„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

Aktuelles

Joy Bibel

Tagesvers:

hinschauend auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

Hebräer 12:2

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„Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 26

 

Juli bis Dezember 2024

Rebekka, die Dichterin

Nachdem Ruth Mitte Mai aus Peru zurückgekehrt war, erzählte sie mir, dass sie in den Monaten zuvor ziemlich enttäuscht und resigniert war, da ihre Hoffnung, einmal in Peru als selbstständige Tierärztin zu arbeiten, an der Realität zu scheitern drohte, da sie kaum Kunden hatte. Und auch unser Wunsch, einmal auszuwandern, rückte wieder in weite Ferne, da die Mafia in Peru das Land immer unsicherer machte. Deshalb sprach ich mit Ruth, ob sie nicht doch nochmal einen Anlauf versuchen sollte, hier in Bremen eine Anstellung zu suchen als Tierarzt-Assistentin. „Das halte ich für ausgeschlossen,“ sagte Ruth, „denn ich bin schon viel zu alt und zudem krank. Ich kann keine Hunde tragen, kenne mich mit dem PC-Bedienen nicht aus und kann noch nicht einmal die deutsche Grammatik, um Befunde richtig zu notieren. Wer sollte mich schon nehmen?!“ – „Aber du kannst doch als Praktikantin arbeiten, dann hast Du wenigstens etwas zu tun., ohne Leistungsdruck zu haben.“ – „Nein, ich will nicht noch einmal so gedemütigt und gemobbt werden wie in der letzten Tierarztpraxis. Ich habe den Eindruck, dass Gott nicht will, dass ich als Tierärztin arbeite, denn alles, was ich bisher versucht habe, ging schief. Alles war umsonst: erst meine Fortbildung zur Tier-Physiotherapeutin und jetzt meine Lehrgänge in Ultraschall-Diagnostik. Alles war umsonst!“ – Sie fing an zu weinen, und ich tröstete sie. „Lass uns doch beten, dass der HErr Dir eine geöffnete Tür schenken möge und dann auf die Suche gehen nach einer Tierarztpraxis.“

Nachdem wir gebetet hatten, fuhren wir als erstes zu einer Praxis, die ganz in unserer Nähe war. Ich wartete draußen und betete. Nach etwa 30 Minuten kam Ruth freudestrahlend heraus und berichtete, dass die Chefin Susanne Ruth nehmen wolle und sehr herzlich und liebevoll zu ihr war. Wir jubelten und dankten dem HErrn für Seine Güte. Und in den folgenden Wochen und Monaten sollte sich herausstellen, dass Ruth auch von den ganzen Kolleginnen sehr liebevoll und mit Respekt behandelt wurde. Susanne drängte Ruth immer wieder, sie doch fest anstellen zu dürfen, da es an Tierärzten in der Praxis mangelte, aber Ruth hatte Angst, die in sie gesetzten Erwartungen zu enttäuschen und wollte erstmal ein halbes Jahr ohne Bezahlung arbeiten. Da es Ruth besonders darum ging, ihr Wissen in der Ultraschalldiagnostik anzuwenden, die Praxis aber noch kein solches Gerät besaß, vermittelte Susanne sie dann an einen Kollegen im Stadtzentrum, der sich auf Herzerkrankungen spezialisiert hatte. Nun hatte Ruth sogar gleich zwei Arbeitsplätze: Montags, mittwochs und freitags arbeitete sie bei Susanne, während sie dienstags und donnerstags bei dem Tier-Kardiologen Johannes assistierte. Ruth war überglücklich.

Weniger glücklich war unterdes unsere Tochter Rebekka, die erneut eine Ehekrise erlitt. Ihr Mann Dennis wollte erneut die Scheidung, da er der Ansicht war, dass die beiden sich zu oft stritten und nicht zueinander passen würden. In der gemeinsamen Ehetherapie ging es auf einmal nur noch um die Frage, wie die beiden sowohl emotional als auch ganz praktisch die Trennung voneinander vollziehen könnten. Rebekka war diesmal aber viel abgeklärter und selbstbewusster als beim letzten Mal im Jahr 2021/22. Ruth aber hatte eine starke Abscheu gegen unseren Schwiegersohn entwickelt und musste sehr gegen ihre negativen Gefühle ankämpfen. Immer häufiger nahmen wir unsere Enkelin Penelope bei uns auf, in der Hoffnung, dass sie dadurch nicht so sehr unter den Streitigkeiten ihrer Eltern leiden möge. Um finanziell unabhängig zu werden, nahm Rebekka nun während ihres Studiums Anstellungen als Lehrerin an und war froh, dass wir uns von nun an einmal pro Monat für eine Woche um Penelope kümmerten. Nebenbei nahm Rebekka an sog. Poetry-Slam-Wettbewerben teil, und da sie schon von klein auf eine Begabung hatte, Gedichte zu schreiben, gewann sie jedes Mal den ersten Platz.

Tatsächlich waren Rebekkas Gedichte nicht nur thematisch hochemotional, sondern auch entsprechend ausdrucksvoll von ihr vorgetragen. Oft waren sie eine Hommage an ihre Mutter Ruth, über ihre wechselvolle Beziehung von klein auf, und wie Ruth ihr immer wieder Halt gab in allen Widrigkeiten der Schulzeit. Rebekka hatte eine ungewöhnlich scharfe Beobachtungsgabe für die kleinen Details des Alltags, in welcher sich die bedingungslose Liebe ihrer Mutter trotz aller Unzulänglichkeiten ausdrückte. Sie beschrieb, wie Ruth aus Liebe zu ihr die eigenen Träume nach Verwirklichung aufgab und wie Rebekka später als Mutter ihre eigene Mutter wiedererkannte mit allen Gefühlen, die sie selbst durchmachte. Doch an einem Abend brach sie wirklich alle Rekorde, als sie ein Gedicht über ihre minderbemittelte Großmutter Lucila aus Peru vortrug. Sie begann das Gedicht mit der ersten Zeile eines peruanischen Lobgesangs, den sie mit weinerlicher Stimme vortrug: „Cerca de ti, Señor, quiero morar“ („Nah bei Dir, HErr, will ich wohnen“). Dann erzählte sie von der Kindheit ihrer Oma im Gebirge, von ihrer frühen Zwangsverheiratung, ihrem Leben in Armut und Entbehrung in der Großstadt Lima und wie sie von ihrem 20 Jahre älteren Mann Luis immer wieder gedemütigt und geschlagen wurde. Zwischendurch hatte das Gedicht immer wieder eine Art Refrain, indem Lucila in der Nacht träumte von ihrer Heimat und wie sie sich in der Nacht in einen Vogel verwandelte, der hoch über den Wäldern und Flüssen flog. Im letzten Teil ihres Gedichtes beschrieb sie dann, wie Lucila in einer Nacht starb und von den Engeln in die Herrlichkeit Gottes getragen wurde und dabei wieder nächtlich schwebte über die Berge und Wälder ihrer vertrauten Heimat aus Kindheitstagen. Kaum einer im Publikum vermochte dabei, seine Tränen zurückzuhalten. Und dann schloss sie ihre Erzählung erneut mit jener Liedzeile. Der Saal bebte in tosendem Applaus. Rebekka wurde nicht nur zur Stimme ihrer Abuela, sondern zur Brücke zwischen zwei Welten, indem sie nachwies, dass die stärksten Wurzeln manchmal tausende von Kilometern entfernt wachsen.

Im Sommer kam es plötzlich zu einer unerwarteten Versöhnung zwischen Rebekka und Dennis. Vielleicht war es die finanzielle Überforderung, die eine räumliche Trennung mit sich gebracht hätte, die Dennis zum Umdenken zwang, denn die Kaltmiete ihrer Berliner Wohnung von 1.800 Euro war schon jetzt das Maximum, was sich Dennis noch leisten konnte als Alleinversorger. Jedenfalls waren wir so froh und dankten Gott, dass auf einmal alles wieder gut war. Dennis fuhr mit Rebekka und Penelope nach Italien, und sie haben seitdem wieder eine glückliche Ehe miteinander. Um sie zu entlasten, nahmen wir auch weiterhin ihre Tochter Penelope einmal im Monat bei uns auf für eine Woche oder manchmal auch nur ein Wochenende. Dabei stellte sich heraus, dass Penelope mich als ihren Lieblings-Opa in ihr Herz schloss. So viel ich konnte, spielte ich mit ihr zusammen Puppen oder war ihr Pferd, auf dem sie durch das Erdgeschoss ritt. Sie belohnte meine Albernheiten mit einem herzlichen Lachen, das mich jedes Mal anspornte, weiterzumachen. Sie diktierte dabei, was gespielt werden sollte: „Opa, ich bin deine Mama, okay? und du bist meine kleine Tochter!“ – Kein Problem. Ich verstellte meine Stimme und war plötzlich ihr Kind. Auf der Straße trug ich sie immer auf den Schultern und sie „steuerte“ mich, indem sie jeweils an meinem rechten oder linken Ohr zog. Ich liebte Penelope über alles, und sie spürte es. Mit ihren goldenen Locken, ihren theatralischen Gesten und ihrem Dauerlachen machte es uns auch wirklich viel Spaß, mit ihr etwas zu unternehmen. So machten wir im Sommer eine Rundreise an der Ostsee und fuhren sogar bis nach Polen. Als wir aber an der Ostsee bei Dziwnów ankamen, um zu baden, war dies unmöglich. Denn trotz des sonnigen Wetters und des schönen Strandes war es so dermaßen windig, dass man sich kaum auf den Beinen halten konnte. Ruth war sehr wütend auf mich wegen dieser Schnapsidee. Ich machte es wieder gut durch einen Besuch im Zoo von Rostock.

Stephan beißt auf Granit

Nach drei Jahren Unterbrechung rief mich Schwester Gina (27) an, deren Eltern aus Guatemala ich ja vor zwanzig Jahren kennenlernte in der spanischsprechenden Gemeinde von Ruth. Gina war inzwischen mit einem serbischen Glaubensbruder verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm. Sie fragte, ob ich ihren Mann Jasmit als Malerlehrling nehmen könnte, und ich hatte keine Einwände dagegen. An einem Tag trafen wir uns dann zusammen auf einer Baustelle zum Probearbeiten, und ich hatte sofort einen sehr positiven Eindruck von ihm. So füllten wir zusammen den Ausbildungsvertrag aus und unterhielten uns noch eine Weile. Mir gefielen besonders seine Einfalt und seine ruhige Stimme. „Ist Jasmit ein serbischer Vorname?“ – „Nein, eigentlich heiße ich Jasmin, so steht es auch in meiner Geburtsurkunde.“ – „Aber Jasmin ist doch ein Mädchenname…“ – „Ja, aber in Serbien ist das ein ganz normaler Vorname für einen Jungen, und die Mädchen heißen Jasmina.“ – „Und warum heißt Du jetzt Jasmit?“ – „Den Namen hat sich meine Grundschullehrerin ausgesucht, damit die Kinder mich nicht hänseln. Aber in meinem Ausweis steht Jasmih, weil die Frau in der Ausländerbehörde das n für ein h hielt.“ – „Warte mal, jetzt komm ich ganz durcheinander. Man kann Dir doch nicht einfach einen anderen Namen geben! Das musst Du unbedingt ändern!“ – „Das ist nicht so einfach, weil ich derzeit als staatenlos gelte.“ – „Was? Wie konnte das denn passieren?“ – „Das liegt daran, weil ich mit 18 einen Termin bei der Ausländerbehörde hatte, um meine Einbürgerung zu beantragen. Da ich aber den Termin versäumte, bekam ich keine Einbürgerung mehr. Weil meine Geburt aber auch nicht beim serbischen Konsulat registriert wurde, bin ich derzeit staatenlos.“ – Ich schmunzelte und klopfte ihm auf die Schulter: „Sei nicht traurig, Jasmit, Hauptsache ist, dass Dein Name im Himmel angeschrieben ist!

Über solche und ähnliche Erlebnisse unterhielt ich mich einmal in der Woche immer mit meinem Freund Bernd Fischer, der mit seiner Frau Brigitte inzwischen bei ihrem Sohn Johannes in Großpostwitz wohnte. Da Johannes mir übelnahm, dass ich ihn wegen der Bahzad-Affäre vor drei Jahren und seinem Streit mit seinem Vater nicht unterstützt hatte, durfte ich Bernd nicht mehr besuchen. Deshalb begnügten wir uns damit, wenigstens einmal pro Woche zwei Stunden zu telefonieren. Doch eines Abends rief mich Bernds Schwester Adelheit (81) an und sagte, dass sie sehr unter dem Kalten Krieg zwischen Bernd und seinem Sohn leide und bat mich, doch noch einmal einen Schlichtungsversuch zu unternehmen. Ich erklärte Adelheit, dass Johannes mich nicht mehr als Schiedsrichter anerkennen würde, seit ich damals zu seiner Überraschung die Seite gewechselt hatte und mir Bernds Argumentation zu eigen gemacht hatte. Seither sah er mich als Verräter an, der ihm in den Rücken gefallen sei. Er gab mir sogar die Schuld an dem gegenwärtigen Zerwürfnis, weil ich der Einzige war, der Bernd noch zur Vernunft hätte bringen können, aber diese Chance vertan habe, indem ich ihm recht gab. Adelheit ließ aber nicht locker und fragte, ob es sonst nicht einen anderen Bruder gäbe, der ein neutraler Mittler zwischen den beiden werden könnte. Ich überlegte, und da fiel mir ein Bruder Stephan ein aus dem Bergischen Land, den ich gerade deshalb geeignet fand, weil er Bernd nicht kannte, aber als Prediger genug Ahnung von der Bibel hatte, um zwischen ihnen zu vermitteln. Ich rief ihn an und fragte ihn, ob er sich die Zeit nehmen würde, um diesen Liebesdienst tun würde, um die Beziehungen in dieser Familie wieder zu heilen. Stephan sagte zu.

Es folgten zahlreiche Gespräche, die Stephan abwechselnd mit Johannes und Bernd hatte und die oft bis spät in die Nacht gingen. Drei Monate später, als ich bereits in Peru war, telefonierten Stephan und ich über die Ergebnisse. Stephans erster Kommentar war: „Der Bernd ist ein Betonklotz. Bei ihm beiße ich wirklich auf Granit, denn er nimmt keinerlei gut gemeinten Rat von mir an, sondern ist sich immer viel zu sicher in allem, was er sagt und tut. Und auch Johannes ist sehr ähnlich wie sein Vater und kaum bereit zur Mäßigung. Ich komme einfach nicht weiter, obwohl ich wirklich Verständnis habe für beide Seiten. Aber sie leben jeder in seiner eigenen Welt und haben sich völlig auseinanderentwickelt. Die Fronten sind total verhärtet. Da muss Gott wirklich ein Wunder tun.“ Ich konnte dies alles nur bestätigen aus meinen eigenen Erfahrungen mit den beiden. Und ich konnte es Stephan auch nicht verdenken, dass er zuletzt mehr Verständnis für Johannes aufbrachte, da Bernd aufgrund seines Alters (85) dazu neigte, jeden Widerspruch immer gleich als Angriff des Teufels zu deuten und jedes Aufgeben von seinen gefestigten Überzeugungen gleich als Einknicken wertete bzw. als faulen Kompromiss mit der lauen Christenheit. Ich dankte Stephan für sein Bemühen und versprach ihm, dass ich weiter auf die beiden einwirken werde.

Stanislaw ist sich keiner Schuld bewusst

Eines Tages erinnerte ich mich an einen jungen Bruder namens Marco Rolfes (31), in dessen Hauskreis ich vor 8 Jahren ging. Er hatte den Kontakt zu mir vor fünf Jahren abgebrochen, ohne dass ich wusste, warum. Habe ich ihn irgendwie enttäuscht? In Mat.5:23-24 sagt der HErr Jesus ja, dass wir selbst die Initiative ergreifen sollen, wenn wir den Verdacht haben, dass ein Bruder etwas gegen uns hat. Deshalb schrieb ich ihn an und fragte nach. Und tatsächlich: Er war damals etwas geknickt, weil ich in einem Reisebericht über zu persönliche Dinge aus einer Ehe berichtet hatte (es ging um einen Pastor, der ständig seine Frau betrog). Ich erklärte ihm, dass es mir nicht darum gehe, mich an Skandalen in fremden Schlafzimmern zu ergötzen, sondern ehrlich zu benennen, was ich tatsächlich erlebt habe, weil genau diese verborgenen Schattenseiten vielen Gläubigen schweren Schaden zugefügt haben und weil Schweigen sie weiter ermöglicht. Die Bibel selbst verschweigt das Versagen von Gläubigen nicht (2.Sam.12), und Paulus nennt die Täter sogar immer wieder bei Namen (2.Tim.2:16-18, 4:14). Ich versuche nicht, mich als Richter aufzuspielen, sondern erzähle meine Geschichte, und dazu gehören leider auch die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Wenn ich nur die schönen Seiten berichten würde, würde ich genau die Heuchelei fortsetzen, die ich kritisiere. Zudem verschweige ich auch nicht meine eigenen Sünden und Versäumnisse in meinen Berichten, auch um zu zeigen, dass ich nicht besser bin.

Wir sprachen noch weiter und freundeten uns wieder an. Marco war inzwischen verheiratet und lebte in Barnstorf, fuhr aber immer noch regelmäßig freitagabends nach Bremen zum Hauskreis, wenn sein Dienstplan als Krankenpfleger dies zuließ. „Wir sind zwar nicht viele, eigentlich nur drei Brüder, aber ich lade Dich gerne zu uns ein. Du kannst Marcus auch gerne mitbringen.“ Eigentlich hatten wir ja unseren Hauskreis, aber ich dachte: warum nicht? Und so fuhr ich von nun an jeden Freitag mit Marcus zum Hauskreis von Marco, wo es auch noch die Brüder Hans-Peter (70) und Stani (82) gab.

Hans-Peter war für sein Alter sehr locker und fröhlich, während Stani irgendwie traurig wirkte. Trotzdem verstanden wir uns von Anfang an gut. Häufig hatten wir im Anfang immer so vieles zu plaudern, dass die eigentliche Bibelstunde erst nach einer Stunde begann. Hans-Peter kannte sich als Heilpraktiker sehr gut mit Kräutern aus und gab uns viele wertvolle Gesundheitstipps. An einem Abend schüttete Stani sein Herz aus und bekannte, was ihn so bedrückte: Er sehnte sich nach seiner Frau und seinen zwei Söhnen, die ihn Jahre zuvor verließen. Er kam aus Polen und berichtete, wie er seine Frau damals aus dem Katholizismus zum lebendigen Glauben führte, und wie er ihr bei stand als sie wegen eines Tumors im Gesicht operiert werden musste. Doch dann habe sie ihn verlassen und ihm alles genommen, was er besaß, so dass er am Ende arm und obdachlos war. Dann nahm Marco ihn in sein Haus auf und ließ ihn mit seinem Adoptivvater Heinrich wohnen, der dem Marco das Haus vererbt hatte.

Während Stani von seiner treulosen Ex-Frau sprach, erwähnte er ihren Namen Maria. Da hatte ich auf einmal einen Verdacht. Als er dann noch den Namen seines älteren Sohnes Martin erwähnte, war ich mir sicher: „Und Dein anderer Sohn heißt Emmanuel und wohnt mit seiner Frau in Polen, nicht wahr?“ – „Ja! Woher weißt Du das?“ fragte Stani überrascht. „Weil ich Deine Frau Maria sehr gut kenne. Sie ging lange Zeit bei uns in den Hauskreis und kommt auch heute noch gelegentlich uns besuchen zusammen mit ihren Sohn Martin. Und sie war auch mal mit einem Italiener verlobt, von dem sie sich später trennte.“ – Stanislaws Augen glänzten. Er war den Tränen nahe. „Simon, das freut mich so sehr! Ich habe schon so lange nichts von Maria gehört und sehne mich nach ihr. Kannst Du nicht mal mit ihr reden, dass sie doch zu mir zurückkehre. Und ich möchte auch so gerne meine Söhne und Enkelkinder wiedersehen!“ – „Ja, Stani, das will ich gerne tun. Ich hätte nie gedacht, dass Maria so grausam ist und Dich einfach verlassen hat. Was war denn der Grund, dass sie sich trennen wollte?“ – „Ich weiß es nicht, und frage mich dies schon seit Jahren. Ich habe sie immer geliebt und liebe sie noch heute, trotz allem, was sie mir angetan hat…“ – Ich umarmte Stani und versprach, dass ich ein gutes Wort für ihn bei Maria einlegen würde.

Natürlich war ich schockiert über die Härte von Maria. Sie hatte mir nie gesagt, dass ihr Ex-Mann gläubig sei. Umso weniger hatte sie das Recht, sich von ihm scheiden zu lassen. So rief ich Maria an und konfrontierte sie mit den Vorwürfen ihres Ex-Manns. Maria antwortete mit ruhiger und ein wenig trauriger Stimme: „Ja, Simon, der Stani hat dir alles verschwiegen, was sein eigenes Verhalten betrifft. Tatsache ist aber, dass er mich und die Kinder von Beginn an immer geschlagen hat und sich wie ein Tyrann verhielt. Ich habe immer wieder versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, aber er war immer so aggressiv, dass man nicht mit ihm reden konnte. Ich wollte mich aber nicht von ihm trennen, sondern sah unsere Ehe als ein Kreuz an, dass Gott mir auferlegt hat. Aber Stani wurde immer schlimmer. Eines Abends, als wir mit dem Auto auf einer Reise waren, hat er mich und die Kinder einfach aus dem Auto geworfen, mitten auf dem Land in der Kälte, wo weit und breit keine Stadt oder Telefonzelle war und ist nach Haus gefahren. Er war ein furchtbarer Egoist, der nie etwas bereute oder um Vergebung bat. Du kannst Martin fragen, wie sehr er unter der Tyrannei seines Vaters gelitten hat und einen seelischen Schaden davontrug. Ich könnte so viele Beispiele erzählen, aber ich habe ihn Gottes Urteil überlassen.“ – „Stani sagt, dass du ihm alles weggenommen hast und ihn obdachlos ausgestoßen habest…“ – „Genau das Gegenteil ist wahr: Da Stani nie einer ehrlichen Arbeit nachging (außer Schwarzarbeit), war ich diejenige, die durch meine Arbeit die Familie über Wasser hielt und mich nach Feierabend auch noch um den Haushalt und unsere beiden Jungs kümmerte. Stani hat nie etwas gemacht, sondern lag immer faul auf dem Sofa und trank Alkohol. Als er mich dann auch noch mit einer anderen betrog, habe ich die Scheidung eingereicht. Aber auch danach habe ich ihm regelmäßig Unterhalt bezahlt bis heute. Das hat er dir aber nicht erzählt, stimmts?“

Ja, Stanislaw hatte mir all dies verschwiegen, verständlicherweise. Als nächstes rief ich seinen Sohn Martin an, und auch er bestätigte alles, was seine Mutter mir berichtet hatte. Am darauffolgenden Freitag fuhr ich wieder zur Bibelstunde und konfrontierte Stani mit den Anschuldigungen von Maria. Er schaute mich erschrocken und verunsichert an. Dann erklärte er, dass Maria undankbar sei und die Söhne gegen ihn aufgestachelt habe. Die Vorwürfe selbst stritt er nicht ab, betonte aber, dass man als Christ vergeben müsse, da Gott einem sonst auch nicht vergebe. Hier korrigierte ich ihn: „Stani, Deine Frau sagt, dass Du immer alle Vorwürfe abgestritten hast. Wärest Du denn jetzt bereit, ihr Deine Schuld zu bekennen und sie um Vergebung zu bitten?“ – „Ich habe Gott längst alles bekannt. Außerdem machen wir alle Fehler, sie auch. Wir wollen uns aber jetzt versöhnen und nicht mehr über die Vergangenheit sprechen.“ – „Aber Vergebung kann es nur geben, wenn man auch seine Sünden bekennt. Und wenn Du Dich schuldig gemacht hast an Deiner Frau, dann solltest Du es ihr auch bekennen.“ – „Erstmal soll Maria ihre Schuld bekennen! Ich habe Gott all meine Sünden bekannt. Die gehen niemandem etwas an!“ – „Aber Du willst Dich doch mit Maria wieder versöhnen und hattest mich darum gebeten, zwischen Euch zu vermitteln. Ohne Bekenntnis kann es keine Vergebung geben.“ – „Wir haben uns nichts zu vergeben. Meine Sünden kennt der HErr, und das genügt. Wenn Maria mich bloßstellen will, braucht sie gar nicht erst kommen!

Darauf stand ich auf und sagte: „Lieber Stani, ich bin ehrlich gesagt schockiert, wie Du redest. Maria hatte mich schon vorgewarnt, dass Du keine Einsicht hast in Dein Fehlverhalten und es deshalb auch bis heute nicht bereust. Ich kann sie verstehen, dass sie unter solchen Voraussetzungen nicht glauben kann, dass Du Dich geändert hast. Die Schrift sagt aber, dass wir nur Gemeinschaft miteinander haben können, wenn wir im Licht wandeln. Wenn Du aber das Licht scheust, dann möchtest Du nicht, dass Deine Sünden vor allen offenbar werden. Aber Du siehst ja, dass alles einmal ans Licht kommen wird. Wenn Du Deine Fehler bekennst und zukünftig unterlässt, wirst Du Barmherzigkeit erlangen. Und Maria wäre dann auch bereit, sich wieder mit Dir zu versöhnen.“ – „Nein. Meine Ehe geht niemand etwas an. Ich will auch gar nicht mehr, dass Maria hierherkommt. Sie hat kein Recht, über mich zu richten. Gott hat mir alles vergeben.“ – „Ja, aber Du musst das, was Du Maria und Deinen Söhnen angetan hast, auch ihnen als Sünde bekennen und sie um Vergebung bitten, denn so steht es in Jak.5:16. Wir müssen auch nicht dabei sein, wenn Du nicht willst. Aber würdest Du es tun?“ – Nach einigem Zögern sagte Stani: „Nein.“ – „Dann habe ich ein Problem, Stani, denn wenn Du Deine Schuld nicht bekennen willst und keinen Wert legst auf die Vergebung von Maria, kann ich vorerst keine Gemeinschaft mehr mit Dir haben. Solange Du so verstockt bist, macht das keinen Sinn.“ Dann verabschiedete ich mich von ihnen und kam nicht mehr wieder.

Christa kann keine Menschen ertragen

Am 25.10.2024 hatten wir wieder unsere Enkelin Penelope (3) bei uns. Nachdem ich zur Arbeit gefahren war, zog Ruth das Mädchen an und machte ihr Frühstück. Danach ließ Ruth sie mit ihren Spielsachen spielen, während sie den Abwasch machte. Plötzlich erschrak Ruth, denn sie bemerkte, dass sie noch gar nicht ihre ganzen Schmerzmittel genommen hatte, wie sie es jeden Morgen tat seit 14 Jahren. Normalerweise war Ruth gar nicht in der Lage, aufzustehen wegen der starken Schmerzen, sondern sie nahm erstmal ihr Gabapentin und ihr Tramal und musste dann warten, bis die Wirkung einsetzte, um aufstehen zu können. Doch an diesem Morgen war ein Wunder geschehen: Sie hatte keine Schmerzen. In ihr keimte ein Hoffnungsschimmer auf: „Vielleicht hat Gott nach 14 Jahren endlich unsere Gebete erhört und mich geheilt!“ Aber sie wollte sich nicht zu früh freuen, sondern erstmal bis Mittag abwarten, da dann wohl spätestens die Schmerzen einsetzen würden. Gegen Mittag rief mich Ruth dann an und berichtete mir freudig von ihrer Befreiung. Wir überlegten, was die Ursache gewesen sein könnte, aber es gab keine natürliche Ursache. Es geschah einfach so. Auch am nächsten Tag hatte Ruth keine Schmerzen mehr. Sie war wirklich frei! Wir lobten Gott und dankten Ihm von ganzen Herzen, dass ihre Gefangenschaft endlich vorbei war und sie keine Schmerzmittel mehr brauchte, von denen sie völlig abhängig war.

An einem Tag bekam ich eine E-Mail von einer älteren Glaubensschwester namens Christa (75). Sie hatte vor dem Hochhaus, in dem sie wohnt, einen unserer Firmenwagen stehen sehen, auf dem ein Bibelvers angeklebt war aus Matth.11:28-29 und hatte sich sehr darüber gefreut. Sie schrieb, dass sie früher in einer Pfingstgemeinde war, aber dass sie seit ihrem Umzug nach Bremen keinen Kontakt mehr habe mit anderen Christen. Das lag auch daran, weil sie unter einer Soziophobie leide und sich deshalb nicht unter die Leute traue. Die Einsamkeit mache ihr aber auch schwer zu schaffen. Ich fragte sie, ob ich sie mal anrufen oder sie besuchen kommen dürfe, aber beides lehnte sie ab, was ich aber nicht persönlich nehmen solle. Ich bot ihr an, sie abzuholen und mit ihr zu unserer Gemeinde zu fahren, aber auch das wollte sie nicht. Zuletzt bot ich ihr einfach nur meine Freundschaft an und versicherte ihr, dass sie jederzeit mit meiner Hilfe rechnen dürfe, wenn ich ihr irgendeinen Gefallen tun dürfe. Sie war über dieses Angebot sehr erfreut und berührt. Allein diese Formulierung „Ich biete Dir meine Freundschaft an“ hatte sie so noch nie gehört und war sehr dankbar dafür. Dann schrieb sie mir fast alle drei Tage und ging dabei auf das ein, was sie auf meiner Internetseite gelesen hatte. Ich kam gar nicht mehr mit den Antworten hinterher, so dass sie sich ständig Sorgen machte, ob ich vielleicht sauer auf sie sei, weil ich schon zwei Wochen nicht geantwortet hatte. Ich versicherte ihr, dass es nichts mit ihr zu tun habe, sondern dass ich einfach nicht so viel Zeit hätte. Ehrlich gesagt wusste ich auch nicht immer, was ihr schreiben könne.

An einem Abend erzählte ich nach der Bibelstunde meiner Schwester Diana von Christa und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, der Christa zu schreiben. Diana wollte dies sehr gerne, zumal sie ohnehin schon lange eine Brieffreundschaft suchte. So gab ich ihr die Anschrift von Christa, wollte sie aber zuvor noch fragen, ob sie damit einverstanden sei. Leider war Diana schneller als ich, so dass ich schon zwei Tage später eine sehr wütende Reaktion von Christa bekam. Sie war unendlich enttäuscht von mir, dass ich einfach ihre Adresse weitergegeben hätte und wollte von nun an nichts mehr von mir wissen. Ich entschuldigte mich überschwänglich und beteuerte ihr, dass ich es nicht böse meinte, sondern ihr doch einfach nur eine neue Brieffreundin vermitteln wollte. Christa vergab mir, wollte aber auch weiterhin nur mit mir Korrespondenz. Irgendwann schrieb sie mir, dass ihr Hund krank sei und vermutlich bald sterben werde. Sie wollte ihn aber nicht einäschern lassen, sondern ihn würdig begraben. Deshalb bat sie mich, ob ich ihn abholen könne, wenn es so weit sei, um ihn dann bei mir im Garten zu begraben. Ich hatte dafür Verständnis und sagte, dass es eine Ehre für mich sei, ihr diesen Gefallen zu tun.

Es vergingen zwei Monate, da schrieb sie mir in völliger Verbitterung: „Moin Simon, Bobby, mein kleiner Hund, ist tot. Die sog. ´Ehre´, die es dir angeblich war, ihn in deinem Garten zu begraben – sie endete in Asche im Krematorium… Biblische Sprüche klopfen non stop – aber DAS, Simon, ist nicht Glaube! DAS ist nicht Mission aus dem Herzen! Mich hast du nicht erreicht … Komm auf den Boden zurück zu den Menschen, die du doch angeblich erreichen willst. Und lass die Sprücheklopferei – das überzeugt niemanden.“ Sofort schrieb ich ihr zurück, dass der Tod ihres Hundes mir sehr leidtäte, aber ich doch gar nicht wusste, dass er gestorben war. Ich erinnerte sie dran, dass wir doch so verblieben waren, dass sie mir bescheid geben solle. Wenn sie mich aber erst nach der Einäscherung informiert, könne sie mir doch keine Vorwürfe machen. Christa „verzieh“ mir und fragte mich, ob ich ihr einen neuen Hund besorgen könne, da sie es nicht aushalten könne über Weihnachten allein zu sein. Also suchte ich im Internet nach Hunde-Angeboten, die allerdings für Christa unerschwinglich waren (teilw. über 1000 Euro). Auch rief ich im Bremer Tierheim an, wo man mir erklärte, dass es ein gewisses Prozedere gäbe, nach welchem Christa erst über mehrere Wochen dorthin kommen müsse, um mit dem Hund ihrer Wahl Gassi zu gehen, damit man prüfen könne, ob Christa auch würdig sei. Aber Christa wollte dies nicht.

Kurz vor Weihnachten hatte Christa die Idee, einer kinderreichen Familie etwas spenden zu wollen, damit die Eltern damit Weihnachtsgeschenke kaufen könnten. Sie schickte mir einen Betrag, den ich dann an Bujor weiterleitete. Ich bot ihr an, dass sie an Heiligabend bei uns sein könne, aber sie lehnte es ab, weil sie sich als „Eindringling“ fühle bei unserem Familienfest. Ich tröstete sie und sprach ihr Zuspruch vom HErrn aus, der das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Doch nicht auslöschen werde. Als ich mich nach Weihnachten nicht sofort bei ihr meldete, schrieb sie verbittert: „Du bist ein typischer frommer Laberkopp, Simon. Sorry für die harten Worte, aber solche Leute wie dich habe ich zur Genüge kennengelernt. Nochmal muss ich das nicht haben. Kaum wirst du gefordert, auch einmal anderen zu entsprechen, verschwindest du mit ein paar frommen Worten im Nirwana. …Mir stehts nicht zu, darüber zu urteilen. Mir fällt nur auf: Du bietest viel an – und letztlich verpufft alles im Nichts… Ich breche an dieser Stelle den Kontakt zu dir ab – es ist besser so. Und ich werde auch keine weiteren Mails mehr von dir lesen, sondern sie ungelesen löschen. Christa.“ Ich schrieb ihr trotzdem, aber sie informierte mich danach nur, dass sie meine E-Mail sofort gelöscht hatte. Doch Ende Januar kam dann doch noch mal eine Antwort auf meine Mail: „Leider hast du mir nur wieder einen Bibelspruch um die Ohren gehauen. Sowas verletzt am meisten, aber das weißt du selbst. Wolltest du es? … Wo warst du, als mein Hund starb? – In deinem Garten war er jedenfalls nicht danach… Wo warst du zu Weihnachten? – ich war mal wieder allein. Das tat echt weh. … Trotzdem vermisse ich dich – bekloppterweise. Warum ich mich jetzt nochmal melde? Keine Ahnung. Vermutlich machts gar keinen Sinn. Aber was macht im Erdenleben schon einen Sinn? Shalom, Simon. Christa“. Jetzt wurde mir klar, dass Christa mich mit ihren ständigen emotionalen Erpressungen nur als bösen Versager hinstellen wollte, um sich als Opfer fühlen zu können. Dass sie ja selber meine Hilfsangebote abwies, verdrängte sie einfach und labte sich daran, mir Schuldgefühle einzureden. In ihrer narzisstischen Wahrnehmung sollte ich derjenige sein, der sie im Stich gelassen hatte. Die Realität blendete sie dabei aus. Sie wurde einfach zugunsten ihrer Opfergeschichte umgeschrieben.

 

Januar bis Juni 2025

Marcus kommt ohne mich nicht mehr zurecht

Im Januar flogen Ruth und ich wieder nach Peru und nahmen dabei nicht nur Rebekka und Penelope, sondern auch Dennis mit, für den es die erste Perureise war. Damit sich das Ehepaar mal ungestört das ganze Land anschauen kann, kümmerten wir uns um Penelope, mit der wir täglich auf den Spielplatz gingen oder sie bei einem Nachbarkind zum Spielen brachten. Da ich mir Sorgen machte um Marcus, der schon vor meiner Abreise wieder sehr unruhig war, wollte ich schon Ende Januar wieder zurückfliegen, während Ruth noch zwei Monate länger blieb. Doch am letzten Tag vor meiner Abreise erfuhr ich von Bruder Sergej, dass Marcus sich schon seit zwei Wochen nicht mehr gemeldet hatte und sein Handy aus war. Ich bat ihn, er möge sich doch mal bei meiner Schwester Diana den Schlüssel vom Elternhaus rausholen und mal nachsehen, ob er dort sei. Und tatsächlich fand Sergej ihn mit Jacke und Hose im Bett liegen, wo er sich scheinbar schon seit Tagen zurückgezogen hatte. Sergej redete mit ihm, aber Marcus antwortete nicht. Da Marcus Kühlschrank leer war, kaufte er ihm etwas zu essen, bevor er ging. Als ich am nächsten Tag abends in Bremen ankam, fuhr ich sofort zu Marcus, nachdem ich zuvor Lebensmittel eingekauft hatte. Er machte mir die Tür auf, legte sich aber sofort wieder ins Bett. Im Haus war es gerade mal nur 10 °C, da die Heizung ausgeschaltet war. Die Pflanzen waren alle vertrocknet und man merkte, dass schon lange keiner mehr saubergemacht hatte. Ich machte uns Abendessen und erklärte Marcus, dass ich die Nacht im Haus übernachten wolle. Er wollte nichts essen, antwortete immer erst nach langer Verzögerung und wirkte auffällig unruhig. Er war mal wieder katatonisch. Ich forderte ihn mehrfach auf, doch wenigstens etwas zu trinken, damit er nicht dehydriere. Immer wieder hob er das Glas hoch, nur, um es gleich darauf wieder abzusetzen. Ich schimpfte mit ihm, weil er sein Medikament nicht genommen hatte.  Da es mir am Ende jedoch zu kalt im Haus war, wollte ich wieder zu mir fahren, versprach Marcus aber, morgen früh wiederzukommen.

Als ich am nächsten Morgen wieder auf der Matte stand, machte Marcus mir nicht die Tür auf. Ich klingelte immer wieder, trat gegen die Tür und rief ihn laut, aber er reagierte nicht. Da aber Licht brannte, gab ich nicht auf. Nach einer halben Stunde sah ich ihn schemenhaft durch die Glastür, so dass ich noch lauter rief und bollerte. Endlich machte er mir stumm und apathisch die Tür auf. Er schaute mich starr an, während ich mit ihm schimpfte. Ich forderte ihn auf, Kleidung zusammenzustellen, weil ich ihn mitnehmen wolle zu mir. Dazu war Marcus aber nicht in der Lage, weshalb ich selbst ein paar Sachen von ihm mitnahm. Als wir bei mir ankamen, ließ ich erstmal Badewannenwasser einlaufen, da Marcus wieder ziemlich stark roch. Zu meiner Verwunderung stieg er diesmal ohne Widerstand in die Badewanne, wenn auch sehr langsam. Das gemeinsame Frühstück dauerte dann eine Ewigkeit, da er immer wieder zögerte. Danach bat ich ihn, dass wir gemeinsam beten sollten. Ohne Zögern ging er auf die Knie. Er war wieder wie ein Lämmlein – so wie ich es mir immer gewünscht und erhofft hatte. Nach dem Gebet wurde Marcus allmählich wieder klar im Kopf, und wir gingen auf mein Zimmer, um uns zu unterhalten.

In den folgenden Tagen folgte mir Marcus auf Schritt und Tritt; sogar, wenn ich auf Toilette ging, wartete er vor der Tür bis ich wieder rauskam. Während ich meine Büroarbeit machte, saß er neben mir auf dem Sofa und schaute mich einfach nur an, ohne etwas zu sagen. Und wenn ich Kunden besuchte, begleitete er mich überall hin. Mir war aber klar, dass dies kein Dauerzustand sein konnte, zumal Ruth schon Ende März zurückkehren würde und er dann nicht mehr bei uns wohnen könne. Also telefonierte ich mit verschiedenen christlichen Einrichtungen wie etwa das Sozialwerk der Freien Christengemeinde, dem Geistlichen Rüstzentrum Krelingen oder dem Freizeitheim Blekendorf, aber überall waren sie schon voll und hatten Wartelisten. Zuletzt fragte ich beim WEC Missionshaus in Oyten nach und erfuhr, dass der Bruder Esra mit seiner Familie nach Albanien ausgewandert sei und das Missionshaus zum Verkauf angeboten wurde. Da kam mir die Idee, dass vielleicht die Russlanddeutschen das Haus kaufen und es als Wohnheim für psychisch labile Christen weiterführen könnten. Ich fragte nach, und tatsächlich hatte die russlanddeutsche Pfingstgemeinde in Bremen Interesse an dem Haus. Nach mehreren Gesprächen und Besichtigungen, wurden sie sich jedoch nicht handelseinig, so dass es nicht dazu kam. Von Tag zu Tag taute Marcus allmählich aus seiner Lethargie auf und wurde auch wieder gesprächiger. Er erklärte mir, dass er ohnehin nicht in irgendein Wohnheim ziehen würde, sondern so lange bei uns wohnen bleiben wolle, bis er wieder stabil sei. Dass Ruth dies nicht wolle, ließ er nicht gelten. Als Ehemann solle ich bloß ein Machtwort sprechen, unter dass sich Ruth beugen müsse. Ich solle mich einfach nur mehr durchsetzen.

