„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

„Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 26

 

Juli bis Dezember 2024

Rebekka, die Dichterin

Nachdem Ruth Mitte Mai aus Peru zurückgekehrt war, erzählte sie mir, dass sie in den Monaten zuvor ziemlich enttäuscht und resigniert war, da ihre Hoffnung, einmal in Peru als selbstständige Tierärztin zu arbeiten, an der Realität zu scheitern drohte, da sie kaum Kunden hatte. Und auch unser Wunsch, einmal auszuwandern, rückte wieder in weite Ferne, da die Mafia in Peru das Land immer unsicherer machte. Deshalb sprach ich mit Ruth, ob sie nicht doch nochmal einen Anlauf versuchen sollte, hier in Bremen eine Anstellung zu suchen als Tierarzt-Assistentin. „Das halte ich für ausgeschlossen,“ sagte Ruth, „denn ich bin schon viel zu alt und zudem krank. Ich kann keine Hunde tragen, kenne mich mit dem PC-Bedienen nicht aus und kann noch nicht einmal die deutsche Grammatik, um Befunde richtig zu notieren. Wer sollte mich schon nehmen?!“ – „Aber du kannst doch als Praktikantin arbeiten, dann hast Du wenigstens etwas zu tun., ohne Leistungsdruck zu haben.“ – „Nein, ich will nicht noch einmal so gedemütigt und gemobbt werden wie in der letzten Tierarztpraxis. Ich habe den Eindruck, dass Gott nicht will, dass ich als Tierärztin arbeite, denn alles, was ich bisher versucht habe, ging schief. Alles war umsonst: erst meine Fortbildung zur Tier-Physiotherapeutin und jetzt meine Lehrgänge in Ultraschall-Diagnostik. Alles war umsonst!“ – Sie fing an zu weinen, und ich tröstete sie. „Lass uns doch beten, dass der HErr Dir eine geöffnete Tür schenken möge und dann auf die Suche gehen nach einer Tierarztpraxis.“

Nachdem wir gebetet hatten, fuhren wir als erstes zu einer Praxis, die ganz in unserer Nähe war. Ich wartete draußen und betete. Nach etwa 30 Minuten kam Ruth freudestrahlend heraus und berichtete, dass die Chefin Susanne Ruth nehmen wolle und sehr herzlich und liebevoll zu ihr war. Wir jubelten und dankten dem HErrn für Seine Güte. Und in den folgenden Wochen und Monaten sollte sich herausstellen, dass Ruth auch von den ganzen Kolleginnen sehr liebevoll und mit Respekt behandelt wurde. Susanne drängte Ruth immer wieder, sie doch fest anstellen zu dürfen, da es an Tierärzten in der Praxis mangelte, aber Ruth hatte Angst, die in sie gesetzten Erwartungen zu enttäuschen und wollte erstmal ein halbes Jahr ohne Bezahlung arbeiten. Da es Ruth besonders darum ging, ihr Wissen in der Ultraschalldiagnostik anzuwenden, die Praxis aber noch kein solches Gerät besaß, vermittelte Susanne sie dann an einen Kollegen im Stadtzentrum, der sich auf Herzerkrankungen spezialisiert hatte. Nun hatte Ruth sogar gleich zwei Arbeitsplätze: Montags, mittwochs und freitags arbeitete sie bei Susanne, während sie dienstags und donnerstags bei dem Tier-Kardiologen Johannes assistierte. Ruth war überglücklich.

Weniger glücklich war unterdes unsere Tochter Rebekka, die erneut eine Ehekrise erlitt. Ihr Mann Dennis wollte erneut die Scheidung, da er der Ansicht war, dass die beiden sich zu oft stritten und nicht zueinander passen würden. In der gemeinsamen Ehetherapie ging es auf einmal nur noch um die Frage, wie die beiden sowohl emotional als auch ganz praktisch die Trennung voneinander vollziehen könnten. Rebekka war diesmal aber viel abgeklärter und selbstbewusster als beim letzten Mal im Jahr 2021/22. Ruth aber hatte eine starke Abscheu gegen unseren Schwiegersohn entwickelt und musste sehr gegen ihre negativen Gefühle ankämpfen. Immer häufiger nahmen wir unsere Enkelin Penelope bei uns auf, in der Hoffnung, dass sie dadurch nicht so sehr unter den Streitigkeiten ihrer Eltern leiden möge. Um finanziell unabhängig zu werden, nahm Rebekka nun während ihres Studiums Anstellungen als Lehrerin an und war froh, dass wir uns von nun an einmal pro Monat für eine Woche um Penelope kümmerten. Nebenbei nahm Rebekka an sog. Poetry-Slam-Wettbewerben teil, und da sie schon von klein auf eine Begabung hatte, Gedichte zu schreiben, gewann sie jedes Mal den ersten Platz.

