeigt sich hier also nicht in offenem Atheismus, sondern in der Weigerung, sich von Gott korrigieren zu lassen, sobald Sein Wille den eigenen Vorstellungen widerspricht. Im Unterschied dazu war die Herzensverhärtung beim Pharao in 2.Mo.7–14 ist ein Paradebeispiel für die Kraft der Sturheit: Er ignorierte wirklich jede Warnung. Seine Weigerung führte unwillkürlich in die Eskalation und ins Verderben. Eine Einsicht erfolgte jedes Mal erst, wenn es schon zu spät war. Auffällig ist, dass Pharaos Herz zunächst von ihm selbst verhärtet wurde, und erst später von Gott selbst. Dies ist ein Hinweis darauf, dass dauerhafte Sturheit zur Selbstverfestigung führt, die schließlich zum Gericht wird.

Der HErr Jesus begegnete der Sturheit besonders dort, wo man sie am wenigsten erwartet hätte, nämlich bei den Schriftgelehrten. Die Pharisäer waren nicht etwa ignorant, sondern überzeugt, nicht gottlos, sondern gesetzestreu. Ihre Sturheit bestand darin, dass sie ihre theologischen Kategorien nicht mehr hinterfragen konnten bzw. wollten (Mk.3:5). Die Wahrheit wurde ihnen zur Bedrohung, weil sie ihr eigenes Selbstbild infrage stellte. Heute ist es nicht anders, wenn man mit den Gläubigen der verschiedensten Sekten diskutiert. Man verwechselt regelmäßig die eigene Lehrauffassung mit der Bibel selbst und sagt: „Das ist doch EINDEUTIG!“, ohne zu merken, dass es kontrovers ist.

In der Reformationszeit gab es viele sog. Wiedertäufer, die lieber sterben wollten als dass sie ihre Babys tauften. Einer von ihnen war Fritz Erbe (1500-1548), ein Bauer aus Herda (Thüringen), der nicht etwa wegen seines Glaubens an den HErrn Jesus, sondern aufgrund seines Bibelverständnisses 15 Jahre lang bis zu seinem Tod inhaftiert war in der Wartburg bis er dann grausam verendete. Während dieser Zeit gab man ihm mehrere Gelegenheiten, seine Auffassung zu ändern und sich wieder der protestantischen Lehre zu unterwerfen, aber er hielt dies für einen Verrat an seinem Gewissen. Aber auch die Kirche durfte nicht nachgiebig sein, da dies ihr Untergang gewesen wäre. Für beide Seiten ging es also um alles oder nichts. Heute hingegen würde niemand mehr wegen einer Lehrfrage auf alles verzichten (Familie, Beruf, Gesundheit und Leben).

Sturheit ist selten reine Dummheit, sondern oft ein Abwehrmechanismus. Sie schützt vor Kontrollverlust und vor Identitätsbedrohung – besonders heute in der sich ständig verändernden Welt der Endzeit. Und gerade bei solchen, die unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden schützt eine starre Haltung vor Kränkung und Gesichtsverlust. Wer seine Überzeugungen absolut setzt, der vermeidet die schmerzhafte Erfahrung, sich geirrt zu haben (2.Sam. 17:23). Menschen neigen dazu, widersprechende Argumente abzuwehren, um innere Spannung zu vermeiden. Sturheit stabilisiert das Selbstbild – allerdings um den Preis der Lernfähigkeit (Luk.16:15). Sturheit aktiviert Stress und Angst im Gehirn; Offenheit und Flexibilität hingegen haben eine höhere emotionale Regulation. Sturheit fühlt sich sicher an, macht aber langfristig unfreier.

Das es sturen Menschen oft nur ums Prinzip geht, ist der Grund, warum Gerichte in Deutschland völlig überlastet sind. Einmal beauftragte mich ein Professor damit, die Türen seiner Altbremer Wohnung zu lackieren, nachdem er aus dieser ausgezogen war. Sein Vermieter schrieb mir, dass ich diese „hochglänzend“ lackieren solle, aber der Professor verlangte, dass ich sie nur mit Seidenglanzlack streichen dürfe, so wie sie vorher waren. Bei der Abnahme stritt sich dann der Vermieter mit dem Professor, weil er ausdrücklich Hochglanz haben wollte. Der promovierte ExMieter reagierte gekränkt: „Ich lasse mir von niemandem Anweisungen erteilen!“ Dabei hätte es ihm doch völlig egal sein können, welchen Glanzgrad die Türen bekämen, da er sowieso ausgezogen war! Das ist wirklich Sturheit.

Vor ein paar Jahren stieß ein Autofahrer in Delmenhorst beim Öffnen der Tür auf einem Parkplatz gegen den Wagen eines anderen. Der „Geschädigte“ verlangte für den kaum sichtbaren Kratzer eine Entschädigung von 100,- €, der andere aber weigerte sich zu zahlen. Die Sache landete vor Gericht. Der Richter wollte aber kein Gutachten erstellen lassen, sondern schlug vor, sich den Kratzer mal gemeinsam anzusehen. Die Beteiligten gingen also hinunter auf den Parkplatz vom Gericht, und man zeigte dem Richter den Kratzer am Wagen. Auf einmal sprühte der Richter ein wenig Politur auf die Stelle und rieb sie mit einem weichen Tuch glänzend bis nichts mehr zu sehen war. Dann stand er auf und sagte, dass der Fall abgeschlossen sei. Der verdutzte Autobesitzer fühlte sich gedemütigt und war mit der ungewöhnlichen Schlichtung nicht einverstanden, da der Richter ihm die Aussicht auf eine Entschädigung genommen hatte. Der Richter hingegen hatte auf skurrile Weise beiden Streithähnen eine Lektion erteilt.

Die Bibel unterscheidet klar zwischen Sturheit und Standhaftigkeit: Ein sturer Mensch sagt: „Ich kann und werde nicht umkehren!“ Ein Standhafter hingegen sagt: „Ich will nicht vom Guten abweichen“ (vergl. Dan.3:17-18). Der HErr Jesus selbst veranschaulichte uns diesen Unterschied durch Sein Leben: Er stand allezeit fest in der Wahrheit, war aber immer offen für den Willen Seines Vaters und sogar im Leiden noch lernfähig (Hebr. 5:8). Der Heilige Geist lehrt uns, dass wir nicht hart und unerbittlich sein sollen, aber sehr wohl, dass unser „Herz durch Gnade befestigt werde“ bei innerer Beweglichkeit (Hebr.13:9): „Heute, wenn ihr SEINE Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ (Hebr.3:15). Wohlgemerkt: SEINE Stimme und nicht die Stimme unserer Prinzipien, da diese falsch sein können.

Wenn man sich innerlich leer und minderwertig fühlt, neigt man dazu, Regeln und Prinzipien zu einer Waffe gegen andere zu missbrauchen, um sich dadurch selbst aufzuwerten (Röm.2:1-4). Vor zwei Jahren machte der damals 20-Jährige Niclas Matthei aus Gräfenhainichen auf sich aufmerksam, indem er als sog. „Anzeigenhauptmeister“ überall in Deutschland Falschparker anzeigte. Der stark narzisstisch wirkende Moralapostel verdiente damit kein Geld, genoss es jedoch, „den Blutdruck der Bevölkerung in die Höhe zu treiben“, wie er sagte. Dann ließ er sich einen Hitler-Oberbart wachsen und verbrannte einen Koran, um weiter in den Medien präsent zu sein. Zuletzt entwendete er in Böblitz (Spreewald) sämtliche Bücher aus einer öffentlichen Tauschbox, die ein Traditionsverein kostenlos zum Lesen für jedermann anbot, um sie zu verkaufen oder wegzuwerfen. Die berechtigte Empörung der Dorfbewohner war ihm egal, da er sich auf sein „Recht“ berief.

Sturheit ist aus biblischer Sicht keine Nebensünde, sondern eine Existenzgefahr des Glaubens. Sie verschließt den Menschen nicht in erster Linie vor Argumenten, sondern vor seiner Beziehung zu Gott und zu anderen. Wo Sturheit herrscht, endet das Wachstum, aber wo Umkehr möglich bleibt, beginnt erst die echte Freiheit. Wer ständig andere provozieren muss durch das Pochen auf sein Recht oder auf scheinbar biblische Regeln, hat sich unbewusst in eine „Fangschlinge des Teufels“ begeben, aus der man ihn nur noch mit viel Liebe, Sanftmut und Demut befreien kann (2.Tim.2:25-26). Der Teufel ist ein Rebell und Provokateur, indem er sich widersetzt (Satan = Ankläger, Widersacher). Dieses Sich-nichts-sagen-lassen und in Gesprächen immer Rechthabenwollen hat also nicht nur eine psychologische, sondern auch eine dämonische Ursache. Das APÄIThÄOo = „Sich-nicht-überzeugen-lassen“ in Joh.3:36, Röm.2:8 und Hebr.3:18 führt einen Christen unweigerlich in die Gehenna, wo der Starrsinn vom Feuer Gottes verzehrt wird. Deshalb lasst uns allezeit fügsam und beweglich sein im Denken, fest im Vertrauen und demütig im Herzen!

 

 

  1. Zeit auskaufen

„Sehet nun zu, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die gelegene Zeit auskaufend, denn die Tage sind böse.“ (Eph.5:15-16)

Der Ausdruck „die Zeit auskaufend“, „die Gelegenheit nutzend“ (griech. TON KAIRÒN EXAGORAZÓMENOI) ist nicht ein einmaliges Handeln, sondern eine andauernde Haltung/ Verhalten (Partizipform) und bedeutet wörtl.: „Fristen herauskaufend“, „vom Markt freikaufend“ (z.B. einen Sklaven vergl. Gal.3:13). Es geht darum, ständig den perfekten und von Gott gesetzten Moment für eine entscheidende Handlung zu erkennen und zu nutzen. Man kann zwar keine Zeit kaufen, aber man kann gute Gelegenheiten „retten“, indem man sie nicht versäumt.

  1. Zeitverschwendung durch Ablenkung

Kaum ein Mangel prägt unsere Gegenwart so sehr wie der Mangel an Zeit – und zugleich kaum ein Gut wird so achtlos verschwendet. Auch wir Gläubigen leben unter dem permanenten Eindruck von Zeitnot, während wir gleichzeitig viele Stunden in Tätigkeiten investieren, die rückblickend keinen Lohn bringen für die Ewigkeit. Diese paradoxe Erfahrung verweist auf ein tieferliegendes Problem: Nicht die Zeit selbst fehlt, sondern die Herrschaft über sie. Vor diesem Hintergrund gewinnt das biblische Gebot, „die Zeit auszukaufen“, eine erstaunliche Aktualität. Er ist kein frommer Appell zu besserer Organisation, sondern eine radikale Anfrage an unsere Prioritäten. Wir sollten uns nicht (nur) fragen: „Wie nutze ich meine Zeit effizienter?“, sondern: „Wer oder was verfügt über meine Zeit – und wozu?“

Martha tat z.B. das Richtige, aber nicht zur richtigen Zeit und auch nicht im rechten inneren Zustand. Sie war „beschäftigt mit vielem Dienen“ (Luk.10:40). Das gr. Wort PERI´ESPATO („in Anspruch genommen sein“) bedeutet wörtlich „hin- und hergezogen“. Das Problem ist nicht der Dienst, sondern die Zersplitterung der Aufmerksamkeit. Die Folge: sie verliert die Ruhe, dann die Freude und schließlich die Liebe, indem sie das Wesentliche aus dem Blick verliert. Wenn Paulus von „bösen Tagen“ spricht (Eph.5:16), meint er nicht in erster Linie Zeiten der offenen Verfolgung, sondern die fortschreitende Verderbnis in der Welt. Die heutige Smartphone-Welt zwingt uns nicht zur Ablenkung, sondern verführt uns, indem sie unsere Aufmerksamkeit bindet, so wie sich Simson durch Reize und Gewöhnung immer mehr „binden“ ließ, bis er sich nicht mehr befreien konnte (Rich. 16). Es war ein Prozess der Abstumpfung. Zeiten der Muße werden durch Zerstreuung verschwendet, anstatt sie für das Gebet zu nutzen. Dadurch verlieren wir schleichend unsere Freiheit und Konzentration auf Gottes Willen. Dabei ist der überflüssige Medienkonsum nicht bloß ein Begleitphänomen, sondern von den Plattform-Anbietern bewusst so konzipiert, dass der Nutzer seine Entscheidungsfreiheit verliert, indem er durch algorithmisch erzeugte Reize möglichst lange im Bann gehalten wird. Wir „verbringen“ unsere Zeit nicht mehr, sondern sie wird gegen unseren Willen verbraucht. Endloses Scrollen, ständige Benachrichtigungen: All dies ist darauf angelegt, Zeit zu binden, ohne Sinn zu stiften. Gerade darin liegt der Gegensatz zum Wort Gottes, in welchem Zeit (ChRONOS) nicht nur eine frei verfügbare Gabe Gottes ist, sondern als KAIROS zugleich „Frist“ und „Gelegenheit“, die man versäumen kann durch Unwachsamkeit (Mat.25:13).

  1. Aufschieben von Verpflichtungen

Die allgegenwärtige Verschwendung unserer Zeit und die dadurch verursachte Gewohnheit des Aufschiebens (Prokrastination) ist nach der Bibel eine Sünde, die die Bibel auch als „Ausschweifung“ bzw. „Abschweifung“ bezeichnet (Mk.7:22, Röm.13:13, Gal.5:19, Eph.5:18). Denn durch die ständigen Ablenkungen, verlieren wir die Fähigkeit zur Entscheidung für das Wesentliche. Wichtige Aufgaben werden leichtfertig aufgeschoben, nicht weil sie für uns zu schwer wären, sondern weil uns die geistige Wachsamkeit und Disziplin fehlt, sich uns diesen zu stellen. Das Aufschieben ist daher nicht bloß eine Folge von Trägheit, sondern die Vermeidung, sich mit der reizarmen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Wir flüchten in Ersatzbeschäftigungen, um uns der Konfrontation mit dem Eigentlichen zu entziehen. Aber nur ein besonnener, konzentrierter und gesammelter Mensch ist fähig die Wahrheit zu erkennen.

Als Mose 40 Tage auf dem Berg Gottes verschwunden war (ein Bild auf die heutige Abwesenheit Jesu im Fleische), vermisste das Volk die Stimme Gottes und Seine Wunder (2.Mo.32:1). Es war nicht der Unglaube, sondern die Ungeduld, dass sie die Abwesenheit Gottes auf einmal als Leere empfanden, die sie durch Bilder, Lärm und Aktion erneut füllen wollten. Wo der Mensch die Stille nicht erträgt, erschafft er sich Ersatzgötter. Das goldene Kalb war weniger ein Götzendienst aus Überzeugung als eine Zerstreuung aus innerer Leere. Deshalb steht geschrieben: „Bewahre dein Herz mehr als alles, denn von ihm sind die Ausgänge des Lebens“ (Spr. 4:23). Seelsorgerlich betrachtet ist Ablenkung nämlich ein Zeichen innerer Doppelherzigkeit (Mt.6:24, Jak.1:8, 4:8). Wir wissen, was wir tun sollten, aber schaffen es nicht, es umzusetzen (Röm.7:15-19), weil zwischen unserer Erkenntnis und unserem Handeln eine Lücke klafft. „Die Zeit auszukaufen“ bedeutet in diesem Fall, durch Umdenken die Gewohnheit des Aufschiebens bewusst abzulegen. Es geht also nicht um Zeitmanagement oder Selbstoptimierung, sondern um den Gehorsam im Kleinen. „Heute, wenn ihr Seine Stimme hört …“ (Hebr.3:7-8). Wenn wir immer auf den besseren Zeitpunkt warten, überhören wir diesen Ruf Gottes.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von keinem überwältigen lassen“ (1.Kor.6:12). Ein suchthafter Medienkonsum wirkt geistlich zerstörerisch, weil er die Seele in einen Zustand dauernder Reizung versetzt. Die Stille wird unerträglich und die Konzentration anstrengend. Das geistliche Leben im Gebet und Nachsinnen setzt aber Ungestörtheit voraus. Wer seine Zeit nicht schützt, verliert allmählich den Zugang zu Gott. „Zeitauskaufen“ heißt praktisch, dass wir uns bewusst Zeiten setzen ohne Medien und auch unseren Tages- und Wochenrhythmus so ordnen, dass wir das Unwichtige begrenzen und das Nötige nicht länger aufschieben. Enthaltsamkeit ist kein Verzicht, um sich des starken Willens zu rühmen, sondern eine Rückgewinnung der verlorengegangenen Freiheit. Wir geben das Fruchtlose auf, um uns nur noch dem Fruchtbringenden zu widmen.

 

  1. Warum wir die Zeit ausnutzen sollten

Der alte Mensch lebt von Natur zerstreut, ist neugierig und oberflächlich. Als Kinder Gottes wissen wir aber, dass es für alles unter der Sonne eine bestimmte Zeit gibt, die von Gott dafür vorgesehen ist (Pred.3:1-8). Gott will, dass wir Seine Ordnung ernst nehmen und unsere Zeiten in Seine Hand legen (Ps.31:15). Wer erkennt, dass Zeit nicht unendlich verfügbar ist, der beginnt anders zu leben. In einer Welt, die will, dass wir unsere „Freizeit“ systematisch mit Zerstreuungen verbringen, ist das Zeitauskaufen ein Akt geistiger Klarheit und zugleich ein bewusster Widerstand gegen Ablenkung, Aufschub und innerer Flucht. Es geht nicht darum, jede Minute zu füllen, sondern die entscheidenden Momente nicht zu verpassen. Als geistlich Weise leben wir nicht schneller, sondern wacher, indem uns allezeit bewusst ist, dass wir für alles Tun und Lassen einmal Rechenschaft ablegen müssen vor dem HErrn: „Siehe, Ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk sein wird“ (Offb.22:12).

Die „Zeit auskaufen“ meint also nicht, jeden Anlass oder jedes Angebot zu nutzen, sondern die entscheidenden Gelegenheiten für das Reich Gottes nicht verstreichen zu lassen (Mat.6:33). Wer die Zeit „auskauft“, handelt deshalb nicht hektisch, sondern unterscheidend. Er lebt nicht einfach dahin, sondern fragt: Was ist jetzt dran? Was dient dem Guten, was dem Wahren, was dem Aufbau und was raubt mir diese Möglichkeit? Nutzen uns die Medien oder nützen wir viel mehr ihnen?

Als Schafe unseres Guten Hirten sollen wir uns nicht von einer fremden Macht treiben, sondern von Ihm führen lassen. Unsere kurze Zeit auf Erden ist kostbar und nicht beliebig wiederholbar. Jeder Tag enthält ein begrenztes Feld von Möglichkeiten, die Gott uns geschenkt hat.

Der HErr will, dass wir überwinden und ruft uns deshalb aus der Passivität in die Verantwortung, aus der Ablenkung in die Sammlung, aus dem Aufschub in die Entscheidung. In einer Welt, die unsere Zeit systematisch verbraucht, ist das Auskaufen der Zeit ein Akt geistlicher Selbstbehauptung und stiller Widerstand gegen die Verwertungslogik. Gott hat uns dafür den Sabbat gegeben,der kein bloßer Ruhetag, sondern ein dem HErr geheiligter Tag, um durch Ruhe und Besinnung uns den wirtschaftlichen und medialen Zwängen zu entziehen.

 

 

  1. Sättigung

„Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; ihr esset, aber nicht zur Sättigung; ihr trinket, aber nicht zur Genüge; ihr kleidet euch, aber es wird keinem warm. Und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel!“ (Haggai 1:6)

 

Das Wort Sättigung klingt harmlos, fast schon idyllisch. Ich stelle mir einen vollen Tisch vor und eine glückliche Familie, die gerade gegessen hat. Doch biblisch betrachtet ist Sättigung kein neutraler Zustand, sondern ein Wendepunkt, der oftmals sogar gefährlich sein kann. In

der Bibel finden wir immer wieder eine beunruhigende Abfolge: Gott gibt, der Mensch wird satt, und dann entfernt er sich: „Als sie aber satt wurden, erhob sich ihr Herz, und sie vergaßen mich“ (5.Mo.8:10–14). Das ist kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster.

Sättigung als Auslöser des Vergessens

Das Volk Israel ist das klassische Beispiel: In der Wüste schrie es vor Hunger (2.Mo.16:3). Es war abhängig, verletzlich und auf Gottes Hilfe angewiesen. Und genau in dem Moment geschah Gottes Versorgung mit Manna, Wachteln und Wasser aus dem Felsen. Doch kaum war ihr Hunger gestillt, vergaßen sie auch schon Gottes Wohltat. Deshalb sollte Aaron von dem Manna etwas aufbewahren zum Zeugnis für zukünftige Generationen. Unser Manna ist der HErr Jesus (Joh.6), und wir sollen Seine Versorgungstreue stets als Erinnerung im Herzen tragen, bis unsere Wüstenzeit hier endet.

In 4.Mose 11 begann das Volk erneut zu klagen, und zwar nicht trotz der Sättigung, sondern gerade danach. Plötzlich reichte das Gegebene nicht mehr und die Erinnerung wurde selektiv. Ägypten als Ort der Sklaverei wurde rückblickend zum Ort der Fülle verklärt. Und ihre Sättigung hatte nicht etwa Dankbarkeit erzeugt, sondern ein Anspruchsdenken. Der Mensch vergisst nicht im Mangel, sondern eher im Überfluss (5.Mo.32:13-15). Der Philosoph Schopenhauer beschrieb den Willen des Menschen als eine ständige Abfolge von Mangel – Leid – Begehr – Sättigung – kurzzeitige Ruhe – Langeweile  und erneuter Mangel. „Da gab Er ihnen ihr Begehr, aber Er sandte Magerkeit in ihre Seelen“ (Ps.106:15).

 

Der trügerische Zustand: „genug

Das deutsche Wort „Sättigung“ kommt von „satt“ = voll, lat. satis = „genug“ (vergl. Satisfaktion). Im Hebräischen heißt שָׂבַע (SaVa‘) „voll sein, genug haben, keinen Bedarf mehr spüren“. Und genau hier liegt das Problem. Denn „kein Bedarf mehr spüren“ heißt nicht: keinen Bedarf mehr haben. Sättigung täuscht eine Endgültigkeit vor, die nicht wirklich vorhanden ist.

Sodom hatte diese Sättigung ohne Mangelbewusstsein: „Siehe, das war die Schuld Sodoms: Hochmut, Sattheit und sorglose Ruhe … aber dem Armen und Bedürftigen halfen sie nicht“ (Hes.16:49). Sodom wird hier überraschenderweise nicht zuerst über sexuelle Ausschweifung definiert, sondern über Sättigung. Damit hätten wir nicht gerechnet. Nicht der Exzess ist unser Problem, sondern die Selbstgenügsamkeit, nicht das Zuviel an Lust, sondern das Zuwenig an Hunger nach dem Richtigen. Sättigung kann blind machen für den anderen, wie wir bei Sodom sehen. Die sexuelle Ausschweifung in 1.Mo.19 war nicht der Ausgangspunkt der Diagnose in Hes.16, sondern ein Symptom eines bereits zerfallenen sozialen und geistlichen Zustands. Ihre Sättigung führte zu Gleichgültigkeit, diese zu Blindheit und schließlich zu Unrecht. Die großen Sünden beginnen also mit einem Überfluss ohne Verantwortung (soziale Kälte).

Sättigung ist nicht grundsätzlich negativ. Im Gegenteil: Gott hat die Fülle und will, dass auch wir an allem Genüge und keinen Mangel haben (2.Kor.9:8, Phil.4:12). Weil der HErr unser Hirte ist, wird es uns an nichts mangeln (Ps.23:1). „Und sie aßen und wurden satt“ (z. B. bei der Speisung in Matth.14). Das ist ein Zeichen göttlicher Fürsorge. Aber bemerkenswert ist, dass diese Sättigung nie als ein Endzustand gedacht war. Nach der Speisung sucht die Menge den HErrn Jesus erneut, aber nicht wegen der Zeichen, sondern weil sie wieder satt werden will (Joh. 6). Seine Reaktion ist scharf: „Ihr sucht mich … weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“ Mit anderen Worten: Ihr habt das Eigentliche verfehlt. Sättigung kann also sogar im frommen Kontext zur Verfehlung führen.

 

Geistliche Sättigung

Noch zugespitzter wird es in der Offenbarung: „Weil du sagst: Ich bin reich und habe Überfluss … und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist“ (Offb.3:17). Das ist Sättigung in ihrer tragischsten Form: Menschen halten sich für erfüllt und gesegnet und sind es nicht. Hier wird Sättigung zur Täuschung. Nicht der Hunger ist gefährlich, sondern die Illusion, keinen Hunger mehr zu haben, denn dies kann tödlich sein. Dieser Mangel als Realität führt bei den törichten Jungfrauen zu einem bösen Erwachen, wenn sie plötzlich ihres geistlichen Mangels gewahr werden. Im Prophetenbuch Amos heißt es: „Siehe, es kommen Tage … da will ich einen Hunger ins Land senden – nicht einen Hunger nach Brot und nicht einen Durst nach Wasser, sondern danach, das Wort des HErrn zu hören“ (Am.8:11). Das ist bemerkenswert: Der eigentliche Mangel der Zukunft ist nicht zuerst materiell, sondern geistlich. Ein Mensch kann satt sein an Brot und zugleich verhungern an Wahrheit.

Als ich mit 17 Jahren als Austauschschüler bei einer Baptistenprediger-Familie in den USA lebte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es auch ein Christsein ohne Liebe zu Gott gibt. Jedes noch so geringe Bedürfnis nach Frömmigkeit, wie ich sie gewohnt war, wurde von der Familie sogleich als Gesetzlichkeit, Bevormundung und Belästigung empfunden. „Lasst uns mit dem Heiligen Israels in Ruhe!“ (Jes.30:11). Am letzten Tag meines Aufenthalts bot man mir an, die Bibelstunde zu halten. Ich predigte über die Sattheit Israels in 4.Mo.11:4-9 und wie die Kinder Israel alles Mögliche unternahmen, um dem in ihren Augen faden Manna noch irgendwie einen Geschmack abzugewinnen. Doch plötzlich stockte meine Stimme und ich begann zu weinen, weil mir die Vorstellung, wie es den HErrn betrübt, wenn uns Sein Wort nicht mehr schmeckt, unerträglich war. Ich glaube, dass diese Tränen bei ihnen eine viel größere Wirkung hinterließen als eine noch so harte Ermahnung.

Hunger als segensreicher Weg

Der HErr stellt das Prinzip des darwinistischen Survival of the fittest auf den Kopf: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Mt.5:6). Nicht die Satten sind selig, sondern die Hungrigen (Luk.6:21+25)! Das widerspricht eigentlich so ziemlich jeder Strategie und Lebensweisheit, die ein Motivationstrainer vor Führungskräften eines Konzerns mitteilen könnte. Aber es trifft den Kern: Denn nur wer noch Hunger hat, ist offen für Korrektur, und nur wer Mangel spürt, bleibt im Denken beweglich. Sättigung darf nach der Bibel nie ein Ziel sein, sondern nur eine Durchgangsphase. Sättigung, die abstumpft, führt zu Vergessen, Hochmut und Trägheit. Hingegen folgt auf einen echten Hunger nach Wahrheit und Gerechtigkeit eine tiefe Sättigung, die zu Dankbarkeit führt.

Unsere entscheidende Frage sollte daher nicht lauten: Bin ich satt? sondern: Wovon bin ich satt geworden? Denn das, was den Menschen sättigt, formt ihn. Nicht der Hunger als solcher entscheidet über die Ausrichtung des Menschen, sondern das, was nach dem Hunger kommt. Der Mensch ist Gott oft am nächsten, wenn er hungrig ist und am weitesten entfernt, wenn er satt ist.

 

Die endzeitliche Knappheit

Nicht jede Sättigung ist also ein Segen. Wo das Wort Gottes verschwindet, verliert auch das Leben seine Ordnung. Maßlosigkeit, Fehlentscheidungen und Selbstüberschätzung haben Konsequenzen, oft auch ganz praktisch. Gerade für eine Gesellschaft wie die unsere ist das brisant. Jahrzehntelang war Sättigung der Normalzustand: volle Regale, stabile Verhältnisse und wachsende Möglichkeiten. Mangel ist für viele keine Erfahrung, sondern eine abstrakte Vorstellung. Vielleicht liegt aber genau darin unsere eigentliche Schwäche. Denn wer Sättigung gewohnt ist, ist auf Entbehrung schlecht vorbereitet – äußerlich wie innerlich.

Das Wort Gottes kündigt aber in Sach.6 und Offb.6 eine große Deflation an – vermutlich infolge einer Weltwirtschaftskrise („schwarze Pferde“). Die „fetten Jahre“ gehen jetzt vorbei und es folgen sieben Hungerjahre in Analogie zur Joseph-Jesus-Prophetie. Als Kinder Gottes sollte uns das nicht in Panik versetzen, sondern zu einer  Vorbereitung führen. Nicht durch Angst, sondern durch Einübung: Verzicht, Maßhalten, Fasten und bewusste Begrenzung. Nicht weil Mangel gut ist, sondern weil ungeprüfte Sättigung träge macht. Askese ist kein Selbstzweck, sondern Training: freiwillig weniger zu brauchen, um nicht unfrei zu werden, wenn weniger da ist. Denn eines ist sicher: Eine Zeit, die nur von Sättigung lebt, ist nicht stabil, und ein Glaube, der nur im Überfluss funktioniert, wird im Mangel nicht bestehen (Mt.25:6-12).

 

Lehrt die Bibel die Dreieinigkeit?

 

„In Bezug auf den Sohn (spricht er): Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit…“ (Hebr.1:7-8)

Wenn wir heute vom „Dreieinigen Gott“ sprechen, wirkt diese Vorstellung oft wie eine selbstverständliche Grundüberzeugung aller Christen. Vater, Sohn und Heiliger Geist – ein Gott in drei Personen. Doch geschichtlich gesehen ist diese Formel das Ergebnis eines langen und konfliktreichen theologischen Ringens. Zwischen der Apostelzeit und der endgültigen dogmatischen Formulierung im Jahr 381 liegen mehr als 3 Jahrhunderte intensiver Debatten, Missverständnisse und kirchenpolitischer Machtkämpfe.

Im Neuen Testament findet sich keine systematisch ausgearbeitete Dreieinigkeitslehre. Stattdessen finden wir eine Vielzahl von Aussagen über Gott, Christus und den Heiligen Geist, die später in ein theologisches System gebracht wurden. Einige Stellen betonen die einzigartige Gottheit des Vaters. Jesus sagt z.B.: „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus“ (Joh.17:3). Auch Paulus schreibt: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus“ (1.Tim.2:5). Andere Aussagen sprechen jedoch klar von der Gottheit Jesu: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh.1:1). „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol.1:15). „… Christus, welcher über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen“ (Röm.9:5). Diese Spannung zwischen dem strengen Ein-Gott-Glauben und der Gottheit Jesu bildete den Ausgangspunkt der späteren Diskussionen.


Die Entstehung der Dreieinigkeitslehre

Schon im 2. und 3. Jahrhundert versuchten christliche Theologen, diese biblischen Aussagen miteinander zu verbinden. Der nordafrikanische Kirchenvater Tertullian prägte erstmals den lateinischen Begriff Trinitas. Seine Formel lautete: „eine Substanz – drei Personen“. Andere Gläubige verstanden es anders. Manche betonten die Einheit Gottes so stark, dass sie Vater, Sohn und Heiliger Geist nur als verschiedene Erscheinungsformen desselben Gottes betrachteten. Diese Richtung wurde später als Modalismus bezeichnet. Andere wiederum verstanden Christus stärker als ein von Gott hervorgebrachtes Wesen. Diese Richtung wurde im 4. Jahrhundert durch den alexandrinischen Priester Arius (256–336) vertreten. Arius argumentierte mit großer Konsequenz: Wenn der Sohn vom Vater gezeugt wurde, müsse es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem Er noch nicht existierte. Seine berühmte Formel lautete: „Es gab eine Zeit, da der Sohn nicht war.“ Für Arius war Christus zwar das höchste aller Geschöpfe, aber nicht wesensgleich mit Gott. Sein schärfster Gegner wurde der Bischof Athanasius von Alexandria (300-373). Für ihn stand das Heil selbst auf dem Spiel. Seine zentrale Überlegung lautete: „Wenn Christus nicht wirklich Gott ist, kann er auch nicht wirklich erlösen“.

Der Streit wurde so heftig, dass Kaiser Konstantin im Jahr 325 ein Konzil einberief. Dort wurde beschlossen, dass der Sohn HOMOoSIOS, also „wesensgleich“ mit dem Vater sei. Dieses eine Wort sollte die Geschichte der christlichen Theologie nachhaltig prägen. Doch das Problem war damit nicht gelöst. Viele Bischöfe misstrauten dem Begriff, weil er in der Bibel nicht vorkam und ihnen zu philosophisch erschien. Andere fürchteten, er könne den Unterschied zwischen Vater und Sohn verwischen. Besonders deutlich wird die Spannung in einem kleinen sprachlichen Unterschied. HOMOoSIOS bedeutet: „vom gleichen Wesen“. HOMOoISIOS bedeutet: „vom ähnlichen Wesen“. Der Unterschied besteht nur in einem einzigen griechischen Buchstaben. Trotzdem standen hinter diesen Worten völlig unterschiedliche Gottesbilder. In der Mitte des 4. Jahrhunderts befand sich die Mehrheit der Bischöfe tatsächlich nicht auf der Seite des Nicänums. Viele vertraten eine Art Zwischenposition – den sogenannten Semi-Arianismus. Der Kirchenhistoriker Hieronymus schrieb später rückblickend: „Die ganze Welt stöhnte und wunderte sich, dass sie arianisch geworden war.“

Ein großer Teil der Konflikte beruhte auf Missverständnissen zwischen griechischer und lateinischer Theologie. Im griechischen Osten sprach man von: einer OoSIA („Wesen“) mit drei hYPO´STASÄIS (konkreten „Zuständen/Wirklichkeiten“). Im lateinischen Westen klang das jedoch wie: drei SUBSTANTIA (wörtl. Wiedergabe von hYPO´STASIS), was sofort wie ein Bekenntnis zu drei Göttern wirkte. Erst die sog. kappadokischen Väter – Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz – brachten Klarheit in die Begriffe. Sie unterschieden präzise zwischen: Wesen (OoSIA) und Person (hYPO´STASIS). Ihre Formel lautete: „eine Wesenheit mit drei Personen“. Diese Definition setzte sich schließlich durch. Im Jahr 381 bestätigte das Konzil von Konstantinopel die trinitarische Lehre endgültig und erweiterte das Glaubensbekenntnis um Aussagen über den Heiligen Geist. Damit war die klassische Dreieinigkeitslehre formuliert, wie sie bis heute von den meisten Kirchen vertreten wird.


Gegenseitige Verketzerungen

Historisch gesehen war die trinitarische Position lange Zeit in der Minderheit. Schätzungen unter Kirchenhistorikern gehen davon aus, dass um das Jahr 350 etwa 20–25 % der Bischöfe die nicänische Position vertraten, 50–60 % eine semi-arianische Zwischenposition und etwa 10–15 % radikal arianische Ansichten (der Modalismus wurde zu diesem Zeitpunkt nur noch verschwindend gering vertreten). Die endgültige Durchsetzung der Trinitätslehre war also nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzils, sondern eines jahrzehntelangen theologischen Prozesses. Die Auseinandersetzungen blieben nicht auf akademische Debatten beschränkt. Bischöfe wurden abgesetzt, Gemeinden gespalten und Theologen ins Exil geschickt. Athanasius selbst wurde fünfmal aus seinem Amt vertrieben und verbrachte rund siebzehn Jahre seines Lebens im Exil. Aus heutiger Sicht wirkt diese Härte befremdlich. Doch für viele Christen der damaligen Zeit ging es um die zentrale Frage: Wer ist Jesus wirklich?

Interessanterweise erinnert die Dynamik dieser frühen Konflikte in mancher Hinsicht an heutige innerchristliche Debatten. Auch in evangelikalen Kreisen kommt es nicht selten vor, dass Christen einander das „wahre Evangelium“ oder sogar die Wiedergeburt absprechen, wenn sie in bestimmten Lehrfragen voneinander abweichen. Die Geschichte der Trinitätslehre zeigt jedoch, dass viele der damaligen Konflikte auf Begriffsproblemen, kulturellen Unterschieden und Missverständnissen beruhten. Manche der heftigsten Gegner im 4. Jahrhundert hätten sich möglicherweise als Glaubensbrüder erkannt, wenn sie dieselbe Sprache gesprochen hätten. Die Dreieinigkeitslehre ist daher weniger das Ergebnis eines einzelnen Moments als vielmehr das Produkt eines langen theologischen Reifungsprozesses. Bibeltexte, philosophische Begriffe, kirchliche Tradition und politische Entwicklungen wirkten dabei zusammen. Ob man diese Entwicklung als notwendige Klärung oder als spätere Systematisierung biblischer Aussagen betrachtet, bleibt bis heute eine Frage theologischer Perspektive. Fest steht jedoch: Die Geschichte dieser Lehre erinnert daran, dass selbst zentrale Glaubensüberzeugungen oft erst im Laufe von Generationen ihre endgültige Form finden. Und vielleicht erinnert sie Christen zugleich daran, dass theologische Gewissheit und Demut einander nicht ausschließen müssen.


Meine eigene Position

Ich finde, dass es uns allen guttäte, wenn wir uns nicht voreilig für die eine oder andere Seite positionieren, sondern erst einmal „zuhören“, um die Argumente beider Seiten richtig zu verstehen (Spr.18:13). Bevor man mit biblischen oder vermeintlich logischen Argumenten die Dreieinheit Gottes bekämpft, sollte man die sehr umfangreichen und tief gehenden Argumente unserer Gemeindeväter studieren. In der Pergamos-Gemeindezeit (312 – 606 n.Chr.), die der HErr sehr lobt, stritt man, ausgehend vom Arianismus, sehr gründlich im 4. Jh. während mehrerer Jahrzehnte um den ganzen Fragenkomplex. Am Ende wurde das bleibend anerkannt, was er von Anfang an vertreten hatte. Es wurde in den nachfolgenden Gemeindezeitaltern Thyatira, Sardes und Philadelphia nicht mehr in Frage gestellt. Diese alle waren noch viel mehr „Säule und Sitz der Wahrheit“ (1.Tim.3:15) als die Laodizea-Gemeinde (d.h. Evangelikale).

Meine einfache Sicht ist, dass Gott, der Vater, anfangslos existent und absolut vorrangig ist. Der Sohn wurde von Gott zu einem konkreten Zeitpunkt vor jeder Schöpfung aus Gott physisch „geboren“ (Spr. 8:24) und genoss in der langen Zweisamkeit mit dem Vater dessen persönliche Erziehung mit dem Ergebnis, dass Er sich freiwillig bereit erklärte, die Sünde der geplanten Schöpfung am Kreuz zu tragen. Damit war der in Ps.2:7 genannte Zeitpunkt „Heute“ erreicht. Jeder Mensch muss außer seiner natürlich-leiblichen auch noch eine geistliche Geburt aus Gott durchmachen. Dies musste auch der Sohn Gottes, weil Er laut Hebr.2:17-18 Seinen Brüdern in allem gleich werden musste. Später musste Er auch noch die Geburt als Mensch auf die Erde durchmachen, um die Sünde der ganzen Welt ans Kreuz hinaufzutragen (Joh.1:29; 1.Joh.2:2), d.h. der Engel- und Menschenwelt.

Der Sohn ist von Geburt an „Gott“ als Titel bzw. Prädikatsnomen, d.h. göttlicher Art, Teilhaber der göttlichen Natur, was auch wir werden sollen (2.Petr.1:4). Er ist wesensgleich mit dem Vater, aber diesem rangmäßig untergeordnet. Er bleibt auch als Erstgeborener „inmitten vieler Brüder“ (Röm.8:29) in alle Ewigkeit den Engeln und uns Menschen rangmäßig übergeordnet. Vater und Sohn sind eines (sächlich), d.h. sich immer einig (Joh.10:30). Das kommt auch in 5.Mo.6:4 und Mark.12:29 (ein HErr = ein JHWH) zum Ausdruck. JHWH kann sowohl den Vater (z.B. Ps.110:1) als auch den Sohn (z.B. Jes.6:1+5 /Joh.12:41) oder beide zugleich meinen (Jes.45:24). Möglicherweise meint JHWH der Heerscharen immer den Sohn.

In 1.Joh.5:20 heißt es sogar: „… und wir sind in dem Wahrhaftigen, (indem wir) in Seinem Sohn Jesus Christus (sind). Dieser (Jesus Christus) ist der wahrhaftige Gott und äonisches Leben.
Die sprachlich unnatürliche Wiedergabe „Dieser (Wahrhaftige) ist der wahrhaftige Gott und äonisches Leben“ ergibt eine Tautologie und wäre der Versuch, die eigene krampfhafte Theologie zu rechtfertigen. Das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes ist verstandesmäßig nicht zu lösen – Gott sei Dank dafür! Und diese steht auch nicht im Widerspruch zu 1.Kor.8:6, wo es heißt: „so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf Ihn hin, und ein HErr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch Ihn.“ Denn es handelt sich in beiden Versen um verschiedene Aspekte derselben Wirklichkeit: Der Vater ist die Quelle und der HErr Jesus der Fluss; beide aber haben die gleiche Natur (Wasser).