Mitte Februar wurde Marcus schon wieder psychotisch. Zum Glück hatte ich noch 3 Tabletten Lorazepam und gab ihm eine. Schon bald entkrampfte sich sein Kopf wieder. Aber wenn er solche Attacken noch öfter haben würde, brauchte ich Medikamentennachschub. Da er noch immer nicht krankenversichert war, bot ich ihm an, ihn zum 01.03. einzustellen. Marcus hatte panische Angst davor, weil er dann eine Nachzahlung an die Krankenkasse von mehreren 10.000 Euro leisten müsste, um überhaupt wieder versichert werden zu können. „Im schlimmsten Fall nehmen die mir mein Haus weg!“ – „Unfug,“ sagte ich. „Das Haus gehört Dir ja gar nicht allein.“ – „Doch. Ihr hattet mir ja vor zehn Jahren euren Anteil am Erbe abgetreten.“ – „Aber das haben wir ja noch nicht notariell gemacht.“ – „Doch. Ich war ja mit Vater und Christine damals beim Notar. Ich bin jetzt der alleinige Besitzer.“ – „Selbst wenn. Die können Dir nicht das Haus wegnehmen, denn es gibt Bestandsschutz.“ – „Nur, wenn ich auch im Haus wohne. Aber ich kann nicht mehr zurück nach Arbergen. Alles im Haus erinnert mich an Christine. Es ist, als würde ich mich in einen Sarg legen. Bitte, Simon, lass mich nicht mehr dort zurückkehren. Ich schenke Dir auch mein Haus.“ – „Dann verkaufe es doch und nimm Dir eine Wohnung zur Miete.“ – „Nein, ich kann auch nicht allein leben. Außerdem will Vater nicht, dass ich das Haus verkaufe solange er lebt. Mein Fehler war, dass ich das Haus damals nach dem Tod von Christine nicht an die Familie von Bujor vermietet habe und mir eine Mietwohnung genommen hätte.“ – „Wieso? Was hindert dich denn, es jetzt nachzuholen?“ – „….“


Marcus findet kein Zuhause mehr

Nach langem Zögern unterschrieb Marcus dann endlich den Arbeitsvertrag, und ich meldete ihn bei der Krankenkasse an. Da Marcus aber inzwischen zwei Jahre nicht mehr gearbeitet hatte, machte er jeden Tag schon nach wenigen Stunden schlapp und musste sich ausruhen (Muskeldystrophie). Damit meine Mitarbeiter dies nicht bemerkten, wollte Marcus nur mit mir zusammenarbeiten und nicht mit ihnen. Marcus suchte nach der verlorenen Geborgenheit, aber ich konnte ihm nicht eine Ehefrau ersetzen. Als sich dann Ende März der Zeitpunkt nahte, dass er wieder gehen musste, wurde er erneut psychotisch. Da mir die Medikamente ausgegangen waren, brachte mir Bruder Sergej aus Walsrode eine Packung Perazin, ein mildes Neuroleptikum, mit dem er als selbst Betroffener gute Erfahrung gemacht hatte. Aber Marcus wollte weder dieses einnehmen, noch sich einen Termin beim Psychiater geben lassen, um eine andere Tablette zu kriegen. Stattdessen lag er den ganzen Tag nur noch im Bett und grübelte vor sich hin, während ich auf der Baustelle am Arbeiten war. Die Situation belastete mich so sehr, dass ich meine Schwester Diana anrief, um mich zu unterstützen. Diana aber weigerte sich, Marcus weiterhin jedes Mal vor dem Tod durch Verdursten zu retten, sondern forderte, dass er einen gerichtlichen Betreuer brauche, der ihn dann bei Bedarf in eine entsprechende Einrichtung zwangseinweisen könne. Als ich dies Marcus erzählte – in der Hoffnung, dass er nun bereit werde, mit uns zu kooperieren – geriet Marcus in Panik und floh aus dem Haus, ohne mir zu sagen, wohin. Als Diana mir dann einen von Axel verfassten Brief ans Betreuungsgericht vorlegte, unterschrieb ich ihn, weil es so nicht mehr weitergehen könnte.

Marcus hatte indes Zuflucht gefunden bei einem 90 Jahre alten Bruder aus der Brüdergemeinde. Aber auch Horst war schon bald mit der Situation überlastet, da Marcus nichts mehr aß und trank, sondern nur noch im Bett liegen blieb. Er rief mich an, und ich holte Marcus wieder ab. Da Ruth inzwischen wieder da war, brachte ich Marcus zu meinem Vater nach Lilienthal. Ich bat meinen Vater, Marcus am besten jeden Tag eine Tablette zu geben. Nach einer Woche verkündigte unser Vater stolz, dass Marcus wieder klar im Kopf sei und kooperiere. Später erfuhr ich von Marcus, dass mein Vater ihn jeden Tag anbrüllte und sogar schlug, damit er die Tablette nehme. Und da mein Vater mit seiner Lebensgefährtin Irmtraut den ganzen Tag nur auf seiner Parzelle lag, um Kreuzworträtsel zu lösen, aber kein einziges Wort mit Marcus redete, fühlte er sich von Tag zu Tag unglücklicher. Hinzu kamen die unhygienischen Zustände, die man überall im Haus sehen konnte und an die sich die beiden Alten schon längst gewöhnt hatten. Mein Vater konnte Marcus keine Zerstreuung bieten, außer einmal in der Woche nach Worpswede zu fahren, um zu containern (d.h. abgelaufene Lebensmittel aus den Müllcontainern der Supermärkte zu holen). Kein Wunder, dass Marcus schon nach zwei Wochen wieder geflohen war und heimatlos im Auto umherirrte. Er kam dann aber immer wieder mitten in der Nacht zurück, manchmal um 3 Uhr, und wartete dann bis zur Morgendämmerung auf der Terrasse, damit mein Vater ihn rein ließ.

Um Marcus wenigstens emotional beizustehen, telefonierten wir jeden Tag miteinander, und er durfte mich auch mittwochnachmittags vor der Bibelstunde besuchen zum seelsorgerlichen Spazierengehen. Wir berieten, wie es weitergehen könne, aber gerieten leider immer wieder in Streit, da Marcus jeden meiner Vorschläge abwies. Er wollte weder eine Ehefrau suchen, noch in eine WG ziehen und erst recht nicht in eine psychiatrisch-betreute Wohngruppe. Noch immer machte er sich Sorgen, dass die Krankenkasse ihm das Haus wegnehmen könne und flehte mich an, den Antrag auf einen gerichtlichen Betreuer doch wieder zurückzuziehen. Dass seine eigenen Geschwister dies veranlasst hatten, war für ihn ein Verrat. Er verglich es mit Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauft hatten. In jener Zeit meldete sich Marcus Ex-Freundin bei mir und erkundigte sich nach ihm. Viola hatte Marcus nach der Hochzeit mit Christine 2016 sechs Jahre lang hinterhergetrauert, da Marcus der Mann ihres Lebens war. Doch dann lernte sie Daniel, einen anderen Christen, kennen, mit dem sie seitdem befreundet war. Ausgerechnet jetzt! Was für eine Ironie des Schicksals, denn Viola wäre die einzige Frau gewesen, die Marcus noch bereit gewesen wäre, zu heiraten. Aber es sollte nicht sein. Trotzdem fühlte sich Viola weiter für Marcus verantwortlich und gab mir viele gute Ratschläge, da sie ja als Sozialarbeiterin für psychisch Kranke jahrelange Erfahrung mit Medikamenten und Behörden hatte. Und als wolle sie etwas wieder gut machen, engagierte sich Viola von nun an intensiv um Marcus, indem sie mir pro Woche bis zu 50 WhatsApp-Nachrichten schickte. Anfangs gefiel mir diese Fürsorge noch, aber im Laufe der Zeit antwortete ich ihr dann nur noch 3 bis 4-mal pro Woche und las auch nur noch 80 % ihrer ganzen Nachrichten, was sie sofort merkte und mit mir schimpfte. Offensichtlich war Marcus noch immer „der Mann ihres Lebens“.

Da Marcus schon seit Wochen nicht mehr arbeiten konnte bzw. wollte, kam mir die Idee, einen Mieter für das Haus in Arbergen zu suchen, damit Marcus durch die Mieteinnahmen finanziell versorgt werde. Mein Vater war sofort einverstanden, denn da das Haus seit zwei Jahren leer stand, entgingen ihm Monat für Monat bis zu 2000 Euro Mietgewinne. Ich erinnerte mich an den kolumbianischen Bruder David, der inzwischen ein zweites Kind hatte, und David war einverstanden und hoch erfreut über dieses Angebot. Meinen Vorschlag von 1000 Euro Miete lehnte er jedoch ab und wollte mindestens 1300 Euro bezahlen. Doch als Diana davon erfuhr, war sie sofort dagegen und überredete alle anderen, das Haus nicht zu vermieten, damit mein Vater nach dem Tod von Irmtraut nicht auf der Straße landen müsse.

Polizeifahndung nach Marcus Poppe

Und dieser Tod kam dann tatsächlich und völlig unerwartet: An einem Tag rief mich ein Gerichtsgutachter an, der Marcus Zustand einschätzen sollte, um einen Überraschungsbesuch bei meinem Vater anzukündigen. Doch wenige Minuten vor dem Besuch geschah ein Unglück. Irmtraut musste auf Toilette und rutschte plötzlich auf den Fliesen aus. Marcus lief sofort zu ihr, um sie aufzurichten, stellte aber fest, dass sie nicht mehr stehen konnte. Sie hatte sich den Oberhalsschenkel gebrochen. Er legte sie auf das Sofa, als es plötzlich an der Tür klingelte. Es war der Gutachter. Marcus reagierte angespannt und war wie gelähmt. Da er auf keine Frage antworten konnte, war für den Gutachter schon nach fünf Minuten der Fall klar. Marcus brauche einen Betreuer! Kurz darauf starb Irmtraut im Krankenhaus an den Folgen des Sturzes. Mein Vater war geschockt und trug tiefe Trauer um Irmtraut, mit der er ja schon 13 Jahre lang zusammengelebt hatte. Er musste nun aus dem Haus von Irmtraut ausziehen und lebte zunächst auf der Parzelle. Durch den ganzen Wirbel bemerkte zunächst niemand, dass Marcus verschwunden war. Als Diana eine Woche später nach Arbergen fuhr, machte keiner die Tür auf, aber auch sein Auto stand nicht vor der Tür. Sie hatte keinen Schlüssel vom Haus, weshalb sie mich um Hilfe bat. Dann ging sie zur Polizei und erstattete eine Vermisstenanzeige. Doch als ich wenig später mit Ruth zum Haus in Arbergen fuhr, fanden wir Marcus im Bett kauernd. Er hatte absichtlich seinen Wagen in einer anderen Straße geparkt, um nicht gefunden zu werden. Ich teilte ihm mit, dass schon die Polizei nach ihm suchen würde und er doch vernünftig sein und erstmal mit meinem Vater auf der Parzelle wohnen könne. Marcus willigte ein, wollte aber nicht mit uns fahren, sondern selbst mit seinem Auto zu meinem Vater fahren. Wir vertrauten ihm, was ein Fehler war, denn er hatte uns angelogen. An jenem Abend verschwand mein Bruder spurlos.

Als Marcus auch nach Tagen nicht wieder auftauchte, rief ich etwa 50 Personen an, mit denen Marcus in Kontakt stand, aber nirgendwo war Marcus untergetaucht. Daraufhin schlugen wir Alarm. Ich erklärte der Polizei, dass Marcus in Lebensgefahr sei, da er im Falle einer Katatonie nicht in der Lage sei, sich zu orientieren und dann irgendwo im Wald liegen könnte, ohne zum Aufstehen fähig zu sein und dadurch verdursten könne. Marcus wurde nun europaweit von der Polizei gesucht. Da er mit dem Auto unterwegs war, wurde überall im Raum Bremen und umzu ein Fahndungsplakat in Tankstellen aufgehängt. Schon bald darauf teilte uns die Polizei mit, dass eine Überwachungskamera ihn abends an einer unbemannten Automaten-Tankstelle im Raum Scheeßel fotografiert habe. Ich richtete eine WhatsApp-Gruppe ein und fragte, ob irgendjemand eine Idee hätte, wo er sein könnte. Einer in der Gruppe vermittelte mich an ein Detektivbüro aus Mönchengladbach, die als „Trovato“-Familie schon eine RTL-Serie hatten, in welcher vermisste Personen mit professionellen Geheimdienstmethoden aufgespürt werden. Das Trovato-Team befragte mich dann 2 Stunden lang, während sie mit Hackermethoden an vertrauliche Daten rankamen. So konnten sie z.B. anhand von gehackten Kontoauszügen herausfinden, an welchen Geldautomaten Marcus war usw. Doch Marcus hinterließ keine verwertbaren Spuren, so dass sie schließlich aufgaben.

Wir beteten immer wieder, dass Marcus doch zurückkehren möge, und mir kam auf einmal jenes Wort aus 1.Mo.42:21 in den Sinn: „Fürwahr, wir sind schuldig wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er zu uns flehte, und wir hörten nicht; darum ist diese Drangsal über uns gekommen.“ Wenn Marcus jetzt wirklich sterben würde und Gott dies zuließe, dann würden wir uns alle noch jahrelang schuldig fühlen, weil wir nicht bereit waren, ihm ein Zuhause zu bieten. Aber ich war mir sicher: das würde der HErr nicht zulassen. „Sicher wird Marcus irgendwo bei einer Familie untergekommen sein!“ Aber ich sollte mich irren: Fünf Wochen nach seinem Verschwinden rief Marcus mich am 06.07.25 abends an und bat darum, zu mir zu kommen, um etwas zu Essen zu kriegen und sich waschen zu dürfen. Als er dann vor der Tür stand, erschrak ich. Marcus war vollkommen abgemagert, hatte lange Haare und einen ängstlichen Blick. Ich machte ihm ein Abendessen und er erzählte mir, dass er tatsächlich so gut wie nichts gegessen hatte in den 40 Tagen und im Auto geschlafen habe, weil er Angst hatte, dass die Polizei ihn wieder in die Psychiatrie einweise. Er habe auch Wahnvorstellungen gehabt, dass er sich von einem Felsen runterstürzen müsse und sei deshalb in den Harz gefahren. Aber Gott habe ihn davor bewahrt. Ich dankte Gott von Herzen, dass Er meinen verlorenen Bruder wieder zur Besinnung gebracht hat. Nachdem Marcus gebadet hatte und neue Kleidung von mir erhielt, legte er sich bei uns schlafen.

Doch schon am frühen Morgen war Marcus erneut verschwunden. Sollte alles wieder von vorne losgehen? Nein, denn schon am Nachmittag rief er wieder an und bereute seine Flucht. Er sah ein, dass er sich endlich fügen und mit uns kooperieren musste. Er wohnte dann zunächst noch eine Weile bei meinem Vater und nahm seine Tabletten. Am 01.08.25 war er dann wieder in der Lage, jeden Tag bei mir in der Firma zu arbeiten. Gott schenkte ihm dann eine Unterkunft bei einem Glaubensbruder, der wie er unter Einsamkeit litt, so dass am Ende beiden geholfen wurde. Er wurde zwar auch danach noch einige Male psychotisch und katatonisch, aber tendenziell ging es Marcus im Laufe der Zeit immer besser. Es hatte sich mal wieder das Bibelwort erfüllt: „Gott lässt Einsame in einem Hause wohnen, führt Gefangene hinaus ins Glück; die Widerspenstigen aber wohnen in der Dürre“ (Ps.68:18). Gott hat mich in den letzten zehn Jahren durch viele Prüfungen geführt, aber stand mir immer bei und schenkte mir einen Ausgang, so dass ich es ertragen konnte (1.Kor.10:13). Lob und Ehre sei Ihm für Seine Treue!

Bremen, den 24.05.2026                                                                          Simon Poppe

Erschuf Gott die Welt innerhalb von Mrd. Jahren durch eine Evolution?

 

„Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet Seiner Hände Werk. Ein Tag berichtet es dem anderen, und eine Nacht meldet der anderen die Kunde davon. Keine Rede und keine Worte, doch gehört wird ihre Stimme.“ (Ps.19:1-3)

 

Liebe Geschwister,

Die Gnade unseres HErrn Jesus Christus und der Friede Gottes seien mit Euch!

Als ich vor 20 Jahren mal mit meiner Frau in Kappadokien (Türkei) war, sahen wir eine Berglandschaft, die völlig surreal war: Man sah überall 30 bis 40 m hohe, kegelförmige Zipfelmützen-Berge, auf deren Spitze sich jeweils ein tonnenschwerer Fels als Zipfel befand. Wie konnte dieser dort hingelangen? Ich fragte den Reiseleiter, und er erklärte uns, dass vor ca. 40 Millionen Jahren mehrere Vulkane dort ausgebrochen waren, deren Asche sich in Schichten zu weichem und porösem Tuff verfestigte. Darüber lagerte sich später eine härtere Schicht aus Basalt-Gestein. Durch Wind, Regen und Frost ist das weiche Tuff-Gestein größtenteils erodiert und abgetragen worden. Nur dort, wo es diese Felsplatten gab, war das darunter befindliche Tuff-Gestein geschützt, so dass sich dort diese Kegel bildeten. Wir sahen später, dass die Menschen sich in diesen Bergkegeln Häuser bauten, indem sie das poröse Gas-Gestein einfach ausschabten. Ab dem 4. Jh. haben sich Christen aus diesem Tuff-Gestein Kirchen und Klöster gehauen und sich dort angesiedelt. Vom 8.-11. Jh erreichte der Bau von diesen Felskirchen ihre Blütezeit. Man sieht unzählige Heiligenbilder, die im inneren der Höhlen an die Wände gemalt wurden. Sie wurden später von den muslimischen Osmanen z.T. zerkratzt.

Wenn es diese Zipfelmützen-Berge schon vor weit mehr als 2000 Jahren gab, wie konnte die Erde dann erst 6000 Jahre alt sein?

Als bibeltreue Christen sind wir alle selbstverständlich davon überzeugt, dass Gott die Erde erschuf durch Seinen Sohn Jesus Christus. WIE Er sie jedoch erschuf und wie lange Er sich dafür Zeit nahm, darin sind sich längst nicht alle Gläubigen einig, zumal der Glaube an eine buchstäbliche Auslegung von 1.Mo. 1 heute im vielfachen Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen steht. Im Folgenden möchte ich zunächst einmal die vier gängigen Sichtweisen von der Schöpfung vorstellen:

  1. Der Junge-Erde-Kreationismus geht davon aus, dass Gott die Welt in sechs gewöhnlichen 24-Std.-Tagen erschaffen hat und dass die Erde ca. 6.000 oder 10.000 Jahre alt ist. Diese Sicht stützt sich vor allem auf eine wörtliche Auslegung von 1. Mose 1 sowie auf die Stammbäume des AT.
  2. Die Gap-Theorie versucht, die biblischen Aussagen mit der Annahme einer alten Erde zu verbinden. Nach dieser Auffassung liegt zwischen 1. Mose 1:1 und 1. Mose 1:2 ein unbestimmbar langer Zeitraum. In dieser Zeit könnten Milliarden Jahre vergangen sein. Die sechs Schöpfungstage beschreiben dann nicht die ursprüngliche Schöpfung, sondern eine spätere Wiederherstellung. Diese Sicht war besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitet.

  3. Der Alte-Erde-Kreationismus
    akzeptiert die wissenschaftlichen Hinweise auf ein hohes Alter der Erde, lehnt aber die biologische Evolution weitgehend ab. Die „Tage“ der Schöpfung werden dabei entweder als lange Zeitalter verstanden oder aber, dass es zwischen den 24-Std.-Schöpfungstagen lange Zeiträume von Millionen oder Milliarden Jahre gab, in denen Gott nichts Neues erschuf.
  4. Die Gott-geleitete Evolution – auch „evolutionäre Schöpfung“ genannt – geht davon aus, dass Gott der Schöpfer aller Dinge ist und die Evolution das Werkzeug war, durch das Er das Leben hervorbrachte. Demnach stehen Naturwissenschaft und Glaube nicht in Konkurrenz. Die Evolution erklärt die Mechanismen der Entwicklung, während Gott ihr Ursprung, Ziel und Erhalter ist.

Laut einer groben Schätzung glauben heute noch ca. 30 – 60 % der US-Evangelikalen an einen Junge-Erde-Kreationismus, 20 – 40 % glauben hingegen an einen Alte-Erde-Kreationismus (inkl. Anhänger der Gap-Theorie), und 25 – 45 % glauben an eine evolutionäre Schöpfung (Theistische Evolution.)

Bis vor etwa sieben Jahren habe ich noch überzeugt den Junge-Erde-Kreationismus vertreten. Aufgrund erdrückender Widersprüche zu den geologischen Tatsachen und bestimmter Bibelstellen hielt ich dann bis vor kurzem auch den Alte-Erde-Kreationismus für denkbar. Inzwischen kann ich mir sogar vorstellen, dass eine von Gott geleitete Evolution im Einklang ist mit der Heiligen Schrift und keineswegs die Autorität und Glaubwürdigkeit der Bibel untergraben würde. Die Bibel muss nicht naturwissenschaftlich präzise gelesen werden, um wahr zu sein. Vielmehr spricht sie häufig in Bildern, Symbolen und allgemein verständlicher Sprache über Wirklichkeiten, die weit über das Verständnis ihrer ursprünglichen Leser hinausgingen. Dieser Artikel soll erklären, warum ich zu dieser Überzeugung gekommen bin. Mein Ziel ist nicht, jemanden anzufechten oder seinen Glauben zu erschüttern. Vielmehr möchte ich zeigen, dass Gläubige die Bibel hochachten und zugleich eine alte Erde sowie die Evolution als Gottes Schöpfungswerk akzeptieren können.

 

Wie Christen die Genesis in den letzten 2.000 Jahren verstanden haben

Viele Christen glauben, dass nur die wörtliche 24-Stunden-Auslegung die historische Position der Gemeinde gewesen sei. Tatsächlich ist die Geschichte deutlich vielfältiger.

Bereits die ersten christlichen Denker waren sich nicht immer einig. Im 3.Jh. argumentierte der Kirchenvater Origenes, dass manche Aussagen in Genesis offensichtlich symbolisch verstanden werden müssten. Noch bemerkenswerter ist die Position von Augustinus von Hippo. Er vertrat die Auffassung, dass Gott die gesamte Schöpfung augenblicklich ins Dasein gerufen habe und die sechs Tage eher eine logische als eine zeitliche Ordnung darstellen. Augustinus warnte sogar davor, Christen sollten sich nicht auf naturkundlichen Gebieten lächerlich machen, indem sie Behauptungen aufstellen, die klar den beobachtbaren Tatsachen widersprechen (De Genesi ad litteram).

Im Mittelalter wurde der Schöpfungsbericht wortwörtlich verstanden. Gleichzeitig war die Überzeugung verbreitet, dass die Hl. Schrift mehrere Bedeutungsebenen besitzt: eine wörtliche, eine moralische und eine geistliche. Niemand betrachtete die Bibel als naturwissenschaftliches Lehrbuch.

Auch die Reformatoren hielten grundsätzlich an der historischen Wirklichkeit der sechs Schöpfungstage fest. Doch selbst hier finden wir unterschiedliche Akzente. Die Reformatoren wollten vor allem die Botschaft des Textes verstehen und nicht moderne naturwissenschaftliche Fragen beantworten.

Mit der Entwicklung der Geologie im 18. Jh. wurde immer deutlicher, dass die Erde sehr viel älter sein musste als bisher angenommen. Viele christliche Gelehrte versuchten deshalb, die biblischen Texte neu zu untersuchen. Daraus entstanden die Gap-Theorie und andere alte-Erde-Modelle.

Als Charles Darwin im 19.Jh. seine Evolutionstheorie veröffentlichte, reagierten Christen unterschiedlich. Manche lehnten sie vollständig ab. Andere sahen darin möglicherweise einen Mechanismus, durch den Gott Seine Schöpfung entfaltet haben könnte. Seit den 60er Jahren des 20. Jh. Gibt es eine große Bewegung von gläubigen Naturwissenschaftlern (Kreationisten), die versuchen, den 6-Tage-Bericht mithilfe wissenschaftlicher Beobachtungen als möglich darzustellen.

 

Spricht die Bibel immer naturwissenschaftlich?

Der eigentliche Wendepunkt meines Denkens war die Erkenntnis, dass die Bibel oft nicht die Sprache wissenschaftlicher Präzision verwendet. Das überrascht eigentlich nicht. Die Bibel wurde für Hirten, Bauern, Fischer, Könige, Gelehrte und einfache Menschen geschrieben, nicht aber für Astrophysiker oder Molekularbiologen. Bis heute sagen wir z.B.: „Die Sonne geht auf“ (Pred.1:5), aber naturwissenschaftlich wissen wir, dass die Erde rotiert. Trotzdem verwendet jeder diese Ausdrucksweise, und niemand würde einem Wettermoderator deshalb wissenschaftliche Fehler vorwerfen.

Mehrfach spricht die Bibel von den „Enden der Erde“ (5.Mo.33:17, 1.Sam.2:10, Hi.28:24, Ps.2:8, 22:27 usw.). Niemand versteht dies heute als Aussage über eine flache Erde mit vier Ecken, denn es handelt sich um bildhafte Sprache. Gleiches gilt für die „Pfeiler der Erde“ (1.Sam.2:8) oder die „Säulen des Himmels“ (Hi.26:11). „Er hat die Erde gegründet auf ihre Grundfesten; sie wird nicht wanken immer und ewiglich“ (Ps.104:5) – aber faktisch bewegt sich die Erde, und zwar mit einer Geschwindigkeit von 107.200 km/h um die Sonne (30-mal schneller als eine Gewehrkugel!) und sogar mit 818.000 km/h in der Milchstraße.

Elihu ging davon aus, dass er bei seiner Erschaffung „vom Tone abgekniffen wurde“ (Hi.33:6). Und David war davon überzeugt, dass seine Gebeine „in den untersten Örtern der Erde“ gemacht wurden (Ps.139:15). Zugleich wusste er, dass Gott ihn nicht direkt erschuf, sondern ihn im Leib seiner Mutter „bildete“ bzw. er „gewoben“ wurde (V.13). Der schuf ihn also durch einen evolutionären Prozess im Mutterleib! Ein allmählicher, geschichtlicher Entwicklungsprozess ist auch gemeint, wenn Gott über Sein Volk Israel sagt: „Ich habe dich geschaffen, Jakob, und dich gebildet, Israel“ (Jes.43:1). Und auch in Bezug auf alle aktuell entstandenen Geschöpfe bezeugt Paulus in Kol.1:16, dass „alle Dinge durch Ihn und für Ihn geschaffen wurden“. Für die gegenwärtigen Geschöpfe gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass Gott sie durch einen Entstehungsprozess erschafft; aber für die ersten Geschöpfe soll dies nur durch einen Fingerschnipp möglich gewesen sein?

Die Bibel spricht von „Gottes Hand“ (5.Mo.11:2, 1.Sam.5:7+11, 6:3, 2.Chr.30:12), seinem „Arm“ (2.Mo.6:6, 5.Mo.4:34, Ps.89:14, Jes.51:9, 53:1, 59:16) oder Seinen „Augen“ (Ps.33:18, 34:16, Spr.15:3, Hi.34:21). Selbst überzeugte Fundamentalisten verstehen diese Stellen normalerweise nicht wörtlich, weil die Sprache offensichtlich metaphorisch ist. Und wenn Gott ein Volk „in die Hand Israels gab“ (1.Sam.17:47, 2.Chr.13:16) oder „für Israel kämpft“ (Jos.10:42) bzw. „Benjamin schlug vor Israel“ (Richt.20:35), dann weiß jeder, wie das gemeint ist, nämlich nicht wörtlich (wie auch?!), sondern metaphorisch, indem Gott unsichtbar auf den Sieg einwirkte.


Der Schöpfungsbericht als theologische statt naturwissenschaftliche Offenbarung

War der „Baum des Lebens“, der auch im Sprüchebuch immer wieder erscheint (Spr.3:18, 11:30, 13:12, 15:4) und auch in der Offenbarung (Offb.2:7, 22:2,14,19) ein materiell-biologischer Baum, der seit 6000 Jahren bis heute real auf der Erde existiert und irgendwo in Syrien oder dem Irak zu verorten ist? Wäre der „Garten Eden“ ein realer Ort auf Erden, der von einem sichtbaren Cherub bewacht wird, dann wäre er heute wahrscheinlich einer der größten Touristenattraktionen! Und war die „Schlange“ im Garten Eden, von der auch in der Offenbarung die Rede ist (Offb.12:9,14,15, 20:2), ein real existierendes, physisches Kriechtier, das sich irgendwo bis heute auf der Erde befindet? Oder handelt es sich bei ihr um ein mythologisches Wesen, nämlich dem Teufel, dem bei der Kreuzigung und Auferstehung Jesu in metaphorischer Sprache „die Hauptschaft weggeschnappt“ wurde (1.Mo.3:15)? Und wenn die sieben Tage aus 1.Mo.1 jeweils sieben 24-Stunden-Tage waren, warum endete der siebte Tag dann nicht wie die anderen? Und warum steht in 1.Mose 2:4 von der „Geschichte des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden, an DEM Tage, da der HErr Gott Erde und Himmel machte“? Es war ja nicht der 8. Tag, obwohl in Vers 2:1 schon alles vollendet war. Und es war auch nicht der erste Tag als Analogie zu 1.Mo.1, da in 1.Mo.2 keine weiteren Tage mehr erwähnt werden, sondern es hat eher den Anschein, dass mit dem „Tag“ in 1.Mo.2:4 der gesamte Schöpfungszeitraum gemeint ist. Und warum findet man im hebräischen Originaltext von 1.Mo.1 -2:3 Hinweise auf eine bewusste Wort- und Buchstabenzählung, vor allem mit der Zahl 7? 1.Mo.1:1 besteht z.B. genau aus 7 Wörtern und 28 Buchstaben (4×7). 1.Mo.1:2 hat 14 Wörter (2×7), und auch alle weiteren Verse haben zahlreiche Multiplikatoren von 7: z.B. 469 Wörter insgesamt (67 x 7), „Elohim“ 35-mal (5×7), „Erde“ 21-mal (3×7) usw. Also, um was ging es dem Schreiber?

Gott beantwortet uns durch den Schöpfungsbericht vor allem folgende Fragen: Wer hat die Welt erschaffen? Warum existiert die Welt? Warum ist der Mensch besonders? Warum gibt es Sünde und Tod? Was Gott uns hingegen nicht beantwortet: Wie viele Milliarden Jahre alt das Universum ist, wie Galaxien entstehen, wie DNA funktioniert oder welche Prozesse zur Artenvielfalt führten. Die Absicht des Textes ist rein theologisch, was nicht bedeutet, dass der Schöpfungsbericht unwahr wäre. Es bedeutet lediglich, dass der Text andere Fragen beantwortet als moderne Naturwissenschaft. So sehen wir z.B. ein deutliches Schema: In den ersten drei „Tagen“ erschuf Gott RÄUME durch Trennungen, und in den zweiten drei „Tagen“ füllte Gott diese Räume in analoger Weise. Dabei verwendete Gott die Begriffe und Gedankenvorstellungen der damaligen Menschen, z.B. von einem „Firmament“ im Sinne eines festen Gewölbes oder einer Himmelskuppel, an der Sterne angebracht wurden wie Lampen. Wie anders hätte der Heilige Geist dem Schreiber die tatsächliche Kosmologie und Sternenbildung erklären können, um sie dann in verständlicher Sprache für das Volk weiterzuleiten? Es erinnert mich an die Prophezeiungen der Offenbarung: Wie hätte Johannes moderne Kriegsgeräte wie Panzer, Tarnkappenbomber oder Drohnen beschreiben können? Durch eine Bildsprache. Zusammenfassend können wir also feststellen, dass die zentrale Botschaft von 1.Mose 1-3 lediglich lautet: Gott ist der Schöpfer, der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen, die Welt ist durch Sünde beschädigt, aber der Sohn Gottes, Jesus Christus, wird einmal die Erlösung bringen. Keine dieser Aussagen hängt davon ab, ob die Erde 6.000 Jahre oder 4,5 Milliarden Jahre alt ist.

 

Hinweise auf eine alte Erde

Gibt es überzeugende Gründe anzunehmen, dass die Erde tatsächlich sehr alt ist? Ich denke: ja.

Zum Beispiel das expandierende Universum: Astronomen beobachten seit etwa hundert Jahren, dass sich Galaxien voneinander entfernen. Je weiter eine Galaxie entfernt ist, desto stärker erscheint ihre Rotverschiebung. Diese Beobachtungen führen zu dem Schluss, dass sich das Universum seit Milliarden Jahren ausdehnt. Wenn wir sehr weit ins All blicken, sehen wir Licht, das Millionen oder Milliarden Jahre unterwegs war. Vertreter einer jungen Erde müssten erklären, warum dieses Licht bereits bei uns angekommen ist. Sterne entstehen, entwickeln sich und sterben. Astronomen beobachten verschiedene Stadien dieser Entwicklung. Die zeitlichen Abläufe reichen weit über einige tausend Jahre hinaus. Wir sehen gewissermaßen Momentaufnahmen eines kosmischen Prozesses, der Milliarden Jahre umfasst. Hätte Gott vor 6000 Jahren das Universum geschaffen, dann hätte Er auch Sternenlicht auf die Erde gesandt, das nie von einem realen Stern ausgegangen wäre, sondern direkt bei der Schöpfung als bereits unterwegs befindliches Licht erschaffen worden wäre. Denn ein Lichtjahr ist definitionsgemäß die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt, sodass in 6000 Jahren genau 56,76 Billiarden Kilometer zurückgelegt werden. Das bedeutet, dass wir heute das Licht von Sternen sehen, die bis zu 6000 Lichtjahre entfernt sind, obwohl diese Sterne und Galaxien in einem jungen Universum noch gar nicht lange genug existiert hätten, um ihr Licht tatsächlich zur Erde zu senden. Gott hätte das Licht also mit einem Anschein von Alter erschaffen, der die Menschen täuscht und in die Irre führt. Gott ist aber nicht arglistig (5.Mo.32:4) also geht das nicht.

 

Eine ähnliche Täuschung ließe sich in der Geologie feststellen: Auf der Erde finden wir gewaltige Sedimentschichten, die Fossilien in einer bemerkenswerten Ordnung enthalten. Einzellige Organismen erscheinen in tieferen Schichten, komplexere Lebewesen in höheren. Diese Struktur wird weltweit beobachtet. Warum finden wir niemals Dinosaurier zusammen mit modernen Pferden? Oder Menschen in denselben Schichten wie Trilobiten? Kaninchen im Kambrium? Wenn alle Fossilien durch eine einzige Flut entstanden wären, wäre eine viel größere Durchmischung zu erwarten. Stattdessen zeigt sich weltweit dieselbe Abfolge. Der Grand Canyon mit seinen aufeinanderfolgenden Schichten, besteht aus Millionen Jahre alten Ablagerungen. Manche Korallenriffe erreichen Mächtigkeiten von Hunderten Metern. Die heute beobachteten, extrem langsamen Wachstumsraten deuten auf sehr lange Zeiträume hin. In der Antarktis lassen sich jahreszeitliche Schichten zählen, deren Anzahl von 740.000 deutlich die Zeitspanne einer jungen Erde übersteigt. Bohrkerne aus Grönland reichen mindestens 120.000-400.000 Jahre zurück. Durch die saisonalen Sommer-/Winterablagerungen sind die Schichten klar erkennbar. Verschiedene radioaktive Zerfallsprozesse liefern weitgehend übereinstimmende Altersangaben. Dabei werden verschiedene Methoden eingesetzt (Uran-Blei, Kalium-Argon, Rubidium-Strontium, u.a.). Die Ergebnisse weisen immer wieder auf ein Alter der Erde von rund 4,54 Milliarden Jahren hin. Kein einzelner Befund wäre zwingend. Die Überzeugungskraft liegt vielmehr darin, dass viele unabhängige Beobachtungen immer zum gleichen Ergebnis kommen.

 

Muss eine alte Erde den Glauben bedrohen?

Für mich lautet die Antwort inzwischen: Nein. Ganz im Gegenteil: Es gibt viele Bibelstellen, die sich nur durch eine alte Erde erklären ließen. In Röm.5:12 wird nicht direkt ausgesagt, dass der Tod über alle Lebewesen gekommen sei, sondern dass das menschliche Sterben die Folge der Sünde sei. Woher sonst sollte Adam wissen, was mit der Androhung des Sterbens in 1.Mo.2:17 gemeint ist, wenn er nicht schon viele Male zuvor tote Tiere gesehen hätte? Warum sollte Adam den Garten „hüten“ (1.Mo.2:15), wenn es keine Bedrohungen gäbe (z.B. von Raubtieren)? Fleischfresser haben nur einen kurzen Darm, der nicht in der Lage wäre, Pflanzen zu fressen. Zudem produzieren sie nicht genügend Enzyme, um pflanzliche Kohlenhydrate effizient zu spalten. Wichtige Nährstoffe, die nur in tierischen Geweben vorkommen, würde ihnen fehlen (z.B. Taurin, Omega 6, Vitamin A und D3), so dass sie an Herz- und Immunschwäche sterben würden. Mit ihren scharfen Reißzähnen könnten sie die Pflanzen nicht zermahlen. Sie hätten bei einer rein veganen Nahrung schon nach kurzer Zeit schwere Mangelerscheinungen und Organversagen. Auch wenn es unserem Wunschdenken zuwider ist, aber Gottes Schöpfung war trotz der fleischfressenden Tiere „sehr gut“, – etwa so, wie Er auch Sein Volk Israel trotz aller Unvollkommenheit als ausreichend gut ansah (5.Mo.7:6-8, 9:4-6, Jer.24:5-7, Hos.2:21-23). Deshalb wird auch von bibeltreuer Seite heute immer mehr die Meinung vertreten, dass Gott das Gefressenwerden in der Tierwelt von Anfang an in die Schöpfung hineinprogrammiert habe.

In Offb.16:18 lesen wir überraschenderweise, dass es jenes große Erdbeben nicht etwa „vom Anbeginn der Welt“ nicht gab, sondern „seitdem Menschen auf der Erde waren“. Rein theoretisch und sprachlich lässt diese Stelle also die Möglichkeit offen, dass vor der Erschaffung des Menschen deutlich größere Erdbeben stattgefunden haben (z.B. jener berühmte Chicxulub-Meteoriten-Einschlag vor 66 Millionen Jahre, bei dem vermutlich die meisten Dinosaurier ausgestorben sind). Denn der Vers grenzt seine Aussage bewusst auf die Zeit seit dem Menschen ein, was wohl kein Zufall ist. Schon um 1750 – also lange vor Darwin – haben gerade pietistische und calvinistische Naturforscher wie Jean-André de Luc (1727-1817), Rev. James Douglas (1753-1819), Adam Sedgwick (1785-1873) oder William Buckland (1784-1856) als erste herausgefunden, dass die Erde viel älter sein muss, als die bis dahin angenommenen 6000 Jahre. Sie interpretierten die „Tage“ in 1.Mo.1 als lange Zeiträume und verstanden die Schöpfungswoche entsprechend als visionäre bzw. rahmenhafte Darstellung. Nicht nur die Bibel, sondern auch die Natur war für sie gemäß Psalm 19 und Röm.1:20 eine Offenbarung Gottes, weshalb sie gleichrangig Beweiskraft habe. Als Pfarrer bestand für sie die wahre Treue zur Bibel nicht darin, eine bestimmte, wortwörtliche Auslegung um jeden Preis zu verteidigen, sondern darin, immer wieder neu zu fragen, was Gott durch seinen Text tatsächlich sagen wollte. Die Anerkennung einer alten Erde war für sie keine Kapitulation vor dem Zeitgeist, sondern ein Zeichen von echter Wahrheitsliebe, die sowohl die Bibel als auch Gottes Schöpfung ernst nimmt.

 

Aber ist die Evolutionstheorie nicht längst widerlegt?

Nein, aber sie ist noch nicht lückenlos verstanden. Zum Beispiel gibt es naturwissenschaftlich gesehen keine Erklärung für die Entstehung des Lebens (Abiogenese). Die Chance für die Entstehung eines einzelnen, funktionalen Proteins hat eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10164 – d.h. mit anderen Worten: unmöglich! Ferner gibt es das sog. Waiting Time Problem, das besagt, dass die Dauer von benötigten Mutationen für bestimmte, komplexe Merkmale (z.B. vom Schimpansen zum Menschen) würde Millionen oder Milliarden Jahre überschreiten, was zu lang wäre für eine verfügbare geologische Zeit. Tatsächlich gibt es aber inzwischen ausreichende Erklärungen, um diese Probleme zu lösen. Viel entscheidender ist, dass das Evolutionsmodell immer besser funktioniert, vergleichbar einem 10.000-Teile Puzzle, bei dem schon etwa 80 % der Puzzleteile zusammengefügt wurden.

