„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet Seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem anderen, und eine Nacht meldet der anderen die Kunde davon. Keine Rede und keine Worte, doch gehört wird ihre Stimme.“ (Ps.19:1-3)
Liebe Geschwister,
Die Gnade unseres HErrn Jesus Christus und der Friede Gottes seien mit Euch!
Als ich vor 20 Jahren mal mit meiner Frau in Kappadokien (Türkei) war, sahen wir eine Berglandschaft, die völlig surreal war: Man sah überall 30 bis 40 m hohe, kegelförmige Zipfelmützen-Berge, auf deren Spitze sich jeweils ein tonnenschwerer Fels als Zipfel befand. Wie konnte dieser dort hingelangen? Ich fragte den Reiseleiter, und er erklärte uns, dass vor ca. 40 Millionen Jahren mehrere Vulkane dort ausgebrochen waren, deren Asche sich in Schichten zu weichem und porösem Tuff verfestigte. Darüber lagerte sich später eine härtere Schicht aus Basalt-Gestein. Durch Wind, Regen und Frost ist das weiche Tuff-Gestein größtenteils erodiert und abgetragen worden. Nur dort, wo es diese Felsplatten gab, war das darunter befindliche Tuff-Gestein geschützt, so dass sich dort diese Kegel bildeten. Wir sahen später, dass die Menschen sich in diesen Bergkegeln Häuser bauten, indem sie das poröse Gas-Gestein einfach ausschabten. Ab dem 4. Jh. haben sich Christen aus diesem Tuff-Gestein Kirchen und Klöster gehauen und sich dort angesiedelt. Vom 8.-11. Jh erreichte der Bau von diesen Felskirchen ihre Blütezeit. Man sieht unzählige Heiligenbilder, die im inneren der Höhlen an die Wände gemalt wurden. Sie wurden später von den muslimischen Osmanen z.T. zerkratzt.
Wenn es diese Zipfelmützen-Berge schon vor weit mehr als 2000 Jahren gab, wie konnte die Erde dann erst 6000 Jahre alt sein?
Als bibeltreue Christen sind wir alle selbstverständlich davon überzeugt, dass Gott die Erde erschuf durch Seinen Sohn Jesus Christus. WIE Er sie jedoch erschuf und wie lange Er sich dafür Zeit nahm, darin sind sich längst nicht alle Gläubigen einig, zumal der Glaube an eine buchstäbliche Auslegung von 1.Mo. 1 heute im vielfachen Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen steht. Im Folgenden möchte ich zunächst einmal die vier gängigen Sichtweisen von der Schöpfung vorstellen:
- Der Junge-Erde-Kreationismus geht davon aus, dass Gott die Welt in sechs gewöhnlichen 24-Std.-Tagen erschaffen hat und dass die Erde ca. 6.000 oder 10.000 Jahre alt ist. Diese Sicht stützt sich vor allem auf eine wörtliche Auslegung von 1. Mose 1 sowie auf die Stammbäume des AT.
- Die Gap-Theorie versucht, die biblischen Aussagen mit der Annahme einer alten Erde zu verbinden. Nach dieser Auffassung liegt zwischen 1. Mose 1:1 und 1. Mose 1:2 ein unbestimmbar langer Zeitraum. In dieser Zeit könnten Milliarden Jahre vergangen sein. Die sechs Schöpfungstage beschreiben dann nicht die ursprüngliche Schöpfung, sondern eine spätere Wiederherstellung. Diese Sicht war besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitet.
Der Alte-Erde-Kreationismus akzeptiert die wissenschaftlichen Hinweise auf ein hohes Alter der Erde, lehnt aber die biologische Evolution weitgehend ab. Die „Tage“ der Schöpfung werden dabei entweder als lange Zeitalter verstanden oder aber, dass es zwischen den 24-Std.-Schöpfungstagen lange Zeiträume von Millionen oder Milliarden Jahre gab, in denen Gott nichts Neues erschuf.- Die Gott-geleitete Evolution – auch „evolutionäre Schöpfung“ genannt – geht davon aus, dass Gott der Schöpfer aller Dinge ist und die Evolution das Werkzeug war, durch das Er das Leben hervorbrachte. Demnach stehen Naturwissenschaft und Glaube nicht in Konkurrenz. Die Evolution erklärt die Mechanismen der Entwicklung, während Gott ihr Ursprung, Ziel und Erhalter ist.
