„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

– „Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 9

 

Februar bis Juni 2018

Du wirst mit dieser Lehre einer der größten Verderber der Gläubigen

Als ich aus Peru zurückgekommen war, fand ich wie gewöhnlich eine Menge Post vor, die mein Bruder Marcus während meiner Abwesenheit regelmäßig aus dem Briefkasten geholt hatte. Nachdem ich die geschäftliche Post aussortiert und beantwortet hatte, machte ich mich an die privaten Briefe, von denen vor allem jene von Bruder Bernd und Bruder Friedemann mich ziemlich schockierten. In beiden ging es um die Frage, ob es für das Verbot der Wiederheirat Ausnahmen in der Schrift gibt oder nicht. Ich hatte ja drei Monate vorher meinen Standpunkt in dieser Frage geändert, indem ich zuvor der Überzeugung war, dass ein unschuldig Geschiedener wieder heiraten dürfe aufgrund von 1.Kor.7:27-28, wo es wörtlich heißt: „Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht, sie los zu werden; bist du gelöst worden* von einer Frau, so suche keine Frau! Wenn du aber doch heiratest, so sündigst du nicht; und wenn die Jungfrau heiratet, so sündigt sie nicht; aber solche werden Bedrängnis für das Fleisch haben; ich aber möchte euch schonen.“ Meine Argumentation war zunächst, dass ein Gelöstwerden nur eine Scheidung bedeuten könne. Denn wenn hier mit dem Gelöstwerden der Tod gemeint sei, dann hätte Paulus in Vers 27 die Verheirateten gebeten, dass sie ihre Frauen nicht umbringen sollten, was absurd wäre (*griech.: LÄLYSAI ist die Perfekt-Passiv-Form des Verbs LY’Oo = lösen).

Mir war aber durch Bruder Wolfgang Ruland aufgefallen, dass Paulus in Vers 39 nur den Tod eines Mannes als Möglichkeit nennt, wieder neu heiraten zu dürfen. Und auch Vers 11 ließ keinen Spielraum für eine Wiederheirat, sondern nennt nach einer Trennung nur die Möglichkeiten des Ledigbleibens oder der Versöhnung. Zu Vers 27 kam mir die Idee, dass auch durch eine Verlobung oder ein unverheiratetes Zusammenleben eine Bindung entsteht, die ja schließlich auch gelöst werden könnte. Nach einer ungewollten Verlobungsauflösung empfiehlt Paulus, nicht nach einer anderen Frau Ausschau zu halten, man sündige aber nicht, wenn man trotzdem heiratet. So machte alles Sinn und es gab für mich keinen Widerspruch mehr. Bernd hatte jedoch im Dezember in einem 15-seitigen Brief u.a. behauptet, dass mein Auslegungsvorschlag eine „Wunschkonstruktion“ sei, die zwar „in die eingeschlagene Auslegungsrichtung passen und diese bestätigen“ würde, aber außer Acht ließe, dass es hier generell um die Frage ginge, „ob Männer die … nicht an eine Frau gebunden sind, die Ehelosigkeit anstreben sollten“.

Des Weiteren hatte Bernd die Bedeutung eines Scheidebriefes gemäß 5.Mose 24:1-4 hervorgehoben, durch welche eine Verstoßene, die darauf angewiesen war, durch einen neuen Ehemann versorgt zu werden, nachweisen konnte, dass sie rechtlich verbindlich geschieden wurde, damit der Ehemann sie später nicht zu Unrecht als Ehebrecherin verklagen konnte. Aber mal abgesehen davon, dass eine Frau heute selber arbeiten kann und nicht versorgt werden muss, widersprach diese Regelung der verschärften Auslegung des HErrn Jesus: Denn wer sich einer Entlassenen erbarmt, indem er sie heiratet, um sie zu versorgen, der würde ja nach Jesu Worten als Dank zum Ehebrecher. Und was war mit jungen Witwen, die keinen Mann mehr finden? Auch die mussten doch schließlich arbeiten, um zu überleben. Überhaupt leuchtete mir auch Bernds Argumentation nicht ein, dass man bei einem kategorischen Verbot der Wiederheirat die Gläubigen zur Hurerei verleiten würde, da man die menschliche Schwäche ja dann auf alle Gebote Gottes anwenden könnte, um diese nicht einhalten zu brauchen. Schließlich müssten ja sogar nach Bernds Auffassung schuldhaft Geschiedene ehelos bleiben, obwohl sie keine Gabe dazu hatten.

Bruder Friedemann wollte sich an dieser Debatte nicht beteiligen, zumal er aufgrund seiner Ehe mit einer ungewollt Geschiedenen selber betroffen und sich für befangen erklärte. Bernd hingegen hatte in seinem neuen Brief nun zum Rundumschlag gegen mich ausgeholt, wobei er diesmal in völlig untypischer Weise auf biblische Begründungen verzichtete, sondern eine lange Anklageschrift gegen mich verfasst hatte, die aus lauter Vorwürfen bestand über alles Mögliche, was ihm in den letzten Jahren bei mir aufgefallen sei: „Ich denke inzwischen ähnlich wie Friedemann, dass Du in den 18 Jahren im Reich der Finsternis eher rückwärts als vorwärts gekommen bist und noch oder wieder ein Jungspross im Glauben bist, der in die Fangschlinge des Teufels gekommen ist.“ Über meine Überlegung, mit Ruth später mal nach Südamerika auszuwandern, schrieb er: „An die Schwachen, denen dieser Weg von vornherein verschlossen ist, denkst du dabei mit keiner Silbe. Damit hast Du die Liebe Gottes, die auch in Dein Herz ausgegossen wurde (Rö5,5), massiv verleugnet.“ Zu meiner Kritik an Friedemann, dass er einen Israel-Fetischismus betreibe und der Staat Israel heute noch nicht das Volk Gottes sei, sondern von Gott allen anderen gottlosen Staaten gleichgestellt sei, schrieb Bernd: „Dein noch verlorener Bruder Juda steht Deinem Herzen nicht näher als alle anderen Menschen. Zuvor sah ich nur, dass Du die judaisierenden Christen herzlos kritisierst …Obwohl Du 18 Jahre lang ein verlorener Sohn warst, ist Deine Haltung gegenüber Deinem noch verlorenen Bruder Juda die des daheim gebliebenen Bruders.“ Hier fragte ich mich: Seit wann ist Juda denn schon bekehrt?!

Meine aus seiner Sicht „rabiate“ und „undurchführbare“ Forderung, dass Geschiedene grundsätzlich zur Enthaltsamkeit verpflichtet sind, erinnerte ihn an den erbarmungslosen Rigorismus von Daniel Werner, der sogar die Auflösung von zweiten Ehen verlangt hatte, selbst wenn aus dieser schon Kinder hervor gegangen waren: „Merkst Du nicht, dass Du damit die Liebe zu den Mitchristen völlig aufgegeben hast? Merkst Du nicht, dass Du mit dieser Lehre einer der größten Verderber der Gläubigen und Schänder des Evangeliums wirst?“ Meine Gemeinschaft mit Bruder Wolfgang Ruland bezeichnete er als „geistliche Hurerei“: „Du hättest ebenso mit dem Teufel darüber diskutieren können … Wie fast immer bei Irrlehrern bist auch Du anscheinend verliebt in deine Wiederheiratslehre, und der andersartige Geist drängt dich, sie möglichst schnell unter die Leute zu bringen“. Und als ob dies alles noch nicht genug sei, toppte Bernd sein Urteil über mich noch damit, dass er mich mit dem Teufel verglich, der – so wie ich mit meiner hohen Begabung und meinem großen Freundeskreis – sich überhob „infolge des Vielseins seines Handels“ (Hes. 28:16). Zum Schluss zitierte er noch kommentarlos Gottes Vorwurf in Jer.3:13, dass Israel mit Seinem „Gott gebrochen“ habe und „unter jedem grünen Baum zu den fremden Göttern hin und hergelaufen“ sei.