Was bedeutet Binitarismus?

Einige wenige in der Kirchengeschichte vertraten die Auffassung, dass der Heilige Geist keine gesonderte Person neben dem Vater und dem Sohn sei, sondern lediglich als eine Art wirksame Kraft Gottes gelte. Denn gerade jene Stellen in 1.Kor.8:6 und 1.Tim.2:5 erwecken ja den Eindruck, als gäbe es nur eine Zweigliederung zwischen Vater und Sohn (auch 2.Joh.9). Diese Vertreter wurden von ihren Kritikern im 4.Jh. abfällig als „Pneumatomachianer“ („Geist-Bekämpfer“) oder auch als „Makedonianer“ nach dem Bischof Macedonius I. Ihre Lehre wurde jedoch auf dem Konzil von Konstantinopel verworfen, zumal der Hl. Geist in einer Reihe mit dem Vater und dem Sohn genannt wird (Mat.28:19, 2.Kor.13:13, Eph.4:4-6).

Der Heilige Geist ist biblisch identisch mit Gottes Geist (Apg. 5:3-4, 2.Kor.3:17, 1.Kor.3:16). Der Sohn hat einerseits Seinen eigenen Geist und andererseits Gottes Geist, d.h. den Heiligen Geist, mit dem Sein eigener Geist immer einig ist. Im Grundtext des Neuen Testaments und vielen Lesarten wird der Heilige Geist, obwohl grammatisch sächlich, an vielen Stellen als männlich (ÄKÄIN´OS = „jener“) und somit als Person behandelt (Joh.14:26, 15:26, 16:13-14). Einige Aussagen über Ihn haben total personenhaften Charakter: Er besitzt Intellekt/Wissen (1.Kor.2:10-11), hat einen Willen (1.Kor.12:11), hat Gefühle (Eph.4:30), eine eigene Sprache und Lehre (Joh.14:26). Er lehrt und erinnert (Joh.14:26), Er zeugt (Joh.15:26), führt und leitet (Joh.16:13), Er überführt (Joh.16:8), Er tritt für uns ein (Röm.8:26), Er spricht direkt (Apg.8:29) und setzt als Leiter ein (Apg.13:2). Der Heilige Geist kann angelogen werden (Apg.5:3), Ihm kann widerstanden werden (Apg.7:51), und Er kann verlästert werden (Mat.12:31).


Warum ist der Modalismus unbiblisch?

Der Modalismus (auch Sabellianismus genannt) lehrt, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist keine wirklichen Personen sind, sondern nur verschiedene Erscheinungsweisen oder „Modi“ des einen Gottes. Gott sei also einmal Vater, dann Sohn, dann Geist – aber nicht gleichzeitig drei unterscheidbare Personen. Die klassische christliche Theologie hat diese Sicht aus mehreren Gründen zurückgewiesen. Die Argumente lassen sich in biblische, logische und heilsgeschichtliche Argumente gliedern.

  1. Die gegenseitige Beziehung zwischen Vater und Sohn

Viele Bibelstellen zeigen eine echte Beziehung zwischen Vater und Sohn. „Und nun verherrliche Du mich, Vater, bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die Ich bei Dir hatte, ehe die Welt war“ (Joh. 17:5). Hier spricht der HErr Jesus von einer Gemeinschaft mit dem Vater vor der Schöpfung. „Das Wort war bei Gott“ (Joh.1:1). Das Wort „bei“ (PROS TON ThEON) deutet auf eine Beziehung zwischen zwei Personen.

  1. Das Gebet Jesu

Jesus betete regelmäßig zum Vater. Das ganze Kapitel Johannes 17 besteht z.B. aus einem Gebet Jesu zum Vater. Wenn Vater und Sohn nur verschiedene Rollen derselben Person wären, würde das bedeuten, dass Gott zu sich selbst spricht. Das hielten auch viele Kirchenväter für theologisch unplausibel.

  1. Die Taufe Jesu

Bei der Taufe des HErrn Jesus in Mat.3:16–17 erschienen alle drei gleichzeitig: Jesus wurde getauft, der Geist kommt herab und der Vater spricht aus dem Himmel. Diese Szene wurde oft als stärkste Bibelstelle gegen den Modalismus gesehen.

  1. Die Sendung des Sohnes

Das Neue Testament sagt häufig, dass der Vater den Sohn sendet. „Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt“ (Joh.3:17), „Gott sandte Seinen Sohn“ (Gal.4:4). Senden setzt normalerweise zwei unterscheidbare Personen voraus.

  1. Die Liebe zwischen Vater und Sohn

Das Neue Testament spricht von einer gegenseitigen Liebe. „Der Vater liebt den Sohn“ (Joh.3:35), „Du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh.17:24). Liebe setzt eine echte Beziehung voraus.

  1. Die Fürbitte Jesu

Christus tritt für die Gläubigen beim Vater ein. „Christus Jesus … tritt für uns ein“ (Röm.8:34), „Wir haben einen Fürsprecher beim Vater“ (1.Joh.2:1). Auch hier erscheinen zwei Handelnde.

  1. Die trinitarischen Formeln

Mehrere Bibelstellen nennen drei unterschiedliche Größen. „Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mat.28:19), „Die Gnade des HErrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ (2.Kor.13:13). Diese parallele Nennung spricht gegen reine Rollenwechsel.

  1. Der Heilige Geist spricht und handelt

Der Geist erscheint im Neuen Testament als handelnde Instanz: „Der Heilige Geist wird euch alles lehren“ (Joh.14:26), „Der Heilige Geist sprach: Sondert mir Barnabas und Saulus aus“ (Apg.13:2). Das passt schlecht zu einer bloßen „Kraft“.

  1. Logisches Problem der Inkarnation

Wenn der Vater selbst der Sohn wäre, würde das bedeuten: Der Vater wurde Mensch und litt am Kreuz.

Diese Vorstellung wurde später als Patripassianismus kritisiert („der Vater leidet“).

  1. Die ewige Beziehung innerhalb Gottes

Viele Theologen argumentierten: Wenn Gott ewig Vater ist, muss Er auch ewig einen Sohn haben. Sonst wäre Gott irgendwann kein Vater gewesen. Dieses Argument wurde z.B. von Athanasius verwendet.

  1. Das Zeugnis der frühen Kirche

Schon sehr früh lehnten christliche Lehrer den Modalismus ab. Zu den Kritikern gehörten u.a.: Tertullian,

Hippolytus von Rom, Athanasius von Alexandria. Sie betonten die Unterscheidung zwischen: einem göttlichen Wesen mit drei Personen.

  1. Der endgültige kirchliche Konsens

Der Modalismus wurde schließlich verworfen, während die trinitarische Lehre formuliert wurde, insbesondere auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel (381). Dort wurde die klassische Formel bestätigt: ein Gott – drei Personen.

Interessant ist, dass fast alle Bibelstellen, die dem Modalismus widersprechen, zugleich auch den Arianismus widerlegen, und beide Konzepte auch einer echten Beziehung zu Gott bzw. dem HErrn Jesus im Wege stehen, da man die beiden zusammendenken muss: Wenn wir den Vater anbeten, beten wir zugleich den Sohn an (und andersherum). Irenäus schrieb einmal: „Gott erschuf die Welt durch Seine beiden Hände: den Sohn und den Geist“. Und ergänzend kann man hinzufügen: „Wir sollen einmal werden wie sie“ (vergl. 1.Mo.1:26, 3:22).

 

Wann kommt Jesus wieder?

 

„Ihr aber, Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb überrasche.“ (1.Thes.5:1-4)

Es ist immer wieder erstaunlich, dass seit Beginn des Irankriegs am 28.02. viele Prediger und Bibellehrer „Kriege“ zwar allgemein als Endzeiterfüllung sehen (Mt.24:6), sich aber weigern, speziell den Iran-Krieg als Zeichen der nahen Wiederkunft Jesu zu deuten. Dabei steht in Daniel 8:5 doch ganz klar, dass Persien, der „Widder“, von dem „Ziegenbock“ angegriffen wird, der „von Westen über die ganze Erde herkommt“ und dabei „die Erde nicht berührte“ (Luftangriffe der USA). Alexander der Große hatte zwar 331 v.Chr. ebenso die Perser besiegt, aber dabei berührte er die Erde und kämpfte als Feldherr sogar an vorderster Front. Zudem wird angekündigt, dass sich die Vision „auf die Zeit des Endes“ bezieht (V. 17+19). Die Formulierung „Zeit des Endes“ finden wir immer wieder im Buch Daniel (Dan.11:35+40, 12:4+9) und bezieht sich sowohl auf die Zeit vor dem ersten als auch auf die Zeit vor dem zweiten Kommen des HErrn Jesus (Pred.1:9). Außerdem bekam Dareios III. im Jahr 331 v.Chr. militärischen Beistand in seinem Kampf, nämlich von den Indern, Baktriern (heutiges Afghanistan), Armeniern, Babyloniern und sogar von griechischen Söldnern, während beim heutigen Iran bisher weder Russland, noch China, noch Nord-Korea militärisch interveniert haben, so wie geschrieben steht: „niemand rettete den Widder aus seiner Hand“ (V. 7).

Was nun die Wiederkunft des HErrn Jesus betrifft, so wissen wir tatsächlich „weder Tag noch Stunde“ (Mt.25:13), und in Bezug auf die Wiederherstellung des Reiches für Israel  ist es auch nicht unsere Sache, „Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in Seine eigenen Gewalt festgesetzt hat“ (Apg.1:7). Dennoch aber haben wir die Verheißung, dass sich „zur Zeit des Endes… die Erkenntnis mehren wird“ (Dan.12:4). Wir wissen nicht Tag noch Stunde, aber wenn es soweit ist, können wir den Zeitpunkt immer besser eingrenzen. Deshalb hat uns der HErr auch den Hinweis mit den „1260 Tagen“ gegeben (Offb.12:6) bzw. „42 Monate“ (Offb.11:2, 13:5). Wenn es also uns überhaupt nicht zu interessieren hätte, dann würde Gott uns nicht so viele Hinweise geben. Und seit der Staat Israel vor 70 Jahren gegründet wurde, wissen wir, dass „der Sommer nahe ist“ (Mt.24:32).

Vor 40 Jahren habe ich mich zum ersten Mal mit den Bibelstellen beschäftigt, die einen Hinweis geben, wann der HErr Jesus möglicherweise wiederkommt. Aufschlussreich war zunächst einmal die recht einfache Überlegung, dass die Schöpfungstage mit großer Wahrscheinlichkeit eine Parallele zu den 6000 Jahren Menschheitsgeschichte darstellen, denen im Anschluss das 1000jährige Reich wie der 7. Tag als Ruhetag folgen wird. Denn wir wissen, dass ein Tag bei dem HErrn ist wie 1000 Jahre und 1000 Jahre wie ein Tag (2.Petr.3:8). Diesen Hinweis hat uns der Heilige Geist gegeben in unmittelbarem Zusammenhang mit der Frage, wann der HErr Jesus wiederkommt (2.Petr.3:4+9). Tatsächlich ist das Alte Testament etwa 4000 Jahre alt. Die Gelehrten James Ussher und John Lightfoot errechneten 1650 den Zeitpunkt der Schöpfung für den 23.10.4004 v.Chr. um 9:00 Uhr morgens. Der Bibellehrer F.H. Baader nahm hingegen 3973 Jahre an von der Erschaffung Adams bis zur Geburt Jesu. Viele Ausleger vermuten die Geburt Jesu im September des Jahres 1 v.Chr. wegen Luk.1:5-26. Elisabeth bekam ihr Kind ja sechs Monate vor Maria, und zwar im März (Nisan), in welchem Zacharias, einem Priester aus der Tageaufteilung Abijas, gerade Dienst hatte.

Der HErr Jesus begann Seinen Dienst als Er 30 Jahre alt war (Luk.3:23), und zwar vermutlich im Jahr 29 n.Chr. Das 30. Jahr war übrigens das Alter für den Priesterdienst (4.Mo.4:3) und für das Königtum Davids (2.Sam.5:4). Nur wenigen ist bekannt, dass auch der Universalgelehrte Isaak Newton (1643-1727) Berechnungen anstellte zur Geburt und Kreuzigung Jesu, sowie zu Seiner Wiederkunft. Newton berechnete die Kreuzigung Jesu für den 03.04.33, nicht nur weil dies der einzige Freitag vor einem Passahfest war (14.Nisan), sondern weil es an diesem Tag eine Mondfinsternis gab (Joel 2:31). Nun stellt sich die Frage, ob die 2000 Jahre, auf die Petrus hindeutet in 2.Petr.3, vom Beginn Seines Dienstes an zu rechnen sind oder erst nach Seiner Kreuzigung und Auferstehung. Einen Hinweis gibt uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10: Jeder Sünder befindet sich ja auf dem direkten Weg ins Verderben, im Gleichnis dargestellt durch jenen Mann, der auf dem Weg von Jerusalem (= Stadt des Friedens) nach Jericho (= Stadt des Fluches) hinabging, dann aber unter die „Räuber“ fiel (= Sünden, Gebundenheiten, Süchte, Schicksalsschläge), die ihn – von seiner Verlorenheit überführt (Röm.7:9-11) – „halbtot liegen ließen“. Weder der Priester noch der Levit konnten ihn in diesem Zustand noch retten (Hebr. 7:18-19), sondern einzig und allein jener von den Juden verachtete „Samariter“ (Joh.4:9), der HErr Jesus Christus (Joh.1:10-12), der seine Wunden mit Wein (= Evangelium) und Öl (= Heiliger Geist) heilte und ihn dann auf Seinem Lasttier in die „Herberge“ brachte. Wörtlich übersetzt ist die Herberge eine „Allempfangende“ (gr. PAN´DOKION), nämlich die Gemeinde des HErrn. Hier lesen wir nun, dass der barmherzige Samariter seine Rückkehr ankündigt als Er dem Wirt (= Heiliger Geist) mit den „zwei Denaren“ alles gab, was dieser zur Heilung des Verletzten benötigte bis Er wiederkäme. Zwei Denare sind der Lohn eines Tagelöhners für zwei Tage (Matth.20:1-9), und da „ein Tag“ ja prophetisch bei dem HErrn „wie 1000 Jahre“ ist (2.Petr.3:8), dürfen wir hoffen, dass der HErr Jesus 2000 Jahre nach Seiner Auferstehung und Himmelfahrt wiederkommen wird, also im Frühjahr 2033. Wenn man annimmt, dass die Entrückung etwa in der Mitte der letzten sieben Jahre stattfindet, dann wäre diese im Herbst 2029, vielleicht zur Zeit des Rosch ha-Schana, dem Fest des Posaunenhalls am 09.-11. Sept.29.

Es gibt noch andere Bibelstellen, die diesen Hinweis untermauern: Nachdem der HErr durch den Propheten Hosea schon angekündigt hatte, dass „die Kinder Israel viele Tage ohne König bleiben werden und ohne Fürsten, und ohne Schlachtopfer und ohne Bildsäule, und ohne Ephod und Teraphim“ (Hos.3:4), hat Er ihnen verheißen, dass sie „am Ende der Tage umkehren und den HErrn, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd wenden zu dem HErrn und zu Seiner Güte am Ende der Tage“ (Hos.3:5). Wann genau dies sein wird, das verrät uns Hosea auch, und zwar in Kap.6: „ER wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tage uns aufrichten; und so werden wir vor Seinem Angesicht leben… Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und Er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt“ (Hos.6:2-3). Hier wird also ganz deutlich gesagt, dass Er NACH ZWEI Tagen, also nach 2000 Jahren, das Haus Israel wieder beleben und sie am DRITTEN Tag, also dem 1000jährigen Reich, sie aufrichten wird.

Wir wissen alle, dass der HErr Jesus am dritten Tag auferstand und auch wir durch Ihn die Hoffnung haben, dass Er uns „auferwecken wird am letzten Tag“ (Joh.6:39+40). Prophetisch gesprochen ist der „letzte Tag“ das Tausendjährige Reich, nämlich der „Tag des HErrn“, und zwar wird die Auferstehung und Entrückung der Gläubigen das allererste Ereignis sein, das im Tausendjährigen Reich stattfinden wird. Wir sind also genauso wie Christus 2000 Jahre lang mit Ihm gestorben und stehen wie Er am dritten Tag auf.

Es ist erstaunlich, wie oft die Bibel uns den „dritten Tag“ als Hinweis für die Wiederkunft Christi und Seine Herrschaft im 1000jährigen Reich:

  • Am dritten Tage, da erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von ferne“ (1.Mo.22:4)
  • Am dritten Tage, dem Geburtstage des Pharaos, da machte er seinen Knechten ein Mahl; und er erhob das Haupt des Obersten der Schenken und das Haupt des Obersten der Bäcker unter seinen Knechten“ (1.Mo.40:20). Hier haben wir eine Vorschattung des Hochzeitsmahls des HErrn, das ebenso zu Beginn des „Tages des HErrn“ stattfinden wird, etwa zeitgleich mit dem Gericht über die Nationen in Mt.25:31-46. So wie der HErr Jesus am Kreuz eine gute Nachricht für den einen und eine schlechte Nachricht für den anderen Mitgefangenen hatte, so hatte auch Joseph im Gefängnis seinen beiden Mitgefangenen ihr Schicksal angekündigt, das sich ja dann auch erfüllt hat „am dritten Tag“.
  • Am dritten Tag wird der HErr vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen“ (2.Mo.19:11). Hier sehen wir die Ankündigung vorgeschattet, dass auch der HErr Jesus in der Zukunft herabkommen wird, ebenso unter „starkem Posaunenschall“ (2.Mo.19:16) und „Seine Füße werden an jenem Tage auf dem Ölberge stehen“ (Sach.14:4).
  • Am dritten Tag sollte auch König David erfahren, dass sein Feind Saul getötet wurde (2.Sam.1:2), worauf er dann vom Volk zum neuen König gesalbt wurde. Saul ist hier ein Bild auf den Antichristen, den sich das Volk einmal selber zum Weltherrscher erwählt hatte, aber der dann seinen Rivalen Jesus verfolgte (Apg.9:4 „Was verfolgst du Mich?“), und der ebenso in der Schlacht von Armageddon umkommen wird.
  • Am dritten Tag sollte Hiskia wieder in das Haus des HErrn gehen können, nachdem er von seiner Krankheit genesen war (2.Kön.20:5).
  • Am dritten Tag tat die Königin Esther (ein Bild auf die Gemeinde) Fürbitte für das jüdische Volk bei ihrem König und Bräutigam (Esth.5.1), damit der böse Haman es nicht vernichten möge (ein Bild auf den Antichristen).
  • Am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa“ (Joh.2:1). Warum nicht am zweiten Tag oder am fünften Tag? Weil auch hier wieder das Hochzeitsmal des Lammes vorgeschattet ist zu Beginn des Tausendjährigen Reiches.

Eine weitere interessante Bibelstelle zur Frage, wann der HErr wiederkommt, finden wir in Jes.21:11-12. Dort fragt einer: „Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Der Wächter spricht: Der Morgen kommt, und auch die Nacht (d.h. ein Morgenschimmer und gleich wieder Umnachtung)“. Was hat das jetzt zu bedeuten? Nacht bedeutet in der Bibel symbolisch die Zeit, in der niemand für den HErrn arbeiten kann und der HErr auch nicht da ist (Joh.9:4). Wenn kein Licht ist, dann irren die Menschen umher, es sei denn, dass der Mond (Gemeinde), die ihr Licht von der Sonne (der HErr Jesus) erhält (Psalm 19:5) und die Sterne (einzelne Gläubige) den Menschen genügend Orientierung geben (Dan.12:3). Der Fragesteller im AT wurde ungeduldig, weil es Nacht war und er sich nach dem Kommen des HErrn sehnte. Der Geist Gottes tröstet ihn mit der Verheißung, dass der HErr bald kommen würde (der frühe Morgen der Auferstehung des HErrn ist schon in 2.Sam.23:4 prophetisch angekündigt: „Er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken…“). Aber dieser Morgen des ersten Kommens des HErrn sollte nur von kurzer Dauer sein, und schon kurz darauf brach auch schon wieder die „Nacht“ der Abwesenheit über die Welt herein, weshalb die Emmaus-Jünger zum HErrn sagten: „Bleibe bei uns, denn es ist gegen Abend, und der Tag hat sich schon geneigt“ (Luk.24:29). Jetzt sind wir inzwischen schon mitten in der Nacht, aber diese ist auch schon „weit vorgerückt und der Tag ist nahe“ (Röm.13:12). Die Wiederkunft des HErrn findet also geistlich (und für einige auch buchstäblich) am frühen Morgengrauen statt, weshalb wir ja auch wachen sollen.

Wir wissen auch, dass der Antichrist zuvor kommen wird, um sich in den Tempel Gottes zu setzen und einen „Gräuel der Verwüstung“ aufzustellen (2.Thes.2:3). Der Milliardär Peter Thiel glaubt, dass er und seine Freunde aus dem Silicon Valley jene sind, die gemäß 2.Thes.2:6-7 der „Zurückhaltende“ (KATÄCHON) sind, indem sie als Libertäre all ihr Geld verwenden, um die Welt vor dem Sozialismus und der staatlichen Übergriffigkeit zu schützen. Aber aus dem Zusammenhang geht hervor, dass es nicht darum geht, das Kommen des Antichristen zurückzuhalten, sondern dass das Kommen des Antichristen das Kommen des HErrn Jesus zurückhält, weil dieser eher kommen muss. Hätte der HErr Jesus in Mt.24:15 nicht dieses Zitat aus Dan.9:27 erwähnt, könnte man denken, dass sich diese Prophezeiung schon im Jahre 167 v. Chr. erfüllt hatte, als der Seleukidenkönig Antiochus IV Epiphanes in Jerusalem einmarschierte und den Jahwe-Gottesdienst verbot, indem er ihn durch einen Zeus-Dienst ersetzte (Dan.8:11-12). Dies geschah genau in der Mitte seiner siebenjährigen Regierungszeit (Dan.9:27), was damals zu dem Aufstand der Makkabäer führte (vergleichbar mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto am 19.04.1943. Aus dem 1.Makkabäerbuch 1:54 erfahren wir, dass dieser „Gräuel der Verwüstung“ am 15. des Monats Kislew (1. Dezember) aufgestellt wurde.

 

 

„Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 25

 

Januar bis Juni 2024

Auswandern

Wie jedes Jahr reisten Ruth und ich Anfang Januar wieder nach Peru, jedoch ich diesmal nur für einen Monat und Ruth für vier Monate, um in Peru arbeiten zu können (sie hatte ja Fortbildungslehrgänge in Ultraschalldiagnostik absolviert und sich dann ein Ultraschallgerät gekauft, dass sie nun in der Tierarzt-Praxis von Bruder Francisco zum Einsatz bringen wollte). Ich wollte diesmal nicht so lange bleiben, weil ich mir Sorgen um Marcus machte wegen seiner Instabilität. An sich hätte ich auch gleich in Deutschland bleiben können, aber Ruth und ich überlegten, ob wir vielleicht doch nach Peru auswandern und uns deshalb mal nach einem geeigneten Grundstück umsehen sollten. Denn durch die immer verrücktere Politik der Ampelregierung gewann man den Eindruck, dass Deutschland durch ideologische Fehlentscheidungen immer weiter in den wirtschaftlichen Ruin getrieben wird (z.B. hatte Minister Habeck behauptet, dass ein Abschalten der letzten drei Atomkraftwerke angeblich unbedenklich sei, obwohl seine Experten genau das Gegenteil festgestellt hatten). Ohnehin war nicht der angeblich menschengemachte Klimawandel besorgniserregend, sondern eher der geistige und geistliche Klimawandel in Deutschland eine echte Gefahr für den Zusammenhalt, da sich durch die mediale Hetze und Desinformation die Leute immer mehr stritten und spalteten. Durch die ständige Hetze gegen Russland drohte sogar ein Dritter Weltkrieg mit Atomwaffen. Und wenn die Politiker zukünftig den Industriestandort Deutschland nur noch durch Wind und Sonne mit Energie beliefern und mit Sozialkassen-Eindringlingen überschwemmen würden, war absehbar, dass dieser Irrsinn am Ende zum wirtschaftlichen Kollaps führen würde. „Der Kluge sieht das Unglück und verbirgt sich“ (Spr.22:3, 27:12).

Doch auch in Lima würden wir in Zukunft nicht mehr bleiben können, da die Stadt in die Hände der Mafia gefallen war und die Politik nichts dagegen unternahm. Um Kosten zu sparen hatte der venezolanische Präsident Tausende an Häftlingen aus den maroden und überfüllten Gefängnissen vorzeitig freigelassen, die dann mit 7 Millionen anderen Armutsflüchtlingen nach Kolumbien, Peru und Chile auswanderten. Die aus diesen gegründete Mafia, die sich „Tren de Aragua“ nannte, überzog die Länder nun mit Drogenhandel, Zwangsprostitution und vor allem mit Schutzgelderpressung. Das lief so ab, dass z.B. ein Ladenbesitzer eines Tages einen Anruf mit nicht angezeigter Handynummer erhält: „Guten Tag, wir bieten ihnen und ihrer Familie einen umfangreichen Schutz an für gerade einmal nur 300 Dollar im Monat!“ – „Nein, Danke – ich habe keinen Bedarf.“ – „Das war kein Angebot, sondern eine Information.“ – „Vor wem wollen Sie mich denn schützen?“ – „Vor uns selbst. Denn wenn Sie unsere Forderung nicht zahlen, fliegt ihr Laden in die Luft. Wir schicken Ihnen morgen um 15 Uhr einen Minderjährigen, der das Geld von Ihnen abholt.“ Wenn der Ladenbesitzer sich dann weigert, mit seinen Zahlungen säumig ist oder gar die Polizei informiert, machen die Erpresser ernst und werfen eine Granate in seinen Laden, durch die dann oftmals auch gleich die Kunden in die Luft fliegen. Auf offener Straße wird dann ein zuvor erpresster Busfahrer mitten in der Fahrt von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer erschossen. Auf diese Weise sterben jedes Jahr zwischen 1.500 bis 2.000 Menschen in Lima. Die Morde werden häufig von den Tätern gefilmt und zur Abschreckung ins Internet gestellt. Da die Täter durch diese Morde in den letzten Jahren immer reicher geworden sind und sich große Villen kaufen konnten, gab es immer häufiger Nachahmungstäter, so dass der Polizeichef von Lima, Victor Revoredo Farfán (55), den ich ja vier Jahre zuvor mal persönlich kennenlernen durfte in seinem Büro, am Ende völlig überfordert war und der Lage nicht mehr Herr wurde. Die Gangster bauten sich in ihren Geheimverstecken sogar Altäre, durch die sie Satan anbeteten und gegen Revoredo in Ritualen schwarzmagische Verwünschungen und Schadenzauber verübten.

Ruth und ich wollten uns also im Gebirge ein Grundstück kaufen, jedoch nicht so weit von Lima entfernt, damit Ruth nicht so einen weiten Weg haben würde zur Arbeit. Wir entschieden uns also für Chosica, genau genommen für ein Dorf namens Santa Eulalia, das etwa 1,5 Std von Lima entfernt im Gebirge lag. Wir schauten uns mehrere Angebote an, aber waren erschrocken, wie teuer die Grundstücke inzwischen waren. Für ein 500 qm großes Grundstück am Berghang mit einem großen Mangobaum in der Mitte verlangte der Besitzer gar 45.000 Dollar! 10 Jahre zuvor hätte er dafür maximal 2000 Dollar bekommen. Das lag nicht nur an der Nähe zu Lima, sondern auch weil die Region inzwischen Strom und Wasseranschluss bekommen hatte und es nur wenig ebene Flächen gab im Gebirge. Der Ort selbst war allerdings malerisch schön. Unten im Dorf plätscherte ein beschaulicher Bach, der in der Regenzeit schnell zu einem reißenden Fluss ansteigen konnte, der Schlamm und Geröll mit sich führt. Nach etwa vier Besichtigungen gefiel Ruth ein 300 qm großes Grundstück, das nur 27.000 Dollar kosten sollte. Ich wollte noch weiter gucken, aber Ruth hatte sich entschieden: „Dies oder keines!“ Ich sagte: „Dann eben keines. Wir haben doch gar keinen Zeitdruck und sollten uns doch erst einmal in Ruhe verschiedene Orte anschauen. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob es wirklich Gottes Wille ist, dass wir auswandern sollten.“

In jenen Tagen diskutierte ich mit Bruder Ricardo über den Überfall der Hamas auf Israel am 07.10.2023. Ricardo war sich sicher, dass der israelische Geheimdienst und das Militär sich mit Absicht aus dem Süden zurückgezogen hatten, um die Palästinenser angreifen zu lassen, da sie einen Vorwand brauchten, um die Palästinenser im Gaza-Streifen endgültig zu vernichten und sich diese Region widerrechtlich anzueignen. Mir war die Verschwörungsgläubigkeit von Ricardo aus vielen früheren Gesprächen gut bekannt, aber ich wunderte mich, dass er als Christ auf einmal gegen den Staat Israel polemisierte und der Hamas-Propaganda völlig unkritisch Glauben schenkte. Über zwei Stunden diskutierten wir hitzig über die Aussagen der Bibel zu diesem Thema. Dass die Juden unsere „Geliebten sind, um der Väter willen“ (Röm.11:28), ließ er nicht gelten, da Ricardo sich sicher war, dass es sich bei den Israelis nicht um echte Juden handele, sondern um von Natur bösartige Kinder des Teufels (Joh.8:44), eine „Synagoge Satans“ (Offb.2:9, 3:9), die „allen Menschen entgegen sind“ und „über die der Zorn Gottes völlig gekommen“ sei (1.Thes.2:15-16). Immer wieder sprach er von einem „Genozid“, den die Israelis an den Palästinensern verübten und verschwieg dabei völlig das Massaker, das die Hamas an wehrlosen Zivilisten verübte. Eva, die die ganze Zeit unseren Streit mitverfolgte, während sie strickte, musste immer wieder herzhaft lachen, wie wir uns gegenseitig mangelnder Sachkenntnis bezichtigten. Am Ende sagte ich zu Ricardo: „Für mich ist es unerträglich, dass Du den israelischen Soldaten ständig Völkermord unterstellst. Kein Land der Welt würde sich so ein Massaker einfach gefallen lassen. Israel ist das Volk Gottes, das der HErr noch erretten wird. Du bist wirklich ein Antisemit. Wenn Du so schlecht redest über Israel, dann kann ich keine Gemeinschaft mit Dir haben, denn Du tastest den Augapfel Gottes an. Ich bitte Dich deshalb, dass Du wenigstens den Vorwurf des Völkermords wieder zurücknimmst.“ Ricardo stand auf und sagte stolz: „Nein, das ist unmöglich. Ich lasse mich nicht erpressen! Wenn Du Dich von mir trennen willst, dann akzeptiere ich das um der Wahrheit willen. Aber ich mache keine faulen Kompromisse, wenn es um die Wahrheit geht!“ Daraufhin ging er. Drei Wochen später versöhnten wir uns wieder. Er verzichtete auf das Wort „Völkermord“ und ich verzichtete ihm zuliebe auf das Wort „Volk Gottes“.


Die Potsdam-Lüge

Mitte Januar schickte mir meine Tochter einen Artikel über ein Geheimtreffen von AfDlern in Potsdam, wo man angeblich über einen „Masterplan zur Vertreibung von Millionen nicht-reinrassigen Deutschen“ gesprochen haben soll. Unter dem Artikel schrieb Rebekka: „Jetzt weißt Du, Papa, warum ich die AfD ablehne. Wenn die an die Macht kommen, dann wird Mama bestimmt auch noch abgeschoben!“. Ich war entsetzt und war mir sicher, dass es sich um eine verleumderische Schmutzkampagne handeln musste. Sofort überprüfte ich die Angaben durch alternative Quellen wie etwa der NZZ, und schnell wurde deutlich, dass die sog. Recherche-Plattform Correctiv mit Stasi-Methoden versucht hatte, ein völlig harmloses Treffen von politisch Interessierten zu einer Art neuer, konspirativer „Wannseekonferenz“ aufzubauschen, um auf diese Weise die AfD zu diskreditieren und ihr Verbot zu fordern. Sofort wurde dieses Märchen als sensationelle „Enthüllung“ von den linken Staatsmedien ungeprüft übernommen und zur besten Sendezeit der breiten Öffentlichkeit eingeredet. Wie auf Knopfdruck riefen daraufhin sämtliche, linke, regierungsnahe und vom Familienministerium geförderte NGOs die Leute auf die Straße (z.B. „Omas gegen Rechts“ oder „Amadeo-Antonio-Stiftung“), um die AfD als neue Nazi-Partei zu diffamieren. Sogar Bundeskanzler Scholz und Außenministerin Baerbock, die als Amtsträger eigentlich zur Neutralität verpflichtet waren (da sie ja das GANZE Volk vertraten), nahmen an diesen Demos gegen die Opposition teil, wodurch überdeutlich wurde, dass diese Staatsvertreter die Proteste nicht nur finanziell unterstützten, sondern als Minister ihr Amt missbrauchten, indem sie durch den Kampf gegen die Oppositionspartei die staatliche Neutralität ignorierten. Dass es sich bei dieser angeblichen „Recherche“ in Wirklichkeit um eine von langer Hand geplante Inszenierung handelte mit dem Ziel, die traumatisierenden Erinnerungen an die NS-Zeit wiederzubeleben, wurde auch dadurch deutlich, dass der für Correctiv arbeitende Aktionskünstler Jean Peters schon eine Woche nach der Veröffentlichung dieses Dämonisierungsnarrativs sofort ein Theaterstück vorführte, in welchem dieses Gruselmärchen noch einmal buchstäblich inszeniert wurde, damit auch noch der Letzte die Botschaft verstehen konnte. In einem Interview räumte Jean Peters sogar ein, dass er mit „gezielter Desinformation“ arbeite.

Die Teilnehmer dieses privaten Treffens vom 25.11.23 in Potsdam ließen sich diese Rufmord-Kampagne natürlich nicht gefallen und erstatteten Anzeigen gegen Correctiv und die ÖRR-Medien ARD und ZDF. Ihr Pech: Einer der Teilnehmer war der Staatsrechtler Dr. Ulrich Vosgerau (CDU), der gleich mit sieben eidesstattlichen Versicherungen juristisch gegen diese koordinierte Lügen-Kampagne vorging. Vor dem Landgericht Hamburg räumte Correctiv ein, dass es sich bei den frei erfundenen Behauptungen in ihren Artikel „Geheimplan gegen Deutschland“ ja auch gar nicht um Tatsachenbehauptungen, sondern um Meinungsäußerungen handelte. Die öffentlichen und zur Neutralität verpflichteten Staatsmedien gaben in der Folgezeit Unterlassungserklärungen ab wegen „unzulässiger Verdachtsschilderungen und Falschdarstellungen“. Vor dem Landgericht Berlin wurde die reißerische Correctiv-Erzählung von einem „Masterplan zur Deportation deutscher Staatsbürger“ schließlich am 17.03.26 in sämtlichen Kernaussagen als falsch und frei erfunden festgestellt und verboten. Sie sei gespickt mit „Spekulations-Kaskaden“, die bei den Fernsehsendern und Zuschauern keineswegs bloß als fiktives Theaterstück, sondern als konkrete Tatsachenbehauptung verstanden wurde. Während der öffentlich-rechtliche Rundfunk jedoch diese Schwurbeleien ohne jede kritische Nachfrage oder Gegenrecherche sofort dankbar aufgenommen und wochenlang verbreitet hatten wie in einer konzertierten Aktion, berichten sie heute gar nicht mehr über diese Gerichtsurteile, was sehr auffällig ist. Offensichtlich geht es ihm schon lange nicht mehr um echten Journalismus, sondern vor allem um die Aufrechterhaltung ihres politisch-medialen Filzes, von dem sie ja alle profitieren. Ihr Ziel, die AfD-Wähler abzuschrecken durch eine beabsichtigte NS-Analogie, war zunächst erfolgreich, denn die AfD stürzte in Wahlumfragen ab von 23 % auf 17 %.

Wenn es in Deutschland inzwischen so leicht ist, das Volk durch die Medien zu manipulieren und gegen eine Minderheit wie die AfD aufzuhetzen, dann drohen uns demnächst tatsächlich Zustände wie 1933, jedoch nicht von rechter, sondern von linker Seite. Ich hatte inzwischen jedes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat verloren und sagte mir: noch ist es nur die AfD, aber demnächst werden auch wir konservativen Christen an den medialen Pranger gestellt und verleumdet. Die AfD war für mich schon lange nicht mehr rechtsextrem, sondern konservativ und vernünftig. Man konnte froh sein, dass es wenigstens noch ein paar wenige Politiker gibt, die noch nicht von allen guten Geistern verlassen waren. Diese ständige Verunglimpfung und Stigmatisierung der AfD erinnerte mich daran, wie ich auch selbst ständig litt unter der Ausgrenzung durch meine Brüder wegen der Allversöhnung. Ja, ich identifizierte mich mittlerweile so sehr mit der AfD, dass ich nach meiner Rückkehr aus Peru beschloss, der AfD beizutreten. Ich stellte einen Antrag und verabredete mich mit dem Landesvorstand zu einem Gespräch im Café del Sol. Wir unterhielten uns etwa zwei Stunden angeregt bei Kaffee und Kuchen und verabschiedeten uns dann herzlich. Doch zehn Tage später erhielt ich von ihnen eine Mail, dass sie mich nicht aufnehmen wollen – ohne irgendeine Begründung. Das irritierte mich und ich fragte Sergej Minich, den Landesvorsitzenden, nach einem Grund. Als ich keine Antwort erhielt, schöpfte ich einen Verdacht: ich schaltete den PC an und ging auf meine Internetseite „derHahnenschrei.de“ – Und tatsächlich! Ich hatte meinen Artikel gegen die AfD, den ich vor 8 Jahren schrieb, versehentlich nie gelöscht. Sie mussten den entdeckt haben und nahmen an, dass ich vielleicht ein V-Mann sei, der sich heimlich in die AfD einschleusen wollte. Aber warum haben sie mich nicht darauf angesprochen, warum ich in diesem Artikel die AfD mit den Nazis verglichen hatte, dann hätte ich es ihnen doch erklärt! Warum diese Feigheit? Aber schließlich nahm ich es aus Gottes Hand und sagte mir, dass es vielleicht nicht Gottes Wille war, AfD-Mitglied zu werden.


Marcus springt aus dem Fenster

Während wir in Peru waren, machte ich mir große Sorgen um Marcus und fragte mich, wie er die sechs Wochen allein verbringen würde. Umso dankbarer war ich zu erfahren, dass er bei einem Bruder Frank eingezogen war, der auch selbst psychisch krank war (Schizophrenie), so dass sie einander helfen konnten. Zudem half Marcus einer gläubigen Familie, deren Haus in Lilienthal über die Weihnachtstage unter Wasser stand, um all ihre Möbel in den Transporter zu laden und bei mir in der Malerwerkstatt einzulagern. Dadurch war Marcus abgelenkt, und sein Tag hatte wenigstens eine gewisse Struktur. Als ich am 25.02.24 nach Deutschland zurückkehrte (Ruth wollte noch 12 Wochen länger in Peru bleiben wegen ihrer Arbeit), zog Marcus vereinbarungsgemäß erst mal bei uns ein. Jedoch schmerzte es ihn von Anfang an, dass er bei uns nur vorübergehend geduldet war und wieder gehen musste, sobald Ruth Mitte Mai aus Peru zurückkehren würde. Er wollte am liebsten für immer bei uns wohnen, und hatte von Anfang an eine panische Angst vor dem Moment, wenn er wieder ausziehen müsse.

Diese Angst sollte schon bald eine neue Psychose bei ihm auslösen. Am 15.03. hatte Marcus die Idee, nach Bremen-Arbergen ins Elternhaus zurückzukehren. Er müsse lernen, „sich der Realität zu stellen und sich an diese zu gewöhnen“. Doch an den darauffolgenden Tagen ging Marcus nicht ans Handy, so dass ich schon eine böse Ahnung hatte. Ich rief meine Schwester Diana an und machte mich dann auf den Weg zu Marcus. Doch mein Schwager Axel war schon kurz vor mir da und traf Marcus mit Jacke und Hose in seinem Bett liegend an. Offensichtlich hatte er schon zwei Tage darin gelegen, denn er roch streng nach Schweiß und hatte fettige Haare. Ich stellte ihm viele Fragen, aber er antwortete kein einziges Wort, da er mal wieder in einer Psychose war. Ich nahm ihn mit zu meinem Wagen und erklärte ihm, dass ich ihn von nun an nicht mehr aus dem Auge lassen würde, sondern ihn nötigenfalls einsperren müsse. Doch während wir durch Hemelingen fuhren, machte Marcus plötzlich die Beifahrertür auf und wollte rausspringen. Ich hielt ihn mit aller Kraft am Arm und schimpfte mit ihm. Er sagte kein Wort, sondern schloss nur die Augen. Als wir ankamen, bat ich ihn, sich erstmal zu duschen. Ich schob ihn ins Bad und forderte von ihm, sich auszuziehen. Aber Marcus stand wie gelähmt im Raum und bewegte sich nicht. Nach mehreren Aufforderungen griff ich seinen Pullover und wollte ihn mit Gewalt ausziehen. Marcus wehrte sich, sagte aber nichts. Wieder zögerte er, so dass ich die Geduld verlor. Ich nahm den Duschkopf und brüllte ihn an, dass ich ihn nass machen würde, wenn er sich nicht auszieht. Als ich meine Drohung dann wahrmachte, bat Marcus um Einhalt und zog sich aus. Noch mehrfach gab ich ihm Anweisungen, Seife und Shampoo zu benutzen, aber er war wie gelähmt. Erst nach einer Stunde war er endlich gewaschen.