Tatsächlich waren Rebekkas Gedichte nicht nur thematisch hochemotional, sondern auch entsprechend ausdrucksvoll von ihr vorgetragen. Oft waren sie eine Hommage an ihre Mutter Ruth, über ihre wechselvolle Beziehung von klein auf, und wie Ruth ihr immer wieder Halt gab in allen Widrigkeiten der Schulzeit. Rebekka hatte eine ungewöhnlich scharfe Beobachtungsgabe für die kleinen Details des Alltags, in welcher sich die bedingungslose Liebe ihrer Mutter trotz aller Unzulänglichkeiten ausdrückte. Sie beschrieb, wie Ruth aus Liebe zu ihr die eigenen Träume nach Verwirklichung aufgab und wie Rebekka später als Mutter ihre eigene Mutter wiedererkannte mit allen Gefühlen, die sie selbst durchmachte. Doch an einem Abend brach sie wirklich alle Rekorde, als sie ein Gedicht über ihre minderbemittelte Großmutter Lucila aus Peru vortrug. Sie begann das Gedicht mit der ersten Zeile eines peruanischen Lobgesangs, den sie mit weinerlicher Stimme vortrug: „Cerca de ti, Señor, quiero morar“ („Nah bei Dir, HErr, will ich wohnen“). Dann erzählte sie von der Kindheit ihrer Oma im Gebirge, von ihrer frühen Zwangsverheiratung, ihrem Leben in Armut und Entbehrung in der Großstadt Lima und wie sie von ihrem 20 Jahre älteren Mann Luis immer wieder gedemütigt und geschlagen wurde. Zwischendurch hatte das Gedicht immer wieder eine Art Refrain, indem Lucila in der Nacht träumte von ihrer Heimat und wie sie sich in der Nacht in einen Vogel verwandelte, der hoch über den Wäldern und Flüssen flog. Im letzten Teil ihres Gedichtes beschrieb sie dann, wie Lucila in einer Nacht starb und von den Engeln in die Herrlichkeit Gottes getragen wurde und dabei wieder nächtlich schwebte über die Berge und Wälder ihrer vertrauten Heimat aus Kindheitstagen. Kaum einer im Publikum vermochte dabei, seine Tränen zurückzuhalten. Und dann schloss sie ihre Erzählung erneut mit jener Liedzeile. Der Saal bebte in tosendem Applaus. Rebekka wurde nicht nur zur Stimme ihrer Abuela, sondern zur Brücke zwischen zwei Welten, indem sie nachwies, dass die stärksten Wurzeln manchmal tausende von Kilometern entfernt wachsen.

Im Sommer kam es plötzlich zu einer unerwarteten Versöhnung zwischen Rebekka und Dennis. Vielleicht war es die finanzielle Überforderung, die eine räumliche Trennung mit sich gebracht hätte, die Dennis zum Umdenken zwang, denn die Kaltmiete ihrer Berliner Wohnung von 1.800 Euro war schon jetzt das Maximum, was sich Dennis noch leisten konnte als Alleinversorger. Jedenfalls waren wir so froh und dankten Gott, dass auf einmal alles wieder gut war. Dennis fuhr mit Rebekka und Penelope nach Italien, und sie haben seitdem wieder eine glückliche Ehe miteinander. Um sie zu entlasten, nahmen wir auch weiterhin ihre Tochter Penelope einmal im Monat bei uns auf für eine Woche oder manchmal auch nur ein Wochenende. Dabei stellte sich heraus, dass Penelope mich als ihren Lieblings-Opa in ihr Herz schloss. So viel ich konnte, spielte ich mit ihr zusammen Puppen oder war ihr Pferd, auf dem sie durch das Erdgeschoss ritt. Sie belohnte meine Albernheiten mit einem herzlichen Lachen, das mich jedes Mal anspornte, weiterzumachen. Sie diktierte dabei, was gespielt werden sollte: „Opa, ich bin deine Mama, okay? und du bist meine kleine Tochter!“ – Kein Problem. Ich verstellte meine Stimme und war plötzlich ihr Kind. Auf der Straße trug ich sie immer auf den Schultern und sie „steuerte“ mich, indem sie jeweils an meinem rechten oder linken Ohr zog. Ich liebte Penelope über alles, und sie spürte es. Mit ihren goldenen Locken, ihren theatralischen Gesten und ihrem Dauerlachen machte es uns auch wirklich viel Spaß, mit ihr etwas zu unternehmen. So machten wir im Sommer eine Rundreise an der Ostsee und fuhren sogar bis nach Polen. Als wir aber an der Ostsee bei Dziwnów ankamen, um zu baden, war dies unmöglich. Denn trotz des sonnigen Wetters und des schönen Strandes war es so dermaßen windig, dass man sich kaum auf den Beinen halten konnte. Ruth war sehr wütend auf mich wegen dieser Schnapsidee. Ich machte es wieder gut durch einen Besuch im Zoo von Rostock.