Die Evolution ist nicht eine Alternative zu Gott, sondern ein mögliches Werkzeug Gottes, das Er genauso verwendet hat wie das Wetter, die Gravitation oder andere biologische Prozesse. Sie erklärt wunderbar, warum es nur am Nordpol Eisbären gibt und nur am Südpol Pinguine. Die Kängurus mussten nicht extra vom Ararat nach Australien hoppeln, sondern ihre Vorfahren lebten bereits auf dem südlichen Superkontinent Gondwana. Als Australien sich vor etwa 35 – 45 Millionen Jahren von der Antarktis löste und isoliert wurde, konnten sich die Beuteltiere dort ungestört zu den heutigen Arten entwickeln. Viele Gläubige halten den Kontinentaldrift ja für abgeschlossen und berufen sich auf 1.Mo.10:25, dass angeblich die Kontinente zur Zeit Pelegs (2247-2008 v.Chr.) auseinandergeprescht sind. Auf die viel naheliegendere und biblisch belegte Deutung, dass zu Zeiten Pelegs die Menschenfamilie infolge des babylonischen Turmbaus AUFGETEILT wurde, sind sie nicht gekommen. Stattdessen bemühen sie eine außerbiblische Erkenntnis von Alfred Wegener, nach welcher die Kontinente seit Millionen von Jahren bis heute kontinuierlich um 5 – 10 cm/Jahr auseinanderdriften, sowohl durch Vulkane als auch durch Erdbeben.

Das Wort Gottes bestätigt, dass der Mensch „an und für sich ein Tier ist“ (Pred.3:19). Er hat als Vierfüßer (Tetrapode) den gleichen Köperbauplan wie alle Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien. Die fünfgliedrige Hand teilt er mit der Fledermaus (extrem verlängerte Finger) und dem Delphin (Flosse), aber auch mit den Vögeln oder dem Pferd. Dieser einheitliche Bau ergibt bei völlig unterschiedlichen Funktionen nur Sinn, wenn alle Tetrapoden von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. Alle Wirbeltiere haben zudem eine Wirbelsäule, eine bilaterale Symmetrie, einen ähnlichen Organbau und eine embryonale Entwicklung. Auch unsere affenartigen Vorfahren haben 32 Zähne, eine vergleichbare Muskulatur und rudimentäre Merkmale wie das Steißbein (Rest des Schwanzes), männliche Brustwarzen, Blinddarm oder die Ohrmuskeln. Von der Maus bis zur Giraffe haben alle Tiere sieben Halswirbel, ein vierkammeriges Herz, ein gleiches Nervensystem und einen gleichen Stoffwechsel. Bei einer Erschaffung aus dem Nichts (ex nihilo) hätte Gott absolute Design-Freiheit gehabt. Er wäre nicht an historische Vorgaben gebunden, sondern könnte für alle Lebewesen den bestmöglichen, maßgeschneiderten Bauplan wählen ohne Kompromisse. Bestehende Strukturen hätten nicht umgebaut werden müssen und Gott hätte auf überflüssige und suboptimale Rudimente verzichten können. Warum sollte ein menschlicher Embryo zuerst Kiemenbögen und einen Schwanz ausbilden, wenn er nie Kiemen und einen Schwanz braucht? Bei direkter Schöpfung aus dem Nichts könnte der Embryo direkt den fertigen menschlichen Bau entwickeln.

Als Gott den Engeln Seinen Plan vorstellte, da jubelten noch alle (Hiob 38:7). Als Er ihnen jedoch eröffnete, dass Er aus unvollkommenen Tierwesen eines Tages vollkommene Engelwesen zubereiten wolle durch die Wiedergeburt (1.Mo.1:27, Mt.5:48, Lk.20:36, Kol.1:28), um sich an diesen zu verherrlichen (Eph.1:6), da zweifelte Satan an der Realisierbarkeit (Hiob 1 und 2) und rebellierte. Ein Gott, der ein Universum erschafft, das über Milliarden Jahre hinweg Sterne, Planeten, Leben und schließlich bewusste Geschöpfe hervorbringt, ist nicht kleiner als der Gott meiner früheren Vorstellung, sondern größer, da ich nun besser die Art und Weise verstehe, WIE Gott geschaffen hat.

 

 

– „Stich-Worte“ Teil 11

 

41. Sturheit

„Ein Mann, der (trotz) Ermahnungen halsstarrig bleibt, wird plötzlich zerschmettert werden ohne Heilung. (Spr.29:1)

Sturheit gilt im Allgemeinen meist als Schwäche: man ist unbeugsam, uneinsichtig und halsstarrig. Zugleich wird sie nicht selten beschönigt als Standhaftigkeit, Rückgrat oder Prinzipientreue. Diese Ambivalenz (Kampf zwischen zwei Gegensätzen) führt zu einem folgenreichen Spannungsfeld zwischen innerer Festigkeit und innerer Verhärtung. Meist aber hindert eine sture Herzenshaltung uns am Umdenken (griech. META´NOIA = „Mitdenken“) und damit an der Veränderung zur Heiligung, die Gott mit uns vorhat.

Stur kommt ja von „starr“ und ist mehr als ein Beharren aufgrund einer starken Überzeugung, sondern ein Zustand innerer Unbeweglichkeit. In der hebräischen Bibel gibt es verschiedene Begriffe dafür קְשֵׁה־עֹרֶף = halsstarrig (wörtl. „mit hartem Nacken“ Jer.11:8, 13:10), כָּבֵד לֵב = „schweres Herz“ (etwa bei dem Pharao), חָזַק = „verhärten“ (im Sinne einer geistlichen Verstockung). Im Griechischen gibt es σκληροκαρδία = „Herzenshärte“ (Mk.16:14), ἀντιπίπτω = „widerstehen, sich entgegenstellen“ (Apg.7:51). Sturheit ist biblisch also weniger eine Charaktereigenschaft als eine existenzielle Haltung gegenüber Wahrheit, Korrektur und Gott. Abraham war bei der Opferung Isaaks unbeirrbar, weil es ein Gebot Gottes war, aber war gegenüber Lot sehr flexibel, um ihm den Vorzug zu geben bei der Wahl.

Kaum ein Begriff wird im Alten Testament so häufig auf Israel angewandt wie „halsstarrig“ (z.B. 2.Mo.32:9, 5.Mo. 9:6). Diese Diagnose erfolgte nicht trotz, sondern wegen all der Vorrechte, die Gott Seinem Volk gab. Sturheit zeigt sich hier also nicht in offenem Atheismus, sondern in der Weigerung, sich von Gott korrigieren zu lassen, sobald Sein Wille den eigenen Vorstellungen widerspricht. Im Unterschied dazu war die Herzensverhärtung beim Pharao in 2.Mo.7–14 ist ein Paradebeispiel für die Kraft der Sturheit: Er ignorierte wirklich jede Warnung. Seine Weigerung führte unwillkürlich in die Eskalation und ins Verderben. Eine Einsicht erfolgte jedes Mal erst, wenn es schon zu spät war. Auffällig ist, dass Pharaos Herz zunächst von ihm selbst verhärtet wurde, und erst später von Gott selbst. Dies ist ein Hinweis darauf, dass dauerhafte Sturheit zur Selbstverfestigung führt, die schließlich zum Gericht wird.

Der HErr Jesus begegnete der Sturheit besonders dort, wo man sie am wenigsten erwartet hätte, nämlich bei den Schriftgelehrten. Die Pharisäer waren nicht etwa ignorant, sondern überzeugt, nicht gottlos, sondern gesetzestreu. Ihre Sturheit bestand darin, dass sie ihre theologischen Kategorien nicht mehr hinterfragen konnten bzw. wollten (Mk.3:5). Die Wahrheit wurde ihnen zur Bedrohung, weil sie ihr eigenes Selbstbild infrage stellte. Heute ist es nicht anders, wenn man mit den Gläubigen der verschiedensten Sekten diskutiert. Man verwechselt regelmäßig die eigene Lehrauffassung mit der Bibel selbst und sagt: „Das ist doch EINDEUTIG!“, ohne zu merken, dass es kontrovers ist.

In der Reformationszeit gab es viele sog. Wiedertäufer, die lieber sterben wollten als dass sie ihre Babys tauften. Einer von ihnen war Fritz Erbe (1500-1548), ein Bauer aus Herda (Thüringen), der nicht etwa wegen seines Glaubens an den HErrn Jesus, sondern aufgrund seines Bibelverständnisses 15 Jahre lang bis zu seinem Tod inhaftiert war in der Wartburg bis er dann grausam verendete. Während dieser Zeit gab man ihm mehrere Gelegenheiten, seine Auffassung zu ändern und sich wieder der protestantischen Lehre zu unterwerfen, aber er hielt dies für einen Verrat an seinem Gewissen. Aber auch die Kirche durfte nicht nachgiebig sein, da dies ihr Untergang gewesen wäre. Für beide Seiten ging es also um alles oder nichts. Heute hingegen würde niemand mehr wegen einer Lehrfrage auf alles verzichten (Familie, Beruf, Gesundheit und Leben).

Sturheit ist selten reine Dummheit, sondern oft ein Abwehrmechanismus. Sie schützt vor Kontrollverlust und vor Identitätsbedrohung – besonders heute in der sich ständig verändernden Welt der Endzeit. Und gerade bei solchen, die unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden schützt eine starre Haltung vor Kränkung und Gesichtsverlust. Wer seine Überzeugungen absolut setzt, der vermeidet die schmerzhafte Erfahrung, sich geirrt zu haben (2.Sam. 17:23). Menschen neigen dazu, widersprechende Argumente abzuwehren, um innere Spannung zu vermeiden. Sturheit stabilisiert das Selbstbild – allerdings um den Preis der Lernfähigkeit (Luk.16:15). Sturheit aktiviert Stress und Angst im Gehirn; Offenheit und Flexibilität hingegen haben eine höhere emotionale Regulation. Sturheit fühlt sich sicher an, macht aber langfristig unfreier.

Das es sturen Menschen oft nur ums Prinzip geht, ist der Grund, warum Gerichte in Deutschland völlig überlastet sind. Einmal beauftragte mich ein Professor damit, die Türen seiner Altbremer Wohnung zu lackieren, nachdem er aus dieser ausgezogen war. Sein Vermieter schrieb mir, dass ich diese „hochglänzend“ lackieren solle, aber der Professor verlangte, dass ich sie nur mit Seidenglanzlack streichen dürfe, so wie sie vorher waren. Bei der Abnahme stritt sich dann der Vermieter mit dem Professor, weil er ausdrücklich Hochglanz haben wollte. Der promovierte ExMieter reagierte gekränkt: „Ich lasse mir von niemandem Anweisungen erteilen!“ Dabei hätte es ihm doch völlig egal sein können, welchen Glanzgrad die Türen bekämen, da er sowieso ausgezogen war! Das ist wirklich Sturheit.

Vor ein paar Jahren stieß ein Autofahrer in Delmenhorst beim Öffnen der Tür auf einem Parkplatz gegen den Wagen eines anderen. Der „Geschädigte“ verlangte für den kaum sichtbaren Kratzer eine Entschädigung von 100,- €, der andere aber weigerte sich zu zahlen. Die Sache landete vor Gericht. Der Richter wollte aber kein Gutachten erstellen lassen, sondern schlug vor, sich den Kratzer mal gemeinsam anzusehen. Die Beteiligten gingen also hinunter auf den Parkplatz vom Gericht, und man zeigte dem Richter den Kratzer am Wagen. Auf einmal sprühte der Richter ein wenig Politur auf die Stelle und rieb sie mit einem weichen Tuch glänzend bis nichts mehr zu sehen war. Dann stand er auf und sagte, dass der Fall abgeschlossen sei. Der verdutzte Autobesitzer fühlte sich gedemütigt und war mit der ungewöhnlichen Schlichtung nicht einverstanden, da der Richter ihm die Aussicht auf eine Entschädigung genommen hatte. Der Richter hingegen hatte auf skurrile Weise beiden Streithähnen eine Lektion erteilt.

Die Bibel unterscheidet klar zwischen Sturheit und Standhaftigkeit: Ein sturer Mensch sagt: „Ich kann und werde nicht umkehren!“ Ein Standhafter hingegen sagt: „Ich will nicht vom Guten abweichen“ (vergl. Dan.3:17-18). Der HErr Jesus selbst veranschaulichte uns diesen Unterschied durch Sein Leben: Er stand allezeit fest in der Wahrheit, war aber immer offen für den Willen Seines Vaters und sogar im Leiden noch lernfähig (Hebr. 5:8). Der Heilige Geist lehrt uns, dass wir nicht hart und unerbittlich sein sollen, aber sehr wohl, dass unser „Herz durch Gnade befestigt werde“ bei innerer Beweglichkeit (Hebr.13:9): „Heute, wenn ihr SEINE Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht“ (Hebr.3:15). Wohlgemerkt: SEINE Stimme und nicht die Stimme unserer Prinzipien, da diese falsch sein können.

Wenn man sich innerlich leer und minderwertig fühlt, neigt man dazu, Regeln und Prinzipien zu einer Waffe gegen andere zu missbrauchen, um sich dadurch selbst aufzuwerten (Röm.2:1-4). Vor zwei Jahren machte der damals 20-Jährige Niclas Matthei aus Gräfenhainichen auf sich aufmerksam, indem er als sog. „Anzeigenhauptmeister“ überall in Deutschland Falschparker anzeigte. Der stark narzisstisch wirkende Moralapostel verdiente damit kein Geld, genoss es jedoch, „den Blutdruck der Bevölkerung in die Höhe zu treiben“, wie er sagte. Dann ließ er sich einen Hitler-Oberbart wachsen und verbrannte einen Koran, um weiter in den Medien präsent zu sein. Zuletzt entwendete er in Böblitz (Spreewald) sämtliche Bücher aus einer öffentlichen Tauschbox, die ein Traditionsverein kostenlos zum Lesen für jedermann anbot, um sie zu verkaufen oder wegzuwerfen. Die berechtigte Empörung der Dorfbewohner war ihm egal, da er sich auf sein „Recht“ berief.

Sturheit ist aus biblischer Sicht keine Nebensünde, sondern eine Existenzgefahr des Glaubens. Sie verschließt den Menschen nicht in erster Linie vor Argumenten, sondern vor seiner Beziehung zu Gott und zu anderen. Wo Sturheit herrscht, endet das Wachstum, aber wo Umkehr möglich bleibt, beginnt erst die echte Freiheit. Wer ständig andere provozieren muss durch das Pochen auf sein Recht oder auf scheinbar biblische Regeln, hat sich unbewusst in eine „Fangschlinge des Teufels“ begeben, aus der man ihn nur noch mit viel Liebe, Sanftmut und Demut befreien kann (2.Tim.2:25-26). Der Teufel ist ein Rebell und Provokateur, indem er sich widersetzt (Satan = Ankläger, Widersacher). Dieses Sich-nichts-sagen-lassen und in Gesprächen immer Rechthabenwollen hat also nicht nur eine psychologische, sondern auch eine dämonische Ursache. Das APÄIThÄOo = „Sich-nicht-überzeugen-lassen“ in Joh.3:36, Röm.2:8 und Hebr.3:18 führt einen Christen unweigerlich in die Gehenna, wo der Starrsinn vom Feuer Gottes verzehrt wird. Deshalb lasst uns allezeit fügsam und beweglich sein im Denken, fest im Vertrauen und demütig im Herzen!

 

 

  1. Zeit auskaufen

„Sehet nun zu, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die gelegene Zeit auskaufend, denn die Tage sind böse.“ (Eph.5:15-16)

Der Ausdruck „die Zeit auskaufend“, „die Gelegenheit nutzend“ (griech. TON KAIRÒN EXAGORAZÓMENOI) ist nicht ein einmaliges Handeln, sondern eine andauernde Haltung/ Verhalten (Partizipform) und bedeutet wörtl.: „Fristen herauskaufend“, „vom Markt freikaufend“ (z.B. einen Sklaven vergl. Gal.3:13). Es geht darum, ständig den perfekten und von Gott gesetzten Moment für eine entscheidende Handlung zu erkennen und zu nutzen. Man kann zwar keine Zeit kaufen, aber man kann gute Gelegenheiten „retten“, indem man sie nicht versäumt.

  1. Zeitverschwendung durch Ablenkung

Kaum ein Mangel prägt unsere Gegenwart so sehr wie der Mangel an Zeit – und zugleich kaum ein Gut wird so achtlos verschwendet. Auch wir Gläubigen leben unter dem permanenten Eindruck von Zeitnot, während wir gleichzeitig viele Stunden in Tätigkeiten investieren, die rückblickend keinen Lohn bringen für die Ewigkeit. Diese paradoxe Erfahrung verweist auf ein tieferliegendes Problem: Nicht die Zeit selbst fehlt, sondern die Herrschaft über sie. Vor diesem Hintergrund gewinnt das biblische Gebot, „die Zeit auszukaufen“, eine erstaunliche Aktualität. Er ist kein frommer Appell zu besserer Organisation, sondern eine radikale Anfrage an unsere Prioritäten. Wir sollten uns nicht (nur) fragen: „Wie nutze ich meine Zeit effizienter?“, sondern: „Wer oder was verfügt über meine Zeit – und wozu?“

Martha tat z.B. das Richtige, aber nicht zur richtigen Zeit und auch nicht im rechten inneren Zustand. Sie war „beschäftigt mit vielem Dienen“ (Luk.10:40). Das gr. Wort PERI´ESPATO („in Anspruch genommen sein“) bedeutet wörtlich „hin- und hergezogen“. Das Problem ist nicht der Dienst, sondern die Zersplitterung der Aufmerksamkeit. Die Folge: sie verliert die Ruhe, dann die Freude und schließlich die Liebe, indem sie das Wesentliche aus dem Blick verliert. Wenn Paulus von „bösen Tagen“ spricht (Eph.5:16), meint er nicht in erster Linie Zeiten der offenen Verfolgung, sondern die fortschreitende Verderbnis in der Welt. Die heutige Smartphone-Welt zwingt uns nicht zur Ablenkung, sondern verführt uns, indem sie unsere Aufmerksamkeit bindet, so wie sich Simson durch Reize und Gewöhnung immer mehr „binden“ ließ, bis er sich nicht mehr befreien konnte (Rich. 16). Es war ein Prozess der Abstumpfung. Zeiten der Muße werden durch Zerstreuung verschwendet, anstatt sie für das Gebet zu nutzen. Dadurch verlieren wir schleichend unsere Freiheit und Konzentration auf Gottes Willen. Dabei ist der überflüssige Medienkonsum nicht bloß ein Begleitphänomen, sondern von den Plattform-Anbietern bewusst so konzipiert, dass der Nutzer seine Entscheidungsfreiheit verliert, indem er durch algorithmisch erzeugte Reize möglichst lange im Bann gehalten wird. Wir „verbringen“ unsere Zeit nicht mehr, sondern sie wird gegen unseren Willen verbraucht. Endloses Scrollen, ständige Benachrichtigungen: All dies ist darauf angelegt, Zeit zu binden, ohne Sinn zu stiften. Gerade darin liegt der Gegensatz zum Wort Gottes, in welchem Zeit (ChRONOS) nicht nur eine frei verfügbare Gabe Gottes ist, sondern als KAIROS zugleich „Frist“ und „Gelegenheit“, die man versäumen kann durch Unwachsamkeit (Mat.25:13).

  1. Aufschieben von Verpflichtungen

Die allgegenwärtige Verschwendung unserer Zeit und die dadurch verursachte Gewohnheit des Aufschiebens (Prokrastination) ist nach der Bibel eine Sünde, die die Bibel auch als „Ausschweifung“ bzw. „Abschweifung“ bezeichnet (Mk.7:22, Röm.13:13, Gal.5:19, Eph.5:18). Denn durch die ständigen Ablenkungen, verlieren wir die Fähigkeit zur Entscheidung für das Wesentliche. Wichtige Aufgaben werden leichtfertig aufgeschoben, nicht weil sie für uns zu schwer wären, sondern weil uns die geistige Wachsamkeit und Disziplin fehlt, sich uns diesen zu stellen. Das Aufschieben ist daher nicht bloß eine Folge von Trägheit, sondern die Vermeidung, sich mit der reizarmen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Wir flüchten in Ersatzbeschäftigungen, um uns der Konfrontation mit dem Eigentlichen zu entziehen. Aber nur ein besonnener, konzentrierter und gesammelter Mensch ist fähig die Wahrheit zu erkennen.

Als Mose 40 Tage auf dem Berg Gottes verschwunden war (ein Bild auf die heutige Abwesenheit Jesu im Fleische), vermisste das Volk die Stimme Gottes und Seine Wunder (2.Mo.32:1). Es war nicht der Unglaube, sondern die Ungeduld, dass sie die Abwesenheit Gottes auf einmal als Leere empfanden, die sie durch Bilder, Lärm und Aktion erneut füllen wollten. Wo der Mensch die Stille nicht erträgt, erschafft er sich Ersatzgötter. Das goldene Kalb war weniger ein Götzendienst aus Überzeugung als eine Zerstreuung aus innerer Leere. Deshalb steht geschrieben: „Bewahre dein Herz mehr als alles, denn von ihm sind die Ausgänge des Lebens“ (Spr. 4:23). Seelsorgerlich betrachtet ist Ablenkung nämlich ein Zeichen innerer Doppelherzigkeit (Mt.6:24, Jak.1:8, 4:8). Wir wissen, was wir tun sollten, aber schaffen es nicht, es umzusetzen (Röm.7:15-19), weil zwischen unserer Erkenntnis und unserem Handeln eine Lücke klafft. „Die Zeit auszukaufen“ bedeutet in diesem Fall, durch Umdenken die Gewohnheit des Aufschiebens bewusst abzulegen. Es geht also nicht um Zeitmanagement oder Selbstoptimierung, sondern um den Gehorsam im Kleinen. „Heute, wenn ihr Seine Stimme hört …“ (Hebr.3:7-8). Wenn wir immer auf den besseren Zeitpunkt warten, überhören wir diesen Ruf Gottes.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Alles ist mir erlaubt, aber ich will mich von keinem überwältigen lassen“ (1.Kor.6:12). Ein suchthafter Medienkonsum wirkt geistlich zerstörerisch, weil er die Seele in einen Zustand dauernder Reizung versetzt. Die Stille wird unerträglich und die Konzentration anstrengend. Das geistliche Leben im Gebet und Nachsinnen setzt aber Ungestörtheit voraus. Wer seine Zeit nicht schützt, verliert allmählich den Zugang zu Gott. „Zeitauskaufen“ heißt praktisch, dass wir uns bewusst Zeiten setzen ohne Medien und auch unseren Tages- und Wochenrhythmus so ordnen, dass wir das Unwichtige begrenzen und das Nötige nicht länger aufschieben. Enthaltsamkeit ist kein Verzicht, um sich des starken Willens zu rühmen, sondern eine Rückgewinnung der verlorengegangenen Freiheit. Wir geben das Fruchtlose auf, um uns nur noch dem Fruchtbringenden zu widmen.

 

  1. Warum wir die Zeit ausnutzen sollten

Der alte Mensch lebt von Natur zerstreut, ist neugierig und oberflächlich. Als Kinder Gottes wissen wir aber, dass es für alles unter der Sonne eine bestimmte Zeit gibt, die von Gott dafür vorgesehen ist (Pred.3:1-8). Gott will, dass wir Seine Ordnung ernst nehmen und unsere Zeiten in Seine Hand legen (Ps.31:15). Wer erkennt, dass Zeit nicht unendlich verfügbar ist, der beginnt anders zu leben. In einer Welt, die will, dass wir unsere „Freizeit“ systematisch mit Zerstreuungen verbringen, ist das Zeitauskaufen ein Akt geistiger Klarheit und zugleich ein bewusster Widerstand gegen Ablenkung, Aufschub und innerer Flucht. Es geht nicht darum, jede Minute zu füllen, sondern die entscheidenden Momente nicht zu verpassen. Als geistlich Weise leben wir nicht schneller, sondern wacher, indem uns allezeit bewusst ist, dass wir für alles Tun und Lassen einmal Rechenschaft ablegen müssen vor dem HErrn: „Siehe, Ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk sein wird“ (Offb.22:12).

Die „Zeit auskaufen“ meint also nicht, jeden Anlass oder jedes Angebot zu nutzen, sondern die entscheidenden Gelegenheiten für das Reich Gottes nicht verstreichen zu lassen (Mat.6:33). Wer die Zeit „auskauft“, handelt deshalb nicht hektisch, sondern unterscheidend. Er lebt nicht einfach dahin, sondern fragt: Was ist jetzt dran? Was dient dem Guten, was dem Wahren, was dem Aufbau und was raubt mir diese Möglichkeit? Nutzen uns die Medien oder nützen wir viel mehr ihnen?

Als Schafe unseres Guten Hirten sollen wir uns nicht von einer fremden Macht treiben, sondern von Ihm führen lassen. Unsere kurze Zeit auf Erden ist kostbar und nicht beliebig wiederholbar. Jeder Tag enthält ein begrenztes Feld von Möglichkeiten, die Gott uns geschenkt hat.

Der HErr will, dass wir überwinden und ruft uns deshalb aus der Passivität in die Verantwortung, aus der Ablenkung in die Sammlung, aus dem Aufschub in die Entscheidung. In einer Welt, die unsere Zeit systematisch verbraucht, ist das Auskaufen der Zeit ein Akt geistlicher Selbstbehauptung und stiller Widerstand gegen die Verwertungslogik. Gott hat uns dafür den Sabbat gegeben,der kein bloßer Ruhetag, sondern ein dem HErr geheiligter Tag, um durch Ruhe und Besinnung uns den wirtschaftlichen und medialen Zwängen zu entziehen.

 

 

  1. Sättigung

„Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; ihr esset, aber nicht zur Sättigung; ihr trinket, aber nicht zur Genüge; ihr kleidet euch, aber es wird keinem warm. Und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel!“ (Haggai 1:6)

 

Das Wort Sättigung klingt harmlos, fast schon idyllisch. Ich stelle mir einen vollen Tisch vor und eine glückliche Familie, die gerade gegessen hat. Doch biblisch betrachtet ist Sättigung kein neutraler Zustand, sondern ein Wendepunkt, der oftmals sogar gefährlich sein kann. In

der Bibel finden wir immer wieder eine beunruhigende Abfolge: Gott gibt, der Mensch wird satt, und dann entfernt er sich: „Als sie aber satt wurden, erhob sich ihr Herz, und sie vergaßen mich“ (5.Mo.8:10–14). Das ist kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster.

Sättigung als Auslöser des Vergessens

Das Volk Israel ist das klassische Beispiel: In der Wüste schrie es vor Hunger (2.Mo.16:3). Es war abhängig, verletzlich und auf Gottes Hilfe angewiesen. Und genau in dem Moment geschah Gottes Versorgung mit Manna, Wachteln und Wasser aus dem Felsen. Doch kaum war ihr Hunger gestillt, vergaßen sie auch schon Gottes Wohltat. Deshalb sollte Aaron von dem Manna etwas aufbewahren zum Zeugnis für zukünftige Generationen. Unser Manna ist der HErr Jesus (Joh.6), und wir sollen Seine Versorgungstreue stets als Erinnerung im Herzen tragen, bis unsere Wüstenzeit hier endet.

In 4.Mose 11 begann das Volk erneut zu klagen, und zwar nicht trotz der Sättigung, sondern gerade danach. Plötzlich reichte das Gegebene nicht mehr und die Erinnerung wurde selektiv. Ägypten als Ort der Sklaverei wurde rückblickend zum Ort der Fülle verklärt. Und ihre Sättigung hatte nicht etwa Dankbarkeit erzeugt, sondern ein Anspruchsdenken. Der Mensch vergisst nicht im Mangel, sondern eher im Überfluss (5.Mo.32:13-15). Der Philosoph Schopenhauer beschrieb den Willen des Menschen als eine ständige Abfolge von Mangel – Leid – Begehr – Sättigung – kurzzeitige Ruhe – Langeweile  und erneuter Mangel. „Da gab Er ihnen ihr Begehr, aber Er sandte Magerkeit in ihre Seelen“ (Ps.106:15).

 

Der trügerische Zustand: „genug

Das deutsche Wort „Sättigung“ kommt von „satt“ = voll, lat. satis = „genug“ (vergl. Satisfaktion). Im Hebräischen heißt שָׂבַע (SaVa‘) „voll sein, genug haben, keinen Bedarf mehr spüren“. Und genau hier liegt das Problem. Denn „kein Bedarf mehr spüren“ heißt nicht: keinen Bedarf mehr haben. Sättigung täuscht eine Endgültigkeit vor, die nicht wirklich vorhanden ist.

Sodom hatte diese Sättigung ohne Mangelbewusstsein: „Siehe, das war die Schuld Sodoms: Hochmut, Sattheit und sorglose Ruhe … aber dem Armen und Bedürftigen halfen sie nicht“ (Hes.16:49). Sodom wird hier überraschenderweise nicht zuerst über sexuelle Ausschweifung definiert, sondern über Sättigung. Damit hätten wir nicht gerechnet. Nicht der Exzess ist unser Problem, sondern die Selbstgenügsamkeit, nicht das Zuviel an Lust, sondern das Zuwenig an Hunger nach dem Richtigen. Sättigung kann blind machen für den anderen, wie wir bei Sodom sehen. Die sexuelle Ausschweifung in 1.Mo.19 war nicht der Ausgangspunkt der Diagnose in Hes.16, sondern ein Symptom eines bereits zerfallenen sozialen und geistlichen Zustands. Ihre Sättigung führte zu Gleichgültigkeit, diese zu Blindheit und schließlich zu Unrecht. Die großen Sünden beginnen also mit einem Überfluss ohne Verantwortung (soziale Kälte).

Sättigung ist nicht grundsätzlich negativ. Im Gegenteil: Gott hat die Fülle und will, dass auch wir an allem Genüge und keinen Mangel haben (2.Kor.9:8, Phil.4:12). Weil der HErr unser Hirte ist, wird es uns an nichts mangeln (Ps.23:1). „Und sie aßen und wurden satt“ (z. B. bei der Speisung in Matth.14). Das ist ein Zeichen göttlicher Fürsorge. Aber bemerkenswert ist, dass diese Sättigung nie als ein Endzustand gedacht war. Nach der Speisung sucht die Menge den HErrn Jesus erneut, aber nicht wegen der Zeichen, sondern weil sie wieder satt werden will (Joh. 6). Seine Reaktion ist scharf: „Ihr sucht mich … weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“ Mit anderen Worten: Ihr habt das Eigentliche verfehlt. Sättigung kann also sogar im frommen Kontext zur Verfehlung führen.

 

Geistliche Sättigung

Noch zugespitzter wird es in der Offenbarung: „Weil du sagst: Ich bin reich und habe Überfluss … und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist“ (Offb.3:17). Das ist Sättigung in ihrer tragischsten Form: Menschen halten sich für erfüllt und gesegnet und sind es nicht. Hier wird Sättigung zur Täuschung. Nicht der Hunger ist gefährlich, sondern die Illusion, keinen Hunger mehr zu haben, denn dies kann tödlich sein. Dieser Mangel als Realität führt bei den törichten Jungfrauen zu einem bösen Erwachen, wenn sie plötzlich ihres geistlichen Mangels gewahr werden. Im Prophetenbuch Amos heißt es: „Siehe, es kommen Tage … da will ich einen Hunger ins Land senden – nicht einen Hunger nach Brot und nicht einen Durst nach Wasser, sondern danach, das Wort des HErrn zu hören“ (Am.8:11). Das ist bemerkenswert: Der eigentliche Mangel der Zukunft ist nicht zuerst materiell, sondern geistlich. Ein Mensch kann satt sein an Brot und zugleich verhungern an Wahrheit.

Als ich mit 17 Jahren als Austauschschüler bei einer Baptistenprediger-Familie in den USA lebte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es auch ein Christsein ohne Liebe zu Gott gibt. Jedes noch so geringe Bedürfnis nach Frömmigkeit, wie ich sie gewohnt war, wurde von der Familie sogleich als Gesetzlichkeit, Bevormundung und Belästigung empfunden. „Lasst uns mit dem Heiligen Israels in Ruhe!“ (Jes.30:11). Am letzten Tag meines Aufenthalts bot man mir an, die Bibelstunde zu halten. Ich predigte über die Sattheit Israels in 4.Mo.11:4-9 und wie die Kinder Israel alles Mögliche unternahmen, um dem in ihren Augen faden Manna noch irgendwie einen Geschmack abzugewinnen. Doch plötzlich stockte meine Stimme und ich begann zu weinen, weil mir die Vorstellung, wie es den HErrn betrübt, wenn uns Sein Wort nicht mehr schmeckt, unerträglich war. Ich glaube, dass diese Tränen bei ihnen eine viel größere Wirkung hinterließen als eine noch so harte Ermahnung.

Hunger als segensreicher Weg

Der HErr stellt das Prinzip des darwinistischen Survival of the fittest auf den Kopf: „Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Mt.5:6). Nicht die Satten sind selig, sondern die Hungrigen (Luk.6:21+25)! Das widerspricht eigentlich so ziemlich jeder Strategie und Lebensweisheit, die ein Motivationstrainer vor Führungskräften eines Konzerns mitteilen könnte. Aber es trifft den Kern: Denn nur wer noch Hunger hat, ist offen für Korrektur, und nur wer Mangel spürt, bleibt im Denken beweglich. Sättigung darf nach der Bibel nie ein Ziel sein, sondern nur eine Durchgangsphase. Sättigung, die abstumpft, führt zu Vergessen, Hochmut und Trägheit. Hingegen folgt auf einen echten Hunger nach Wahrheit und Gerechtigkeit eine tiefe Sättigung, die zu Dankbarkeit führt.

Unsere entscheidende Frage sollte daher nicht lauten: Bin ich satt? sondern: Wovon bin ich satt geworden? Denn das, was den Menschen sättigt, formt ihn. Nicht der Hunger als solcher entscheidet über die Ausrichtung des Menschen, sondern das, was nach dem Hunger kommt. Der Mensch ist Gott oft am nächsten, wenn er hungrig ist und am weitesten entfernt, wenn er satt ist.

 

Die endzeitliche Knappheit

Nicht jede Sättigung ist also ein Segen. Wo das Wort Gottes verschwindet, verliert auch das Leben seine Ordnung. Maßlosigkeit, Fehlentscheidungen und Selbstüberschätzung haben Konsequenzen, oft auch ganz praktisch. Gerade für eine Gesellschaft wie die unsere ist das brisant. Jahrzehntelang war Sättigung der Normalzustand: volle Regale, stabile Verhältnisse und wachsende Möglichkeiten. Mangel ist für viele keine Erfahrung, sondern eine abstrakte Vorstellung. Vielleicht liegt aber genau darin unsere eigentliche Schwäche. Denn wer Sättigung gewohnt ist, ist auf Entbehrung schlecht vorbereitet – äußerlich wie innerlich.

Das Wort Gottes kündigt aber in Sach.6 und Offb.6 eine große Deflation an – vermutlich infolge einer Weltwirtschaftskrise („schwarze Pferde“). Die „fetten Jahre“ gehen jetzt vorbei und es folgen sieben Hungerjahre in Analogie zur Joseph-Jesus-Prophetie. Als Kinder Gottes sollte uns das nicht in Panik versetzen, sondern zu einer  Vorbereitung führen. Nicht durch Angst, sondern durch Einübung: Verzicht, Maßhalten, Fasten und bewusste Begrenzung. Nicht weil Mangel gut ist, sondern weil ungeprüfte Sättigung träge macht. Askese ist kein Selbstzweck, sondern Training: freiwillig weniger zu brauchen, um nicht unfrei zu werden, wenn weniger da ist. Denn eines ist sicher: Eine Zeit, die nur von Sättigung lebt, ist nicht stabil, und ein Glaube, der nur im Überfluss funktioniert, wird im Mangel nicht bestehen (Mt.25:6-12).

 

Lehrt die Bibel die Dreieinigkeit?

 

„In Bezug auf den Sohn (spricht er): Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit…“ (Hebr.1:7-8)

Wenn wir heute vom „Dreieinigen Gott“ sprechen, wirkt diese Vorstellung oft wie eine selbstverständliche Grundüberzeugung aller Christen. Vater, Sohn und Heiliger Geist – ein Gott in drei Personen. Doch geschichtlich gesehen ist diese Formel das Ergebnis eines langen und konfliktreichen theologischen Ringens. Zwischen der Apostelzeit und der endgültigen dogmatischen Formulierung im Jahr 381 liegen mehr als 3 Jahrhunderte intensiver Debatten, Missverständnisse und kirchenpolitischer Machtkämpfe.

Im Neuen Testament findet sich keine systematisch ausgearbeitete Dreieinigkeitslehre. Stattdessen finden wir eine Vielzahl von Aussagen über Gott, Christus und den Heiligen Geist, die später in ein theologisches System gebracht wurden. Einige Stellen betonen die einzigartige Gottheit des Vaters. Jesus sagt z.B.: „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus“ (Joh.17:3). Auch Paulus schreibt: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus“ (1.Tim.2:5). Andere Aussagen sprechen jedoch klar von der Gottheit Jesu: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh.1:1). „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol.1:15). „… Christus, welcher über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen“ (Röm.9:5). Diese Spannung zwischen dem strengen Ein-Gott-Glauben und der Gottheit Jesu bildete den Ausgangspunkt der späteren Diskussionen.


Die Entstehung der Dreieinigkeitslehre

Schon im 2. und 3. Jahrhundert versuchten christliche Theologen, diese biblischen Aussagen miteinander zu verbinden. Der nordafrikanische Kirchenvater Tertullian prägte erstmals den lateinischen Begriff Trinitas. Seine Formel lautete: „eine Substanz – drei Personen“. Andere Gläubige verstanden es anders. Manche betonten die Einheit Gottes so stark, dass sie Vater, Sohn und Heiliger Geist nur als verschiedene Erscheinungsformen desselben Gottes betrachteten. Diese Richtung wurde später als Modalismus bezeichnet. Andere wiederum verstanden Christus stärker als ein von Gott hervorgebrachtes Wesen. Diese Richtung wurde im 4. Jahrhundert durch den alexandrinischen Priester Arius (256–336) vertreten. Arius argumentierte mit großer Konsequenz: Wenn der Sohn vom Vater gezeugt wurde, müsse es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem Er noch nicht existierte. Seine berühmte Formel lautete: „Es gab eine Zeit, da der Sohn nicht war.“ Für Arius war Christus zwar das höchste aller Geschöpfe, aber nicht wesensgleich mit Gott. Sein schärfster Gegner wurde der Bischof Athanasius von Alexandria (300-373). Für ihn stand das Heil selbst auf dem Spiel. Seine zentrale Überlegung lautete: „Wenn Christus nicht wirklich Gott ist, kann er auch nicht wirklich erlösen“.

Der Streit wurde so heftig, dass Kaiser Konstantin im Jahr 325 ein Konzil einberief. Dort wurde beschlossen, dass der Sohn HOMOoSIOS, also „wesensgleich“ mit dem Vater sei. Dieses eine Wort sollte die Geschichte der christlichen Theologie nachhaltig prägen. Doch das Problem war damit nicht gelöst. Viele Bischöfe misstrauten dem Begriff, weil er in der Bibel nicht vorkam und ihnen zu philosophisch erschien. Andere fürchteten, er könne den Unterschied zwischen Vater und Sohn verwischen. Besonders deutlich wird die Spannung in einem kleinen sprachlichen Unterschied. HOMOoSIOS bedeutet: „vom gleichen Wesen“. HOMOoISIOS bedeutet: „vom ähnlichen Wesen“. Der Unterschied besteht nur in einem einzigen griechischen Buchstaben. Trotzdem standen hinter diesen Worten völlig unterschiedliche Gottesbilder. In der Mitte des 4. Jahrhunderts befand sich die Mehrheit der Bischöfe tatsächlich nicht auf der Seite des Nicänums. Viele vertraten eine Art Zwischenposition – den sogenannten Semi-Arianismus. Der Kirchenhistoriker Hieronymus schrieb später rückblickend: „Die ganze Welt stöhnte und wunderte sich, dass sie arianisch geworden war.“

Ein großer Teil der Konflikte beruhte auf Missverständnissen zwischen griechischer und lateinischer Theologie. Im griechischen Osten sprach man von: einer OoSIA („Wesen“) mit drei hYPO´STASÄIS (konkreten „Zuständen/Wirklichkeiten“). Im lateinischen Westen klang das jedoch wie: drei SUBSTANTIA (wörtl. Wiedergabe von hYPO´STASIS), was sofort wie ein Bekenntnis zu drei Göttern wirkte. Erst die sog. kappadokischen Väter – Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz – brachten Klarheit in die Begriffe. Sie unterschieden präzise zwischen: Wesen (OoSIA) und Person (hYPO´STASIS). Ihre Formel lautete: „eine Wesenheit mit drei Personen“. Diese Definition setzte sich schließlich durch. Im Jahr 381 bestätigte das Konzil von Konstantinopel die trinitarische Lehre endgültig und erweiterte das Glaubensbekenntnis um Aussagen über den Heiligen Geist. Damit war die klassische Dreieinigkeitslehre formuliert, wie sie bis heute von den meisten Kirchen vertreten wird.