Laut einer groben Schätzung glauben heute noch ca. 30 – 60 % der US-Evangelikalen an einen Junge-Erde-Kreationismus, 20 – 40 % glauben hingegen an einen Alte-Erde-Kreationismus (inkl. Anhänger der Gap-Theorie), und 25 – 45 % glauben an eine evolutionäre Schöpfung (Theistische Evolution.)
Bis vor etwa sieben Jahren habe ich noch überzeugt den Junge-Erde-Kreationismus vertreten. Aufgrund erdrückender Widersprüche zu den geologischen Tatsachen und bestimmter Bibelstellen hielt ich dann bis vor kurzem auch den Alte-Erde-Kreationismus für denkbar. Inzwischen kann ich mir sogar vorstellen, dass eine von Gott geleitete Evolution im Einklang ist mit der Heiligen Schrift und keineswegs die Autorität und Glaubwürdigkeit der Bibel untergraben würde. Die Bibel muss nicht naturwissenschaftlich präzise gelesen werden, um wahr zu sein. Vielmehr spricht sie häufig in Bildern, Symbolen und allgemein verständlicher Sprache über Wirklichkeiten, die weit über das Verständnis ihrer ursprünglichen Leser hinausgingen. Dieser Artikel soll erklären, warum ich zu dieser Überzeugung gekommen bin. Mein Ziel ist nicht, jemanden anzufechten oder seinen Glauben zu erschüttern. Vielmehr möchte ich zeigen, dass Gläubige die Bibel hochachten und zugleich eine alte Erde sowie die Evolution als Gottes Schöpfungswerk akzeptieren können.
Wie Christen die Genesis in den letzten 2.000 Jahren verstanden haben
Viele Christen glauben, dass nur die wörtliche 24-Stunden-Auslegung die historische Position der Gemeinde gewesen sei. Tatsächlich ist die Geschichte deutlich vielfältiger.
Bereits die ersten christlichen Denker waren sich nicht immer einig. Im 3.Jh. argumentierte der Kirchenvater Origenes, dass manche Aussagen in Genesis offensichtlich symbolisch verstanden werden müssten. Noch bemerkenswerter ist die Position von Augustinus von Hippo. Er vertrat die Auffassung, dass Gott die gesamte Schöpfung augenblicklich ins Dasein gerufen habe und die sechs Tage eher eine logische als eine zeitliche Ordnung darstellen. Augustinus warnte sogar davor, Christen sollten sich nicht auf naturkundlichen Gebieten lächerlich machen, indem sie Behauptungen aufstellen, die klar den beobachtbaren Tatsachen widersprechen (De Genesi ad litteram).
Im Mittelalter wurde der Schöpfungsbericht wortwörtlich verstanden. Gleichzeitig war die Überzeugung verbreitet, dass die Hl. Schrift mehrere Bedeutungsebenen besitzt: eine wörtliche, eine moralische und eine geistliche. Niemand betrachtete die Bibel als naturwissenschaftliches Lehrbuch.
Auch die Reformatoren hielten grundsätzlich an der historischen Wirklichkeit der sechs Schöpfungstage fest. Doch selbst hier finden wir unterschiedliche Akzente. Die Reformatoren wollten vor allem die Botschaft des Textes verstehen und nicht moderne naturwissenschaftliche Fragen beantworten.
Mit der Entwicklung der Geologie im 18. Jh. wurde immer deutlicher, dass die Erde sehr viel älter sein musste als bisher angenommen. Viele christliche Gelehrte versuchten deshalb, die biblischen Texte neu zu untersuchen. Daraus entstanden die Gap-Theorie und andere alte-Erde-Modelle.
Als Charles Darwin im 19.Jh. seine Evolutionstheorie veröffentlichte, reagierten Christen unterschiedlich. Manche lehnten sie vollständig ab. Andere sahen darin möglicherweise einen Mechanismus, durch den Gott Seine Schöpfung entfaltet haben könnte. Seit den 60er Jahren des 20. Jh. Gibt es eine große Bewegung von gläubigen Naturwissenschaftlern (Kreationisten), die versuchen, den 6-Tage-Bericht mithilfe wissenschaftlicher Beobachtungen als möglich darzustellen.
Spricht die Bibel immer naturwissenschaftlich?