Da er keine eigene Kleidung mitgenommen hatte, gab ich ihm von mir. Als er schließlich im Bett lag, schloss ich alle Fenster und Türen des Hauses und versteckte auch die Schlüssel der Zimmertüren, damit er sich nicht einschließen konnte. Doch als ich am nächsten Morgen ins Zimmer ging, war Marcus nicht mehr da, aber das Fenster war geöffnet. Er war aus vier Metern Höhe in den Garten gesprungen! Ich lief aus dem Haus und sah Marcus hinten an der Straße stehen im Schlafanzug und auf Strümpfen. Ein Autofahrer hatte angehalten und sich nach ihm erkundigt. Ich rannte hin und zog Marcus wieder nach Haus. Ich machte ihm Frühstück, aber er aß nichts. Ich schimpfte mit ihm und drohte, ein Video von ihm zu machen. Erst jetzt nahm er den Löffel, aber rührte nur in seinem Müsli, ohne den Löffel in den Mund zu nehmen. Immer wieder redete ich auf ihn ein, dass er Organversagen bekommen könnte, da er ja noch nicht einmal etwas trank. Stattdessen lag er den ganzen Tag im Bett und starrte an die Decke. Er brauchte dringend einen Arzt und Medikamente. Ich rief in mehreren psychiatrischen Kliniken an, aber immer wieder sagte man mir, dass man keine neuen Patienten mehr aufnehme. Dann fuhr ich direkt in die Ameos-Klinik, damit sie Marcus sehen und meine verzweifelte Lage erkennen könnten. Und tatsächlich kam ein Psychiater runter und unterhielt sich mit mir. Und obwohl Marcus gar nicht versichert war, verschrieb er Marcus ein Rezept für Risperidon und Lorazepam. Ich dankte Gott für diese Hilfe.

Doch auch am nächsten Tag wollte Marcus nichts essen und trinken, sondern wollte im Bett liegen bleiben. Ich erinnerte ihn daran, dass ich nur aus Liebe zu ihm nicht den Krankenwagen anrufen wolle, er mich aber durch seine Sturheit noch dazu zwingen würde. Da ich zur Arbeit musste, ließ ich ihn allein, schloss aber alles ab. Als ich am Nachmittag nach Haus kam, lag Marcus immer noch im Bett. Doch hatte ich auf dem Rückweg die Tabletten aus der Apotheke geholt. Ich drängte ihn, etwas zu trinken und die Tabletten einzunehmen, aber er wollte nicht. Da rief ich meine Schwester an, weil ich mit meiner Kraft am Ende war. Doch obwohl Diana nur am Wochenende arbeitete, wollte sie nicht kommen, sondern ihre Ruhe haben. Da schimpfte ich mit ihr, dass ich die ganze Last nicht ganz allein tragen könne. Ich war fast den Tränen nahe. Da ließ sich Diana erweichen und kam. Sie hatte alles dabei: eine Waschschüssel, Shampoo, Handtuch, Zahnbürste und sogar einen Mörser, um die Tabletten fein zu mahlen und ihm heimlich ins Essen zu mischen. Da Marcus sich noch immer verweigerte, setzen wir ihn auf einen Stuhl, Diana stellte sich hinter ihn, und während ich ihm die Arme festhielt, drückte Diana ihm den Mund auf, um ihn so unter Zwang mit Kakao zu tränken. Auf diese Weise hatte sie ihn fast einen Liter eingetrichtert. Dann fütterte sie ihn mit einem Joghurt, indem sie ihm wieder die Backen zusammendrückte, um dadurch das Schließen des Mundes zu verhindern und seinen Schluckreiz zu stimulieren. Am Ende wusch sie ihn und putzte ihm die Zähne, da er auch starken Mundgeruch hatte. Als Altenpflegerin genierte sie sich nicht, sondern handelte mit einer bewundernswerten Routine. Sie hatte Marcus heute das Leben gerettet.

Am nächsten Tag ging es Marcus schon besser. Die Medikamente hatten gewirkt und er aß auch wieder freiwillig. Er wollte unseren Vater in Lilienthal besuchen, und ich ließ ihn gehen. Doch drei Stunden später rief mich die Polizei an auf der Arbeit. Sie berichteten mir, dass Marcus sich eine Pizza bestellt hatte in einer Pizzeria, aber dann eine Stunde lang am Tisch auf die Pizza gestarrt habe, ohne sie zu essen. Ich holte ihn ab und brachte ihn nach Haus. Damit er nicht mehr das Haus verlässt, hatten wir den Griff am Fenster mit Paketband verklebt. Doch am nächsten Tag klingelte es um 5:00 Uhr morgens an der Tür: es war Marcus. Er war schon wieder aus dem Fenster gesprungen. Jedoch wollte er danach wieder unbemerkt ins Haus kommen und hatte beim Versuch, die Terrassentür aufzubrechen, diese stark beschädigt. Ich schimpfte mit ihm und mischte sein Medikament ins Essen, damit er wieder klar werde. Doch am Nachmittag rief mich kurz vor Feierabend schon wieder die Polizei an. Was war passiert? Marcus hatte das Haus verlassen und war ziellos mit dem Auto herumgefahren. In Weyhe sah er auf einem Feld einen Hubschrauber. Er hielt den Wagen an, ging zum Hubschrauber und sagte zu dem Piloten: „Ich bin es. Sie sind bestimmt wegen mir gekommen, um mich mitzunehmen.“ Der Pilot war irritiert und rief die Polizei. Die beiden Polizistinnen befragten Marcus dann, aber er gab kaum Antwort. Nur mit Mühe gelang es ihnen, meine Nummer herauszufinden.  Sofort fuhr ich hin, um ihn abzuholen.

Da ich einen wichtigen Termin in Bremen-Vegesack hatte, nahm ich Marcus mit. Er schlief die ganze Zeit im Auto. Auf dem Rückweg hatte sich Marcus Zustand arg verschlimmert. Er trottete umher wie ein Zombie und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich informierte seine Ex-Freundin Viola, die sich als Sozialarbeiterin gut mit Psychopharmaka auskennt. Sie erklärte mir, dass Marcus eine Katalepsie habe und dass er in diesem Zustand auf keinen Fall das Risperidon nehmen dürfe, sondern nur Lorazepam, damit sich das Gehirn erst einmal wieder entkrampfe. Ich war todmüde und wollte nur noch schlafen, da der Tag lang war. Aber was sollte ich mit Marcus machen? Ich konnte nicht ständig auf ihn aufpassen. Deshalb rief ich meinen Vater in Lilienthal an und fragte, ob er ihn abholen könne. Mein Vater kam mit seiner Freundin Irmtraut, und wir aßen gemeinsam Abendbrot. Doch als mein Vater sich dann verabschiedete, wollte Marcus nicht mit ihm gehen. Mit aller Gewalt drückte ich Marcus aus dem Haus raus und schimpfte heftig mit ihm, da ich nur noch schlafen wollte. Mein Vater war schon vorangegangen zum Auto, als plötzlich Irmtraut (92 J.) stürzte. Ich lief zu ihr hin und half ihr wieder auf. Erst dann bemerkte ich, dass Marcus verschwunden war. Das war echt zu viel für mich. Um meinen Vater nicht länger zu belasten, sagte ich: „Papa, fahr nach Hause, ich kümmere mich um Marcus.“ Mein Vater fuhr los. Doch nach zehn Minuten tauchte Marcus wieder auf und bat mich, doch bei mir bleiben zu dürfen. Ich sagte, dass ich am Ende meiner Kraft sei und nur noch schlafen wolle. Ich flehte Marcus an, sich doch jetzt endlich zu fügen und bei meinem Vater in Lilienthal einzuziehen. Marcus gab nach, und ich fuhr ihn um 23:00 Uhr nach Lilienthal. Dort gab ich meinem Vater die Tabletten und erklärte ihm, dass Marcus die jetzt regelmäßig nehmen müsse. Halb schlafend fuhr ich dann um 23:45 Uhr die 15 km wieder nach Haus.

Leider erwies sich mein Vater (83 J.), der ja früher als Krankenpfleger in der forensischen Psychiatrie gearbeitet hatte, mit der Katalepsie meines Bruders schnell überfordert. Jedes Mal brüllte er Marcus an, wenn er aufstehen oder seine Tablette nehmen solle. Einmal gab er ihm eine Tasse Milchkaffee in die Hand und eine Tablette in die andere. Aber Marcus hatte in dem Moment gerade eine Wahnvorstellung und kippte den Kaffee vor meinem Vater absichtlich auf den Fußboden, als sei dieser vergiftet. Da gab mein Vater ihn sofort eine heftige Backpfeife. Als er mir das später berichtete, entschied ich mich, Marcus wieder aufzunehmen. Durch Gottes Gnade ging es Marcus in den darauffolgenden Tagen deutlich besser. Man merkte, dass die Tabletten wirkten. Ich konnte Marcus nun auch wieder mitnehmen zur Baustelle zum Arbeiten. Obwohl er die meiste Zeit depressiv war, gelang es ihm zwischenzeitlich sogar mal, beim Kunden eine scherzhafte Bemerkung zu machen: Einmal hatten wir in der riesigen Villa einer Millionärin gearbeitet, als Marcus sie neugierig fragte, ob die beiden allein in dem großen Haus wohnen würden. Als sie dieses bejahte, sagte Marcus kopfschüttelnd und mit ernster Stimme: „Das wäre mir zu klein hier – da würde ich Platzangst kriegen…“ Da musste die Kundin sehr lachen.


Blut im Urin

Ende März hatte ich auf YouTube ein Streitgespräch gesehen mit Raffaela Raab, die als sog. „militante Veganerin“ deutschlandweit bekannt und gefürchtet ist, da sie Fleischesser in Grund und Boden redete mit absolut scharfen Argumenten. Ich bin sicher nicht der Einzige, dem sie dadurch schon ins Gewissen geredet hatte, denn moralisch gesehen hatte sie zweifellos die besseren Argumente. Schon oft hatte ich mir vorgenommen, meinen Fleisch- und Wurstkonsum aus Liebe zu den Tieren zu verringern oder ganz einzustellen; aber dann dachte ich: „Die Tiere müssen ja ohnehin sterben, und im Supermarkt sind sie sowieso schon tot, so dass sie mit ihrem Fleisch, das andernfalls verwesen würde, den Menschen noch einen ‚Liebesdienst‘ erweisen können, indem sie sich verspeisen lassen.“ Andererseits geben die Tiere ihr Leben ja nicht freiwillig, sondern sie werden von uns zu einem erbärmlichen Leben gezwungen, bei dem sie Schmerz, Angst und Stress genauso empfinden, wie wir; und wenn wir Leid und Tod verhindern können, sollten wir es als Christen auch tun, zumal sie unsere Mitgeschöpfe sind (Röm.8:19-22). Es ist schwer zu rechtfertigen, warum mein Geschmack und Genuss wichtiger sein soll als das Leben eines Tieres. Und fordert der HErr uns nicht zum Umdenken, zur Liebe und zum Verzicht auf, Stichwort „Überwinden“?

Also nahm ich nochmal einen Anlauf und kaufte ab dem 01.04.24 nur noch vegan ein. Das war gar nicht so einfach, denn die künstlichen Würste und Käse-Imitationen mochte ich nicht. Und da ich nicht kochen konnte, versuchte ich zu experimentieren. Zum Beispiel machte ich mir Rotkohl und kombinierte ihn mit Grapefruitstücken, um den Geschmack zu verbessern. Es war hart für mich, mir einzureden, dass es überhaupt nicht schmeckte. Immer wieder tröstete ich mich damit, wenigstens etwas Gutes zu tun aus Liebe zu den Tieren. Meine Seele war die ganze Zeit in Anspannung und im Krisenmodus. Marcus schaute mich nur bemitleidend an, während er eine wohlduftende Pizza verspeiste. Ich redete mir ein, dass ich eben einen stärkeren Charakter habe und Gott deshalb auch mehr von mir erwarten konnte. Doch nach vier Wochen gab ich schließlich frustriert auf, denn ich hatte allmählich das Gefühl zu verhungern. Mein Leben war ohnehin schon hart genug, da wollte ich mich wenigstens wieder normal ernähren dürfen.

Während dieser Zeit entdeckte ich eines Tages nach der Arbeit, dass sich mein Urin rot gefärbt hatte. Ich dachte: Nanu, habe ich etwa Rote Beete gegessen? Dann aber sah ich, dass jedes Mal zunächst nur reines Blut vermischt mit Blutgerinnsel herauskam und dann nur noch Wasser. War das was Ernstes? Ich fragte ChatGPT. Die KI schlug Alarm: „Blut im Urin (Hämaturie) mit Gerinnseln ist kein harmloses Zufallsphänomen .. es deutet darauf hin, dass sich Blut in der Blase gesammelt hat … Mögliche Ursachen: Blutung aus Blase oder Harnwegen, Blasenentzündung, Blasensteine, Harnleitersteine, Prostataentzündung, Tumor… Du musst heute noch zum Arzt … spätestens in den nächsten 1-2 Tagen zum Urologen!“ Sofort machte ich einen Termin bei Dr. Egbert Wehrmann, den ich auch kurzerhand bekam. Doch während ich morgens im Wartezimmer saß, spürte ich plötzlich einen unerträglichen, stechenden Schmerz in der linken Bauchseite. Ich rieb nun unaufhörlich, um den Schmerz zu lindern, aber konnte kaum noch warten. Nach 20 Minuten bat ich am Empfang um Hilfe. Eine MTA-Dame gab mir daraufhin eine Spritze, so dass der Schmerz schon nach wenigen Minuten nachließ. Dann wurde ich aufgerufen. Mit seinen fettigen Haaren und seinem Drei-Tage-Bart sah der Urologe aus wie ein Hippie, der gerade aus dem Bett aufgestanden war. Er war mir auf Anhieb sympathisch: nicht nur duzte er mich die ganze Zeit, sondern er rauchte während der Besprechung die ganze Zeit an einer E-Zigarette. Bei der Ultraschalluntersuchung hatte er bei mir Nierensteine entdeckt, von denen sich einer auf den Weg in den Harnleiter gemacht hatte, wo er steckengeblieben war. Um den Stein von dort zu entfernen, müsse man mir durch eine ambulante OP einen Stent setzen, d.h. ein kleines, röhrenförmiges Geflecht, um den Harnleiter zu weiten. Dies geschah dann auch bald darauf, so dass sich der Stein löste und von ganz allein verschwand.

Doch bei einem weiteren OP-Termin, als mir der Stent wieder entfernt werden sollte, verletzte die Ärztin leider versehentlich ein Blutgefäß. In der Folge sammelte sich immer mehr Blut in meiner Blase, so dass sie nach ein paar Stunden verstopfte und ich kein Wasser mehr lassen konnte. Da ich jedoch am nächsten Tag um 7 Uhr wieder ins Krankenhaus kommen sollte, dachte ich, dass ich es bis dahin noch aushalten würde. Um 9 Uhr abends waren die Schmerzen unerträglich. Marcus bot an, mich ins Krankenhaus zu fahren, aber ich winkte ab: „Da ist um diese Zeit doch keiner mehr.“ – „Dann fahr ich Dich in die Notaufnahme.“ – „Nee, lass mal. Ich schaff das schon bis morgen früh.“ – Ich legte mich auf den Bauch mit einem Kissen drunter und versuchte, mich zu zerstreuen. Aber um 1 Uhr nachts hielt ich es nicht mehr aus und bat Marcus, mich doch ins Krankenhaus zu fahren. Als ich dann endlich an der Reihe war, legte die Bereitschaftsärztin mir sofort einen Katheter, der sich innerhalb einer Sekunde mit über einem Liter Blut und Wasser füllte. Was für eine Erleichterung! Endlich war diese Strapaze vorbei. Dem HErrn sei Dank!


Erneutes Predigtverbot

Ende April hatte ich mit Marcus in Bremen-Nord gearbeitet. Als wir zu Feierabend wegen einer Baustelle auf der B74 über Schwanewede zurückfahren wollten, kam mir die spontane Idee, mal in Blumenthal einen Abstecher zu machen, um zu prüfen, ob Hedi (93), meine geistliche Mutter aus meiner Jugendzeit noch am Leben ist. Nachdem wir in der Angerburgerstr. 46 geklingelt hatten, machte uns eine Polin die Tür auf. Ich fragte sie nach Hedi, und sie ließ uns Freude strahlend eintreten. Im Wohnzimmer sah ich dann voller Herzschlagen die alte Schwester Hedi auf einen Stuhl sitzen. Wir begrüßten uns überschwänglich. Schon seit acht Jahren hatte ich nichts mehr von ihr gehört, weil sie nie ans Telefon ging. Ich dachte, sie sei schon heimgegangen, aber sie war nur schwerhörig. Sie lebte mit einer Haushälterin aus Polen zusammen, die sie pflegte. Wir sprachen über die alten Zeiten, und ich versicherte Hedi, dass sie damals in den 80er Jahren einen unbezahlbaren Dienst an mir erwiesen hatte, indem sie und ihr verstorbener Ehemann Edgard mich aufgenommen und im Glauben erzogen hatten. Ihnen hatte ich es zu verdanken, dass ich jahrelang völlig von der Welt abgeschnitten lebte und regelmäßig dreimal am Tag in der Bibel las, so dass ich sie nach fünf Jahren fast auswendig konnte. Hedi erzählte, dass sie sich so sehr einen Sohn gewünscht hatten, da sie unfruchtbar war, aber dass sie im HErrn nun alle Genüge hätte. Wir beteten gemeinsam und ich segnete sie im Namen des HErrn. Dann verabschiedeten wir uns.

Als wir ein paar Tage später wieder zu Besuch kamen, war auch Hedis Cousine Monika gekommen. Da Monika jedoch sehr misstrauisch war und mich vielleicht für einen Erbschleicher hielt, verbot sie uns, noch einmal zu kommen und begründete dies damit, dass ihre Tante Hedi nach unserem Besuch sehr aufgeregt war vor Freude und das in ihrem Alter nicht gut sei. Hedi selbst wurde nicht gefragt. Sie starb ein Jahr später im Mai 2025, und durfte endlich schauen, was sie über 50 Jahre lang geglaubt hatte.

An einem Sonntag fragte ich nach dem Gottesdienst Bruder Rolf, warum er mich schon seit drei Monaten nicht mehr zum Predigen eingeteilt habe. Lächelnd schaute er zu mir hoch und sagte: „Wir haben jetzt festgestellt, dass Du an die Allversöhnung glaubst, und das gefällt uns nicht.“ – „Aber ich bin doch schon seit einem Jahr hier, und habt Ihr etwa je von mir gehört, dass ich über die Allversöhnung gesagt habe?“ – „Nein. Aber es sind ja auch noch andere Dinge: Wenn Du predigst, dann bringst Du immer so viele Dinge, dass wir gar nicht mitkommen. Du zitierst Bibelverse und wartest gar nicht auf uns, dass wir die mitlesen können. Aber wir sind schon alt und können mit Dir kaum mithalten.“ – „Das verstehe ich. Aber warum habt Ihr mir das nicht einfach gesagt, dann hätte ich mehr Rücksicht auf Euch genommen?“ – „Es sind noch andere Sachen. Zum Beispiel hast Du zuhause bei Dir einen Hauskreis, ohne uns um Erlaubnis zu fragen. Und dann hast Du auch noch den Sascha, die Tatjana und die Ingrid bei Dir aufgenommen, ohne das mit uns zu besprechen…“ – „Aber ich hatte Euch doch von meinem Hauskreis erzählt!“ – „Ja. Aber wir sind eine Gemeinde, und dann teilt man alles mit allen. Du hättest ja auch mal nach vorne kommen können, und der ganzen Gemeinde von Eurem Hauskreis erzählen können. So aber hat es den Anschein für uns gehabt, dass Du nur Gläubige abziehen willst, damit sie Dir folgen. Das war nicht sehr brüderlich!“ – „Da hast Du recht, da bitte ich Euch um Vergebung. Aber Ihr müsst mir glauben, dass ich gar nicht darüber nachgedacht hatte. Hättet Ihr doch nur eher mal was gesagt! – Wollt Ihr mich denn jetzt gar nicht mehr predigen lassen?“ – „Ich weiß nicht. Wenn Du an die Allversöhnung glaubst, dann können wir ja ohnehin nicht eines Geistes sein.“ – Was wollte er damit sagen? Wollte er mir zu verstehen geben, dass ich gar nicht mehr predigen sollte? Es machte für sie scheinbar keinen Unterschied mehr, ob ich noch weiterkäme oder nicht. In diesem Moment wusste ich, dass meine Zeit hier abgelaufen war.

Trotzdem traf ich mich weiter mit Bruder Michael zum Evangelisieren zusammen mit Marcus. Und donnerstags hatten wir unseren Hauskreis, den wir bei gutem Wetter auch oft draußen abhielten. Anfang Mai fuhr ich mit Marcus zusammen nach Kerpen zum jungen Bruder Hannes (29), der erst vor einem Jahr gläubig wurde zusammen mit seiner Mutter. Hannes ist ziemlich intelligent, aber auch sehr sensibel. Als er die Allversöhnung verstanden hatte, meinte er, dass er sie sofort allen Geschwistern aus seiner russlanddeutschen Gemeinde erklären müsse. Er wollte von dieser guten Nachricht nicht länger schweigen. Die Geschwister reagierten verunsichert, wollten den Hannes jedoch nicht bedrängen, da sie von seiner Verletzlichkeit wussten. Da Hannes sehr musikalisch war, übernahm er das Klavierspiel. Und als er sich bald darauf auch noch entschied, im Bibelseminar Bonn Theologie zu studieren, wurde er ihr Prediger. Die Gemeinde liebte ihn so sehr, dass sie sich an der Allversöhnung nicht mehr störten, die er immer mal wieder in seinen Predigten erwähnte. Trotzdem wurde Hannes immer wieder von Depressionen und Zwangsgedanken geplagt. Er vermutete, dass dies noch Altlasten aus seiner früheren Zeit in der Esoterik waren. Die bösen Geister wollten ihn einschüchtern und versuchten ihn durch Zweifel. Umso mehr klammerte sich Hannes an den HErrn Jesus, mit dem er abends ins Bett ging und morgens mit Ihm aufstand.


Bruder Jonas möchte eine Frau sein

An einem Tag wurde ich an Jonas und Karin erinnert (Namen geändert), die ich ja schon einige Male in München besucht hatte, aber von denen ich seit zwei Jahren gar nichts mehr hörte. Der letzte Stand war, dass sich die beiden, die immer auf der Suche nach der wahren Gemeinde waren, überraschend der russisch-orthodoxen Kirche angeschlossen hatten, nachdem sie zuvor bei den Old German Baptists waren. Ich war geschockt, wie Jonas auf einmal von der „Mutter Gottes“ sprach, wo er doch zuvor die Gläubigen kritisiert hatte, dass sie sich nicht mehr an das biblische Gebot der Fußwaschung hielten („…so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen. Denn Ich habe euch ein Beispiel gegeben, auf dass, gleich wie ich euch getan habe, auch ihr tuet“ Joh.13:14-15). Waren die beiden nun radikale Christen oder ging es ihnen nur um Provokation? Als dann der Ukrainekrieg ausbrach, stellte sich Jonas, der ukrainische Vorfahren hatte, voll und ganz hinter die Ukrainer und wünschte die Todesstrafe für die prorussische Journalistin Alina Lipp. Wegen der unterschiedlichen Bewertung des Ukrainekrieges hatten Jonas und ich uns leider zerstritten, haben uns dann aber wieder versöhnt und uns gegenseitig entschuldigt. Darauf erzählte mir Jonas, dass er an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leide, da zwei Personen in ihm leben würden, nämlich zum einen er, der radikale Christ, der vor seiner Bekehrung ein Neonazi war, und dann ein kleines Mädchen namens Alina, die nicht gläubig sei. Er berichtete mir, dass er mit 12 Jahren wie ein Mädchen aussah und schickte mir zum Nachweis ein Foto, auf dem tatsächlich ein zierliches Mädchen mit langen Haaren zu sehen war. Ich fragte ihn, ob dass nicht ein dämonischer Geist sei, der ihm dies vorgaukelte. Jonas erwiderte: „Und selbst wenn: würde das irgendetwas ändern?

Ich rief also Karin an und erkundigte mich in einer Sprachnachricht nach ihrem Wohlergehen. Karin erklärte, dass sie und Jonas sich inzwischen getrennt hätten, da Jonas beschlossen hätte, als eine Frau weiterzuleben. Sie sei mit ihren drei Söhnen ausgezogen und lebe jetzt mit dem besten Freund von Jonas zusammen. Für sie sei diese Entscheidung hochdramatisch und tieftraurig gewesen, zumal Jonas leider auch seinen Glauben an den HErrn Jesus verloren habe. Ich konnte das alles gar nicht fassen und rief Jonas deshalb an. Gleich zu Anfang bat mich Jonas, dass ich ihn bitte nicht mehr mit seinem alten Namen ansprechen möge, da dieses „Deadnaming“ für ihn kränkend sei und neuerdings sogar eine Straftat darstelle nach dem gerade erst verabschiedeten Selbstbestimmungsgesetz vom 21.06.2024. Ich erklärte ihm, dass ich ihn ja nicht diskriminieren wolle und dass doch jeder Mensch ein Recht auf seine eigene Wahrnehmung habe. Andernfalls gebiete es das Gleichheitsprinzip, dass auch ich mich in meiner Selbstbestimmung verletzt fühlen könne, wenn man mich zwinge, einen Mann für eine Frau halten zu müssen, wenn mir dies aus biblischen Gründen verboten sei (vergl. 5.Mo.22:5). Nachdem ich ihm versichert hatte, dass sich an meiner Liebe und Wertschätzung für ihn nichts geändert habe, konnte er meine Wahrnehmung tolerieren und sah sie nicht mehr als Beleidigung.

Dann erzählte mir Jonas, dass er im Grunde von Anfang an „im falschen Körper geboren“ wurde, aber sein Leben lang gegen dieses Empfinden angekämpft habe durch Selbstverleugnung. Um seine Gefühle zu unterdrücken und sich zu tarnen, habe er sich schon als Neonazi mit einer Ausbildung zum Landwirt immer betont männlich gegeben. Als er dann gläubig wurde, habe er bewusst eine Frau geheiratet, sich einer streng konservativen Gemeinde angeschlossen, sich einen Amish-Bart wachsen lassen und sich mit Hosenträgern und einen Strohhut verkleidet. Auch dass er zuletzt sogar als Söldner im Ukrainekrieg mitkämpfen wollte, passt zu dieser Art Tarnung und Selbstverleugnung. Nun aber habe er es endgültig satt und wolle endlich diejenige sein, die er vorgeblich immer schon war. In seiner gewohnten Radikalität und Kompromisslosigkeit wolle er sein Geschlecht auch noch operativ ändern lassen und nehme schon seit Monaten Hormontabletten, durch die er eine Brust bekommen habe. Jonas wollte endlich diesen harten Anpassungsdruck loswerden und jene Identität ausleben dürfen, in der er sich immer gefühlt habe.

Ich war ziemlich irritiert. Was sollte ich davon halten? Einerseits muss es schrecklich sein, wenn man kein Ja zu seinem Körper hat und aufgrund von Rollenerwartungen ständig schauspielern muss, um seinen Identitätskonflikt zu verheimlichen. Andererseits hat Gott den Menschen nur als zwei Geschlechter geschaffen (1.Mo.1:27), und die Bibel schweigt zum Thema Transsexualität. Dieses Schweigen muss aber nicht bedeuten, dass es nicht schon immer „Programmierfehler“ gab, wie z.B. Missgeburten (Hi.3:16, Pred.6:3-5, Ps.58:9). Wir leben ja in einer gefallenen Schöpfung, die seufzt und sich nach Erlösung sehnt. Und wenn es körperliche Geburtsanomalien wie Zwitterwesen oder das Down-Syndrom gibt, warum könnte es nicht auch geistige Fehlentwicklungen geben wie etwa Transsexualität, Homosexualität oder Asexualität (kein sexuelles Empfinden)? Der HErr Jesus spricht z.B. von Menschen, die von Geburt an Eunuchen sind, also nicht in das übliche Schema der vollkommenen Schöpfung passen (Mt.19:12). Und dennoch sind sie von Gott angenommen (Jes.56:3-5). Der HErr leugnet nicht vorgeburtliche Schuld (z.B. der Eltern), stellt aber klar, dass es eine solche Ursache nicht notwendigerweise geben muss (Joh.9:1-3). Niemand kann etwas dafür, wenn er einen Geburtsfehler hat, sei er körperlich oder geistig. Aber ein Christ darf abartige Neigungen wie etwa Pädophilie oder Homosexualität nicht ausleben, sondern ist zur Selbstverleugnung verpflichtet. Deshalb fragte ich Jonas: „Bist Du homosexuell?“ – „Nein,“ sagte er, „ich bin lesbisch. Ich stehe auf Frauen.“ – „Und warum hast Du dann Deine Frau verlassen?“ – „Nein, sie hat mich verlassen.“ – „Ja, weil Du nicht mehr Mann sein wolltest. Aber hast Du auch mal an Deine Kinder gedacht?“ – „Ja, natürlich. Deshalb habe ich mich lange genug selbst verleugnet. Aber irgendwann ist Schluss. Ich kann nicht mein Leben lang in einer Lüge leben. Das wäre auch nicht christlich.

Nun kamen wir auf den Glauben zu sprechen: „Glaubst Du noch an Gott?“ – „Ja, aber es gibt nicht nur einen. Ich habe mich jetzt dem vorchristlichen Heidentum angeschlossen, d.h. ich verehre die Geister meiner Ahnen und die Kräfte der Natur.“ Das schockierte mich. „Dann bist Du aber wirklich abgefallen, was umso schlimmer wiegt, weil Du einmal durch die Erkenntnis der Wahrheit erleuchtet warst und jetzt zurückgefallen bist, indem Du das Geschaffene verehrst, anstatt den Schöpfer.“ – „Das ist Bullshit. Wir erleben die Geisterwelt unmittelbar in Träumen, Ritualen und Heilungen. Der christliche Gott wirkt dagegen oft fern und unsichtbar. Unsere Vorfahren sind nicht lediglich weg, sondern bleiben ein Teil unserer Gemeinschaft.“ – „Das redest Du Dir jetzt alles ein, weil Du eine Alternative gesucht hast. Aber tief im Herzen weißt Du, dass dieses Denken dumm und primitiv ist. Nicht alles Übernatürliche ist automatisch gut. Auch wir Gläubigen ehren unsere Vorfahren durch Erinnerung und Dankbarkeit, aber Gott hat uns den Kontakt zu Geistern und Toten klar verboten. Nur der HErr Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Der Teufel hat Dich getäuscht und verblendet, weil Du zu wenig Verständnis für Dein Anderssein erfahren hast. Aber Du hast schon so oft Deinen Standpunkt geändert, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass Du Dir wieder eine neue Identität suchst. Aber endgültigen Frieden findest Du nur in Gott.“ Zuletzt sagte Jonas zu mir: „Ich muss jetzt schlussmachen, denn ich fahre gleich mit meinen Freundinnen in die Stadt, um zu shoppen und uns schicken Fummel anzuschauen…“ Er wollte mich nur mal wieder provozieren.


Warnung vor Firma Poppe

Im Sommer 2022 hatte mich mein langjähriger Mitarbeiter Fadi Shoushari (42) gebeten, ob ich seinen Neffen Firas Shoushari (18) als Lehrling einstellen könnte, da er sich Sorgen mache, dass dieser „sonst auf die schiefe Bahn komme“. Tatsächlich war er das bereits, denn er war der gefährlichen Körperverletzung angeklagt, weil er mit einer Gruppe zusammen einen anderen zusammengeschlagen und ihm am Boden liegend auch noch Tritte gegen den Kopf gegeben habe. Firas war vorbestraft und bereits im Gefängnis gewesen. Von migrantischer Gewalt hörte man in dieser Zeit inzwischen immer wieder in den Medien: Am 31.05.24 hatte ein Migrant den Islamkritiker Michael Stürzenberger in Mannheim mit einem Messer schwer verletzt und einen Polizisten sogar umgebracht, um dadurch Allah zu ehren. Und am 23.10.24 hatte ein Migrant in Solingen drei Personen die Kehle durchgeschnitten, weil sie Ungläubige waren. Und später sollte es am 20.12.24 zu einer der verheerendsten Amokfahrten kommen, bei der ein arabischer Fanatiker 300 Menschen auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg überfuhr und dadurch sechs Menschen tötete. Die mit der illegalen Einwanderung verbundene Überforderung, Untätigkeit und Unfähigkeit der Ampelkoalition sollte schon bald darauf zu ihrem Ende und zu Neuwahlen führen.

Ich wollte dem Firas eine Chance geben und nahm ihn als Auszubildenden. Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass Firas diese Chance nicht nutzte, sondern ständig schwänzte oder wegen Alkoholmissbrauch monatelang in Therapie war. Zudem war er faul, kam oft verspätet und übermüdet, sodass ich ihn im Sommer 2024 wieder kündigen wollte. Er flehte mich an, ihm doch nochmal eine letzte Chance zu geben, weil er sonst „gar keinen Halt mehr im Leben“ habe. Dass er so oft in der Berufsschule geschwänzt habe, läge an der rassistischen Lehrerin, die ihn und alle Migranten wie den letzten Dreck behandeln würde. Schon zu Beginn der Ausbildung habe sie ihn vor der ganzen Klasse bloßgestellt mit den Worten: „Der ist ja von Firma Poppe, das ist ja typisch, denn dessen Azubis kommen ja alle aus dem sozialen Brennpunkt.“ Aufgrund seiner Frechheiten habe sie ihm „eiskalt ins Gesicht gesagt, dass sie dafür sorgen würde, dass er rausfliegen würde“. Um der Barmherzigkeit willen habe ich ihn dann noch drei Monate weiterbeschäftigt; aber es hatte keinen Sinn, da er sein Verhalten nicht änderte.

Im Sommer 2024 nahm ich dann einen weiteren Migranten als Lehrling auf, damit er nicht abgeschoben werde, und zwar Ahmed Toffehi aus Tunesien. Doch schon wieder fing seine Klassenlehrerin Frau Graf an, vor der ganzen Klasse schlecht über mich zu reden, was auch mein anderer Lehrling Robin Elsner bestätigte. Sie empfahl Ahmed dringend, sich eine andere Firma zu suchen, da er angeblich in meiner Firma nichts lernen würde. Daraufhin bat ich um ein Gespräch mit Frau Graf, weil ich sie fragen wollte, warum sie solch eine schlechte Meinung von mir habe und diese auch noch verbreite. Da sie schon ahnte, um was es mir ginge, schrieb sie eine überfreundliche E-Mail, in der sie sich als fürsorglich und engagiert gab, indem sie Ahmed lediglich empfohlen habe, das erste Lehrjahr zu wiederholen aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse. Am Ende sollte sich herausstellen, dass Ahmed in der Zwischenprüfung einer der Besten in der Klasse wurde, zumindest im praktischen Teil. Aufgrund der guten Erfahrungen mit ihm, stellte ich ein Jahr später auch seinen Zwillingsbruder Mohammed Toffehi als Lehrling ein.

Marcus hatte kein Verständnis, dass ich ständig Muslime mit schlechten Sprachkenntnissen als Lehrlinge nahm: „Simon, Du wählst die AfD, weil Du gegen die illegale Einwanderung bist; aber trotzdem stellst Du diese illegalen Ausländer ein, wodurch sie der drohenden Abschiebung entgehen. Das passt doch nicht zusammen. Du widersprichst Dir doch und bist inkonsequent!“ – „Nein, das scheint nur so.“ – erwiderte ich. „Denn zum einen habe ich gar nichts gegen jene Migranten, die arbeiten wollen und sich anständig benehmen. Und zum anderen führe ich mit Ahmed ständig evangelistische Gespräche über den Glauben. Ahmed ist ein sehr frommer Muslim, der grundanständig ist und sehr fleißig. Wie sollte er denn sonst das Evangelium hören, wenn wir es ihm nicht erklären und vorleben. Deshalb glaube ich, dass Gott ganz bewusst Ahmed zu mir geführt hat, weil Gott seine Aufrichtigkeit gesehen hat. Viele Muslime aber kommen nur deshalb nach Deutschland, um das Bürgergeld und eine kostenlose Wohnung zu bekommen. Manche von ihnen arbeiten schwarz, dealen mit Drogen oder verüben islamistische Anschläge. Sie verhöhnen den deutschen Staat, wollen hier ein Kalifat errichten und beteiligen sich an Massenvergewaltigungen. Solche Ausländer brauchen wir hier wirklich nicht in Deutschland. Deswegen wähle ich die AfD.“

 

 

– „Lebenszeugniss von Knechten Jesu Christi“ Teil 15

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 42:

Matthias Claudius (1740-1815) 

Matthias Claudius wurde in einem Pfarrhaus als viertes Kind des Pastors Matthias Claudius in Reinfeld (Holstein) geboren. Zu seinem Vater behielt Matthias Claudius bis zuletzt ein herzliches und dankbares Verhältnis. Er führte sein Leben in einer politisch unruhigen Zeit. Er erlebte zwei schlesische Kriege (1740-1745), den Siebenjährigen Krieg (1756-1763), die Französische Revolution (1789-1799) und den Untergang des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (1806). 1751, als er elf Jahre alt war, starben nacheinander drei seiner Geschwister durch eine Seuche. Früh begegnete Matthias Claudius also dem Tod, den er „Freund Hain“ nannte und dem er sogar seine Bücher widmete. Das Familienleben im Pfarrhaus war fröhlich, fromm und fest geregelt. Sein Vater war ein ehrenhafter, bibelgläubiger und humorvoller Mensch, der seinen Sohn bis zur Konfirmation zu Hause unterrichte. Als er fünfzehn Jahre alt wurde, besuchte er mit seinem nur ein Jahr älteren Bruder Josias die Lateinschule in Plön.

Im April 1759 immatrikulierte er sich, wieder gemeinsam mit Josias, an der Universität Jena zum Studium der Theologie. Doch schon bald fühlte sich Claudius hier fehl am Platz. Für das Studium war er zu fromm und zu sendsibel. Der kühle und öde Rationalismus der meisten Theologen stieß ihn ab. Auch das bierselige und freizügige Leben der Mitstudenten machte ihm zu schaffen. Das führte schon bald zu einem psychosomatischen Brustleiden, das ihn daran hinderte zu predigen. Daraufhin wechselte er den Studiengang von Theologie zu Jura. Hier konnte er einfach lernen, ohne sich ständig existentiell mit den Studieninhalten auseinandersetzen zu müssen.

In Jena wurde er Mitglied der Teutschen Gesellschaft, die über literarische und philosophische Themen debattierte. Hier lernte er den Dramatiker und Lyriker Heinrich W. von Gerstenberg kennen. Matthias Claudius wagte es nun, kleine Erzählungen und Lieder zu schreiben. Er erkrankte an den Pocken oder Blattern, gesundete jedoch; sein Bruder Josias, der ihn versorgt und gepflegt hatte, starb 1760 an Pocken. Die erste von Matthias Claudius veröffentlichte Schrift war die Traueransprache, die er im Alter von 20 Jahren in Jena für Josias hielt. 1763 verließ Claudius die Universität nach einem erfolgreich bestandenem JuraExamen. 1764/1765 reiste Claudius als Sekretär von Graf Ulrich Adolph von Holstein nach Kopenhagen und lernte dort Friedrich Gottlieb Klopstock kennen, dem damals schon bekannten Dichter der Geistlichen Lieder und des Messias, zu dem er eine enge Freundschaft pflegte. Kopenhagen war damals ein Zentrum der deutschen Kultur, weshalb sich Dichter und Musiker dort trafen, in dieser Gesellschaft Matthias Claudius verkehrte. Nach einem Jahr kehrte er wieder zurück nach Reinfeld, wo er die Zeit mit Träumen, Musizieren und Wandern verbrachte.

Nach drei Jahren drängte ihn sein Vater, wieder beruflich tätig zu werden. So übernahm er in Hamburg von 1768 bis 1770 die Redaktion der Hamburgischen-Adreß-ComtoirNachrichten und kam so in Kontakt mit dem frommen Dichter Johann Gottfried Herder und dem Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing. Seine Aufgabe bestand vor allem im Sammeln von Börsenberichten und im Verfassen von Meldungen über ankommende Schiffe. Im Januar 1771 zog Matthias Claudius nach Wandsbek und wurde dort Redakteur der Tages-Zeitung Der Wandsbecker Bothe, die viermal pro Woche erschien. Die Zeitung hatte vier Druckseiten. Drei waren dem politischen Geschehen in Europa gewidmet, eine enthielt „gelehrte Sachen“. Claudius gestaltete den „gelehrten“ Teil auf ganz eigene Art, beispielsweise durch Gedichte. Zwar wurde die Zeitung unter ihm in ganz Deutschland bekannt, sie erlangte jedoch keinen finanziellen Erfolg, weshalb sie nur bis 1775 erschien.