Nun war ich wirklich geplättet und fassungslos. Denn Bernd war ja nicht nur irgendein Bruder für mich, sondern mein Lehrer, den ich immer wie einen Vater verehrte. Das meiste, was ich bisher gelernt hatte, hatte ich ja von ihm gelernt. Und jetzt schreibt er mir auf einmal so viele schwerwiegende  Vorwürfe, die so ziemlich allem widersprechen, was er selbst mir in den letzten Jahren beigebracht hatte. Zum Beispiel sagte er immer, dass man vor jeder Kritik einem Bruder erstmal seine Wertschätzung zum Ausdruck bringen sollte, damit er die Kritik auch verkraften kann. Dann lehrte er mich, dass Kritik niemals grausam und lieblos sein dürfe, sondern nach 1.Kor.13:4 „milde“, wörtlich sogar „gebrauchsfähig“, d.h. so zugeschnitten, dass jemand nicht daran erstickt, sondern sie noch runterschlucken kann. In einem Brief schrieb er mir mal selbst: „Bei dem Trümmerfeld an zerbrochenen Beziehungen unter Brüdern heute, sollten wir einander höher achten als uns selbst, anstatt übereinander leichtfertige und sehr oft unberechtigte Urteile zu fällen.“ Und warum hielt Bernd sich jetzt nicht selber daran?

Und dann hatte ich immer wieder von Bernd gelernt, dass man nach 1.Kor.4:5 niemals die Gesinnung und die Motive eines Menschen verurteilen darf, sondern nur seine sichtbaren Taten. Vor allem sollen wir nie ein „Totalverwerfungsurteil“ über einen Bruder aussprechen gemäß Mat.5:22, so wie Bernd es jetzt selbst tat gegen Wolfgang, den er dem Teufel gleichsetzte. Merkte Bernd denn nicht, dass er sich dadurch selbst verurteilt hatte (Mat.7:1-2, Röm.2:1-4)? War das etwa kein Brudermord, den Bernd hier an einen unbescholtenen Bruder begangen hatte (1.Joh.3:15)? Bernd schrieb mir mal in Bezug auf einen anderen Bruder namens Elmar, der mir ständig unterstellte, dass ich noch gar nicht errettet sei, ohne Gründe dafür zu nennen: „Wo kein ausdrückliches Gebot Gottes verletzt wurde, gilt das allgemeine Richtverbot“. Aber gegen welches Gebot hatte Wolfgang verstoßen, dass er ihn einfach als „Gesetzlosen“ verunglimpfte? Nur weil er in Auslegungsfragen eine andere Bibelauslegung hatte als Bernd und es ihm gelungen war, mich zu überzeugen, konnte Bernd uns hier doch nicht einfach „geistliche Hurerei“ vorwerfen. Soll die Weisheit Gottes nach Jak.3:17 nicht immer bereitwillig sein, sich überzeugen zu lassen?

Bernd hatte sich verrannt – das stand für mich fest. Und es sollte nicht der einzige Zankapfel sein, der in den nächsten Jahren unsere Freundschaft zueinander auf die Probe stellen sollte. Aber die Chancen zu einer Versöhnung standen gut, denn wir wollten ja beide den Frieden. Aber es sollte noch ein ganzes Jahr dauern, bis wir endlich zu einem Kompromiss fanden in der Frage der Wiederheirat, indem wir uns in der Mitte trafen. Um einmal sämtliche Streitpunkte gemeinsam auszuräumen nach dem Vorbild von Apg. 15, verabredete ich mich für Ende März mit Friedemann bei Bernd in Ludwigsstadt, um übers Wochenende unser eigenes, kleines „Konzil“ abzuhalten. Dieses hatte jedoch am Ende noch nicht die erhoffte Übereinstimmung gebracht, aber immerhin die Einsicht, dass wir schon relativ nah beieinander liegen.


Ruth ist schon wieder in Todesgefahr

Ruths Rückflug nach Deutschland sollte diesmal erst zwei Wochen nach meiner Rückkehr erfolgen. Doch kurz vor ihrer Rückreise rief sie mich morgens um 4:00 Uhr aus Peru an und berichtete mir, dass sie zehn Stunden zuvor wegen starker Bauchschmerzen ins Krankenhaus musste und man bei ihr einen schweren Darmverschluss festgestellt habe. Da ihre Darmperistaltik schon seit mehr als 24 Stunden nicht mehr funktionierte, hatte man sie gewarnt, dass nach spätestens 48 Stunden die Darmwand platzen und es zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung kommen würde. Man hatte ihr bereits jede Menge Medikamente und Abführmittel verabreicht und ihren Darm den ganzen Tag mehrfach mit Ultraschall beobachtet, aber der Darm reagierte nicht. Ruth war wegen ihrer Blinddarm-OP im Vorjahr ohnehin eine Risikopatientin und hatte schon häufig Probleme mit Verstopfung, weil sie so viele Schmerzmittel nahm, die unter anderem auch die Darmbeweglichkeit verlangsamten. Aber diesmal war der Darm völlig gelähmt und die Ärzte sahen jetzt nur noch den Ausweg durch eine OP. Diese würde allerdings 25.000 Soles kosten, umgerechnet etwa 7.700,- Euro, und so viel Geld hatten wir gerade gar nicht. Ich versprach, dass ich mit Gottes Hilfe das Geld schon noch irgendwie auftreiben würde, aber Ruth sagte: „Lass mal, Simon, ich will auf Gott vertrauen, dass Er wieder ein Wunder tut so wie letztes Jahr, als ich im letzten Moment am Blinddarm operiert wurde. Aber ist das nicht merkwürdig, dass ich jetzt schon das dritte Mal in Todesgefahr bin? Denn schon vor zwei Jahren hatte der HErr mich ja bei diesem Unfall auf der Autobahn gerettet. Mir scheint, als würde ein Todesengel ständig versuchen, mir das Leben zu nehmen…“

Inzwischen war es in Lima 22:30 Uhr, und Ruth entschied sich gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte dafür, das Krankenhaus zu verlassen. Sie ging durch die menschenleere Straße der Avenida Arequipa und weinte, wobei sie ununterbrochen betete. Sie fragte Gott, warum Er dies zugelassen habe und was Er ihr damit sagen wolle. Sie erklärte sich einverstanden, wenn Gott sie jetzt in die Ewigkeit abberufen würde, fürchtete sich jedoch, noch nicht ausreichend zubereitet zu sein. Aber hatte sie sich wegen ihrer ständigen Schmerzen durch die Fibromyalgie nicht schon immer gewünscht, dass der HErr sie abberufen möge? Vielleicht hatte Gott jetzt dem Teufel erlaubt, sie zu töten, damit sie von ihrem Leidensjoch erlöst werde? Während sie so darüber grübelte, gelangte sie an die Straßenkreuzung der Calle Emilio Althaus, und da fiel ihr ein, dass hier ja ihr Tierarztkollege und Glaubensbruder Francisco Lopez wohnte. Sie ging zu dem Haus und klopfte an die Tür. Da machte ihr Franciscos Frau Rocio die Tür auf und sagte, dass Francisco noch mal zu einem Hausbesuch unterwegs sei, aber gleich wiederkommen würde. Als Francisco dann kam, erzählte Ruth den beiden von ihrer Not, und Francisco entschied, dass sie gemeinsam für Ruth beten sollten. Er holte auch die Flasche Öl aus der Küche, um Ruth zu salben im Namen des HErrn. Dann legte das Ehepaar Ruth die Hände auf und beteten gemeinsam für ihre Heilung.

Als alle das Amen gesprochen hatten und von den Knien aufstanden, ging Francisco zum Telefon, um einen befreundeten Arzt um Rat zu fragen. Doch in dem Moment spürte Ruth ein leichtes Grummeln im Bauch und sie erbat, auf Toilette zu gehen. Und plötzlich geschah das Wunder, dass Ruth nach tagelanger Verstopfung ein kleines „Ei“ legte. Dann wurde es immer mehr, so dass feststand, dass ihr Darm wieder in Bewegung geraten war. Freudestrahlend kam Ruth aus der Toilette und berichtete es den beiden. Da gingen sie wieder auf die Knie und dankten Gott für dieses Heilungswunder.