Stephan beißt auf Granit

Nach drei Jahren Unterbrechung rief mich Schwester Gina (27) an, deren Eltern aus Guatemala ich ja vor zwanzig Jahren kennenlernte in der spanischsprechenden Gemeinde von Ruth. Gina war inzwischen mit einem serbischen Glaubensbruder verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm. Sie fragte, ob ich ihren Mann Jasmit als Malerlehrling nehmen könnte, und ich hatte keine Einwände dagegen. An einem Tag trafen wir uns dann zusammen auf einer Baustelle zum Probearbeiten, und ich hatte sofort einen sehr positiven Eindruck von ihm. So füllten wir zusammen den Ausbildungsvertrag aus und unterhielten uns noch eine Weile. Mir gefielen besonders seine Einfalt und seine ruhige Stimme. „Ist Jasmit ein serbischer Vorname?“ – „Nein, eigentlich heiße ich Jasmin, so steht es auch in meiner Geburtsurkunde.“ – „Aber Jasmin ist doch ein Mädchenname…“ – „Ja, aber in Serbien ist das ein ganz normaler Vorname für einen Jungen, und die Mädchen heißen Jasmina.“ – „Und warum heißt Du jetzt Jasmit?“ – „Den Namen hat sich meine Grundschullehrerin ausgesucht, damit die Kinder mich nicht hänseln. Aber in meinem Ausweis steht Jasmih, weil die Frau in der Ausländerbehörde das n für ein h hielt.“ – „Warte mal, jetzt komm ich ganz durcheinander. Man kann Dir doch nicht einfach einen anderen Namen geben! Das musst Du unbedingt ändern!“ – „Das ist nicht so einfach, weil ich derzeit als staatenlos gelte.“ – „Was? Wie konnte das denn passieren?“ – „Das liegt daran, weil ich mit 18 einen Termin bei der Ausländerbehörde hatte, um meine Einbürgerung zu beantragen. Da ich aber den Termin versäumte, bekam ich keine Einbürgerung mehr. Weil meine Geburt aber auch nicht beim serbischen Konsulat registriert wurde, bin ich derzeit staatenlos.“ – Ich schmunzelte und klopfte ihm auf die Schulter: „Sei nicht traurig, Jasmit, Hauptsache ist, dass Dein Name im Himmel angeschrieben ist!