Im damals noch dänischen Dorf Wandsbek heiratete Claudius 1772 die damals 17-jährige Anna Rebekka Behn, Tochter eines Zimmermanns. In sein Tagebuch schrieb er am Hochzeitstag: „Nun habe ich meine drei H: Hof, Heimat, Hausfrau, und wenn das vierte H, der Herr, dabei ist und bleibt, so kann man restlos glücklich sein.“ In den folgenden 22 Jahren bekam das Paar zwölf Kinder, von denen zwei starben. Rebekka ergänzte ihren Mann hervorragend. Freundlich, aber resolut führte sie den Haushalt. Gespräche mit Gästen fielen ihr nicht schwer. Sie wird als „schön von Angesicht“ klug interessiert, treu, fromm, fröhlich und liebenswürdig beschrieben. Mit den Jahren lernte sie Cello spielen und sich stilsicher schriftlich auszudrücken. Die Ehe zwischen Claudius und seiner Frau galt als eine der glücklichsten Künstlerehen jener Zeit, und er war Gott sehr dankbar für dieses Geschenk. Seine Einstellung zum Glauben und zum Leben wird besonders deutlich in seinem Brief „an meinen Sohn Johannes“ von 1799.

1774 wurde Matthias Claudius in die Hamburger Freimaurerloge Zu den drei Rosen aufgenommen. Ab 1777 war er drei Jahre lang Redner der Andreasloge Fidelis, die ihn dann aber stillschweigend entließ. Obwohl die Zeitung nicht mehr erschien, publizierte Claudius weiterhin unter dem Namen Der Wandsbecker Bothe. In seinen Gedichten und Überlegungen überwogen diesmal geistliche Themen. Dabei trat seine ablehnende Haltung gegenüber der Aufklärung immer stärker hervor. 1783 schloss er sich dem Emkendorfer Kreis an, einer Art Literarischem Salon, in welchem christlich erweckte Dichter und Denker sich auf Gut Emkendorf trafen, um sich miteinander auszutauschen über Alternativen zur rationalistischen Aufklärung. Dieser Kreis wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Hamburger Erweckungsbewegung.

Claudius’ finanzielle Lage war stets prekär, bis er ab 1785 einen Ehrensold des dänischen Kronprinzen Friedrich erhielt; diesen hatten die literarischen Qualitäten von Claudius überzeugt. Friedrich verschaffte ihm 1788 auch ein Revisorenamt bei der Schleswig-Holsteinischen Speciesbank im damals zum dänischen Gesamtstaat gehörenden Altona, das ihm ohne größere Einschränkung seiner literarischen Arbeit ein Auskommen sicherte, denn er musste lediglich viermal im Jahr zur Prüfung der Quartalsabschlüsse in Altona erscheinen. Mit den sich stabilisierenden Einnahmen war Claudius schließlich sogar in der Lage, ein eigenes Haus mit Gemüsegarten zu erwerben.

Neben der überschaubaren beruflichen Tätigkeit blieb Claudius viel Zeit für die Dichtung und die Erziehung seiner Kinder, Aufgrund seines großen Engagements in dieser Hinsicht bezeichneten manche Zeitgenossen ihn als „Hausvater von Beruf“. Seine Kinder unterrichtete Claudius vor allem in den alten Sprachen, in Geschichte und Geographie. Auch neue Sprachen, Philosophie und Astronomie wurden behandelt. Außerdem las Claudius mit seinen Kindern wichtige literarische Neuerscheinungen und diskutierte anschließend mit ihnen darüber. Die Töchter sollten der Mutter im Haushalt helfen, die Söhne hatten ihre Verpflichtungen im Handwerklichen Bereich. Claudius ging es weniger darum, seinen Kindern so viel Wissen wie möglich zu vermitteln. Vielmehr wollte er ihnen Freude beim Lernen und Lust zum Selbststudium vermitteln. Ein besonderes Anliegen war es Claudius, seinen Kindern die Ehrfurcht vor Gott und die Liebe zu Jesus Christus ans Herz zu legen.

Zur institutionalisierten Kirche hatte Claudius ein eher distanziertes Verhältnis. Er fühlte sich als Teil der Gemeinschaft der Heiligen, der weltweiten Kirche Jesu Christi und suchte geistlichen Austausch eher im kleinen Kreis enger Freunde. Trotzdem nahm Claudius am Leben seiner örtlichen Gemeinde rege teil, dichtete und komponierte zahlreiche Motetten und Choräle, die er mit seiner Familie zur Aufführung brachte. Auch dichtete er Lieder zum Kirchjahr wie Das Grab ist leer für die Osterfeier und Der Herr, der einst auf Erden war für Epiphanias. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch war für die Familie Claudius eine Selbstverständlichkeit. Obwohl er sich lebenslang als Lutheraner verstand, hielt er auch Kontakt zu gläubigen Katholiken, mit denen er sich geistlich verbunden wusste.

Zweifellos wurde Claudius von der Aufklärung geprägt. Ganz auf die menschliche Vernunft setzend kämpfte man damals gegen intellektuelle Vorurteile, Heuchelei, Dummheit, Fanatismus und religiöse Bevormundung. Die Ideale der Zeit waren Menschlichkeit, Toleranz und Wissenschaft. Ideen von Demokratie und Menschenrechten entwickelten sich. Diese Gedanken finden sich auch bei Claudius. Korrigierend wies er allerdings auch immer wieder auf die Grenzen des Verstandes und die Notwendigkeit Gottes hin, trotz oder gerade wegen allen wissenschaftlichen und politischen Fortschritts. Von den Kleidermoden seiner Zeit hielt er nur wenig. So weigerte er sich hartnäckig, mit Degen und Perücke aufzutreten. Gegen den Trend setzte sich Claudius zeitlebens für den Frieden und den Schmutz der Unterdrückten ein. Mitten im deutschen Siegestaumel am Ende der Befreiungskriege gegen Frankreich (1813-1815) rief Claudius zu Nüchternheit und Mäßigung auf. Auch die Feinde sollten als von Gott geliebte Menschen wahrgenommen werden. Offen kritisierte er die europäischen Kolonialkriege Frankreichs und Englands zur Beherrschung Amerikas, Afrikas und Asien. Lange vor Onkel Toms Hütte (1852) plädierte er für die Beendigung der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten.

Die in der Renaissance begonnene Entchristlichung der abendländischen Kultur setzte sich mit der Aufklärung weiter fort. Die Dogmen der Kirche und die Aussagen der Bibel sollten nun mit philosophischer Vernunft beurteilt und bewertet werden. Die modernen Theologen dieser Zeit hielten Wunder, Sünde, Kreuzestod und Jenseits für überholt und unvernünftig. Diesen alten Glauben wollten sie überwinden und eine ethische Vernunftreligion an dessen Stelle setzen. Jesus sei demnach nicht wirklich auferstanden, vielmehr sei Er ein vorbildlicher Tugendlehrer gewesen, der an einer Verbesserung der Menschheit gearbeitet habe. Claudius stand eher den frommen Pietisten nahe, die den wahren Glauben mit einem überzeugenden Leben und einer Achtung des Verstandes verbinden wollten. Claudius schätzte Wissenschaft und Philosophie, sah sie jedoch auf einer ganz anderen Ebene als den Glauben.

Man muss nicht den Glauben vernünftig, sondern die Vernunft gläubig machen“, war Claudius´ Forderung. Immer klarer erschienen ihm im Laufe der Jahre die engen Grenzen, die der menschlichen Erkenntnis gesetzt sind. Deutlich warnte er vor den negativen Konsequenzen, wenn diese Grenzen übersehen und überschritten würden. Die Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung hinter allem menschlichen Wissen formulierte er folgendermaßen: „Etwas Festes braucht der Mensch, das ihm als Anker dient, etwas, das nicht von ihm anhängt, sondern von dem er abhängt.“ Wie kaum ein Dichter seiner Zeit konnte Claudius diese Gedanken auch für einfache Menschen in eindrückliche Gedichte und Lieder sprach. Claudius sprach dem Versuch, Gott und Jenseits allein mit der Vernunft erklären zu wollen, wenig Aussicht auf Erfolg zu: „Wir Menschen gehen doch wie im Dunkeln … und können uns nicht helfen. Auch ist das Gefühl eigener Hilflosigkeit zu allen Zeiten Wahrzeichen großer Menschen gewesen.“ Er war fest davon überzeugt, dass der Mensch nur durch den Glauben Gott erkennen und nur durch das Wirken des Heiligen Geistes positive Veränderung seines Lebens erfahren kann. Allein durch den Tod Jesu könne Schuld vergeben und der Friede mit Gott wiederhergestellt werden. Jesus „gibt die neue Lebenskraft“, die uns befreit und „göttliches Leben schenkt“.

Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; 

Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar …

Seht ihr den Mond dort stehen? – er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund uns schön!

So sind doch manche Sachen, die wir getrost belachen, Weil unsere Auen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder, Und wissen gar nicht viel;

Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.“

Seinem Sohn Johannes schrieb Claudius 1802: „Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzt, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab auf den man sich verließ, brechen sehen … Wenn dich jemand Weisheit lehren will, schau in sein Angesicht. Hält er sich für wichtig, und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, lass ihn und kümmere dich nicht weiter um ihn. Was einer nicht hat, das kann er nicht geben … Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht hat, ist wie die Sonne, die da scheint und wärmt, wenn sie auch nicht redet …“

Infolge der Kriegsereignisse um Hamburg (Franzosenzeit) floh Claudius 1813 nach Kiel. Seine letzten Lebensmonate verbrachte der inzwischen Schwerkranke im Hause seines Schwiegersohns, wo er 1815 im Alter von 75 Jahren starb.

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 43:

Gerhard Tersteegen (1697-1769)

Gerhard Tersteegen stammte aus einem frommen Elternhaus. Sein Vater starb bereits 1703, als er sechs Jahre alt war. Man brachte ihn auf eine Lateinschule, wo er auch Griechisch und Hebräisch lernte. Da seine Mutter arm war, konnte sie sich für ihn kein Theologiestudium leisten, so dass er zunächst eine Kaufmannslehre machte. Als 16-Jähriger hatte er an einem Tag starke Koliken, dass er dachte, sterben zu müssen. Da erinnerte er sich an Ps.50:15 „Rufe mich an am Tage der Bedrängnis, so will ich dich erretten und du sollst Mich preisen“. Daraufhin betete er, und augenblicklich war er von seinen Schmerzen befreit. Von da an beschloss er, dass er von nun an sein ganzes Leben dem HErrn weihen wolle und ständig im Gebet bleiben wolle.

1717 gründete er ein eigenes Geschäft, dass er jedoch schon bald wieder aufgab, da es ihm „vom Wachsen in der Gnade abhielt“. Er suchte sich ein stilleres Gewerbe und wurde Weber. Er lebte zwar in kärglicher Armut und Einsamkeit, hatte aber in dem HErrn eine beständige Quelle geistlicher Kraft. Alles was er nicht irgendwie zum Leben brauchte, gab er an Arme und Bedürftige weiter, weshalb er von seinen leiblichen Geschwistern verachtet wurde. Als seine Mutter starb und das Erbe ausgezahlt werden sollte, da haben die Geschwister gesagt: „Ach, der gibt ja sowieso immer alles weg, dann kriegt er halt gar nichts!“

Schon als junger Mann spürte Tersteegen ein beständiges Drängen in seiner Seele nach der Gottseligkeit. Er suchte nach einem Glauben, der nicht nur die Lippen, sondern das Herz ergriff und der nicht im Äußeren, sondern im Inneren wurzelt durch das Gebet. Diese Suche sollte schließlich den gesamten Lauf seines Lebens bestimmen. Eine der wichtigsten Glaubensentscheidungen Tersteegens ereignete sich in einer Zeit, in der er sich von den kirchlichen Formen seiner Umgebung zunehmend abgestoßen fühlte. Er empfand vieles als äußerlich, mühsam und ohne die Lebendigkeit, die er in den Evangelien las. Er rang mit sich selbst, betete, las die Schrift, und doch schien der Durchbruch zu fehlen. In dieser Phase traf ihn ein Satz aus einem geistlichen Buch wie ein Schlag: dass ein Mensch erst dann zum wahren Frieden findet, wenn er sich vollständig Gott überlässt – ohne Sicherheiten, ohne Vorbehalte, ohne Angst. Dieses Wort fiel in sein Herz wie ein Same. Tersteegen spürte, dass er sich noch immer an seine eigenen Pläne und Vorstellungen klammerte. So fasste er den Entschluss, sein Leben radikal zu vereinfachen und es Gott uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Gott löste ihn von mancher Bindung und ließ ihn frei werden für ein Leben, das fortan von Stille, Gebet und Dienst geprägt sein sollte.

Tersteegen lebte viele Jahre in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Er wählte bewusst ein einfaches Handwerk, das ihm die Möglichkeit bot, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen und gleichzeitig viel Zeit für Gebet und geistliche Betrachtung zu haben. 1728 gab er das Weben ganz auf und lebte von Gaben zu seinem Lebensunterhalt und für seine Mildtätigkeit. So wurde er Laienprediger und der einzige Mystiker des reformierten Pietismus, indem er unter anderem Schriften katholischer Mystiker, wie Teresa von Ávila, übersetzte. Er predigte auch am ganzen Niederrhein und in Holland.

Er pflegte die Gewohnheit, mit kurzen Gebeten bei jeder Tätigkeit innezuhalten – ein geistlicher Rhythmus, der sein Herz immer wieder neu auf Christus ausrichtete. Besucher waren oft überrascht, wie friedvoll und ungestört er mitten in handwerklicher Tätigkeit wirken konnte. Während Hände und Werkzeug sich bewegten, schien sein Inneres beständig in der Gegenwart Gottes zu ruhen, in der stillen Verbundenheit mit dem göttlichen Willen. Trotzdem (oder gerade deshalb) wurde Tersteegen sehr von Krankheit geplagt. Er litt oft unter Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Magenkoliken, dazu noch Gicht und Hautausschlägen. Er wohnte bei Leuten zur Miete, die gar nicht merkten, dass er krank war. Manchmal lag er 10 bis 12 Wochen krank in seinem Bett, ohne dass irgendjemand nach ihm sah. Einmal hatte er hohes Fieber und Durst, so dass er eine Magd bat, ihm einen Krug Wasser zu bringen. Diese aber vergaß es zunächst, so dass er den ganzen Tag mit starkem Durst im Bett lag und mit Glaubenszweifeln rang.

Doch gerade in diesen schweren Phasen erlebte er dann die Nähe Gottes, indem er Gespräche mit Ihm führte und der HErr ihm neue Kraft gab. Er sah, dass das Leid ihm half, im Glauben zu wachsen. Deshalb schrieb er einen Brief an Gott mit seinem eigenen Blut, in welchem er versprach, von nun an sich ganz dem Willen Gottes zu unterstellen.  Von da an änderte sich sein Leben, er wurde wieder völlig gesund und trat heraus aus seiner Zurückgezogenheit. Er bekam auf einmal immer häufiger Besuch von Gläubigen, die bei ihm Hilfe suchten. Sein Rat war sanft, aber klar und tief. Viele suchten ihn auf, weil sie spürten, dass sein Leben eine innere Echtheit ausstrahlte, die man nicht künstlich erzeugen kann. Tersteegens Schriften und Lieder wurden später weit verbreitet. Doch auch sie entsprangen nicht dem Wunsch nach Ruhm, sondern aus dem Bedürfnis, anderen geistliche Nahrung zu geben. Seine Worte zielten nicht auf äußere Belehrung, sondern auf innere Erweckung. Sein Büchlein Geistliches Blumen-Gärtlein Inniger Seelen von 1729 enthält Kirchenlieder, die heute jeder kennt, z.B.: Gott ist gegenwärtig“ „Ich bete an die Macht der Liebe“ (ein Lied, das sogar bis heute beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr vorgetragen wird).

Gerhard Tersteegen übte einen bedeutenden Einfluss auf den radikalen Pietismus aus. Seine Werke, vor allem das Predigtbuch „Geistliche Brosamen, Von des Herrn Tisch gefallen, von guten Freunden aufgelesen und hungrigen Herzen mitgeteilt“, wurden in diesen Kreisen viel gelesen. Da Tersteegen unverheiratet blieb, deckte sich sein Ideal der sexuellen Askese mit dem der Radikalpietisten. Er wandte sich aber gegen die Abkehr von der Staatskirche, trotz aller Versuche der Herrnhuter Brüdergemeine, ihn für sich zu gewinnen. Für ihn bestand wahre Frömmigkeit nicht in großen Gefühlen oder beeindruckenden Leistungen, sondern in der stillen Bereitschaft, den eigenen Willen zugunsten des göttlichen Wirkens loszulassen. Seine Briefe enthielten oft Zuspruch für Menschen, die unter Zweifeln, Anfechtungen oder Niedergeschlagenheit litten. Er versuchte ihnen beizubringen, dass der Weg zu Gott nicht durch Stärke, sondern durch Demut führt; nicht durch Aktivität, sondern durch Vertrauen.

Einmal bekam Tersteegen Besuch von einem Bruder, der in einer besonders schwierigen, geistlichen Lage war. Dieser erwartete kraftvolle Worte, vielleicht einen ergreifenden Vortrag oder eine eindringliche Mahnung. Stattdessen führte Tersteegen ihn in seine kleine Gebetsstube, setzte sich neben ihn und schwieg längere Zeit. Erst nach einigen Minuten sprach er ein schlichtes Gebet, das direkt aus dem Herzen kam. Der Besucher berichtete später, dass dieses stille Zusammensein mehr Wirkung auf ihn hatte als tausend Worte. Eine andere Begebenheit erzählt, wie Tersteegen ein geistlich bedrücktes Gemeindemitglied besuchte, dessen Verzweiflung so groß war, dass alle Ermutigungen anderer gescheitert waren. Tersteegen blieb mehrere Stunden bei ihm, sang leise ein geistliches Lied und betete. Die Atmosphäre im Raum soll sich vollständig verändert haben. Der bedrückte Mann fand neuen Mut – nicht aufgrund theologischer Argumente, sondern wegen der spürbaren Gegenwart Gottes, die Tersteegen mitbrachte. Solche Geschichten zeigen, dass sein Wirken weniger in äußerer Lehre lag als in einer Ausstrahlung, die aus der beständigen Gottesgemeinschaft geboren war.

Viele Menschen seiner Zeit waren geistlich am Verhungern, da von den protestantischen Pastoren kaum noch frommes Leben vermittelt wurde. Als immer mehr Leute zu ihm kamen, gab er regelmäßig Bibelstunden bei sich in der Stube. Es entstand die sog. Mühlheimer Erweckung. Viele fingen an, ihr Leben von Gott erneuern zu lassen und gingen bei Tersteegen in die Seelsorge. Dies führte zu einem starken Widerstand der Geistlichen, weil sie auf einmal alleine standen in der Kirche und alle zum Tersteegen gingen. Daraufhin wurde ihm das Predigen verboten und der Vermieter unter Druck gesetzt, dass ihm die Wohnung 1745 gekündigt wurde. Doch Tersteegen hatte Gönner, die ihm ermöglichten, in einem kleinen Haus zu wohnen.

Von nun an passierte es, dass er morgens beim Aufstehen schon 50 – 60 Leute in seiner Wohnung vorfand, die ihn predigen hören wollten – so groß war der Hunger nach Gottes Wort! Zeitweise kamen bis zu 600 Leute von weit her, so dass die Obrigkeit dies kritisch beäugt hatte und Kontrolleure sandte, ob er ein Sektierer sei. Es gab Gläubige, die in seinen Gottesdiensten alles Wort für Wort mitschrieben, um es dann drucken zu lassen. Denn er benutzte keine typisch auswendig gelernten Phrasen, sondern war wirklich vom Heiligen Geist geleitet, so dass die Menschen geistlich erbaut und erweckt wurden. Seine Schriften fanden Verbreitung bis nach Holland, und er unternahm auch Missionsreisen ins Bergische Land und predigte im Neandertal vor vielen hundert Menschen. Neben der Seelsorge stellte er auch Heilmittel her, die er unentgeltlich gab für die Kranken. Als ihm dies 1723 verboten wurde, wies er nach, dass er profunde medizinische Kenntnisse hatte und seine Mittel wirklich wirkten.

In seinen seelsorgerlichen Gesprächen ging es ihm nicht darum, Regeln aufzustellen oder die Gläubigen an sich zu binden, sondern sie in Gottes Nähe zu bringen, damit sie sich künftig nur noch von Gott leiten ließen. Sie sollten nicht stehen bleiben nach der Bekehrung, sondern sich täglich neu auf die Führung des Heiligen Geistes einlassen. Seine Anteilnahme an den Nöten anderer veranlasste ihn immer wieder zum Rückzug in die Stille, denn der Umgang mit Menschen kostete ihm jedes Mal viel Kraft. Manchmal ging er den ganzen Tag nur im Wald spazieren, um sich mit Gott zu unterhalten und neue Kraft zu schöpfen. Besonders gut kommt seine innere Haltung zum Ausdruck durch jene Strophe: „Wie die zarten Blumen, willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh, Deine Strahlen fassen und Dich wirken lassen.“

Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er wieder von vielen Krankheiten, sowie von Schlaflosigkeit und Magenschmerzen. Körperlich wurde er immer schwächer, doch sein geistliches Licht brannte umso stärker. Besucher berichteten, dass sie von seiner friedvollen Art tief berührt waren. Tersteegen selbst betrachtete Schmerzen und Krankheit nicht als Zufall, sondern als Mittel der Verfeinerung, als Gelegenheit zur noch tieferen Hingabe. Seine Worte aus dieser Zeit spiegeln eine innere Reife wider, die viele später als „heilige Gelassenheit“ beschrieben haben. Sie war nicht Gleichgültigkeit, sondern das Ergebnis eines Lebens, das sich immer wieder neu in Gottes Hände gelegt hatte. Sein Beispiel zeigt, dass Gott oft diejenigen gebraucht, die bereit sind, sich im Stillen formen zu lassen. Am 03.April 1769 starb er schließlich im Alter von 72 Jahren. Sein Freund Jung-Stilling, ein Wissenschaftler und Schriftsteller, sagte bei der Grabrede, dass es wohl seit der Apostelzeit niemanden wie ihn gegeben hätte, der so viele wahre Christen hervorgebracht hatte.

Majestätisch Wesen, möcht ich recht dich preisen
und im Geist dir Dienst erweisen.
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen
und dich gegenwärtig sehen.
Lass mich dir für und für trachten zu gefallen,
liebster Gott, in allem.

Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte,
HErr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so still und froh deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen
.“ (aus „Gott ist gegenwärtig“)

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 44:

William Carey (1761-1834)

William Carey gilt mit Recht als Vater der protestantischen Mission. Doch diese oft zitierte Bezeichnung greift zu kurz, wenn sie nur seine organisatorischen Leistungen würdigt. Careys eigentliche Größe lag nicht in seiner Gelehrsamkeit oder Produktivität, sondern in seinem tief verwurzelten biblischen Glauben, seiner Demut, seiner Leidensbereitschaft und seiner unerschütterlichen Hoffnung auf Gottes Wirken – auch gegen alle sichtbaren Umstände.

William Carey wurde 1761 im englischen Dorf Paulerspury in Northamptonshire geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf: Sein Vater war Weber und später Dorfschullehrer. Carey erhielt keine akademische Ausbildung im eigentlichen Sinne. Dennoch entwickelte er früh eine ungewöhnliche Lernbegierde. Er beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Büchern und liebte intellektuelle Herausforderungen. Mit zwölf Jahren verließ er die Schule und lernte bei einem Onkel den Gärtnerberuf. Wegen einer Allergie, machte er eine Umschulung zum Schuhmacher. Nebenbei ging er seinem Hobby nach: der wissenschaftlichen Beobachtung von Vögeln, Insekten und seltenen Pflanzen. Als junger Schuster hängte er beim Arbeiten Landkarten über seiner Werkbank auf, um sich über ferne Länder zu informieren. Während andere seine Tagträume belächelten, begann in ihm etwas zu wachsen, das später sein ganzes Leben prägen sollte: die Überzeugung, dass Gottes Verheißungen allen Völkern gelten (Gen.12:3, Mt.28:19).

Ein älterer Lehrling warb Carey für den christlichen Glauben. Mit 18 erlebte er eine einschneidende Bekehrung und schloss sich dann einer baptistischen Erweckungskirche an. Carey wurde tief geprägt von der Heiligen Schrift. Sein Glaube war von Anfang an praktisch, nicht spekulativ: Bibellesen, Gebet und Gehorsam. Ein Zeitgenosse beschrieb ihn später treffend: „Er war kein Mann großer Worte, sondern großer Treue.“ Als ihm auf der Arbeit ein theologischer Kommentar zu Neuen Testament in die Hände fiel, reizten ihn die darin enthaltenen griechischen Begriffe dazu, selber diese Sprache zu erlernen. Allein mit einer Grammatik und einem Wörterbuch brachte sich Carey Griechisch bei. Es sollte nicht die letzte Fremdsprache sein.

Mit 19 heiratete Carey die fünf Jahre ältere Dorothy. Zwei Jahre später wurde ihr erstes Kind geboren, das jedoch schon bald darauf an einem gefährlichen Fieber starb. Als bald darauf auch sein Chef starb, versuchte Carey, das Geschäft weiterzuführen, um nicht nur für seine eigene Familie, sondern auch die Witwe des Inhabers mit ihren vier Kindern zu sorgen. Zu jener Zeit wurde er zunehmend zum Predigen in Bibelstunden in Privathäusern eingeladen. Hier entdeckte er seine eigentliche Berufung. Besonders lagen ihm die Menschen am Herzen, die noch nie etwas vom Evangelium gehört hatten nicht nur in England, sondern auch weltweit. Nachdem er erkannte, dass die ersten Gemeinden keine unmündigen Kinder tauften, ließ er sich mit 23 Jahren von Baptisten in einem Fluss taufen.

Durch eine Predigt 1792 über Jes.54:2–3 wurde sein neues Lebensmotto: „Erwarte Großes von Gott und unternimm dann Großes für Gott.“ Carey las die Schrift vor allem verheißungsorientiert. Gottes Zusagen an Abraham, die Psalmen über die Völker und der Missionsbefehl Jesu waren für ihn gegenwärtige Realität. In einer Zeit, in der viele Christen argumentierten, Mission sei unnötig oder gar anmaßend („Wenn Gott die Heiden retten will, wird Er es ohne uns tun“), hielt Carey ruhig dagegen: „Wo steht in der Schrift, dass der Missionsbefehl aufgehoben ist?

Etwa zur selben Zeitbegann Carey in den Berichten des großen englischen Entdeckungsreisenden James Cook zu lesen. Einerseits faszinierten ihn die Berichte über fremde, in Europa noch kaum bekannte Länder. Andererseits dachte er an all die Menschen, die noch nie etwas vom christlichen Glauben und der Liebe Gottes gehört hatten. Oftmals litten sie unter Aberglauben und unmenschlichen, religiösen Traditionen. Carey nahm sich vor, diesen Völkern das Evangelium von Jesus Christus zu bringen. So sehr beschäftigte sich Carey mit dem Gedanken der Weltmission, dass gelegentlich seine Arbeit als Schuster darunter litt. Mit 26 Jahren wurde Carey in Moulton als Prediger der Baptisten ordiniert. Später wurde er Pastor einer Gemeinde in Leicester. Nebenher vertiefte Carey sein Wissen über die biblischen Ursprachen und las begeistert zahlreiche Missionsberichte. Besonders beeindruckten ihn die Biographien der Indianermissionare John Eliot (1604-1690)  und David Brainerd (1718-1747) sowie des von den halleschen Pietisten nach Indien ausgesandten Heinrich Plütschau (1676-1752). Nach und nach konnte Carey auch andere Baptisten vom Missionsauftrag überzeugen.

Noch im selben Jahr war er Mitbegründer der Baptist Missionary Society. 1793 brach er gemeinsam mit seiner Familie nach Indien auf – nicht als Held, sondern als gehorsamer Knecht. Dies erforderte viel Glauben mit Frau und vier Kindern. Careys frühe Missionsjahre in Indien waren von außergewöhnlichen Belastungen geprägt. Finanzielle Not, Krankheit, kulturelle Isolation und familiäre Tragödien prägten seinen Alltag. Seine Frau Dorothy erlitt nach dem Tod ihres Kindes einen schweren psychischen Zusammenbruch und lebte jahrelang in geistiger Umnachtung. Carey pflegte sie treu, ohne öffentliches Klagen. Einmal soll er gesagt haben: „Ich kann Gott nicht dienen, wenn ich meine Pflicht zu Hause vernachlässige“ (vergl. 1.Tim.5:8).

Trotz jahrelanger Arbeit sah Carey zunächst keine einzige Bekehrung. Erst nach sieben Jahren wurde der erste Inder getauft. Carey kommentierte dies nüchtern: „Gottes Zeit ist nicht unsere Zeit.“ Diese Geduld entsprang keiner Resignation, sondern einem tiefen Vertrauen in Gottes Souveränität (vgl. Gal.6:9). Da die Spenden, die für das erste Jahr gedacht waren, schon allein durch die lange Überfahrt verbraucht wurden, war Carey gezwungen für den Lebensunterhalt für seine Familie landwirtschaftlich zu arbeiten. Er kaufte ein kleines Stück Land im Ganges-Delta und begann, es zu bebauen. Hier musste er sich nicht nur vor giftigen Schlangen und anderen wilden Tieren schützen, auch tropische Krankheiten wie Malaria war dort weit verbreitet. Aufgrund schlechter Hygiene starb sein dritter Sohn mit fünf Jahren an der Ruhr (Bazillen im Darm). Carey selbst steckte sich an, überlebte jedoch. Dorothy fiel die Umstellung am schwersten. Sie hatte große Probleme, die Sprache zu erlernen und sich auf die andersartige Kultur einzustellen. Ihr fehlten Familie und Freunde. Häufig machte sie ihrem Mann Vorwürfe und schlug ihn sogar. Mit der Zeit wurde sie depressiv und starb 1807. Carey schrieb: „Das ist für mich wirklich das Tal des Todesschattens… Was gäbe ich nicht für einen Freund, der mitfühlen und dem ich mein Herz ausschütten könnte! Aber Gott ist hier, der nicht allein Mitleid zu haben, sondern der auch bis zum äußersten zu erretten vermag.“ In dieser Notlage erhielt Carey Nahrungsmittel von mitleidigen Indern. Obwohl sie selbst nur wenig hatten, teilten sie bereitwillig mit der englischen Missionarsfamilie. Ohne diese Unterstützung hätten sie das erste Jahr wohl kaum überlebt.

Carey besaß eine außergewöhnliche Sprachbegabung. Er lernte Sanskrit, Bengali, Hindi und weitere Sprachen und leitete Übersetzungsarbeiten in über 30 Sprachen und Dialekte. Dennoch verstand er sich selbst nicht primär als Gelehrter, sondern als Diener des Wortes. Als ein jüngerer Missionar ihn ehrfürchtig als „Dr. Carey“ ansprach, soll er geantwortet haben: „Nennen Sie mich nicht Doktor, nennen Sie mich Bruder Carey“ (vergl. Mt.23:8 „Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“). Als Carey schließlich eine gut bezahlte Stelle als Aufseher einer Indigoplantage erhielt, war sein Unterhalt gesichert. Er gründete eine Schule für Inder, bekam von seinem Chef kostenlos eine Halle und predigte in dieser regelmäßig in den einheimischen Sprachen. In Malda gründete er eine erste Baptistengemeinde, der zunächst nur Engländer angehörten.

Bis 1797 hatte Carey in mühevoller Kleinarbeit das Neue Testament in Bengali übersetzt. Und da er sich schon immer für Botanik interessiert hatte, studierte er mit großem Interesse die fremdartige indische Vegetation und eignete sich Grundkenntnisse in Medizin an, um den Indern helfen zu können. 1799 wurde ihm jedoch von der Ostindischen Kompanie jegliche christliche Mission in dieser Region verboten. Carey zog daraufhin mit seiner Familie nach Serampore, nördlich von Kalkutta. Dort konnte er unter dem Schutz des dänischen Gouverneurs seine Arbeit ungehindert fortsetzen. Kurz darauf bekam er Unterstützung, um ein eigenes Haus zu kaufen mit eigener Druckerei und konnte Schulunterricht für europäische Kinder anbieten. Er verbündete sich mit zwei anderen Brüdern, um in Gütergemeinschaft zu leben. Damit wollten sie zukünftigen Streit vermeiden und den Indern ein Vorbild an christlicher Nächstenliebe geben. Aufgrund seines hohen Arbeitspensums, halfen ihm die Brüder auch bei der Erziehung seiner Kinder. Nach dem Tod seiner Frau Dorothy lernte Carey eine englische Lady namens Charlotte Rumohr kennen, eine Verwandte des dänischen Königs. Er überzeugte sie vom Evangelium, und sie ließ sich taufen. Immer stärker engagierte sie sich daraufhin für die Mission und unterstütze mit ihrem Geld Careys Projekte. Bald darauf heirateten sie und führten eine glückliche Ehe. Sie wurde ihm eine große Hilfe bei der Übersetzungsarbeit.

1806 wurde Carey vom englischen Gouverneur zum Professor in drei indischen Sprachen ernannt am Fort William College in Kalkutta. Immer mehr Hindus kamen jetzt zum Glauben und schlossen sich Careys Gemeinde an. 1802 erschien sein bengalischen Neues Testament im Druck und bald darauf das Alte Testament. Es folgten Bibeln in Sanskrit und Marathi. 1806 war die christliche Versammlung auf über 100 Christen angewachsen, und 1818 waren es schon 600 getaufte indische Gläubige. Carey bat um 40 weitere Missionare, um seine Arbeit ausweiten zu können. Im Lauf der Jahre konnte er mit seinem Missionsteam Bibeln in 44 indischen, chinesischen und zentralasiatischen Sprachen herausgeben. Immer wieder kam es auch zu Rückschlägen durch Streitigkeiten, Missionsverboten und einem Brand in der Druckerei mit hohem Sachschaden (1812).

Durch den Einfluss Careys verbot die englische Regierung 1829 das damals in Indien übliche Töten unerwünschter Kleinkinder und Witwen. Der Missionar kämpfte auch gegen den Brauch, an Haken aufgespießte Männer zu Tode schwingen zu lassen, und gegen die Tradition, menschliche Körper durch grausame Riten durch die Straßen zu ziehen. Auch auf landwirtschaftlichem Gebiet hinterließ Carey seine Spuren in Indien. Er veröffentlichte verschieden Bücher über Botanik und Ackerbau des Subkontinents. Um die immer wiederkehrenden Hungersnöte des Landes zu bekämpfen, erarbeitete er konkrete Vorschläge für landwirtschaftliche Reformen. Er organisierte Fortbildungen für indische Bauern und ließ Baumwolle u.a. anbauen.

William Carey starb 1834 in Serampore im Alter von 72 Jahren. Die gewünschte Inschrift für seinen Grabstein war:

A wretched, poor and helpless worm“ („Ein elender, armer und hilfloser Wurm“).

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 45:

John Nelson Darby (1800–1882)

John Nelson Darby gehört zu den prägendsten, aber auch umstrittensten Bibellehrer des protestantischen Christentums des 19. Jahrhunderts. Als Mitbegründer der sogenannten Brüderbewegung (später „Plymouth Brethren“ genannt), als scharfsinniger Bibelausleger und als maßgeblicher Entwickler des dispensationalistischen Denkens hat er weltweit Wirkung entfaltet – besonders im angelsächsischen Raum. Zugleich aber steht sein Name für eine Entwicklung, die von anfänglicher geistlicher Weite und überkonfessionellen Offenheit zu einer zunehmend unnachgiebigen Ekklesiologie führte, die viele Zeitgenossen und Nachfolger als sektiererisch empfanden. Wer also über Darbys Leben berichten will, ist es unvermeidlich, sowohl seine Verdienste als auch seinen negativen Einfluss gleichermaßen zu würdigen.

John N. Darby wurde im Jahr 1800 in London in eine wohlhabende anglo-irische Familie geboren. Er erhielt eine exzellente Ausbildung, studierte am Trinity College in Dublin und schloss sein Studium mit außergewöhnlichem Erfolg ab. Zunächst schlug er eine juristische Laufbahn ein, wurde als Anwalt zugelassen und stand vor einer vielversprechenden Karriere. Doch Darby erlebte früh eine tiefe geistliche Krise. Der innere Konflikt zwischen äußerem Erfolg und dem Anspruch radikaler Christusnachfolge führte schließlich zu einer Abkehr vom weltlichen Beruf. Er entschied sich für den geistlichen Dienst und wurde 1825 zum anglikanischen Geistlichen ordiniert. Bereits hier zeigt sich ein Grundzug seines Wesens: kompromisslose Konsequenz. Was er als Wahrheit erkannte, wollte er ohne Abstriche leben – selbst wenn dies Brüche bedeutete.

Die entscheidende Wende kam Ende der 1820er Jahre. Darby begann, die institutionelle Kirche grundsätzlich zu hinterfragen. Besonders problematisch erschien ihm die enge Verbindung von Kirche und Staat sowie die Vorstellung eines Klerus, der sich wesentlich vom „Laienstand“ unterschied. Die Kirche, so Darby, habe ihre neutestamentliche Gestalt verloren. In Irland und später in England traf Darby auf Gleichgesinnte, die sich außerhalb kirchlicher Strukturen zum Bibellesen, Gebet und Abendmahl versammelten. Diese an der Urgemeinde orientierten Zusammenkünfte waren bemerkenswert offen: Es gab keinen ordinierten Klerus, das Abendmahl stand grundsätzlich allen wiedergeborenen Gläubigen offen, die Betonung lag auf der Einheit aller Gläubigen in Christus, nicht auf konfessionellen Abgrenzungen. In dieser Phase vertrat Darby ausdrücklich den Standpunkt, dass die Teilnahme am Tisch des HErrn nicht an Detailfragen der Lehre gebunden sein dürfe. Entscheidend sei allein die Zugehörigkeit zu Christus. Diese frühe Haltung Darbys war biblisch, versöhnlich und „dem Frieden nachjagend mit allen“.

Unbestritten ist auch Darbys immense Leistung als Übersetzer und Bibelausleger. Er beherrschte mehrere biblische Sprachen, übersetzte die Bibel ins Englische, Französische und Deutsche und verfasste umfangreiche Kommentare, Vorträge und Auslegungen. Besonders einflussreich war seine Dispensationalismuslehre: die Unterscheidung verschiedener Haushaltungen Gottes, die klare Trennung zwischen Israel und Gemeinde, eine stark zukünftig verstandene Endzeitauslegung der Prophetie mit Betonung der Entrückung der Gemeinde vor der großen Drangsal. Dieses Bibelverständnis prägte Generationen evangelikaler Christen, insbesondere durch ihre Rezeption in Bibelschulen und später durch populäre Studienbibeln (allen voran die Scofield-Bibel). Darby verstand sich dabei nicht als Neuerer, sondern als Wiederentdecker vergessener biblischer Wahrheiten. Gerade hier beginnt jedoch der problematische Teil seiner Biografie. Mit den Jahren verschob sich Darbys Sichtweise auf die Gemeinde deutlich. Aus dem anfänglichen Vertrauen in die geistliche Einheit aller Gläubigen wurde zunehmend ein Misstrauen gegenüber allem, was nicht exakt seiner eigenen Lehrentwicklung entsprach. Darby kam zu der Überzeugung, dass die sichtbare Kirche als Ganze endgültig abgefallen sei. Nicht nur einzelne Konfessionen, sondern die Ecclesia insgesamt habe ihre Haushalterschaft verspielt. Reform sei unmöglich; Wiederherstellung im Sinne der Reformation ausgeschlossen. Was blieb, waren nur noch provisorische Versammlungen von Treuen inmitten des allgemeinen Verfalls. Diese Sicht hatte weitreichende Konsequenzen: Einheit wurde nicht mehr primär geistlich verstanden, sondern lehrmäßig totalisiert. Wer am Abendmahl teilnehmen wollte, musste nicht nur Christus bekennen, sondern in allen wesentlichen und vielen nebensächlichen Lehrfragen übereinstimmen. Abweichungen galten nicht als legitime Differenzen unter Brüdern, sondern als Gefährdung der „Reinheit des Tisches des HErrn“. In dieser Phase erklärte sich Darby – wenn auch nicht formal, so doch faktisch – zum theologischen Insolvenzverwalter der Kirche. Wenn die Kirche insgesamt gescheitert ist, wer entscheidet dann, was noch legitim ist? In Darbys Denken fiel diese Verantwortung zunehmend auf diejenigen, die den „wahren Zustand“ erkannt hatten – und unter ihnen nahm er selbst eine dominierende Rolle ein. Diese Haltung führte zu wiederholten Trennungen, der Praxis der Kollektivverantwortung (eine Versammlung haftet für die vermeintlichen Irrtümer einer anderen) und einer zunehmenden Isolation der sogenannten „exklusiven Brüder“. Ironischerweise entstand so genau das, was Darby ursprünglich hatte vermeiden wollen: eine neue, eng definierte Gruppierung mit klaren Innen- und Außengrenzen – funktional eine Sekte, auch wenn sie diesen Begriff vehement abgelehnt hätte.