Der iranische Mitarbeiter

Mitte Februar ging es wieder los mit meiner Firma. Neben meinem Gesellen Peter und meinen Lehrlingen Lukas und Basamba, stellte ich auch Mohammed, meinen früheren Lehrling, als Malerhelfer ein, nachdem er die Lehre aufgrund seiner Sprachdefizite abgebrochen hatte. Mohammed hatte mich gebeten, ob ich auch noch seinen marokkanischen Landsmann Najib einstellen könnte, was ich dann auch tat. Auf einmal meldete sich mein ehemaliger Lehrling Simeon bei mir, der im Sommer 2017 seine Lehre wegen einer Alkoholtherapie unterbrochen hatte. Er sagte, dass er jetzt ein halbes Jahr lang in einer christlichen Gefährdetenhilfe in Cloppenburg untergebracht war, die von russlanddeutschen Pfingstlern geleitet wurde und wo er auch das Schweißen gelernt habe. Er sei jetzt völlig geheilt von der Alkoholsucht und voller Tatendrang, um seine Lehre bei mir fortzusetzen. Ich vereinbarte mit ihm, dass er bis zum Beginn des dritten Lehrjahrs erstmal nur als Geringfügig Beschäftigter bei mir arbeiten sollte, damit er nicht gleich wieder überfordert wird. Als er den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte und wir uns verabschieden wollten, sagte mir Simeon lächelnd: „Ich habe jetzt übrigens die Geistestaufe empfangen und kann in Zungen beten!“ Ich lächelte ihn an und sagte: „Das freut mich für Dich.“

An einem Abend rief mich der Pastor der iranischen Gemeinde in Bremen namens Ahmet an, in dessen Gemeinde ich im Jahr zuvor auch mal predigen durfte. Er erzählte mir, dass sein Schwiegersohn Mazyar mit seiner ganzen Familie nach Deutschland gekommen und auf Arbeitssuche sei. Mazyar Tabari (45) sei nicht nur gläubig, sondern auch Firmenchef eines Malereibetriebs auf Zypern gewesen, wo er die letzten Jahre gewohnt habe. Nun aber habe er durch eine Vision von Gott den Auftrag erhalten, die iranische Gemeinde in Bremen zu übernehmen und habe deshalb in den letzten Monaten Deutsch gelernt. Er müsse aber auch wieder als Maler arbeiten, um seine Familie zu ernähren. Als er hörte, dass ich auch gläubig sei, wollte er unbedingt bei mir anfangen, um auch geistliche Gemeinschaft miteinander zu haben. Ich sagte, dass ich ihn erstmal persönlich kennenlernen würde und Ahmet lud mich ein, am nächsten Tag mich mit Mazyar in Ahmets Wohnung zu treffen, wo sie alle untergebracht waren.

Als ich Ahmets Wohnung am nächsten Tag betrat, kamen mir alle fröhlich lächelnd entgegen mit einer überschwänglichen Herzlichkeit. Sie führten mich an einen reich gedeckten Tisch, an den alle Platz nahmen. Eigentlich war ich gar nicht darauf eingestellt, jetzt etwas zu essen, aber aus Höflichkeit wollte ich nicht Nein sagen. Nachdem wir gebetet hatten, bat ich Mazyar, doch mal zu erzählen, wie er zum Glauben kam. Er sagte, dass er bis vor 13 Jahren Muslim war und mit seiner Familie auf Zypern wohnte, nachdem sie 1979 aus dem Iran ausgewandert waren. Schon damals lebte er zusammen mit seinen Schwiegereltern Ahmet und Sofia in einem großen schönen Haus. Er litt damals ständig unter starken Rückenschmerzen und hatte immer häufiger Probleme, seine Arbeit zu verrichten. Eines Nachts hatte Sofia einen Traum. Sie träumte, dass ein Engel zu ihr sagte: „Es wird ein Mann in die Stadt kommen. Alles, was er euch sagen wird, sollt ihr tun.“ Sie war darüber aufgebracht und erzählte es ihrem Mann. Am nächsten Tag las ihre Tochter auf einem Plakat, dass am Wochenende ein „Heilungs-Gottesdienst“ in einer Freikirche stattfinden würde. Sie nahm das Plakat mit und zeigte es ihrer Mutter: „Mama, schau mal, da kommt ein Heiler in unsere Stadt. Das wäre doch eine Gelegenheit, dass ich mit Mazyar dort hingehe, damit er von seinen Rückenschmerzen geheilt werde!“ Die Mutter war skeptisch: „Das findet ja in einer christlichen Gemeinde statt. Da können wir aber nicht hingehen, denn wir sind Moslems und das sind Christen.“ Doch in jener Nacht erschien ihm wieder der Engel und sagte: „Höre auf deine Tochter und gehe mit deiner Familie dorthin in diesen Gottesdienst!“ Das erzählte sie am nächsten Tag ihrer Familie, und sie gingen an Wochenende zu dieser Veranstaltung zusammen mit Mazyar.

Doch als der Prediger aus den USA am Ende des Gottesdienstes dazu aufrief, dass alle nach vorne kommen sollen, die ihr Leben dem HErrn übergeben und von ihren Krankheiten geheilt werden wollten, weigerte sich Mazyar, nach vorne zu gehen und flüsterte seiner Frau zu: „Ich werde erst dann Christ, wenn ich vorher geheilt werde. Sonst nicht!“ Doch in jener Nacht erschien auf einmal Mazyar der Engel im Traum und sagte: „Du wirst erst geheilt werden, wenn du Christus als HErrn annehmen wirst.“ Daraufhin ging er am nächsten Tag wieder in den Abendgottesdient, nahm den HErrn an und wurde ein für alle Mal von seinen Rückenschmerzen geheilt. In der Folge kam dann auch seine ganze Familie zum Glauben.

Ich war sehr angetan von dem Zeugnis von Mazyar und deutete dies so, dass Gott offensichtlich bei den Muslimen viel häufiger durch Träume redet, wie es in Hiob 33 heißt. Mazyar erzählte mir noch, dass er eigentlich Reza heißt, aber er diesen Namen nicht mehr tragen wollte, weil dies ein muslimischer Name sei, während Mazyar der Name eines iranischen Nationalhelden ist, der die Araber bekämpft hatte und durch Verrat starb. Wir vereinbarten, dass ich ihn im März einstellen würde, sobald ich genug Aufträge hätte. Zudem luden wir seine Familie auch ein paar Wochen später bei uns zum Essen ein.

Drei Monate später bekam ich einen Auftrag von einer iranischen Großfamilie in Bremen-Borgfeld, und da passte es gut, dass ich vor allem Mazyar dort arbeiten ließ. Doch als ich nach einer Woche auf die Baustelle kam, sagte mir Mazyar: „Simon, heute morgen ist etwas vorgefallen: Ich kam auf die Baustelle und erzählte der 35-jährigen Tochter der Familie, dass ich jetzt Christ sei. Daraufhin erzählte sie es ihrer Mutter, und sie kam wütend zu mir und sagte, dass ich die Baustelle sofort verlassen solle, da sie keinen Verräter des Propheten in ihrem Haus haben wolle. Ich bat sie, dass sie mich doch wenigstens noch heute hier arbeiten lassen möge und sie willigte ein. Aber morgen musst du mich woanders hinschicken, denn ich darf hier nicht mehr arbeiten.“ Ich war schockiert über diese Nachricht und sagte sofort: „Das ist ja ungeheuerlich, was die da mit Dir machen! Da muss ich unbedingt mal mit denen reden, denn wir haben in Deutschland schließlich Religionsfreiheit.“ – „Nein, lass mal,“ sagte Mazyar, „für mich ist das kein Problem. Die Familie ist halt streng muslimisch, und da kann ich das schon verstehen. Behalt das einfach für Dich und schick morgen den Peter vorbei, um hier die Restarbeiten zu machen.“ Ich sagte: „Ach, Du Armer, Maziar, das tut mir ja so leid für Dich! Da leidest Du ja schon wirklich um des HErrn willen und nimmst es mit so viel Demut an! Möge der HErr Dir viel Kraft schenken und Dich segnen!