Über solche und ähnliche Erlebnisse unterhielt ich mich einmal in der Woche immer mit meinem Freund Bernd Fischer, der mit seiner Frau Brigitte inzwischen bei ihrem Sohn Johannes in Großpostwitz wohnte. Da Johannes mir übelnahm, dass ich ihn wegen der Bahzad-Affäre vor drei Jahren und seinem Streit mit seinem Vater nicht unterstützt hatte, durfte ich Bernd nicht mehr besuchen. Deshalb begnügten wir uns damit, wenigstens einmal pro Woche zwei Stunden zu telefonieren. Doch eines Abends rief mich Bernds Schwester Adelheit (81) an und sagte, dass sie sehr unter dem Kalten Krieg zwischen Bernd und seinem Sohn leide und bat mich, doch noch einmal einen Schlichtungsversuch zu unternehmen. Ich erklärte Adelheit, dass Johannes mich nicht mehr als Schiedsrichter anerkennen würde, seit ich damals zu seiner Überraschung die Seite gewechselt hatte und mir Bernds Argumentation zu eigen gemacht hatte. Seither sah er mich als Verräter an, der ihm in den Rücken gefallen sei. Er gab mir sogar die Schuld an dem gegenwärtigen Zerwürfnis, weil ich der Einzige war, der Bernd noch zur Vernunft hätte bringen können, aber diese Chance vertan habe, indem ich ihm recht gab. Adelheit ließ aber nicht locker und fragte, ob es sonst nicht einen anderen Bruder gäbe, der ein neutraler Mittler zwischen den beiden werden könnte. Ich überlegte, und da fiel mir ein Bruder Stephan ein aus dem Bergischen Land, den ich gerade deshalb geeignet fand, weil er Bernd nicht kannte, aber als Prediger genug Ahnung von der Bibel hatte, um zwischen ihnen zu vermitteln. Ich rief ihn an und fragte ihn, ob er sich die Zeit nehmen würde, um diesen Liebesdienst tun würde, um die Beziehungen in dieser Familie wieder zu heilen. Stephan sagte zu.

Es folgten zahlreiche Gespräche, die Stephan abwechselnd mit Johannes und Bernd hatte und die oft bis spät in die Nacht gingen. Drei Monate später, als ich bereits in Peru war, telefonierten Stephan und ich über die Ergebnisse. Stephans erster Kommentar war: „Der Bernd ist ein Betonklotz. Bei ihm beiße ich wirklich auf Granit, denn er nimmt keinerlei gut gemeinten Rat von mir an, sondern ist sich immer viel zu sicher in allem, was er sagt und tut. Und auch Johannes ist sehr ähnlich wie sein Vater und kaum bereit zur Mäßigung. Ich komme einfach nicht weiter, obwohl ich wirklich Verständnis habe für beide Seiten. Aber sie leben jeder in seiner eigenen Welt und haben sich völlig auseinanderentwickelt. Die Fronten sind total verhärtet. Da muss Gott wirklich ein Wunder tun.“ Ich konnte dies alles nur bestätigen aus meinen eigenen Erfahrungen mit den beiden. Und ich konnte es Stephan auch nicht verdenken, dass er zuletzt mehr Verständnis für Johannes aufbrachte, da Bernd aufgrund seines Alters (85) dazu neigte, jeden Widerspruch immer gleich als Angriff des Teufels zu deuten und jedes Aufgeben von seinen gefestigten Überzeugungen gleich als Einknicken wertete bzw. als faulen Kompromiss mit der lauen Christenheit. Ich dankte Stephan für sein Bemühen und versprach ihm, dass ich weiter auf die beiden einwirken werde.

Stanislaw ist sich keiner Schuld bewusst

Eines Tages erinnerte ich mich an einen jungen Bruder namens Marco Rolfes (31), in dessen Hauskreis ich vor 8 Jahren ging. Er hatte den Kontakt zu mir vor fünf Jahren abgebrochen, ohne dass ich wusste, warum. Habe ich ihn irgendwie enttäuscht? In Mat.5:23-24 sagt der HErr Jesus ja, dass wir selbst die Initiative ergreifen sollen, wenn wir den Verdacht haben, dass ein Bruder etwas gegen uns hat. Deshalb schrieb ich ihn an und fragte nach. Und tatsächlich: Er war damals etwas geknickt, weil ich in einem Reisebericht über zu persönliche Dinge aus einer Ehe berichtet hatte (es ging um einen Pastor, der ständig seine Frau betrog). Ich erklärte ihm, dass es mir nicht darum gehe, mich an Skandalen in fremden Schlafzimmern zu ergötzen, sondern ehrlich zu benennen, was ich tatsächlich erlebt habe, weil genau diese verborgenen Schattenseiten vielen Gläubigen schweren Schaden zugefügt haben und weil Schweigen sie weiter ermöglicht. Die Bibel selbst verschweigt das Versagen von Gläubigen nicht (2.Sam.12), und Paulus nennt die Täter sogar immer wieder bei Namen (2.Tim.2:16-18, 4:14). Ich versuche nicht, mich als Richter aufzuspielen, sondern erzähle meine Geschichte, und dazu gehören leider auch die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Wenn ich nur die schönen Seiten berichten würde, würde ich genau die Heuchelei fortsetzen, die ich kritisiere. Zudem verschweige ich auch nicht meine eigenen Sünden und Versäumnisse in meinen Berichten, auch um zu zeigen, dass ich nicht besser bin.