Der eigentliche Wendepunkt meines Denkens war die Erkenntnis, dass die Bibel oft nicht die Sprache wissenschaftlicher Präzision verwendet. Das überrascht eigentlich nicht. Die Bibel wurde für Hirten, Bauern, Fischer, Könige, Gelehrte und einfache Menschen geschrieben, nicht aber für Astrophysiker oder Molekularbiologen. Bis heute sagen wir z.B.: „Die Sonne geht auf“ (Pred.1:5), aber naturwissenschaftlich wissen wir, dass die Erde rotiert. Trotzdem verwendet jeder diese Ausdrucksweise, und niemand würde einem Wettermoderator deshalb wissenschaftliche Fehler vorwerfen.
Mehrfach spricht die Bibel von den „Enden der Erde“ (5.Mo.33:17, 1.Sam.2:10, Hi.28:24, Ps.2:8, 22:27 usw.). Niemand versteht dies heute als Aussage über eine flache Erde mit vier Ecken, denn es handelt sich um bildhafte Sprache. Gleiches gilt für die „Pfeiler der Erde“ (1.Sam.2:8) oder die „Säulen des Himmels“ (Hi.26:11). „Er hat die Erde gegründet auf ihre Grundfesten; sie wird nicht wanken immer und ewiglich“ (Ps.104:5) – aber faktisch bewegt sich die Erde, und zwar mit einer Geschwindigkeit von 107.200 km/h um die Sonne (30-mal schneller als eine Gewehrkugel!) und sogar mit 818.000 km/h in der Milchstraße.
Elihu ging davon aus, dass er bei seiner Erschaffung „vom Tone abgekniffen wurde“ (Hi.33:6). Und David war davon überzeugt, dass seine Gebeine „in den untersten Örtern der Erde“ gemacht wurden (Ps.139:15). Zugleich wusste er, dass Gott ihn nicht direkt erschuf, sondern ihn im Leib seiner Mutter „bildete“ bzw. er „gewoben“ wurde (V.13). Der schuf ihn also durch einen evolutionären Prozess im Mutterleib! Ein allmählicher, geschichtlicher Entwicklungsprozess ist auch gemeint, wenn Gott über Sein Volk Israel sagt: „Ich habe dich geschaffen, Jakob, und dich gebildet, Israel“ (Jes.43:1). Und auch in Bezug auf alle aktuell entstandenen Geschöpfe bezeugt Paulus in Kol.1:16, dass „alle Dinge durch Ihn und für Ihn geschaffen wurden“. Für die gegenwärtigen Geschöpfe gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass Gott sie durch einen Entstehungsprozess erschafft; aber für die ersten Geschöpfe soll dies nur durch einen Fingerschnipp möglich gewesen sein?
Die Bibel spricht von „Gottes Hand“ (5.Mo.11:2, 1.Sam.5:7+11, 6:3, 2.Chr.30:12), seinem „Arm“ (2.Mo.6:6, 5.Mo.4:34, Ps.89:14, Jes.51:9, 53:1, 59:16) oder Seinen „Augen“ (Ps.33:18, 34:16, Spr.15:3, Hi.34:21). Selbst überzeugte Fundamentalisten verstehen diese Stellen normalerweise nicht wörtlich, weil die Sprache offensichtlich metaphorisch ist. Und wenn Gott ein Volk „in die Hand Israels gab“ (1.Sam.17:47, 2.Chr.13:16) oder „für Israel kämpft“ (Jos.10:42) bzw. „Benjamin schlug vor Israel“ (Richt.20:35), dann weiß jeder, wie das gemeint ist, nämlich nicht wörtlich (wie auch?!), sondern metaphorisch, indem Gott unsichtbar auf den Sieg einwirkte.