Dann schickte ich Mazyar auf Peters Baustelle und machte die Arbeiten im Hause selber weiter. Zu Feierabend kam die alte Mutter und die Tochter zu mir und lobten meine Arbeit. Da konnte ich es mir nicht verkneifen, ihnen in aller Höflichkeit zu sagen: „Ich war heute Vormittag ehrlich gesagt etwas traurig darüber, dass Sie meinen Mitarbeiter wegen seiner Konversion zum Christentum des Hauses verweisen wollten. Denn nach meiner Auffassung…“ Da unterbrachen mich beide: „Waaas?! Was erzählen Sie denn da! Das stimmt doch überhaupt nicht! Hat ihnen das etwa der Mazyar erzählt?“ – „Ja. Stimmt es etwa nicht?“ – „Nein, ganz und gar nicht!“ sagte die Mutter, „denn wir sind überhaupt nicht religiös! Mein Mann ist katholisch und unser Freundeskreis hier sind alles evangelische Christen.“ – „Aber warum hat er das dann behauptet?“ fragte ich entgeistert. „Ich weiß warum,“ sagte die Tochter; „Es war nämlich so: als er heute morgen kam, ging ich mit ihm durch das Haus und zeigte ihm Mängel an, wo er noch einmal nacharbeiten müsse. Er war jedoch sehr unwillig darüber und sagte zu mir auf Farsi: ‚Weißt du eigentlich, dass du im Iran als Frau gar nicht das Recht hättest, mich als Mann zu tadeln?‘ Da sagte ich zu ihm: ‚Das interessiert mich überhaupt nicht, was man im Iran tut, denn ich bin in Deutschland geboren und halte mich an die Deutsche Kultur. Außerdem habe ich Ihnen nicht erlaubt, mich zu duzen!‘“

Sie hatte es daraufhin ihrer Mutter erzählt, die daraufhin ins Haus ging und mit ihm schimpfte, dass er nicht mehr mit ihrer Tochter reden und erst recht nicht mit ihr flirten dürfe. „Er hat mit Ihnen geflirtet?“ fragte ich überrascht. „Nicht direkt. Aber er wollte sich ständig mit mir unterhalten und protzte mit seinem Reichtum, dass er ein Haus auf Zypern habe und darüber hinaus 200.000 Euro besitze. Er sagte: ‚Eigentlich bräuchte ich gar nicht für Simon arbeiten, sondern könnte mich sofort hier selbstständig machen. Warum erzählt er mir sowas?“  Ich dachte nur: Was für ein schlechtes Zeugnis und eine Schande für den Namen Christi, wenn wir Gläubigen – anstatt vom HErrn Jesus zu erzählen – mit unserem irdischen Reichtum prahlen! Und dann will er auch noch als Pastor arbeiten! Was will er seiner Gemeinde denn predigen, wenn er sich so verhält? Wenn er solche Lügen erzählt, muss er erstmal selber Buße tun.

Ich entschuldigte mich bei den Kunden für das Verhalten meines Mitarbeiters und verabschiedete mich in den Feierabend. Dann rief ich Mazyar an und fragte ihn, warum er mir solche Lügen erzählt und dafür auch noch den Namen des HErrn missbraucht hat. Er versuchte zuerst, sich rauszureden, aber dann gab er seine Lüge wenigstens zum Teil zu und entschuldigte sich bei mir. Ich ermahnte ihn, dass er vor allem Gott um Vergebung bitten müsse, weil er sogar in mehrfacher Hinsicht gesündigt habe, indem er den Namen des HErrn nicht nur missbraucht, sondern sogar in Verruf gebracht hatte. Dann fragte ich ihn: „Stimmt es, dass du 200.000 Euro angespart hast?“ Er sagte: „Simon, wenn ich so viel Geld hätte, dann würde ich doch nicht mehr bei dir als Maler arbeiten.“ – „Und warum erzählst du dann sowas gegenüber der Kundin?“ – „Das hab‘ ich nicht gesagt, da hat sie mich sicher falsch verstanden.“ Auf jeden Fall war das Vertrauensverhältnis zu Mazyar seither sehr erschüttert, und ich vereinbarte mit ihm, dass er nur noch bis Ende September bei mir arbeiten dürfe und sich dann unsere Wege trennen würden.

Weitere Abenteuer auf einer Deutschlandrundreise

Anfang Mai wollte ich anlässlich eines geplanten Besuchs bei einem Freund in Münster zum Katholischen Kirchentag eine weitere Besuchsreise durch Deutschland machen in der Woche davor. Also verabschiedete ich mich am Morgen des 03.05. von meiner Frau Ruth, nachdem wir zuvor zusammen gebetet hatten, und fuhr mit meinem 18 Jahre alten Malerauto, ein VW Polo, zunächst einmal 350 km zu Bruder Wolfgang Ruland nach Bad Hersfeld, der mir erzählt hatte, dass er einen Ohnmachtsanfall gehabt hatte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht bemerkte, war, dass meine Vorderreifen jeweils von der hinteren Seite schon bis auf die Gewebeschicht runterradiert waren, da die Radspur und der Radsturz sich verzogen hatten. So fuhr ich also mit 140 km/h unter dem Schirm des Höchsten und kam gegen Mittag wohlbehalten im Klinikum Bad Hersfeld an, wo ich Bruder Wolfgang im Rollstuhl antraf. Wir zogen uns in die Krankenhauskapelle zurück zum Beten, und er berichtete mir über seinen Gesundheitszustand. Wohl infolge seiner asketischen Ernährung, die hauptsächlich nur aus Brot und Wasser bestand, hatte er einen Liter Flüssigkeit in die Lunge bekommen (Lungenödem) und war eine Woche zuvor von Geschwistern ins Krankenhaus gebracht worden. Wir beteten gemeinsam, und nach etwa 1 ½ Stunden verabschiedete ich mich, um weiter nach Ludwigsstadt (Bayern) zu fahren, wo ich um 18:00 Uhr von den Geschwistern Bernd und Brigitte erwartet wurde.

Doch schon kurz nachdem ich aus Bad Hersfeld herausfuhr, platzte einer meiner Vorderreifen. Zum Glück hatte ich einen Notreifen dabei, mit dem ich zum nächstgelegenen Reifenhändler fuhr. Erst gegen 17:00 Uhr hatte ich dann vorne zwei neue Reifen, so dass sich meine Weiterreise entsprechend verzögerte. Um pünktlich um 20:00 Uhr zur Bibelstunde zu kommen, fuhr ich gleich zu Bernds Schwestern nach Lichtentanne (Thüringen), wo etwa 7 Geschwister auf mich warteten. Am Samstag fuhren Bernd und ich dann nach Saalfeld zum Evangelisieren. Zu diesem Zweck hatte ich mir ein Brustschild mit Vorder- und Hinteransicht aus 6 Platten mit evangelistischen Bibelversen umgehängt, so dass die Leute schon von weit her sehen konnten, was wir verteilen. Doch schon nach etwa einer halben Stunde kam ein Mann vom Ordnungsamt und teilte uns mit, dass es angeblich nicht erlaubt sei, Passanten durch Traktate und Ansprachen zu „belästigen“. Dies fiel uns schwer zu glauben, denn nach Artikel 5 unseres Grundgesetzes hat jeder Deutsche das Recht, „seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“. Bernd versicherte ihm, dass wir nur Zettel verteilen und dies auch nur zeitlich begrenzt, so dass er es uns schließlich erlaubte. Als Bernd dann später einen jungen Passanten fragte, ob er ihm ein Traktat geben dürfe, herrschte dieser ihn an: „Wer hat ihnen erlaubt, mich anzusprechen?!“ Was für ein antichristlicher Geist! Dabei hat er sich doch auch das gleiche Recht herausgenommen (Röm.2:1).