Gegenseitige Verketzerungen

Historisch gesehen war die trinitarische Position lange Zeit in der Minderheit. Schätzungen unter Kirchenhistorikern gehen davon aus, dass um das Jahr 350 etwa 20–25 % der Bischöfe die nicänische Position vertraten, 50–60 % eine semi-arianische Zwischenposition und etwa 10–15 % radikal arianische Ansichten (der Modalismus wurde zu diesem Zeitpunkt nur noch verschwindend gering vertreten). Die endgültige Durchsetzung der Trinitätslehre war also nicht das Ergebnis eines einzelnen Konzils, sondern eines jahrzehntelangen theologischen Prozesses. Die Auseinandersetzungen blieben nicht auf akademische Debatten beschränkt. Bischöfe wurden abgesetzt, Gemeinden gespalten und Theologen ins Exil geschickt. Athanasius selbst wurde fünfmal aus seinem Amt vertrieben und verbrachte rund siebzehn Jahre seines Lebens im Exil. Aus heutiger Sicht wirkt diese Härte befremdlich. Doch für viele Christen der damaligen Zeit ging es um die zentrale Frage: Wer ist Jesus wirklich?

Interessanterweise erinnert die Dynamik dieser frühen Konflikte in mancher Hinsicht an heutige innerchristliche Debatten. Auch in evangelikalen Kreisen kommt es nicht selten vor, dass Christen einander das „wahre Evangelium“ oder sogar die Wiedergeburt absprechen, wenn sie in bestimmten Lehrfragen voneinander abweichen. Die Geschichte der Trinitätslehre zeigt jedoch, dass viele der damaligen Konflikte auf Begriffsproblemen, kulturellen Unterschieden und Missverständnissen beruhten. Manche der heftigsten Gegner im 4. Jahrhundert hätten sich möglicherweise als Glaubensbrüder erkannt, wenn sie dieselbe Sprache gesprochen hätten. Die Dreieinigkeitslehre ist daher weniger das Ergebnis eines einzelnen Moments als vielmehr das Produkt eines langen theologischen Reifungsprozesses. Bibeltexte, philosophische Begriffe, kirchliche Tradition und politische Entwicklungen wirkten dabei zusammen. Ob man diese Entwicklung als notwendige Klärung oder als spätere Systematisierung biblischer Aussagen betrachtet, bleibt bis heute eine Frage theologischer Perspektive. Fest steht jedoch: Die Geschichte dieser Lehre erinnert daran, dass selbst zentrale Glaubensüberzeugungen oft erst im Laufe von Generationen ihre endgültige Form finden. Und vielleicht erinnert sie Christen zugleich daran, dass theologische Gewissheit und Demut einander nicht ausschließen müssen.


Meine eigene Position

Ich finde, dass es uns allen guttäte, wenn wir uns nicht voreilig für die eine oder andere Seite positionieren, sondern erst einmal „zuhören“, um die Argumente beider Seiten richtig zu verstehen (Spr.18:13). Bevor man mit biblischen oder vermeintlich logischen Argumenten die Dreieinheit Gottes bekämpft, sollte man die sehr umfangreichen und tief gehenden Argumente unserer Gemeindeväter studieren. In der Pergamos-Gemeindezeit (312 – 606 n.Chr.), die der HErr sehr lobt, stritt man, ausgehend vom Arianismus, sehr gründlich im 4. Jh. während mehrerer Jahrzehnte um den ganzen Fragenkomplex. Am Ende wurde das bleibend anerkannt, was er von Anfang an vertreten hatte. Es wurde in den nachfolgenden Gemeindezeitaltern Thyatira, Sardes und Philadelphia nicht mehr in Frage gestellt. Diese alle waren noch viel mehr „Säule und Sitz der Wahrheit“ (1.Tim.3:15) als die Laodizea-Gemeinde (d.h. Evangelikale).

Meine einfache Sicht ist, dass Gott, der Vater, anfangslos existent und absolut vorrangig ist. Der Sohn wurde von Gott zu einem konkreten Zeitpunkt vor jeder Schöpfung aus Gott physisch „geboren“ (Spr. 8:24) und genoss in der langen Zweisamkeit mit dem Vater dessen persönliche Erziehung mit dem Ergebnis, dass Er sich freiwillig bereit erklärte, die Sünde der geplanten Schöpfung am Kreuz zu tragen. Damit war der in Ps.2:7 genannte Zeitpunkt „Heute“ erreicht. Jeder Mensch muss außer seiner natürlich-leiblichen auch noch eine geistliche Geburt aus Gott durchmachen. Dies musste auch der Sohn Gottes, weil Er laut Hebr.2:17-18 Seinen Brüdern in allem gleich werden musste. Später musste Er auch noch die Geburt als Mensch auf die Erde durchmachen, um die Sünde der ganzen Welt ans Kreuz hinaufzutragen (Joh.1:29; 1.Joh.2:2), d.h. der Engel- und Menschenwelt.

Der Sohn ist von Geburt an „Gott“ als Titel bzw. Prädikatsnomen, d.h. göttlicher Art, Teilhaber der göttlichen Natur, was auch wir werden sollen (2.Petr.1:4). Er ist wesensgleich mit dem Vater, aber diesem rangmäßig untergeordnet. Er bleibt auch als Erstgeborener „inmitten vieler Brüder“ (Röm.8:29) in alle Ewigkeit den Engeln und uns Menschen rangmäßig übergeordnet. Vater und Sohn sind eines (sächlich), d.h. sich immer einig (Joh.10:30). Das kommt auch in 5.Mo.6:4 und Mark.12:29 (ein HErr = ein JHWH) zum Ausdruck. JHWH kann sowohl den Vater (z.B. Ps.110:1) als auch den Sohn (z.B. Jes.6:1+5 /Joh.12:41) oder beide zugleich meinen (Jes.45:24). Möglicherweise meint JHWH der Heerscharen immer den Sohn.

In 1.Joh.5:20 heißt es sogar: „… und wir sind in dem Wahrhaftigen, (indem wir) in Seinem Sohn Jesus Christus (sind). Dieser (Jesus Christus) ist der wahrhaftige Gott und äonisches Leben.
Die sprachlich unnatürliche Wiedergabe „Dieser (Wahrhaftige) ist der wahrhaftige Gott und äonisches Leben“ ergibt eine Tautologie und wäre der Versuch, die eigene krampfhafte Theologie zu rechtfertigen. Das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes ist verstandesmäßig nicht zu lösen – Gott sei Dank dafür! Und diese steht auch nicht im Widerspruch zu 1.Kor.8:6, wo es heißt: „so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf Ihn hin, und ein HErr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch Ihn.“ Denn es handelt sich in beiden Versen um verschiedene Aspekte derselben Wirklichkeit: Der Vater ist die Quelle und der HErr Jesus der Fluss; beide aber haben die gleiche Natur (Wasser).


Was bedeutet Binitarismus?

Einige wenige in der Kirchengeschichte vertraten die Auffassung, dass der Heilige Geist keine gesonderte Person neben dem Vater und dem Sohn sei, sondern lediglich als eine Art wirksame Kraft Gottes gelte. Denn gerade jene Stellen in 1.Kor.8:6 und 1.Tim.2:5 erwecken ja den Eindruck, als gäbe es nur eine Zweigliederung zwischen Vater und Sohn (auch 2.Joh.9). Diese Vertreter wurden von ihren Kritikern im 4.Jh. abfällig als „Pneumatomachianer“ („Geist-Bekämpfer“) oder auch als „Makedonianer“ nach dem Bischof Macedonius I. Ihre Lehre wurde jedoch auf dem Konzil von Konstantinopel verworfen, zumal der Hl. Geist in einer Reihe mit dem Vater und dem Sohn genannt wird (Mat.28:19, 2.Kor.13:13, Eph.4:4-6).

Der Heilige Geist ist biblisch identisch mit Gottes Geist (Apg. 5:3-4, 2.Kor.3:17, 1.Kor.3:16). Der Sohn hat einerseits Seinen eigenen Geist und andererseits Gottes Geist, d.h. den Heiligen Geist, mit dem Sein eigener Geist immer einig ist. Im Grundtext des Neuen Testaments und vielen Lesarten wird der Heilige Geist, obwohl grammatisch sächlich, an vielen Stellen als männlich (ÄKÄIN´OS = „jener“) und somit als Person behandelt (Joh.14:26, 15:26, 16:13-14). Einige Aussagen über Ihn haben total personenhaften Charakter: Er besitzt Intellekt/Wissen (1.Kor.2:10-11), hat einen Willen (1.Kor.12:11), hat Gefühle (Eph.4:30), eine eigene Sprache und Lehre (Joh.14:26). Er lehrt und erinnert (Joh.14:26), Er zeugt (Joh.15:26), führt und leitet (Joh.16:13), Er überführt (Joh.16:8), Er tritt für uns ein (Röm.8:26), Er spricht direkt (Apg.8:29) und setzt als Leiter ein (Apg.13:2). Der Heilige Geist kann angelogen werden (Apg.5:3), Ihm kann widerstanden werden (Apg.7:51), und Er kann verlästert werden (Mat.12:31).


Warum ist der Modalismus unbiblisch?

Der Modalismus (auch Sabellianismus genannt) lehrt, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist keine wirklichen Personen sind, sondern nur verschiedene Erscheinungsweisen oder „Modi“ des einen Gottes. Gott sei also einmal Vater, dann Sohn, dann Geist – aber nicht gleichzeitig drei unterscheidbare Personen. Die klassische christliche Theologie hat diese Sicht aus mehreren Gründen zurückgewiesen. Die Argumente lassen sich in biblische, logische und heilsgeschichtliche Argumente gliedern.

  1. Die gegenseitige Beziehung zwischen Vater und Sohn

Viele Bibelstellen zeigen eine echte Beziehung zwischen Vater und Sohn. „Und nun verherrliche Du mich, Vater, bei Dir selbst mit der Herrlichkeit, die Ich bei Dir hatte, ehe die Welt war“ (Joh. 17:5). Hier spricht der HErr Jesus von einer Gemeinschaft mit dem Vater vor der Schöpfung. „Das Wort war bei Gott“ (Joh.1:1). Das Wort „bei“ (PROS TON ThEON) deutet auf eine Beziehung zwischen zwei Personen.

  1. Das Gebet Jesu

Jesus betete regelmäßig zum Vater. Das ganze Kapitel Johannes 17 besteht z.B. aus einem Gebet Jesu zum Vater. Wenn Vater und Sohn nur verschiedene Rollen derselben Person wären, würde das bedeuten, dass Gott zu sich selbst spricht. Das hielten auch viele Kirchenväter für theologisch unplausibel.

  1. Die Taufe Jesu

Bei der Taufe des HErrn Jesus in Mat.3:16–17 erschienen alle drei gleichzeitig: Jesus wurde getauft, der Geist kommt herab und der Vater spricht aus dem Himmel. Diese Szene wurde oft als stärkste Bibelstelle gegen den Modalismus gesehen.

  1. Die Sendung des Sohnes

Das Neue Testament sagt häufig, dass der Vater den Sohn sendet. „Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt“ (Joh.3:17), „Gott sandte Seinen Sohn“ (Gal.4:4). Senden setzt normalerweise zwei unterscheidbare Personen voraus.

  1. Die Liebe zwischen Vater und Sohn

Das Neue Testament spricht von einer gegenseitigen Liebe. „Der Vater liebt den Sohn“ (Joh.3:35), „Du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh.17:24). Liebe setzt eine echte Beziehung voraus.

  1. Die Fürbitte Jesu

Christus tritt für die Gläubigen beim Vater ein. „Christus Jesus … tritt für uns ein“ (Röm.8:34), „Wir haben einen Fürsprecher beim Vater“ (1.Joh.2:1). Auch hier erscheinen zwei Handelnde.

  1. Die trinitarischen Formeln

Mehrere Bibelstellen nennen drei unterschiedliche Größen. „Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mat.28:19), „Die Gnade des HErrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ (2.Kor.13:13). Diese parallele Nennung spricht gegen reine Rollenwechsel.

  1. Der Heilige Geist spricht und handelt

Der Geist erscheint im Neuen Testament als handelnde Instanz: „Der Heilige Geist wird euch alles lehren“ (Joh.14:26), „Der Heilige Geist sprach: Sondert mir Barnabas und Saulus aus“ (Apg.13:2). Das passt schlecht zu einer bloßen „Kraft“.

  1. Logisches Problem der Inkarnation

Wenn der Vater selbst der Sohn wäre, würde das bedeuten: Der Vater wurde Mensch und litt am Kreuz.

Diese Vorstellung wurde später als Patripassianismus kritisiert („der Vater leidet“).

  1. Die ewige Beziehung innerhalb Gottes

Viele Theologen argumentierten: Wenn Gott ewig Vater ist, muss Er auch ewig einen Sohn haben. Sonst wäre Gott irgendwann kein Vater gewesen. Dieses Argument wurde z.B. von Athanasius verwendet.

  1. Das Zeugnis der frühen Kirche

Schon sehr früh lehnten christliche Lehrer den Modalismus ab. Zu den Kritikern gehörten u.a.: Tertullian,

Hippolytus von Rom, Athanasius von Alexandria. Sie betonten die Unterscheidung zwischen: einem göttlichen Wesen mit drei Personen.

  1. Der endgültige kirchliche Konsens

Der Modalismus wurde schließlich verworfen, während die trinitarische Lehre formuliert wurde, insbesondere auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel (381). Dort wurde die klassische Formel bestätigt: ein Gott – drei Personen.

Interessant ist, dass fast alle Bibelstellen, die dem Modalismus widersprechen, zugleich auch den Arianismus widerlegen, und beide Konzepte auch einer echten Beziehung zu Gott bzw. dem HErrn Jesus im Wege stehen, da man die beiden zusammendenken muss: Wenn wir den Vater anbeten, beten wir zugleich den Sohn an (und andersherum). Irenäus schrieb einmal: „Gott erschuf die Welt durch Seine beiden Hände: den Sohn und den Geist“. Und ergänzend kann man hinzufügen: „Wir sollen einmal werden wie sie“ (vergl. 1.Mo.1:26, 3:22).

 

Wann kommt Jesus wieder?

 

„Ihr aber, Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb überrasche.“ (1.Thes.5:1-4)

Es ist immer wieder erstaunlich, dass seit Beginn des Irankriegs am 28.02. viele Prediger und Bibellehrer „Kriege“ zwar allgemein als Endzeiterfüllung sehen (Mt.24:6), sich aber weigern, speziell den Iran-Krieg als Zeichen der nahen Wiederkunft Jesu zu deuten. Dabei steht in Daniel 8:5 doch ganz klar, dass Persien, der „Widder“, von dem „Ziegenbock“ angegriffen wird, der „von Westen über die ganze Erde herkommt“ und dabei „die Erde nicht berührte“ (Luftangriffe der USA). Alexander der Große hatte zwar 331 v.Chr. ebenso die Perser besiegt, aber dabei berührte er die Erde und kämpfte als Feldherr sogar an vorderster Front. Zudem wird angekündigt, dass sich die Vision „auf die Zeit des Endes“ bezieht (V. 17+19). Die Formulierung „Zeit des Endes“ finden wir immer wieder im Buch Daniel (Dan.11:35+40, 12:4+9) und bezieht sich sowohl auf die Zeit vor dem ersten als auch auf die Zeit vor dem zweiten Kommen des HErrn Jesus (Pred.1:9). Außerdem bekam Dareios III. im Jahr 331 v.Chr. militärischen Beistand in seinem Kampf, nämlich von den Indern, Baktriern (heutiges Afghanistan), Armeniern, Babyloniern und sogar von griechischen Söldnern, während beim heutigen Iran bisher weder Russland, noch China, noch Nord-Korea militärisch interveniert haben, so wie geschrieben steht: „niemand rettete den Widder aus seiner Hand“ (V. 7).

Was nun die Wiederkunft des HErrn Jesus betrifft, so wissen wir tatsächlich „weder Tag noch Stunde“ (Mt.25:13), und in Bezug auf die Wiederherstellung des Reiches für Israel  ist es auch nicht unsere Sache, „Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in Seine eigenen Gewalt festgesetzt hat“ (Apg.1:7). Dennoch aber haben wir die Verheißung, dass sich „zur Zeit des Endes… die Erkenntnis mehren wird“ (Dan.12:4). Wir wissen nicht Tag noch Stunde, aber wenn es soweit ist, können wir den Zeitpunkt immer besser eingrenzen. Deshalb hat uns der HErr auch den Hinweis mit den „1260 Tagen“ gegeben (Offb.12:6) bzw. „42 Monate“ (Offb.11:2, 13:5). Wenn es also uns überhaupt nicht zu interessieren hätte, dann würde Gott uns nicht so viele Hinweise geben. Und seit der Staat Israel vor 70 Jahren gegründet wurde, wissen wir, dass „der Sommer nahe ist“ (Mt.24:32).

Vor 40 Jahren habe ich mich zum ersten Mal mit den Bibelstellen beschäftigt, die einen Hinweis geben, wann der HErr Jesus möglicherweise wiederkommt. Aufschlussreich war zunächst einmal die recht einfache Überlegung, dass die Schöpfungstage mit großer Wahrscheinlichkeit eine Parallele zu den 6000 Jahren Menschheitsgeschichte darstellen, denen im Anschluss das 1000jährige Reich wie der 7. Tag als Ruhetag folgen wird. Denn wir wissen, dass ein Tag bei dem HErrn ist wie 1000 Jahre und 1000 Jahre wie ein Tag (2.Petr.3:8). Diesen Hinweis hat uns der Heilige Geist gegeben in unmittelbarem Zusammenhang mit der Frage, wann der HErr Jesus wiederkommt (2.Petr.3:4+9). Tatsächlich ist das Alte Testament etwa 4000 Jahre alt. Die Gelehrten James Ussher und John Lightfoot errechneten 1650 den Zeitpunkt der Schöpfung für den 23.10.4004 v.Chr. um 9:00 Uhr morgens. Der Bibellehrer F.H. Baader nahm hingegen 3973 Jahre an von der Erschaffung Adams bis zur Geburt Jesu. Viele Ausleger vermuten die Geburt Jesu im September des Jahres 1 v.Chr. wegen Luk.1:5-26. Elisabeth bekam ihr Kind ja sechs Monate vor Maria, und zwar im März (Nisan), in welchem Zacharias, einem Priester aus der Tageaufteilung Abijas, gerade Dienst hatte.

Der HErr Jesus begann Seinen Dienst als Er 30 Jahre alt war (Luk.3:23), und zwar vermutlich im Jahr 29 n.Chr. Das 30. Jahr war übrigens das Alter für den Priesterdienst (4.Mo.4:3) und für das Königtum Davids (2.Sam.5:4). Nur wenigen ist bekannt, dass auch der Universalgelehrte Isaak Newton (1643-1727) Berechnungen anstellte zur Geburt und Kreuzigung Jesu, sowie zu Seiner Wiederkunft. Newton berechnete die Kreuzigung Jesu für den 03.04.33, nicht nur weil dies der einzige Freitag vor einem Passahfest war (14.Nisan), sondern weil es an diesem Tag eine Mondfinsternis gab (Joel 2:31). Nun stellt sich die Frage, ob die 2000 Jahre, auf die Petrus hindeutet in 2.Petr.3, vom Beginn Seines Dienstes an zu rechnen sind oder erst nach Seiner Kreuzigung und Auferstehung. Einen Hinweis gibt uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10: Jeder Sünder befindet sich ja auf dem direkten Weg ins Verderben, im Gleichnis dargestellt durch jenen Mann, der auf dem Weg von Jerusalem (= Stadt des Friedens) nach Jericho (= Stadt des Fluches) hinabging, dann aber unter die „Räuber“ fiel (= Sünden, Gebundenheiten, Süchte, Schicksalsschläge), die ihn – von seiner Verlorenheit überführt (Röm.7:9-11) – „halbtot liegen ließen“. Weder der Priester noch der Levit konnten ihn in diesem Zustand noch retten (Hebr. 7:18-19), sondern einzig und allein jener von den Juden verachtete „Samariter“ (Joh.4:9), der HErr Jesus Christus (Joh.1:10-12), der seine Wunden mit Wein (= Evangelium) und Öl (= Heiliger Geist) heilte und ihn dann auf Seinem Lasttier in die „Herberge“ brachte. Wörtlich übersetzt ist die Herberge eine „Allempfangende“ (gr. PAN´DOKION), nämlich die Gemeinde des HErrn. Hier lesen wir nun, dass der barmherzige Samariter seine Rückkehr ankündigt als Er dem Wirt (= Heiliger Geist) mit den „zwei Denaren“ alles gab, was dieser zur Heilung des Verletzten benötigte bis Er wiederkäme. Zwei Denare sind der Lohn eines Tagelöhners für zwei Tage (Matth.20:1-9), und da „ein Tag“ ja prophetisch bei dem HErrn „wie 1000 Jahre“ ist (2.Petr.3:8), dürfen wir hoffen, dass der HErr Jesus 2000 Jahre nach Seiner Auferstehung und Himmelfahrt wiederkommen wird, also im Frühjahr 2033. Wenn man annimmt, dass die Entrückung etwa in der Mitte der letzten sieben Jahre stattfindet, dann wäre diese im Herbst 2029, vielleicht zur Zeit des Rosch ha-Schana, dem Fest des Posaunenhalls am 09.-11. Sept.29.

Es gibt noch andere Bibelstellen, die diesen Hinweis untermauern: Nachdem der HErr durch den Propheten Hosea schon angekündigt hatte, dass „die Kinder Israel viele Tage ohne König bleiben werden und ohne Fürsten, und ohne Schlachtopfer und ohne Bildsäule, und ohne Ephod und Teraphim“ (Hos.3:4), hat Er ihnen verheißen, dass sie „am Ende der Tage umkehren und den HErrn, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd wenden zu dem HErrn und zu Seiner Güte am Ende der Tage“ (Hos.3:5). Wann genau dies sein wird, das verrät uns Hosea auch, und zwar in Kap.6: „ER wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tage uns aufrichten; und so werden wir vor Seinem Angesicht leben… Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und Er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt“ (Hos.6:2-3). Hier wird also ganz deutlich gesagt, dass Er NACH ZWEI Tagen, also nach 2000 Jahren, das Haus Israel wieder beleben und sie am DRITTEN Tag, also dem 1000jährigen Reich, sie aufrichten wird.

Wir wissen alle, dass der HErr Jesus am dritten Tag auferstand und auch wir durch Ihn die Hoffnung haben, dass Er uns „auferwecken wird am letzten Tag“ (Joh.6:39+40). Prophetisch gesprochen ist der „letzte Tag“ das Tausendjährige Reich, nämlich der „Tag des HErrn“, und zwar wird die Auferstehung und Entrückung der Gläubigen das allererste Ereignis sein, das im Tausendjährigen Reich stattfinden wird. Wir sind also genauso wie Christus 2000 Jahre lang mit Ihm gestorben und stehen wie Er am dritten Tag auf.

Es ist erstaunlich, wie oft die Bibel uns den „dritten Tag“ als Hinweis für die Wiederkunft Christi und Seine Herrschaft im 1000jährigen Reich:

  • Am dritten Tage, da erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von ferne“ (1.Mo.22:4)
  • Am dritten Tage, dem Geburtstage des Pharaos, da machte er seinen Knechten ein Mahl; und er erhob das Haupt des Obersten der Schenken und das Haupt des Obersten der Bäcker unter seinen Knechten“ (1.Mo.40:20). Hier haben wir eine Vorschattung des Hochzeitsmahls des HErrn, das ebenso zu Beginn des „Tages des HErrn“ stattfinden wird, etwa zeitgleich mit dem Gericht über die Nationen in Mt.25:31-46. So wie der HErr Jesus am Kreuz eine gute Nachricht für den einen und eine schlechte Nachricht für den anderen Mitgefangenen hatte, so hatte auch Joseph im Gefängnis seinen beiden Mitgefangenen ihr Schicksal angekündigt, das sich ja dann auch erfüllt hat „am dritten Tag“.
  • Am dritten Tag wird der HErr vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen“ (2.Mo.19:11). Hier sehen wir die Ankündigung vorgeschattet, dass auch der HErr Jesus in der Zukunft herabkommen wird, ebenso unter „starkem Posaunenschall“ (2.Mo.19:16) und „Seine Füße werden an jenem Tage auf dem Ölberge stehen“ (Sach.14:4).
  • Am dritten Tag sollte auch König David erfahren, dass sein Feind Saul getötet wurde (2.Sam.1:2), worauf er dann vom Volk zum neuen König gesalbt wurde. Saul ist hier ein Bild auf den Antichristen, den sich das Volk einmal selber zum Weltherrscher erwählt hatte, aber der dann seinen Rivalen Jesus verfolgte (Apg.9:4 „Was verfolgst du Mich?“), und der ebenso in der Schlacht von Armageddon umkommen wird.
  • Am dritten Tag sollte Hiskia wieder in das Haus des HErrn gehen können, nachdem er von seiner Krankheit genesen war (2.Kön.20:5).
  • Am dritten Tag tat die Königin Esther (ein Bild auf die Gemeinde) Fürbitte für das jüdische Volk bei ihrem König und Bräutigam (Esth.5.1), damit der böse Haman es nicht vernichten möge (ein Bild auf den Antichristen).
  • Am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa“ (Joh.2:1). Warum nicht am zweiten Tag oder am fünften Tag? Weil auch hier wieder das Hochzeitsmal des Lammes vorgeschattet ist zu Beginn des Tausendjährigen Reiches.

Eine weitere interessante Bibelstelle zur Frage, wann der HErr wiederkommt, finden wir in Jes.21:11-12. Dort fragt einer: „Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Der Wächter spricht: Der Morgen kommt, und auch die Nacht (d.h. ein Morgenschimmer und gleich wieder Umnachtung)“. Was hat das jetzt zu bedeuten? Nacht bedeutet in der Bibel symbolisch die Zeit, in der niemand für den HErrn arbeiten kann und der HErr auch nicht da ist (Joh.9:4). Wenn kein Licht ist, dann irren die Menschen umher, es sei denn, dass der Mond (Gemeinde), die ihr Licht von der Sonne (der HErr Jesus) erhält (Psalm 19:5) und die Sterne (einzelne Gläubige) den Menschen genügend Orientierung geben (Dan.12:3). Der Fragesteller im AT wurde ungeduldig, weil es Nacht war und er sich nach dem Kommen des HErrn sehnte. Der Geist Gottes tröstet ihn mit der Verheißung, dass der HErr bald kommen würde (der frühe Morgen der Auferstehung des HErrn ist schon in 2.Sam.23:4 prophetisch angekündigt: „Er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken…“). Aber dieser Morgen des ersten Kommens des HErrn sollte nur von kurzer Dauer sein, und schon kurz darauf brach auch schon wieder die „Nacht“ der Abwesenheit über die Welt herein, weshalb die Emmaus-Jünger zum HErrn sagten: „Bleibe bei uns, denn es ist gegen Abend, und der Tag hat sich schon geneigt“ (Luk.24:29). Jetzt sind wir inzwischen schon mitten in der Nacht, aber diese ist auch schon „weit vorgerückt und der Tag ist nahe“ (Röm.13:12). Die Wiederkunft des HErrn findet also geistlich (und für einige auch buchstäblich) am frühen Morgengrauen statt, weshalb wir ja auch wachen sollen.

Wir wissen auch, dass der Antichrist zuvor kommen wird, um sich in den Tempel Gottes zu setzen und einen „Gräuel der Verwüstung“ aufzustellen (2.Thes.2:3). Der Milliardär Peter Thiel glaubt, dass er und seine Freunde aus dem Silicon Valley jene sind, die gemäß 2.Thes.2:6-7 der „Zurückhaltende“ (KATÄCHON) sind, indem sie als Libertäre all ihr Geld verwenden, um die Welt vor dem Sozialismus und der staatlichen Übergriffigkeit zu schützen. Aber aus dem Zusammenhang geht hervor, dass es nicht darum geht, das Kommen des Antichristen zurückzuhalten, sondern dass das Kommen des Antichristen das Kommen des HErrn Jesus zurückhält, weil dieser eher kommen muss. Hätte der HErr Jesus in Mt.24:15 nicht dieses Zitat aus Dan.9:27 erwähnt, könnte man denken, dass sich diese Prophezeiung schon im Jahre 167 v. Chr. erfüllt hatte, als der Seleukidenkönig Antiochus IV Epiphanes in Jerusalem einmarschierte und den Jahwe-Gottesdienst verbot, indem er ihn durch einen Zeus-Dienst ersetzte (Dan.8:11-12). Dies geschah genau in der Mitte seiner siebenjährigen Regierungszeit (Dan.9:27), was damals zu dem Aufstand der Makkabäer führte (vergleichbar mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto am 19.04.1943. Aus dem 1.Makkabäerbuch 1:54 erfahren wir, dass dieser „Gräuel der Verwüstung“ am 15. des Monats Kislew (1. Dezember) aufgestellt wurde.

 

 

„Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 25

 

Januar bis Juni 2024

Auswandern

Wie jedes Jahr reisten Ruth und ich Anfang Januar wieder nach Peru, jedoch ich diesmal nur für einen Monat und Ruth für vier Monate, um in Peru arbeiten zu können (sie hatte ja Fortbildungslehrgänge in Ultraschalldiagnostik absolviert und sich dann ein Ultraschallgerät gekauft, dass sie nun in der Tierarzt-Praxis von Bruder Francisco zum Einsatz bringen wollte). Ich wollte diesmal nicht so lange bleiben, weil ich mir Sorgen um Marcus machte wegen seiner Instabilität. An sich hätte ich auch gleich in Deutschland bleiben können, aber Ruth und ich überlegten, ob wir vielleicht doch nach Peru auswandern und uns deshalb mal nach einem geeigneten Grundstück umsehen sollten. Denn durch die immer verrücktere Politik der Ampelregierung gewann man den Eindruck, dass Deutschland durch ideologische Fehlentscheidungen immer weiter in den wirtschaftlichen Ruin getrieben wird (z.B. hatte Minister Habeck behauptet, dass ein Abschalten der letzten drei Atomkraftwerke angeblich unbedenklich sei, obwohl seine Experten genau das Gegenteil festgestellt hatten). Ohnehin war nicht der angeblich menschengemachte Klimawandel besorgniserregend, sondern eher der geistige und geistliche Klimawandel in Deutschland eine echte Gefahr für den Zusammenhalt, da sich durch die mediale Hetze und Desinformation die Leute immer mehr stritten und spalteten. Durch die ständige Hetze gegen Russland drohte sogar ein Dritter Weltkrieg mit Atomwaffen. Und wenn die Politiker zukünftig den Industriestandort Deutschland nur noch durch Wind und Sonne mit Energie beliefern und mit Sozialkassen-Eindringlingen überschwemmen würden, war absehbar, dass dieser Irrsinn am Ende zum wirtschaftlichen Kollaps führen würde. „Der Kluge sieht das Unglück und verbirgt sich“ (Spr.22:3, 27:12).

Doch auch in Lima würden wir in Zukunft nicht mehr bleiben können, da die Stadt in die Hände der Mafia gefallen war und die Politik nichts dagegen unternahm. Um Kosten zu sparen hatte der venezolanische Präsident Tausende an Häftlingen aus den maroden und überfüllten Gefängnissen vorzeitig freigelassen, die dann mit 7 Millionen anderen Armutsflüchtlingen nach Kolumbien, Peru und Chile auswanderten. Die aus diesen gegründete Mafia, die sich „Tren de Aragua“ nannte, überzog die Länder nun mit Drogenhandel, Zwangsprostitution und vor allem mit Schutzgelderpressung. Das lief so ab, dass z.B. ein Ladenbesitzer eines Tages einen Anruf mit nicht angezeigter Handynummer erhält: „Guten Tag, wir bieten ihnen und ihrer Familie einen umfangreichen Schutz an für gerade einmal nur 300 Dollar im Monat!“ – „Nein, Danke – ich habe keinen Bedarf.“ – „Das war kein Angebot, sondern eine Information.“ – „Vor wem wollen Sie mich denn schützen?“ – „Vor uns selbst. Denn wenn Sie unsere Forderung nicht zahlen, fliegt ihr Laden in die Luft. Wir schicken Ihnen morgen um 15 Uhr einen Minderjährigen, der das Geld von Ihnen abholt.“ Wenn der Ladenbesitzer sich dann weigert, mit seinen Zahlungen säumig ist oder gar die Polizei informiert, machen die Erpresser ernst und werfen eine Granate in seinen Laden, durch die dann oftmals auch gleich die Kunden in die Luft fliegen. Auf offener Straße wird dann ein zuvor erpresster Busfahrer mitten in der Fahrt von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer erschossen. Auf diese Weise sterben jedes Jahr zwischen 1.500 bis 2.000 Menschen in Lima. Die Morde werden häufig von den Tätern gefilmt und zur Abschreckung ins Internet gestellt. Da die Täter durch diese Morde in den letzten Jahren immer reicher geworden sind und sich große Villen kaufen konnten, gab es immer häufiger Nachahmungstäter, so dass der Polizeichef von Lima, Victor Revoredo Farfán (55), den ich ja vier Jahre zuvor mal persönlich kennenlernen durfte in seinem Büro, am Ende völlig überfordert war und der Lage nicht mehr Herr wurde. Die Gangster bauten sich in ihren Geheimverstecken sogar Altäre, durch die sie Satan anbeteten und gegen Revoredo in Ritualen schwarzmagische Verwünschungen und Schadenzauber verübten.

Ruth und ich wollten uns also im Gebirge ein Grundstück kaufen, jedoch nicht so weit von Lima entfernt, damit Ruth nicht so einen weiten Weg haben würde zur Arbeit. Wir entschieden uns also für Chosica, genau genommen für ein Dorf namens Santa Eulalia, das etwa 1,5 Std von Lima entfernt im Gebirge lag. Wir schauten uns mehrere Angebote an, aber waren erschrocken, wie teuer die Grundstücke inzwischen waren. Für ein 500 qm großes Grundstück am Berghang mit einem großen Mangobaum in der Mitte verlangte der Besitzer gar 45.000 Dollar! 10 Jahre zuvor hätte er dafür maximal 2000 Dollar bekommen. Das lag nicht nur an der Nähe zu Lima, sondern auch weil die Region inzwischen Strom und Wasseranschluss bekommen hatte und es nur wenig ebene Flächen gab im Gebirge. Der Ort selbst war allerdings malerisch schön. Unten im Dorf plätscherte ein beschaulicher Bach, der in der Regenzeit schnell zu einem reißenden Fluss ansteigen konnte, der Schlamm und Geröll mit sich führt. Nach etwa vier Besichtigungen gefiel Ruth ein 300 qm großes Grundstück, das nur 27.000 Dollar kosten sollte. Ich wollte noch weiter gucken, aber Ruth hatte sich entschieden: „Dies oder keines!“ Ich sagte: „Dann eben keines. Wir haben doch gar keinen Zeitdruck und sollten uns doch erst einmal in Ruhe verschiedene Orte anschauen. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob es wirklich Gottes Wille ist, dass wir auswandern sollten.“

In jenen Tagen diskutierte ich mit Bruder Ricardo über den Überfall der Hamas auf Israel am 07.10.2023. Ricardo war sich sicher, dass der israelische Geheimdienst und das Militär sich mit Absicht aus dem Süden zurückgezogen hatten, um die Palästinenser angreifen zu lassen, da sie einen Vorwand brauchten, um die Palästinenser im Gaza-Streifen endgültig zu vernichten und sich diese Region widerrechtlich anzueignen. Mir war die Verschwörungsgläubigkeit von Ricardo aus vielen früheren Gesprächen gut bekannt, aber ich wunderte mich, dass er als Christ auf einmal gegen den Staat Israel polemisierte und der Hamas-Propaganda völlig unkritisch Glauben schenkte. Über zwei Stunden diskutierten wir hitzig über die Aussagen der Bibel zu diesem Thema. Dass die Juden unsere „Geliebten sind, um der Väter willen“ (Röm.11:28), ließ er nicht gelten, da Ricardo sich sicher war, dass es sich bei den Israelis nicht um echte Juden handele, sondern um von Natur bösartige Kinder des Teufels (Joh.8:44), eine „Synagoge Satans“ (Offb.2:9, 3:9), die „allen Menschen entgegen sind“ und „über die der Zorn Gottes völlig gekommen“ sei (1.Thes.2:15-16). Immer wieder sprach er von einem „Genozid“, den die Israelis an den Palästinensern verübten und verschwieg dabei völlig das Massaker, das die Hamas an wehrlosen Zivilisten verübte. Eva, die die ganze Zeit unseren Streit mitverfolgte, während sie strickte, musste immer wieder herzhaft lachen, wie wir uns gegenseitig mangelnder Sachkenntnis bezichtigten. Am Ende sagte ich zu Ricardo: „Für mich ist es unerträglich, dass Du den israelischen Soldaten ständig Völkermord unterstellst. Kein Land der Welt würde sich so ein Massaker einfach gefallen lassen. Israel ist das Volk Gottes, das der HErr noch erretten wird. Du bist wirklich ein Antisemit. Wenn Du so schlecht redest über Israel, dann kann ich keine Gemeinschaft mit Dir haben, denn Du tastest den Augapfel Gottes an. Ich bitte Dich deshalb, dass Du wenigstens den Vorwurf des Völkermords wieder zurücknimmst.“ Ricardo stand auf und sagte stolz: „Nein, das ist unmöglich. Ich lasse mich nicht erpressen! Wenn Du Dich von mir trennen willst, dann akzeptiere ich das um der Wahrheit willen. Aber ich mache keine faulen Kompromisse, wenn es um die Wahrheit geht!“ Daraufhin ging er. Drei Wochen später versöhnten wir uns wieder. Er verzichtete auf das Wort „Völkermord“ und ich verzichtete ihm zuliebe auf das Wort „Volk Gottes“.


Die Potsdam-Lüge

Mitte Januar schickte mir meine Tochter einen Artikel über ein Geheimtreffen von AfDlern in Potsdam, wo man angeblich über einen „Masterplan zur Vertreibung von Millionen nicht-reinrassigen Deutschen“ gesprochen haben soll. Unter dem Artikel schrieb Rebekka: „Jetzt weißt Du, Papa, warum ich die AfD ablehne. Wenn die an die Macht kommen, dann wird Mama bestimmt auch noch abgeschoben!“. Ich war entsetzt und war mir sicher, dass es sich um eine verleumderische Schmutzkampagne handeln musste. Sofort überprüfte ich die Angaben durch alternative Quellen wie etwa der NZZ, und schnell wurde deutlich, dass die sog. Recherche-Plattform Correctiv mit Stasi-Methoden versucht hatte, ein völlig harmloses Treffen von politisch Interessierten zu einer Art neuer, konspirativer „Wannseekonferenz“ aufzubauschen, um auf diese Weise die AfD zu diskreditieren und ihr Verbot zu fordern. Sofort wurde dieses Märchen als sensationelle „Enthüllung“ von den linken Staatsmedien ungeprüft übernommen und zur besten Sendezeit der breiten Öffentlichkeit eingeredet. Wie auf Knopfdruck riefen daraufhin sämtliche, linke, regierungsnahe und vom Familienministerium geförderte NGOs die Leute auf die Straße (z.B. „Omas gegen Rechts“ oder „Amadeo-Antonio-Stiftung“), um die AfD als neue Nazi-Partei zu diffamieren. Sogar Bundeskanzler Scholz und Außenministerin Baerbock, die als Amtsträger eigentlich zur Neutralität verpflichtet waren (da sie ja das GANZE Volk vertraten), nahmen an diesen Demos gegen die Opposition teil, wodurch überdeutlich wurde, dass diese Staatsvertreter die Proteste nicht nur finanziell unterstützten, sondern als Minister ihr Amt missbrauchten, indem sie durch den Kampf gegen die Oppositionspartei die staatliche Neutralität ignorierten. Dass es sich bei dieser angeblichen „Recherche“ in Wirklichkeit um eine von langer Hand geplante Inszenierung handelte mit dem Ziel, die traumatisierenden Erinnerungen an die NS-Zeit wiederzubeleben, wurde auch dadurch deutlich, dass der für Correctiv arbeitende Aktionskünstler Jean Peters schon eine Woche nach der Veröffentlichung dieses Dämonisierungsnarrativs sofort ein Theaterstück vorführte, in welchem dieses Gruselmärchen noch einmal buchstäblich inszeniert wurde, damit auch noch der Letzte die Botschaft verstehen konnte. In einem Interview räumte Jean Peters sogar ein, dass er mit „gezielter Desinformation“ arbeite.