Der Schöpfungsbericht als theologische statt naturwissenschaftliche Offenbarung
War der „Baum des Lebens“, der auch im Sprüchebuch immer wieder erscheint (Spr.3:18, 11:30, 13:12, 15:4) und auch in der Offenbarung (Offb.2:7, 22:2,14,19) ein materiell-biologischer Baum, der seit 6000 Jahren bis heute real auf der Erde existiert und irgendwo in Syrien oder dem Irak zu verorten ist? Wäre der „Garten Eden“ ein realer Ort auf Erden, der von einem sichtbaren Cherub bewacht wird, dann wäre er heute wahrscheinlich einer der größten Touristenattraktionen! Und war die „Schlange“ im Garten Eden, von der auch in der Offenbarung die Rede ist (Offb.12:9,14,15, 20:2), ein real existierendes, physisches Kriechtier, das sich irgendwo bis heute auf der Erde befindet? Oder handelt es sich bei ihr um ein mythologisches Wesen, nämlich dem Teufel, dem bei der Kreuzigung und Auferstehung Jesu in metaphorischer Sprache „die Hauptschaft weggeschnappt“ wurde (1.Mo.3:15)? Und wenn die sieben Tage aus 1.Mo.1 jeweils sieben 24-Stunden-Tage waren, warum endete der siebte Tag dann nicht wie die anderen? Und warum steht in 1.Mose 2:4 von der „Geschichte des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden, an DEM Tage, da der HErr Gott Erde und Himmel machte“? Es war ja nicht der 8. Tag, obwohl in Vers 2:1 schon alles vollendet war. Und es war auch nicht der erste Tag als Analogie zu 1.Mo.1, da in 1.Mo.2 keine weiteren Tage mehr erwähnt werden, sondern es hat eher den Anschein, dass mit dem „Tag“ in 1.Mo.2:4 der gesamte Schöpfungszeitraum gemeint ist. Und warum findet man im hebräischen Originaltext von 1.Mo.1 -2:3 Hinweise auf eine bewusste Wort- und Buchstabenzählung, vor allem mit der Zahl 7? 1.Mo.1:1 besteht z.B. genau aus 7 Wörtern und 28 Buchstaben (4×7). 1.Mo.1:2 hat 14 Wörter (2×7), und auch alle weiteren Verse haben zahlreiche Multiplikatoren von 7: z.B. 469 Wörter insgesamt (67 x 7), „Elohim“ 35-mal (5×7), „Erde“ 21-mal (3×7) usw. Also, um was ging es dem Schreiber?
Gott beantwortet uns durch den Schöpfungsbericht vor allem folgende Fragen: Wer hat die Welt erschaffen? Warum existiert die Welt? Warum ist der Mensch besonders? Warum gibt es Sünde und Tod? Was Gott uns hingegen nicht beantwortet: Wie viele Milliarden Jahre alt das Universum ist, wie Galaxien entstehen, wie DNA funktioniert oder welche Prozesse zur Artenvielfalt führten. Die Absicht des Textes ist rein theologisch, was nicht bedeutet, dass der Schöpfungsbericht unwahr wäre. Es bedeutet lediglich, dass der Text andere Fragen beantwortet als moderne Naturwissenschaft. So sehen wir z.B. ein deutliches Schema: In den ersten drei „Tagen“ erschuf Gott RÄUME durch Trennungen, und in den zweiten drei „Tagen“ füllte Gott diese Räume in analoger Weise. Dabei verwendete Gott die Begriffe und Gedankenvorstellungen der damaligen Menschen, z.B. von einem „Firmament“ im Sinne eines festen Gewölbes oder einer Himmelskuppel, an der Sterne angebracht wurden wie Lampen. Wie anders hätte der Heilige Geist dem Schreiber die tatsächliche Kosmologie und Sternenbildung erklären können, um sie dann in verständlicher Sprache für das Volk weiterzuleiten? Es erinnert mich an die Prophezeiungen der Offenbarung: Wie hätte Johannes moderne Kriegsgeräte wie Panzer, Tarnkappenbomber oder Drohnen beschreiben können? Durch eine Bildsprache. Zusammenfassend können wir also feststellen, dass die zentrale Botschaft von 1.Mose 1-3 lediglich lautet: Gott ist der Schöpfer, der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen, die Welt ist durch Sünde beschädigt, aber der Sohn Gottes, Jesus Christus, wird einmal die Erlösung bringen. Keine dieser Aussagen hängt davon ab, ob die Erde 6.000 Jahre oder 4,5 Milliarden Jahre alt ist.
Hinweise auf eine alte Erde
Gibt es überzeugende Gründe anzunehmen, dass die Erde tatsächlich sehr alt ist? Ich denke: ja.