Einmal entfesselte sich z.B. ein völlig überflüssiger Streit über eine erhöhte Stufe oder Plattform im Versammlungsraum. Für Darby war jede bauliche Hervorhebung potenziell problematisch, da sie den Eindruck eines besonderen „Predigtortes“ erzeugen könne und damit dem neutestamentlichen Gedanken widerspreche, dass Christus allein das Haupt der Versammlung sei und kein Mensch – weder durch Amt noch durch Raumordnung – hervorgehoben werden dürfe. Was für Außenstehende wie Pedanterie wirkte, war für Darby Ausdruck einer ernsten theologischen Sorge: Jede Form sichtbarer Hervorhebung könne den Keim eines neuen Klerikalismus in sich tragen. Kritiker bemerkten jedoch, dass hier bereits ein Muster sichtbar wird, das sich später verschärfen sollte: Äußere Details wurden zu Prüfsteinen geistlicher Treue. Die Frage war nicht mehr nur, ob Christus geehrt werde, sondern wie exakt dies nach Darbys Verständnis zu geschehen habe. Die Stufe wurde so zum Sinnbild einer Theologie, die im Kleinen dieselbe Unerbittlichkeit zeigte wie im Großen.

Besonders folgenreich war Darbys Konflikt mit George Müller (1805-1898), dem bekannten „Waisenvater von Bristol“ und Leiter der Bethesda Chapel. Müller war wie Darby zutiefst bibeltreu, glaubensstark und asketisch lebend. Dennoch trennten sich 1848 hier zwei geistliche Wege exemplarisch. Ausgangspunkt war der Umgang der Bethesda Chapel mit Personen, die mit Lehren aus anderen Brüderkreisen in Verbindung standen, welche Darby als irrig betrachtete (insbesondere im Umfeld von B. W. Newton). Müller vertrat die Auffassung, dass ein einzelner Gläubiger nicht für die vermeintlichen Irrtümer anderer haftbar gemacht werden dürfe, solange er persönlich an Christus festhalte und kein falsches Evangelium verkündige. Darby hingegen entwickelte nun die Lehre der kollektiven Verunreinigung: Eine Versammlung, die jemanden aufnimmt, der mit Irrlehrern Gemeinschaft hat, wird selbst „unrein“ und damit vom Tisch des HErrn ausgeschlossen. Die Konsequenz war dramatisch: Darby erklärte die Bethesda Chapel faktisch für außerhalb der wahren Gemeinschaft stehend – und verlangte, dass alle „treuen“ Versammlungen weltweit dies ebenfalls anerkennen müssten. Wer weiterhin Gemeinschaft mit Bristol hielt, machte sich mitschuldig. Diese Auseinandersetzung markiert einen Wendepunkt: Aus der Brüderbewegung entstanden dauerhaft „offene“ und „exklusive“ Richtungen. Darbys Modell setzte sich durch, wo Einheit primär als vollständige lehrmäßige Identität verstanden wurde. Die Ironie ist offenkundig: Zwei Männer von hoher geistlicher Integrität trennten sich nicht wegen eines anderen Evangeliums, sondern wegen unterschiedlicher Auffassungen darüber, wie weit christliche Gemeinschaft reichen darf.

Darby war ein rastloser Reisender. Er durchquerte England, Irland, Kontinentaleuropa und Nordamerika, hielt Vorträge, korrigierte Lehren und schlichtete oder verschärfte Konflikte. Zeitgenossen berichten von einer enormen geistigen Präsenz, aber auch von einer gewissen Unnachgiebigkeit im persönlichen Umgang. Eine oft erwähnte Beobachtung lautet: Wo Darby längere Zeit wirkte, nahm die lehrmäßige Präzision zu – und die Zahl der Trennungen ebenfalls. Er war überzeugt, dass falsche Einheit gefährlicher sei als offene Spaltung. In dieser Haltung lag Größe, aber auch Tragik. Denn faktisch wurde Darby zunehmend zur zentralen Referenzfigur, obwohl er jede formale Leitungsfunktion ablehnte. Seine Briefe hatten normativen Charakter, seine Einschätzungen entschieden über Gemeinschaft oder Ausschluss. In Gesprächen soll Darby sinngemäß geäußert haben, dass Gott der Kirche als Haushalterin ein Zeugnis anvertraut habe und dass dieses Zeugnis unwiederbringlich verloren sei. Was folgte, war keine Reformationshoffnung, sondern eine Endzeitperspektive: Die Kirche könne nicht mehr geheilt, nicht mehr reformiert, sondern nur noch treu durch die Trümmerzeit hindurch bewahrt werden. Diese Sicht verlieh Darbys Auftreten eine eigentümliche Schwere. Er handelte nicht als Gemeindebauer im klassischen Sinn, sondern als eine Art nicht ernannter Insolvenzverwalter der Gemeinde: Er verwaltete den Rest, nicht den Wiederaufbau. Was als Schutz der Heiligkeit gedacht war, führte in der Praxis häufig zur Überdehnung des Sündenbegriffs: Nicht mehr nur moralisches oder lehrmäßiges Fehlverhalten, sondern auch Nähe, Duldung oder fehlende Distanz wurden zur Schuld.

Darbys Leben lehrt nicht nur Treue zur Schrift, sondern auch die Gefahr, Einheit mit Uniformität zu verwechseln. Wer die Gemeinde für endgültig gefallen erklärt, steht in der Versuchung, sich selbst trotz aller Demutssprache an ihre Stelle zu setzen. Paulus verurteilt aufs Schärfste dieses Anhängen an einen bestimmten Lehrer und die damit verbundene Trennung von allen Brüdern oder Gemeinden, die ein anderes Schriftverständnis haben (1.Kor.1–3, Röm 14). Da die Erkenntnis stückweise ist, haben wir nicht das Recht, andere Gläubige als sog. „Irrlehrer“ abzustempeln und auszustoßen, nur weil sie nicht unsere eigene Erkenntnis teilen.

Es wäre unfair, Darby als bloßen Spalter oder Machtmenschen zu zeichnen. Sein Ernst, seine persönliche Askese, seine Hingabe an das Wort Gottes und sein Verdienst als grundtextnaher Übersetzer (Elberfelder Bibel) sind unbestreitbar. Er lebte, was er lehrte, und suchte nicht persönlichen Gewinn oder institutionelle Macht. Gleichzeitig aber zeigt sein Lebenswerk eine klassische geistliche Gefahr: Wer den Verfall der Gemeinde absolut setzt, erhebt sich unweigerlich selbst zum Maßstab der Treue. Und genau dort beginnt die eigentliche Gefahr der Sektiererei.

 

Wenn Väter versagen durch falsche Rücksichtnahme

 

„Und diese Worte … sollst du deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du unterwegs bist …“. (5.Mo.6:6-7)

 

Liebe Geschwister im HErrn Jesus Christus,

Die Gnade und der Friede Gottes seien mit Euch!

Vor drei Tagen begann der Angriff auf den Iran, der aus meiner Sicht bereits in Daniel 8 vorhergesagt wurde (siehe https://youtu.be/-o7AJ89HgcA?si=d2Mpe_R0M0DvKYLf). Doch in diesem Rundbrief soll es mal nicht um etwas Politisches gehen, sondern um ein Thema, dass uns alle direkt oder indirekt betrifft, nämlich die Kindererziehung. Anlass hierfür ist nicht zuletzt, dass wir in diesen Tagen gerade wieder unsere Enkeltochter (4) bei uns haben. 😉

Vor ein paar Tagen stolperte ich mal wieder über eine Bibelstelle, die wir bestimmt alle schon einmal gelesen haben, aber die uns irritiert zurücklies, und zwar 2.Mose 4:24-25. Gerade eben noch hatte Gott dem Mose zu einem so großen Auftrag erwählt, da stellt Er sich ihm auf einmal in den Weg und will ihn töten wegen einer unterlassenen Beschneidung. Erst nachdem seine midianitische Frau Zippora diese vollzogen hat, lässt Gott wieder von ihm ab. Diese ungewöhnliche Szene erinnert uns daran, dass für uns nebensächliche Sache vor Gott von entscheidender Bedeutung sein können. In 1.Mo.17:12 hatte Gott ja dem Abraham und seinen Nachfahren geboten, dass jedes Baby am 8.Tag nach der Geburt beschnitten werden soll als Zeichen des Bundes mit Gott. Das Kind wurde dadurch Gott geweiht und geheiligt. Der 8. Tag steht nicht nur symbolisch für die Auferstehung, sondern ist auch aus medizinischen Gesichtspunkten ideal gewählt, da an diesem Tag die Vitamin-K-Gerinnungsfaktoren einen Höhepunkt erreichen und das Blutungsrisiko daher geringer ist. Aufgrund von Hiob 1 und 2 können wir vermuten, dass der Teufel ar als „Verkläger der Brüder“ (Offb.12:10) Moses Nachlässigkeit vor Gott zur Anklage brachte und seinen Tod forderte, weil er die Verantwortung trug für die Einhaltung des Gebots. Mose sollte ja im Namen des Bundes Gottes mit Israel vor den Pharao treten, aber ausgerechnet er hat im eigenen Haus den Bundesbefehl unterlassen. Er sollte einen Bund verkündigen, den er selbst nicht konsequent lebte. Aber je näher ein Mensch an den heiligen Auftrag Gottes tritt, desto weniger duldet Gott bewussten Ungehorsam im Verborgenen. Interessant ist, dass Zippora sofort diesen Zusammenhang erkannte und den Gehorsam stellvertretend wieder herstellte. Ihre durch die Beschimpfung als „Blutbräutigam“ ausgedrückte Widerwilligkeit lässt vermuten, dass sie selbst es war, die zuvor jahrelang die Beschneidung ihrer Söhne ablehnte und Mose sich gegen diese nicht durchsetzen konnte (übrigens verweigerte auch Prinzessin Diana die Beschneidung ihrer beiden Söhne William und Harry, da sie diese für unnötig und übergriffig erachtete).

Ein ähnliches Szenario findet leider auch heute immer wieder in Kinderzimmern von gläubigen Eltern statt: Die Mutter schimpft mit dem Sohn, weil er am Wochenende lieber Online-Spiele wie Fortnite, Minecraft oder Roblox spielt, anstatt mit seinen Freunden und Klassenkameraden draußen etwas Sinnvolles zu unternehmen. Der Junge sagt: „Bitte Mama, nur eine Runde noch!“, und der Vater sagt: „Lass ihn doch, denn seine Freunde sind doch auch alle online.“ Oder die Tochter schaut sich stundenlang Instagram-Kurzvideos oder Streaming-Serien an wie Wednesday oder Stranger Things, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen; der Vater schimpft, aber die Mutter sagt: „Lass sie doch, denn wenigstens geht sie nicht heimlich mit Jungs aus…“ Aber eine wirkliche „Beschneidung“ in geistlicher Hinsicht von den Dingen dieser Welt findet kaum noch statt, zumal viele Eltern selbst schon süchtig sind nach Filmen oder Sozialen Medien. Früher war es in meiner Kindheit üblich, dass wir Spieleabende machten mit der ganzen Familie (z.B. Monopoly, Schach oder Reversi) oder uns zusammen einen Film anschauten (z.B. „Jesus von Nazareth“ und „Sandokan – der Tiger von Malaysia“). Es gab kein Smartphone oder Netflix, stattdessen aber gemeinsame Mahlzeiten oder Ausflüge. Heute sind zwar alle zu Hause, aber jeder in seiner eigenen Medienwelt. Die Zeit wird nur noch nebeneinander aber nicht mehr miteinander verbracht.

Schuld an diesem katastrophalen Missstand sind vor Gott in erster Linie die gläubigen Väter und Ehemänner. Aus Angst vor Konflikten oder aus falscher Rücksichtnahme vernachlässigen sie heute ihre geistliche Verantwortung. Sie verzichten auf eine geistliche Erziehung aufgrund ihres Bedürfnisses nach Harmonie. Der Vater verzichtet auf Gebet, aufs Bibellesen oder auf Glaubensgespräche, weil die Ehefrau „keinen Druck“ auf die Kinder ausüben möchte. Dadurch aber wachsen die Kinder ohne geistliche Orientierung auf. Gott aber gebietet den gläubigen Eltern auch heute noch, dass sie ihren Kindern das Gottes Wort im Alltag weitergeben sollen (5. Mo.6:6-7). Gott hat durch Abraham jedem gläubigen Vater befohlen, die geistliche Hauptschaft in seiner Familie wahrzunehmen, „damit er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm befiehlt, dass sie den Weg des HErrn bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (1.Mo.18:19, vergl. 5.Mo.11:18-19). Wenn Eltern jedoch aus Angst vor Streit den Kindern erlauben, Medieninhalte zu schauen mit sexueller Freizügigkeit oder Werten, die sie selbst als unbiblisch erkennen, dann lernen die Kinder, dass Überzeugungen verhandelbar sind. Wenn Väter ihre Kinder nicht mehr „in der Zucht und Ermahnung des HErrn erziehen“, verlieren sie nicht nur Halt und Orientierung, sondern lernen auch nie, später ihre eigenen Kinder in Gottesfurcht zu erziehen (Eph.6:4). Gerade aber durch das Buch der Sprüche finden wir so viele Hinweise, dass elterliche Zucht nicht gegen sondern für das Kindeswohl ist. Nicht selten verzichten gläubige Eltern lieber auf den gemeinsamen Gottesdienstbesuch oder gemeinsame geistliche Aktivitäten aus Rücksicht auf den Wunsch nach einem „ruhigen Wochenende“. Dadurch verkommt der Glaube aber allmählich zur Nebensache. Viele gläubigen Väter wissen zwar, dass geistliche Anleitung überlebenswichtig ist, verschieben sie aber, weil die Frau Konflikte mit den Kindern vermeiden möchte. Wichtige Prägungsjahre gehen dadurch verloren. Gleiches gilt für politische oder weltanschauliche Fragen: Um den Frieden zu wahren, vermeiden Väter häufig Gespräche zu biblischen, ethischen oder politischen Themen, so dass ihre Kinder sich ausschließlich an Schule, Medien und Gleichaltrigen orientieren. Am Ende stellen sie dann mit erschrecken fest, dass sie in der Uni die hohlen Phrasen des woken, links-grünen Zeitgeistes nachplappern.

Verantwortungsbewusste Väter, die sich Zeit nehmen, ihre Kinder in Weisheit, Liebe und Geduld zu erziehen, verbunden mit der geistlichen Einheit der Eltern, sind der größte Schutz für Kinder vor dem Einfluss der Welt und der antichristlichen Umerziehung in Kindergärten, Schulen und Universitäten. Problematisch wird es nicht durch Rücksichtnahme an sich, sondern durch Konfliktvermeidung aus Angst, wenn dadurch unsere klare göttliche Verantwortung aufgegeben wird. Deshalb ist das gemeinsame Gebet und die geistliche Einigkeit in der Ehe unverzichtbar. Gläubige Eltern müssen in Erziehungsfragen an einem Strang ziehen und dürfen vor den Ohren oder Augen des Kindes nicht einander in den Rücken fallen. Ebenso müssen die Väter wieder Vorbild sein und können den Kindern nur dann ihren Medienkonsum einschränken, wenn sie dies glaubwürdig vorleben. Eli z.B. tadelte zwar seine Söhne Hophni und Pinehas halbherzig, griff aber nicht konsequent ein, obwohl sie das Heiligtum entweihten (1.Sam.2-3). Auch David griff bei den Vergehen seiner Söhne (z. B. Amnon und Absalom) nicht entschieden ein, so dass Familienchaos, Gewalt und Rebellion die Folge waren. Wie sehr die Passivität und Untätigkeit eines Ehemanns einer Ehe schaden, sehen wir auch bei König Salomo in 1.Könige 11, denn er ließ sich durch seine Frauen zum Götzendienst verleiten. Nachgiebigkeit aus Beziehungsharmonie führt also oftmals zum Gegenteil dessen, was man eigentlich bezwecken wollte, nämlich zur Zerstörung der Ehe oder Familie.

Positive Vorbilder finden wir aber ebenso zuhauf in der Bibel. Josua sagte ja den bekannten Satz: „Ich und mein Haus wollen dem HErrn dienen“ (Jos.24:15), also eine klare geistliche Ausrichtung der Familie. Hiob betete regelmäßig für seine Kinder (Hi.1:5), wodurch er geistliche Fürsorge und Verantwortung bewies. Und nicht zuletzt fand auch Timotheus durch den geistlichen Einfluss seiner Mutter und Großmutter zum Glauben an den HErrn Jesus, wie wir in 2.Tim.1:5 erfahren. Gemäß 1.Mo.3:15 ist es ja in erster Linie Aufgabe der Frau, geistlichen Samen hervorzubringen, der durch eine gottesfürchtige Erziehung befähigt wird, dem Widersacher später den Kopf zu zermalmen. Und dies geschieht eben nicht nur durch die Sorge um das leibliche Wohl, sondern auch um das geistliche Wohl des Kindes, wie wir es auch in Ps.78:3-7 lesen: „Was wir gehört und erfahren und unsere Väter uns erzählt haben, wollen wir nicht verhehlen ihren Söhnen und der künftigen Generation erzählen die Ruhmestaten des HErrn und Seine Macht und Seine Wunder, die er getan hatdamit die künftige Generation sie kenne, die Söhne, die geboren werden sollten, und auch sie aufständen und sie ihren Söhnen erzählten … Damit sie auf Gott ihr Vertrauen setzten und die Taten Gottes nicht vergäßen und Seine Gebote befolgten“.

Eine solche Glaubensvermittlung kommt in der Regel nicht ohne Strenge und Zucht aus. In Spr.22:6 lernen wir: „Gewöhne den Knaben an Seinen Weg …“ (gemeint ist wohl vor allem Gottes Weg). Liebe erfordert Konsequenz und Strafe, die nicht zuletzt dem lernen und dem Schutz des Kindes dient (Spr.13:24, 19:18). Die Folge dieser Konsequenz ist Frieden (Spr.29:17); bei Inkonsequenz hingegen werden Kinder „entmutiget“ (Kol.3:21) und Väter „reizen ihre Kinder zum Zorn“ (Eph.6:4). Wenn man Kinder schon früh an die Schrift heranführt und unterweist, dann sehen sie nicht mehr die Autorität des Vaters, sondern die Autorität des Wortes (2.Tim.3:14-15). Vor allem sehen sie im Verhalten der Eltern den Charakter der Liebe veranschaulicht (1.Kor.13:4-7). Gerade in der heutigen, antichristlichen Endzeit möchte der Feind möglichst schon gleich nach der Geburt die Kinder verderben (vergl. 2.Mose 1-2, Mat.2:16-18, Offb.12:3-4). Deshalb sollen gläubige Eltern ihre Kinder so erziehen, dass sie im evangelistischen Dienst später sogar „wie Pfeile im Köcher“ des Vaters verwendet werden können, ohne dass sie im Gespräch mit den Gottesfeinden beschämt werden (Psalm 127:3–5). Dies setzt aber voraus, dass man sich als Vater nicht nur um das leibliche Wohl der Familie kümmert (Ps.127:2), sondern auch Zeit in die Kinder investiert und sie nicht bloß großzieht, als ob sie schon von selbst gläubig werden.

Seid dem HErrn befohlen!
Euer Bruder Simon

 

 

 

 

 

„Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 24

 

Juli – September 2023

Eine Zigeunerfamilie wird wie der letzte Dreck behandelt

An einem Tag berichtete der kolumbianische Bruder David uns beim Hauskreis, dass er sich auf dem Parkplatz vorm Lidl mit einer Frau über den Glauben unterhalten hätte. Alexandrina (36) war eine Zigeunerin aus Rumänien, sprach aber sehr gut Spanisch, da sie und ihre Familie zehn Jahre lang in Spanien gelebt hatten. David lud sie ein zu unserem Hauskreis, und sie kam dann tatsächlich, da sie auf der Suche nach Gott sei. Sie erzählte uns, dass sie und ihr Ehemann Tezaur (38) sich bisher wegen ihrer Armut mit Gelegenheitsjobs, Betteln und Diebstahl über Wasser gehalten hätten, sie aber nun ein neues Leben beginnen wolle. Ihr sei klar geworden, dass sie nun als Christin nicht mehr stehlen oder betteln dürfe und wünschte sich, dass auch ihr Mann gläubig werde, damit er von nun an ein Vorbild für die Kinder werde. Am darauffolgenden Freitag brachte sie Tezaur mit und wir erklärten auch ihm das Evangelium. Er bat uns, dass wir ihn einfach bei seinem Nachnamen Bujor nennen könnten, da dieser leichter auszusprechen sei. Bujor war noch dicker als seine Frau, hatte eine braune Haut und eine väterliche Art. Zu Alexandrinas Freude wollte auch Bujor nun den Weg mit dem HErrn Jesus gehen. Deshalb verabredeten wir uns am nächsten Wochenende und tauften die beiden in der Weser.

Bujor erzählte mir, dass er im Januar seine Arbeit verloren hatte und deshalb seine Miete nicht mehr bezahlen konnte. Das Jobcenter verzögerte jedoch monatelang die Leistungen für die Familie, so dass der pakistanische Vermieter ihn kündigte und sogleich eine Räumungsklage einreichte, da er die Frist zur Räumung verstreichen ließ. Die Zwangsräumung der Wohnung erfolgte nun Ende Juli. Erst im Juni hatte das Jobcenter dem Bujor nicht nur die ausstehenden Leistungen nachgezahlt, sondern auch noch knapp 8.000 Euro an den Vermieter inkl. Anwaltskosten. Doch Bujor brauchte nun dringend ein neues Zuhause für sich und seine Familie, weshalb er mich um Hilfe bat. Ich rief bei sämtlichen Wohnungsverwaltungen und Vermietern an, die inseriert hatten, aber keiner war bereit, die Familie bei sich wohnen zu lassen. Da erinnerte ich mich an die Worte der Außenministerin Annalena Baerbock, die ja mal gepostet hatte: „Wir haben Platz!“ und rief kurzerhand die „Grünen“ an, ob sie denn für diese Familie einen Platz besorgen könnten. Deren Parteizentrale in Bremen war mit diesem Anliegen jedoch überfordert und konnte mir nicht helfen. Doch dann ergab sich eine unverhoffte Lösung: Da die Kündigung vom Jobcenter verursacht wurde, brachte die Stadt Bremen die 6-köpfige Familie erstmal vorübergehend in eine kleine Pension in der Inselstraße 49 unter. Als ich Bujor dort besuchte, war ich schockiert darüber, dass die Familie dort lediglich ein Dachzimmer ohne Möbel bekam. Man hatte ihnen nur vier Matratzen hineingelegt, weiter nichts. Da das Zimmer noch nicht mal einen Schrank hatte, lagerten sie ihre Wäsche in Plastiktüten in einer Ecke. Sie hatten weder Tisch noch Stühle bekommen, so dass sie auf den Matratzen essen mussten, und ohne Herd konnten sie sich noch nicht einmal ein Essen warm machen. Ich fragte Bujor, wie viel die Stadt Bremen denn für dieses erbärmliche Pensionszimmer zahlen müsse. Bujor zeigte mir den Mietvertrag, und ich konnte es nicht fassen: 9.000,00 Euro pro Monat! Der Vermieter berechnete es wie folgt: 50,- Euro/pro Tag /pro Person = 50 x 30 x 6 = 9000,- Euro. Wenn die Stadt Bremen so verschwenderisch mit ihren Steuergeldern umgeht, dann ist es kein Wunder, dass Bremen das ärmste Bundesland ist!

Bujor fand jedoch schon bald einen neuen Job bei HelloFresh in Verden. Und Gott schenkte ihm auch eine rumänisch-sprachige Gemeinde in Bremen, wo er von nun an immer mit seiner Familie hinging und wo auch ich einmal predigen durfte. Doch dann kam das nächste Unglück über Bujor: Sein alter Vermieter hatte ihn verklagt auf Schadenersatz, weil er beim Verlassen der Wohnung diese angeblich in einem desolaten Zustand zurückgelassen habe. Bujor erzählte mir, dass diese Wohnung schon von Anfang an verschimmelt war und völlig heruntergekommen, weshalb der Vermieter sie immer nur an Sinti und Roma-Familien vermiete, die wohl aus seiner Sicht weniger Anspruch hatten und nichts Besseres brauchten. Da sie schon überall gefragt hatten und niemand sie nehmen wollte, erklärten sie sich im Januar 2020 dazu bereit, diese Schrottwohnung in diesem Zustand zu übernehmen. Bujor renovierte die Wohnung auf eigene Kosten, indem er den Schimmel einfach überstrich. Doch schon nach einem Jahr sah die Wohnung wieder genauso schäbig aus wie vorher. Nachdem sie nun ausgezogen waren, wollte der Vermieter Herr Janjuar die Wohnung von Grund auf mal renovieren lassen inkl. neuer Tapeten und neuem Fußbodenbelag. Und da er sah, dass Bujor sich auch nicht gegen die Kündigung und Zwangsräumung zur Wehr setzte, dachte er wohl, dass er auch die Renovierung von Bujor geschenkt bekommen würde.

Ich bot Bujor meine Hilfe an, indem ich dem Vermieteranwalt schrieb und den Anspruch zurückwies, da die Wohnung schon vorher so schäbig aussah und der Mietvertrag keine Grundrenovierung nach dem Auszug vorsah. Leider hatte Bujor beim Einzug unterschrieben, dass die Wohnung in einem guten Zustand sei, wobei er das Übergabeprotokoll gar nicht verstehen konnte, da er noch kein Deutsch sprach. Der Anwalt aber bestand auf die Zahlungspflicht und drohte mit einer Klage. Daher sprach ich mit Herrn Lindemann, meinem Anwalt, ob er den Fall von Bujor übernehmen könne. Da sich Bujor gar nicht selbst einen Anwalt leisten konnte, beantragten wir Verfahrenskostenhilfe. Als es dann Monate später zur Gerichtsverhandlung kam, sagte mein Anwalt: „Über was verhandeln wir hier eigentlich? Selbst wenn Herr Bujor tatsächlich zur Zahlung verpflichtet wäre, könnte er ohnehin die 7.800 Euro für die Renovierung gar nicht zahlen, da er völlig mittellos ist. Mit dem wenigen Geld, das er verdient, kann er noch nicht einmal seine große Familie über Wasser halten. Den ganzen Prozess hätte man sich doch eigentlich sparen können!“ Daraufhin fragte der gegnerische Anwalt die Richterin, ob sie dies auch bestätigen könne. Sie sagte, dass sie durch die Kontoauszüge für den Prozesskostenhilfeantrag Einblick hatte in die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse und daher bestätigen könne, dass es so sei. Daraufhin besprach sich der Anwalt flüsternd mit seinem Mandanten und erklärte dann, dass Herr Janjuar unter diesen Voraussetzungen bereit sei, die Klage wieder zurückzuziehen. Bujor brauchte also nichts mehr bezahlen.

Als wir uns auf dem Flur vom Gericht die Jacken anzogen, bat mich der Vermieter, den Bujors zu übersetzen, dass er nur deshalb die Klage zurückgezogen habe, weil er die kleinen Kinder der Familie sah und sie nicht unnötig belasten wolle, da sie schon genug an Lasten zu tragen hätten. Nun bat mich Alexandrina, ihm zu sagen, dass dies doch Heuchelei sei, da er doch von Anfang an wusste, dass sie arm seien und kleine Kinder haben und trotzdem keine Skrupel hatte, sie einfach auf die Straße zu setzen. Mit aufgeregter Stimme ließ Alexandrina ihre ganze Empörung freien Lauf: „Und selbst das hat Ihnen noch nicht gereicht, sondern sie wollten auch noch so viel Geld von uns haben, obwohl sie reich genug sind, um die Wohnung auf eigene Kosten zu renovieren. Sie haben uns eingeschüchtert und vor Gericht gezerrt, aber unser Gott hat dies alles gesehen und uns beschützt. Eines Tages aber werden SIE vor Gericht gebracht und von unserem HErrn Jesus Christus verurteilt wegen all ihrer Habsucht!“ Herr Janjuar erwiderte mit ruhiger Stimme: „Lassen Sie, Herr Poppe! das brauchen Sie mir nicht übersetzen, denn ich ahne schon, was sie mir sagen will. Aber bitte sagen Sie ihr, dass auch ich an Gott glaube und zu Ihm bete, und ich bin mir auch als Muslim bewusst, dass wir alle einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.“


Christine stirbt und Marcus erlebt ein Dauertrauma

Inzwischen ging es Christine körperlich so schlecht, dass sie kaum noch etwas zu sich nahm und stark abmagerte. Geistlich aber war sie stark und tapfer in der Vorfreude, bald beim HErrn Jesus zu sein. Doch dann forderte der Pflegedienst, dass sie unbedingt bestimmte Tabletten zu sich nehmen müsse wegen der Schmerzen, aber Marcus und Christine weigerten sich, da sie diese nicht vertrug. Der Pflegedienst drohte ihnen, dass er andernfalls nicht mehr kommen würde, wenn sie weiterhin so wenig kooperieren würden. Da lächelte Christine milde, nahm die Hand der Pflegekraft, legte die Tabletten hinein und sagte: „Ich danke Ihnen für alle Hilfe bis hierher. Aber von nun an ist Ihre Aufgabe beendet, denn ich vertraue ganz auf Gottes Hilfe, dass Er mich auch ohne Ihre Tabletten mit allem versorgen wird. Ich freu mich, dass es jetzt schon bald nach Haus geht.“ Ende Juli konnte Christine jedoch nicht mehr zuhause versorgt werden, sondern wurde in ein Hospiz gebracht. Sie konnte wegen der starken Schmerzmittel nicht mehr sprechen und war die meiste Zeit in einem Dämmerzustand. Marcus lief indes völlig kopflos umher und wünschte sich, dass man sich doch auch mal um ihn kümmern möge, da er sich „wie inmitten eines Tsunamis“ befand und allen Halt verlor. Ihm war klar, dass er ohne Christine nicht mehr allein klarkommen würde im Leben. Deshalb versprach ich Marcus, dass er nach dem Tod von Christine bei uns einziehen und mit uns wohnen könne. Diese Zusage gab Marcus neue Zuversicht, obgleich er fürchtete, dass er nur auf Zeit bleiben könne, da Ruth nie ihr Einverständnis gegeben hatte, dass Marcus für immer bei uns wohnen könne. Aber auch Ruth war klar, dass wir Marcus jetzt nicht im Stich lassen konnten.

Und dann kam der 09.08.2023, als Christine in Marcus Gegenwart den letzten Atemzug machte. Es hatte den Anschein, als ob Marcus sogar ein wenig erleichtert war, dass es nun endlich vorbei war und seine Frau nicht mehr leiden müsse. Wir ließen Marcus nun ein wenig Kleidung zusammen sammeln und boten ihm Rebekkas Kinderzimmer als sein neues Zuhause an. Am Abend erklärte Ruth ihm dann, dass er sich jeden Abend waschen müsse, da sie darauf wertlegte, dass er nicht muffeln dürfe im Haus. Marcus war jedoch der Überzeugung, dass es schädlich sei, sich jeden Abend zu duschen, und er nicht diese Gewohnheit habe. Ruth aber bestand darauf, da er sich als Gast auch an die Hausordnung halten müsse. Doch in den Tagen danach stellte sich immer wieder heraus, dass Marcus sich am Ende des Abends doch nicht geduscht hatte und entsprechend nach Schweiß roch. Zudem störte es Ruth, dass er sich ständig zu ihr ins Wohnzimmer setzte, um sich mit ihr zu unterhalten, obwohl sie gerade am Studieren von tierärztlichen Fortbildungen im Internet war. Sie traute sich nicht, ihn abzuweisen, fühlte sich aber immer häufiger „incómodo“ („unbequem“). Nach etwa vier Wochen war Ruth sich sicher, dass sie es nicht mehr länger mit Marcus aushalten könne, da er aus ihrer Sicht zu „übergriffig“ sei. Sie wollte nicht dauerhaft eine Ehe zu Dritt führen, zumal sie jedes Mal achthaben musste, wenn sie abends aus dem Bad ging. Marcus solle sich doch eine andere Wohngemeinschaft suchen, wenn er nicht mehr in seinem Haus wohnen wolle. Oder er möge Gott doch bitten, dass Er ihm eine neue Gehilfin schenken möge.

Nachdem Christine beerdigt war, bot ich Marcus an, mit ihm zusammen Granitsteine im Baumarkt zu kaufen, um das Grab einzuhegen und mit Blumen zu bepflanzen. Mein Bruder Patrick, der ja Tischler war, hatte ein großes Holzkreuz gefertigt, wie er es schon für unsere Mutter tat. Als wir mit Schaufeln, Spaten und Beton-Estrich an der Grabstelle ankamen, war Marcus auf einmal wie gelähmt und sah sich außerstande, mir bei der Herstellung des Grabes zu helfen. Also schaufelte ich die Einfriedung von allein, was aufgrund des lehmigen Bodens nicht einfach war. Doch als ich die ersten Granitsteine gesetzt hatte, bat Marcus mich, sie noch einmal auszugraben und sie tiefer zu setzen. Als ich seinem Wunsch nachgekommen war, kam auf einmal ein Friedhofsgärtner vorbei und wies darauf hin, dass es strenge Vorschriften gäbe für die Grabeinfriedung und wir das nicht frei Schnauze machen dürften. Sofort bat Marcus darum, ich solle alles beenden, da er keinen Ärger bekommen wolle. Ich war jedoch nicht einverstanden und wollte meine Arbeit beenden. Da ergriff Marcus meinen Spaten und flehte mich an, nicht weiterzumachen, sondern alles wieder in den vorigen Zustand zu versetzen. Da ich aber schon zwei Stunden dabei war und mir nur noch 30 Minuten fehlten, bestand ich darauf, auch noch den Rest zu machen. Marcus geriet nun völlig in Panik und redete ununterbrochen auf mich ein, so dass es in mir langsam hochkochte. „Du kannst nur Anweisungen geben, aber rührst dabei keinen Finger krumm! Entweder Du lässt mich meine Arbeit jetzt fertig machen oder ich gehe! Dann kannst Du selbst alles wieder rückgängig machen!“ Marcus aber versuchte, mit aller Redekunst mich zum Rückbau zu überreden, so dass mir am Ende der Kragen platzte und ich den Ort verließ. Marcus rief mir hinterher, dann rannte er mir nach und flehte mich an, zurückzukommen. Wir einigten uns schließlich, dass ich die Arbeit zu Ende bringen dürfe, wenn ich im Falle einer behördlichen Kritik bereit sei, alles wieder zurückzubauen.

So oft ich mich in den folgenden Wochen und Monaten auch immer wieder mit Marcus stritt, so hängte er sich doch wie eine Klette an mich. Ich erklärte ihm, dass ich nicht seine Ersatz-Ehefrau sein könne, ihm aber gerne behilflich sein würde, um eine neue Glaubensschwester zu finden. Marcus aber war sich sicher, dass keine Frau bereit wäre, ihn in diesem Zustand zu nehmen – und wenn, dann vielleicht nur aus Mitleid, was nicht von Dauer wäre. Er komme sozusagen „gerade aus dem Gazastreifen“ und sei schwerst verwundet an Seele und Geist. Er frage sich, warum Gott überhaupt zugelassen habe, dass er ausgerechnet in jener Zeit, als Christine ihn am meisten gebraucht habe, nicht für sie da sein konnte, sondern psychotisch wurde. Er fragte sich grundsätzlich, ob er überhaupt wiedergeboren sei, da Gott ihm nicht antworte und er Gott überhaupt nicht mehr spüre. Vielleicht habe Gott ihn verworfen, ohne dass er es bemerkt hatte und werde am Ende als törichte Jungfrau von der Entrückung ausgeschlossen. Ich sagte, dass ich auch schon den Eindruck hatte, als ob seine Lampe am Erlöschen sei und er kein Reserveöl mitgenommen habe (Matth.25:1-13). „Simon, Du bist wirklich ein schlechter Seelsorger, denn anstatt mich aufzurichten, bestätigst Du mich noch in meinen schlimmsten Befürchtungen…“. „Aber es stimmt doch, und Du sagst es doch selbst, dass Gott gar nicht mehr zu Dir redet – so wie damals bei Saul (1.Sam.28:6).“ – „Hör auf, Simon! Du hast wirklich die Sensibilität eines Rindviehs. Ich brauche Milde und Verständnis, aber Deine Worte sind wie Tritte in die Magenkuhle.“ – „Aber ich meine es nicht böse, sondern glaube, dass Gott gerade jetzt zu Dir reden möchte und dazu harte Maßnahmen ergreifen musste, weil Du so stur bist und Ihn nicht anders verstehst. Gott will z.B. nicht, dass Du allein bist, sondern Er will Dir eine Gehilfin schenken so wie Christine, dann würdest Du diesen Verlust gar nicht mehr so stark empfinden.“ – „Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass ich unmöglich in diesem Zustand neu heiraten kann. Christine ist noch nicht einmal einen Monat unter der Erde, und Du redest schon von einer neuen Frau! Es wäre ein Verbrechen, wenn ich jetzt eine Frau dazu verleiten würde, mich zu heiraten, weil ich ihr unmöglich ein Haupt sein könnte. Das hat keine Frau verdient!“ – „Ich sehe es genau andersherum: Würdest Du jetzt heiraten, wärest Du auf einen Schlag wieder gesund. Außerdem wäre eine Schwester, die Dich nicht im Zustand äußerster Schwäche so nehmen würde wie Du bist, Deiner unwürdig.“


Keine Toleranz mit den Intoleranten?

Ende August wurde in Bremen wieder der Christopher-Street-Day veranstaltet, bei dem sich 15.000 Schwule und Lesben in Bremen trafen, um für mehr Toleranz und Verständnis zu werben. David und ich hatten uns zu diesem Anlass wieder in der Innenstadt verabredet, um die Verlorenen und Dürstigen einzuladen. Zu diesem Zweck hatte ich ein neues Schild gemacht mit der Aufschrift: „Jesus macht frei und glücklich.“ Damit die Demonstranten nicht wieder mein Schild mit Aufklebern verhunzen konnten, brachte ich diesmal lange Eisenstangen daran, so dass ich es über 3 m in die Luft halten konnte, damit sie es nicht mehr erreichen konnten. Wie beim letzten Mal ernteten wir wieder aggressiven Hohn und Verachtung von den Gleichgeschlechtlichen, obwohl ich ihnen doch eine gute Nachricht überbringen konnte. Sie fauchten mich wutschnaubend an und nutzten jede Gelegenheit, um mir das Schild aus der Hand zu reißen oder es mit Regenschirmen zu verhüllen. Trotzdem gab es auch diesmal wieder Gelegenheit, mit einzelnen Personen friedlich über den Glauben zu sprechen. Allerdings war es so laut, dass ich den Lärm kaum durch lautes Reden übertönen und mich nicht auf die Gespräche konzentrieren konnte. David rief wieder mutig und tapfer zur Umkehr auf und blies zwischendurch in sein Schophar-Horn.

An genau der gleichen Stelle wie im Vorjahr geriet unsere Werbung für den Glauben wieder zu einer Eskalation. Schon wieder musste die Polizei Verstärkung rufen, weil uns die Demonstranten eingekesselt hatten und aggressiv auf uns einschrien. Im Nu waren plötzlich etwa zehn weitere Polizisten gekommen, aber statt uns zu schützen, machten sie kurzen Prozess mit uns und führten uns ab ohne Diskussion. Meine Frage, warum sie uns mitnahmen, blieb zunächst unbeantwortet. Erst in etwa 20 Meter Entfernung forderten sie unsere Papiere und teilten uns mit, dass gegen uns eine Strafanzeige gestellt wurde. Ich fragte: „Wegen was?“ aber die Polizisten wussten es zunächst selbst nicht, sondern telefonierten mit ihrem Vorgesetzten. Dann kam die Antwort: „Wegen unerlaubter Versammlung!“ Obwohl mir klar war, dass dies nur ein fadenscheiniger Vorwand war, um uns als Störer von der Demo fernzuhalten, wies ich die Beamten darauf hin, dass wir keine Versammlung sind, sondern jeder von uns lediglich ein Evangelist, wofür es keine Erlaubnis benötige. Gegen die sog. „Klimakleber“ unternimmt die Bremer Polizei nichts, wenn sie mitten im Berufsverkehr die Hochbrücke am Breitenweg für zwei Stunden versperren, weil sie lapidar eine angeblich spontane Versammlung angemeldet hatten. Aber gegen uns friedliche Christen, die einfach nur am Straßenrand missionieren, wenden sie sofort Gewalt an!

Paulus ließ sich das Unrecht, als Römer misshandelt zu werden, nicht gefallen, sondern forderte eine rechtliche Klärung. Und so wollte auch ich wissen, wie der Veranstalter vom Christopher-Street-Day es eigentlich vereinbaren kann, dass sie auf der einen Seite für sich Toleranz und Sichtbarkeit einfordern kann, wenn sie auf der anderen Seite andere Minderheiten wie mich als Christen schmähen und disqualifizieren wollen, wo ich doch in einer angeblich offenen Gesellschaft die gleichen Rechte wie sie für mich beanspruchen kann wie sie. Der Pressesprecher vom CSD, ein gewisser Jerome, war zunächst freundlich und bedauerte die aggressiven Attacken gegen uns, nachdem ich ihm versichert hatte, dass von uns keinerlei Anfeindung gegen die Homosexuellen ausging, sondern wir absolut friedlich und wohlwollend ihnen gegenüber verhielten. Als ich ihm jedoch erzählte, dass wir zur Martinigemeinde von Olaf Latzel gehen, änderte sich seine gute Laune schlagartig, und er kam mit Stereotypen wie „homophob“ und einer strukturellen Homofeindlichkeit, die angeblich schon viele Opfer verursacht habe. Ich entgegnete ihm, dass wir Christen grundsätzlich alle Menschen lieben, selbst jene, die uns anfeinden, aber dass wir aufgrund des Wortes Gottes nicht alle Handlungen der Menschen gutheißen können, wenn sie für Gott ein Gräuel sind. Daraufhin wiederholte Jerome im scharfen Ton, dass man „keine Toleranz den Intoleranten“ gegenüber haben dürfe. „Aber es gibt nicht eine gute und eine schlechte Intoleranz, sondern wenn Du intolerant gegenüber Leuten wie mir bist, dann verurteilst Du Dich damit selbst, weil Du das gleiche tust wie ich,“ erklärte ich ihm, „denn Du misst sonst mit zweierlei Maß.“ – „Nein, da irrst Du Dich!“ keifte er mich an, „denn Du lehnst mich ab wegen einer genetischen Veranlagung, für die ich nichts kann. Ich aber werfe Dir eine Intoleranz vor, für die Du sehr wohl etwas kannst, denn Du kannst Dich ja auch dafür entscheiden, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Aber das tust Du nicht!“ – „Doch, ich toleriere Dich doch und lehne Dich auch nicht ab. Aber ich toleriere nicht Dein Tun, weil es Sünde ist. Und ich bin von der Bibel her verpflichtet, Dich darauf hinzuweisen und Dich vor den Konsequenzen zu warnen.“ Wir diskutierten über eine Stunde lang miteinander in sehr erhitztem Ton, aber es führte am Ende zu nichts.