Montagvormittag brachte Bernd dann meinen Wagen zur Werkstatt, um die Spur zu korrigieren, während ich ihm bei seiner Internetseite half. Nach dem Mittag machte ich mich dann auf dem Weg nach Nürnberg, wo ich von Johannes und Ulrike Schabert erwartet wurde. Johannes ist in gewisser Weise auch ein relativ akribischer Schriftgelehrter, der überall im Haus unzählige Bücher zur Bibel hat. Er erklärte zum Beispiel, dass der Kirchenvater Eusebius aufgrund von Phil.4:3 davon ausging, dass Paulus am Ende seines Lebens angeblich doch noch mal geheiratet habe („…auch du, meine echte Jochgenossin,…), was aber wohl eher eine Missdeutung ist. Johannes hat auch eine sehr wertvolle Chronologie der Bibel geschrieben, die man gegen einen Selbstkostenpreis bei ihm beziehen kann. Er brachte mich auch auf die Idee, meine Artikel als Bücher in Rumänien drucken zu lassen, wie auch er es tat.

Dienstagvormittag machte ich mich früh auf in die Innenstadt von Fürth. Eigentlich wollte ich dort den Bruder Norbert Homuth (72) besuchen, mit dem ich schon lange befreundet war, aber er war noch nicht aufgestanden. Beim Verteilen von Traktaten trug ich wieder meinen Platten-Umwurf mit Bibelversen und hatte einige Gespräche mit Muslimen. Als ich gegen 11:00 Uhr wieder zum Auto ging, sprach mich eine gläubige Passantin an. Marie-Christine (35) war gerade erst gläubig geworden und hatte viele Fragen, weshalb ich sie mitnahm zu Bruder Norbert. Als ich ankam, fragte ich ihn, warum er zuletzt den Kontakt zu mir abgebrochen hatte und ob er gemäß Mt.5:23-24 etwas gegen mich habe. Er begründete seine Entscheidung damit, dass ich ihn schon zu oft kritisiert hatte und er der Meinung war, dass mir dies nicht zustünde, da ich ja erst vor 4 Jahren zum Glauben zurückgekehrt sei. Tatsächlich hatte ich ihn kritisiert, weil er u.a. behauptet hatte, dass jeder, der eine Internetseite betreibe, das Malzeichen des Tieres 666 = www angenommen habe. Als junger Bruder hätte ich mich erstmal zurückhalten müssen mit Kritik an einem Älteren. Ich gab ihm in diesem Punkt recht und wir versöhnten uns wieder.

Als ich wieder im Auto saß, erklärte ich Marie-Christine, dass ich eigentlich nun nach Augsburg fahren wolle, weil ich dort einen Bruder besuchen würde. Sie fragte mich, ob sie mitkommen dürfe, da sie ohnehin nichts vorhabe und gerne mehr über den Glauben erfahren wolle. Nachdem sie auch ihren Ehemann telefonisch um Erlaubnis gefragt hatte, fuhren wir los. Zunächst erzählte sie mir, dass sie als sog. „Aspergerin“ (Autistin) eine sehr schwere Kindheit gehabt hatte. Sie käme aus reichem Elternhaus, aber ihre Eltern haben ihr nur die materiellen Wünsche erfüllt, aber kaum Liebe gegeben. Ihre bisherigen Beziehungen waren Männer, die entweder drogenabhängig oder spielsüchtig waren und sie deshalb immer wieder seelisch und finanziell ausgebeutet haben. Vor einem halben Jahr hatten ihre Eltern sie deshalb vor die Tür gesetzt und wollten erst dann wieder etwas mit ihr zu tun haben, wenn sie selbst mal etwas erreicht habe im Leben. Infolge des totalen Bankrotts, den sie dann auf der Straße als Obdachlose erlebte, schrie sie eines Nachts auf den Knien zu Gott und nahm den HErrn Jesus im Glauben an.

Besonders erschrocken war ich über das, was mir Marie-Christine dann von ihrem Vater und ihrem Onkel erzählte, die beide Hochgradfreimaurer des Schottischen Ritus waren. Sie vermutete, dass sie Satanisten sind und besonders ihr Vater „ganz oben mitspielen“ würde, seine Aktivitäten jedoch vor der Familie verheimliche. Seit sie gläubig sei, würde ihr aber auf einmal nach und nach vieles klar. Ich erzählte ihr auch von meiner Vergangenheit und wie der HErr mir nach einer langen Zeit in der Finsternis noch einmal Gnade geschenkt hatte, indem Er mich 2014 wie einen Brandscheit aus dem Feuer geholt hatte, obwohl es kaum noch Hoffnung für mich gab (Sach.3:2). Ehe wir uns versahen, waren wir auf einmal  in Augsburg angekommen, wo Bruder Harald (60) gerade auf den Sprung war, eine Freundin zu besuchen, die ihn anrief, weil sie in großer Not war, da sie den Zug verpasst hatte, der sie nach Ingolstadt bringen sollte zu einem alles entscheidenden Gerichtstermin. Spontan entschied ich mich, mitzukommen.

Die verrückte Geschichte von Moni

Der HErr hatte Moni (28) vor 6 Jahren aus dem Drogenmilieu heraus errettet, und sie ging seither in eine charismatische Gemeinde, in die auch Harald geht. Sie ist die Tochter eines Rumäniendeutschen und einer Thailänderin. Da sie in den letzten zehn Jahren einen sehr ungestümen Lebenswandel geführt hatte mit verschiedenen Männern aus dem kriminellen Milieu, aus deren Beziehungen drei Kinder hervorgingen, hatte die buddhistische Mutter zuletzt das Sorgerecht für ihre 8-jährige Enkeltochter beantragt, da sie – wie sie sagte – diese für die Reinkarnation ihrer verstorbenen Schwester hielt. Vor dem Jugendamt gab sie hingegen als Begründung an, dass sie sich Sorgen mache, dass Moni als Mutter ungeeignet sei wegen ihrer Drogenvergangenheit, um die Kinder verantwortungsvoll zu erziehen. Moni wollte deshalb in der entscheidenden Verhandlung vor dem Familiengericht allen beweisen, dass ihr Glaube an den HErrn Jesus sie völlig verändert habe und sie nicht mehr so sei wie früher. Dies sollte zugleich die letzte Chance sein, um für ihre Tochter zu kämpfen, damit sie nicht der Oma zugesprochen und dadurch buddhistisch erzogen werden würde. Doch jetzt, wo sie den Zug verpasst hatte, war sie außer sich vor Sorge und Entsetzen.

Deshalb flehte mich Moni an, ob ich nicht sie und ihre dreijährige Tochter zum Familiengericht in das eine Stunde entfernte Neuburg bei Ingolstadt fahren könnte, damit sie noch eine Chance habe, einigermaßen pünktlich bei Gericht zu erscheinen. Ich hatte den Eindruck, dass der HErr dies so geführt hätte und willigte ein. So lud ich den Kinderwagen zunächst in den Kofferraum (zusammen mit meinen Malerutensilien) und ließ dann alle Platz nehmen in meinem farbverdreckten, alten VW Polo. Zuerst mussten wir nochmal kurz zu Moni fahren, um den Kindersitz rauszuholen, und dann gings los. Ich fragte Moni dann, wie sie zum Glauben an den HErrn Jesus gekommen sei, und sie erzählte uns dann eine Stunde lang ihre spannenden und zugleich haarsträubenden Erlebnisse mit Männern, die sie ständig nur geschlagen hatten. Einer ihrer drogenabhängigen Freunde hatte eines Tages, als er nach Haus kam, alle Türen und Fenster der Wohnung verschlossen, um sie unter dem Einfluss von Crystal-Meth mit dem Messer abzuschlachten. Er rannte auf sie zu, und sie flüchtete voll Panik durch die ganze Wohnung, um ihm zu entkommen. Doch dann stolperte sie, und er stürzte sich auf sie, wobei er zum Stich ausholte. In diesem Moment schrie Moni zum ersten Mal in ihrem Leben zum HErrn Jesus, dass Er sie jetzt in den Himmel aufnehmen möge. In dieser Sekunde hielt ihr Freund plötzlich inne und sagte: „Nein, diesen Gefallen tue ich dir nicht, du Schlampe!“ Dann schlug er sie noch, aber ließ am Ende von ihr ab. Das war Monis Bekehrungserlebnis.