Zum Beispiel das expandierende Universum: Astronomen beobachten seit etwa hundert Jahren, dass sich Galaxien voneinander entfernen. Je weiter eine Galaxie entfernt ist, desto stärker erscheint ihre Rotverschiebung. Diese Beobachtungen führen zu dem Schluss, dass sich das Universum seit Milliarden Jahren ausdehnt. Wenn wir sehr weit ins All blicken, sehen wir Licht, das Millionen oder Milliarden Jahre unterwegs war. Vertreter einer jungen Erde müssten erklären, warum dieses Licht bereits bei uns angekommen ist. Sterne entstehen, entwickeln sich und sterben. Astronomen beobachten verschiedene Stadien dieser Entwicklung. Die zeitlichen Abläufe reichen weit über einige tausend Jahre hinaus. Wir sehen gewissermaßen Momentaufnahmen eines kosmischen Prozesses, der Milliarden Jahre umfasst. Hätte Gott vor 6000 Jahren das Universum geschaffen, dann hätte Er auch Sternenlicht auf die Erde gesandt, das nie von einem realen Stern ausgegangen wäre, sondern direkt bei der Schöpfung als bereits unterwegs befindliches Licht erschaffen worden wäre. Denn ein Lichtjahr ist definitionsgemäß die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt, sodass in 6000 Jahren genau 56,76 Billiarden Kilometer zurückgelegt werden. Das bedeutet, dass wir heute das Licht von Sternen sehen, die bis zu 6000 Lichtjahre entfernt sind, obwohl diese Sterne und Galaxien in einem jungen Universum noch gar nicht lange genug existiert hätten, um ihr Licht tatsächlich zur Erde zu senden. Gott hätte das Licht also mit einem Anschein von Alter erschaffen, der die Menschen täuscht und in die Irre führt. Gott ist aber nicht arglistig (5.Mo.32:4) also geht das nicht.
Eine ähnliche Täuschung ließe sich in der Geologie feststellen: Auf der Erde finden wir gewaltige Sedimentschichten, die Fossilien in einer bemerkenswerten Ordnung enthalten. Einzellige Organismen erscheinen in tieferen Schichten, komplexere Lebewesen in höheren. Diese Struktur wird weltweit beobachtet. Warum finden wir niemals Dinosaurier zusammen mit modernen Pferden? Oder Menschen in denselben Schichten wie Trilobiten? Kaninchen im Kambrium? Wenn alle Fossilien durch eine einzige Flut entstanden wären, wäre eine viel größere Durchmischung zu erwarten. Stattdessen zeigt sich weltweit dieselbe Abfolge. Der Grand Canyon mit seinen aufeinanderfolgenden Schichten, besteht aus Millionen Jahre alten Ablagerungen. Manche Korallenriffe erreichen Mächtigkeiten von Hunderten Metern. Die heute beobachteten, extrem langsamen Wachstumsraten deuten auf sehr lange Zeiträume hin. In der Antarktis lassen sich jahreszeitliche Schichten zählen, deren Anzahl von 740.000 deutlich die Zeitspanne einer jungen Erde übersteigt. Bohrkerne aus Grönland reichen mindestens 120.000-400.000 Jahre zurück. Durch die saisonalen Sommer-/Winterablagerungen sind die Schichten klar erkennbar. Verschiedene radioaktive Zerfallsprozesse liefern weitgehend übereinstimmende Altersangaben. Dabei werden verschiedene Methoden eingesetzt (Uran-Blei, Kalium-Argon, Rubidium-Strontium, u.a.). Die Ergebnisse weisen immer wieder auf ein Alter der Erde von rund 4,54 Milliarden Jahren hin. Kein einzelner Befund wäre zwingend. Die Überzeugungskraft liegt vielmehr darin, dass viele unabhängige Beobachtungen immer zum gleichen Ergebnis kommen.
Muss eine alte Erde den Glauben bedrohen?