Die Teilnehmer dieses privaten Treffens vom 25.11.23 in Potsdam ließen sich diese Rufmord-Kampagne natürlich nicht gefallen und erstatteten Anzeigen gegen Correctiv und die ÖRR-Medien ARD und ZDF. Ihr Pech: Einer der Teilnehmer war der Staatsrechtler Dr. Ulrich Vosgerau (CDU), der gleich mit sieben eidesstattlichen Versicherungen juristisch gegen diese koordinierte Lügen-Kampagne vorging. Vor dem Landgericht Hamburg räumte Correctiv ein, dass es sich bei den frei erfundenen Behauptungen in ihren Artikel „Geheimplan gegen Deutschland“ ja auch gar nicht um Tatsachenbehauptungen, sondern um Meinungsäußerungen handelte. Die öffentlichen und zur Neutralität verpflichteten Staatsmedien gaben in der Folgezeit Unterlassungserklärungen ab wegen „unzulässiger Verdachtsschilderungen und Falschdarstellungen“. Vor dem Landgericht Berlin wurde die reißerische Correctiv-Erzählung von einem „Masterplan zur Deportation deutscher Staatsbürger“ schließlich am 17.03.26 in sämtlichen Kernaussagen als falsch und frei erfunden festgestellt und verboten. Sie sei gespickt mit „Spekulations-Kaskaden“, die bei den Fernsehsendern und Zuschauern keineswegs bloß als fiktives Theaterstück, sondern als konkrete Tatsachenbehauptung verstanden wurde. Während der öffentlich-rechtliche Rundfunk jedoch diese Schwurbeleien ohne jede kritische Nachfrage oder Gegenrecherche sofort dankbar aufgenommen und wochenlang verbreitet hatten wie in einer konzertierten Aktion, berichten sie heute gar nicht mehr über diese Gerichtsurteile, was sehr auffällig ist. Offensichtlich geht es ihm schon lange nicht mehr um echten Journalismus, sondern vor allem um die Aufrechterhaltung ihres politisch-medialen Filzes, von dem sie ja alle profitieren. Ihr Ziel, die AfD-Wähler abzuschrecken durch eine beabsichtigte NS-Analogie, war zunächst erfolgreich, denn die AfD stürzte in Wahlumfragen ab von 23 % auf 17 %.

Wenn es in Deutschland inzwischen so leicht ist, das Volk durch die Medien zu manipulieren und gegen eine Minderheit wie die AfD aufzuhetzen, dann drohen uns demnächst tatsächlich Zustände wie 1933, jedoch nicht von rechter, sondern von linker Seite. Ich hatte inzwischen jedes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat verloren und sagte mir: noch ist es nur die AfD, aber demnächst werden auch wir konservativen Christen an den medialen Pranger gestellt und verleumdet. Die AfD war für mich schon lange nicht mehr rechtsextrem, sondern konservativ und vernünftig. Man konnte froh sein, dass es wenigstens noch ein paar wenige Politiker gibt, die noch nicht von allen guten Geistern verlassen waren. Diese ständige Verunglimpfung und Stigmatisierung der AfD erinnerte mich daran, wie ich auch selbst ständig litt unter der Ausgrenzung durch meine Brüder wegen der Allversöhnung. Ja, ich identifizierte mich mittlerweile so sehr mit der AfD, dass ich nach meiner Rückkehr aus Peru beschloss, der AfD beizutreten. Ich stellte einen Antrag und verabredete mich mit dem Landesvorstand zu einem Gespräch im Café del Sol. Wir unterhielten uns etwa zwei Stunden angeregt bei Kaffee und Kuchen und verabschiedeten uns dann herzlich. Doch zehn Tage später erhielt ich von ihnen eine Mail, dass sie mich nicht aufnehmen wollen – ohne irgendeine Begründung. Das irritierte mich und ich fragte Sergej Minich, den Landesvorsitzenden, nach einem Grund. Als ich keine Antwort erhielt, schöpfte ich einen Verdacht: ich schaltete den PC an und ging auf meine Internetseite „derHahnenschrei.de“ – Und tatsächlich! Ich hatte meinen Artikel gegen die AfD, den ich vor 8 Jahren schrieb, versehentlich nie gelöscht. Sie mussten den entdeckt haben und nahmen an, dass ich vielleicht ein V-Mann sei, der sich heimlich in die AfD einschleusen wollte. Aber warum haben sie mich nicht darauf angesprochen, warum ich in diesem Artikel die AfD mit den Nazis verglichen hatte, dann hätte ich es ihnen doch erklärt! Warum diese Feigheit? Aber schließlich nahm ich es aus Gottes Hand und sagte mir, dass es vielleicht nicht Gottes Wille war, AfD-Mitglied zu werden.


Marcus springt aus dem Fenster

Während wir in Peru waren, machte ich mir große Sorgen um Marcus und fragte mich, wie er die sechs Wochen allein verbringen würde. Umso dankbarer war ich zu erfahren, dass er bei einem Bruder Frank eingezogen war, der auch selbst psychisch krank war (Schizophrenie), so dass sie einander helfen konnten. Zudem half Marcus einer gläubigen Familie, deren Haus in Lilienthal über die Weihnachtstage unter Wasser stand, um all ihre Möbel in den Transporter zu laden und bei mir in der Malerwerkstatt einzulagern. Dadurch war Marcus abgelenkt, und sein Tag hatte wenigstens eine gewisse Struktur. Als ich am 25.02.24 nach Deutschland zurückkehrte (Ruth wollte noch 12 Wochen länger in Peru bleiben wegen ihrer Arbeit), zog Marcus vereinbarungsgemäß erst mal bei uns ein. Jedoch schmerzte es ihn von Anfang an, dass er bei uns nur vorübergehend geduldet war und wieder gehen musste, sobald Ruth Mitte Mai aus Peru zurückkehren würde. Er wollte am liebsten für immer bei uns wohnen, und hatte von Anfang an eine panische Angst vor dem Moment, wenn er wieder ausziehen müsse.

Diese Angst sollte schon bald eine neue Psychose bei ihm auslösen. Am 15.03. hatte Marcus die Idee, nach Bremen-Arbergen ins Elternhaus zurückzukehren. Er müsse lernen, „sich der Realität zu stellen und sich an diese zu gewöhnen“. Doch an den darauffolgenden Tagen ging Marcus nicht ans Handy, so dass ich schon eine böse Ahnung hatte. Ich rief meine Schwester Diana an und machte mich dann auf den Weg zu Marcus. Doch mein Schwager Axel war schon kurz vor mir da und traf Marcus mit Jacke und Hose in seinem Bett liegend an. Offensichtlich hatte er schon zwei Tage darin gelegen, denn er roch streng nach Schweiß und hatte fettige Haare. Ich stellte ihm viele Fragen, aber er antwortete kein einziges Wort, da er mal wieder in einer Psychose war. Ich nahm ihn mit zu meinem Wagen und erklärte ihm, dass ich ihn von nun an nicht mehr aus dem Auge lassen würde, sondern ihn nötigenfalls einsperren müsse. Doch während wir durch Hemelingen fuhren, machte Marcus plötzlich die Beifahrertür auf und wollte rausspringen. Ich hielt ihn mit aller Kraft am Arm und schimpfte mit ihm. Er sagte kein Wort, sondern schloss nur die Augen. Als wir ankamen, bat ich ihn, sich erstmal zu duschen. Ich schob ihn ins Bad und forderte von ihm, sich auszuziehen. Aber Marcus stand wie gelähmt im Raum und bewegte sich nicht. Nach mehreren Aufforderungen griff ich seinen Pullover und wollte ihn mit Gewalt ausziehen. Marcus wehrte sich, sagte aber nichts. Wieder zögerte er, so dass ich die Geduld verlor. Ich nahm den Duschkopf und brüllte ihn an, dass ich ihn nass machen würde, wenn er sich nicht auszieht. Als ich meine Drohung dann wahrmachte, bat Marcus um Einhalt und zog sich aus. Noch mehrfach gab ich ihm Anweisungen, Seife und Shampoo zu benutzen, aber er war wie gelähmt. Erst nach einer Stunde war er endlich gewaschen.

Da er keine eigene Kleidung mitgenommen hatte, gab ich ihm von mir. Als er schließlich im Bett lag, schloss ich alle Fenster und Türen des Hauses und versteckte auch die Schlüssel der Zimmertüren, damit er sich nicht einschließen konnte. Doch als ich am nächsten Morgen ins Zimmer ging, war Marcus nicht mehr da, aber das Fenster war geöffnet. Er war aus vier Metern Höhe in den Garten gesprungen! Ich lief aus dem Haus und sah Marcus hinten an der Straße stehen im Schlafanzug und auf Strümpfen. Ein Autofahrer hatte angehalten und sich nach ihm erkundigt. Ich rannte hin und zog Marcus wieder nach Haus. Ich machte ihm Frühstück, aber er aß nichts. Ich schimpfte mit ihm und drohte, ein Video von ihm zu machen. Erst jetzt nahm er den Löffel, aber rührte nur in seinem Müsli, ohne den Löffel in den Mund zu nehmen. Immer wieder redete ich auf ihn ein, dass er Organversagen bekommen könnte, da er ja noch nicht einmal etwas trank. Stattdessen lag er den ganzen Tag im Bett und starrte an die Decke. Er brauchte dringend einen Arzt und Medikamente. Ich rief in mehreren psychiatrischen Kliniken an, aber immer wieder sagte man mir, dass man keine neuen Patienten mehr aufnehme. Dann fuhr ich direkt in die Ameos-Klinik, damit sie Marcus sehen und meine verzweifelte Lage erkennen könnten. Und tatsächlich kam ein Psychiater runter und unterhielt sich mit mir. Und obwohl Marcus gar nicht versichert war, verschrieb er Marcus ein Rezept für Risperidon und Lorazepam. Ich dankte Gott für diese Hilfe.

Doch auch am nächsten Tag wollte Marcus nichts essen und trinken, sondern wollte im Bett liegen bleiben. Ich erinnerte ihn daran, dass ich nur aus Liebe zu ihm nicht den Krankenwagen anrufen wolle, er mich aber durch seine Sturheit noch dazu zwingen würde. Da ich zur Arbeit musste, ließ ich ihn allein, schloss aber alles ab. Als ich am Nachmittag nach Haus kam, lag Marcus immer noch im Bett. Doch hatte ich auf dem Rückweg die Tabletten aus der Apotheke geholt. Ich drängte ihn, etwas zu trinken und die Tabletten einzunehmen, aber er wollte nicht. Da rief ich meine Schwester an, weil ich mit meiner Kraft am Ende war. Doch obwohl Diana nur am Wochenende arbeitete, wollte sie nicht kommen, sondern ihre Ruhe haben. Da schimpfte ich mit ihr, dass ich die ganze Last nicht ganz allein tragen könne. Ich war fast den Tränen nahe. Da ließ sich Diana erweichen und kam. Sie hatte alles dabei: eine Waschschüssel, Shampoo, Handtuch, Zahnbürste und sogar einen Mörser, um die Tabletten fein zu mahlen und ihm heimlich ins Essen zu mischen. Da Marcus sich noch immer verweigerte, setzen wir ihn auf einen Stuhl, Diana stellte sich hinter ihn, und während ich ihm die Arme festhielt, drückte Diana ihm den Mund auf, um ihn so unter Zwang mit Kakao zu tränken. Auf diese Weise hatte sie ihn fast einen Liter eingetrichtert. Dann fütterte sie ihn mit einem Joghurt, indem sie ihm wieder die Backen zusammendrückte, um dadurch das Schließen des Mundes zu verhindern und seinen Schluckreiz zu stimulieren. Am Ende wusch sie ihn und putzte ihm die Zähne, da er auch starken Mundgeruch hatte. Als Altenpflegerin genierte sie sich nicht, sondern handelte mit einer bewundernswerten Routine. Sie hatte Marcus heute das Leben gerettet.

Am nächsten Tag ging es Marcus schon besser. Die Medikamente hatten gewirkt und er aß auch wieder freiwillig. Er wollte unseren Vater in Lilienthal besuchen, und ich ließ ihn gehen. Doch drei Stunden später rief mich die Polizei an auf der Arbeit. Sie berichteten mir, dass Marcus sich eine Pizza bestellt hatte in einer Pizzeria, aber dann eine Stunde lang am Tisch auf die Pizza gestarrt habe, ohne sie zu essen. Ich holte ihn ab und brachte ihn nach Haus. Damit er nicht mehr das Haus verlässt, hatten wir den Griff am Fenster mit Paketband verklebt. Doch am nächsten Tag klingelte es um 5:00 Uhr morgens an der Tür: es war Marcus. Er war schon wieder aus dem Fenster gesprungen. Jedoch wollte er danach wieder unbemerkt ins Haus kommen und hatte beim Versuch, die Terrassentür aufzubrechen, diese stark beschädigt. Ich schimpfte mit ihm und mischte sein Medikament ins Essen, damit er wieder klar werde. Doch am Nachmittag rief mich kurz vor Feierabend schon wieder die Polizei an. Was war passiert? Marcus hatte das Haus verlassen und war ziellos mit dem Auto herumgefahren. In Weyhe sah er auf einem Feld einen Hubschrauber. Er hielt den Wagen an, ging zum Hubschrauber und sagte zu dem Piloten: „Ich bin es. Sie sind bestimmt wegen mir gekommen, um mich mitzunehmen.“ Der Pilot war irritiert und rief die Polizei. Die beiden Polizistinnen befragten Marcus dann, aber er gab kaum Antwort. Nur mit Mühe gelang es ihnen, meine Nummer herauszufinden.  Sofort fuhr ich hin, um ihn abzuholen.

Da ich einen wichtigen Termin in Bremen-Vegesack hatte, nahm ich Marcus mit. Er schlief die ganze Zeit im Auto. Auf dem Rückweg hatte sich Marcus Zustand arg verschlimmert. Er trottete umher wie ein Zombie und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich informierte seine Ex-Freundin Viola, die sich als Sozialarbeiterin gut mit Psychopharmaka auskennt. Sie erklärte mir, dass Marcus eine Katalepsie habe und dass er in diesem Zustand auf keinen Fall das Risperidon nehmen dürfe, sondern nur Lorazepam, damit sich das Gehirn erst einmal wieder entkrampfe. Ich war todmüde und wollte nur noch schlafen, da der Tag lang war. Aber was sollte ich mit Marcus machen? Ich konnte nicht ständig auf ihn aufpassen. Deshalb rief ich meinen Vater in Lilienthal an und fragte, ob er ihn abholen könne. Mein Vater kam mit seiner Freundin Irmtraut, und wir aßen gemeinsam Abendbrot. Doch als mein Vater sich dann verabschiedete, wollte Marcus nicht mit ihm gehen. Mit aller Gewalt drückte ich Marcus aus dem Haus raus und schimpfte heftig mit ihm, da ich nur noch schlafen wollte. Mein Vater war schon vorangegangen zum Auto, als plötzlich Irmtraut (92 J.) stürzte. Ich lief zu ihr hin und half ihr wieder auf. Erst dann bemerkte ich, dass Marcus verschwunden war. Das war echt zu viel für mich. Um meinen Vater nicht länger zu belasten, sagte ich: „Papa, fahr nach Hause, ich kümmere mich um Marcus.“ Mein Vater fuhr los. Doch nach zehn Minuten tauchte Marcus wieder auf und bat mich, doch bei mir bleiben zu dürfen. Ich sagte, dass ich am Ende meiner Kraft sei und nur noch schlafen wolle. Ich flehte Marcus an, sich doch jetzt endlich zu fügen und bei meinem Vater in Lilienthal einzuziehen. Marcus gab nach, und ich fuhr ihn um 23:00 Uhr nach Lilienthal. Dort gab ich meinem Vater die Tabletten und erklärte ihm, dass Marcus die jetzt regelmäßig nehmen müsse. Halb schlafend fuhr ich dann um 23:45 Uhr die 15 km wieder nach Haus.

Leider erwies sich mein Vater (83 J.), der ja früher als Krankenpfleger in der forensischen Psychiatrie gearbeitet hatte, mit der Katalepsie meines Bruders schnell überfordert. Jedes Mal brüllte er Marcus an, wenn er aufstehen oder seine Tablette nehmen solle. Einmal gab er ihm eine Tasse Milchkaffee in die Hand und eine Tablette in die andere. Aber Marcus hatte in dem Moment gerade eine Wahnvorstellung und kippte den Kaffee vor meinem Vater absichtlich auf den Fußboden, als sei dieser vergiftet. Da gab mein Vater ihn sofort eine heftige Backpfeife. Als er mir das später berichtete, entschied ich mich, Marcus wieder aufzunehmen. Durch Gottes Gnade ging es Marcus in den darauffolgenden Tagen deutlich besser. Man merkte, dass die Tabletten wirkten. Ich konnte Marcus nun auch wieder mitnehmen zur Baustelle zum Arbeiten. Obwohl er die meiste Zeit depressiv war, gelang es ihm zwischenzeitlich sogar mal, beim Kunden eine scherzhafte Bemerkung zu machen: Einmal hatten wir in der riesigen Villa einer Millionärin gearbeitet, als Marcus sie neugierig fragte, ob die beiden allein in dem großen Haus wohnen würden. Als sie dieses bejahte, sagte Marcus kopfschüttelnd und mit ernster Stimme: „Das wäre mir zu klein hier – da würde ich Platzangst kriegen…“ Da musste die Kundin sehr lachen.


Blut im Urin

Ende März hatte ich auf YouTube ein Streitgespräch gesehen mit Raffaela Raab, die als sog. „militante Veganerin“ deutschlandweit bekannt und gefürchtet ist, da sie Fleischesser in Grund und Boden redete mit absolut scharfen Argumenten. Ich bin sicher nicht der Einzige, dem sie dadurch schon ins Gewissen geredet hatte, denn moralisch gesehen hatte sie zweifellos die besseren Argumente. Schon oft hatte ich mir vorgenommen, meinen Fleisch- und Wurstkonsum aus Liebe zu den Tieren zu verringern oder ganz einzustellen; aber dann dachte ich: „Die Tiere müssen ja ohnehin sterben, und im Supermarkt sind sie sowieso schon tot, so dass sie mit ihrem Fleisch, das andernfalls verwesen würde, den Menschen noch einen ‚Liebesdienst‘ erweisen können, indem sie sich verspeisen lassen.“ Andererseits geben die Tiere ihr Leben ja nicht freiwillig, sondern sie werden von uns zu einem erbärmlichen Leben gezwungen, bei dem sie Schmerz, Angst und Stress genauso empfinden, wie wir; und wenn wir Leid und Tod verhindern können, sollten wir es als Christen auch tun, zumal sie unsere Mitgeschöpfe sind (Röm.8:19-22). Es ist schwer zu rechtfertigen, warum mein Geschmack und Genuss wichtiger sein soll als das Leben eines Tieres. Und fordert der HErr uns nicht zum Umdenken, zur Liebe und zum Verzicht auf, Stichwort „Überwinden“?

Also nahm ich nochmal einen Anlauf und kaufte ab dem 01.04.24 nur noch vegan ein. Das war gar nicht so einfach, denn die künstlichen Würste und Käse-Imitationen mochte ich nicht. Und da ich nicht kochen konnte, versuchte ich zu experimentieren. Zum Beispiel machte ich mir Rotkohl und kombinierte ihn mit Grapefruitstücken, um den Geschmack zu verbessern. Es war hart für mich, mir einzureden, dass es überhaupt nicht schmeckte. Immer wieder tröstete ich mich damit, wenigstens etwas Gutes zu tun aus Liebe zu den Tieren. Meine Seele war die ganze Zeit in Anspannung und im Krisenmodus. Marcus schaute mich nur bemitleidend an, während er eine wohlduftende Pizza verspeiste. Ich redete mir ein, dass ich eben einen stärkeren Charakter habe und Gott deshalb auch mehr von mir erwarten konnte. Doch nach vier Wochen gab ich schließlich frustriert auf, denn ich hatte allmählich das Gefühl zu verhungern. Mein Leben war ohnehin schon hart genug, da wollte ich mich wenigstens wieder normal ernähren dürfen.

Während dieser Zeit entdeckte ich eines Tages nach der Arbeit, dass sich mein Urin rot gefärbt hatte. Ich dachte: Nanu, habe ich etwa Rote Beete gegessen? Dann aber sah ich, dass jedes Mal zunächst nur reines Blut vermischt mit Blutgerinnsel herauskam und dann nur noch Wasser. War das was Ernstes? Ich fragte ChatGPT. Die KI schlug Alarm: „Blut im Urin (Hämaturie) mit Gerinnseln ist kein harmloses Zufallsphänomen .. es deutet darauf hin, dass sich Blut in der Blase gesammelt hat … Mögliche Ursachen: Blutung aus Blase oder Harnwegen, Blasenentzündung, Blasensteine, Harnleitersteine, Prostataentzündung, Tumor… Du musst heute noch zum Arzt … spätestens in den nächsten 1-2 Tagen zum Urologen!“ Sofort machte ich einen Termin bei Dr. Egbert Wehrmann, den ich auch kurzerhand bekam. Doch während ich morgens im Wartezimmer saß, spürte ich plötzlich einen unerträglichen, stechenden Schmerz in der linken Bauchseite. Ich rieb nun unaufhörlich, um den Schmerz zu lindern, aber konnte kaum noch warten. Nach 20 Minuten bat ich am Empfang um Hilfe. Eine MTA-Dame gab mir daraufhin eine Spritze, so dass der Schmerz schon nach wenigen Minuten nachließ. Dann wurde ich aufgerufen. Mit seinen fettigen Haaren und seinem Drei-Tage-Bart sah der Urologe aus wie ein Hippie, der gerade aus dem Bett aufgestanden war. Er war mir auf Anhieb sympathisch: nicht nur duzte er mich die ganze Zeit, sondern er rauchte während der Besprechung die ganze Zeit an einer E-Zigarette. Bei der Ultraschalluntersuchung hatte er bei mir Nierensteine entdeckt, von denen sich einer auf den Weg in den Harnleiter gemacht hatte, wo er steckengeblieben war. Um den Stein von dort zu entfernen, müsse man mir durch eine ambulante OP einen Stent setzen, d.h. ein kleines, röhrenförmiges Geflecht, um den Harnleiter zu weiten. Dies geschah dann auch bald darauf, so dass sich der Stein löste und von ganz allein verschwand.

Doch bei einem weiteren OP-Termin, als mir der Stent wieder entfernt werden sollte, verletzte die Ärztin leider versehentlich ein Blutgefäß. In der Folge sammelte sich immer mehr Blut in meiner Blase, so dass sie nach ein paar Stunden verstopfte und ich kein Wasser mehr lassen konnte. Da ich jedoch am nächsten Tag um 7 Uhr wieder ins Krankenhaus kommen sollte, dachte ich, dass ich es bis dahin noch aushalten würde. Um 9 Uhr abends waren die Schmerzen unerträglich. Marcus bot an, mich ins Krankenhaus zu fahren, aber ich winkte ab: „Da ist um diese Zeit doch keiner mehr.“ – „Dann fahr ich Dich in die Notaufnahme.“ – „Nee, lass mal. Ich schaff das schon bis morgen früh.“ – Ich legte mich auf den Bauch mit einem Kissen drunter und versuchte, mich zu zerstreuen. Aber um 1 Uhr nachts hielt ich es nicht mehr aus und bat Marcus, mich doch ins Krankenhaus zu fahren. Als ich dann endlich an der Reihe war, legte die Bereitschaftsärztin mir sofort einen Katheter, der sich innerhalb einer Sekunde mit über einem Liter Blut und Wasser füllte. Was für eine Erleichterung! Endlich war diese Strapaze vorbei. Dem HErrn sei Dank!


Erneutes Predigtverbot

Ende April hatte ich mit Marcus in Bremen-Nord gearbeitet. Als wir zu Feierabend wegen einer Baustelle auf der B74 über Schwanewede zurückfahren wollten, kam mir die spontane Idee, mal in Blumenthal einen Abstecher zu machen, um zu prüfen, ob Hedi (93), meine geistliche Mutter aus meiner Jugendzeit noch am Leben ist. Nachdem wir in der Angerburgerstr. 46 geklingelt hatten, machte uns eine Polin die Tür auf. Ich fragte sie nach Hedi, und sie ließ uns Freude strahlend eintreten. Im Wohnzimmer sah ich dann voller Herzschlagen die alte Schwester Hedi auf einen Stuhl sitzen. Wir begrüßten uns überschwänglich. Schon seit acht Jahren hatte ich nichts mehr von ihr gehört, weil sie nie ans Telefon ging. Ich dachte, sie sei schon heimgegangen, aber sie war nur schwerhörig. Sie lebte mit einer Haushälterin aus Polen zusammen, die sie pflegte. Wir sprachen über die alten Zeiten, und ich versicherte Hedi, dass sie damals in den 80er Jahren einen unbezahlbaren Dienst an mir erwiesen hatte, indem sie und ihr verstorbener Ehemann Edgard mich aufgenommen und im Glauben erzogen hatten. Ihnen hatte ich es zu verdanken, dass ich jahrelang völlig von der Welt abgeschnitten lebte und regelmäßig dreimal am Tag in der Bibel las, so dass ich sie nach fünf Jahren fast auswendig konnte. Hedi erzählte, dass sie sich so sehr einen Sohn gewünscht hatten, da sie unfruchtbar war, aber dass sie im HErrn nun alle Genüge hätte. Wir beteten gemeinsam und ich segnete sie im Namen des HErrn. Dann verabschiedeten wir uns.

Als wir ein paar Tage später wieder zu Besuch kamen, war auch Hedis Cousine Monika gekommen. Da Monika jedoch sehr misstrauisch war und mich vielleicht für einen Erbschleicher hielt, verbot sie uns, noch einmal zu kommen und begründete dies damit, dass ihre Tante Hedi nach unserem Besuch sehr aufgeregt war vor Freude und das in ihrem Alter nicht gut sei. Hedi selbst wurde nicht gefragt. Sie starb ein Jahr später im Mai 2025, und durfte endlich schauen, was sie über 50 Jahre lang geglaubt hatte.

An einem Sonntag fragte ich nach dem Gottesdienst Bruder Rolf, warum er mich schon seit drei Monaten nicht mehr zum Predigen eingeteilt habe. Lächelnd schaute er zu mir hoch und sagte: „Wir haben jetzt festgestellt, dass Du an die Allversöhnung glaubst, und das gefällt uns nicht.“ – „Aber ich bin doch schon seit einem Jahr hier, und habt Ihr etwa je von mir gehört, dass ich über die Allversöhnung gesagt habe?“ – „Nein. Aber es sind ja auch noch andere Dinge: Wenn Du predigst, dann bringst Du immer so viele Dinge, dass wir gar nicht mitkommen. Du zitierst Bibelverse und wartest gar nicht auf uns, dass wir die mitlesen können. Aber wir sind schon alt und können mit Dir kaum mithalten.“ – „Das verstehe ich. Aber warum habt Ihr mir das nicht einfach gesagt, dann hätte ich mehr Rücksicht auf Euch genommen?“ – „Es sind noch andere Sachen. Zum Beispiel hast Du zuhause bei Dir einen Hauskreis, ohne uns um Erlaubnis zu fragen. Und dann hast Du auch noch den Sascha, die Tatjana und die Ingrid bei Dir aufgenommen, ohne das mit uns zu besprechen…“ – „Aber ich hatte Euch doch von meinem Hauskreis erzählt!“ – „Ja. Aber wir sind eine Gemeinde, und dann teilt man alles mit allen. Du hättest ja auch mal nach vorne kommen können, und der ganzen Gemeinde von Eurem Hauskreis erzählen können. So aber hat es den Anschein für uns gehabt, dass Du nur Gläubige abziehen willst, damit sie Dir folgen. Das war nicht sehr brüderlich!“ – „Da hast Du recht, da bitte ich Euch um Vergebung. Aber Ihr müsst mir glauben, dass ich gar nicht darüber nachgedacht hatte. Hättet Ihr doch nur eher mal was gesagt! – Wollt Ihr mich denn jetzt gar nicht mehr predigen lassen?“ – „Ich weiß nicht. Wenn Du an die Allversöhnung glaubst, dann können wir ja ohnehin nicht eines Geistes sein.“ – Was wollte er damit sagen? Wollte er mir zu verstehen geben, dass ich gar nicht mehr predigen sollte? Es machte für sie scheinbar keinen Unterschied mehr, ob ich noch weiterkäme oder nicht. In diesem Moment wusste ich, dass meine Zeit hier abgelaufen war.

Trotzdem traf ich mich weiter mit Bruder Michael zum Evangelisieren zusammen mit Marcus. Und donnerstags hatten wir unseren Hauskreis, den wir bei gutem Wetter auch oft draußen abhielten. Anfang Mai fuhr ich mit Marcus zusammen nach Kerpen zum jungen Bruder Hannes (29), der erst vor einem Jahr gläubig wurde zusammen mit seiner Mutter. Hannes ist ziemlich intelligent, aber auch sehr sensibel. Als er die Allversöhnung verstanden hatte, meinte er, dass er sie sofort allen Geschwistern aus seiner russlanddeutschen Gemeinde erklären müsse. Er wollte von dieser guten Nachricht nicht länger schweigen. Die Geschwister reagierten verunsichert, wollten den Hannes jedoch nicht bedrängen, da sie von seiner Verletzlichkeit wussten. Da Hannes sehr musikalisch war, übernahm er das Klavierspiel. Und als er sich bald darauf auch noch entschied, im Bibelseminar Bonn Theologie zu studieren, wurde er ihr Prediger. Die Gemeinde liebte ihn so sehr, dass sie sich an der Allversöhnung nicht mehr störten, die er immer mal wieder in seinen Predigten erwähnte. Trotzdem wurde Hannes immer wieder von Depressionen und Zwangsgedanken geplagt. Er vermutete, dass dies noch Altlasten aus seiner früheren Zeit in der Esoterik waren. Die bösen Geister wollten ihn einschüchtern und versuchten ihn durch Zweifel. Umso mehr klammerte sich Hannes an den HErrn Jesus, mit dem er abends ins Bett ging und morgens mit Ihm aufstand.


Bruder Jonas möchte eine Frau sein

An einem Tag wurde ich an Jonas und Karin erinnert (Namen geändert), die ich ja schon einige Male in München besucht hatte, aber von denen ich seit zwei Jahren gar nichts mehr hörte. Der letzte Stand war, dass sich die beiden, die immer auf der Suche nach der wahren Gemeinde waren, überraschend der russisch-orthodoxen Kirche angeschlossen hatten, nachdem sie zuvor bei den Old German Baptists waren. Ich war geschockt, wie Jonas auf einmal von der „Mutter Gottes“ sprach, wo er doch zuvor die Gläubigen kritisiert hatte, dass sie sich nicht mehr an das biblische Gebot der Fußwaschung hielten („…so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen. Denn Ich habe euch ein Beispiel gegeben, auf dass, gleich wie ich euch getan habe, auch ihr tuet“ Joh.13:14-15). Waren die beiden nun radikale Christen oder ging es ihnen nur um Provokation? Als dann der Ukrainekrieg ausbrach, stellte sich Jonas, der ukrainische Vorfahren hatte, voll und ganz hinter die Ukrainer und wünschte die Todesstrafe für die prorussische Journalistin Alina Lipp. Wegen der unterschiedlichen Bewertung des Ukrainekrieges hatten Jonas und ich uns leider zerstritten, haben uns dann aber wieder versöhnt und uns gegenseitig entschuldigt. Darauf erzählte mir Jonas, dass er an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leide, da zwei Personen in ihm leben würden, nämlich zum einen er, der radikale Christ, der vor seiner Bekehrung ein Neonazi war, und dann ein kleines Mädchen namens Alina, die nicht gläubig sei. Er berichtete mir, dass er mit 12 Jahren wie ein Mädchen aussah und schickte mir zum Nachweis ein Foto, auf dem tatsächlich ein zierliches Mädchen mit langen Haaren zu sehen war. Ich fragte ihn, ob dass nicht ein dämonischer Geist sei, der ihm dies vorgaukelte. Jonas erwiderte: „Und selbst wenn: würde das irgendetwas ändern?

Ich rief also Karin an und erkundigte mich in einer Sprachnachricht nach ihrem Wohlergehen. Karin erklärte, dass sie und Jonas sich inzwischen getrennt hätten, da Jonas beschlossen hätte, als eine Frau weiterzuleben. Sie sei mit ihren drei Söhnen ausgezogen und lebe jetzt mit dem besten Freund von Jonas zusammen. Für sie sei diese Entscheidung hochdramatisch und tieftraurig gewesen, zumal Jonas leider auch seinen Glauben an den HErrn Jesus verloren habe. Ich konnte das alles gar nicht fassen und rief Jonas deshalb an. Gleich zu Anfang bat mich Jonas, dass ich ihn bitte nicht mehr mit seinem alten Namen ansprechen möge, da dieses „Deadnaming“ für ihn kränkend sei und neuerdings sogar eine Straftat darstelle nach dem gerade erst verabschiedeten Selbstbestimmungsgesetz vom 21.06.2024. Ich erklärte ihm, dass ich ihn ja nicht diskriminieren wolle und dass doch jeder Mensch ein Recht auf seine eigene Wahrnehmung habe. Andernfalls gebiete es das Gleichheitsprinzip, dass auch ich mich in meiner Selbstbestimmung verletzt fühlen könne, wenn man mich zwinge, einen Mann für eine Frau halten zu müssen, wenn mir dies aus biblischen Gründen verboten sei (vergl. 5.Mo.22:5). Nachdem ich ihm versichert hatte, dass sich an meiner Liebe und Wertschätzung für ihn nichts geändert habe, konnte er meine Wahrnehmung tolerieren und sah sie nicht mehr als Beleidigung.

Dann erzählte mir Jonas, dass er im Grunde von Anfang an „im falschen Körper geboren“ wurde, aber sein Leben lang gegen dieses Empfinden angekämpft habe durch Selbstverleugnung. Um seine Gefühle zu unterdrücken und sich zu tarnen, habe er sich schon als Neonazi mit einer Ausbildung zum Landwirt immer betont männlich gegeben. Als er dann gläubig wurde, habe er bewusst eine Frau geheiratet, sich einer streng konservativen Gemeinde angeschlossen, sich einen Amish-Bart wachsen lassen und sich mit Hosenträgern und einen Strohhut verkleidet. Auch dass er zuletzt sogar als Söldner im Ukrainekrieg mitkämpfen wollte, passt zu dieser Art Tarnung und Selbstverleugnung. Nun aber habe er es endgültig satt und wolle endlich diejenige sein, die er vorgeblich immer schon war. In seiner gewohnten Radikalität und Kompromisslosigkeit wolle er sein Geschlecht auch noch operativ ändern lassen und nehme schon seit Monaten Hormontabletten, durch die er eine Brust bekommen habe. Jonas wollte endlich diesen harten Anpassungsdruck loswerden und jene Identität ausleben dürfen, in der er sich immer gefühlt habe.

Ich war ziemlich irritiert. Was sollte ich davon halten? Einerseits muss es schrecklich sein, wenn man kein Ja zu seinem Körper hat und aufgrund von Rollenerwartungen ständig schauspielern muss, um seinen Identitätskonflikt zu verheimlichen. Andererseits hat Gott den Menschen nur als zwei Geschlechter geschaffen (1.Mo.1:27), und die Bibel schweigt zum Thema Transsexualität. Dieses Schweigen muss aber nicht bedeuten, dass es nicht schon immer „Programmierfehler“ gab, wie z.B. Missgeburten (Hi.3:16, Pred.6:3-5, Ps.58:9). Wir leben ja in einer gefallenen Schöpfung, die seufzt und sich nach Erlösung sehnt. Und wenn es körperliche Geburtsanomalien wie Zwitterwesen oder das Down-Syndrom gibt, warum könnte es nicht auch geistige Fehlentwicklungen geben wie etwa Transsexualität, Homosexualität oder Asexualität (kein sexuelles Empfinden)? Der HErr Jesus spricht z.B. von Menschen, die von Geburt an Eunuchen sind, also nicht in das übliche Schema der vollkommenen Schöpfung passen (Mt.19:12). Und dennoch sind sie von Gott angenommen (Jes.56:3-5). Der HErr leugnet nicht vorgeburtliche Schuld (z.B. der Eltern), stellt aber klar, dass es eine solche Ursache nicht notwendigerweise geben muss (Joh.9:1-3). Niemand kann etwas dafür, wenn er einen Geburtsfehler hat, sei er körperlich oder geistig. Aber ein Christ darf abartige Neigungen wie etwa Pädophilie oder Homosexualität nicht ausleben, sondern ist zur Selbstverleugnung verpflichtet. Deshalb fragte ich Jonas: „Bist Du homosexuell?“ – „Nein,“ sagte er, „ich bin lesbisch. Ich stehe auf Frauen.“ – „Und warum hast Du dann Deine Frau verlassen?“ – „Nein, sie hat mich verlassen.“ – „Ja, weil Du nicht mehr Mann sein wolltest. Aber hast Du auch mal an Deine Kinder gedacht?“ – „Ja, natürlich. Deshalb habe ich mich lange genug selbst verleugnet. Aber irgendwann ist Schluss. Ich kann nicht mein Leben lang in einer Lüge leben. Das wäre auch nicht christlich.

Nun kamen wir auf den Glauben zu sprechen: „Glaubst Du noch an Gott?“ – „Ja, aber es gibt nicht nur einen. Ich habe mich jetzt dem vorchristlichen Heidentum angeschlossen, d.h. ich verehre die Geister meiner Ahnen und die Kräfte der Natur.“ Das schockierte mich. „Dann bist Du aber wirklich abgefallen, was umso schlimmer wiegt, weil Du einmal durch die Erkenntnis der Wahrheit erleuchtet warst und jetzt zurückgefallen bist, indem Du das Geschaffene verehrst, anstatt den Schöpfer.“ – „Das ist Bullshit. Wir erleben die Geisterwelt unmittelbar in Träumen, Ritualen und Heilungen. Der christliche Gott wirkt dagegen oft fern und unsichtbar. Unsere Vorfahren sind nicht lediglich weg, sondern bleiben ein Teil unserer Gemeinschaft.“ – „Das redest Du Dir jetzt alles ein, weil Du eine Alternative gesucht hast. Aber tief im Herzen weißt Du, dass dieses Denken dumm und primitiv ist. Nicht alles Übernatürliche ist automatisch gut. Auch wir Gläubigen ehren unsere Vorfahren durch Erinnerung und Dankbarkeit, aber Gott hat uns den Kontakt zu Geistern und Toten klar verboten. Nur der HErr Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Der Teufel hat Dich getäuscht und verblendet, weil Du zu wenig Verständnis für Dein Anderssein erfahren hast. Aber Du hast schon so oft Deinen Standpunkt geändert, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass Du Dir wieder eine neue Identität suchst. Aber endgültigen Frieden findest Du nur in Gott.“ Zuletzt sagte Jonas zu mir: „Ich muss jetzt schlussmachen, denn ich fahre gleich mit meinen Freundinnen in die Stadt, um zu shoppen und uns schicken Fummel anzuschauen…“ Er wollte mich nur mal wieder provozieren.


Warnung vor Firma Poppe

Im Sommer 2022 hatte mich mein langjähriger Mitarbeiter Fadi Shoushari (42) gebeten, ob ich seinen Neffen Firas Shoushari (18) als Lehrling einstellen könnte, da er sich Sorgen mache, dass dieser „sonst auf die schiefe Bahn komme“. Tatsächlich war er das bereits, denn er war der gefährlichen Körperverletzung angeklagt, weil er mit einer Gruppe zusammen einen anderen zusammengeschlagen und ihm am Boden liegend auch noch Tritte gegen den Kopf gegeben habe. Firas war vorbestraft und bereits im Gefängnis gewesen. Von migrantischer Gewalt hörte man in dieser Zeit inzwischen immer wieder in den Medien: Am 31.05.24 hatte ein Migrant den Islamkritiker Michael Stürzenberger in Mannheim mit einem Messer schwer verletzt und einen Polizisten sogar umgebracht, um dadurch Allah zu ehren. Und am 23.10.24 hatte ein Migrant in Solingen drei Personen die Kehle durchgeschnitten, weil sie Ungläubige waren. Und später sollte es am 20.12.24 zu einer der verheerendsten Amokfahrten kommen, bei der ein arabischer Fanatiker 300 Menschen auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg überfuhr und dadurch sechs Menschen tötete. Die mit der illegalen Einwanderung verbundene Überforderung, Untätigkeit und Unfähigkeit der Ampelkoalition sollte schon bald darauf zu ihrem Ende und zu Neuwahlen führen.

Ich wollte dem Firas eine Chance geben und nahm ihn als Auszubildenden. Doch schon bald sollte sich herausstellen, dass Firas diese Chance nicht nutzte, sondern ständig schwänzte oder wegen Alkoholmissbrauch monatelang in Therapie war. Zudem war er faul, kam oft verspätet und übermüdet, sodass ich ihn im Sommer 2024 wieder kündigen wollte. Er flehte mich an, ihm doch nochmal eine letzte Chance zu geben, weil er sonst „gar keinen Halt mehr im Leben“ habe. Dass er so oft in der Berufsschule geschwänzt habe, läge an der rassistischen Lehrerin, die ihn und alle Migranten wie den letzten Dreck behandeln würde. Schon zu Beginn der Ausbildung habe sie ihn vor der ganzen Klasse bloßgestellt mit den Worten: „Der ist ja von Firma Poppe, das ist ja typisch, denn dessen Azubis kommen ja alle aus dem sozialen Brennpunkt.“ Aufgrund seiner Frechheiten habe sie ihm „eiskalt ins Gesicht gesagt, dass sie dafür sorgen würde, dass er rausfliegen würde“. Um der Barmherzigkeit willen habe ich ihn dann noch drei Monate weiterbeschäftigt; aber es hatte keinen Sinn, da er sein Verhalten nicht änderte.