Sie erzählte noch eine ganze Menge anderer Geschichten dieser Art in ihrer typischen Milieu-Sprache, so dass wir aus dem Staunen nicht mehr rauskamen. Doch als wir in Neuburg ankamen, mussten wir ganz schnell mit dem Kinderwagen um das Rathaus herumlaufen, denn wir waren schon 20 Minuten verspätet, und das Jugendamt befand sich auf der anderen Seite im Innenhof des Gebäudetraktes. Mit letzter Puste kamen wir im 2. Stock an, wo alle schon auf Moni warteten. Während wir draußen auf dem Flur blieben, ging es drinnen wohl heftig zur Sache. Erst nach 15 Minuten fiel Harald und mir ein, dass wir noch gar nicht für sie gebetet hatten. Wir gingen in einem leeren Warteraum auf die Knie und baten den HErrn, dass Er der Moni Weisheit geben möge, sich würdig zu verteidigen. Ich vertrieb mir danach die Zeit, indem ich mit den beiden Töchtern Lego spielte. Als Moni nach etwa einer halben Stunde Unterbrechung herauskam, erzählte sie uns, dass sie die Dezernentin vom Jugendamt scharf attackiert habe und ihr Parteilichkeit vorwarf, wobei sie leider auch persönlich wurde: „Haben Sie eigentlich eigene Kinder?!“ Wir ermahnten sie, demütig und höflich zu sein, damit der HErr ihr gnädig sein könne. Tatsächlich nahm die Verhandlung dann einen besseren Verlauf, wie Moni später sagte.

Nach etwa einer Stunde war alles vorbei. Wir gingen die Treppen runter und verabschiedeten uns von Marie-Christine, die ich beim Bahnhof rausließ, um nach Fürth zurückzufahren. Wir fuhren indes wieder zurück nach Augsburg, wo mich Harald und Moni zu ihrer Bibelstunde einluden. Zunächst lud Moni uns alle erstmal zum Essen ein in ein chinesisches Restaurant, da wir noch gar nicht zu Mittag gegessen hatten. In der Bibelstunde durfte ich dann eine Wortbetrachtung halten über die Wiederkunft des HErrn Jesus. Diese geriet zum Ende hin aber ziemlich aus den Fugen, da der unter ADHS-leidende Harald sich vehement gegen die Vorstellung zur Wehr setzte, dass wir Christen noch in die große Drangsal hineinkämen. Dabei ging es ihm weniger um biblische Gegenargumente, als vielmehr um die Angst, dieser Verfolgung und möglicher Folterungen selbst nicht gewachsen zu sein. Immer wieder betonte er, dass er keine Schmerzen ertragen könne und deshalb unter Foltererpressung sogar fähig sei, den HErrn zu verleugnen, und schon allein deshalb würde der HErr das nicht zulassen, dass er mit Folterqualen bedroht werde. Wir versuchten alle, ihn zu beruhigen und erinnerten ihn an die Verheißung, dass der HErr uns nie mehr auferlegen würde, als wir zu tragen überhaupt imstande sind (1.Kor.10:13). Doch Harald war regelrecht hysterisch geworden bei der Vorstellung, dass ein IS-Terrorist ihm mit stumpfer Klinge den Hals abschneiden könnte.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich ziemlich müde und schlapp. Harald und ich beteten gemeinsam, aber auch nach dem Frühstück fehlte mir der Antrieb, um in die Fußgängerzone zu gehen, was ich eigentlich vorhatte. Mit Kreislaufproblemen habe ich sehr häufig zu kämpfen, aber nach ein wenig Ruhe geht es meist schon wieder. Harald erzählte mir vom Transhumanismus und künstlicher Intelligenz und wollte mir unbedingt diesbezüglich anbieten, gemeinsam einen Kinofilm auf DVD zu diesem Thema zu schauen, was wir dann auch taten. Doch ein plötzlicher Anruf von Bruder Hans-Udo (79) aus Hechingen machte mir bewusst, dass „die Philister über mir gekommen“ waren (Richt.16:20) und ich wurde schnell wieder nüchtern. Hans-Udo fragte mich, ob ich denn pünktlich wie vereinbart um 13:00 Uhr zum Mittagessen kommen würde, und ich stellte mit Erschrecken fest, dass es schon fast 13:00 Uhr war. Da es aber mindestens noch zwei Stunden bis nach Hechingen brauchen würde, kündigte ich meine Ankunft zum Kaffeetrinken an und machte mich schnurstracks auf den Weg.

„Ich glaube nicht an Sola Scriptura“

Nachdem ich dann später bei Kaffee und Kuchen mit Hans-Udo und Elsbeth geplaudert hatte, gingen wir rüber zu ihrer Tochter Esther ins Nachbarhaus, wo ich eine kleine Malerarbeit an der Kellertreppe erledigte und später noch eine Ausbesserung an der Fassade vom Hans-Udo. Am Abend redeten wir noch über den Kinderheim-Verein und die ehrenamtlichen Mitarbeiter in Pakistan und Rumänien, die dringend unsere Gebete benötigten, da der Feind gerade von allen Seiten angriff.

Am darauffolgenden Himmelfahrts-Donnerstag fuhr ich dann nach dem Frühstück ins sechs Stunden entfernte Münster, wo ich am Nachmittag von Tobias Hachmann (30) erwartet wurde, der mir eine Übernachtungsmöglichkeit in seiner kleinen Studentenwohnung im Stadtzentrum angeboten hatte. Tobias ist ein gläubiger Katholik, den ich durch Facebook kennengelernt hatte und der zur Legio Mariae gehört, einer katholischen Laienorganisation, vergleichbar mit der Heilsarmee. Da mir als Bremer die Katholiken ziemlich fremd sind, nahm ich den gerade begonnenen Katholikentag zum Anlass, dass mir Tobias mal den katholischen (Aber-)Glauben erklären könne. So gingen wir am Nachmittag zu den verschiedenen Veranstaltungsorten, wobei ich wieder meinen evangelistischen Umwurf anhatte, so dass ich gar keine Traktate mehr verteilen brauchte.

Parallel zum Kirchentag sollte diesmal auch ein sog. „Ketzertag“ sattfinden, d.h. eine Gegenveranstaltung der Freidenker und Atheisten, zu der ich unbedingt auch wollte. Tatsächlich fand dieses nur in einem kleinen Club in einer Nebenstraße statt. Vor der Tür standen drei oder vier schwarz verkleidete Leute. Eine Frau hatte sich zwei Teufelshörner auf dem Kopf gemacht. Tobias und ich gingen dorthin und sprachen über unseren Glauben. Im Nu war eine rege Diskussion im Gange über die Kirche und die Bibel. Ich gab Zeugnis, dass ich früher auch mal ein Agnostiker war, nun aber zur Erkenntnis Gottes durch Jesus Christus gelangt sei. Sie beäugten mich misstrauisch, wandten sich aber dann ab, weil die Veranstaltung drinnen losgehen sollte. Wir gingen weiter auf den großen Schlossplatz, wo es an die 100 Stände gab. Überall liefen Mönche mit mittelalterlichen Kutten herum, sowie Nonnen aus aller Herren Länder, um wie bei einer Messe Werbung zu machen für ihre Produkte. Nachdem wir schon über zwei Stunden mit den Leuten Gespräche über den Glauben geführt hatten, hatten wir großen Durst. Es gab aber an diesem Feiertag nur einen Bierausschank, so dass wir damit vorliebnahmen. Kurz darauf sprach mich ein Bruder aus Ostfriesland an, der auch evangelistisch unterwegs war. Leider roch er beim Gespräch meine Bierfahne und rügte mich: „Stell Dir mal vor, Du willst einem Sünder hier vom HErrn Jesus erzählen und riechst dabei aus dem Mund nach Bier. Schämen solltest Du Dich!“ Irgendwie erinnerte mich dieser Fall an die Begebenheit, als die Pharisäer darauf bestanden, dass Jesu Jünger nicht am Sabbat vom Getreide essen dürfen.