 

Was willst Du in diesem Senioren-Club?“

Schon seit langem hatten Bruder David und ich überlegt, ob wir uns nicht mal eine neue Gemeinde suchen sollten, da uns die Ev.-luth.-Martinikirche von Olaf Latzel nicht mehr gefiel. Wir hatten zwar unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen von einer guten Gemeinde, doch waren der gleichen Meinung, dass man in einer lutherischen Kirche zum passiven Zuschauer degradiert wird, anstatt ein aktiver Mitarbeiter zu sein. So verabredeten wir uns, um an mehreren Sonntagen in verschiedene Gemeinden zu gehen, um uns die geeignetste auszusuchen. Eine Russlanddeutsche Gemeinde in Bremen-Nord gefiel uns z.B. ganz gut – außer das gemeinsame Gebet, weil es nicht „einmütig“ war (Apg.1:14, 4:24), sondern jeder für sich in einem ohrenbetäubenden, babylonischen Sprachgewirr unharmonisch durcheinanderredete, so dass man sich noch nicht mal auf sein eigenes Wort verstand. Mich wunderte, dass diese Geschwister nicht schon längst selbst bemerkt haben, dass diese chaotische Kakophonie doch eigentlich ziemlich ungeistlich ist. Aber uns war klar, dass sie dies wohl kaum ändern würden, da sie sich daran gewöhnt hatten. Aber jedes Mal diesen Lärm zu ertragen, wollten wir letztlich auch nicht.

Als nächstes gingen wir in eine Freie Brüdergemeinde in der Vahr, und zwar jene, in die ich schon 30 Jahre zuvor mit Ruth ging, als es noch eine Exklusive Brüdergemeinde war. 1993 waren es noch etwa 150 Geschwister, die sich dort versammelten. Aber nach einer Aufspaltung im Jahr 2000 verließen die echten Exklusiven die anderen, die ihnen zu liberal waren und versammelten sich im Industriegebiet Haferwende. Die Liberaleren blieben zurück, wobei die Jungen später ebenso gingen in modernere Gemeinden und die Alten zurückließen. So waren David und ich ziemlich überrascht, in dem großen Gemeinderaum nur noch etwa 15 alte Geschwister zu finden, die in einem halben Stuhlkreis um das Rednerpult saßen. Das Durchschnittsalter war 75 J., der älteste Bruder schon 88 J. und die meisten gehörten schon seit über 50 Jahren dieser Gemeinde an. Irgendwie hatte man den Eindruck, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Tatsächlich vertraute mir später eine Schwester an, dass sie gerade eine Woche zuvor erwogen hatten, die Gemeinde zu schließen und sich aufs Altenteil zurückzuziehen. „Allerdings kann es gut sein, dass wir jetzt, wo Ihr beide vielleicht zu uns stoßen wollt, dass wir doch noch erstmal weitermachen werden…“ Über diese kompromittierende Andeutung war ich etwas verwundert. Sollte es denn tatsächlich am Ende an David und mir liegen, ob die Gemeinde ihren Dienst fortführt? „Und was wird aus den Geschwistern und dem Gemeindehaus, wenn Ihr die Gemeinde beenden wollt?“ – „Die meisten gehen dann in andere Freikirchen und verbringen dort ihren Lebensabend. Und das Gebäude würden wir dann verkaufen.“ – Irgendwie fand ich diesen Ausblick ziemlich bedrückend und traurig. Bisher wusste ich nur, wie man eine Gemeinde gründet, hatte aber noch nie gehört, dass Gemeinden auch sterben können.

Ich beschloss, nicht weiter zu suchen, sondern hier zu bleiben, um den alten Geschwistern beizustehen. Für David war diese Gemeinde jedoch zu trostlos und nichts für seine junge Familie. Auch Marcus, der am darauffolgenden Sonntag mal mitkam, fragte mich: „Was willst Du in diesem Senioren-Club? Das ist ja schon beinahe so, als würdest Du auf einen Friedhof gehen.“ – „Der HErr vermag Tote wieder lebendig zu machen.“ entgegnete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie weit ich dazu irgendwie beitragen könnte. War es nicht vermessen, überhaupt so zu denken? Wer war ich schon?! Und doch – vielleicht hatte der HErr hier etwas vor, für das Er mich gebrauchen wollte. Immerhin erlaubten mir die beiden Vorsteher Bernd und Rolf, dass ich auch predigen dürfe, und das war mir schon wichtig. Und auch anders herum konnte ich vielleicht von der Lebensweisheit der alten Geschwister profitieren. Rehabeam machte ja den Fehler, dass er sich lieber mit den Jungen und Gleichaltrigen beraten wollte, anstatt auf die Alten zu hören (1.Kön.12:8). Vor allem musste ich immer noch lernen, nicht nach hohen Dingen zu trachten, sondern mich zu den niedrigen zu halten (Röm.12:16).

Der Gottesdienst in dieser Brüdergemeinde folgte tatsächlich einem stark ritualisierten Ablauf: Es waren immer nur dieselben beiden Brüder, die die Moderation machten nach immergleichen, starren Vorgaben, die nie hinterfragt wurden. Statt eines spontanen gemeinschaftlichen Gebets, an dem sich alle beteiligten, betete immer nur diese beiden Brüder Rolf und Bernd, und das sogar nach immer den gleichen Formulierungen und Gebetsanliegen. Das Abendmahl wurde immer nach dem gleichen Zeremoniell von Bruder Dietmar ausgeführt und ähnelte dadurch dem Opferritus eines Priesters im Alten Testament. Ein spontanes Zeugnis oder das Vortragen eines Gedichts wurde durch die starren, festgelegten Formen sofort im Keim erstickt. Formtreue stand über Wahrhaftigkeit. Die Einmütigkeit wurde mit Gleichförmigkeit verwechselt und die Ordnung mit geistlicher Lebendigkeit. Es war eigentlich weniger ein Gottesdienst als eine liturgische Fossilienpflege in einem Museum. Man pflegte die Erinnerung an eine alte Zeit, die lange schon vorbei war. Selbst der Heilige Geist sollte sich hier streng ans Protokoll halten, wenn Er überhaupt noch eingeladen war. Eigentlich hätte man sich den Besuch auch sparen können, denn Sonntag für Sonntag lief immer genau gleich ab. Von Erbauung und einem inneren Wachstum konnte gar keine Rede sein. Die alten Brüder verhielten sich wie in der Wartelounge eines Flughafens und versuchten, sich bis zu ihrem Abflug noch ein wenig die Zeit zu vertreiben durch den starren Blick auf eine Dauerwerbesendung auf dem Bildschirm mit ständigen Wiederholungen. Obwohl ihr Flug auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben wurde, lohnte es sich nicht mehr für sie, den Flughafen zu verlassen, um ihre Zeit noch irgendwie sinnvoll zu nutzen. Sie waren einfach schon zu müde und gelähmt dafür vom vielen Warten.

Eine meiner ersten Predigten handelte von der geistlichen Lähmung. Ich las mit den Geschwistern aus Haggai 1:2-8 „Dieses Volk sagt: ‚Die Zeit ist noch nicht gekommen, das Haus des HErrn zu bauen‘. … ‚Ist es etwa für euch selber an der Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus verödet daliegt? Und nun, so spricht der HErr der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege! Ihr habt viel gesät, aber wenig eingebracht; … Steigt hinauf ins Gebirge und bringt Holz herbei und baut das Haus! Dann werde ich Gefallen daran haben und mich verherrlichen, spricht der HErr. Ihr habt nach vielem ausgeschaut, und siehe, es wurde wenig. Und brachtet ihr es heim, so blies ich hinein. Weshalb das?, spricht der HErr der Heerscharen. Wegen meines Hauses, das verödet daliegt, während ihr lauft, jeder für sein eigenes Haus.“ Sicherlich hatte nicht jeder Bruder die Begabung zum Evangelisieren. Aber gerade alte Geschwister konnten im Gebet hinter den Evangelisten stehen, so wie Simeon und Anna als alte Gläubige ihre Aufgabe im Tempel Gottes sahen. Daher bot ich mich an, für die Gemeinde einen regelmäßigen Büchertisch vorzuhalten, um die Leute in die Gemeinde einzuladen, damit sie sich bekehren. Rolf fand das eine gute Idee: „Wir hatten früher schon mal einen Büchertisch und aus jener Zeit auch noch viele Kartons mit Traktaten. Ich wäre sehr froh, wenn diese endlich unters Volk kämen.“

Bruder Michael (75), ein ehemaliger Physiklehrer, erklärte sich bereit, diesen Dienst mit mir zu tun. Ich besorgte zwei Tapeziertische und meine evangelistischen Schilder, während Michael eine Kiste mit Verschenk-Taschenbüchern über die Evolutionstheorie mitbrachte, die er jedes Mal auf einem der Tische auslegte. Eines meiner Schilder gefiel ihm jedoch nicht, weil es kein Bibelvers war: „‘Jesus macht frei und glücklich‘ – das ist ein falsches Evangelium, denn es verkürzt die Botschaft Jesu auf einen Teilaspekt, weil das Gericht verschwiegen wird.“ – „Aber wir wollen die Leute doch einladen und nicht einschüchtern. Macht der HErr etwa nicht frei von Sünde und dadurch glücklich?“ – „Ja, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn man nicht auch die Leute vor der Hölle warnt, ist das nur Wischiwaschi und ein Friede-Freude-Eierkuchen-Evangelium.“ – „Aber auf dem anderen Schild steht: ‚Ändert euer Denken, denn das Reich Gottes ist nahe gekommen!‘ – Dadurch ist die Botschaft insgesamt vollständig.“

Damit die Leute auch bereit sind, in unsere Gemeinde zu kommen, stellten wir den Tisch vorm Einkaufszentrum Berliner Freiheit auf, wo es überdurchschnittlich viele Ausländer gibt. Immer wieder hatten wir Gespräche mit Muslimen, die ihren Islam rechtfertigen wollten. Obwohl Marcus eigentlich vorerst nicht mehr missionieren wollte (da er ja inzwischen keine Heilsgewissheit mehr hatte), kam er immer wieder mit als Begleiter und Zuschauer. Doch nach zwei Monaten sah es zunächst so aus, als ob die ganzen Einsätze umsonst waren, da kein einziger Fisch anbiss. An einem Sonntag kam aber auf einmal eine kleine Dame in unsere Gemeinde, die ganz in der Nähe wohnte und mal neugierig war. Ingrid war Buddhistin und alleinlebend. Sie wollte den christlichen Glauben näher kennenlernen, vor allem aber deshalb, um ihn in ihr synkretistisch-esoterisches Weltbild zu integrieren. Nach mehreren Gesprächen nach dem Gottesdienst lud ich sie zu unseren Hauskreis ein. Der HErr schenkte Gnade und Ingrid bekehrte sich dann, nachdem ihr durch das Abendmahl auf einmal klar wurde, warum der HErr Jesus für unsere Sünden sterben musste. Da sie früher in der Krankenpflege gearbeitet hatte, verstand sie sich gut mit meiner Schwester Diana.


Oktober bis Dezember 2023

Exorzismus-Versuche

An einem Tag schrieb mich ein Christ aus Husum an, der um seelsorgerliche Hilfe bat. Martin (45) war nach eigener Aussage dämonisch besessen und leide schon seit Jahren unter dämonischen Angriffen, die sich durch lästerliche Gedanken und Worte äußerten. Er sagte, dass er schon bei ganz vielen Predigern war, die aber alle nicht bereit waren, ihm die Dämonen auszutreiben. Da ich selbst auch keine Erfahrung mit Exorzismus hatte, war ich zunächst etwas ratlos, wollte ihn aber nicht hängen lassen, sondern lud ihn zu mir nach Bremen ein. Am Sonntag gingen wir dann zusammen in die Brüdergemeinde, und ich erklärte den Brüdern dort nach dem Gottesdienst unser Anliegen. Ich schlug vor, ob wir nicht einfach zusammen unter Gebet und Flehen mit Gottes Hilfe die Dämonen austreiben könnten. „Wenn Du das willst, dann mach es“ sagte Bernd verlegen. Wir gingen in den Keller und beteten gemeinsam für Martin. Dann nahm ich eine Bibel und rief laut: „Im Namen des HERRN JESUS CHRISTUS fahre von ihm aus, du unreiner Geist!“ Auf einmal machte Martin unheimliche Grunz-Geräusche. Ich wiederholte den Satz noch ein weiteres Mal. Da kam eine Stimme aus Martin, die mich anbrüllte: „HALT DIE FRESSE!“ In dem Moment hatte ich den Eindruck, dass ich besser nicht weitermachen sollte, da mir die Erfahrung mit Dämonen fehlte.

Wir verabschiedeten uns von den Brüdern und stiegen ins Auto. Martin war sehr enttäuscht, da es für ihn sozusagen die letzte Hoffnung war. Er berichtete mir, dass er in seiner Verzweiflung sogar schon mal zu einem Voodoo-Priester gegangen sei, um durch Orakelmethoden Kontakt mit seinen Geistern aufzunehmen und Reinigungsrituale durchzuführen. Für diese „Behandlung“ verlangte er von ihm 10.000,- Euro, weshalb er einen Kredit aufnahm, den er bis heute abbezahlen müsse. Geholfen habe der faule Zauber ihm am Ende nicht, sondern er hatte den Eindruck, dass es sogar schlimmer mit ihm geworden sei. „Wie konntest Du nur so töricht sein! Du hast durch diese Gräuelsünde wahrscheinlich jetzt erst recht Dämonen aufgenommen, die Dich so schnell nicht verlassen werden. Du musst darüber Buße tun und den HErrn um Vergebung bitten, damit Er Dir noch einmal gnädig sei. Das ist das Mindeste.“ – „Das hab ich doch alles schon viele Male. Aber was soll ich denn sonst noch tun. Mehr geht doch schon gar nicht mehr!“ – „Grundsätzlich weichen die Dämonen, wenn wir beten und Gott um Vergebung und Gnade anflehen. Aber Gott schaut auf das Herz, ob es wirklich demütig und zerbrochen ist. Wenn Du wirklich Deine Taten aufrichtig bereust, dann wird der HErr Dich befreien, denn dazu ist er gekommen. Ich kenne eine schwarzafrikanische Gemeinde hier in Bremen, die Exorzismus praktiziert. Wenn Du willst, kann ich Dich dorthin fahren, denn ihre Gottesdienste ziehen sich über Mittag hinweg.“ – „Ja, bitte, Simon.“

Ich fuhr mit Martin ins Bahnhofsviertel, wo es in der Findorffstraße eine englischsprachige Gemeinde gab, deren Predigten man aufgrund der Lautstärke schon von der Straße aus hören konnte. Wir gingen in die Chapel hinein und setzten uns ganz hinten hin, um der Predigt zu lauschen. Es ging um Kindererziehung, und der schwarze Prediger hatte etwas an einem Whiteboard gezeichnet, dass er der Gemeinde erklärte. Als dann der Gottesdienst mit ähnlich temperamentvollem Gebet und Lobgesang endete, wurde mir erst bewusst, dass es sich um eine Pfingstgemeinde handelte, – was mir ein etwas mulmiges Gefühl gab, dass Martin vielleicht auch jetzt wieder eine Enttäuschung erleben könnte und vom Regen in die Traufe komme. Dennoch vertraute ich auf die Zusage Gottes, dass wir im Namen Jesu die Dämonen austreiben können und Er Seine Gnadengaben nicht bereut (Mark.16:17, Röm.11:29). Wenn Martin heute von unreinen Geistern befreit wird, dann entspricht dies dem Willen Gottes in Jes.58:6.

Wir gingen nach vorne, und ich fragte den Pastor, ob er dem Martin die Dämonen austreiben könne. Er nickte und bat die Gemeinde, ihn dabei durch Gebet und Flehen zu unterstützen. Dann fragte er Martin, ob er Heilsgewissheit habe, was dieser verneinte. „Do you want to receive Jesus in your life and confess your sins?“ ich übersetzte es und Martin willigte vorsichtshalber ein. Ich konnte mir das nur so erklären, dass Martin so verzweifelt war, dass er lieber all seinen bisherigen Glauben für nichtig erklärte in der Hoffnung, noch einmal ganz von vorne anfangen zu dürfen, indem er seinen Glauben auf Werkseinstellung zurückstellen ließ. Und dann ging der Exorzismus los, indem der Prediger zusammen mit einem Assistenten laut und unmissverständlich die Dämonen aufforderte im Namen des HErrn Jesus den Martin zu verlassen. Wieder ertönte dieses unheimlich blubbernde Lippenflattern von Martin, das sich wie ein stöhnendes Grunzen anhörte. Doch statt dass Martin benommen zu Boden sank und man das Verschwinden der Geister spürte, blubberte Martin in einer Tour, so dass die beiden Schwarzen ihr Beschwören der Dämonen unzählige Male fortsetzten. Martin machte einen verzweifelten Blick, als würde man seinen Kopf immer wieder unter Wasser drücken, so dass er kaum noch Luft kriegte. Ich machte mir nun ehrlich Sorgen um Martin und fragte mich, ob ich ihn da irgendwie herausholen müsste. Ich versuchte, seinen Blick mit dem meinigen zu erreichen und ihm zu signalisieren, dass ich das abbrechen könne, wenn er wolle. Immer und immer wieder brüllte der Prediger ihn an. Ich dachte: Die bringen ihn noch um!

Ich ging dann auf Toilette, um in Ruhe zu beten und Gott zu bitten, dass Er doch eingreifen möge, um den Martin zu retten. Dann ging ich wieder in den Gemeinderaum hinein, wo die ganze Gemeinde inständig für die Befreiung von Martin betete. Inzwischen waren die beiden Männer schweißgebadet, als würden sie direkt einen Ringkampf mit den Dämonen machen. Die Stimme des Predigers musste schon richtig heiser sein bei all dieser Schreierei. Nach etwa einer Stunde gaben die Brüder erschöpft auf. Sofort ging ich zu Martin und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Überraschenderweise jammerte Martin nicht, sondern erklärte, dass ihm der Exorzismus schon sehr geholfen habe, da ihn einige Dämonen auf jeden Fall verlassen hätten. „Ich spüre eine deutliche Erleichterung.“ Auch die Brüder bestätigten einen Teilerfolg, erklärten aber dann, dass seine Dämonen sehr hartnäckig seien und es deshalb eines noch erfahreneren Exorzisten bedürfe, dessen Namen sie mir dann aufschrieben mit Telefonnummer. Ich fand das alles doch mehr als lächerlich, denn in der Bibel wurden die Dämonen immer vollständig und auf einen Schlag ausgetrieben. Dieser pseudofromme Budenzauber überzeugte mich nicht. Ich konnte mir vorstellen, dass es hier um einen Psychodruck handelt, durch den eine Austreibung nur suggeriert wird.

Als wir wieder im Auto saßen, erzählte ich Martin von meinem Eindruck: „Wenn Gott Dich hätte befreien wollen, dann hätte Er es schon getan.“ – „Willst Du damit sagen, dass Er mich nicht mehr befreien will?“ – „Nein, sondern dass Er Dich aus bestimmten Gründen noch nicht befreien kann bzw. will, weil Du die Voraussetzungen noch nicht erbracht hast. Du redest häufig mit sehr viel Trotz, anstatt demütig zu sein…“ – „Wer kann mir das verdenken – nach all den Jahren des Leidens!“ – „Mag sein. Aber das ist nicht das zerbrochene Herz und der zerschlagene Geist, der Gott wohlgefällig ist. Der Räuber am Kreuz sagte, dass er die Strafe verdiene wegen seiner vielen Sünden. Von Dir habe ich aber noch keine echte Reue vernommen, sondern Du nimmst es als selbstverständlich, dass Gott Dir helfen muss, als sei es ein Anspruch, den Du hättest.“ – „Ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe. Aber ich bin einfach tief enttäuscht, dass mich die Gläubigen bisher alle nur enttäuscht haben und keiner mir helfen will oder kann. Ich gebe aber nicht auf. Sag mal, hier in Bremen gibt es doch den Pastor Olaf Latzel. Kannst Du den nicht mal anrufen und ihn fragen, ob er mir die Dämonen austreibt?“ – „Du hörst Dich an wie Balak, der König von Moab, der den Bileam immer wieder zu einem anderen Ort führte, um Israel von dort aus zu verwünschen. Wenn Gott Dich noch nicht heilen will, dann wirst Du auch an keinem anderen Ort Erfolg haben, sondern solltest es demütig aus Gottes Hand annehmen.“ – „Ja, aber bitte gib mir noch diese Chance und bitte Bruder Latzel um einen Termin. Bitte, bitte!“ – Ich tat ihm den Gefallen und fragte Olaf. Er antwortete, dass das nicht von heute auf morgen möglich sei, sondern Martin erst einmal einen Termin im Sekretariat der Gemeinde machen solle. Außerdem sei es auch nicht mit einer einzigen Sitzung getan, sondern würde sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Ich fand das sehr merkwürdig und auch unpraktisch, da Martin ja in Husum wohnte. Martin aber war einverstanden und verabredete sich mit Olaf. Später erfuhr ich, dass auch das alles nichts gebracht hatte und er noch immer nicht frei sei von seinen Dämonen.


Das Gericht fängt am Hause Gottes an

Anfang Oktober erhielt ich von Bruder Norbert Homuth (77) aus Fürth mal wieder seine neueste Ausgabe der „Glaubensnachrichten“, die er inzwischen schon seit 50 Jahren herausgab. Sein Leitartikel war wie gewohnt provokant: „Rauchende Prediger“. Es ging darin nicht nur um Prediger wie Wilhelm Busch oder C.H. Spurgeon, sondern auch um Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 – 1760), den Homuth schon oft scharf kritisiert hatte wegen dessen Schwärmerei. Jetzt aber unterstellte er ihm, dass dieser treue Gottesmann angeblich ein Raucher war, obwohl es dafür nicht einen Beweis gab. Um seine These zu belegen, zeigte er eine Zigarrenwerbung aus dem 19.Jh. von einer Fa. Dürninger aus Herrnhut, die mit dem Porträt von Zinzendorf warb. Unter dem Bild hatte Homuth geschrieben: „Zinzendorf finanzierte sein Werk großenteils mit Tabakhandel…“ Diese Behauptung – wie auch weitere in diesem Artikel – war frei erfunden und diente allein der Verleumdung und Rufschädigung. Obwohl Norbert und ich uns schon seit 37 Jahren kannten und er für seine provokante Ausdrucksweise und seine reißerischen Artikel eine gewisse Beliebtheit genoss bei den Gläubigen in Deutschland, hatte er in den letzten Jahren nicht nur immer häufiger Rufmord verübt, sondern verbreitete auch immer öfter gefühlte Wahrheiten (Fake-News), da er sich nicht die Mühe machte, erst einmal gründlich zu recherchieren im Internet, das er ohnehin ablehnte. Er schrieb das, was seine inzwischen betagte Leserschaft gerne lesen wollte, nämlich Skandale innerhalb der deutschen Christenheit, um sich dadurch selbst als gerechter zu sehen.

Obwohl ich Bruder Norbert schon öfters zurechtwies und ihm Fehler in seiner Berichterstattung nachwies (z.B. über Corona, die Babytaufe oder das Malzeichen), reagierte Norbert keineswegs gekränkt, sondern ganz im Gegenteil schickte er mir sogar öfters Spenden wegen meiner regelmäßigen Rundbriefe und Biographie-Episoden, die er nach eigenem Bekunden „jedes Mal in eins durchlas“. Er fühlte sich mit mir aufs Engste verbunden, teilte aber in Vielem nicht meine Meinung. Seine Spenden hatten dadurch etwas Kompromittierendes, so als wollte er mich bestechen, damit ich ihn künftig nicht mehr ständig so kritisierte. Um diesem Verdacht keinen Raum zu geben, ließ ich mich nicht beirren, sondern übte auch diesmal wieder Kritik an seiner Zinzendorf-Verleumdung, indem ich von ihm Nachweise erbat für seine Behauptungen. Eine Antwort erhielt ich aber diesmal nicht, und es sollte auch die letzte Ausgabe der Glaubensnachrichten gewesen sein, denn Norbert starb Ende Oktober, wie ich von einem Bruder erfuhr (sein schon vor zehn Jahren behandelter Krebs war zurückgekehrt und hatte neue Metastasen gebildet). Gab es einen Zusammenhang zwischen seinem verleumderischen Artikel und seinem Tod im Sinne von Spr.29:1? Oder war es bloß seinem Alter geschuldet? Auffällig ist, dass im Jahr 2023 ungewöhnlich viele Gläubige, die ich kannte, heimgeholt wurden. Manche hatten ja schon ihr Alter erreicht wie etwa der OM-Gründer George Verwer oder Uwe Holmer, der 1990 die Honeckers bei sich aufnahm. Aber wenn ein Christ vor der Zeit stirbt, hat es nicht selten etwas mit Gericht zu tun (s. 1.Kor.11:30).

Anfang November klingelte es bei mir an der Tür. Es war ein Russlanddeutscher Glaubensbruder namens Eugen, der gerade Traktate verteilte und auf das Schild an meinem Haus aufmerksam wurde: „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Zu meiner Überraschung wohnte Eugen nur 200 m von meinem Haus entfernt. „Wie kommt es, dass Dir mein Haus bisher nie aufgefallen ist?“ – „Tatsächlich hatte ich bisher keine Veranlassung, bei Dir vorbeizugehen.“ Eugen (50) lebte allein, arbeitete bei Mercedes, spielte Gitarre, ging aber in keine Gemeinde. Ich lud ihn ein zu unserem Hauskreis und er sagte sofort zu. Zu jener Zeit stieß auch ein gewisser Andreas zu uns, den die Lotte an einem Tag mitbrachte. An einem Abend teilte uns David mit, dass er nicht mehr an die Allversöhnung glaube. Für mich war dies absolut kein Problem, und ich ahnte schon den Grund, da er regelmäßig Freitag abends ab 20:00 Uhr mit der Werde-Licht-Mission am Hauptbahnhof evangelisierte und sie es ihm nicht erlaubt hätten, wenn er nicht der Allversöhnung abgeschworen hätte. Doch dann passierte im Dezember etwas Merkwürdiges: Seit zwei Wochen war David schon gar nicht mehr zum Hauskreis gekommen. Aber dann kam auch Lotte nicht mehr, auch nicht mehr Eugen und Andreas, so dass ich mit Marcus und Ruth allein im Wohnzimmer saß. Ich schrieb David eine Nachricht, und er antwortete mir, dass er den Abend mal mit seiner Frau Geraldín verbringen wolle. Dann fragte ich Lotte, und sie schrieb mir, dass Andreas sie und David zu seinem eigenen Hauskreis eingeladen hatte bei sich im Haus, der zeitlich genauso wie bei uns um 18:00 Uhr stattfand.

Auch eine Woche später kam keiner mehr, so dass ich mir Sorgen machte. Ich fragte in unserer What´s-App-Gruppe, was denn los sei. Lotte war die einzige, die mir antwortete. Sie machte mir viele Vorwürfe, dass ich für sie kein Vorbild mehr sei, weil ich zwar auf der einen Seite immer wieder meine Vorsätze mitgeteilt habe, z.B. auf WhatsApp und YouTube zu verzichten, sowie auch mein Interesse an der Politik aufzugeben, aber am Ende doch immer wieder rückfällig werde und inkonsequent sei. Ich räumte Lotte gegenüber meine Schwachheit ein und bat sie um Vergebung. Für mich war dies aber kein Grund, mir die Gemeinschaft aufzukündigen, zumal ich nie behauptet hatte, ein fehlerloser Christ zu sein. Lotte sah es jedoch so, dass ich noch in Sünde leben würde und sie deshalb keine Gemeinschaft mit mir haben könne. Scheinbar sahen das die anderen Geschwister ähnlich, auch wenn sie mir nie ihre Gründe sagten. Auch meine Schwester Diana wollte in Zukunft nicht mehr kommen, aber sie hatte einen verständlichen Grund: Ihr Ehemann Axel hatte sich vor ein paar Wochen aufgemacht und Gott gesucht, nachdem er sich an seinem Arbeitsplatz, der Bremer Tafel, mit ukrainischen Pfingstlern unterhielt, die ihn in ihre Gemeinde eingeladen hatten. Dort erfuhr er seitdem so viel Liebe und Zuwendung, dass dies quasi seine neue Familie wurde. Er fing jetzt auch an, regelmäßig in der Bibel zu lesen, was er früher nie tat. Diana wollte ihn von nun an auf diesem Weg begleiten und mitgehen in seine Gemeinde.

Von einem Moment zum anderen hatte also der gesamte Hauskreis sich aufgelöst. Das war sehr bitter, denn wir trafen uns ja seit fast zwei Jahren jede Woche, und jetzt verabschiedeten sie sich noch nicht einmal von mir. Allerdings tröstete der HErr mich genau zu jener Zeit durch ein Ehepaar, das ich in der Brüdergemeinde kennengelernt hatte. Sascha und Tatjana waren schon ein paar Mal gekommen, aber an einem Sonntag nach einer Predigt, die ich gehalten hatte, kam Sascha auf mich zu und sagte, dass er mal im Internet nach mir gegoogelt hatte und auf meine Hörbuch-Biographie gestoßen sei. Er habe schon mehrere Episoden mit seiner Frau gehört und fand die sehr interessant. Daraufhin lud ich ihn ein, zu uns nach Hause zu kommen zur Bibelstunde. Die beiden kamen, und von dem Tag an freundeten wir uns an. Sascha arbeitete in der Computerbranche und wollte Tatjana im Frühjahr heiraten. Sie fragten mich auch, ob ich sie taufen könnte, was ich sehr gerne tat. Sascha wurde zum fleißigen Bibelleser und stellte mir fast jeden Tag Verständnisfragen, die mir zeigten, dass er ein sehr aufmerksamer Bibelleser war, dem wirklich nichts entging. Er entdeckte sogar die unscheinbarsten Widersprüche, die ich ihm jedoch in den meisten Fällen erklären konnte. Zum Thema Allversöhnung wollte er sich nicht positionieren, da das für ihn (noch) nicht dran war. Was ihn aber umso mehr interessierte, war die Frage der Gottheit Jesu. Er hatte sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und kam für sich zu keinem anderen Schluss, als dass der HErr der Sohn Gottes, nicht aber Gott selbst sei. Wegen dieser Meinung wurde er schon bald von vielen Christen verketzert und verteufelt. Dafür, dass er erst ein Jahr Christ war, ertrug er die Ablehnung tapfer.

Seit dem Tod von Christine war Marcus mit allem überfordert, unter anderem auch mit seiner Havaneser-Hündin Biene, die er in unsere Obhut gab. Es dauerte nicht lange, da verliebte sich Ruth die kleine Hündin und fragte ihn, ob er sie uns nicht ganz überlassen könne. Marcus war jedoch nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten, da er Angst hatte, eine falsche Entscheidung zu treffen. Als ich an einem Abend mit Biene Gassi ging, traf ich unsere Nachbarin Irmtraut Förster (80), die immer ein sehr mürrisches Gesicht machte, jedes Mal, wenn ich sie grüßte. Wir plauderten zunächst über Belangloses; da sie aber nicht aufhörte zu reden, lenkte ich das Gespräch auf den Glauben. Zu meiner Überraschung erklärte sie mir, dass sie auch gläubig sei und früher in eine Freikirche ging. Daraufhin lud ich sie zu unserem nicht mehr vorhandenen Hauskreis ein, und sie kam prompt. Von da an kam sie regelmäßig, hielt sich jedoch mit Fragen und Anregungen zurück. Umso redseliger war sie dann beim anschließenden Abendessen, bei dem sie uns immer wieder ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählte. Sie war eben einsam und genoss die Möglichkeit, dass ihr endlich mal jemand wieder zuhörte.

Der Untergang des Christlichen Abendlandes

 

„Darum hat Gott sie auch dahingegeben… Deswegen hat Gott sie dahingegeben…“ (Röm.1:24-28)


Einleitung

Hat es eigentlich je ein „Christliches Abendland“ gegeben? Ja! Und der HErr hat es in Matth. 13 auch vorhergesagt. Aber der Reihe nach: Dem Josef wurden in den ersten sieben Jahren des Überflusses in Ägypten zwei Söhne geboren, Manasse und Ephraim, die von seinem Vater Jakob adoptiert wurden (1.Mo.48:5). Dieses Ereignis hat eine allegorische Bedeutung: Joseph steht für Jesus, der ebenso zu Seinen Brüdern kam, die Ihn hassten und in die Hände von Gesetzlosen übergaben (Apg.2:23). Nachdem Joseph aus dem Gefängnis kam, hat der Pharao ihn über alles gesetzt, was er hatte, um in den sieben Jahren des Überflusses Vorräte einzusammeln für die sieben Jahre des Mangels. Und so hat auch der Vater Seinen Sohn Jesus über alles erhoben, was Er hat, um in den sieben Epochen der Kirchengeschichte in Offb.2 und 3 geistige Vorräte an Erkenntnis des Wortes Gottes zu sammeln, um einmal in den künftigen sieben Jahren des geistigen Mangels die ganze Welt vor dem geistigen Hungertod zu retten. Manasse, der Erstgeborene, steht in dieser Allegorie für die ersten vier Gemeindeausprägungen aus Offb. 2, die man als katholisches Zeitalter bezeichnen kann (70 – 1517 n. Chr). Manasse bedeutet „der Vergessenmachende“, denn die Ausbreitung des Christentums in Europa tröstete den HErrn Jesus und ließ Ihn die Ablehnung Seiner jüdischen Brüder wieder vergessen. Ephraim bedeutet „der doppelt Fruchtbare“, denn durch die Reformation erwiesen sich die nordeuropäischen, evangelischen Nationen wie etwa England und Deutschland, aber auch später die USA als doppelt so fruchtbar wie das katholische Südeuropa, sowohl in geistlicher als auch in wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht (vergl. Max Weber: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“). Durch den Kolonialismus und die Mission brachte dieses „Nordreich Israels“ selbst weit entfernten Völkern Zivilisation, Fortschritt und vor allen den christlichen Glauben. Die einst verschollenen zehn Stämme des christlichen Israel wurden zum „Haupt der Nationen“ (Jer.31:7), so dass ein Drittel der Welt zu Christen wurde. Nach dem Sieg über Hitler, erfüllte das Haus Israel seine zuvor gegebene Zusage an die Kolonialvölker und gewährte ihnen die staatliche Unabhängigkeit (s. Dan.7:4).


Die Ursachen für die Abkehr von den Geboten Gottes

Zu Beginn der Neuzeit im 17. und 18. Jh. gab es noch eine große Volksfrömmigkeit in Deutschland. Man betete, dass der HErr das Dorf vor Krieg und Seuchen verschone, dass der Frost noch warten möge und das Vieh gesund bleibe. Der Dreißigjährige Krieg hatte Deutschland verheert und das Volk gelehrt, dass Gott streng ist, die Welt gefährlich und Sicherheit eine Ausnahme sei. Vor allem hatten die Menschen das Beten erlernt, da sie sahen, dass Gott in der Not half. Die Pfarrer waren nicht nur Prediger sondern Sittenwächter. Der Tod war allgegenwärtig (hohe Kindersterblichkeit) und die Angst vor der Hölle wurde als pädagogisches Mittel verwendet. Doch mit dem Aufkommen des Pietismus im 18.Jh. hörte man die Leute immer häufiger sagen: „Ich habe mich bekehrt.“ Das irritierte den Pfarrer und die Obrigkeit, denn auf einmal wurde die Frömmigkeit persönlich und innerlich. Man las auf einmal selber in der Bibel, fragte nach Gewissheit und zweifelte am bloßen Mitlaufen. Das Volk spaltete sich in „Erweckte“ und Gewohnheitschristen. Langsam, aber stetig wurde die Hölle weniger erwähnt und die Moral wurde vernünftiger. Gott wurde in den Augen der Leute weniger zornig, aber berechenbarer.

Damals waren noch über 90 % der Bevölkerung gottgläubig und mehr als 70 % auch sehr fromm. Aber durch die Aufklärung wurde die ohnehin schon ritualisierte und geistig ausgehöhlte Volksfrömmigkeit immer weiter hinterfragt und vom Wort Gottes entkoppelt. Es fand eine Verschiebung der Autorität statt: An die Stelle der Offenbarung trat die Vernunft, an die Stelle des Gebotes das eigene Moralgefühl und an die Stelle der Umkehr die Selbstoptimierung. Die Religion wurde privatisiert, indem der Glaube keine öffentliche Normkraft mehr haben sollte. Man behielt die christlichen Begriffe bei, aber löste sie von ihrem biblischen Inhalt. Es entstand eine „Nächstenliebe“ ohne Gottesgebot, ein Gewissen ohne Richter, eine Würde ohne Schöpfer und eine moralische Kulisse ohne Fundament. Die Gebote Gottes galten nur noch als historisch interessant, aber nicht mehr verbindlich, die Frömmigkeit verkam zur kraftlosen Folklore. Gott wurde nicht abgeschafft, aber entthront, dann überflüssig gemacht und schließlich vergessen. In der Theologie wurden die Gebote kontextualisiert und dadurch relativiert.

Als vorausgehende Ereignisse für die Wiederkunft Christi und unserer Entrückung werden in 2.Thes.2:3 zwei Ereignisse erwähnt, nämlich der „Abfall“ und das Kommen des „Sohns des Verderbens“. Bei diesem „Abfall“ (APO´STASIA wörtl. „Abstehen“) handelt es sich nicht nur um einen Abfall vom Glauben, sondern ein damit verbundenes Abstehen von den Geboten Gottes, sowohl bei den Gläubigen als auch in der Welt. Als 1949 das Grundgesetz geschrieben wurde, hieß es in der Präambel: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen… hat sich das deutsche Volk*[1] …dieses Grundgesetz gegeben.“  Leider haben wir im 20. Jh. einen rasanten Abfall von dieser „Verantwortung vor Gott“ gesehen, indem sich zunächst die Gläubigen und später auch das Parlament durch Gesetzesänderungen kontinuierlich von den Geboten Gottes abgewandt hat und sich dem Zeitgeist anpasste. Dies geschah im Wesentlichen in vier Stufen, die der Heilige Geist durch Apostel Paulus in Röm.1:21-36 beschreibt:


Die Grundsünde im 19.Jh.: Gott wurde nicht mehr geehrt und gedankt (Röm.1:21-23)

Bereits im 18. Jh. verbreiteten sich im Christlichen Abendland die Ideen der sog. „Aufklärung“ durch gottlose Philosophen, die wie z.B. Immanuel Kant (1724-1804) den Menschen Freiheit versprachen (2.Petr.2:19), wenn sie sich von ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ lossagten. Karl Marx (1818-1883) wurde dann der erste, apokalyptische Reiter auf dem weißen Pferd (Offb.6:2), der die Welt verführte durch die Hoffnung auf eine gerechtere Welt, sobald das Proletariat die alte Ordnung Gottes überwunden hätte und sich gegen jede Herrschaft auflehne: „Lasst uns zerreißen ihre Bande, und von uns werfen ihre Stricke!“ (Ps.2:3). Charles Darwin (1809-1882) lieferte dann eine naturwissenschaftliche Erklärung, die Paulus ja in fast prophetischer Vorschau schon erahnt hatte in Röm.1:22-23, dass nämlich gar nicht mehr Gott erforderlich sei, um die Entstehung des Menschen zu erklären, sondern die sog. Evolutionstheorie, nach welcher sich angeblich durch Zufall allmählich die Menschen und Tiere entwickelt hätten über Millionen von Jahren durch Mutation und Selektion. Als Konsequenz daraus führte der angeblich Überlebenskampf der Arten durch Anpassung zur Entstehung des antichristlichen Nationalsozialismus, der keineswegs eine Rückkehr zum Konservativen war, sondern eine egoistische Weiterentwicklung des Sozialismus, dem es um die Auflösung des Individuums und um Verschmelzung mit dem Kollektiv ging (Spr.1:14). Gott aber schuf den Menschen als „Person“, damit Er durch jeden einzelnen Seinen Willen verkünden kann (von lat. personare = „durchtönen“), und der Mensch nicht zu einer verfügbaren Masse für eigensinnige Machthaber missbraucht wird. Durch das Ausschalten des eigenen Denkens wird der Mensch zu einem beeinflussbaren Herdenvieh, das immer den Weg des geringsten Widerstands geht, anstatt Gott zu gehorchen. Und schließlich nahm Siegmund Freud (1856-1939) durch seine ziemlich willkürlichen, spekulativen und unwissenschaftlichen Einzelfall-Hypothesen, die er als „Psychoanalyse“ bezeichnete, dem Menschen die letzte Würde, indem er ihn als allein triebgesteuert und leicht durchschaubar darstellte, ohne dafür empirische Belege zu haben. Freud deutete den Gottesglauben als kollektive Projektion kindlicher Sehnsüchte nach einem übermächtigen Vater und reduzierte damit Jahrtausende alte Erfahrung auf psychologische Ersatzhandlungen.