Im Sommer 2024 nahm ich dann einen weiteren Migranten als Lehrling auf, damit er nicht abgeschoben werde, und zwar Ahmed Toffehi aus Tunesien. Doch schon wieder fing seine Klassenlehrerin Frau Graf an, vor der ganzen Klasse schlecht über mich zu reden, was auch mein anderer Lehrling Robin Elsner bestätigte. Sie empfahl Ahmed dringend, sich eine andere Firma zu suchen, da er angeblich in meiner Firma nichts lernen würde. Daraufhin bat ich um ein Gespräch mit Frau Graf, weil ich sie fragen wollte, warum sie solch eine schlechte Meinung von mir habe und diese auch noch verbreite. Da sie schon ahnte, um was es mir ginge, schrieb sie eine überfreundliche E-Mail, in der sie sich als fürsorglich und engagiert gab, indem sie Ahmed lediglich empfohlen habe, das erste Lehrjahr zu wiederholen aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse. Am Ende sollte sich herausstellen, dass Ahmed in der Zwischenprüfung einer der Besten in der Klasse wurde, zumindest im praktischen Teil. Aufgrund der guten Erfahrungen mit ihm, stellte ich ein Jahr später auch seinen Zwillingsbruder Mohammed Toffehi als Lehrling ein.

Marcus hatte kein Verständnis, dass ich ständig Muslime mit schlechten Sprachkenntnissen als Lehrlinge nahm: „Simon, Du wählst die AfD, weil Du gegen die illegale Einwanderung bist; aber trotzdem stellst Du diese illegalen Ausländer ein, wodurch sie der drohenden Abschiebung entgehen. Das passt doch nicht zusammen. Du widersprichst Dir doch und bist inkonsequent!“ – „Nein, das scheint nur so.“ – erwiderte ich. „Denn zum einen habe ich gar nichts gegen jene Migranten, die arbeiten wollen und sich anständig benehmen. Und zum anderen führe ich mit Ahmed ständig evangelistische Gespräche über den Glauben. Ahmed ist ein sehr frommer Muslim, der grundanständig ist und sehr fleißig. Wie sollte er denn sonst das Evangelium hören, wenn wir es ihm nicht erklären und vorleben. Deshalb glaube ich, dass Gott ganz bewusst Ahmed zu mir geführt hat, weil Gott seine Aufrichtigkeit gesehen hat. Viele Muslime aber kommen nur deshalb nach Deutschland, um das Bürgergeld und eine kostenlose Wohnung zu bekommen. Manche von ihnen arbeiten schwarz, dealen mit Drogen oder verüben islamistische Anschläge. Sie verhöhnen den deutschen Staat, wollen hier ein Kalifat errichten und beteiligen sich an Massenvergewaltigungen. Solche Ausländer brauchen wir hier wirklich nicht in Deutschland. Deswegen wähle ich die AfD.“

 

 

– „Lebenszeugniss von Knechten Jesu Christi“ Teil 15

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 42:

Matthias Claudius (1740-1815) 

Matthias Claudius wurde in einem Pfarrhaus als viertes Kind des Pastors Matthias Claudius in Reinfeld (Holstein) geboren. Zu seinem Vater behielt Matthias Claudius bis zuletzt ein herzliches und dankbares Verhältnis. Er führte sein Leben in einer politisch unruhigen Zeit. Er erlebte zwei schlesische Kriege (1740-1745), den Siebenjährigen Krieg (1756-1763), die Französische Revolution (1789-1799) und den Untergang des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (1806). 1751, als er elf Jahre alt war, starben nacheinander drei seiner Geschwister durch eine Seuche. Früh begegnete Matthias Claudius also dem Tod, den er „Freund Hain“ nannte und dem er sogar seine Bücher widmete. Das Familienleben im Pfarrhaus war fröhlich, fromm und fest geregelt. Sein Vater war ein ehrenhafter, bibelgläubiger und humorvoller Mensch, der seinen Sohn bis zur Konfirmation zu Hause unterrichte. Als er fünfzehn Jahre alt wurde, besuchte er mit seinem nur ein Jahr älteren Bruder Josias die Lateinschule in Plön.

Im April 1759 immatrikulierte er sich, wieder gemeinsam mit Josias, an der Universität Jena zum Studium der Theologie. Doch schon bald fühlte sich Claudius hier fehl am Platz. Für das Studium war er zu fromm und zu sendsibel. Der kühle und öde Rationalismus der meisten Theologen stieß ihn ab. Auch das bierselige und freizügige Leben der Mitstudenten machte ihm zu schaffen. Das führte schon bald zu einem psychosomatischen Brustleiden, das ihn daran hinderte zu predigen. Daraufhin wechselte er den Studiengang von Theologie zu Jura. Hier konnte er einfach lernen, ohne sich ständig existentiell mit den Studieninhalten auseinandersetzen zu müssen.

In Jena wurde er Mitglied der Teutschen Gesellschaft, die über literarische und philosophische Themen debattierte. Hier lernte er den Dramatiker und Lyriker Heinrich W. von Gerstenberg kennen. Matthias Claudius wagte es nun, kleine Erzählungen und Lieder zu schreiben. Er erkrankte an den Pocken oder Blattern, gesundete jedoch; sein Bruder Josias, der ihn versorgt und gepflegt hatte, starb 1760 an Pocken. Die erste von Matthias Claudius veröffentlichte Schrift war die Traueransprache, die er im Alter von 20 Jahren in Jena für Josias hielt. 1763 verließ Claudius die Universität nach einem erfolgreich bestandenem JuraExamen. 1764/1765 reiste Claudius als Sekretär von Graf Ulrich Adolph von Holstein nach Kopenhagen und lernte dort Friedrich Gottlieb Klopstock kennen, dem damals schon bekannten Dichter der Geistlichen Lieder und des Messias, zu dem er eine enge Freundschaft pflegte. Kopenhagen war damals ein Zentrum der deutschen Kultur, weshalb sich Dichter und Musiker dort trafen, in dieser Gesellschaft Matthias Claudius verkehrte. Nach einem Jahr kehrte er wieder zurück nach Reinfeld, wo er die Zeit mit Träumen, Musizieren und Wandern verbrachte.

Nach drei Jahren drängte ihn sein Vater, wieder beruflich tätig zu werden. So übernahm er in Hamburg von 1768 bis 1770 die Redaktion der Hamburgischen-Adreß-ComtoirNachrichten und kam so in Kontakt mit dem frommen Dichter Johann Gottfried Herder und dem Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing. Seine Aufgabe bestand vor allem im Sammeln von Börsenberichten und im Verfassen von Meldungen über ankommende Schiffe. Im Januar 1771 zog Matthias Claudius nach Wandsbek und wurde dort Redakteur der Tages-Zeitung Der Wandsbecker Bothe, die viermal pro Woche erschien. Die Zeitung hatte vier Druckseiten. Drei waren dem politischen Geschehen in Europa gewidmet, eine enthielt „gelehrte Sachen“. Claudius gestaltete den „gelehrten“ Teil auf ganz eigene Art, beispielsweise durch Gedichte. Zwar wurde die Zeitung unter ihm in ganz Deutschland bekannt, sie erlangte jedoch keinen finanziellen Erfolg, weshalb sie nur bis 1775 erschien.

Im damals noch dänischen Dorf Wandsbek heiratete Claudius 1772 die damals 17-jährige Anna Rebekka Behn, Tochter eines Zimmermanns. In sein Tagebuch schrieb er am Hochzeitstag: „Nun habe ich meine drei H: Hof, Heimat, Hausfrau, und wenn das vierte H, der Herr, dabei ist und bleibt, so kann man restlos glücklich sein.“ In den folgenden 22 Jahren bekam das Paar zwölf Kinder, von denen zwei starben. Rebekka ergänzte ihren Mann hervorragend. Freundlich, aber resolut führte sie den Haushalt. Gespräche mit Gästen fielen ihr nicht schwer. Sie wird als „schön von Angesicht“ klug interessiert, treu, fromm, fröhlich und liebenswürdig beschrieben. Mit den Jahren lernte sie Cello spielen und sich stilsicher schriftlich auszudrücken. Die Ehe zwischen Claudius und seiner Frau galt als eine der glücklichsten Künstlerehen jener Zeit, und er war Gott sehr dankbar für dieses Geschenk. Seine Einstellung zum Glauben und zum Leben wird besonders deutlich in seinem Brief „an meinen Sohn Johannes“ von 1799.

1774 wurde Matthias Claudius in die Hamburger Freimaurerloge Zu den drei Rosen aufgenommen. Ab 1777 war er drei Jahre lang Redner der Andreasloge Fidelis, die ihn dann aber stillschweigend entließ. Obwohl die Zeitung nicht mehr erschien, publizierte Claudius weiterhin unter dem Namen Der Wandsbecker Bothe. In seinen Gedichten und Überlegungen überwogen diesmal geistliche Themen. Dabei trat seine ablehnende Haltung gegenüber der Aufklärung immer stärker hervor. 1783 schloss er sich dem Emkendorfer Kreis an, einer Art Literarischem Salon, in welchem christlich erweckte Dichter und Denker sich auf Gut Emkendorf trafen, um sich miteinander auszutauschen über Alternativen zur rationalistischen Aufklärung. Dieser Kreis wurde zu einem wichtigen Ausgangspunkt der Hamburger Erweckungsbewegung.

Claudius’ finanzielle Lage war stets prekär, bis er ab 1785 einen Ehrensold des dänischen Kronprinzen Friedrich erhielt; diesen hatten die literarischen Qualitäten von Claudius überzeugt. Friedrich verschaffte ihm 1788 auch ein Revisorenamt bei der Schleswig-Holsteinischen Speciesbank im damals zum dänischen Gesamtstaat gehörenden Altona, das ihm ohne größere Einschränkung seiner literarischen Arbeit ein Auskommen sicherte, denn er musste lediglich viermal im Jahr zur Prüfung der Quartalsabschlüsse in Altona erscheinen. Mit den sich stabilisierenden Einnahmen war Claudius schließlich sogar in der Lage, ein eigenes Haus mit Gemüsegarten zu erwerben.

Neben der überschaubaren beruflichen Tätigkeit blieb Claudius viel Zeit für die Dichtung und die Erziehung seiner Kinder, Aufgrund seines großen Engagements in dieser Hinsicht bezeichneten manche Zeitgenossen ihn als „Hausvater von Beruf“. Seine Kinder unterrichtete Claudius vor allem in den alten Sprachen, in Geschichte und Geographie. Auch neue Sprachen, Philosophie und Astronomie wurden behandelt. Außerdem las Claudius mit seinen Kindern wichtige literarische Neuerscheinungen und diskutierte anschließend mit ihnen darüber. Die Töchter sollten der Mutter im Haushalt helfen, die Söhne hatten ihre Verpflichtungen im Handwerklichen Bereich. Claudius ging es weniger darum, seinen Kindern so viel Wissen wie möglich zu vermitteln. Vielmehr wollte er ihnen Freude beim Lernen und Lust zum Selbststudium vermitteln. Ein besonderes Anliegen war es Claudius, seinen Kindern die Ehrfurcht vor Gott und die Liebe zu Jesus Christus ans Herz zu legen.

Zur institutionalisierten Kirche hatte Claudius ein eher distanziertes Verhältnis. Er fühlte sich als Teil der Gemeinschaft der Heiligen, der weltweiten Kirche Jesu Christi und suchte geistlichen Austausch eher im kleinen Kreis enger Freunde. Trotzdem nahm Claudius am Leben seiner örtlichen Gemeinde rege teil, dichtete und komponierte zahlreiche Motetten und Choräle, die er mit seiner Familie zur Aufführung brachte. Auch dichtete er Lieder zum Kirchjahr wie Das Grab ist leer für die Osterfeier und Der Herr, der einst auf Erden war für Epiphanias. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch war für die Familie Claudius eine Selbstverständlichkeit. Obwohl er sich lebenslang als Lutheraner verstand, hielt er auch Kontakt zu gläubigen Katholiken, mit denen er sich geistlich verbunden wusste.

Zweifellos wurde Claudius von der Aufklärung geprägt. Ganz auf die menschliche Vernunft setzend kämpfte man damals gegen intellektuelle Vorurteile, Heuchelei, Dummheit, Fanatismus und religiöse Bevormundung. Die Ideale der Zeit waren Menschlichkeit, Toleranz und Wissenschaft. Ideen von Demokratie und Menschenrechten entwickelten sich. Diese Gedanken finden sich auch bei Claudius. Korrigierend wies er allerdings auch immer wieder auf die Grenzen des Verstandes und die Notwendigkeit Gottes hin, trotz oder gerade wegen allen wissenschaftlichen und politischen Fortschritts. Von den Kleidermoden seiner Zeit hielt er nur wenig. So weigerte er sich hartnäckig, mit Degen und Perücke aufzutreten. Gegen den Trend setzte sich Claudius zeitlebens für den Frieden und den Schmutz der Unterdrückten ein. Mitten im deutschen Siegestaumel am Ende der Befreiungskriege gegen Frankreich (1813-1815) rief Claudius zu Nüchternheit und Mäßigung auf. Auch die Feinde sollten als von Gott geliebte Menschen wahrgenommen werden. Offen kritisierte er die europäischen Kolonialkriege Frankreichs und Englands zur Beherrschung Amerikas, Afrikas und Asien. Lange vor Onkel Toms Hütte (1852) plädierte er für die Beendigung der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten.

Die in der Renaissance begonnene Entchristlichung der abendländischen Kultur setzte sich mit der Aufklärung weiter fort. Die Dogmen der Kirche und die Aussagen der Bibel sollten nun mit philosophischer Vernunft beurteilt und bewertet werden. Die modernen Theologen dieser Zeit hielten Wunder, Sünde, Kreuzestod und Jenseits für überholt und unvernünftig. Diesen alten Glauben wollten sie überwinden und eine ethische Vernunftreligion an dessen Stelle setzen. Jesus sei demnach nicht wirklich auferstanden, vielmehr sei Er ein vorbildlicher Tugendlehrer gewesen, der an einer Verbesserung der Menschheit gearbeitet habe. Claudius stand eher den frommen Pietisten nahe, die den wahren Glauben mit einem überzeugenden Leben und einer Achtung des Verstandes verbinden wollten. Claudius schätzte Wissenschaft und Philosophie, sah sie jedoch auf einer ganz anderen Ebene als den Glauben.

Man muss nicht den Glauben vernünftig, sondern die Vernunft gläubig machen“, war Claudius´ Forderung. Immer klarer erschienen ihm im Laufe der Jahre die engen Grenzen, die der menschlichen Erkenntnis gesetzt sind. Deutlich warnte er vor den negativen Konsequenzen, wenn diese Grenzen übersehen und überschritten würden. Die Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung hinter allem menschlichen Wissen formulierte er folgendermaßen: „Etwas Festes braucht der Mensch, das ihm als Anker dient, etwas, das nicht von ihm anhängt, sondern von dem er abhängt.“ Wie kaum ein Dichter seiner Zeit konnte Claudius diese Gedanken auch für einfache Menschen in eindrückliche Gedichte und Lieder sprach. Claudius sprach dem Versuch, Gott und Jenseits allein mit der Vernunft erklären zu wollen, wenig Aussicht auf Erfolg zu: „Wir Menschen gehen doch wie im Dunkeln … und können uns nicht helfen. Auch ist das Gefühl eigener Hilflosigkeit zu allen Zeiten Wahrzeichen großer Menschen gewesen.“ Er war fest davon überzeugt, dass der Mensch nur durch den Glauben Gott erkennen und nur durch das Wirken des Heiligen Geistes positive Veränderung seines Lebens erfahren kann. Allein durch den Tod Jesu könne Schuld vergeben und der Friede mit Gott wiederhergestellt werden. Jesus „gibt die neue Lebenskraft“, die uns befreit und „göttliches Leben schenkt“.

Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; 

Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar …

Seht ihr den Mond dort stehen? – er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund uns schön!

So sind doch manche Sachen, die wir getrost belachen, Weil unsere Auen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder, Und wissen gar nicht viel;

Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.“

Seinem Sohn Johannes schrieb Claudius 1802: „Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzt, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab auf den man sich verließ, brechen sehen … Wenn dich jemand Weisheit lehren will, schau in sein Angesicht. Hält er sich für wichtig, und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, lass ihn und kümmere dich nicht weiter um ihn. Was einer nicht hat, das kann er nicht geben … Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht hat, ist wie die Sonne, die da scheint und wärmt, wenn sie auch nicht redet …“

Infolge der Kriegsereignisse um Hamburg (Franzosenzeit) floh Claudius 1813 nach Kiel. Seine letzten Lebensmonate verbrachte der inzwischen Schwerkranke im Hause seines Schwiegersohns, wo er 1815 im Alter von 75 Jahren starb.

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 43:

Gerhard Tersteegen (1697-1769)

Gerhard Tersteegen stammte aus einem frommen Elternhaus. Sein Vater starb bereits 1703, als er sechs Jahre alt war. Man brachte ihn auf eine Lateinschule, wo er auch Griechisch und Hebräisch lernte. Da seine Mutter arm war, konnte sie sich für ihn kein Theologiestudium leisten, so dass er zunächst eine Kaufmannslehre machte. Als 16-Jähriger hatte er an einem Tag starke Koliken, dass er dachte, sterben zu müssen. Da erinnerte er sich an Ps.50:15 „Rufe mich an am Tage der Bedrängnis, so will ich dich erretten und du sollst Mich preisen“. Daraufhin betete er, und augenblicklich war er von seinen Schmerzen befreit. Von da an beschloss er, dass er von nun an sein ganzes Leben dem HErrn weihen wolle und ständig im Gebet bleiben wolle.

1717 gründete er ein eigenes Geschäft, dass er jedoch schon bald wieder aufgab, da es ihm „vom Wachsen in der Gnade abhielt“. Er suchte sich ein stilleres Gewerbe und wurde Weber. Er lebte zwar in kärglicher Armut und Einsamkeit, hatte aber in dem HErrn eine beständige Quelle geistlicher Kraft. Alles was er nicht irgendwie zum Leben brauchte, gab er an Arme und Bedürftige weiter, weshalb er von seinen leiblichen Geschwistern verachtet wurde. Als seine Mutter starb und das Erbe ausgezahlt werden sollte, da haben die Geschwister gesagt: „Ach, der gibt ja sowieso immer alles weg, dann kriegt er halt gar nichts!“

Schon als junger Mann spürte Tersteegen ein beständiges Drängen in seiner Seele nach der Gottseligkeit. Er suchte nach einem Glauben, der nicht nur die Lippen, sondern das Herz ergriff und der nicht im Äußeren, sondern im Inneren wurzelt durch das Gebet. Diese Suche sollte schließlich den gesamten Lauf seines Lebens bestimmen. Eine der wichtigsten Glaubensentscheidungen Tersteegens ereignete sich in einer Zeit, in der er sich von den kirchlichen Formen seiner Umgebung zunehmend abgestoßen fühlte. Er empfand vieles als äußerlich, mühsam und ohne die Lebendigkeit, die er in den Evangelien las. Er rang mit sich selbst, betete, las die Schrift, und doch schien der Durchbruch zu fehlen. In dieser Phase traf ihn ein Satz aus einem geistlichen Buch wie ein Schlag: dass ein Mensch erst dann zum wahren Frieden findet, wenn er sich vollständig Gott überlässt – ohne Sicherheiten, ohne Vorbehalte, ohne Angst. Dieses Wort fiel in sein Herz wie ein Same. Tersteegen spürte, dass er sich noch immer an seine eigenen Pläne und Vorstellungen klammerte. So fasste er den Entschluss, sein Leben radikal zu vereinfachen und es Gott uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Gott löste ihn von mancher Bindung und ließ ihn frei werden für ein Leben, das fortan von Stille, Gebet und Dienst geprägt sein sollte.

Tersteegen lebte viele Jahre in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Er wählte bewusst ein einfaches Handwerk, das ihm die Möglichkeit bot, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen und gleichzeitig viel Zeit für Gebet und geistliche Betrachtung zu haben. 1728 gab er das Weben ganz auf und lebte von Gaben zu seinem Lebensunterhalt und für seine Mildtätigkeit. So wurde er Laienprediger und der einzige Mystiker des reformierten Pietismus, indem er unter anderem Schriften katholischer Mystiker, wie Teresa von Ávila, übersetzte. Er predigte auch am ganzen Niederrhein und in Holland.

Er pflegte die Gewohnheit, mit kurzen Gebeten bei jeder Tätigkeit innezuhalten – ein geistlicher Rhythmus, der sein Herz immer wieder neu auf Christus ausrichtete. Besucher waren oft überrascht, wie friedvoll und ungestört er mitten in handwerklicher Tätigkeit wirken konnte. Während Hände und Werkzeug sich bewegten, schien sein Inneres beständig in der Gegenwart Gottes zu ruhen, in der stillen Verbundenheit mit dem göttlichen Willen. Trotzdem (oder gerade deshalb) wurde Tersteegen sehr von Krankheit geplagt. Er litt oft unter Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Magenkoliken, dazu noch Gicht und Hautausschlägen. Er wohnte bei Leuten zur Miete, die gar nicht merkten, dass er krank war. Manchmal lag er 10 bis 12 Wochen krank in seinem Bett, ohne dass irgendjemand nach ihm sah. Einmal hatte er hohes Fieber und Durst, so dass er eine Magd bat, ihm einen Krug Wasser zu bringen. Diese aber vergaß es zunächst, so dass er den ganzen Tag mit starkem Durst im Bett lag und mit Glaubenszweifeln rang.

Doch gerade in diesen schweren Phasen erlebte er dann die Nähe Gottes, indem er Gespräche mit Ihm führte und der HErr ihm neue Kraft gab. Er sah, dass das Leid ihm half, im Glauben zu wachsen. Deshalb schrieb er einen Brief an Gott mit seinem eigenen Blut, in welchem er versprach, von nun an sich ganz dem Willen Gottes zu unterstellen.  Von da an änderte sich sein Leben, er wurde wieder völlig gesund und trat heraus aus seiner Zurückgezogenheit. Er bekam auf einmal immer häufiger Besuch von Gläubigen, die bei ihm Hilfe suchten. Sein Rat war sanft, aber klar und tief. Viele suchten ihn auf, weil sie spürten, dass sein Leben eine innere Echtheit ausstrahlte, die man nicht künstlich erzeugen kann. Tersteegens Schriften und Lieder wurden später weit verbreitet. Doch auch sie entsprangen nicht dem Wunsch nach Ruhm, sondern aus dem Bedürfnis, anderen geistliche Nahrung zu geben. Seine Worte zielten nicht auf äußere Belehrung, sondern auf innere Erweckung. Sein Büchlein Geistliches Blumen-Gärtlein Inniger Seelen von 1729 enthält Kirchenlieder, die heute jeder kennt, z.B.: Gott ist gegenwärtig“ „Ich bete an die Macht der Liebe“ (ein Lied, das sogar bis heute beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr vorgetragen wird).

Gerhard Tersteegen übte einen bedeutenden Einfluss auf den radikalen Pietismus aus. Seine Werke, vor allem das Predigtbuch „Geistliche Brosamen, Von des Herrn Tisch gefallen, von guten Freunden aufgelesen und hungrigen Herzen mitgeteilt“, wurden in diesen Kreisen viel gelesen. Da Tersteegen unverheiratet blieb, deckte sich sein Ideal der sexuellen Askese mit dem der Radikalpietisten. Er wandte sich aber gegen die Abkehr von der Staatskirche, trotz aller Versuche der Herrnhuter Brüdergemeine, ihn für sich zu gewinnen. Für ihn bestand wahre Frömmigkeit nicht in großen Gefühlen oder beeindruckenden Leistungen, sondern in der stillen Bereitschaft, den eigenen Willen zugunsten des göttlichen Wirkens loszulassen. Seine Briefe enthielten oft Zuspruch für Menschen, die unter Zweifeln, Anfechtungen oder Niedergeschlagenheit litten. Er versuchte ihnen beizubringen, dass der Weg zu Gott nicht durch Stärke, sondern durch Demut führt; nicht durch Aktivität, sondern durch Vertrauen.

Einmal bekam Tersteegen Besuch von einem Bruder, der in einer besonders schwierigen, geistlichen Lage war. Dieser erwartete kraftvolle Worte, vielleicht einen ergreifenden Vortrag oder eine eindringliche Mahnung. Stattdessen führte Tersteegen ihn in seine kleine Gebetsstube, setzte sich neben ihn und schwieg längere Zeit. Erst nach einigen Minuten sprach er ein schlichtes Gebet, das direkt aus dem Herzen kam. Der Besucher berichtete später, dass dieses stille Zusammensein mehr Wirkung auf ihn hatte als tausend Worte. Eine andere Begebenheit erzählt, wie Tersteegen ein geistlich bedrücktes Gemeindemitglied besuchte, dessen Verzweiflung so groß war, dass alle Ermutigungen anderer gescheitert waren. Tersteegen blieb mehrere Stunden bei ihm, sang leise ein geistliches Lied und betete. Die Atmosphäre im Raum soll sich vollständig verändert haben. Der bedrückte Mann fand neuen Mut – nicht aufgrund theologischer Argumente, sondern wegen der spürbaren Gegenwart Gottes, die Tersteegen mitbrachte. Solche Geschichten zeigen, dass sein Wirken weniger in äußerer Lehre lag als in einer Ausstrahlung, die aus der beständigen Gottesgemeinschaft geboren war.

Viele Menschen seiner Zeit waren geistlich am Verhungern, da von den protestantischen Pastoren kaum noch frommes Leben vermittelt wurde. Als immer mehr Leute zu ihm kamen, gab er regelmäßig Bibelstunden bei sich in der Stube. Es entstand die sog. Mühlheimer Erweckung. Viele fingen an, ihr Leben von Gott erneuern zu lassen und gingen bei Tersteegen in die Seelsorge. Dies führte zu einem starken Widerstand der Geistlichen, weil sie auf einmal alleine standen in der Kirche und alle zum Tersteegen gingen. Daraufhin wurde ihm das Predigen verboten und der Vermieter unter Druck gesetzt, dass ihm die Wohnung 1745 gekündigt wurde. Doch Tersteegen hatte Gönner, die ihm ermöglichten, in einem kleinen Haus zu wohnen.

Von nun an passierte es, dass er morgens beim Aufstehen schon 50 – 60 Leute in seiner Wohnung vorfand, die ihn predigen hören wollten – so groß war der Hunger nach Gottes Wort! Zeitweise kamen bis zu 600 Leute von weit her, so dass die Obrigkeit dies kritisch beäugt hatte und Kontrolleure sandte, ob er ein Sektierer sei. Es gab Gläubige, die in seinen Gottesdiensten alles Wort für Wort mitschrieben, um es dann drucken zu lassen. Denn er benutzte keine typisch auswendig gelernten Phrasen, sondern war wirklich vom Heiligen Geist geleitet, so dass die Menschen geistlich erbaut und erweckt wurden. Seine Schriften fanden Verbreitung bis nach Holland, und er unternahm auch Missionsreisen ins Bergische Land und predigte im Neandertal vor vielen hundert Menschen. Neben der Seelsorge stellte er auch Heilmittel her, die er unentgeltlich gab für die Kranken. Als ihm dies 1723 verboten wurde, wies er nach, dass er profunde medizinische Kenntnisse hatte und seine Mittel wirklich wirkten.

In seinen seelsorgerlichen Gesprächen ging es ihm nicht darum, Regeln aufzustellen oder die Gläubigen an sich zu binden, sondern sie in Gottes Nähe zu bringen, damit sie sich künftig nur noch von Gott leiten ließen. Sie sollten nicht stehen bleiben nach der Bekehrung, sondern sich täglich neu auf die Führung des Heiligen Geistes einlassen. Seine Anteilnahme an den Nöten anderer veranlasste ihn immer wieder zum Rückzug in die Stille, denn der Umgang mit Menschen kostete ihm jedes Mal viel Kraft. Manchmal ging er den ganzen Tag nur im Wald spazieren, um sich mit Gott zu unterhalten und neue Kraft zu schöpfen. Besonders gut kommt seine innere Haltung zum Ausdruck durch jene Strophe: „Wie die zarten Blumen, willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh, Deine Strahlen fassen und Dich wirken lassen.“

Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war er wieder von vielen Krankheiten, sowie von Schlaflosigkeit und Magenschmerzen. Körperlich wurde er immer schwächer, doch sein geistliches Licht brannte umso stärker. Besucher berichteten, dass sie von seiner friedvollen Art tief berührt waren. Tersteegen selbst betrachtete Schmerzen und Krankheit nicht als Zufall, sondern als Mittel der Verfeinerung, als Gelegenheit zur noch tieferen Hingabe. Seine Worte aus dieser Zeit spiegeln eine innere Reife wider, die viele später als „heilige Gelassenheit“ beschrieben haben. Sie war nicht Gleichgültigkeit, sondern das Ergebnis eines Lebens, das sich immer wieder neu in Gottes Hände gelegt hatte. Sein Beispiel zeigt, dass Gott oft diejenigen gebraucht, die bereit sind, sich im Stillen formen zu lassen. Am 03.April 1769 starb er schließlich im Alter von 72 Jahren. Sein Freund Jung-Stilling, ein Wissenschaftler und Schriftsteller, sagte bei der Grabrede, dass es wohl seit der Apostelzeit niemanden wie ihn gegeben hätte, der so viele wahre Christen hervorgebracht hatte.

Majestätisch Wesen, möcht ich recht dich preisen
und im Geist dir Dienst erweisen.
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen
und dich gegenwärtig sehen.
Lass mich dir für und für trachten zu gefallen,
liebster Gott, in allem.

Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte,
HErr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so still und froh deine Strahlen fassen
und dich wirken lassen
.“ (aus „Gott ist gegenwärtig“)

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 44:

William Carey (1761-1834)

William Carey gilt mit Recht als Vater der protestantischen Mission. Doch diese oft zitierte Bezeichnung greift zu kurz, wenn sie nur seine organisatorischen Leistungen würdigt. Careys eigentliche Größe lag nicht in seiner Gelehrsamkeit oder Produktivität, sondern in seinem tief verwurzelten biblischen Glauben, seiner Demut, seiner Leidensbereitschaft und seiner unerschütterlichen Hoffnung auf Gottes Wirken – auch gegen alle sichtbaren Umstände.

William Carey wurde 1761 im englischen Dorf Paulerspury in Northamptonshire geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf: Sein Vater war Weber und später Dorfschullehrer. Carey erhielt keine akademische Ausbildung im eigentlichen Sinne. Dennoch entwickelte er früh eine ungewöhnliche Lernbegierde. Er beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Büchern und liebte intellektuelle Herausforderungen. Mit zwölf Jahren verließ er die Schule und lernte bei einem Onkel den Gärtnerberuf. Wegen einer Allergie, machte er eine Umschulung zum Schuhmacher. Nebenbei ging er seinem Hobby nach: der wissenschaftlichen Beobachtung von Vögeln, Insekten und seltenen Pflanzen. Als junger Schuster hängte er beim Arbeiten Landkarten über seiner Werkbank auf, um sich über ferne Länder zu informieren. Während andere seine Tagträume belächelten, begann in ihm etwas zu wachsen, das später sein ganzes Leben prägen sollte: die Überzeugung, dass Gottes Verheißungen allen Völkern gelten (Gen.12:3, Mt.28:19).

Ein älterer Lehrling warb Carey für den christlichen Glauben. Mit 18 erlebte er eine einschneidende Bekehrung und schloss sich dann einer baptistischen Erweckungskirche an. Carey wurde tief geprägt von der Heiligen Schrift. Sein Glaube war von Anfang an praktisch, nicht spekulativ: Bibellesen, Gebet und Gehorsam. Ein Zeitgenosse beschrieb ihn später treffend: „Er war kein Mann großer Worte, sondern großer Treue.“ Als ihm auf der Arbeit ein theologischer Kommentar zu Neuen Testament in die Hände fiel, reizten ihn die darin enthaltenen griechischen Begriffe dazu, selber diese Sprache zu erlernen. Allein mit einer Grammatik und einem Wörterbuch brachte sich Carey Griechisch bei. Es sollte nicht die letzte Fremdsprache sein.

Mit 19 heiratete Carey die fünf Jahre ältere Dorothy. Zwei Jahre später wurde ihr erstes Kind geboren, das jedoch schon bald darauf an einem gefährlichen Fieber starb. Als bald darauf auch sein Chef starb, versuchte Carey, das Geschäft weiterzuführen, um nicht nur für seine eigene Familie, sondern auch die Witwe des Inhabers mit ihren vier Kindern zu sorgen. Zu jener Zeit wurde er zunehmend zum Predigen in Bibelstunden in Privathäusern eingeladen. Hier entdeckte er seine eigentliche Berufung. Besonders lagen ihm die Menschen am Herzen, die noch nie etwas vom Evangelium gehört hatten nicht nur in England, sondern auch weltweit. Nachdem er erkannte, dass die ersten Gemeinden keine unmündigen Kinder tauften, ließ er sich mit 23 Jahren von Baptisten in einem Fluss taufen.

Durch eine Predigt 1792 über Jes.54:2–3 wurde sein neues Lebensmotto: „Erwarte Großes von Gott und unternimm dann Großes für Gott.“ Carey las die Schrift vor allem verheißungsorientiert. Gottes Zusagen an Abraham, die Psalmen über die Völker und der Missionsbefehl Jesu waren für ihn gegenwärtige Realität. In einer Zeit, in der viele Christen argumentierten, Mission sei unnötig oder gar anmaßend („Wenn Gott die Heiden retten will, wird Er es ohne uns tun“), hielt Carey ruhig dagegen: „Wo steht in der Schrift, dass der Missionsbefehl aufgehoben ist?

Etwa zur selben Zeitbegann Carey in den Berichten des großen englischen Entdeckungsreisenden James Cook zu lesen. Einerseits faszinierten ihn die Berichte über fremde, in Europa noch kaum bekannte Länder. Andererseits dachte er an all die Menschen, die noch nie etwas vom christlichen Glauben und der Liebe Gottes gehört hatten. Oftmals litten sie unter Aberglauben und unmenschlichen, religiösen Traditionen. Carey nahm sich vor, diesen Völkern das Evangelium von Jesus Christus zu bringen. So sehr beschäftigte sich Carey mit dem Gedanken der Weltmission, dass gelegentlich seine Arbeit als Schuster darunter litt. Mit 26 Jahren wurde Carey in Moulton als Prediger der Baptisten ordiniert. Später wurde er Pastor einer Gemeinde in Leicester. Nebenher vertiefte Carey sein Wissen über die biblischen Ursprachen und las begeistert zahlreiche Missionsberichte. Besonders beeindruckten ihn die Biographien der Indianermissionare John Eliot (1604-1690)  und David Brainerd (1718-1747) sowie des von den halleschen Pietisten nach Indien ausgesandten Heinrich Plütschau (1676-1752). Nach und nach konnte Carey auch andere Baptisten vom Missionsauftrag überzeugen.

Noch im selben Jahr war er Mitbegründer der Baptist Missionary Society. 1793 brach er gemeinsam mit seiner Familie nach Indien auf – nicht als Held, sondern als gehorsamer Knecht. Dies erforderte viel Glauben mit Frau und vier Kindern. Careys frühe Missionsjahre in Indien waren von außergewöhnlichen Belastungen geprägt. Finanzielle Not, Krankheit, kulturelle Isolation und familiäre Tragödien prägten seinen Alltag. Seine Frau Dorothy erlitt nach dem Tod ihres Kindes einen schweren psychischen Zusammenbruch und lebte jahrelang in geistiger Umnachtung. Carey pflegte sie treu, ohne öffentliches Klagen. Einmal soll er gesagt haben: „Ich kann Gott nicht dienen, wenn ich meine Pflicht zu Hause vernachlässige“ (vergl. 1.Tim.5:8).

Trotz jahrelanger Arbeit sah Carey zunächst keine einzige Bekehrung. Erst nach sieben Jahren wurde der erste Inder getauft. Carey kommentierte dies nüchtern: „Gottes Zeit ist nicht unsere Zeit.“ Diese Geduld entsprang keiner Resignation, sondern einem tiefen Vertrauen in Gottes Souveränität (vgl. Gal.6:9). Da die Spenden, die für das erste Jahr gedacht waren, schon allein durch die lange Überfahrt verbraucht wurden, war Carey gezwungen für den Lebensunterhalt für seine Familie landwirtschaftlich zu arbeiten. Er kaufte ein kleines Stück Land im Ganges-Delta und begann, es zu bebauen. Hier musste er sich nicht nur vor giftigen Schlangen und anderen wilden Tieren schützen, auch tropische Krankheiten wie Malaria war dort weit verbreitet. Aufgrund schlechter Hygiene starb sein dritter Sohn mit fünf Jahren an der Ruhr (Bazillen im Darm). Carey selbst steckte sich an, überlebte jedoch. Dorothy fiel die Umstellung am schwersten. Sie hatte große Probleme, die Sprache zu erlernen und sich auf die andersartige Kultur einzustellen. Ihr fehlten Familie und Freunde. Häufig machte sie ihrem Mann Vorwürfe und schlug ihn sogar. Mit der Zeit wurde sie depressiv und starb 1807. Carey schrieb: „Das ist für mich wirklich das Tal des Todesschattens… Was gäbe ich nicht für einen Freund, der mitfühlen und dem ich mein Herz ausschütten könnte! Aber Gott ist hier, der nicht allein Mitleid zu haben, sondern der auch bis zum äußersten zu erretten vermag.“ In dieser Notlage erhielt Carey Nahrungsmittel von mitleidigen Indern. Obwohl sie selbst nur wenig hatten, teilten sie bereitwillig mit der englischen Missionarsfamilie. Ohne diese Unterstützung hätten sie das erste Jahr wohl kaum überlebt.

Carey besaß eine außergewöhnliche Sprachbegabung. Er lernte Sanskrit, Bengali, Hindi und weitere Sprachen und leitete Übersetzungsarbeiten in über 30 Sprachen und Dialekte. Dennoch verstand er sich selbst nicht primär als Gelehrter, sondern als Diener des Wortes. Als ein jüngerer Missionar ihn ehrfürchtig als „Dr. Carey“ ansprach, soll er geantwortet haben: „Nennen Sie mich nicht Doktor, nennen Sie mich Bruder Carey“ (vergl. Mt.23:8 „Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“). Als Carey schließlich eine gut bezahlte Stelle als Aufseher einer Indigoplantage erhielt, war sein Unterhalt gesichert. Er gründete eine Schule für Inder, bekam von seinem Chef kostenlos eine Halle und predigte in dieser regelmäßig in den einheimischen Sprachen. In Malda gründete er eine erste Baptistengemeinde, der zunächst nur Engländer angehörten.

Bis 1797 hatte Carey in mühevoller Kleinarbeit das Neue Testament in Bengali übersetzt. Und da er sich schon immer für Botanik interessiert hatte, studierte er mit großem Interesse die fremdartige indische Vegetation und eignete sich Grundkenntnisse in Medizin an, um den Indern helfen zu können. 1799 wurde ihm jedoch von der Ostindischen Kompanie jegliche christliche Mission in dieser Region verboten. Carey zog daraufhin mit seiner Familie nach Serampore, nördlich von Kalkutta. Dort konnte er unter dem Schutz des dänischen Gouverneurs seine Arbeit ungehindert fortsetzen. Kurz darauf bekam er Unterstützung, um ein eigenes Haus zu kaufen mit eigener Druckerei und konnte Schulunterricht für europäische Kinder anbieten. Er verbündete sich mit zwei anderen Brüdern, um in Gütergemeinschaft zu leben. Damit wollten sie zukünftigen Streit vermeiden und den Indern ein Vorbild an christlicher Nächstenliebe geben. Aufgrund seines hohen Arbeitspensums, halfen ihm die Brüder auch bei der Erziehung seiner Kinder. Nach dem Tod seiner Frau Dorothy lernte Carey eine englische Lady namens Charlotte Rumohr kennen, eine Verwandte des dänischen Königs. Er überzeugte sie vom Evangelium, und sie ließ sich taufen. Immer stärker engagierte sie sich daraufhin für die Mission und unterstütze mit ihrem Geld Careys Projekte. Bald darauf heirateten sie und führten eine glückliche Ehe. Sie wurde ihm eine große Hilfe bei der Übersetzungsarbeit.

1806 wurde Carey vom englischen Gouverneur zum Professor in drei indischen Sprachen ernannt am Fort William College in Kalkutta. Immer mehr Hindus kamen jetzt zum Glauben und schlossen sich Careys Gemeinde an. 1802 erschien sein bengalischen Neues Testament im Druck und bald darauf das Alte Testament. Es folgten Bibeln in Sanskrit und Marathi. 1806 war die christliche Versammlung auf über 100 Christen angewachsen, und 1818 waren es schon 600 getaufte indische Gläubige. Carey bat um 40 weitere Missionare, um seine Arbeit ausweiten zu können. Im Lauf der Jahre konnte er mit seinem Missionsteam Bibeln in 44 indischen, chinesischen und zentralasiatischen Sprachen herausgeben. Immer wieder kam es auch zu Rückschlägen durch Streitigkeiten, Missionsverboten und einem Brand in der Druckerei mit hohem Sachschaden (1812).