Als wir wieder auf seinem Zimmer waren, unterhielten Tobias und ich uns bis Mitternacht über die Lehren der Katholischen Kirche. Zunächst verlief das Gespräch gut und wir waren uns in Vielem einig. Doch mich störte der Altar mit der Marienfigur und dem Erzengel Michael, die er sich auf einem Podest aufgestellt hatte zusammen mit einem Öl- und Weihrauchgefäß. Ich sagte ihm, das ich befürchte, dass dies Götzendienst sei. Und dann kam der entscheidende Satz, der mir schließlich klarmachte, dass wir nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen würden: „Ich glaube nicht an Sola Scriptura!“ (also daran, dass allein die Schrift das einzige Wort Gottes sei, um eine Sache zu beurteilen, sondern dass auch die kirchlichen Überlieferungen verbindlich seien). An diesem einen Satz ist die Diskussion dann steckengeblieben, da er trotz all meiner dringenden Warnungen keinen Millimeter mehr von seiner Position abrücken wollte. Für ihn war es gleichbedeutend, als würde ich ihm das Wort Gottes wegnehmen. Am Ende beteten wir noch, aber vom Altar abgewandt auf den Knien. Am nächsten Morgen rollte ich meinen Schlafsack zusammen und machte unter diesem großen Kruzifix meine Stille Zeit. Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich von Tobias im Frieden und wollte dann meinen Bruder Marcus besuchen, der ebenso mit seiner Frau auf den Kirchentag gekommen war zum Evangelisieren. Aber nach über einer Woche sehnte ich mich wieder zurück nach meiner Gehilfin und fuhr dann direkt nach Bremen zurück.


Redefreiheit nur bei gleicher Meinung

An einem Abend brachte Schwester Maria einen neuen Bruder mit zu unserem Hauskreis, der aus der Martinigemeinde von Olaf Latzel kam. Florian (40) war von Beruf Lehrer in der Erwachsenenbildung und hatte bei sich zuhause selbst einen Hauskreis und wollte mal den unsrigen kennenlernen, weil Maria ihm von uns erzählt hatte. Er war wohl sehr beeindruckt von meinem Bibelwissen und hielt sich eher demütig zurück. Nach der Bibelstunde hatten wir noch lange ein Gespräch bis in die Nacht, und wir merkten beide, dass wir uns gut verstanden. Florian war wie ich ein eher emotionaler Mensch und konnte ausgesprochen herzlich sein. Da wir eines Sinnes waren, lud Florian mich in seinen Hauskreis und in seine Gemeinde ein und nahm auch meine Einladung an, um unsere russlanddeutsche Gemeinde kennenzulernen. Schon bald darauf fusionierten unsere beiden Hauskreise, so dass wir immer abwechseln uns Woche für Woche einmal bei mir und das nächste Mal bei Florian trafen. Und auch was die Gemeinden angeht hielten wir es so, dass Florian mittwochs um 18:00 Uhr erst zur Bibelstunde unserer Gemeinde mitkam und wir im Anschluss daran um 19:30 Uhr in die Bibelstunde der Martinigemeinde fuhren. Im Laufe der Zeit wurde mir dies aber immer beschwerlicher, weil wir uns neben dem Hauskreis am Freitagabend ja auch noch immer samstags in der spanischen Gemeinde trafen. Und nicht zuletzt gab es dann ja auch noch meine Facebook-Gemeinde, für die ich fast jeden Tag einen Beitrag schrieb und die inzwischen auf 4.500 Freunde angewachsen war. Ich musste unbedingt meine Aktivitäten reduzieren, denn es war einfach zu viel.

Da ich in meiner russlanddeutschen Gemeinde mich nur bei den Bibelstunden beteiligen durfte, nicht aber im Gottesdienst predigen durfte, fragte ich den Ältesten Alexander nach dem Grund. Er sagte, dass ich erstmal offizielles Gemeindemitglied werden müsse und dass darüber der Bruderschaftsrat entscheiden müsse, der auch aus anderen Gemeinden bestand. Weniger kompliziert war es hingegen, als ich den peruanischen Bruder Omar Llanos fragte, ob wir uns nicht den Predigtdienst teilen könnten, so dass er nicht immer alleine dies machen muss. Er war sofort einverstanden und dankbar für mein Angebot. So geschah es, dass ich im Sommer 2018 etwa 6 oder 7 Predigten halten durfte über z.T. etwas seltenere Themen wie etwa die Joseph-Jesus-Prophetie oder die Zehn-Stämme-Lehre. Dazu hatte ich mir extra ein Whiteboard gekauft, um durch Bilder und Graphiken die Predigt interessanter zu machen. Doch bei der letzten Predigt kam es plötzlich zum Eklat. Ganz beiläufig hatte ich nämlich am Ende der Predigt erwähnt, dass wir zwar grundsätzlich nicht lügen dürfen, aber dass es in Verfolgungszeiten wie bei David keine Sünde sei zu lügen, wenn es um die Rettung von Menschenleben gehe. In dem Moment stand auf einmal Blendi auf, ein albanischer Familienvater, widersprach meiner Aussage und forderte, dass diese unbedingt zurückgenommen werden müsse. Ich erklärte, dass es doch kaum zu leugnen sei, dass alle Männer Gottes schon in Situationen waren, wo sie lügen mussten, ob nun Abraham (1.Mo.12:13), Isaak (1.Mo.26:7), Jakob (1.Mo.27:19), David (1.Sam.21:2+8+13) und Elisa (2.Kön.8:10). In 1.Sam.16:2 macht Gott selbst sogar dem Samuel einen Vorschlag, wie er den Saul belügen soll, um nicht getötet zu werden. Und in 1.Sam.22:9 verübte Doeg sogar eine große Sünde dadurch, dass er die Wahrheit sagte.

Nun mischte sich auch Omar ein und sagte, dass die Bibel sich nicht widersprechen würde und wir grundsätzlich nie lügen dürfen, da die Lüge aus dem Teufel ist. Die Lüge Rahabs hielt er für eine Sünde, obwohl sie dadurch die Kundschafter rettete. Da die Diskussion aber kein Ende nehmen wollte, brach Omar schließlich den Gottesdienst ab und bat mich, zukünftig erstmal nicht mehr zu predigen, da ich die Geschwister durch meine Lehre zur Sünde verführen würde. Bald darauf sah ich dann aber auch keinen Sinn mehr, zum Spanischkreis zu kommen, zumal Omar jede Woche fast immer nur über die gleichen Themen sprach: Friede, Freude und Vergebung. Fast nie predigte er über ernste Themen, die die Gläubigen herausfordern oder durch die sie sich angegriffen fühlen könnten: „Denn ein eigensinniges Volk ist es. Meine Kinder wollen sie sein, aber sie sind Lügner, Kinder, die die Weisung des HERRN nicht hören wollen, die zu den Sehern sagen: Hört auf zu verkündigen! und zu den Propheten: Wir wollen die Wahrheit gar nicht hören! Sagt uns angenehme Dinge! Verhätschelt uns mit Illusionen!  Biegt doch die Wahrheit ein wenig zurecht! Oder lasst uns in Ruhe und verschont uns mit dem Heiligen Israels“ (Jes.30:9-11).

Aber auch in meiner eigenen, kleinen, russlanddeutschen Gemeinde war ich nicht mehr ganz so wohl gelitten wie am Anfang, ohne dass mir klar war, warum. Ich durfte mich zwar immer wieder in den Bibelstunden äußern und auch am Abendmahl teilnehmen, aber sie boten mir nie an, auch mal eine Predigt zu halten im Gottesdienst, was ich nach 1.Kor.14:26 als unbiblisch ansah. Es war trotz aller Liebe und Freundlichkeit immer irgendwie eine Distanz zwischen mir und ihnen. War es, weil ich einen Vollbart trug (der bei den Brüdern verpönt war)? Oder weil ich auf Facebook war, was mir Bruder Alexander verübelte? Oder war es einfach, weil ich kein Russlanddeutscher war wie sie? Dachten sie, dass ich sie nie verstehen würde, nur weil ich ihre Sprache nicht sprach und nie in Russland war? Trotzdem gab es aber einen Bruder namens Eduard (27), mit dem ich mich anfreundete und der mich regelmäßig besuchen kam. Auch im Hauskreis von Florian gab es einen jungen Deutschtürken namens Tunay (27), der mir von nun an wie eine Klette anhing. Es erinnerte mich ein wenig an meine Mutter, die ebenso immer eine ganze Schar von jungen Brüdern anzog und die sie baten, ob meine Mutter sie nicht als Söhne annehmen könne (Joh.19:26-27). Ich freute mich, dass der HErr mich würdig erachtete, diese jungen Brüder ein Stück auf ihren Lebensweg zu begleiten zu dürfen und sie wie ein Coach zu beraten (Ps.127:4-5, Mat.18:5).