Wir sprachen noch weiter und freundeten uns wieder an. Marco war inzwischen verheiratet und lebte in Barnstorf, fuhr aber immer noch regelmäßig freitagabends nach Bremen zum Hauskreis, wenn sein Dienstplan als Krankenpfleger dies zuließ. „Wir sind zwar nicht viele, eigentlich nur drei Brüder, aber ich lade Dich gerne zu uns ein. Du kannst Marcus auch gerne mitbringen.“ Eigentlich hatten wir ja unseren Hauskreis, aber ich dachte: warum nicht? Und so fuhr ich von nun an jeden Freitag mit Marcus zum Hauskreis von Marco, wo es auch noch die Brüder Hans-Peter (70) und Stani (82) gab.

Hans-Peter war für sein Alter sehr locker und fröhlich, während Stani irgendwie traurig wirkte. Trotzdem verstanden wir uns von Anfang an gut. Häufig hatten wir im Anfang immer so vieles zu plaudern, dass die eigentliche Bibelstunde erst nach einer Stunde begann. Hans-Peter kannte sich als Heilpraktiker sehr gut mit Kräutern aus und gab uns viele wertvolle Gesundheitstipps. An einem Abend schüttete Stani sein Herz aus und bekannte, was ihn so bedrückte: Er sehnte sich nach seiner Frau und seinen zwei Söhnen, die ihn Jahre zuvor verließen. Er kam aus Polen und berichtete, wie er seine Frau damals aus dem Katholizismus zum lebendigen Glauben führte, und wie er ihr bei stand als sie wegen eines Tumors im Gesicht operiert werden musste. Doch dann habe sie ihn verlassen und ihm alles genommen, was er besaß, so dass er am Ende arm und obdachlos war. Dann nahm Marco ihn in sein Haus auf und ließ ihn mit seinem Adoptivvater Heinrich wohnen, der dem Marco das Haus vererbt hatte.

Während Stani von seiner treulosen Ex-Frau sprach, erwähnte er ihren Namen Maria. Da hatte ich auf einmal einen Verdacht. Als er dann noch den Namen seines älteren Sohnes Martin erwähnte, war ich mir sicher: „Und Dein anderer Sohn heißt Emmanuel und wohnt mit seiner Frau in Polen, nicht wahr?“ – „Ja! Woher weißt Du das?“ fragte Stani überrascht. „Weil ich Deine Frau Maria sehr gut kenne. Sie ging lange Zeit bei uns in den Hauskreis und kommt auch heute noch gelegentlich uns besuchen zusammen mit ihren Sohn Martin. Und sie war auch mal mit einem Italiener verlobt, von dem sie sich später trennte.“ – Stanislaws Augen glänzten. Er war den Tränen nahe. „Simon, das freut mich so sehr! Ich habe schon so lange nichts von Maria gehört und sehne mich nach ihr. Kannst Du nicht mal mit ihr reden, dass sie doch zu mir zurückkehre. Und ich möchte auch so gerne meine Söhne und Enkelkinder wiedersehen!“ – „Ja, Stani, das will ich gerne tun. Ich hätte nie gedacht, dass Maria so grausam ist und Dich einfach verlassen hat. Was war denn der Grund, dass sie sich trennen wollte?“ – „Ich weiß es nicht, und frage mich dies schon seit Jahren. Ich habe sie immer geliebt und liebe sie noch heute, trotz allem, was sie mir angetan hat…“ – Ich umarmte Stani und versprach, dass ich ein gutes Wort für ihn bei Maria einlegen würde.