Relativierung der Schöpfungsordnung (1900 – 1968)   Folge: „Unreinheit“ (Rö.1:24-25)

All diese Ideologien, die wie Heuschrecken über die europäische Geisteswelt vorüberzogen und alles abfraßen, was nicht eine harte, gefestigte Oberfläche hatte, hinterließen deutliche Spuren in allen Bereichen der Gesellschaft, und verschonten nicht einmal die Gesetzgebung und Rechtsprechung. Als „Heuschrecken“ werden in der Wirtschaft rücksichtslose Private-Equity-Investmentgesellschaften bezeichnet, die gesunde, aber schwächelnde Unternehmen kaufen, ausschlachten und die Bestandteile mit maximalem Gewinn weiterverkaufen, so dass Arbeitsplätze unwiederbringlich verloren gehen. Interessant ist, dass Heuschrecken, von denen besonders Joel 1+2 spricht, in erster Linie über Weizen und Gemüse mit weichen Blättern herfallen, besonders junge Triebe und Keimlinge = allegorisch: junge, ungefestigte und unbewährte Christen, die noch „grün“ hinter den Ohren sind, während sie ölhaltige oder bittere Sträucher und Bäume eher meiden, z.B. Olivenbäume, Feigen, Agaven, Salbei und Minze. Allegorisch steht Öl für den Heiligen Geist, für Salbung, Erwählung und Bewahrung. Was vom Geist durchdrungen ist, wird vom Gericht nicht verzehrt. Öl macht geschmeidig, brennbar, aber auch unverdaulich für das Zerstörerische. Die Bitterkeit steht für den heilsamen Ernst. Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber sie schützt (bittere Kräuter beim Passah, bittere Buchrolle in Hes.3 und Offb.10). Wenn man hingegen Gottes Gebote nur noch aus traditioneller Gewohnheit ausübt, sich aber nicht mehr für die biblischen Begründungen interessiert, um das Gebot mit Freude zu befolgen und es mit geistlichem Leben zu erfüllen, dann hat es keine „Wurzeln“ und verdorrt, sobald die Hitze der Prüfungen kommt (Mt.13:21). Hier mal ein paar Beispiele, wie die Gesetzlosigkeit Einzug hielt in die Gemeinde:

  1. Aufhebung der Kopfbedeckung für Frauen – entgegen 1.Kor.11:1-16

Bis ins 19. Jh. war die Kopfbedeckung (Haube, Schleier, Hut) in allen Kirchen verpflichtend, besonders in pietistischen Gemeinden. Doch um 1900-1930 wurde es immer häufiger als kulturelle Sitte gedeutet im Sinne einer zeitbedingten Symbolik von Scham bzw. Ehre, anstatt sie als Bevollmächtigungszeichen zu erkennen, um zu Gott beten zu dürfen, ohne dabei den Mann als Haupt zu übergehen. Auf einmal erklärten gläubige Bibelausleger, dass die Kopfbedeckung kulturell bedingt sei und deshalb heute nicht mehr verbindlich. Aber wer entscheidet, was „kulturell“ ist? Anstatt einer biblischen Begründung nahm man eine außerbiblische Plausibilität (Zeitgeist, Moralempfinden) zur Entscheidungsinstanz. Dadurch wurde Gott unterstellt, dass Er implizit wandelbar sei und neuerdings auf Modewünsche Rücksicht nehme. Was gesellschaftlich unbequem sei, habe auf einmal mehr Autorität als das Gebot Gottes. „Zu dem Gesetzlosen spricht Gott: ‚…Du dachtest, ich sei ganz wie du.‘ “ (Ps.50:16+21).

  1. Frauenuntypische Bekleidung – entgegen 5.Mose 22:5

Die im christlichen Abendland über Jahrhunderte anerkannte Unterscheidbarkeit von Mann und Frau in der Kleidung als symbolische Anerkennung der göttlichen Schöpfungsordnung wurde bis 1970 wie selbstverständlich beibehalten und nicht infrage gestellt. Frauenhosen galten als sündhaft, unsittlich, widernatürlich. Zwar gab es Ausnahmen im 1. Weltkrieg, als Frauen in der Industrie Arbeitshosen tragen durften, aber selbst für Weltmenschen war die Vorstellung einer Frau in Hosen unweiblich und peinlich, da sie als rebellisch empfunden wurde. Das änderte sich jedoch 1968 mit der feministischen Emanzipationsbewegung und der Forderung der Frauen nach Gleichstellung. Auch die gläubigen Frauen wurden von diesem antichristlichen Zeitstrom mitgerissen, da sie längst keine Festigkeit mehr hatten im Wort (Mt.7:26-27). Die von den christlichen Vätern für ewig festgestellten Grenzen zwischen Mann und Frau (auch in der Bekleidung) wurden immer weiter zurückgesetzt, entgegen dem Gebot in Spr.22:8. Obwohl es in 5.Mo.22:5 geistlich um den existentiellen Schutz der Frau geht vor der Verführbarkeit durch die Schlange (vergl.1.Tim.2:9-15), wurde in den Text willkürlich eine angebliche Kultprostitution hineingedichtet, um sich des klaren Gebots durch Umdeutung zu entledigen. Diese eigenwillige Abänderung und Auflösung des Willens Gottes führte gemäß Röm.1:24-25 zu einer Dahingabe Gottes in Unreinheit, was man besonders durch die sexuell aufreizende Mode heute sieht.

  1. Frauenordination – entgegen 1.Tim.2:12

1959 wurde in Deutschland mit Elisabeth Haseloff die erste Frau als evangelische Pastorin ordiniert. Die EKD bemühte sich inzwischen gar nicht mehr, diesen Bruch mit einem 2000 Jahre befolgten Gebot Gottes biblisch zu rechtfertigen, da man inzwischen ohnehin nicht mehr an die Autorität und Inspiration der Bibel glaubte. Bis 1920 gab es keine einzige Frau, die je ein leitendes Kirchenamt bekleidete, weil man sich an der biblischen Schöpfungsordnung hielt (1.Mo.3:16, 1.Kor.14:34-38). Zwar waren Diakonissinnen schon oder Ordensschwestern schon immer erlaubt (Paulus erwähnt z.B. in Röm.16:1 Phoebe als DIÁKONOS), nirgends aber war es erlaubt, dass Frauen in leitenden oder lehrenden Positionen waren. Inzwischen hatte der marxistische Geist mit seiner Idee von der Gleichheit aller Menschen auch die evangelische Kirche erreicht und durchweht, und da sie nicht mehr auf dem Felsen gegründet war, fiel sie diesem endgültig zum Opfer. Und da Pastorinnen aus nachvollziehbaren Gründen aus einem eher offenen und liberaleren Milieu kommen, wundert es nicht, dass es unter ihnen relativ viele Lesben und Geschiedene gibt, womit wir zur nächsten Stufe des Dahingegebenseins angelangen:


Umwertung aller Werte (1968 – 1995)   Folge: Perversität (Röm.1:26-27)

  1. Abschaffung des Homosexualitätsverbots – entgegen 3.Mose 18:22

1969 wurde im deutschen Bundestag der Paragraph 175 StGB gegen die „widernatürliche Unzucht“ aufgehoben, um homosexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 Jahren nicht länger zu kriminalisieren. Aufgrund von Art.2 und 3 GG über die Gleichheit aller Bürger sollte die Sittlichkeit nicht mehr ausreichen als schützenswertes Gut für eine Strafverfolgung einvernehmlicher, homosexueller Handlungen. So wie Paulus es in Röm.1:26-27 beschreibt, sollte gleichgeschlechtlicher Sex nicht länger kriminalisiert werden, sondern wurde der heterogeschlechtlichen Sexualität gleichgestellt.

  1. Legalisierung von Kindermord – entgegen 2.Mose 20:13

1974 beschloss der Bundestag, die Abtreibung von Babys bis zur 12. Schwangerschaftswoche straffrei zu stellen, wenn zuvor eine Beratung stattgefunden hat. Dem Embyo wurde zunächst noch keine Menschenwürde zugestanden, da man diesen nur für einen Zellklumpen hielt. Diese willkürliche Annahme wurde zwar zunächst durch das Verfassungsgericht kassiert, da ein Embryo nicht nur Teil des mütterlichen Organismus sei, sondern ein selbständiges menschliches Wesen, man konzedierte jedoch eine Abwägung der Lebensrechte von Mutter und Kind gemäß bestimmter Indikationsregelungen, nach welcher Abtreibungen bei Gefahr für die Mutter, schwerwiegenden Behinderungen, drohender Notlage oder bei Vergewaltigung. Der biblische Befund lässt aber all diese Einschränkungen nicht zu, da das Lebensrecht und die Menschenwürde weder zeitlich gestaffelt noch verhandelbar sein können, zumal ein Mensch Gott gehört und nicht der Mutter (Ps.139:13-16, Jer.1:5). Zudem ist schon aus biologischer Sicht ein Mensch vom Beginn der Befruchtung ein Mensch, da es danach keinerlei zusätzlicher Maßnahme mehr bedarf. Es ist reine Willkür, den Beginn des Menschseins an einer bestimmten Entwicklungsstufe festzuschreiben. Wie weit ein Embryo oder Fötus schon ein Bewusstsein hat, spielt dabei gar keine Rolle und kann zudem nicht wissenschaftlich seriös festgestellt werden (Luk.1:41-44).

  1. Legalisierung der Ehescheidung – entgegen Matth.19:6

1977 wurde in Deutschland die Schuldfrage im Falle einer gescheiterten Ehe aufgehoben und das sog. Zerrüttungsprinzip eingeführt, das von der Überlegung ausgeht, dass bei Scheidungen immer beide oder keiner der Ehepartner „schuldig“ im moralischen Sinne ist. Es gab zwar auch vor 1977 Scheidungen in Deutschland, aber damals hing die Entscheidung, wer das Sorgerecht für die Kinder erhielt oder für den Unterhalt des Partners aufkommen muss, davon ab, wer hauptsächlich die Schuld trägt an der Scheidung (z.B. Ehebruch). Für Christen galt umso mehr ihr Ehegelöbnis „bis dass der Tod euch scheidet“, zumal Gott Ehescheidungen „hasst“ (Mal.2:16).

  1. Aufhebung des Gotteslästerungsparagrafen §166 StGB – entgegen 2.Mose 20:7

1990 wurde die Bestrafung von Blasphemie endgültig abgeschafft, nachdem man schon 1969 die Gotteslästerung auf eine Verunglimpfung eines religiösen Bekenntnisses reduziert hat. Da Religion ja ohnehin längst zur Privatsache erklärt wurde, ging es den Verfassungsrichtern nur noch um die Erhaltung des öffentlichen Friedens. Allerdings hat die Rechtsprechung in dieser Frage gerade in den letzten Jahren mit zweierlei Maß gemessen, da empfindsame Minderheiten wie etwa der Islam oder die sog. Transmenschen weitaus größeren Schutz und Bevorzugung genießen als wir Christen.

Der Dammbruch in die totale Gesetzlosigkeit (1995 – heute)
Folge: Dahingegebensein in „unsinniges Denken“ (Röm.1:28-32)

Nicht nur biblische Propheten, sondern auch Magier und Satanisten praktizieren von jeher bestimmte Ersatzhandlungen, um zukünftige Ereignisse symbolisch anzukündigen und zu veranschaulichen. In der schwarzen Magie spricht man von Beschwörungen, Flüche und Schadenzauber (Voodoo), wenn man durch ein magisches Ritual bewusst Dämonen anruft, um eine bestimmte, schädliche Verwünschung in der Geisterwelt hervorzurufen. Eine solche magische Symbolhandlung wurde meiner Meinung nach 1995 ausgeführt, als der Deutsche Bundestag als gesetzgebende Gewalt erlaubte, dass man den Reichstag vollständig verhüllen solle. Denn Verhüllung ist in der Bibel immer ein Symbol für geistige Verblendung, so wie z.B. geschrieben steht in Jes. 29:10 „Denn der HErr hat einen Geist tiefen Schlafs über euch ausgegossen, ja, verschlossen hat Er eure Augen; die Propheten und eure Häupter hat Er verhüllt.“ Eine Verhüllung der Verantwortungsträger hat schlimme Auswirkungen auf das Volk: „Wenn keine Vision da ist, verwildert das Volk; aber wenn es das Gesetz hütet, ist es sein Glück“ (Spr.29:18). Wie sehr diese Zaubereisünde sich seitdem ausgewirkt hat auf das Urteilsvermögen unserer Politiker, können wir heute jeden Tag mit Erschrecken feststellen. Alle Parteien, die damals im Bundestag waren, stehen seither unter diesem Fluch geistiger Blindheit und treiben Deutschland in den wirtschaftlichen Abgrund. Die einzige Patei, die es damals noch nicht gab und sich schadlos gehalten hat, ist die AfD.

  1. Verbot von körperlicher Bestrafung – entgegen Hebr.12:6-11

Seit 2001 ist die biblische Züchtigung von Kindern durch ihre Eltern im Rahmen der Erziehung verboten. Überhaupt wurde das Wort „Eltern“ ersetzt durch den Begriff „Personensorgeberechtigte“, wodurch der Eindruck entsteht, dass Sozialarbeiter auf der gleichen Stufe wie die Eltern stehen. Von der Bibel her tragen aber die Eltern das alleinige Erziehungsrecht (1.Mo.18:25), das sie zwar delegieren können, das man ihnen aber nicht entziehen darf. Und Züchtigung bedeutet in der Bibel nicht in erster Linie Vergeltung, sondern Zurechtbringung aus Liebe (Spr.13:24, Offb.3:19). Wenn Kinder heute so frech und verwahrlost sind, dann liegt das gerade am Mangel an Korrektur. Leider ahnen auch gläubige Eltern zu wenig, welchen Schaden sie ihren Kindern zufügen, wenn sie auf Bestrafung verzichten (Spr.23:13-14)!

  1. Ehe für alle“ – entgegen 1.Mose 2:24

2017 wurde im Bundestag die „Ehe für alle“ legalisiert und damit der grundgesetzlich geschützten Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt. Was auf den ersten Blick noch nach Gerechtigkeit klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine Verkehrung und Verhöhnung der geistlichen Symbolik der Ehe, die ja für Christus und die Gemeinde steht (Eph.5:31-32). Die Heiligkeit der Ehe wird dadurch entleert.

  1. Die freie Wahl und Anerkennung von nicht-biologischen Geschlechtern – entgegen Ps.139:14

2024 wurde durch das sog. „Selbstbestimmungsgesetz“ der Ampelregierung die göttliche Schöpfung völlig verspottet und auf den Kopf gestellt, indem man Kindern und Erwachsenen nicht nur erlaubte, einmal im Jahr ihr Geschlecht zu wechseln und auf Wunsch auch umoperieren zu lassen, sondern man stellte auch die Nichtanerkennung der Identitätswahl einer anderen Person unter Strafe. Dabei sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand, dass jeder Mensch doch ein Recht haben muss auf seine eigene Wahrnehmung und man niemanden zur Lüge oder Heuchelei zwingen darf (Gal.2:11-14).

  1. Die Legalisierung von Cannabis – entgegen 1.Petr.5:8

Im gleichen Jahr 2024 brachte die ansonsten völlig untätige Ampelregierung auch noch ein Gesetz zur Freigabe von Cannabis durch den Bundestag, um junge Leute gänzlich zu geistig-seelischen Krüppeln zu machen. Menschen, deren Denkfähigkeit reduziert wird, sind wirklich von Gott dahingegeben in ein unsinniges und unbewährtes Denken. Diese staatlich flankierte Selbst-Sedierung ist keineswegs harmlos, sondern beeinträchtigt die Konzentration und Motivation negativ. Sie macht abhängig und erhöht das Risiko für Psychosen. Probleme werden nicht gelöst, sondern vernebelt. Wir sollen uns nicht berauschen, sondern mit dem Geiste erfüllen lassen (Eph.5:18).

In Röm.1:29-32 lesen wir von einer ganzen Reihe von Charakter- und Verhaltensfehlern, die alle aus unsinnigem Denken entstehen. Sie haben keinerlei Selbstheilungskraft, sondern führen zur Zerstörung der ganzen Menschheit. Da hilft nur die radikale Umkehr von der Grundsünde: „Gott nicht geehrt und nicht gedankt“ (Röm.1:21). Möge der HErr Jesus sich erbarmen über diese verlorenen Menschen!

[1] *Im Griechischen gibt es drei Begriffe für Volk:

  1. DEMOS = Volk als politische Masse, Bürgerschaft, Öffentlichkeit, öffentliche Versammlung, die durch Abstimmung ihren Willen oder ihre Meinung äußert, jedoch dadurch auch wechselhaft und leicht beeinflussbar ist (vergl. Mat.27:20).
  2. EThNOS = Volk als ethnisch-kulturelle Einheit, Nation, Heidenvolk, unterschieden anhand von Sprache, Herkunft und Kultur (vergl. Mt.28:19).
  3. LAOS = Volk im geistlichen Sinn, d.h. Volk Gottes im heilsgeschichtlichen Sinn (1.Petr.2:9, Mt.1:21)

 

 

 

– „Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 23

 

Januar – März 2023

Der Betrug von TLM fliegt endgültig auf

In den drei Monaten nach unserer Rückkehr aus Uganda hatte ich jede Menge WhatsApp-Nachrichten von den Geschwistern dort erhalten, sodass ich eine Chatgruppe einrichtete namens Followers of Jesus Christ, um nicht immer jedem einzelnen schreiben zu müssen über alle Neuigkeiten und Ankündigungen. Viele Geschwister schrieben mir von ihrer finanziellen Not, baten mich jedoch in der Regel nicht direkt um eine Spende, sondern schrieben einfach nur: „Please pray for it“. Einige jedoch baten ganz unverhohlen und geradezu dreist um Geld. Zu diesen gehörte irritierenderweise sogar der alte Bruder Samuel Kiyemba Musoke (ca. 75), der diese Missionsarbeit von Anbeginn mit aufgebaut hatte. Er hatte mir und der Manuela schon auf der Reise mitgeteilt, dass er sich jetzt altersbedingt zurückziehen und von unseren Spenden sich gerne einen Altersruhesitz kaufen wolle, und das, obwohl er bereits ein Haus besaß, in dem er mit seiner Familie lebte. Allein diese unbescheidene Frage, ob wir damit einverstanden sind, offenbarte in erschreckender Weise seine Ahnungslosigkeit und Schamlosigkeit, dass ihm scheinbar längst nicht mehr bewusst war, dass die Spenden für die Kinder gedacht waren und nicht für irgendwelche Privatinteressen. Dass er sich nicht schämte, dies überhaupt von uns zu erbitten! Und so einer war all die Jahre TLM-Schatzmeister?! Es erinnerte mich ein wenig an die Bitte Adonijas, der von Salomo eine Entschädigung dafür erbat, dass er mit dem Versuch gescheitert war, sich das Königtum gewaltsam anzueignen (1.Kön.2:14-25).

Und dann fiel Marlies aus allen Wolken, als ich ihr sagte, dass der junge Bruder Samson Kamulgeye seinen Beruf als freischaffender Architekt aufgegeben habe, um seit einigen Monaten nur noch für die Projekte von TLM zu arbeiten. Denn Marlies hatte viele Jahre ja auch sein Architekturstudium finanziert, damit er eines Tages durch seinen Architektenberuf genug Geld verdiene, um das TLM-Werk auch selbst finanziell zu unterstützen. Und so viele Bauprojekte hatte TLM ja gar nicht, dass es sich die Beschäftigung eines eigenen Architekten leisten könnte. Samson hatte mir erzählt, dass er sich als Selbstständiger versucht habe, aber kaum Kunden gefunden habe, um sich finanziell über Wasser zu halten. Nur deshalb habe TLM ihn eingestellt, zumal er zur Familie gehörte. Hier konnte man also von Vetternwirtschaft sprechen. Obwohl Samson auf mich eigentlich einen vernünftigen Eindruck machte und er ständig fromme Musik im Auto hörte, konnte ich nicht verstehen, warum er sich mit einer Muslima verlobt hatte, wo er doch wissen musste, dass ihr muslimischer Vater einen sehr hohen Brautpreis fordern würde. Mit den 130 Euro, die er als Gehalt von uns bekam, würde er sich diese Braut nicht leisten können. Außerdem bestand die Gefahr der Einflussnahme (2.Kor.6:14).

Und dann war da noch Andrew Nsiyonna, der Schulleiter und Projektmanager von TLM. Er hatte mir geschrieben, dass seine Frau schwer krank sei und daher jeden Monat eine Spende von 170 Euro brauche für Medikamente und Pflege. Nachdem ich ihm 170 Euro überwiesen hatte, bat ich ihn, mir Quittungen oder Rechnungen in Kopie zu senden. Er erklärte, dass er tatsächlich nur 23 Euro im Monat für Medizin benötige, aber die restlichen 147 Euro „für eine spezielle Diät aus Früchten und Gemüse“ benötige. Wenn man bedenkt, dass es viele arme Gläubige in Uganda gibt, die gerade einmal nur 60 bis 80 Euro im Monat zum Leben haben, dann war es völlig unfair, wenn Andrew neben seinem Gehalt als Schulleiter auch noch zusätzliche 147 Euro als Spende für seine Frau bekäme, weshalb ich nicht mehr bereit war, ihm weiter zu spenden. Ich bat ihn sogar, die zu Unrecht eingenommene Spende von 147 Euro der armen Familie Kateregga zu geben, da diese derzeit überhaupt keine Einnahmen habe und trotzdem mehrere alte Leute bei sich beherberge. Dies tat Andrew jedoch nicht, sondern behielt das Geld einfach. Dadurch wurde mir klar, dass der gesamte Vorstand völlig ungeistlich und egoistisch war und deshalb unbedingt ausgetauscht werden musste. Der Fisch stank vom Kopf her. Aber wie konnten wir ihn loswerden? Durch ihre Leichtgläubigkeit hatte sich Marlies mit falschen Brüdern eingelassen, welche den Glauben als Mittel zum Gewinn missbrauchten (1.Tim.6:5).

Manuela und ich waren uns einig, dass wir mit diesem Vorstand nicht länger zusammenarbeiten konnten. Er musste neu besetzt werden mit Brüdern, die wir als zuverlässig erachteten, z.B. Peter, Lawrence oder Fred. Wir mussten vom Vorstand verlangen, dass sie uns ausführlich Rechenschaft geben sollten über die bisherigen Ausgaben und ihnen andernfalls den Geldhahn zudrehen. Als wir Marlies jedoch von unserem Plan berichteten, war sie nicht damit einverstanden. Sie hielt unser Misstrauen für unberechtigt, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass Christen betrügen könnten. Wir zählten ihr sämtliche Verdachtsmomente auf, aber konnten Marlies nicht überzeugen. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie sich jahrelang von den Schmeicheleien von falschen Christen täuschen ließ, denen sie im Laufe von zwölf Jahren über Hunderttausend Euro überwiesen hatte. Deshalb machte ich den Vorschlag, eine E-Mail an TLM zu schreiben, in welcher ich sie aufforderte, die Vorwürfe auszuräumen und unsere Bitte um Aufklärung nachzukommen. Marlies war damit einverstanden, und so schrieb ich kurz vor unserer weiteren Reise nach Peru einen Brief an TLM.

Am 03.01.23 erhielt ich dann eine Antwort-Mail von Petua Katumba. Der Vorstand war auf keine unserer Fragen und Bitten eingegangen. Stattdessen schrieb sie u.a.: „Es ist offensichtlich, dass Du mit der Absicht schreibst, Gottes Werk zu zerstören, indem Du Aufmüpfigkeit und Zwietracht unter Brüdern streust, um die Organisationsprogramme rückwirkend durcheinanderzubringen. Damit ist der Vorstand aber nicht einverstanden! Es ist unser Gebet, dass Gott Dir die Gnade gebe, uns zu vertrauen, wenn wir Seine Arbeit tun!“ Wenn man mal bedenkt, dass mein Brief absolut berechtigte Fragen und auch nur ganz dezent formulierte Kritik enthielt, dann war diese Reaktion im Grunde eine Unverschämtheit. Es war nur zu offensichtlich, dass Petua und die anderen Vorstandsmitglieder hier versuchten, mich als Störenfried hinzustellen, der ständig unbequeme Fragen stellt, und mich deshalb mit billigen Unterstellungen abspeisen wollte. Dabei vergaßen sie, dass auch ich sie seit Jahren im Gebet und durch Spenden unterstützt hatte (über 6000,- € in den letzten 5 Jahren). Und ich wollte wie jeder andere Spender lediglich Rechenschaft bekommen, ob meine Spenden auch wirklich den Kindern zugutekamen und nicht irgendwelche Privathäuser oder Privatautos damit finanziert wurden. Deshalb schrieb ich TLM: „Dear Petua, Your arrogant letter is not acceptable at all, but it is a disrespectful insolence, considering that I have supported you in the last 6 years regularly by money and prayer… And now I will … recommend sister Marlies that she should not send money to you from now on until you have answered our justified questions and considered our peticiones. You will not succeed in driving a wedge between us.“

 

Straßenschlachten in Peru

Am 09.12.22 flogen meine Frau und ich wie jedes Jahr wieder nach Peru, um den Winter dort zu verbringen. Wir nahmen diesmal auch unsere Tochter Rebekka (27) und ihre Tochter Penelope (2) mit. Zwei Tage zuvor hatte jedoch der peruanische Präsident Pedro Castillo (53) per Dekret den Kongress aufgelöst und sich zum alleinigen Machthaber ernannt. Einen solchen „Autogolpe“ („Selbstputsch“) hatte bereits 30 Jahre zuvor Präsident Alberto Fujimoro erfolgreich vorgenommen, jedoch damals die Sicherheitskräfte und das Militär hinter sich gehabt. Bei Castillo hingegen scheiterte der Putsch schon nach wenigen Stunden, da der Kongress das Dekret einfach ignorierte und Castillo absetzte wegen Verfassungsbruch. Er wollte durch seine Aktion einer bevorstehenden „Amtsenthebung wegen Unfähigkeit“ zuvorkommen, hatte den Staatsstreich jedoch nicht entsprechend vorbereitet, sondern bloß dilettantisch improvisiert. Er wurde daraufhin sofort verhaftet und später wegen Rebellion zu 11,5 Jahren Haft verurteilt. Damit war er schon der 6. Präsident Perus, der in den letzten 25 Jahren verhaftet und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Es gibt heute kaum ein Land in der Welt, in welchem so viele Präsidenten am Ende im Gefängnis landeten. Diesmal aber führte die Verhaftung Castillos zu massiven Unruhen und vielen Todesopfern, da das Land gespalten und hochinstabil war: Im armen Süden und in ländlichen Regionen sprach man von einer „beraubten Präsidentschaft“, während die eher wohlhabenden Bewohner Limas froh waren, einen völlig unbegabten payaso, („Clown“) losgeworden zu sein, der sie ein Jahr lang vor der Welt nur blamiert hatte.

Als der sowohl marxistische als auch evangelikal-konservative Dorfschullehrer Castillo am 06.06.21 zum Präsidenten Perus gewählt wurde, erhoffte besonders die arme Landbevölkerung, dass er das dysfunktionale und korrupte Parteiensystem endlich reformieren würde, da er „einer von ihnen“ war, d.h. aus der ärmlichen, bäuerlichen Provinz kam, die sich von der Politik vernachlässigt fühlte (seine Eltern waren z. B. Analphabeten). Um sein Indio-Image zu pflegen und für seine indigene Herkunft zu werben, trat er stets mit einem Sombrero (Hut) und traditionellem Poncho auf. Da er über keine Erfahrung verfügte, hörten sich seine Reden oft widersprüchlich und verworren an, zumal er oftmals den Faden verlor. So blamierte er sich, indem er auf internationaler Bühne immer wieder die Geschichte von einem Jungen erzählte, der seinem Lehrer durch die Frage, ob das Huhn in seiner Hand tot oder lebendig sei, eine Falle stellen wollte, die der Lehrer aber durchschaute. Einem Journalisten von CNN erklärte er, dass er keine Ausbildung zum Politiker habe und deshalb versuche, „im Amt zu lernen, wie man Präsident wird“. Diese gut gemeinte Ehrlichkeit wurde von den Peruanern mit Erschrecken und sarkastischer Kritik aufgenommen. Daraufhin untersagte ihm das Parlament, an ausländischen Staatsbesuchen teilzunehmen. Seine Unerfahrenheit äußerte sich dann schon bald, indem er in seiner kurzen Amtszeit extrem häufig das Kabinett auswechselte: über 70 Minister wurden sogar nach nur wenigen Tagen oder Wochen im Amt wieder entlassen. Da das Parlament ihn ständig mit einer Amtsenthebung drohte wegen seiner chaotischen Inkompetenz, drohte er damit, das Volk gegen sie zu mobilisieren, das ohnehin einen tief verwurzelten Hass auf das Establishment hatte.

Dieser Volkszorn entlud sich deshalb nach seiner Verhaftung und führte zu gewaltsamen Aufständen im ganzen Land, die in der Folge über 60 Tote, 1.500 Verletzte und einen wirtschaftlichen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe angerichtet haben. Während wir in der Stadt waren, mussten wir immer schon um 18:00 Uhr wieder aufbrechen, weil dann die Protestmärsche begannen, die regelmäßig in gewaltsamen Ausschreitungen eskalierten mit Steinwürfen, Plünderungen und Brandanschlägen. Viele Läden schlossen deshalb schon um 15:00 Uhr, zumal auch viele Kriminelle die Gunst der Stunde nutzten, da die meisten verfügbaren Polizisten durch die Proteste gebunden waren. Die manifestantes („Demonstranten“) warfen Steine auf die Polizisten, zündeten Wagen und Autoreifen an und blockierten die Fernstraßen. Zunächst hofften die Politiker noch, dass sich der Aufstand zum Jahresende wieder beruhigen und die Proteste abflauen würden. Doch dann eskalierte die Situation immer mehr: Flughäfen wurden besetzt und Gebäude angezündet. Die Demonstranten wurden immer gewalttätiger und nahmen nun auch Tote billigend in Kauf. Es mischten sich nachweislich auch immer mehr ehemalige Kämpfer der Terrororganisation Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“) mit Waffen unter die Demonstranten und verübten sog. False-Flag-Anschläge, um sie der Regierung anzulasten und den Hass noch weiter zu schüren.

Eines Nachts am 10.01.23 patrouillierten drei Polizisten in Juliaca, als eine Meute von ca. 80 Manifestantes sie umzingelte und zum Aussteigen aus ihrem Wagen zwang. Die Polizisten machten bewusst keinen Gebrauch von ihren Waffen, um den Unmut zu beruhigen. Als sie jedoch dann mit Stöcken und Steinen gezwungen wurden, ihre Waffen abzulegen, gelang es noch zweien von ihnen rechtzeitig zu fliehen, während der Dritte unter viel Geschrei immer wieder geschlagen und schließlich mit seiner eigenen Waffe angeschossen wurde. Doch noch immer rang der Unteroffizier José Luis Soncco (29) um sein Leben. Nun warf man kübelweise Müll auf ihn, zündete das Polizeiauto an, übergoss ihn mit Benzin und verbrannte ihn schließlich bei lebendigem Leibe. Seit diesem Vorfall schoss die Polizei schon des Öfteren mal scharf, wenn es brenzlig wurde. Jeden Tag tobte fortan ein Straßenkrieg in Lima. In der Innenstadt roch es abends nach Tränengas, und überall lagen schwere Steine auf dem Boden, die man zuvor gegen die Polizisten geworfen hatte. Diese hielten ihre Schutzschilde wie das Römische Heer dicht an dicht, damit möglichst kein Stein traf. Insgesamt standen in Lima den ca. 15.000 – 20.000 Demonstranten jeden Tag etwa 6.800 Polizisten gegenüber und versuchen, der Lage Herr zu werden. Einmal sah ich, wie etwa 100 Polizisten zusammenstanden und gemeinsam ein Lied sangen in der brütenden Sommerhitze, um sich gegenseitig zu motivieren. Ruth und ich kauften ihnen Getränke und segneten sie im Namen des HErrn.

In anderen Städten Perus war es z.T. noch schlimmer, besonders im Süden. Vielerorts wurde zum Generalstreik aufgerufen, und wenn ein Ladenbesitzer sich nicht daran hielt, wurde sein Laden kurzerhand geplündert und danach angezündet. In Puno hatten sie sogar ein Polizeikommissariat in Brand gesteckt, nachdem sie die Polizisten zuvor gewarnt hatten, das Gebäude zu verlassen. Da der Kongress weder einer verlangten Wiedereinsetzung Castillos noch vorgezogenen Neuwahlen zustimmte (da sie dann ja auch ihr Mandat und damit ihr Abgeordnetengehalt verlieren würden), wollten die Demonstranten bis zum bitteren Ende kämpfen, zumal sie aus ihrer Sicht nichts mehr zu verlieren haben, und z.T. den Tod der Armut vorzogen. Ihre Geduld mit dieser korrupten Politikerkaste war endgültig vorbei. Alles war ihnen lieber als der Status Quo, der sie zu einem Dasein in Armut zwang nach dem Motto: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Mitte Januar riefen sie dann im ganzen Land zur „Einnahme von Lima“ auf, so wie Mussolini 100 Jahre zuvor zum „Marsch auf Rom“ aufrief. Als dann ein historisches Gebäude in der Innenstadt von Lima in Flammen aufging, rief die Regierung den Notstand aus und setzte das Militär ein. In vielen Städten galt von nun an eine nächtliche Ausgangssperre. Doch schon ab 14:00 Uhr schlossen die meisten Läden aus Angst vor Plünderungen. Die Leute flohen regelrecht, um noch schnell einen der letzten Busse zu kriegen, denn wenn die Märsche anfingen, wurden viele Straßenzüge abgeriegelt oder waren nicht mehr passierbar.

Da viele Landstraßen im Süden Perus blockiert wurden, hatten sich die Waren deutlich verteuert. Ein Kilo Kartoffeln kostete eigentlich nur ca. 2 Soles (0,50 Cent)/Kilo, nun aber schon 15 Soles d.h. 3,75 €! Tonnenweise wurden Fische und Gemüseladungen in den LKWs weggeworfen, weil sie in der Hitze verfault waren. Verdorbene Milch wurde von den Molkerei-LKWs hektoliterweise auf die Straße gegossen. Touristen saßen in ihren Urlaubsorten fest, zumal es auch vielerorts kein Benzin mehr gab. Etwa 300 Touristen mussten von Machu Picchu aus 6 Stunden mit ihrem Gepäck durch den Regenwald, weil der Zug ausgefallen war. Städte wie Puno oder Puerto Maldonado waren komplett von der Außenwelt abgeschnitten und wurden durch Armeehubschrauber mit Nahrungsmitteln versorgt. An vielen Geldautomaten gab es kein Bargeld mehr, da sie nicht mehr aufgefüllt werden konnten. Wegen fehlender Einnahmen durch Touristen konnten viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter kaum noch bezahlen. Krankenhäuser klagten über fehlende Belieferungen mit Sauerstoff und Blutkonserven. Diese apokalyptischen Zustände erinnerten mich an Habakuk 3:15-17 „Ich zitterte am ganzen Leib, als ich es hörte, ich vernahm den Lärm und schrie. Der Schreck fuhr mir in die Glieder, und meine Knie wurden weich … Zwar blüht der Feigenbaum nicht, der Weinstock bringt keinen Ertrag, der Ölbaum hat keine Oliven, die Kornfelder keine Frucht … Ich aber will dennoch jubeln über den HErrn, will mich freuen über den Gott meines Heils.“

Frieden inmitten des Sturms

Der Fehler von Pedro Castillo war, dass er sich als Christ mit den revolutionären Ideen der Linken eins gemacht hatte, konkret mit der marxistischen Partei Perú Libre („freies Peru“), die sich später von ihm trennte. Der Marxismus ist seinem Wesen nach gesetzlos, da der Klassenkampf auf Umsturz und Abschaffung der göttlichen Ordnung abzielt. Das Symbol der nach oben gerichteten Faust steht im Marxismus für den gewaltsamen Aufstand und Kampf gegen die Obrigkeit und letztlich gegen Gott selbst: »Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Stricke!« (Ps.2:3). Die Linken wollen keinen Frieden und Dialog, sondern ihre gesetzlose Ideologie mit Gewalt durchsetzen: „Die Gesetzlosen sind wie das aufgewühlte Meer. Denn es kann nicht ruhig sein, und seine Wasser wühlen Schlamm und Kot auf. ‚Kein Friede den Gesetzlosen!‘, spricht mein Gott“ (Jes.57:20-21). Es ist sicher kein Zufall, dass die „Linken“ immer wieder gegen die „Recht(schaffend)en“ kämpfen. Das Adjektiv „link“ stand schon immer für hinterhältig, falsch und tückisch. Es ist die versteckte Hand, die der Gesprächspartner nicht sehen darf, während man ihm die rechte Hand reicht. Im Satanismus spricht man vom „Pfad der linken Hand“ (d.h. Selbstvergöttlichung). Zugleich ist die linke Hand aber immer die ungeschickte, unzuverlässige und damit nicht vertrauenswürdige („zwei linke Hände haben„). Wer sich also wie Castillo mit Gesetzlosen einlässt, befreundet sich mit Gotteshassern (2.Chr.19:2, Spr.1:14).

Doch trotz der Unruhen und aller Widrigkeiten hat der HErr Gnade geschenkt, dass ich auch diesmal das Evangelium verkündigen konnten. Auf den Plaza de San Martin, wo ich sonst immer predigte, ging es diesmal nicht, weil dieser – wie viele Plätze – von der Polizei wegen der manifestantes gesperrt war. Stattdessen ging ich jedes Mal auf den Plazuela de San Augustín, direkt neben einem Kloster im historischen Zentrum von Lima und predigte dort vor etwa 50 Passanten, die sich auf den Bänken im Schatten der Bäume ausruhten. Gleich am ersten Tag übergab ein gewisser Juan José (45) sein Leben in die Hände Jesu, der in den letzten 12 Jahren aufgrund der Trennung von seiner Frau auch seinen Glauben verloren hatte. Ein Jahr zuvor hatte ich dort ja eine Goldschmiedin namens Leoniza (50) kennengelernt, die erst seit kurzem gläubig war. Seither öffnete sie sogar ihre Wohnung für den HErrn, so dass wir uns sowohl bei ihr, als auch bei Francisco zur Bibelstunde versammelten.

In den folgenden Wochen schenkte der HErr immer wieder Bekehrungen, und zwar ein gewisser Alexander (ca. 30), Omar (62), Salomon (47), José-Ruben (ca.40), Luis (ca. 20) und Jorge (70). Jorge z.B. war ein ehemaliger Drogenhändler von höherer Bildung, der später durch den Konsum einer Droge namens Ayahuasca (Quetcha: „Todes-Strick“) unter dauernden Wahnvorstellungen und Paranoia litt und schließlich obdachlos wurde. Ich erinnerte mich an das Gleichnis in Lukas 10 und gab ihm Geld, damit er für die nächsten zwei Tage versorgt sei. Dann trafen wir uns erneut und ich übergab ihm ein paar Strümpfe und Unterwäsche, die Ruth für ihn gekauft hatte. Auch dem Luis gab ich Schuhe, eine Hose und Unterwäsche, da er ebenfalls obdachlos war. Dem Jorge schenkte ich eine Bibel und lud ihn zur Versammlung ein, aber er kam leider nicht. Die Geschwister, die wir in Lima kennen, versammeln sich in zwei Hauskreisen, und zwar freitagabends bei uns im Stadtteil La Victoria und samstags bei Bruder Francisco im Stadtteil Lince. Es gab unter ihnen vier Brüder, die behindert bzw. gesundheitlich angeschlagen waren:

1.) Augusto (76) erlitt 20 Jahre zuvor einen Schlaganfall und war seitdem ein Pflegefall. Er saß den ganzen Tag in seinem 12 qm großen Zimmer im 4.Stock eines Wohnblocks und bekam so gut wie nie Besuch, da er keine Verwandten hatte. Deshalb besuchten Ruth und ich ihn regelmäßig und lasen ihm aus der Bibel vor. Durch die Besuche wurde inzwischen auch sein Pfleger Felix (56) gläubig.

2.) Pedro (ca.55), ein ehemaliger Theologe und Prediger, ist aufgrund seines Diabetes seit 15 Jahren beinamputiert an den Rollstuhl gefesselt und zugleich erblindet. Im Oktober 2021 konnte er eines Morgens wie durch ein Wunder wieder auf einem Auge sehen. Da er sehr arm ist, haben wir ihm eine größere Spende von den deutschen Geschwistern übergeben. Er bedankte sich, indem er mir seine alte, verschwitzte Ledermütze schenkte.