Eines Tages schrieb mich überraschend Johannes (22) an, der jüngste Sohn aus der Sachsenheimer Oertelt-Familie, den ich zwei Jahre zuvor bei den Exklusiven Brüdern kennengelernt hatte. Er fragte mich, in welche Gemeinde ich eigentlich jetzt gehen würde, nachdem ich ja bei ihnen rausgeworfen wurde. Ich schrieb ihm zurück, dass ich jetzt in der russlanddeutschen Gemeinde („Bethaus“) im Steinweg 7 in Achim-Bierden gehen würde. Kurz darauf erschien auch Johannes auf einmal regelmäßig bei uns, und ich fragte mich, was wohl der Grund sei, dass er seine bisherige Gemeinde verlassen hatte. Doch so oft ich ihn auch ansprach, war er sehr kurzsilbig und vermied ein echtes Gespräch mit mir. Ich dachte, dass es ihm wohl unangenehm sei, darüber zu reden und ließ ihn fortan in Ruhe. Doch an einem Sonntag geschah es, dass plötzlich Johannes die Predigt halten sollte, der wie ich weder Gemeindemitglied noch Russlanddeutscher war und zudem viel jünger war als ich, sowohl an Alter als auch im Glauben. Warum erlaubten sie es ihm und nicht mir, der ich doch schon viel länger dabei bin? Was hatte das zu bedeuten?

Kurz darauf war ein Gemeindefest nach dem Gottesdienst, und jetzt sah ich die Gelegenheit, mal richtig mit Johannes zu reden, was eigentlich los sei. Ich setzte mich mit meinem Teller neben ihm, als er auf einmal aufstand und sich woanders hinsetzte. Daraufhin stand auch ich wieder auf und setzte mich nun dorthin, wo Johannes jetzt saß. Ich fragte ihn: „Warum fliehst Du vor mir, Johannes? Hast Du etwas gegen mich?“ – „Das weißt Du ganz genau, Simon.“ – „Nein, das weiß ich nicht, sonst würde ich Dich ja nicht fragen“ erwiderte ich. „Weil Du an die Allversöhnung glaubst, will ich keinen Kontakt mit Dir.“ – „Und wie begründest Du das von der Bibel her? Denn schließlich glaubst Du doch auch nicht an die Verlierbarkeit des Heils, obwohl alle hier davon überzeugt sind. Trotzdem tolerieren Dich die Brüder und lassen Dich sogar am Wort dienen. Wo siehst Du da den Unterschied?“ – „Ich will nicht mit Dir reden, Simon. Bitte respektiere das.“ – „Aber unter solchen Bedingungen können wir nicht gemeinsam in dieser Gemeinde bleiben. Ich werde deshalb mal mit Bruder Alexander sprechen, was er dazu sagt.“

Johannes muss diesen Vorschlag von mir wohl als Drohung aufgefasst haben, denn in den darauf folgenden Wochen kam er plötzlich nicht mehr in die Gemeinde. Deshalb bat ich Alexander nach einem Gottesdienst um eine Aussprache: „Bruder, ich mache mir Sorgen“ sagte ich, „denn der Johannes kommt schon seit drei Wochen nicht mehr, nachdem ich mit ihm eine Auseinandersetzung hatte. Vielleicht kannst Du mal zwischen uns vermitteln.“ Alexander antwortete: „Johannes will nicht mehr kommen, weil wir Dich tolerieren, obwohl Du an die Allversöhnung glaubst.“ – „Ach, Du wusstet das die ganze Zeit?“ – „Ja, aber ich bin darüber keineswegs glücklich. Deshalb habe ich Dir bisher auch nicht erlaubt, dass Du am Wort dienst.“ – „Aber dem Johannes hast Du es erlaubt, obwohl er die Lehre der Unverlierbarkeit des Heils vertritt?!“ – „Das wusste ich nicht.“ – „Und wenn ich Dir verspreche, dass ich nie über diese Lehre reden würde, dürfte ich dann predigen?“ Alexander wurde merklich nervös: „Ich würde Dich sehr gerne predigen lassen, aber das habe ich ja nicht allein zu entscheiden, Simon, sondern das müsste der überregionale Bruderrat entscheiden. Wenn ich Dich jetzt aber einfach heimlich predigen lasse und die würden das irgendwann erfahren mit der Allversöhnung, dann würde ich sehr dicken Ärger bekommen.“ – „Das kann ich schon verstehen. Aber andererseits must Du auch verstehen, dass ich nicht die nächsten Jahre einfach nur als Zuhörer zum Gottesdienst kommen möchte, sondern gerne auch meine Gaben mit einbringen will. Wenn ich das aber nicht darf, dann versauere ich hier vor Langeweile und würde dann lieber in eine andere Gemeinde gehen, wo ich nicht immer so einen weiten Weg hätte.“ – „Das wäre sehr schade, aber wenn Du uns verlassen willst, können wir Dich nicht daran hindern.“ Ich gab ihm die Hand und sagte: „Es wäre schön, wenn Ihr dem Johannes sagt, dass er ab jetzt wieder kommen kann, denn ich verzichte gerne.“

Das war jetzt also schon die dritte Gemeinde, die mich aufgrund einer bestimmten, abweichenden Bibel-Erkenntnis vorsorglich mundtot machen wollte, obwohl ich meine Überzeugung aus Rücksicht nicht ein einziges Mal öffentlich vertreten hatte und man mir auch nie die Möglichkeit gab, mich wenigstens  wie Luther in Worms öffentlich verteidigen zu dürfen. Aber Dank dem HErrn waren wenigstens die Brüder aus unserem Hauskreis tolerant und ließen mich predigen, obwohl sie von meiner Überzeugung wussten. Durch den engen Kontakt, den Bruder Florian zu Pastor Latzel hatte, bekamen wir jetzt auch die Erlaubnis, uns jeden Dienstagabend zum Gebet in einem Kirchturmzimmer der Martinigemeinde zu treffen, so dass wir uns nun auch zweimal in der Woche sahen. Und jedes Mal waren diese Treffen äußerst herzlich mit Umarmung und gemeinsamen Liebesmahl, was immer sehr schön war. Ich überlegte, ob ich nicht sogar ganz zur Martinigemeinde wechseln sollte, auch wenn es im Grunde eine Staatskirche war, die zur BEK gehörte und mit der wir Gläubigen gemäß Offb.18:4 eigentlich nichts zu tun haben sollten. Aber Bruder Olaf war ja wirklich ein guter Prediger, durch dessen Wort auch gerade jene Gläubigen erreicht wurden, die in der Evangelischen Kirche aufgewachsen sind und deshalb nie in eine Freikirche gehen würden.

Im Sommer 2018 sollte unsere Tochter Rebekka im Rahmen ihres Studiums ein halbes Jahr in Costa Rica studieren und erhielt dafür ein Stipendium über 1.500,- Euro. Wir freuten uns sehr für unsere Tochter über diese Möglichkeit, dadurch noch besser Spanisch zu lernen und zugleich das Land kennenzulernen. Wir beteten für sie, um sie unter den Schutz und der Bewahrung des HErrn zu stellen. Rebekka hatte ja 2015 schon einmal ein paar Monate in Australien verbracht, so dass sie schon Auslandserfahrung hatte. Rebekkas Verlobter Dennis hatte inzwischen sein Grundstudium in der Medizin erfolgreich absolviert.

 

 

 

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