Natürlich war ich schockiert über die Härte von Maria. Sie hatte mir nie gesagt, dass ihr Ex-Mann gläubig sei. Umso weniger hatte sie das Recht, sich von ihm scheiden zu lassen. So rief ich Maria an und konfrontierte sie mit den Vorwürfen ihres Ex-Manns. Maria antwortete mit ruhiger und ein wenig trauriger Stimme: „Ja, Simon, der Stani hat dir alles verschwiegen, was sein eigenes Verhalten betrifft. Tatsache ist aber, dass er mich und die Kinder von Beginn an immer geschlagen hat und sich wie ein Tyrann verhielt. Ich habe immer wieder versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, aber er war immer so aggressiv, dass man nicht mit ihm reden konnte. Ich wollte mich aber nicht von ihm trennen, sondern sah unsere Ehe als ein Kreuz an, dass Gott mir auferlegt hat. Aber Stani wurde immer schlimmer. Eines Abends, als wir mit dem Auto auf einer Reise waren, hat er mich und die Kinder einfach aus dem Auto geworfen, mitten auf dem Land in der Kälte, wo weit und breit keine Stadt oder Telefonzelle war und ist nach Haus gefahren. Er war ein furchtbarer Egoist, der nie etwas bereute oder um Vergebung bat. Du kannst Martin fragen, wie sehr er unter der Tyrannei seines Vaters gelitten hat und einen seelischen Schaden davontrug. Ich könnte so viele Beispiele erzählen, aber ich habe ihn Gottes Urteil überlassen.“ – „Stani sagt, dass du ihm alles weggenommen hast und ihn obdachlos ausgestoßen habest…“ – „Genau das Gegenteil ist wahr: Da Stani nie einer ehrlichen Arbeit nachging (außer Schwarzarbeit), war ich diejenige, die durch meine Arbeit die Familie über Wasser hielt und mich nach Feierabend auch noch um den Haushalt und unsere beiden Jungs kümmerte. Stani hat nie etwas gemacht, sondern lag immer faul auf dem Sofa und trank Alkohol. Als er mich dann auch noch mit einer anderen betrog, habe ich die Scheidung eingereicht. Aber auch danach habe ich ihm regelmäßig Unterhalt bezahlt bis heute. Das hat er dir aber nicht erzählt, stimmts?“

Ja, Stanislaw hatte mir all dies verschwiegen, verständlicherweise. Als nächstes rief ich seinen Sohn Martin an, und auch er bestätigte alles, was seine Mutter mir berichtet hatte. Am darauffolgenden Freitag fuhr ich wieder zur Bibelstunde und konfrontierte Stani mit den Anschuldigungen von Maria. Er schaute mich erschrocken und verunsichert an. Dann erklärte er, dass Maria undankbar sei und die Söhne gegen ihn aufgestachelt habe. Die Vorwürfe selbst stritt er nicht ab, betonte aber, dass man als Christ vergeben müsse, da Gott einem sonst auch nicht vergebe. Hier korrigierte ich ihn: „Stani, Deine Frau sagt, dass Du immer alle Vorwürfe abgestritten hast. Wärest Du denn jetzt bereit, ihr Deine Schuld zu bekennen und sie um Vergebung zu bitten?“ – „Ich habe Gott längst alles bekannt. Außerdem machen wir alle Fehler, sie auch. Wir wollen uns aber jetzt versöhnen und nicht mehr über die Vergangenheit sprechen.“ – „Aber Vergebung kann es nur geben, wenn man auch seine Sünden bekennt. Und wenn Du Dich schuldig gemacht hast an Deiner Frau, dann solltest Du es ihr auch bekennen.“ – „Erstmal soll Maria ihre Schuld bekennen! Ich habe Gott all meine Sünden bekannt. Die gehen niemandem etwas an!“ – „Aber Du willst Dich doch mit Maria wieder versöhnen und hattest mich darum gebeten, zwischen Euch zu vermitteln. Ohne Bekenntnis kann es keine Vergebung geben.“ – „Wir haben uns nichts zu vergeben. Meine Sünden kennt der HErr, und das genügt. Wenn Maria mich bloßstellen will, braucht sie gar nicht erst kommen!