Für mich lautet die Antwort inzwischen: Nein. Ganz im Gegenteil: Es gibt viele Bibelstellen, die sich nur durch eine alte Erde erklären ließen. In Röm.5:12 wird nicht direkt ausgesagt, dass der Tod über alle Lebewesen gekommen sei, sondern dass das menschliche Sterben die Folge der Sünde sei. Woher sonst sollte Adam wissen, was mit der Androhung des Sterbens in 1.Mo.2:17 gemeint ist, wenn er nicht schon viele Male zuvor tote Tiere gesehen hätte? Warum sollte Adam den Garten „hüten“ (1.Mo.2:15), wenn es keine Bedrohungen gäbe (z.B. von Raubtieren)? Fleischfresser haben nur einen kurzen Darm, der nicht in der Lage wäre, Pflanzen zu fressen. Zudem produzieren sie nicht genügend Enzyme, um pflanzliche Kohlenhydrate effizient zu spalten. Wichtige Nährstoffe, die nur in tierischen Geweben vorkommen, würde ihnen fehlen (z.B. Taurin, Omega 6, Vitamin A und D3), so dass sie an Herz- und Immunschwäche sterben würden. Mit ihren scharfen Reißzähnen könnten sie die Pflanzen nicht zermahlen. Sie hätten bei einer rein veganen Nahrung schon nach kurzer Zeit schwere Mangelerscheinungen und Organversagen. Auch wenn es unserem Wunschdenken zuwider ist, aber Gottes Schöpfung war trotz der fleischfressenden Tiere „sehr gut“, – etwa so, wie Er auch Sein Volk Israel trotz aller Unvollkommenheit als ausreichend gut ansah (5.Mo.7:6-8, 9:4-6, Jer.24:5-7, Hos.2:21-23). Deshalb wird auch von bibeltreuer Seite heute immer mehr die Meinung vertreten, dass Gott das Gefressenwerden in der Tierwelt von Anfang an in die Schöpfung hineinprogrammiert habe.
In Offb.16:18 lesen wir überraschenderweise, dass es jenes große Erdbeben nicht etwa „vom Anbeginn der Welt“ nicht gab, sondern „seitdem Menschen auf der Erde waren“. Rein theoretisch und sprachlich lässt diese Stelle also die Möglichkeit offen, dass vor der Erschaffung des Menschen deutlich größere Erdbeben stattgefunden haben (z.B. jener berühmte Chicxulub-Meteoriten-Einschlag vor 66 Millionen Jahre, bei dem vermutlich die meisten Dinosaurier ausgestorben sind). Denn der Vers grenzt seine Aussage bewusst auf die Zeit seit dem Menschen ein, was wohl kein Zufall ist. Schon um 1750 – also lange vor Darwin – haben gerade pietistische und calvinistische Naturforscher wie Jean-André de Luc (1727-1817), Rev. James Douglas (1753-1819), Adam Sedgwick (1785-1873) oder William Buckland (1784-1856) als erste herausgefunden, dass die Erde viel älter sein muss, als die bis dahin angenommenen 6000 Jahre. Sie interpretierten die „Tage“ in 1.Mo.1 als lange Zeiträume und verstanden die Schöpfungswoche entsprechend als visionäre bzw. rahmenhafte Darstellung. Nicht nur die Bibel, sondern auch die Natur war für sie gemäß Psalm 19 und Röm.1:20 eine Offenbarung Gottes, weshalb sie gleichrangig Beweiskraft habe. Als Pfarrer bestand für sie die wahre Treue zur Bibel nicht darin, eine bestimmte, wortwörtliche Auslegung um jeden Preis zu verteidigen, sondern darin, immer wieder neu zu fragen, was Gott durch seinen Text tatsächlich sagen wollte. Die Anerkennung einer alten Erde war für sie keine Kapitulation vor dem Zeitgeist, sondern ein Zeichen von echter Wahrheitsliebe, die sowohl die Bibel als auch Gottes Schöpfung ernst nimmt.
Aber ist die Evolutionstheorie nicht längst widerlegt?
Nein, aber sie ist noch nicht lückenlos verstanden. Zum Beispiel gibt es naturwissenschaftlich gesehen keine Erklärung für die Entstehung des Lebens (Abiogenese). Die Chance für die Entstehung eines einzelnen, funktionalen Proteins hat eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10164 – d.h. mit anderen Worten: unmöglich! Ferner gibt es das sog. Waiting Time Problem, das besagt, dass die Dauer von benötigten Mutationen für bestimmte, komplexe Merkmale (z.B. vom Schimpansen zum Menschen) würde Millionen oder Milliarden Jahre überschreiten, was zu lang wäre für eine verfügbare geologische Zeit. Tatsächlich gibt es aber inzwischen ausreichende Erklärungen, um diese Probleme zu lösen. Viel entscheidender ist, dass das Evolutionsmodell immer besser funktioniert, vergleichbar einem 10.000-Teile Puzzle, bei dem schon etwa 80 % der Puzzleteile zusammengefügt wurden.