Durch den Einfluss Careys verbot die englische Regierung 1829 das damals in Indien übliche Töten unerwünschter Kleinkinder und Witwen. Der Missionar kämpfte auch gegen den Brauch, an Haken aufgespießte Männer zu Tode schwingen zu lassen, und gegen die Tradition, menschliche Körper durch grausame Riten durch die Straßen zu ziehen. Auch auf landwirtschaftlichem Gebiet hinterließ Carey seine Spuren in Indien. Er veröffentlichte verschieden Bücher über Botanik und Ackerbau des Subkontinents. Um die immer wiederkehrenden Hungersnöte des Landes zu bekämpfen, erarbeitete er konkrete Vorschläge für landwirtschaftliche Reformen. Er organisierte Fortbildungen für indische Bauern und ließ Baumwolle u.a. anbauen.

William Carey starb 1834 in Serampore im Alter von 72 Jahren. Die gewünschte Inschrift für seinen Grabstein war:

A wretched, poor and helpless worm“ („Ein elender, armer und hilfloser Wurm“).

 

Lebenszeugnisse von Knechten Jesu Christi  Teil 45:

John Nelson Darby (1800–1882)

John Nelson Darby gehört zu den prägendsten, aber auch umstrittensten Bibellehrer des protestantischen Christentums des 19. Jahrhunderts. Als Mitbegründer der sogenannten Brüderbewegung (später „Plymouth Brethren“ genannt), als scharfsinniger Bibelausleger und als maßgeblicher Entwickler des dispensationalistischen Denkens hat er weltweit Wirkung entfaltet – besonders im angelsächsischen Raum. Zugleich aber steht sein Name für eine Entwicklung, die von anfänglicher geistlicher Weite und überkonfessionellen Offenheit zu einer zunehmend unnachgiebigen Ekklesiologie führte, die viele Zeitgenossen und Nachfolger als sektiererisch empfanden. Wer also über Darbys Leben berichten will, ist es unvermeidlich, sowohl seine Verdienste als auch seinen negativen Einfluss gleichermaßen zu würdigen.

John N. Darby wurde im Jahr 1800 in London in eine wohlhabende anglo-irische Familie geboren. Er erhielt eine exzellente Ausbildung, studierte am Trinity College in Dublin und schloss sein Studium mit außergewöhnlichem Erfolg ab. Zunächst schlug er eine juristische Laufbahn ein, wurde als Anwalt zugelassen und stand vor einer vielversprechenden Karriere. Doch Darby erlebte früh eine tiefe geistliche Krise. Der innere Konflikt zwischen äußerem Erfolg und dem Anspruch radikaler Christusnachfolge führte schließlich zu einer Abkehr vom weltlichen Beruf. Er entschied sich für den geistlichen Dienst und wurde 1825 zum anglikanischen Geistlichen ordiniert. Bereits hier zeigt sich ein Grundzug seines Wesens: kompromisslose Konsequenz. Was er als Wahrheit erkannte, wollte er ohne Abstriche leben – selbst wenn dies Brüche bedeutete.

Die entscheidende Wende kam Ende der 1820er Jahre. Darby begann, die institutionelle Kirche grundsätzlich zu hinterfragen. Besonders problematisch erschien ihm die enge Verbindung von Kirche und Staat sowie die Vorstellung eines Klerus, der sich wesentlich vom „Laienstand“ unterschied. Die Kirche, so Darby, habe ihre neutestamentliche Gestalt verloren. In Irland und später in England traf Darby auf Gleichgesinnte, die sich außerhalb kirchlicher Strukturen zum Bibellesen, Gebet und Abendmahl versammelten. Diese an der Urgemeinde orientierten Zusammenkünfte waren bemerkenswert offen: Es gab keinen ordinierten Klerus, das Abendmahl stand grundsätzlich allen wiedergeborenen Gläubigen offen, die Betonung lag auf der Einheit aller Gläubigen in Christus, nicht auf konfessionellen Abgrenzungen. In dieser Phase vertrat Darby ausdrücklich den Standpunkt, dass die Teilnahme am Tisch des HErrn nicht an Detailfragen der Lehre gebunden sein dürfe. Entscheidend sei allein die Zugehörigkeit zu Christus. Diese frühe Haltung Darbys war biblisch, versöhnlich und „dem Frieden nachjagend mit allen“.

Unbestritten ist auch Darbys immense Leistung als Übersetzer und Bibelausleger. Er beherrschte mehrere biblische Sprachen, übersetzte die Bibel ins Englische, Französische und Deutsche und verfasste umfangreiche Kommentare, Vorträge und Auslegungen. Besonders einflussreich war seine Dispensationalismuslehre: die Unterscheidung verschiedener Haushaltungen Gottes, die klare Trennung zwischen Israel und Gemeinde, eine stark zukünftig verstandene Endzeitauslegung der Prophetie mit Betonung der Entrückung der Gemeinde vor der großen Drangsal. Dieses Bibelverständnis prägte Generationen evangelikaler Christen, insbesondere durch ihre Rezeption in Bibelschulen und später durch populäre Studienbibeln (allen voran die Scofield-Bibel). Darby verstand sich dabei nicht als Neuerer, sondern als Wiederentdecker vergessener biblischer Wahrheiten. Gerade hier beginnt jedoch der problematische Teil seiner Biografie. Mit den Jahren verschob sich Darbys Sichtweise auf die Gemeinde deutlich. Aus dem anfänglichen Vertrauen in die geistliche Einheit aller Gläubigen wurde zunehmend ein Misstrauen gegenüber allem, was nicht exakt seiner eigenen Lehrentwicklung entsprach. Darby kam zu der Überzeugung, dass die sichtbare Kirche als Ganze endgültig abgefallen sei. Nicht nur einzelne Konfessionen, sondern die Ecclesia insgesamt habe ihre Haushalterschaft verspielt. Reform sei unmöglich; Wiederherstellung im Sinne der Reformation ausgeschlossen. Was blieb, waren nur noch provisorische Versammlungen von Treuen inmitten des allgemeinen Verfalls. Diese Sicht hatte weitreichende Konsequenzen: Einheit wurde nicht mehr primär geistlich verstanden, sondern lehrmäßig totalisiert. Wer am Abendmahl teilnehmen wollte, musste nicht nur Christus bekennen, sondern in allen wesentlichen und vielen nebensächlichen Lehrfragen übereinstimmen. Abweichungen galten nicht als legitime Differenzen unter Brüdern, sondern als Gefährdung der „Reinheit des Tisches des HErrn“. In dieser Phase erklärte sich Darby – wenn auch nicht formal, so doch faktisch – zum theologischen Insolvenzverwalter der Kirche. Wenn die Kirche insgesamt gescheitert ist, wer entscheidet dann, was noch legitim ist? In Darbys Denken fiel diese Verantwortung zunehmend auf diejenigen, die den „wahren Zustand“ erkannt hatten – und unter ihnen nahm er selbst eine dominierende Rolle ein. Diese Haltung führte zu wiederholten Trennungen, der Praxis der Kollektivverantwortung (eine Versammlung haftet für die vermeintlichen Irrtümer einer anderen) und einer zunehmenden Isolation der sogenannten „exklusiven Brüder“. Ironischerweise entstand so genau das, was Darby ursprünglich hatte vermeiden wollen: eine neue, eng definierte Gruppierung mit klaren Innen- und Außengrenzen – funktional eine Sekte, auch wenn sie diesen Begriff vehement abgelehnt hätte.

Einmal entfesselte sich z.B. ein völlig überflüssiger Streit über eine erhöhte Stufe oder Plattform im Versammlungsraum. Für Darby war jede bauliche Hervorhebung potenziell problematisch, da sie den Eindruck eines besonderen „Predigtortes“ erzeugen könne und damit dem neutestamentlichen Gedanken widerspreche, dass Christus allein das Haupt der Versammlung sei und kein Mensch – weder durch Amt noch durch Raumordnung – hervorgehoben werden dürfe. Was für Außenstehende wie Pedanterie wirkte, war für Darby Ausdruck einer ernsten theologischen Sorge: Jede Form sichtbarer Hervorhebung könne den Keim eines neuen Klerikalismus in sich tragen. Kritiker bemerkten jedoch, dass hier bereits ein Muster sichtbar wird, das sich später verschärfen sollte: Äußere Details wurden zu Prüfsteinen geistlicher Treue. Die Frage war nicht mehr nur, ob Christus geehrt werde, sondern wie exakt dies nach Darbys Verständnis zu geschehen habe. Die Stufe wurde so zum Sinnbild einer Theologie, die im Kleinen dieselbe Unerbittlichkeit zeigte wie im Großen.

Besonders folgenreich war Darbys Konflikt mit George Müller (1805-1898), dem bekannten „Waisenvater von Bristol“ und Leiter der Bethesda Chapel. Müller war wie Darby zutiefst bibeltreu, glaubensstark und asketisch lebend. Dennoch trennten sich 1848 hier zwei geistliche Wege exemplarisch. Ausgangspunkt war der Umgang der Bethesda Chapel mit Personen, die mit Lehren aus anderen Brüderkreisen in Verbindung standen, welche Darby als irrig betrachtete (insbesondere im Umfeld von B. W. Newton). Müller vertrat die Auffassung, dass ein einzelner Gläubiger nicht für die vermeintlichen Irrtümer anderer haftbar gemacht werden dürfe, solange er persönlich an Christus festhalte und kein falsches Evangelium verkündige. Darby hingegen entwickelte nun die Lehre der kollektiven Verunreinigung: Eine Versammlung, die jemanden aufnimmt, der mit Irrlehrern Gemeinschaft hat, wird selbst „unrein“ und damit vom Tisch des HErrn ausgeschlossen. Die Konsequenz war dramatisch: Darby erklärte die Bethesda Chapel faktisch für außerhalb der wahren Gemeinschaft stehend – und verlangte, dass alle „treuen“ Versammlungen weltweit dies ebenfalls anerkennen müssten. Wer weiterhin Gemeinschaft mit Bristol hielt, machte sich mitschuldig. Diese Auseinandersetzung markiert einen Wendepunkt: Aus der Brüderbewegung entstanden dauerhaft „offene“ und „exklusive“ Richtungen. Darbys Modell setzte sich durch, wo Einheit primär als vollständige lehrmäßige Identität verstanden wurde. Die Ironie ist offenkundig: Zwei Männer von hoher geistlicher Integrität trennten sich nicht wegen eines anderen Evangeliums, sondern wegen unterschiedlicher Auffassungen darüber, wie weit christliche Gemeinschaft reichen darf.

Darby war ein rastloser Reisender. Er durchquerte England, Irland, Kontinentaleuropa und Nordamerika, hielt Vorträge, korrigierte Lehren und schlichtete oder verschärfte Konflikte. Zeitgenossen berichten von einer enormen geistigen Präsenz, aber auch von einer gewissen Unnachgiebigkeit im persönlichen Umgang. Eine oft erwähnte Beobachtung lautet: Wo Darby längere Zeit wirkte, nahm die lehrmäßige Präzision zu – und die Zahl der Trennungen ebenfalls. Er war überzeugt, dass falsche Einheit gefährlicher sei als offene Spaltung. In dieser Haltung lag Größe, aber auch Tragik. Denn faktisch wurde Darby zunehmend zur zentralen Referenzfigur, obwohl er jede formale Leitungsfunktion ablehnte. Seine Briefe hatten normativen Charakter, seine Einschätzungen entschieden über Gemeinschaft oder Ausschluss. In Gesprächen soll Darby sinngemäß geäußert haben, dass Gott der Kirche als Haushalterin ein Zeugnis anvertraut habe und dass dieses Zeugnis unwiederbringlich verloren sei. Was folgte, war keine Reformationshoffnung, sondern eine Endzeitperspektive: Die Kirche könne nicht mehr geheilt, nicht mehr reformiert, sondern nur noch treu durch die Trümmerzeit hindurch bewahrt werden. Diese Sicht verlieh Darbys Auftreten eine eigentümliche Schwere. Er handelte nicht als Gemeindebauer im klassischen Sinn, sondern als eine Art nicht ernannter Insolvenzverwalter der Gemeinde: Er verwaltete den Rest, nicht den Wiederaufbau. Was als Schutz der Heiligkeit gedacht war, führte in der Praxis häufig zur Überdehnung des Sündenbegriffs: Nicht mehr nur moralisches oder lehrmäßiges Fehlverhalten, sondern auch Nähe, Duldung oder fehlende Distanz wurden zur Schuld.

Darbys Leben lehrt nicht nur Treue zur Schrift, sondern auch die Gefahr, Einheit mit Uniformität zu verwechseln. Wer die Gemeinde für endgültig gefallen erklärt, steht in der Versuchung, sich selbst trotz aller Demutssprache an ihre Stelle zu setzen. Paulus verurteilt aufs Schärfste dieses Anhängen an einen bestimmten Lehrer und die damit verbundene Trennung von allen Brüdern oder Gemeinden, die ein anderes Schriftverständnis haben (1.Kor.1–3, Röm 14). Da die Erkenntnis stückweise ist, haben wir nicht das Recht, andere Gläubige als sog. „Irrlehrer“ abzustempeln und auszustoßen, nur weil sie nicht unsere eigene Erkenntnis teilen.

Es wäre unfair, Darby als bloßen Spalter oder Machtmenschen zu zeichnen. Sein Ernst, seine persönliche Askese, seine Hingabe an das Wort Gottes und sein Verdienst als grundtextnaher Übersetzer (Elberfelder Bibel) sind unbestreitbar. Er lebte, was er lehrte, und suchte nicht persönlichen Gewinn oder institutionelle Macht. Gleichzeitig aber zeigt sein Lebenswerk eine klassische geistliche Gefahr: Wer den Verfall der Gemeinde absolut setzt, erhebt sich unweigerlich selbst zum Maßstab der Treue. Und genau dort beginnt die eigentliche Gefahr der Sektiererei.

 

Wenn Väter versagen durch falsche Rücksichtnahme

 

„Und diese Worte … sollst du deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du unterwegs bist …“. (5.Mo.6:6-7)

 

Liebe Geschwister im HErrn Jesus Christus,

Die Gnade und der Friede Gottes seien mit Euch!

Vor drei Tagen begann der Angriff auf den Iran, der aus meiner Sicht bereits in Daniel 8 vorhergesagt wurde (siehe https://youtu.be/-o7AJ89HgcA?si=d2Mpe_R0M0DvKYLf). Doch in diesem Rundbrief soll es mal nicht um etwas Politisches gehen, sondern um ein Thema, dass uns alle direkt oder indirekt betrifft, nämlich die Kindererziehung. Anlass hierfür ist nicht zuletzt, dass wir in diesen Tagen gerade wieder unsere Enkeltochter (4) bei uns haben. 😉

Vor ein paar Tagen stolperte ich mal wieder über eine Bibelstelle, die wir bestimmt alle schon einmal gelesen haben, aber die uns irritiert zurücklies, und zwar 2.Mose 4:24-25. Gerade eben noch hatte Gott dem Mose zu einem so großen Auftrag erwählt, da stellt Er sich ihm auf einmal in den Weg und will ihn töten wegen einer unterlassenen Beschneidung. Erst nachdem seine midianitische Frau Zippora diese vollzogen hat, lässt Gott wieder von ihm ab. Diese ungewöhnliche Szene erinnert uns daran, dass für uns nebensächliche Sache vor Gott von entscheidender Bedeutung sein können. In 1.Mo.17:12 hatte Gott ja dem Abraham und seinen Nachfahren geboten, dass jedes Baby am 8.Tag nach der Geburt beschnitten werden soll als Zeichen des Bundes mit Gott. Das Kind wurde dadurch Gott geweiht und geheiligt. Der 8. Tag steht nicht nur symbolisch für die Auferstehung, sondern ist auch aus medizinischen Gesichtspunkten ideal gewählt, da an diesem Tag die Vitamin-K-Gerinnungsfaktoren einen Höhepunkt erreichen und das Blutungsrisiko daher geringer ist. Aufgrund von Hiob 1 und 2 können wir vermuten, dass der Teufel ar als „Verkläger der Brüder“ (Offb.12:10) Moses Nachlässigkeit vor Gott zur Anklage brachte und seinen Tod forderte, weil er die Verantwortung trug für die Einhaltung des Gebots. Mose sollte ja im Namen des Bundes Gottes mit Israel vor den Pharao treten, aber ausgerechnet er hat im eigenen Haus den Bundesbefehl unterlassen. Er sollte einen Bund verkündigen, den er selbst nicht konsequent lebte. Aber je näher ein Mensch an den heiligen Auftrag Gottes tritt, desto weniger duldet Gott bewussten Ungehorsam im Verborgenen. Interessant ist, dass Zippora sofort diesen Zusammenhang erkannte und den Gehorsam stellvertretend wieder herstellte. Ihre durch die Beschimpfung als „Blutbräutigam“ ausgedrückte Widerwilligkeit lässt vermuten, dass sie selbst es war, die zuvor jahrelang die Beschneidung ihrer Söhne ablehnte und Mose sich gegen diese nicht durchsetzen konnte (übrigens verweigerte auch Prinzessin Diana die Beschneidung ihrer beiden Söhne William und Harry, da sie diese für unnötig und übergriffig erachtete).

Ein ähnliches Szenario findet leider auch heute immer wieder in Kinderzimmern von gläubigen Eltern statt: Die Mutter schimpft mit dem Sohn, weil er am Wochenende lieber Online-Spiele wie Fortnite, Minecraft oder Roblox spielt, anstatt mit seinen Freunden und Klassenkameraden draußen etwas Sinnvolles zu unternehmen. Der Junge sagt: „Bitte Mama, nur eine Runde noch!“, und der Vater sagt: „Lass ihn doch, denn seine Freunde sind doch auch alle online.“ Oder die Tochter schaut sich stundenlang Instagram-Kurzvideos oder Streaming-Serien an wie Wednesday oder Stranger Things, anstatt ihre Hausaufgaben zu machen; der Vater schimpft, aber die Mutter sagt: „Lass sie doch, denn wenigstens geht sie nicht heimlich mit Jungs aus…“ Aber eine wirkliche „Beschneidung“ in geistlicher Hinsicht von den Dingen dieser Welt findet kaum noch statt, zumal viele Eltern selbst schon süchtig sind nach Filmen oder Sozialen Medien. Früher war es in meiner Kindheit üblich, dass wir Spieleabende machten mit der ganzen Familie (z.B. Monopoly, Schach oder Reversi) oder uns zusammen einen Film anschauten (z.B. „Jesus von Nazareth“ und „Sandokan – der Tiger von Malaysia“). Es gab kein Smartphone oder Netflix, stattdessen aber gemeinsame Mahlzeiten oder Ausflüge. Heute sind zwar alle zu Hause, aber jeder in seiner eigenen Medienwelt. Die Zeit wird nur noch nebeneinander aber nicht mehr miteinander verbracht.

Schuld an diesem katastrophalen Missstand sind vor Gott in erster Linie die gläubigen Väter und Ehemänner. Aus Angst vor Konflikten oder aus falscher Rücksichtnahme vernachlässigen sie heute ihre geistliche Verantwortung. Sie verzichten auf eine geistliche Erziehung aufgrund ihres Bedürfnisses nach Harmonie. Der Vater verzichtet auf Gebet, aufs Bibellesen oder auf Glaubensgespräche, weil die Ehefrau „keinen Druck“ auf die Kinder ausüben möchte. Dadurch aber wachsen die Kinder ohne geistliche Orientierung auf. Gott aber gebietet den gläubigen Eltern auch heute noch, dass sie ihren Kindern das Gottes Wort im Alltag weitergeben sollen (5. Mo.6:6-7). Gott hat durch Abraham jedem gläubigen Vater befohlen, die geistliche Hauptschaft in seiner Familie wahrzunehmen, „damit er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm befiehlt, dass sie den Weg des HErrn bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (1.Mo.18:19, vergl. 5.Mo.11:18-19). Wenn Eltern jedoch aus Angst vor Streit den Kindern erlauben, Medieninhalte zu schauen mit sexueller Freizügigkeit oder Werten, die sie selbst als unbiblisch erkennen, dann lernen die Kinder, dass Überzeugungen verhandelbar sind. Wenn Väter ihre Kinder nicht mehr „in der Zucht und Ermahnung des HErrn erziehen“, verlieren sie nicht nur Halt und Orientierung, sondern lernen auch nie, später ihre eigenen Kinder in Gottesfurcht zu erziehen (Eph.6:4). Gerade aber durch das Buch der Sprüche finden wir so viele Hinweise, dass elterliche Zucht nicht gegen sondern für das Kindeswohl ist. Nicht selten verzichten gläubige Eltern lieber auf den gemeinsamen Gottesdienstbesuch oder gemeinsame geistliche Aktivitäten aus Rücksicht auf den Wunsch nach einem „ruhigen Wochenende“. Dadurch verkommt der Glaube aber allmählich zur Nebensache. Viele gläubigen Väter wissen zwar, dass geistliche Anleitung überlebenswichtig ist, verschieben sie aber, weil die Frau Konflikte mit den Kindern vermeiden möchte. Wichtige Prägungsjahre gehen dadurch verloren. Gleiches gilt für politische oder weltanschauliche Fragen: Um den Frieden zu wahren, vermeiden Väter häufig Gespräche zu biblischen, ethischen oder politischen Themen, so dass ihre Kinder sich ausschließlich an Schule, Medien und Gleichaltrigen orientieren. Am Ende stellen sie dann mit erschrecken fest, dass sie in der Uni die hohlen Phrasen des woken, links-grünen Zeitgeistes nachplappern.

Verantwortungsbewusste Väter, die sich Zeit nehmen, ihre Kinder in Weisheit, Liebe und Geduld zu erziehen, verbunden mit der geistlichen Einheit der Eltern, sind der größte Schutz für Kinder vor dem Einfluss der Welt und der antichristlichen Umerziehung in Kindergärten, Schulen und Universitäten. Problematisch wird es nicht durch Rücksichtnahme an sich, sondern durch Konfliktvermeidung aus Angst, wenn dadurch unsere klare göttliche Verantwortung aufgegeben wird. Deshalb ist das gemeinsame Gebet und die geistliche Einigkeit in der Ehe unverzichtbar. Gläubige Eltern müssen in Erziehungsfragen an einem Strang ziehen und dürfen vor den Ohren oder Augen des Kindes nicht einander in den Rücken fallen. Ebenso müssen die Väter wieder Vorbild sein und können den Kindern nur dann ihren Medienkonsum einschränken, wenn sie dies glaubwürdig vorleben. Eli z.B. tadelte zwar seine Söhne Hophni und Pinehas halbherzig, griff aber nicht konsequent ein, obwohl sie das Heiligtum entweihten (1.Sam.2-3). Auch David griff bei den Vergehen seiner Söhne (z. B. Amnon und Absalom) nicht entschieden ein, so dass Familienchaos, Gewalt und Rebellion die Folge waren. Wie sehr die Passivität und Untätigkeit eines Ehemanns einer Ehe schaden, sehen wir auch bei König Salomo in 1.Könige 11, denn er ließ sich durch seine Frauen zum Götzendienst verleiten. Nachgiebigkeit aus Beziehungsharmonie führt also oftmals zum Gegenteil dessen, was man eigentlich bezwecken wollte, nämlich zur Zerstörung der Ehe oder Familie.

Positive Vorbilder finden wir aber ebenso zuhauf in der Bibel. Josua sagte ja den bekannten Satz: „Ich und mein Haus wollen dem HErrn dienen“ (Jos.24:15), also eine klare geistliche Ausrichtung der Familie. Hiob betete regelmäßig für seine Kinder (Hi.1:5), wodurch er geistliche Fürsorge und Verantwortung bewies. Und nicht zuletzt fand auch Timotheus durch den geistlichen Einfluss seiner Mutter und Großmutter zum Glauben an den HErrn Jesus, wie wir in 2.Tim.1:5 erfahren. Gemäß 1.Mo.3:15 ist es ja in erster Linie Aufgabe der Frau, geistlichen Samen hervorzubringen, der durch eine gottesfürchtige Erziehung befähigt wird, dem Widersacher später den Kopf zu zermalmen. Und dies geschieht eben nicht nur durch die Sorge um das leibliche Wohl, sondern auch um das geistliche Wohl des Kindes, wie wir es auch in Ps.78:3-7 lesen: „Was wir gehört und erfahren und unsere Väter uns erzählt haben, wollen wir nicht verhehlen ihren Söhnen und der künftigen Generation erzählen die Ruhmestaten des HErrn und Seine Macht und Seine Wunder, die er getan hatdamit die künftige Generation sie kenne, die Söhne, die geboren werden sollten, und auch sie aufständen und sie ihren Söhnen erzählten … Damit sie auf Gott ihr Vertrauen setzten und die Taten Gottes nicht vergäßen und Seine Gebote befolgten“.

Eine solche Glaubensvermittlung kommt in der Regel nicht ohne Strenge und Zucht aus. In Spr.22:6 lernen wir: „Gewöhne den Knaben an Seinen Weg …“ (gemeint ist wohl vor allem Gottes Weg). Liebe erfordert Konsequenz und Strafe, die nicht zuletzt dem lernen und dem Schutz des Kindes dient (Spr.13:24, 19:18). Die Folge dieser Konsequenz ist Frieden (Spr.29:17); bei Inkonsequenz hingegen werden Kinder „entmutiget“ (Kol.3:21) und Väter „reizen ihre Kinder zum Zorn“ (Eph.6:4). Wenn man Kinder schon früh an die Schrift heranführt und unterweist, dann sehen sie nicht mehr die Autorität des Vaters, sondern die Autorität des Wortes (2.Tim.3:14-15). Vor allem sehen sie im Verhalten der Eltern den Charakter der Liebe veranschaulicht (1.Kor.13:4-7). Gerade in der heutigen, antichristlichen Endzeit möchte der Feind möglichst schon gleich nach der Geburt die Kinder verderben (vergl. 2.Mose 1-2, Mat.2:16-18, Offb.12:3-4). Deshalb sollen gläubige Eltern ihre Kinder so erziehen, dass sie im evangelistischen Dienst später sogar „wie Pfeile im Köcher“ des Vaters verwendet werden können, ohne dass sie im Gespräch mit den Gottesfeinden beschämt werden (Psalm 127:3–5). Dies setzt aber voraus, dass man sich als Vater nicht nur um das leibliche Wohl der Familie kümmert (Ps.127:2), sondern auch Zeit in die Kinder investiert und sie nicht bloß großzieht, als ob sie schon von selbst gläubig werden.

Seid dem HErrn befohlen!
Euer Bruder Simon

 

 

 

 

 

„Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 24

 

Juli – September 2023

Eine Zigeunerfamilie wird wie der letzte Dreck behandelt

An einem Tag berichtete der kolumbianische Bruder David uns beim Hauskreis, dass er sich auf dem Parkplatz vorm Lidl mit einer Frau über den Glauben unterhalten hätte. Alexandrina (36) war eine Zigeunerin aus Rumänien, sprach aber sehr gut Spanisch, da sie und ihre Familie zehn Jahre lang in Spanien gelebt hatten. David lud sie ein zu unserem Hauskreis, und sie kam dann tatsächlich, da sie auf der Suche nach Gott sei. Sie erzählte uns, dass sie und ihr Ehemann Tezaur (38) sich bisher wegen ihrer Armut mit Gelegenheitsjobs, Betteln und Diebstahl über Wasser gehalten hätten, sie aber nun ein neues Leben beginnen wolle. Ihr sei klar geworden, dass sie nun als Christin nicht mehr stehlen oder betteln dürfe und wünschte sich, dass auch ihr Mann gläubig werde, damit er von nun an ein Vorbild für die Kinder werde. Am darauffolgenden Freitag brachte sie Tezaur mit und wir erklärten auch ihm das Evangelium. Er bat uns, dass wir ihn einfach bei seinem Nachnamen Bujor nennen könnten, da dieser leichter auszusprechen sei. Bujor war noch dicker als seine Frau, hatte eine braune Haut und eine väterliche Art. Zu Alexandrinas Freude wollte auch Bujor nun den Weg mit dem HErrn Jesus gehen. Deshalb verabredeten wir uns am nächsten Wochenende und tauften die beiden in der Weser.

Bujor erzählte mir, dass er im Januar seine Arbeit verloren hatte und deshalb seine Miete nicht mehr bezahlen konnte. Das Jobcenter verzögerte jedoch monatelang die Leistungen für die Familie, so dass der pakistanische Vermieter ihn kündigte und sogleich eine Räumungsklage einreichte, da er die Frist zur Räumung verstreichen ließ. Die Zwangsräumung der Wohnung erfolgte nun Ende Juli. Erst im Juni hatte das Jobcenter dem Bujor nicht nur die ausstehenden Leistungen nachgezahlt, sondern auch noch knapp 8.000 Euro an den Vermieter inkl. Anwaltskosten. Doch Bujor brauchte nun dringend ein neues Zuhause für sich und seine Familie, weshalb er mich um Hilfe bat. Ich rief bei sämtlichen Wohnungsverwaltungen und Vermietern an, die inseriert hatten, aber keiner war bereit, die Familie bei sich wohnen zu lassen. Da erinnerte ich mich an die Worte der Außenministerin Annalena Baerbock, die ja mal gepostet hatte: „Wir haben Platz!“ und rief kurzerhand die „Grünen“ an, ob sie denn für diese Familie einen Platz besorgen könnten. Deren Parteizentrale in Bremen war mit diesem Anliegen jedoch überfordert und konnte mir nicht helfen. Doch dann ergab sich eine unverhoffte Lösung: Da die Kündigung vom Jobcenter verursacht wurde, brachte die Stadt Bremen die 6-köpfige Familie erstmal vorübergehend in eine kleine Pension in der Inselstraße 49 unter. Als ich Bujor dort besuchte, war ich schockiert darüber, dass die Familie dort lediglich ein Dachzimmer ohne Möbel bekam. Man hatte ihnen nur vier Matratzen hineingelegt, weiter nichts. Da das Zimmer noch nicht mal einen Schrank hatte, lagerten sie ihre Wäsche in Plastiktüten in einer Ecke. Sie hatten weder Tisch noch Stühle bekommen, so dass sie auf den Matratzen essen mussten, und ohne Herd konnten sie sich noch nicht einmal ein Essen warm machen. Ich fragte Bujor, wie viel die Stadt Bremen denn für dieses erbärmliche Pensionszimmer zahlen müsse. Bujor zeigte mir den Mietvertrag, und ich konnte es nicht fassen: 9.000,00 Euro pro Monat! Der Vermieter berechnete es wie folgt: 50,- Euro/pro Tag /pro Person = 50 x 30 x 6 = 9000,- Euro. Wenn die Stadt Bremen so verschwenderisch mit ihren Steuergeldern umgeht, dann ist es kein Wunder, dass Bremen das ärmste Bundesland ist!

Bujor fand jedoch schon bald einen neuen Job bei HelloFresh in Verden. Und Gott schenkte ihm auch eine rumänisch-sprachige Gemeinde in Bremen, wo er von nun an immer mit seiner Familie hinging und wo auch ich einmal predigen durfte. Doch dann kam das nächste Unglück über Bujor: Sein alter Vermieter hatte ihn verklagt auf Schadenersatz, weil er beim Verlassen der Wohnung diese angeblich in einem desolaten Zustand zurückgelassen habe. Bujor erzählte mir, dass diese Wohnung schon von Anfang an verschimmelt war und völlig heruntergekommen, weshalb der Vermieter sie immer nur an Sinti und Roma-Familien vermiete, die wohl aus seiner Sicht weniger Anspruch hatten und nichts Besseres brauchten. Da sie schon überall gefragt hatten und niemand sie nehmen wollte, erklärten sie sich im Januar 2020 dazu bereit, diese Schrottwohnung in diesem Zustand zu übernehmen. Bujor renovierte die Wohnung auf eigene Kosten, indem er den Schimmel einfach überstrich. Doch schon nach einem Jahr sah die Wohnung wieder genauso schäbig aus wie vorher. Nachdem sie nun ausgezogen waren, wollte der Vermieter Herr Janjuar die Wohnung von Grund auf mal renovieren lassen inkl. neuer Tapeten und neuem Fußbodenbelag. Und da er sah, dass Bujor sich auch nicht gegen die Kündigung und Zwangsräumung zur Wehr setzte, dachte er wohl, dass er auch die Renovierung von Bujor geschenkt bekommen würde.

Ich bot Bujor meine Hilfe an, indem ich dem Vermieteranwalt schrieb und den Anspruch zurückwies, da die Wohnung schon vorher so schäbig aussah und der Mietvertrag keine Grundrenovierung nach dem Auszug vorsah. Leider hatte Bujor beim Einzug unterschrieben, dass die Wohnung in einem guten Zustand sei, wobei er das Übergabeprotokoll gar nicht verstehen konnte, da er noch kein Deutsch sprach. Der Anwalt aber bestand auf die Zahlungspflicht und drohte mit einer Klage. Daher sprach ich mit Herrn Lindemann, meinem Anwalt, ob er den Fall von Bujor übernehmen könne. Da sich Bujor gar nicht selbst einen Anwalt leisten konnte, beantragten wir Verfahrenskostenhilfe. Als es dann Monate später zur Gerichtsverhandlung kam, sagte mein Anwalt: „Über was verhandeln wir hier eigentlich? Selbst wenn Herr Bujor tatsächlich zur Zahlung verpflichtet wäre, könnte er ohnehin die 7.800 Euro für die Renovierung gar nicht zahlen, da er völlig mittellos ist. Mit dem wenigen Geld, das er verdient, kann er noch nicht einmal seine große Familie über Wasser halten. Den ganzen Prozess hätte man sich doch eigentlich sparen können!“ Daraufhin fragte der gegnerische Anwalt die Richterin, ob sie dies auch bestätigen könne. Sie sagte, dass sie durch die Kontoauszüge für den Prozesskostenhilfeantrag Einblick hatte in die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse und daher bestätigen könne, dass es so sei. Daraufhin besprach sich der Anwalt flüsternd mit seinem Mandanten und erklärte dann, dass Herr Janjuar unter diesen Voraussetzungen bereit sei, die Klage wieder zurückzuziehen. Bujor brauchte also nichts mehr bezahlen.

Als wir uns auf dem Flur vom Gericht die Jacken anzogen, bat mich der Vermieter, den Bujors zu übersetzen, dass er nur deshalb die Klage zurückgezogen habe, weil er die kleinen Kinder der Familie sah und sie nicht unnötig belasten wolle, da sie schon genug an Lasten zu tragen hätten. Nun bat mich Alexandrina, ihm zu sagen, dass dies doch Heuchelei sei, da er doch von Anfang an wusste, dass sie arm seien und kleine Kinder haben und trotzdem keine Skrupel hatte, sie einfach auf die Straße zu setzen. Mit aufgeregter Stimme ließ Alexandrina ihre ganze Empörung freien Lauf: „Und selbst das hat Ihnen noch nicht gereicht, sondern sie wollten auch noch so viel Geld von uns haben, obwohl sie reich genug sind, um die Wohnung auf eigene Kosten zu renovieren. Sie haben uns eingeschüchtert und vor Gericht gezerrt, aber unser Gott hat dies alles gesehen und uns beschützt. Eines Tages aber werden SIE vor Gericht gebracht und von unserem HErrn Jesus Christus verurteilt wegen all ihrer Habsucht!“ Herr Janjuar erwiderte mit ruhiger Stimme: „Lassen Sie, Herr Poppe! das brauchen Sie mir nicht übersetzen, denn ich ahne schon, was sie mir sagen will. Aber bitte sagen Sie ihr, dass auch ich an Gott glaube und zu Ihm bete, und ich bin mir auch als Muslim bewusst, dass wir alle einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.“


Christine stirbt und Marcus erlebt ein Dauertrauma

Inzwischen ging es Christine körperlich so schlecht, dass sie kaum noch etwas zu sich nahm und stark abmagerte. Geistlich aber war sie stark und tapfer in der Vorfreude, bald beim HErrn Jesus zu sein. Doch dann forderte der Pflegedienst, dass sie unbedingt bestimmte Tabletten zu sich nehmen müsse wegen der Schmerzen, aber Marcus und Christine weigerten sich, da sie diese nicht vertrug. Der Pflegedienst drohte ihnen, dass er andernfalls nicht mehr kommen würde, wenn sie weiterhin so wenig kooperieren würden. Da lächelte Christine milde, nahm die Hand der Pflegekraft, legte die Tabletten hinein und sagte: „Ich danke Ihnen für alle Hilfe bis hierher. Aber von nun an ist Ihre Aufgabe beendet, denn ich vertraue ganz auf Gottes Hilfe, dass Er mich auch ohne Ihre Tabletten mit allem versorgen wird. Ich freu mich, dass es jetzt schon bald nach Haus geht.“ Ende Juli konnte Christine jedoch nicht mehr zuhause versorgt werden, sondern wurde in ein Hospiz gebracht. Sie konnte wegen der starken Schmerzmittel nicht mehr sprechen und war die meiste Zeit in einem Dämmerzustand. Marcus lief indes völlig kopflos umher und wünschte sich, dass man sich doch auch mal um ihn kümmern möge, da er sich „wie inmitten eines Tsunamis“ befand und allen Halt verlor. Ihm war klar, dass er ohne Christine nicht mehr allein klarkommen würde im Leben. Deshalb versprach ich Marcus, dass er nach dem Tod von Christine bei uns einziehen und mit uns wohnen könne. Diese Zusage gab Marcus neue Zuversicht, obgleich er fürchtete, dass er nur auf Zeit bleiben könne, da Ruth nie ihr Einverständnis gegeben hatte, dass Marcus für immer bei uns wohnen könne. Aber auch Ruth war klar, dass wir Marcus jetzt nicht im Stich lassen konnten.

Und dann kam der 09.08.2023, als Christine in Marcus Gegenwart den letzten Atemzug machte. Es hatte den Anschein, als ob Marcus sogar ein wenig erleichtert war, dass es nun endlich vorbei war und seine Frau nicht mehr leiden müsse. Wir ließen Marcus nun ein wenig Kleidung zusammen sammeln und boten ihm Rebekkas Kinderzimmer als sein neues Zuhause an. Am Abend erklärte Ruth ihm dann, dass er sich jeden Abend waschen müsse, da sie darauf wertlegte, dass er nicht muffeln dürfe im Haus. Marcus war jedoch der Überzeugung, dass es schädlich sei, sich jeden Abend zu duschen, und er nicht diese Gewohnheit habe. Ruth aber bestand darauf, da er sich als Gast auch an die Hausordnung halten müsse. Doch in den Tagen danach stellte sich immer wieder heraus, dass Marcus sich am Ende des Abends doch nicht geduscht hatte und entsprechend nach Schweiß roch. Zudem störte es Ruth, dass er sich ständig zu ihr ins Wohnzimmer setzte, um sich mit ihr zu unterhalten, obwohl sie gerade am Studieren von tierärztlichen Fortbildungen im Internet war. Sie traute sich nicht, ihn abzuweisen, fühlte sich aber immer häufiger „incómodo“ („unbequem“). Nach etwa vier Wochen war Ruth sich sicher, dass sie es nicht mehr länger mit Marcus aushalten könne, da er aus ihrer Sicht zu „übergriffig“ sei. Sie wollte nicht dauerhaft eine Ehe zu Dritt führen, zumal sie jedes Mal achthaben musste, wenn sie abends aus dem Bad ging. Marcus solle sich doch eine andere Wohngemeinschaft suchen, wenn er nicht mehr in seinem Haus wohnen wolle. Oder er möge Gott doch bitten, dass Er ihm eine neue Gehilfin schenken möge.

Nachdem Christine beerdigt war, bot ich Marcus an, mit ihm zusammen Granitsteine im Baumarkt zu kaufen, um das Grab einzuhegen und mit Blumen zu bepflanzen. Mein Bruder Patrick, der ja Tischler war, hatte ein großes Holzkreuz gefertigt, wie er es schon für unsere Mutter tat. Als wir mit Schaufeln, Spaten und Beton-Estrich an der Grabstelle ankamen, war Marcus auf einmal wie gelähmt und sah sich außerstande, mir bei der Herstellung des Grabes zu helfen. Also schaufelte ich die Einfriedung von allein, was aufgrund des lehmigen Bodens nicht einfach war. Doch als ich die ersten Granitsteine gesetzt hatte, bat Marcus mich, sie noch einmal auszugraben und sie tiefer zu setzen. Als ich seinem Wunsch nachgekommen war, kam auf einmal ein Friedhofsgärtner vorbei und wies darauf hin, dass es strenge Vorschriften gäbe für die Grabeinfriedung und wir das nicht frei Schnauze machen dürften. Sofort bat Marcus darum, ich solle alles beenden, da er keinen Ärger bekommen wolle. Ich war jedoch nicht einverstanden und wollte meine Arbeit beenden. Da ergriff Marcus meinen Spaten und flehte mich an, nicht weiterzumachen, sondern alles wieder in den vorigen Zustand zu versetzen. Da ich aber schon zwei Stunden dabei war und mir nur noch 30 Minuten fehlten, bestand ich darauf, auch noch den Rest zu machen. Marcus geriet nun völlig in Panik und redete ununterbrochen auf mich ein, so dass es in mir langsam hochkochte. „Du kannst nur Anweisungen geben, aber rührst dabei keinen Finger krumm! Entweder Du lässt mich meine Arbeit jetzt fertig machen oder ich gehe! Dann kannst Du selbst alles wieder rückgängig machen!“ Marcus aber versuchte, mit aller Redekunst mich zum Rückbau zu überreden, so dass mir am Ende der Kragen platzte und ich den Ort verließ. Marcus rief mir hinterher, dann rannte er mir nach und flehte mich an, zurückzukommen. Wir einigten uns schließlich, dass ich die Arbeit zu Ende bringen dürfe, wenn ich im Falle einer behördlichen Kritik bereit sei, alles wieder zurückzubauen.