3.) Luis (63), ein ehemaliger Krankenpfleger und Schweißer,  litt jahrelang unter Cluster-Kopfschmerz, Diabetes und Sehschwäche. Seine Schmerzen sind oftmals so stark, dass seine Schmerztabletten kaum noch Wirkung zeigten und er sich wünschte, dass Gott ihn heimrufen möge, zumal er sich auch völlig unnütz fühlte. Auch er bekam eine Spende, sowie Schmerzmittel von Ruth.

4.) Zeferino (ca. 60), ein ehemaliger Aushilfslehrer, war jahrelang arbeitslos und litt unter Lungenfibrose. Seine Frau ließ sich zwei Jahren zuvor von ihm scheiden, bekam dann aber Krebs, weshalb er sie pflegen musste. Seit längerem arbeitete er nun bei Bruder Heraclio als Aushilfe in seinem Orthopädieladen. Er bettelte uns häufig um Geld an, kam aber oft nicht zum Hauskreis.

Da ich zu jener Zeit vorhatte, mit Ruth demnächst nach Peru auszuwandern, aber schon jetzt die Arbeitsmöglichkeiten in Peru testen wollte, bewarb ich mich Anfang Januar bei zwei Instituten als Deutschlehrer, um während meiner zukünftigen Aufenthalte in Peru in Teilzeit arbeiten zu können. So einfach war dies jedoch nicht, da man von mir noch gewisse Qualifikationen forderte. Daher gab ich es vorerst auf und bot stattdessen dem Bruder Francisco an, seine Tierarztpraxis kostenlos zu streichen von innen und außen, was ich dann auch den ganzen Januar hindurch tat, hautsächlich vormittags. Nachmittags fuhr ich dann oft mit Ruth, Rebekka und Penelope in die Stadt, damit jene einkaufen konnten, während ich evangelisierte. Einmal unternahmen wir auch eine Reise zu einem etwa 200 km entfernten Ausflugsort namens Lunahuaná in der Provinz Cañete. Dort konnten wir im Schlauchboot die wilden Stromschnellen des Flusses hinabpaddeln, sowie in der schönen Landschaft wandern. Von dort fuhren wir an einem Tag auch mal zur Inka-Festung Incahuasi. Auf der Rückreise verbrachten wir einen Tag am Strand von Cerro Azul. Als wir am Abend jedoch weiter nach Lima fahren wollten, war die Panamericana von Protestierenden gesperrt. Durch Gottes Gnade erreichten wir dennoch über Schleichwege unser Zuhause.


Christine hat Krebs im Endstadium

Als wir wieder in Deutschland ankamen, stellte sich zu unserer großen Freude heraus, dass unser Schwiegersohn Dennis, der ja ein Jahr zuvor beschlossen hatte, sich von unserer Tochter zu trennen, durch eine Burn-out-Depression zum Umdenken gekommen war und sich mit Rebekka wieder versöhnte. Besonders das Alleinsein am Heiligabend hatte ihm wohl so sehr zu schaffen gemacht, dass er sich schon richtig auf die Rückkehr von Rebekka und Penelope gefreut hatte. Rebekka war überglücklich und wir dankten alle dem HErrn, dass nun wieder endlich Frieden war.

Doch Ende Februar kündigte sich neues Unheil an: Mein Zwillingsbruder Marcus kam uns besuchen und berichtete unter Tränen, dass man bei seiner Frau Christine gerade einen unheilbaren Krebs festgestellt habe, der von der Brust aus gestreut hatte in die Bauchspeicheldrüse und schon so weit fortgeschritten war, dass sie nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. Er erzählte uns, dass Christine ihm schon ein Jahr zuvor von einem kleinen Knoten in der Brust berichtet hatte, die beiden sich jedoch entschieden hätten, nicht zum Arzt zu gehen, aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit Ärzten in der Corona-Zeit („Die wollen doch nur Geld verdienen und verschreiben deshalb teure Chemotherapien, die nichts bringen, aber nur schaden!“). Christine informierte sich stattdessen im Internet über alternative Heilungsmethoden durch bestimmte Kräuter und Früchte. Marcus wiederum ließ sich von einem befreundeten Krankenpfleger sagen, dass man Krebsgeschwüre grundsätzlich nicht operativ entfernen sollte, da durch den Eingriff sofort Krebszellen versehentlich ins Blut gelangen können und dadurch Metastasen verursachen können. Deswegen unternahmen die beiden nichts, so dass sich der Brustknoten immer weiter vergrößerte. Erst im Dezember 2022 wurde Christine so unruhig, dass sie zum Arzt ging. Sofort wurde ihr ein OP-Termin für Anfang Februar gegeben, obgleich man ihr sagte, dass es eventuell schon zu spät sein könne.

Am 09.02.23 (an ihrem 58. Geburtstag) erfuhr Christine dann die bittere Diagnose, dass ihr Krebs bereits in andere Organe gestreut hatte und eine Heilung nicht mehr sehr wahrscheinlich sei. Sie nahm die Nachricht äußerlich betrachtet tapfer und mit Fassung zur Kenntnis, zumal es jetzt endlich heim gehe. Doch machte sie sich zurecht Sorgen um Marcus, da sie daran zweifelte, dass er auch ohne sie das Leben allein bewältigen könne. Und dann kamen im Februar weitere Hiobsbotschaften auf Marcus zu: Sein Hauskreis hatte ihn ausgeschlossen, da er mehrere Male vehement dem Antimillenialismus widersprach, der in der Gruppe vertreten wurde. Dabei war es wohl weniger, dass der Hauskreisleiter Stephan anderen Lehrmeinungen gegenüber intolerant war, als vielmehr die Rechthaberei von Marcus. Kurz nachdem Marcus ausgeladen war, starb einer der Brüder plötzlich und unerwartet an Krebs, so dass sich der Hauskreis in der Folge komplett auflöste. Kurz danach starb dann auch noch Schwester Iris an Krebs, die Frau von Bruder Andreas Schmidt aus Rothenburg, mit dem Marcus schon seit über zehn Jahren ganz eng befreundet war. Die Ironie war dabei, dass Andreas als Krankenpfleger auf einer Krebsstation sowohl seiner Frau als auch Christine geraten hatte, sich nicht operieren zu lassen wegen des Risikos einer unkontrollierbaren Streuung der Krebszellen.

All dies war schließlich zu viel für Marcus. Und was keiner für möglich gehalten hatte passierte dann: Nach 27 Jahren trat ein Rezidiv (Rückfall) seiner letzten Psychose aus dem Jahr 1996 wieder auf, da ihn die Vorstellung, demnächst ganz allein in seinem Haus in Arbergen zu leben eine so große Belastung war, dass er sie nicht ertragen konnte. Zunächst verschwieg uns Christine, dass sich Marcus immer merkwürdiger verhielt und kaum noch mit ihr redete. Sie hoffte, dass dies schon bald vorübergehen würde. Aber dann kam der Tag, an dem sie Alarm schlug: Etwa Mitte März teilte sie mir am Telefon mit, dass Marcus schon seit Tagen kaum noch ein Wort sagte und wenn überhaupt nur wirres Zeugs. Einmal verlangte er von Christine sogar einen Beweis, dass sie wirklich seine Frau sei und erkannte auch ihre gemeinsame Havaneser-Hündin Biene nicht mehr an. Christine hielt es nicht mehr mit Marcus aus und wollte mal für eine Woche zu ihrer Schwester reisen. Daher bat sie mich und meine Schwester Diana, dass wir uns um Marcus kümmern mögen. Am nächsten Tag fuhr ich nach der Arbeit nach Arbergen zu Marcus, wo ich mich mit Diana und ihrem Mann Axel verabredet hatte. Sie waren schon vor mir angekommen und hatten Marcus in einem so erschreckenden Zustand vorgefunden, dass sie einen Krankenwagen riefen. Dies war eine heikle Entscheidung, denn Marcus war ja seit 22 Jahren gar nicht mehr krankenversichert, so dass wir die Kosten am Ende privat bezahlen müssten. Aber jetzt hatte die Gesundheit von Marcus absoluten Vorrang. Als die Sanitäter eintrafen, befragten Sie Marcus über seine Situation. Aber er war kaum in der Lage, Auskunft zu geben. Stattdessen versuchte er, alles herunterzuspielen und ihnen weiszumachen, dass alles in Ordnung sei. Doch dann ließ er sich schließlich überreden, doch lieber vorsichtshalber mal mitzukommen, wiewohl er dies nur sehr widerwillig tat. Doch im Aufnahmezimmer stritt er wieder vehement ab, dass er krank sei und wollte wieder nach Hause. Der liebevollen Überredungskunst von Diana war es am Ende zu verdanken, dass er dann doch einwilligte. Aber schon am nächsten Tag war Marcus wieder zuhause, nachdem er sich selbst entlassen hatte. Man hatte ihn weder untersucht, noch mit einer Therapie begonnen und ihm noch nicht einmal ein Medikament gegeben. Aber allein für den Aufenthalt und ein trockenes Brot mit Käse und Tee, sowie zwei nicht gewünschten Covid-Tests schickten sie Marcus später eine Rechnung von 1.260,15 € zzgl. 800 € für den Krankenwageneinsatz. Hätten wir das gewusst, dann hätten wir ihn lieber ins luxuriöse Parkhotel gebracht, das nur halb so viel gekostet hätte.

April – Juni 2023

Der Whistleblower

Ein Whistleblower („Pfeifenbläser“) ist ein Hinweisgeber, der wichtige Auskünfte über Missstände, illegales Verhalten oder moralische Verstöße in einer Organisation aufdeckt und heimlich meldet, oft unter Inkaufnahme von damit verbundenen Risiken, weil ihm die Aufklärung der Öffentlichkeit oder der arglosen Opfer von Betrug wichtiger ist als das Erwischtwerden und Erleiden persönlicher Konsequenzen. Und genau solch einen Hinweisgeber schenkte uns der HErr auf einmal für Uganda, und zwar in dem Bruder Kato Samuel Lubuulwa (53). Es war wirklich eine Ironie, das ausgerechnet dieser Bruder der Ehemann war von Petua Katumba, der Chefin von True-Light-Mission, diesem Spenden-Veruntreuungs-Verein, der die christliche Gutgläubigkeit und das Mitleid mit den armen Kindern dazu missbrauchte, um heimlich Gewinne für persönliche Interessen abzuzweigen. Denn Kato Samuel gab uns das, was wir nicht hatten: Beweise. Hintergrund für seinen Verrat war, dass er das Gebaren seiner Frau nicht mehr mit seinem Gewissen vor Gott vereinbaren konnte. Außerdem befürchtete er, dass seine Frau sich ohnehin in den nächsten Monaten von ihm scheiden lassen wolle, da sie nach seiner Vermutung eine heimliche Affäre mit ihrem Chef habe, einem Autohändler, der zugleich ein hoher Offizier beim Militär sei und ihr deshalb mehr bieten könne. Bei jeder Gelegenheit erniedrigte sie ihren mittellosen Ehemann mit Worten wie: „You are good for nothing!“ („Du bist zu nichts zu gebrauchen!“)

Kato Samuel berichtete mir, dass Petua ihm nie Einblick verschafft habe in ihre Finanzen, war sich aber sicher, dass sie sehr viel Geld habe und dies unmöglich allein durch ihr monatliches Gehalt erworben haben konnte. Denn sie besaß nicht nur ein teures Auto, sondern sogar drei große, vermietete Häuser. Entweder habe sie das Geld von ihrem Liebhaber oder sie habe immer heimlich Geld abgezweigt von den Spendengeldern. Da er als ehrenamtlicher Pastor keine Einnahmen hatte, sie aber so vermögend sei, habe sie keinerlei Respekt mehr vor ihrem Ehemann, dem sie gerade einmal nur ein monatliches Taschengeld zugestand. Diese finanzielle Abhängigkeit missbrauchte Petua aber regelmäßig, indem sie ihn häufig erpresste, um ihre Interessen durchzusetzen. Immer wenn sie z.B. sauer auf ihn war, fuhr sie ihn nicht zu seiner 2 km entfernten Gemeinde, so dass er den Weg dorthin zu Fuß gehen musste hin und zurück. Auch demütigte sie ihn oft, indem sie ihn einen Versager nannte. Irgendwann erkannte sie jedoch die Chancen hinter dem Predigtdienst, um Respekt und Anerkennung zu erlangen und wollte auch gerne in seiner Gemeinde predigen, was er ihr aber untersagte. Daraufhin erwarb sie den Titel eines „Reverend“ („Ehrwürden“) und verschaffte sich dadurch die Erlaubnis, in den anderen Gemeinden von TLM zu predigen. Sie war offensichtlich in allem eine Nachahmerin der Isabel bzw Jezabel der Bibel.

Von nun an verging keine Woche, in der mir Kato nicht neueste Skandale über TLM mitteilte: zum Beispiel kassierte der Verein heimlich Schulgelder von den bettelarmen Eltern der Kinder, obwohl es immer hieß, dass die Kinder von unseren Schulen den Unterricht gratis und durch Spenden finanziert bekommen. Ferner soll es auch eine US-Amerikanerin geben, die regelmäßig Spenden sammele, obwohl Petua uns versichert hatte, dass wir Deutschen die einzigen Spender von TLM seien. Dann verriet er uns, dass die Lehrer gerade einmal nur 80 Euro im Monat bekämen, obwohl sie auf den Quittungen 100 Euro bestätigen sollten. Wer heimlich etwas ausplaudern würde, verlöre sofort seinen Job. Die Mitarbeiter lebten in Angst und Schrecken vor den TLM-Leitern, die sogar vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckten. Ich bat Kato, Fotos und schriftliche Belege zu schicken, um sie an Marlies und Manuela weiterzuleiten, was er auch tat. Als Lawrence und Peter erfuhren, dass Kato unser Informant war, packten auch sie aus und bestätigten die Angaben von Kato. Nun war auch Manuela völlig überzeugt, dass wir fortan nicht mehr mit TLM zusammenarbeiten könnten. Wir versuchten, auch Marlies zu überzeugen, was jedoch nicht einfach war, da sie sich um die vielen Kinder sorgte. Zudem wollte sie handfeste Beweise sehen, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass es Christen gibt, die solche Betrügereien machen. Da sie herzensgut war, projizierte sie ihre eigene Arglosigkeit auf andere, die diese Naivität schamlos ausnutzten. So ließ sie sich zwölf Jahre lang von ihrem Wunschdenken leiten und sich von TLM im Bilde gesprochen „schimmeliges Brot“ vorzeigen (vergl. Josua 9:12-14), anstatt mit kritischem Blick nachzubohren und beharrlich die Einhaltung gängiger Regeln der Geschäftswelt einzufordern (1.Joh.4:1). Als Spendenempfängerin hatte Petua eine Bringschuld gegenüber Marlies gehabt, ihr umfangreich Rechenschaft abzulegen über alle Wünsche und Ausgaben, weshalb es geradezu lächerlich war, dass Petua der Marlies einredete, als ob wir als Kritiker eine Beweislast hätten, ihr Veruntreuung nachzuweisen. Dennoch gelang es Petua immer wieder, Marlies mit der Not des Lehrerpersonals zu erpressen, anstatt fehlende Gehälter erstmal aus ihrem eigenen Reichtum vorzuschießen.  Erpressung funktioniert immer durch einen vorgetäuschten Zeitdruck, der einem keine Zeit mehr lässt, mit Besonnenheit eine Behauptung zu prüfen. Marlies räumte schließlich ein, dass sie zwar immer wieder Fragen gestellt hatte, aber sich aus falscher Demut immer wieder damit abgefunden hatte, dass man ihr die Fragen nie oder nie vollständig beantwortet hatte.

Nach vielen Gesprächen sah Marlies endlich ein, dass sie sich über den Tisch ziehen ließ und sich durch Leichtgläubigkeit mitschuldig gemacht hatte an der Veruntreuung von Spendengeldern. So schrieben wir gemeinsam eine E-Mail an TLM, dass sie fortan keine direkten Spenden mehr von uns bekämen, sondern nur noch durch Lawrence und Peter, denen sie von nun an für jede Zahlung Rechenschaft abgeben müssten. Dazu war TLM aber nicht bereit. Petua vermutete, dass die beiden es waren, die sie verraten hätten und schlossen sie ganz aus TLM aus. Daraufhin beschlossen wir, dass Lawrence und Peter die Spendengelder gezielt an die Eltern der Schüler, sowie an Bedürftige verteilen sollten, wodurch wir TLM umgangen in der Hoffnung, dadurch den Veruntreuungssumpf trocken zu legen. Petua antwortete jedoch hochnäsig, dass sie sich nicht erpressen lasse und auch angeblich gar nicht auf unsere Hilfe angewiesen sei. Da war ich wirklich baff und schreib Marlies: „Wenn das stimmt, dass TLM nicht auf uns angewiesen sei, was haben sie dann all die Jahre mit unseren 8.000 Euro im Monat angestellt?

Es dauerte jedoch nicht lange, da versuchte Petua, sich wieder bei Marlies anzubiedern durch viele Komplimente und fromme Sprüche. Auch versuchte sie, einen Keil zwischen uns zu treiben, indem sie schlecht von mir redete und Marlies heuchlerisch darum bat, dass doch wieder „alles so wie früher sei möge“. Manuela und ich baten Marlies inständig, sich nicht von Petua betören zu lassen. Manuela buchte einen Flug für Juni, um die neu entstandene Lage vor Ort aufzuklären und die Spendenverwaltung neu zu organisieren. Zum Ende ihrer Reise rief sie mich aus Uganda an und sagte: „Simon, es ist alles noch viel schlimmer als ich es mir hätte vorstellen können. Ich habe so viele neue schockierende Informationen über TLM, die ich Euch aber erst bei meiner Rückkehr nach Deutschland berichten werde. Es ist alles so heftig, dass ich sogar schon Angst um mein Leben habe, denn TLM weiß, dass ich jetzt die ganze Wahrheit erfahren habe, und diese Leute sind wirklich zu allem fähig. Ich will nur noch weg aus Uganda!“ Als sie in Deutschland ankam, wurde Manuela jedoch auf einmal schwer krank und reagierte gar nicht mehr auf unsere Anfragen. Kurz darauf erfuhren wir, dass sie plötzlich gestorben war, und das gerade einmal nur im Alter von 58 Jahren!

Aber was wir wussten, genügte uns längst. Marlies war einverstanden, die Spendengelder von nun an ausschließlich über Lawrence und Peter verteilen zu lassen, die jetzt auch detailliert Nachweise sandten von allen Empfängern mit Unterschrift und Fotos. Bald darauf stießen auch Freddy und George zum Team dazu, die ebenso ihre Jobs verloren. Petua war außer sich vor Wut, aber ahnte noch immer nicht, dass ausgerechnet ihr Ehemann Kato Samuel den Stein ins Rollen gebracht hatte. Ich empfahl ihm, dass er sich seiner Frau offenbaren sollte und von ihr fordern müsse, sich ihm als Ehemann zu unterstellen, was eine Offenlegung ihrer Einnahmen mit einschließe. Kato hatte jedoch Angst vor ihrer Reaktion, was ja auch durchaus verständlich war. Dennoch überredete  ich ihn, dass er besser Gott fürchten sollte und das Risiko einer Trennung in Kauf nehmen müsse. Wir beteten gemeinsam intensiv, und Kato fasste allen Mut zusammen, um seine Frau Petua mit der Wahrheit zu konfrontieren. Sie reagierte gefasst, umarmte ihn sogar und versprach, ihn in Zukunft mehr zu achten. Leider hielt dieser Vorsatz nicht lange, so dass die Demütigungen am Ende noch schlimmer wurden. Zeitweise flüchtete Kato vor ihr und hielt sich tagelang mit Fasten und Beten in seiner Kapelle auf. Ich wollte wirklich nicht in seiner Haut stecken.

Unterlassene Hilfeleistung

Ende April rief mich Christine auf der Arbeit an und flehte mich um Hilfe an: Marcus habe nach einer kurzen Genesungsphase nun schon wieder einen Rückfall gehabt und sei zu einem lebenden Toten geworden, der nicht mehr rede, aber auch seit Tagen nicht mehr esse und trinke, sondern nur noch gedankenlos in der Wohnung stehe und ihr Angst mache. Sie habe schon genug zu schaffen mit ihren ständigen Schmerzen wegen ihrer Krebserkrankung und bat mich, Marcus in die Psychiatrie zu bringen. So fuhr ich nach Arbergen und von dort mit Marcus ins ZKH Bremen-Ost. Doch als ich einen Moment abgelenkt war, verschwand Marcus plötzlich, so dass ich ihn auf dem Krankenhausgelände wieder einfangen musste. Nachdem wir dann beim diensthabenden Psychiater vorstellig geworden waren, bat dieser uns, draußen Platz zu nehmen, bis er uns wieder aufrufe. Doch dann ging ein unerträgliches Katz und Maus-Spiel los, denn Marcus versuchte immer wieder wortlos, aus dem Krankenhaus zu flüchten, so dass ich keine Minute von seiner Seite weichen konnte. Immer wieder musste ich ihn mit aller Kraft vor einer erneuten Flucht zurückhalten, indem ich z.B. die Notausgangstür ins Freie mit aller Gewalt versperrte. Nach gefühlten zwei Stunden war Marcus durch seine Fluchtversuche so ermattet, dass er beim Gehen nicht mehr die Augen offenhalten konnte und daher sogar gegen die Glastüren stieß.

Als wir dann endlich an der Reihe waren, wurde Marcus auf die geschlossene Station 71 gebracht, wo auch mein Vater 20 Jahre zuvor gearbeitet hatte. Marcus war inzwischen völlig im Stehen eingeschlafen, so dass ich ihn – ohne zuvor seine Kleidung zu wechseln – wie einen 2 m langen Baumstamm ins Bett legte, wo er regungslos liegen blieb. Ich erklärte der Praktikantin auf der Station, dass Marcus seit Tagen nichts getrunken habe und deshalb unbedingt eine Infusion brauche. Als ich ihn zwei Tage später besuchen kam, lag er noch genauso da, ohne dass er auch nur die geringste Pflege bekommen hätte. Ich schimpfte mit der Krankenschwester, die lediglich ihm eine Flasche Wasser ans Bett gestellt hatte, die noch immer ungeöffnet auf dem Tisch stand. Sie sagte, dass er sich eingenässt hätte, aber man die Spuren schon beseitigt hatte. Ich rief den leitenden Stationsarzt und fragte, warum Marcus immer noch keine Infusion bekommen hätte. Er sagte, dass man versucht habe, ihm eine Tablette mit Flüssigkeit zu verabreichen, aber er die Zähne zugebissen habe. Marcus lag seit über 48 Stunden ungewaschen und steif auf dem Rücken wie ein Koma-Patient, um den sich niemand kümmerte aufgrund von Personalmangel. Daher rief ich meine Schwester Diana an, ob sie mal kommen könne. Sie machte sich auf den Weg und leitete schon gleich nach ihrer Ankunft als examinierte Altenpflegerin Erste-Hilfe-Maßnahmen ein, indem sie ihm mit einem Trichterbecher erst einmal 1,3 Liter Wasser mit sanfter Gewalt in den Mund einflöste, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Dadurch rettete sie ihm das Leben. Sie erzählte später, dass das Krankenhaus sogar dazu verpflichtet war, die Flüssigkeitszuvor ihrer Patienten zu dokumentieren.

Marcus blieb noch drei weitere Tage auf der Station und kam allmählich zu sich. Sofort bat er wieder um seine Entlassung und fuhr nach Hause. In den Tagen danach ging es ihm zunächst deutlich besser, aber dafür ging es Christine zunehmend schlechter: Nach einer Bestrahlung war ihr Magen so sehr geschädigt, dass sie die Morphium-Tabletten ständig wieder erbrechen musste. Einmal rutschte Marcus sogar auf dem Erbrochenen aus als er lief, um sie auf Toilette zu bringen. Da sich der Krebs bereits in ihrer Wirbelsäule ausgebreitet hatte, bestand die Gefahr, dass allein durch einen Hustenanfall ihre Wirbelsäule brechen könnte. Christine sagte nur sarkastisch, dass das nicht schlimm sei, weil sie dann wenigstens keine Schmerzen mehr spüren würde. Christine bekam nun Windeln, die Marcus regelmäßig wechseln musste. Und da sie die Tabletten nicht mehr vertrug, gab der Pflegedienst ihr Fentanyl-Pflaster, die noch 100-mal stärker wirkten wie Morphium. Bald darauf ging es Christine deutlich besser. Als Marcus sich jedoch eines Abends beim Wechseln des Pflasters auf Christines Rücken ungeschickt anstellte, verklebte das Pflaster so sehr, dass es nach dem Anbringen kaum noch Klebkraft hatte und die Wirkung entsprechend schwach war. Christine schimpfte mit ihm, und Marcus fühlte sich in diesem Moment wie der letzte Versager.  Er war mit der ganzen Situation heillos überfordert und brauchte ja selber Hilfe und Unterstützung.

Schwester Lotte (44) aus unserem Hauskreis erklärte sich nun bereit, Christine bis zu ihrem Tod zu pflegen. Sie zog also in das Haus in Arbergen ein und verbrachte die nächsten drei Monate fast 24 Std. am Bett von Christine, mit der sie neben Füttern und Windelwechseln auch regelmäßig zusammen betete und ihr aus der Bibel vorlas. Insgeheim hoffte ich, dass sich dadurch auch Marcus und Lotte besser kennenlernen, so dass Lotte vielleicht später seine Frau werden könnte. Aber Lotte wollte von Marcus nichts wissen und erklärte ihm immer wieder, dass sie nur für Christine da sei. In der Folge hatte Marcus dann immer wieder psychotische Abstürze, die meist immer mehrere Tage andauerten. Einmal besuchte ich ihn mit Ruth, aber Christine sagte, dass er schon vor Stunden das Haus verlassen habe und sich Sorgen mache, er könne vielleicht hinter dem Baggersee unter der Brücke sitzen und sich im Wahn vor einen der vorbeifahrenden Schnellzüge werfen. Und tatsächlich trafen wir Marcus dort an. Er ging wie ein Zombie auf uns zu, zeigte aber keinerlei Affekte, als ich ihn umarmte. Auf all meine Fragen gab er mal wieder keine Antwort, sondern ging langsamen Schrittes ins Nirgendwo. Sein Gehirn war quasi ausgeschaltet, und er handelte nur noch instinktiv. Später vertraute er mir an, dass er uns zwar wahrnahm, aber gerade den schlimmsten Horrortrip im Kopf erlebte. Darüber berichten wollte er aber nicht. Ein anderes Mal sah ich Marcus zufällig an einer Bushaltestelle warten. Ich hielt den Wagen abrupt an und rief ihn. Doch in diesem Moment lief er wie panisch weg, als habe er mich gesehen. Als ich dann zu ihm nach Haus fuhr, schossen mir Tränen in die Augen bei der Vorstellung, dass Marcus demnächst vielleicht für immer Patient in einer psychiatrischen Einrichtung sein werde. Ich betete, dass Gott ihn doch wieder ins Leben zurückholen möge und sein Verstand wieder zu ihm zurückkehre. Und tatsächlich blieb Marcus daraufhin über Wochen und Monate stabil, wenn auch verunsichert und verängstigt.

Doch dann bekam Marcus vom Krankenhaus eine weitere Rechnung für die eine Woche, in der sie ihn durch Unterlassung fast umgebracht hätten, und wollten insgesamt etwa 3.300,- € von ihm, da er nicht versichert war. Daraufhin schrieb ich dem Krankenhaus, dass nach meiner Auffassung als rechtlicher Laie „Das Rechtsgeschäft unwirksam sei aufgrund

1.)        Seiner Beschränkten Geschäftsfähigkeit (nach § 104 BGB, Abs.2 ist ein Vertrag erst dadurch zustande gekommen, sofern „die freie Willensbestimmung einer Person sich nicht in einem ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit befindet“).

  • Offener Einigungsmangel und fehlende Beurkundung (nach § 154 BGB, Abs.1 gilt ein Rechtsgeschäft erst dann als vertraglich vereinbart, wenn sich beide Seiten „über alle Punkte eines Vertrages geeinigt haben“, also z.B. auch über die Höhe der Kosten. Da diese jedoch vor Einwilligung zur stationären Aufnahme nicht bekannt gemacht wurde und mein Bruder von deutlich niedrigeren Kosten ausgehen musste, die sich im Bereich von 300,- bis 400,- € bewegen, hätte er einer Aufnahme nicht zugestimmt, wenn er von der Höhe der Kosten gewusst hätte.)
  • Missverhältnis zwischen berechneter und erbrachter Leistung (nach § 138 BGB Abs. 2 ist ein Rechtsgeschäft nichtig, „durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.“ Solch ein Missverhältnis kann auch nicht durch die Berufung auf irgendwelche Fallpauschalen, die dem Betreffenden völlig unbekannt sind, geheilt werden, selbst wenn sie „gängige Praxis“ wären. Hierbei soll ja nicht die Angemessenheit der Fallpauschalen an sich angezweifelt werden, sondern nur deren Anwendung auf den vorliegenden Einzelfall).

Zudem besteht der Vorwurf auf unterlassene Hilfeleistung (§ 229 StGB Fahrlässige Körperverletzung, §13 StGB Begehen durch Unterlassung, § 630a BGB Behandlungsfehler, § 630f BGB Fehlende Dokumentationspflicht, § 280 BGB Schadenersatz/ Schmerzensgeld), da mein Bruder vier Tage lang so gut wie nichts getrunken hatte und man ihm trotz ausdrücklicher Bitte um eine Infusion erst nach meinem Besuch am 28.04.23 eine Infusion geben wollte, als er schon völlig dehydriert war und ein Organversagen drohte laut Auskunft des Oberarztes. Einen kranken Menschen einfach im Bett vor sich hinvegetieren zu lassen, ohne ihn zu pflegen, aber dafür Tausende von Euros kassieren zu wollen, ist einfach ein Skandal!“

Um weiteren Streit zu vermeiden, bot ich dem Klinikum Ost als Vergleich an, für die Übernachtungen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht pauschal 500,- € zu zahlen und im Gegenzug auf eine Klage zu verzichten. Nachdem ich den Brief abgeschickt hatte, teilte ich Marcus mit, dass er sich keine Sorgen machen müsse, da ich mich um diese Rechnungen gekümmert hätte. Marcus erwiderte: „Wieso? Die Rechnungen hat Vater doch schon beglichen.“ – „Aber ich hatte Dir doch gesagt, dass Du die gar nicht in voller Höhe bezahlen musst! – So waren wir doch verblieben.“ – „Ja, tut mir leid,“ sagte Marcus, „aber ich konnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, da ich ja 25 Jahre nicht versichert war.“ – „Aber dass Vater die Rechnungen für Dich bezahlt hat – das konntest Du mit Deinem Gewissen vereinbaren?!

Friedrich Merz und sein Machterhalt um jeden Preis

 

„Ein Mann mit geteiltem Herzen ist unbeständig in allen seinen Wegen.“   (Jak.1:8)                          

„Es war niemand wie Ahab, der sich verkaufte, um Böses zu tun.“ (1.Kön.21:25)

Der Kanzler einer Partei, die mit einer christlichen Prägung auftritt und wirbt, steht vor Gott unter einer besonders hohen moralischen Verantwortung, denn er bedient sich ja des Namens Christi. „Wem viel gegeben ist, von dem wird viel verlangt werden“ (Luk.12:28). Christlich gewählt zu werden bedeutet nicht, nur formal korrekt zu handeln, sondern wahrhaftig, verantwortlich, treu und dem Auftrag entsprechend verlässlichzu sein. Er kann nicht im Wahlkampf umfassende Veränderungen versprechen und anschließend genau das Gegenteil tun, denn „Euer Wort aber soll sein: Ja, ja; Nein, nein; was darüber hinausgeht, das ist vom Bösen“ (Mt.5:37). Wenn man im Wahlkampf eine klar christlich-konservative Richtungsänderung ankündigt und anschließend eine Politik fortgeführt wird, die dem klar widerspricht, dann ist das biblisch kein neutraler Vorgang, sondern fällt unter Psalm 15:4 „…der seinen Eid hält, auch wenn es ihm schadet.“ Nicht der Machterhalt, sondern die Treue zur Wahrheit ist der Maßstab.

Als Friedrich Merz am 06.05.2025 sein Amt zum Bundeskanzler antrat, leistete er einen Amtseid:

Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

Seither hat Merz durch Nichtstun Deutschland in die „tiefste Krise seit der Nachkriegszeit“ getrieben (Peter Leibinger, BDI-Präsident). Schon zur Zeit der Ampelregierung war ein umfassender politischer Kurswechsel überfällig, denn Investoren verloren das Vertrauen, weil strukturelle Probleme jahrelang nicht gelöst wurden. Seit Jahren lähmen Bürokratie, Energiekosten und politisches Chaos die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die Verbände drohten mit massivem Stellenabbau und Abwanderung, wenn die Kosten und Abgaben weiter so hoch blieben. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an Friedrich Merz, der noch im Wahlkampf immer wieder betont hatte: „LINKS IST VORBEI!“ Doch nach acht Monaten stellen die Bürger ernüchtert fest, dass Kanzler Merz all seine Wahlversprechen gebrochen hat und von allen guten Ideen, die er von der AfD abgeschrieben hatte, nicht eine einzige verwirklichen konnte, da er von seinem kleinen Koalitionspartner SPD jedes Mal daran gehindert und mit einem Verlust seines Amtes erpresst wurde. Dabei hätte er mühelos alle Versprechen umsetzen können, wenn er mit der AfD eine große Koalition eingegangen wäre, um Deutschland wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Aber er fürchtete, dass die linken Staatsmedien ihn dann als rechtspopulistischen Umfaller angeprangert hätten und er durch die gegen ihn aufgehetzte Masse seine Kanzlerschaft verloren hätte. Der Verrat an seinen Wählern und der damit in Kauf genommene wirtschaftliche Niedergang Deutschlands und einen damit verbundenen Stellenabbau nahm er damit billigend in Kauf, weil ihm sein Amtsgehalt von ca 40.000 €/Monat inkl. Ruhm und Anerkennung wichtiger war, als der Job von 500.000 Familienvätern.

  1. Ungeheure Neuverschuldung – als gäbe es kein Morgen

Dass Politiker ihre Wahlversprechen nicht immer erfüllen können, kann mitunter ohne eigenes Verschulden passieren. Wenn der Bruch eines Wahlversprechens jedoch von Anfang an geplant war wie etwa die illegale und undemokratische Verfassungsänderung zur Aufhebung der Schuldenbremse mit Hilfe des alten, abgewählten Bundestages und äußerst verwerflicher Zugeständnisse an die Grünen zur Erlangung einer Mehrheit dafür, dann ist das arglistiger Betrug zum Schaden zukünftiger Generationen, die die 1,5 Billionen Euro mit zuzüglich 70-100 Milliarden Euro Zinsen allein in den nächsten vier Jahren durch Einsparungen abbezahlen müssen. Merz hatte zwar versprochen, dass dieses Geld nur für Verteidigungs- und Investitionsausgaben verwendet werden sollte, aber inzwischen hat sich herausgestellt, dass diese eher zum Stopfen von Haushaltslöchern und den unzähligen linken NGO-Projekten ausgegeben werden. Merz hatte vor der Wahl immer wieder versprochen, den NGO-Sumpf endlich trocken zu legen, d.h. die unkontrollierte staatliche Förderung politisch linker Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) zu begrenzen. Tatsächlich stieg aber sogar das Budget für das Mogelpackungsprogramm „Demokratie leben!“ (eine orwellsche Begriffsverdrehung), ein Topf mit dem 620.000 ausschließlich sozialistische und demokratiefeindliche Aktivisten-Vereine alimentiert werden mit ca. 4 Milliarden Euro. Dazu zählen nicht nur die sog. „Antifa“ oder die „Omas gegen Rechts“, die für die Teilnahme an den Demonstrationen gegen Regierungskritiker von der Regierung bezahlt werden, sondern auch Meldestellen und Vereine, die sich Desinformationskampagnen ausdenken sollen, um die Opposition zu unterdrücken (Correctiv, Campact, HateAid, Zentrum für Politische Schönheit etc). Hier wird also millionenfach Steuergeld veruntreut, um die Meinungsfreiheit zu unterdrücken zum Schutze einer Zombie-DDR 2.0 aus linken Einheitsparteien mit linksgrüner Wirtschafts-Ideologie unter dem Schutz von linientreuen Spitzel-Diensten.

  1. Das Märchen von der Migrationswende

Immer wieder behauptet Friedrich Merz Mantra-artig, dass seine Regierung angeblich konsequent die Anzahl der Asylerstanträge um 60 % reduziert habe, was aber gelogen ist. Zwar sind die Asylanträge von Sept.24 bis März 25 tatsächlich um 60 % zurückgegangen, – dies geschah jedoch noch zur Zeit der Ampelkoalition und nicht in seiner Amtszeit. Seither stagnieren sie Zahlen, so dass man nicht von einer „Wende“ sprechen kann, außer vielleicht von einer kommunikativen Wende, sozusagen eine Gute-Nacht-Geschichte für das Abendjournal. Merz hatte ja großspurig angekündigt, dass er „am ersten Tag meiner Amtszeit… im Wege der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers anweisen, die deutschen Staatsgrenzen zu allen unseren Nachbarn dauerhaft zu kontrollieren und ausnahmslos alle versuche der illegalen Einreise zurückzuweisen“. Auch hier waren seine hochtrabenden Ankündigungen nichts als Wunschdenken: Während es im Zeitraum von Mai bis Nov. 2025 insgesamt gerade einmal nur 1.153 Zurückweisungen von Asylbewerbern gab, sind zugleich 57.136 neue Migranten illegal ins Land eingereist. Dieser Placebo-Grenzschutz ist nüchtern betrachtet nichts als eine 98-Prozent-Durchwink-Grenzpolizei mit ernstem Blick.

  1. Der Wärmepumpen- und Kernkraftwerks-Rückzieher

Im Wahlkampf hatte Merz noch versprochen, die Stromsteuer zu senken und „die Energiepolitik auf Bezahlbarkeit auszurichten“ Zitat: „Wir schaffen das Heizungsgesetz der Ampel ab. Mit dem bürokratischen Reinregieren in den Heizungskeller muss Schluss sein … Eine wachsende Wirtschaft braucht mehr Strom und grundlastfähige Kraftwerke, um Versorgungssicherheit zu garantieren … wir werden keine Deindustrialisierung unseres Landes akzeptieren … Unser Ziel ist es, dauerhaft niedrige, planbare und international wettbewerbsfähige Energiepreise zu erreichen.“ Diese Maßnahmen sollten angeblich „bereits in den ersten 100 Tagen nach Amtsantritt spürbar werden“ Zitat Ende. Doch nach seinem Amtsantritt ist von all diesen vernünftigen Ankündigen, die Merz von der AfD kopiert hatte, nichts als heiße Luft übriggeblieben, da die SPD weder die Abschaffung von Habecks Heizungsgesetz noch die Rückkehr zur Kernenergie mitzumachen gedachte, weshalb er jetzt nur noch kleinlaut von einer „Neuauflage oder Reform“ des Heizungsgesetzes spricht. Die letzten drei Atommeiler wurden einfach runtergefahren und gesprengt, ohne dass es irgendeine wirkliche Ausstiegsstrategie für die Zukunft gab, um den enormen Strombedarf der deutschen Industrie sicherzustellen. Es ist in etwa so, als würde man die Schulmedizin in Deutschland verbieten und die alternativmedizinische Quacksalberei zur Pflicht erheben.

  1. Der angebliche „Herbst der Reformen“ — am Ende nur eine weitere Durchhaltefloskel

Gerne fabuliert Merz in Interviews von einer „Aufhellung der Stimmung in der Wirtschaft“ oder einem angeblichen Wirksamwerden steuerlicher Entlastungen für Bürger und Wirtschaft. Wenn man ihn aber dann mit Zahlen aus der Realität konfrontiert, verweist er darauf, dass eine grundlegende Strukturreform der Renten oder des Bürgergelds eben mehr Zeit benötige und man ja wenigstens „begonnen habe … Debatten über den Sozialstaat zu führen, … Denn schließlich müssen wir Reformen beschießen…“ (Neujahrsansprache). Er ruft also zum Optimismus auf und hofft, dass vielleicht im Jahr 2026 irgendeine äußere Fügung die SPD zum Einlenken bringen könnte. Merz verhielt sich wie ein Flugschüler, der zusammen mit dem Kidnapper SPD den Flugkapitän AfD fesselt („Brandmauer“), um dann ohne Erfahrung und ohne Kurs das Flugzeug Deutschland zu starten…

Wenn die Gerechten herrschen, freut sich das Volk; wenn der Gottlose regiert, seufzt es“ (Spr.29:2).

Hier geht es nicht um AfD oder SPD, sondern darum, wessen Wille umgesetzt wird und wer am Ende die Konsequenzen trägt? Eine selbst auferlegte politische Blockade, die dazu führt, dass der eigene Wählerauftrag nicht mehr erfüllt werden kann, ist verantwortungslos – etwa so wie jener feige Mietling aus Joh.10:13, der vor dem Wolf flieht und die Herde im Stich lässt. Ein solch treuloser Hirte kann nicht mehr im Amt bleiben (Hes.34:2-4). Die Menschenfurcht hat Friedrich Merz zu Fall gebracht (Spr.29:25). Deshalb lasst uns dafür beten, dass dieser Treuebruch von Merz und die damit mutwillige Preisgabe Deutschlands von Gott gerichtet werden möge, indem die Koalition keinen weiteren Bestand mehr habe (Mal.2:10, 2.Kor.6:14f)!

 

 

 

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