Die Evolution ist nicht eine Alternative zu Gott, sondern ein mögliches Werkzeug Gottes, das Er genauso verwendet hat wie das Wetter, die Gravitation oder andere biologische Prozesse. Sie erklärt wunderbar, warum es nur am Nordpol Eisbären gibt und nur am Südpol Pinguine. Die Kängurus mussten nicht extra vom Ararat nach Australien hoppeln, sondern ihre Vorfahren lebten bereits auf dem südlichen Superkontinent Gondwana. Als Australien sich vor etwa 35 – 45 Millionen Jahren von der Antarktis löste und isoliert wurde, konnten sich die Beuteltiere dort ungestört zu den heutigen Arten entwickeln. Viele Gläubige halten den Kontinentaldrift ja für abgeschlossen und berufen sich auf 1.Mo.10:25, dass angeblich die Kontinente zur Zeit Pelegs (2247-2008 v.Chr.) auseinandergeprescht sind. Auf die viel naheliegendere und biblisch belegte Deutung, dass zu Zeiten Pelegs die Menschenfamilie infolge des babylonischen Turmbaus AUFGETEILT wurde, sind sie nicht gekommen. Stattdessen bemühen sie eine außerbiblische Erkenntnis von Alfred Wegener, nach welcher die Kontinente seit Millionen von Jahren bis heute kontinuierlich um 5 – 10 cm/Jahr auseinanderdriften, sowohl durch Vulkane als auch durch Erdbeben.
Das Wort Gottes bestätigt, dass der Mensch „an und für sich ein Tier ist“ (Pred.3:19). Er hat als Vierfüßer (Tetrapode) den gleichen Köperbauplan wie alle Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien. Die fünfgliedrige Hand teilt er mit der Fledermaus (extrem verlängerte Finger) und dem Delphin (Flosse), aber auch mit den Vögeln oder dem Pferd. Dieser einheitliche Bau ergibt bei völlig unterschiedlichen Funktionen nur Sinn, wenn alle Tetrapoden von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. Alle Wirbeltiere haben zudem eine Wirbelsäule, eine bilaterale Symmetrie, einen ähnlichen Organbau und eine embryonale Entwicklung. Auch unsere affenartigen Vorfahren haben 32 Zähne, eine vergleichbare Muskulatur und rudimentäre Merkmale wie das Steißbein (Rest des Schwanzes), männliche Brustwarzen, Blinddarm oder die Ohrmuskeln. Von der Maus bis zur Giraffe haben alle Tiere sieben Halswirbel, ein vierkammeriges Herz, ein gleiches Nervensystem und einen gleichen Stoffwechsel. Bei einer Erschaffung aus dem Nichts (ex nihilo) hätte Gott absolute Design-Freiheit gehabt. Er wäre nicht an historische Vorgaben gebunden, sondern könnte für alle Lebewesen den bestmöglichen, maßgeschneiderten Bauplan wählen ohne Kompromisse. Bestehende Strukturen hätten nicht umgebaut werden müssen und Gott hätte auf überflüssige und suboptimale Rudimente verzichten können. Warum sollte ein menschlicher Embryo zuerst Kiemenbögen und einen Schwanz ausbilden, wenn er nie Kiemen und einen Schwanz braucht? Bei direkter Schöpfung aus dem Nichts könnte der Embryo direkt den fertigen menschlichen Bau entwickeln.
Als Gott den Engeln Seinen Plan vorstellte, da jubelten noch alle (Hiob 38:7). Als Er ihnen jedoch eröffnete, dass Er aus unvollkommenen Tierwesen eines Tages vollkommene Engelwesen zubereiten wolle durch die Wiedergeburt (1.Mo.1:27, Mt.5:48, Lk.20:36, Kol.1:28), um sich an diesen zu verherrlichen (Eph.1:6), da zweifelte Satan an der Realisierbarkeit (Hiob 1 und 2) und rebellierte. Ein Gott, der ein Universum erschafft, das über Milliarden Jahre hinweg Sterne, Planeten, Leben und schließlich bewusste Geschöpfe hervorbringt, ist nicht kleiner als der Gott meiner früheren Vorstellung, sondern größer, da ich nun besser die Art und Weise verstehe, WIE Gott geschaffen hat.