So oft ich mich in den folgenden Wochen und Monaten auch immer wieder mit Marcus stritt, so hängte er sich doch wie eine Klette an mich. Ich erklärte ihm, dass ich nicht seine Ersatz-Ehefrau sein könne, ihm aber gerne behilflich sein würde, um eine neue Glaubensschwester zu finden. Marcus aber war sich sicher, dass keine Frau bereit wäre, ihn in diesem Zustand zu nehmen – und wenn, dann vielleicht nur aus Mitleid, was nicht von Dauer wäre. Er komme sozusagen „gerade aus dem Gazastreifen“ und sei schwerst verwundet an Seele und Geist. Er frage sich, warum Gott überhaupt zugelassen habe, dass er ausgerechnet in jener Zeit, als Christine ihn am meisten gebraucht habe, nicht für sie da sein konnte, sondern psychotisch wurde. Er fragte sich grundsätzlich, ob er überhaupt wiedergeboren sei, da Gott ihm nicht antworte und er Gott überhaupt nicht mehr spüre. Vielleicht habe Gott ihn verworfen, ohne dass er es bemerkt hatte und werde am Ende als törichte Jungfrau von der Entrückung ausgeschlossen. Ich sagte, dass ich auch schon den Eindruck hatte, als ob seine Lampe am Erlöschen sei und er kein Reserveöl mitgenommen habe (Matth.25:1-13). „Simon, Du bist wirklich ein schlechter Seelsorger, denn anstatt mich aufzurichten, bestätigst Du mich noch in meinen schlimmsten Befürchtungen…“. „Aber es stimmt doch, und Du sagst es doch selbst, dass Gott gar nicht mehr zu Dir redet – so wie damals bei Saul (1.Sam.28:6).“ – „Hör auf, Simon! Du hast wirklich die Sensibilität eines Rindviehs. Ich brauche Milde und Verständnis, aber Deine Worte sind wie Tritte in die Magenkuhle.“ – „Aber ich meine es nicht böse, sondern glaube, dass Gott gerade jetzt zu Dir reden möchte und dazu harte Maßnahmen ergreifen musste, weil Du so stur bist und Ihn nicht anders verstehst. Gott will z.B. nicht, dass Du allein bist, sondern Er will Dir eine Gehilfin schenken so wie Christine, dann würdest Du diesen Verlust gar nicht mehr so stark empfinden.“ – „Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass ich unmöglich in diesem Zustand neu heiraten kann. Christine ist noch nicht einmal einen Monat unter der Erde, und Du redest schon von einer neuen Frau! Es wäre ein Verbrechen, wenn ich jetzt eine Frau dazu verleiten würde, mich zu heiraten, weil ich ihr unmöglich ein Haupt sein könnte. Das hat keine Frau verdient!“ – „Ich sehe es genau andersherum: Würdest Du jetzt heiraten, wärest Du auf einen Schlag wieder gesund. Außerdem wäre eine Schwester, die Dich nicht im Zustand äußerster Schwäche so nehmen würde wie Du bist, Deiner unwürdig.“


Keine Toleranz mit den Intoleranten?

Ende August wurde in Bremen wieder der Christopher-Street-Day veranstaltet, bei dem sich 15.000 Schwule und Lesben in Bremen trafen, um für mehr Toleranz und Verständnis zu werben. David und ich hatten uns zu diesem Anlass wieder in der Innenstadt verabredet, um die Verlorenen und Dürstigen einzuladen. Zu diesem Zweck hatte ich ein neues Schild gemacht mit der Aufschrift: „Jesus macht frei und glücklich.“ Damit die Demonstranten nicht wieder mein Schild mit Aufklebern verhunzen konnten, brachte ich diesmal lange Eisenstangen daran, so dass ich es über 3 m in die Luft halten konnte, damit sie es nicht mehr erreichen konnten. Wie beim letzten Mal ernteten wir wieder aggressiven Hohn und Verachtung von den Gleichgeschlechtlichen, obwohl ich ihnen doch eine gute Nachricht überbringen konnte. Sie fauchten mich wutschnaubend an und nutzten jede Gelegenheit, um mir das Schild aus der Hand zu reißen oder es mit Regenschirmen zu verhüllen. Trotzdem gab es auch diesmal wieder Gelegenheit, mit einzelnen Personen friedlich über den Glauben zu sprechen. Allerdings war es so laut, dass ich den Lärm kaum durch lautes Reden übertönen und mich nicht auf die Gespräche konzentrieren konnte. David rief wieder mutig und tapfer zur Umkehr auf und blies zwischendurch in sein Schophar-Horn.

An genau der gleichen Stelle wie im Vorjahr geriet unsere Werbung für den Glauben wieder zu einer Eskalation. Schon wieder musste die Polizei Verstärkung rufen, weil uns die Demonstranten eingekesselt hatten und aggressiv auf uns einschrien. Im Nu waren plötzlich etwa zehn weitere Polizisten gekommen, aber statt uns zu schützen, machten sie kurzen Prozess mit uns und führten uns ab ohne Diskussion. Meine Frage, warum sie uns mitnahmen, blieb zunächst unbeantwortet. Erst in etwa 20 Meter Entfernung forderten sie unsere Papiere und teilten uns mit, dass gegen uns eine Strafanzeige gestellt wurde. Ich fragte: „Wegen was?“ aber die Polizisten wussten es zunächst selbst nicht, sondern telefonierten mit ihrem Vorgesetzten. Dann kam die Antwort: „Wegen unerlaubter Versammlung!“ Obwohl mir klar war, dass dies nur ein fadenscheiniger Vorwand war, um uns als Störer von der Demo fernzuhalten, wies ich die Beamten darauf hin, dass wir keine Versammlung sind, sondern jeder von uns lediglich ein Evangelist, wofür es keine Erlaubnis benötige. Gegen die sog. „Klimakleber“ unternimmt die Bremer Polizei nichts, wenn sie mitten im Berufsverkehr die Hochbrücke am Breitenweg für zwei Stunden versperren, weil sie lapidar eine angeblich spontane Versammlung angemeldet hatten. Aber gegen uns friedliche Christen, die einfach nur am Straßenrand missionieren, wenden sie sofort Gewalt an!

Paulus ließ sich das Unrecht, als Römer misshandelt zu werden, nicht gefallen, sondern forderte eine rechtliche Klärung. Und so wollte auch ich wissen, wie der Veranstalter vom Christopher-Street-Day es eigentlich vereinbaren kann, dass sie auf der einen Seite für sich Toleranz und Sichtbarkeit einfordern kann, wenn sie auf der anderen Seite andere Minderheiten wie mich als Christen schmähen und disqualifizieren wollen, wo ich doch in einer angeblich offenen Gesellschaft die gleichen Rechte wie sie für mich beanspruchen kann wie sie. Der Pressesprecher vom CSD, ein gewisser Jerome, war zunächst freundlich und bedauerte die aggressiven Attacken gegen uns, nachdem ich ihm versichert hatte, dass von uns keinerlei Anfeindung gegen die Homosexuellen ausging, sondern wir absolut friedlich und wohlwollend ihnen gegenüber verhielten. Als ich ihm jedoch erzählte, dass wir zur Martinigemeinde von Olaf Latzel gehen, änderte sich seine gute Laune schlagartig, und er kam mit Stereotypen wie „homophob“ und einer strukturellen Homofeindlichkeit, die angeblich schon viele Opfer verursacht habe. Ich entgegnete ihm, dass wir Christen grundsätzlich alle Menschen lieben, selbst jene, die uns anfeinden, aber dass wir aufgrund des Wortes Gottes nicht alle Handlungen der Menschen gutheißen können, wenn sie für Gott ein Gräuel sind. Daraufhin wiederholte Jerome im scharfen Ton, dass man „keine Toleranz den Intoleranten“ gegenüber haben dürfe. „Aber es gibt nicht eine gute und eine schlechte Intoleranz, sondern wenn Du intolerant gegenüber Leuten wie mir bist, dann verurteilst Du Dich damit selbst, weil Du das gleiche tust wie ich,“ erklärte ich ihm, „denn Du misst sonst mit zweierlei Maß.“ – „Nein, da irrst Du Dich!“ keifte er mich an, „denn Du lehnst mich ab wegen einer genetischen Veranlagung, für die ich nichts kann. Ich aber werfe Dir eine Intoleranz vor, für die Du sehr wohl etwas kannst, denn Du kannst Dich ja auch dafür entscheiden, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Aber das tust Du nicht!“ – „Doch, ich toleriere Dich doch und lehne Dich auch nicht ab. Aber ich toleriere nicht Dein Tun, weil es Sünde ist. Und ich bin von der Bibel her verpflichtet, Dich darauf hinzuweisen und Dich vor den Konsequenzen zu warnen.“ Wir diskutierten über eine Stunde lang miteinander in sehr erhitztem Ton, aber es führte am Ende zu nichts.

 

Was willst Du in diesem Senioren-Club?“

Schon seit langem hatten Bruder David und ich überlegt, ob wir uns nicht mal eine neue Gemeinde suchen sollten, da uns die Ev.-luth.-Martinikirche von Olaf Latzel nicht mehr gefiel. Wir hatten zwar unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen von einer guten Gemeinde, doch waren der gleichen Meinung, dass man in einer lutherischen Kirche zum passiven Zuschauer degradiert wird, anstatt ein aktiver Mitarbeiter zu sein. So verabredeten wir uns, um an mehreren Sonntagen in verschiedene Gemeinden zu gehen, um uns die geeignetste auszusuchen. Eine Russlanddeutsche Gemeinde in Bremen-Nord gefiel uns z.B. ganz gut – außer das gemeinsame Gebet, weil es nicht „einmütig“ war (Apg.1:14, 4:24), sondern jeder für sich in einem ohrenbetäubenden, babylonischen Sprachgewirr unharmonisch durcheinanderredete, so dass man sich noch nicht mal auf sein eigenes Wort verstand. Mich wunderte, dass diese Geschwister nicht schon längst selbst bemerkt haben, dass diese chaotische Kakophonie doch eigentlich ziemlich ungeistlich ist. Aber uns war klar, dass sie dies wohl kaum ändern würden, da sie sich daran gewöhnt hatten. Aber jedes Mal diesen Lärm zu ertragen, wollten wir letztlich auch nicht.

Als nächstes gingen wir in eine Freie Brüdergemeinde in der Vahr, und zwar jene, in die ich schon 30 Jahre zuvor mit Ruth ging, als es noch eine Exklusive Brüdergemeinde war. 1993 waren es noch etwa 150 Geschwister, die sich dort versammelten. Aber nach einer Aufspaltung im Jahr 2000 verließen die echten Exklusiven die anderen, die ihnen zu liberal waren und versammelten sich im Industriegebiet Haferwende. Die Liberaleren blieben zurück, wobei die Jungen später ebenso gingen in modernere Gemeinden und die Alten zurückließen. So waren David und ich ziemlich überrascht, in dem großen Gemeinderaum nur noch etwa 15 alte Geschwister zu finden, die in einem halben Stuhlkreis um das Rednerpult saßen. Das Durchschnittsalter war 75 J., der älteste Bruder schon 88 J. und die meisten gehörten schon seit über 50 Jahren dieser Gemeinde an. Irgendwie hatte man den Eindruck, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Tatsächlich vertraute mir später eine Schwester an, dass sie gerade eine Woche zuvor erwogen hatten, die Gemeinde zu schließen und sich aufs Altenteil zurückzuziehen. „Allerdings kann es gut sein, dass wir jetzt, wo Ihr beide vielleicht zu uns stoßen wollt, dass wir doch noch erstmal weitermachen werden…“ Über diese kompromittierende Andeutung war ich etwas verwundert. Sollte es denn tatsächlich am Ende an David und mir liegen, ob die Gemeinde ihren Dienst fortführt? „Und was wird aus den Geschwistern und dem Gemeindehaus, wenn Ihr die Gemeinde beenden wollt?“ – „Die meisten gehen dann in andere Freikirchen und verbringen dort ihren Lebensabend. Und das Gebäude würden wir dann verkaufen.“ – Irgendwie fand ich diesen Ausblick ziemlich bedrückend und traurig. Bisher wusste ich nur, wie man eine Gemeinde gründet, hatte aber noch nie gehört, dass Gemeinden auch sterben können.

Ich beschloss, nicht weiter zu suchen, sondern hier zu bleiben, um den alten Geschwistern beizustehen. Für David war diese Gemeinde jedoch zu trostlos und nichts für seine junge Familie. Auch Marcus, der am darauffolgenden Sonntag mal mitkam, fragte mich: „Was willst Du in diesem Senioren-Club? Das ist ja schon beinahe so, als würdest Du auf einen Friedhof gehen.“ – „Der HErr vermag Tote wieder lebendig zu machen.“ entgegnete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie weit ich dazu irgendwie beitragen könnte. War es nicht vermessen, überhaupt so zu denken? Wer war ich schon?! Und doch – vielleicht hatte der HErr hier etwas vor, für das Er mich gebrauchen wollte. Immerhin erlaubten mir die beiden Vorsteher Bernd und Rolf, dass ich auch predigen dürfe, und das war mir schon wichtig. Und auch anders herum konnte ich vielleicht von der Lebensweisheit der alten Geschwister profitieren. Rehabeam machte ja den Fehler, dass er sich lieber mit den Jungen und Gleichaltrigen beraten wollte, anstatt auf die Alten zu hören (1.Kön.12:8). Vor allem musste ich immer noch lernen, nicht nach hohen Dingen zu trachten, sondern mich zu den niedrigen zu halten (Röm.12:16).

Der Gottesdienst in dieser Brüdergemeinde folgte tatsächlich einem stark ritualisierten Ablauf: Es waren immer nur dieselben beiden Brüder, die die Moderation machten nach immergleichen, starren Vorgaben, die nie hinterfragt wurden. Statt eines spontanen gemeinschaftlichen Gebets, an dem sich alle beteiligten, betete immer nur diese beiden Brüder Rolf und Bernd, und das sogar nach immer den gleichen Formulierungen und Gebetsanliegen. Das Abendmahl wurde immer nach dem gleichen Zeremoniell von Bruder Dietmar ausgeführt und ähnelte dadurch dem Opferritus eines Priesters im Alten Testament. Ein spontanes Zeugnis oder das Vortragen eines Gedichts wurde durch die starren, festgelegten Formen sofort im Keim erstickt. Formtreue stand über Wahrhaftigkeit. Die Einmütigkeit wurde mit Gleichförmigkeit verwechselt und die Ordnung mit geistlicher Lebendigkeit. Es war eigentlich weniger ein Gottesdienst als eine liturgische Fossilienpflege in einem Museum. Man pflegte die Erinnerung an eine alte Zeit, die lange schon vorbei war. Selbst der Heilige Geist sollte sich hier streng ans Protokoll halten, wenn Er überhaupt noch eingeladen war. Eigentlich hätte man sich den Besuch auch sparen können, denn Sonntag für Sonntag lief immer genau gleich ab. Von Erbauung und einem inneren Wachstum konnte gar keine Rede sein. Die alten Brüder verhielten sich wie in der Wartelounge eines Flughafens und versuchten, sich bis zu ihrem Abflug noch ein wenig die Zeit zu vertreiben durch den starren Blick auf eine Dauerwerbesendung auf dem Bildschirm mit ständigen Wiederholungen. Obwohl ihr Flug auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben wurde, lohnte es sich nicht mehr für sie, den Flughafen zu verlassen, um ihre Zeit noch irgendwie sinnvoll zu nutzen. Sie waren einfach schon zu müde und gelähmt dafür vom vielen Warten.

Eine meiner ersten Predigten handelte von der geistlichen Lähmung. Ich las mit den Geschwistern aus Haggai 1:2-8 „Dieses Volk sagt: ‚Die Zeit ist noch nicht gekommen, das Haus des HErrn zu bauen‘. … ‚Ist es etwa für euch selber an der Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus verödet daliegt? Und nun, so spricht der HErr der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege! Ihr habt viel gesät, aber wenig eingebracht; … Steigt hinauf ins Gebirge und bringt Holz herbei und baut das Haus! Dann werde ich Gefallen daran haben und mich verherrlichen, spricht der HErr. Ihr habt nach vielem ausgeschaut, und siehe, es wurde wenig. Und brachtet ihr es heim, so blies ich hinein. Weshalb das?, spricht der HErr der Heerscharen. Wegen meines Hauses, das verödet daliegt, während ihr lauft, jeder für sein eigenes Haus.“ Sicherlich hatte nicht jeder Bruder die Begabung zum Evangelisieren. Aber gerade alte Geschwister konnten im Gebet hinter den Evangelisten stehen, so wie Simeon und Anna als alte Gläubige ihre Aufgabe im Tempel Gottes sahen. Daher bot ich mich an, für die Gemeinde einen regelmäßigen Büchertisch vorzuhalten, um die Leute in die Gemeinde einzuladen, damit sie sich bekehren. Rolf fand das eine gute Idee: „Wir hatten früher schon mal einen Büchertisch und aus jener Zeit auch noch viele Kartons mit Traktaten. Ich wäre sehr froh, wenn diese endlich unters Volk kämen.“

Bruder Michael (75), ein ehemaliger Physiklehrer, erklärte sich bereit, diesen Dienst mit mir zu tun. Ich besorgte zwei Tapeziertische und meine evangelistischen Schilder, während Michael eine Kiste mit Verschenk-Taschenbüchern über die Evolutionstheorie mitbrachte, die er jedes Mal auf einem der Tische auslegte. Eines meiner Schilder gefiel ihm jedoch nicht, weil es kein Bibelvers war: „‘Jesus macht frei und glücklich‘ – das ist ein falsches Evangelium, denn es verkürzt die Botschaft Jesu auf einen Teilaspekt, weil das Gericht verschwiegen wird.“ – „Aber wir wollen die Leute doch einladen und nicht einschüchtern. Macht der HErr etwa nicht frei von Sünde und dadurch glücklich?“ – „Ja, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn man nicht auch die Leute vor der Hölle warnt, ist das nur Wischiwaschi und ein Friede-Freude-Eierkuchen-Evangelium.“ – „Aber auf dem anderen Schild steht: ‚Ändert euer Denken, denn das Reich Gottes ist nahe gekommen!‘ – Dadurch ist die Botschaft insgesamt vollständig.“

Damit die Leute auch bereit sind, in unsere Gemeinde zu kommen, stellten wir den Tisch vorm Einkaufszentrum Berliner Freiheit auf, wo es überdurchschnittlich viele Ausländer gibt. Immer wieder hatten wir Gespräche mit Muslimen, die ihren Islam rechtfertigen wollten. Obwohl Marcus eigentlich vorerst nicht mehr missionieren wollte (da er ja inzwischen keine Heilsgewissheit mehr hatte), kam er immer wieder mit als Begleiter und Zuschauer. Doch nach zwei Monaten sah es zunächst so aus, als ob die ganzen Einsätze umsonst waren, da kein einziger Fisch anbiss. An einem Sonntag kam aber auf einmal eine kleine Dame in unsere Gemeinde, die ganz in der Nähe wohnte und mal neugierig war. Ingrid war Buddhistin und alleinlebend. Sie wollte den christlichen Glauben näher kennenlernen, vor allem aber deshalb, um ihn in ihr synkretistisch-esoterisches Weltbild zu integrieren. Nach mehreren Gesprächen nach dem Gottesdienst lud ich sie zu unseren Hauskreis ein. Der HErr schenkte Gnade und Ingrid bekehrte sich dann, nachdem ihr durch das Abendmahl auf einmal klar wurde, warum der HErr Jesus für unsere Sünden sterben musste. Da sie früher in der Krankenpflege gearbeitet hatte, verstand sie sich gut mit meiner Schwester Diana.


Oktober bis Dezember 2023

Exorzismus-Versuche

An einem Tag schrieb mich ein Christ aus Husum an, der um seelsorgerliche Hilfe bat. Martin (45) war nach eigener Aussage dämonisch besessen und leide schon seit Jahren unter dämonischen Angriffen, die sich durch lästerliche Gedanken und Worte äußerten. Er sagte, dass er schon bei ganz vielen Predigern war, die aber alle nicht bereit waren, ihm die Dämonen auszutreiben. Da ich selbst auch keine Erfahrung mit Exorzismus hatte, war ich zunächst etwas ratlos, wollte ihn aber nicht hängen lassen, sondern lud ihn zu mir nach Bremen ein. Am Sonntag gingen wir dann zusammen in die Brüdergemeinde, und ich erklärte den Brüdern dort nach dem Gottesdienst unser Anliegen. Ich schlug vor, ob wir nicht einfach zusammen unter Gebet und Flehen mit Gottes Hilfe die Dämonen austreiben könnten. „Wenn Du das willst, dann mach es“ sagte Bernd verlegen. Wir gingen in den Keller und beteten gemeinsam für Martin. Dann nahm ich eine Bibel und rief laut: „Im Namen des HERRN JESUS CHRISTUS fahre von ihm aus, du unreiner Geist!“ Auf einmal machte Martin unheimliche Grunz-Geräusche. Ich wiederholte den Satz noch ein weiteres Mal. Da kam eine Stimme aus Martin, die mich anbrüllte: „HALT DIE FRESSE!“ In dem Moment hatte ich den Eindruck, dass ich besser nicht weitermachen sollte, da mir die Erfahrung mit Dämonen fehlte.

Wir verabschiedeten uns von den Brüdern und stiegen ins Auto. Martin war sehr enttäuscht, da es für ihn sozusagen die letzte Hoffnung war. Er berichtete mir, dass er in seiner Verzweiflung sogar schon mal zu einem Voodoo-Priester gegangen sei, um durch Orakelmethoden Kontakt mit seinen Geistern aufzunehmen und Reinigungsrituale durchzuführen. Für diese „Behandlung“ verlangte er von ihm 10.000,- Euro, weshalb er einen Kredit aufnahm, den er bis heute abbezahlen müsse. Geholfen habe der faule Zauber ihm am Ende nicht, sondern er hatte den Eindruck, dass es sogar schlimmer mit ihm geworden sei. „Wie konntest Du nur so töricht sein! Du hast durch diese Gräuelsünde wahrscheinlich jetzt erst recht Dämonen aufgenommen, die Dich so schnell nicht verlassen werden. Du musst darüber Buße tun und den HErrn um Vergebung bitten, damit Er Dir noch einmal gnädig sei. Das ist das Mindeste.“ – „Das hab ich doch alles schon viele Male. Aber was soll ich denn sonst noch tun. Mehr geht doch schon gar nicht mehr!“ – „Grundsätzlich weichen die Dämonen, wenn wir beten und Gott um Vergebung und Gnade anflehen. Aber Gott schaut auf das Herz, ob es wirklich demütig und zerbrochen ist. Wenn Du wirklich Deine Taten aufrichtig bereust, dann wird der HErr Dich befreien, denn dazu ist er gekommen. Ich kenne eine schwarzafrikanische Gemeinde hier in Bremen, die Exorzismus praktiziert. Wenn Du willst, kann ich Dich dorthin fahren, denn ihre Gottesdienste ziehen sich über Mittag hinweg.“ – „Ja, bitte, Simon.“

Ich fuhr mit Martin ins Bahnhofsviertel, wo es in der Findorffstraße eine englischsprachige Gemeinde gab, deren Predigten man aufgrund der Lautstärke schon von der Straße aus hören konnte. Wir gingen in die Chapel hinein und setzten uns ganz hinten hin, um der Predigt zu lauschen. Es ging um Kindererziehung, und der schwarze Prediger hatte etwas an einem Whiteboard gezeichnet, dass er der Gemeinde erklärte. Als dann der Gottesdienst mit ähnlich temperamentvollem Gebet und Lobgesang endete, wurde mir erst bewusst, dass es sich um eine Pfingstgemeinde handelte, – was mir ein etwas mulmiges Gefühl gab, dass Martin vielleicht auch jetzt wieder eine Enttäuschung erleben könnte und vom Regen in die Traufe komme. Dennoch vertraute ich auf die Zusage Gottes, dass wir im Namen Jesu die Dämonen austreiben können und Er Seine Gnadengaben nicht bereut (Mark.16:17, Röm.11:29). Wenn Martin heute von unreinen Geistern befreit wird, dann entspricht dies dem Willen Gottes in Jes.58:6.

Wir gingen nach vorne, und ich fragte den Pastor, ob er dem Martin die Dämonen austreiben könne. Er nickte und bat die Gemeinde, ihn dabei durch Gebet und Flehen zu unterstützen. Dann fragte er Martin, ob er Heilsgewissheit habe, was dieser verneinte. „Do you want to receive Jesus in your life and confess your sins?“ ich übersetzte es und Martin willigte vorsichtshalber ein. Ich konnte mir das nur so erklären, dass Martin so verzweifelt war, dass er lieber all seinen bisherigen Glauben für nichtig erklärte in der Hoffnung, noch einmal ganz von vorne anfangen zu dürfen, indem er seinen Glauben auf Werkseinstellung zurückstellen ließ. Und dann ging der Exorzismus los, indem der Prediger zusammen mit einem Assistenten laut und unmissverständlich die Dämonen aufforderte im Namen des HErrn Jesus den Martin zu verlassen. Wieder ertönte dieses unheimlich blubbernde Lippenflattern von Martin, das sich wie ein stöhnendes Grunzen anhörte. Doch statt dass Martin benommen zu Boden sank und man das Verschwinden der Geister spürte, blubberte Martin in einer Tour, so dass die beiden Schwarzen ihr Beschwören der Dämonen unzählige Male fortsetzten. Martin machte einen verzweifelten Blick, als würde man seinen Kopf immer wieder unter Wasser drücken, so dass er kaum noch Luft kriegte. Ich machte mir nun ehrlich Sorgen um Martin und fragte mich, ob ich ihn da irgendwie herausholen müsste. Ich versuchte, seinen Blick mit dem meinigen zu erreichen und ihm zu signalisieren, dass ich das abbrechen könne, wenn er wolle. Immer und immer wieder brüllte der Prediger ihn an. Ich dachte: Die bringen ihn noch um!

Ich ging dann auf Toilette, um in Ruhe zu beten und Gott zu bitten, dass Er doch eingreifen möge, um den Martin zu retten. Dann ging ich wieder in den Gemeinderaum hinein, wo die ganze Gemeinde inständig für die Befreiung von Martin betete. Inzwischen waren die beiden Männer schweißgebadet, als würden sie direkt einen Ringkampf mit den Dämonen machen. Die Stimme des Predigers musste schon richtig heiser sein bei all dieser Schreierei. Nach etwa einer Stunde gaben die Brüder erschöpft auf. Sofort ging ich zu Martin und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Überraschenderweise jammerte Martin nicht, sondern erklärte, dass ihm der Exorzismus schon sehr geholfen habe, da ihn einige Dämonen auf jeden Fall verlassen hätten. „Ich spüre eine deutliche Erleichterung.“ Auch die Brüder bestätigten einen Teilerfolg, erklärten aber dann, dass seine Dämonen sehr hartnäckig seien und es deshalb eines noch erfahreneren Exorzisten bedürfe, dessen Namen sie mir dann aufschrieben mit Telefonnummer. Ich fand das alles doch mehr als lächerlich, denn in der Bibel wurden die Dämonen immer vollständig und auf einen Schlag ausgetrieben. Dieser pseudofromme Budenzauber überzeugte mich nicht. Ich konnte mir vorstellen, dass es hier um einen Psychodruck handelt, durch den eine Austreibung nur suggeriert wird.

Als wir wieder im Auto saßen, erzählte ich Martin von meinem Eindruck: „Wenn Gott Dich hätte befreien wollen, dann hätte Er es schon getan.“ – „Willst Du damit sagen, dass Er mich nicht mehr befreien will?“ – „Nein, sondern dass Er Dich aus bestimmten Gründen noch nicht befreien kann bzw. will, weil Du die Voraussetzungen noch nicht erbracht hast. Du redest häufig mit sehr viel Trotz, anstatt demütig zu sein…“ – „Wer kann mir das verdenken – nach all den Jahren des Leidens!“ – „Mag sein. Aber das ist nicht das zerbrochene Herz und der zerschlagene Geist, der Gott wohlgefällig ist. Der Räuber am Kreuz sagte, dass er die Strafe verdiene wegen seiner vielen Sünden. Von Dir habe ich aber noch keine echte Reue vernommen, sondern Du nimmst es als selbstverständlich, dass Gott Dir helfen muss, als sei es ein Anspruch, den Du hättest.“ – „Ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe. Aber ich bin einfach tief enttäuscht, dass mich die Gläubigen bisher alle nur enttäuscht haben und keiner mir helfen will oder kann. Ich gebe aber nicht auf. Sag mal, hier in Bremen gibt es doch den Pastor Olaf Latzel. Kannst Du den nicht mal anrufen und ihn fragen, ob er mir die Dämonen austreibt?“ – „Du hörst Dich an wie Balak, der König von Moab, der den Bileam immer wieder zu einem anderen Ort führte, um Israel von dort aus zu verwünschen. Wenn Gott Dich noch nicht heilen will, dann wirst Du auch an keinem anderen Ort Erfolg haben, sondern solltest es demütig aus Gottes Hand annehmen.“ – „Ja, aber bitte gib mir noch diese Chance und bitte Bruder Latzel um einen Termin. Bitte, bitte!“ – Ich tat ihm den Gefallen und fragte Olaf. Er antwortete, dass das nicht von heute auf morgen möglich sei, sondern Martin erst einmal einen Termin im Sekretariat der Gemeinde machen solle. Außerdem sei es auch nicht mit einer einzigen Sitzung getan, sondern würde sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Ich fand das sehr merkwürdig und auch unpraktisch, da Martin ja in Husum wohnte. Martin aber war einverstanden und verabredete sich mit Olaf. Später erfuhr ich, dass auch das alles nichts gebracht hatte und er noch immer nicht frei sei von seinen Dämonen.


Das Gericht fängt am Hause Gottes an

Anfang Oktober erhielt ich von Bruder Norbert Homuth (77) aus Fürth mal wieder seine neueste Ausgabe der „Glaubensnachrichten“, die er inzwischen schon seit 50 Jahren herausgab. Sein Leitartikel war wie gewohnt provokant: „Rauchende Prediger“. Es ging darin nicht nur um Prediger wie Wilhelm Busch oder C.H. Spurgeon, sondern auch um Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 – 1760), den Homuth schon oft scharf kritisiert hatte wegen dessen Schwärmerei. Jetzt aber unterstellte er ihm, dass dieser treue Gottesmann angeblich ein Raucher war, obwohl es dafür nicht einen Beweis gab. Um seine These zu belegen, zeigte er eine Zigarrenwerbung aus dem 19.Jh. von einer Fa. Dürninger aus Herrnhut, die mit dem Porträt von Zinzendorf warb. Unter dem Bild hatte Homuth geschrieben: „Zinzendorf finanzierte sein Werk großenteils mit Tabakhandel…“ Diese Behauptung – wie auch weitere in diesem Artikel – war frei erfunden und diente allein der Verleumdung und Rufschädigung. Obwohl Norbert und ich uns schon seit 37 Jahren kannten und er für seine provokante Ausdrucksweise und seine reißerischen Artikel eine gewisse Beliebtheit genoss bei den Gläubigen in Deutschland, hatte er in den letzten Jahren nicht nur immer häufiger Rufmord verübt, sondern verbreitete auch immer öfter gefühlte Wahrheiten (Fake-News), da er sich nicht die Mühe machte, erst einmal gründlich zu recherchieren im Internet, das er ohnehin ablehnte. Er schrieb das, was seine inzwischen betagte Leserschaft gerne lesen wollte, nämlich Skandale innerhalb der deutschen Christenheit, um sich dadurch selbst als gerechter zu sehen.

Obwohl ich Bruder Norbert schon öfters zurechtwies und ihm Fehler in seiner Berichterstattung nachwies (z.B. über Corona, die Babytaufe oder das Malzeichen), reagierte Norbert keineswegs gekränkt, sondern ganz im Gegenteil schickte er mir sogar öfters Spenden wegen meiner regelmäßigen Rundbriefe und Biographie-Episoden, die er nach eigenem Bekunden „jedes Mal in eins durchlas“. Er fühlte sich mit mir aufs Engste verbunden, teilte aber in Vielem nicht meine Meinung. Seine Spenden hatten dadurch etwas Kompromittierendes, so als wollte er mich bestechen, damit ich ihn künftig nicht mehr ständig so kritisierte. Um diesem Verdacht keinen Raum zu geben, ließ ich mich nicht beirren, sondern übte auch diesmal wieder Kritik an seiner Zinzendorf-Verleumdung, indem ich von ihm Nachweise erbat für seine Behauptungen. Eine Antwort erhielt ich aber diesmal nicht, und es sollte auch die letzte Ausgabe der Glaubensnachrichten gewesen sein, denn Norbert starb Ende Oktober, wie ich von einem Bruder erfuhr (sein schon vor zehn Jahren behandelter Krebs war zurückgekehrt und hatte neue Metastasen gebildet). Gab es einen Zusammenhang zwischen seinem verleumderischen Artikel und seinem Tod im Sinne von Spr.29:1? Oder war es bloß seinem Alter geschuldet? Auffällig ist, dass im Jahr 2023 ungewöhnlich viele Gläubige, die ich kannte, heimgeholt wurden. Manche hatten ja schon ihr Alter erreicht wie etwa der OM-Gründer George Verwer oder Uwe Holmer, der 1990 die Honeckers bei sich aufnahm. Aber wenn ein Christ vor der Zeit stirbt, hat es nicht selten etwas mit Gericht zu tun (s. 1.Kor.11:30).

Anfang November klingelte es bei mir an der Tür. Es war ein Russlanddeutscher Glaubensbruder namens Eugen, der gerade Traktate verteilte und auf das Schild an meinem Haus aufmerksam wurde: „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Zu meiner Überraschung wohnte Eugen nur 200 m von meinem Haus entfernt. „Wie kommt es, dass Dir mein Haus bisher nie aufgefallen ist?“ – „Tatsächlich hatte ich bisher keine Veranlassung, bei Dir vorbeizugehen.“ Eugen (50) lebte allein, arbeitete bei Mercedes, spielte Gitarre, ging aber in keine Gemeinde. Ich lud ihn ein zu unserem Hauskreis und er sagte sofort zu. Zu jener Zeit stieß auch ein gewisser Andreas zu uns, den die Lotte an einem Tag mitbrachte. An einem Abend teilte uns David mit, dass er nicht mehr an die Allversöhnung glaube. Für mich war dies absolut kein Problem, und ich ahnte schon den Grund, da er regelmäßig Freitag abends ab 20:00 Uhr mit der Werde-Licht-Mission am Hauptbahnhof evangelisierte und sie es ihm nicht erlaubt hätten, wenn er nicht der Allversöhnung abgeschworen hätte. Doch dann passierte im Dezember etwas Merkwürdiges: Seit zwei Wochen war David schon gar nicht mehr zum Hauskreis gekommen. Aber dann kam auch Lotte nicht mehr, auch nicht mehr Eugen und Andreas, so dass ich mit Marcus und Ruth allein im Wohnzimmer saß. Ich schrieb David eine Nachricht, und er antwortete mir, dass er den Abend mal mit seiner Frau Geraldín verbringen wolle. Dann fragte ich Lotte, und sie schrieb mir, dass Andreas sie und David zu seinem eigenen Hauskreis eingeladen hatte bei sich im Haus, der zeitlich genauso wie bei uns um 18:00 Uhr stattfand.

Auch eine Woche später kam keiner mehr, so dass ich mir Sorgen machte. Ich fragte in unserer What´s-App-Gruppe, was denn los sei. Lotte war die einzige, die mir antwortete. Sie machte mir viele Vorwürfe, dass ich für sie kein Vorbild mehr sei, weil ich zwar auf der einen Seite immer wieder meine Vorsätze mitgeteilt habe, z.B. auf WhatsApp und YouTube zu verzichten, sowie auch mein Interesse an der Politik aufzugeben, aber am Ende doch immer wieder rückfällig werde und inkonsequent sei. Ich räumte Lotte gegenüber meine Schwachheit ein und bat sie um Vergebung. Für mich war dies aber kein Grund, mir die Gemeinschaft aufzukündigen, zumal ich nie behauptet hatte, ein fehlerloser Christ zu sein. Lotte sah es jedoch so, dass ich noch in Sünde leben würde und sie deshalb keine Gemeinschaft mit mir haben könne. Scheinbar sahen das die anderen Geschwister ähnlich, auch wenn sie mir nie ihre Gründe sagten. Auch meine Schwester Diana wollte in Zukunft nicht mehr kommen, aber sie hatte einen verständlichen Grund: Ihr Ehemann Axel hatte sich vor ein paar Wochen aufgemacht und Gott gesucht, nachdem er sich an seinem Arbeitsplatz, der Bremer Tafel, mit ukrainischen Pfingstlern unterhielt, die ihn in ihre Gemeinde eingeladen hatten. Dort erfuhr er seitdem so viel Liebe und Zuwendung, dass dies quasi seine neue Familie wurde. Er fing jetzt auch an, regelmäßig in der Bibel zu lesen, was er früher nie tat. Diana wollte ihn von nun an auf diesem Weg begleiten und mitgehen in seine Gemeinde.

Von einem Moment zum anderen hatte also der gesamte Hauskreis sich aufgelöst. Das war sehr bitter, denn wir trafen uns ja seit fast zwei Jahren jede Woche, und jetzt verabschiedeten sie sich noch nicht einmal von mir. Allerdings tröstete der HErr mich genau zu jener Zeit durch ein Ehepaar, das ich in der Brüdergemeinde kennengelernt hatte. Sascha und Tatjana waren schon ein paar Mal gekommen, aber an einem Sonntag nach einer Predigt, die ich gehalten hatte, kam Sascha auf mich zu und sagte, dass er mal im Internet nach mir gegoogelt hatte und auf meine Hörbuch-Biographie gestoßen sei. Er habe schon mehrere Episoden mit seiner Frau gehört und fand die sehr interessant. Daraufhin lud ich ihn ein, zu uns nach Hause zu kommen zur Bibelstunde. Die beiden kamen, und von dem Tag an freundeten wir uns an. Sascha arbeitete in der Computerbranche und wollte Tatjana im Frühjahr heiraten. Sie fragten mich auch, ob ich sie taufen könnte, was ich sehr gerne tat. Sascha wurde zum fleißigen Bibelleser und stellte mir fast jeden Tag Verständnisfragen, die mir zeigten, dass er ein sehr aufmerksamer Bibelleser war, dem wirklich nichts entging. Er entdeckte sogar die unscheinbarsten Widersprüche, die ich ihm jedoch in den meisten Fällen erklären konnte. Zum Thema Allversöhnung wollte er sich nicht positionieren, da das für ihn (noch) nicht dran war. Was ihn aber umso mehr interessierte, war die Frage der Gottheit Jesu. Er hatte sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und kam für sich zu keinem anderen Schluss, als dass der HErr der Sohn Gottes, nicht aber Gott selbst sei. Wegen dieser Meinung wurde er schon bald von vielen Christen verketzert und verteufelt. Dafür, dass er erst ein Jahr Christ war, ertrug er die Ablehnung tapfer.

Seit dem Tod von Christine war Marcus mit allem überfordert, unter anderem auch mit seiner Havaneser-Hündin Biene, die er in unsere Obhut gab. Es dauerte nicht lange, da verliebte sich Ruth die kleine Hündin und fragte ihn, ob er sie uns nicht ganz überlassen könne. Marcus war jedoch nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten, da er Angst hatte, eine falsche Entscheidung zu treffen. Als ich an einem Abend mit Biene Gassi ging, traf ich unsere Nachbarin Irmtraut Förster (80), die immer ein sehr mürrisches Gesicht machte, jedes Mal, wenn ich sie grüßte. Wir plauderten zunächst über Belangloses; da sie aber nicht aufhörte zu reden, lenkte ich das Gespräch auf den Glauben. Zu meiner Überraschung erklärte sie mir, dass sie auch gläubig sei und früher in eine Freikirche ging. Daraufhin lud ich sie zu unserem nicht mehr vorhandenen Hauskreis ein, und sie kam prompt. Von da an kam sie regelmäßig, hielt sich jedoch mit Fragen und Anregungen zurück. Umso redseliger war sie dann beim anschließenden Abendessen, bei dem sie uns immer wieder ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählte. Sie war eben einsam und genoss die Möglichkeit, dass ihr endlich mal jemand wieder zuhörte.

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(Jim Elliott)