Darauf stand ich auf und sagte: „Lieber Stani, ich bin ehrlich gesagt schockiert, wie Du redest. Maria hatte mich schon vorgewarnt, dass Du keine Einsicht hast in Dein Fehlverhalten und es deshalb auch bis heute nicht bereust. Ich kann sie verstehen, dass sie unter solchen Voraussetzungen nicht glauben kann, dass Du Dich geändert hast. Die Schrift sagt aber, dass wir nur Gemeinschaft miteinander haben können, wenn wir im Licht wandeln. Wenn Du aber das Licht scheust, dann möchtest Du nicht, dass Deine Sünden vor allen offenbar werden. Aber Du siehst ja, dass alles einmal ans Licht kommen wird. Wenn Du Deine Fehler bekennst und zukünftig unterlässt, wirst Du Barmherzigkeit erlangen. Und Maria wäre dann auch bereit, sich wieder mit Dir zu versöhnen.“ – „Nein. Meine Ehe geht niemand etwas an. Ich will auch gar nicht mehr, dass Maria hierherkommt. Sie hat kein Recht, über mich zu richten. Gott hat mir alles vergeben.“ – „Ja, aber Du musst das, was Du Maria und Deinen Söhnen angetan hast, auch ihnen als Sünde bekennen und sie um Vergebung bitten, denn so steht es in Jak.5:16. Wir müssen auch nicht dabei sein, wenn Du nicht willst. Aber würdest Du es tun?“ – Nach einigem Zögern sagte Stani: „Nein.“ – „Dann habe ich ein Problem, Stani, denn wenn Du Deine Schuld nicht bekennen willst und keinen Wert legst auf die Vergebung von Maria, kann ich vorerst keine Gemeinschaft mehr mit Dir haben. Solange Du so verstockt bist, macht das keinen Sinn.“ Dann verabschiedete ich mich von ihnen und kam nicht mehr wieder.

Christa kann keine Menschen ertragen

Am 25.10.2024 hatten wir wieder unsere Enkelin Penelope (3) bei uns. Nachdem ich zur Arbeit gefahren war, zog Ruth das Mädchen an und machte ihr Frühstück. Danach ließ Ruth sie mit ihren Spielsachen spielen, während sie den Abwasch machte. Plötzlich erschrak Ruth, denn sie bemerkte, dass sie noch gar nicht ihre ganzen Schmerzmittel genommen hatte, wie sie es jeden Morgen tat seit 14 Jahren. Normalerweise war Ruth gar nicht in der Lage, aufzustehen wegen der starken Schmerzen, sondern sie nahm erstmal ihr Gabapentin und ihr Tramal und musste dann warten, bis die Wirkung einsetzte, um aufstehen zu können. Doch an diesem Morgen war ein Wunder geschehen: Sie hatte keine Schmerzen. In ihr keimte ein Hoffnungsschimmer auf: „Vielleicht hat Gott nach 14 Jahren endlich unsere Gebete erhört und mich geheilt!“ Aber sie wollte sich nicht zu früh freuen, sondern erstmal bis Mittag abwarten, da dann wohl spätestens die Schmerzen einsetzen würden. Gegen Mittag rief mich Ruth dann an und berichtete mir freudig von ihrer Befreiung. Wir überlegten, was die Ursache gewesen sein könnte, aber es gab keine natürliche Ursache. Es geschah einfach so. Auch am nächsten Tag hatte Ruth keine Schmerzen mehr. Sie war wirklich frei! Wir lobten Gott und dankten Ihm von ganzen Herzen, dass ihre Gefangenschaft endlich vorbei war und sie keine Schmerzmittel mehr brauchte, von denen sie völlig abhängig war.

An einem Tag bekam ich eine E-Mail von einer älteren Glaubensschwester namens Christa (75). Sie hatte vor dem Hochhaus, in dem sie wohnt, einen unserer Firmenwagen stehen sehen, auf dem ein Bibelvers angeklebt war aus Matth.11:28-29 und hatte sich sehr darüber gefreut. Sie schrieb, dass sie früher in einer Pfingstgemeinde war, aber dass sie seit ihrem Umzug nach Bremen keinen Kontakt mehr habe mit anderen Christen. Das lag auch daran, weil sie unter einer Soziophobie leide und sich deshalb nicht unter die Leute traue. Die Einsamkeit mache ihr aber auch schwer zu schaffen. Ich fragte sie, ob ich sie mal anrufen oder sie besuchen kommen dürfe, aber beides lehnte sie ab, was ich aber nicht persönlich nehmen solle. Ich bot ihr an, sie abzuholen und mit ihr zu unserer Gemeinde zu fahren, aber auch das wollte sie nicht. Zuletzt bot ich ihr einfach nur meine Freundschaft an und versicherte ihr, dass sie jederzeit mit meiner Hilfe rechnen dürfe, wenn ich ihr irgendeinen Gefallen tun dürfe. Sie war über dieses Angebot sehr erfreut und berührt. Allein diese Formulierung „Ich biete Dir meine Freundschaft an“ hatte sie so noch nie gehört und war sehr dankbar dafür. Dann schrieb sie mir fast alle drei Tage und ging dabei auf das ein, was sie auf meiner Internetseite gelesen hatte. Ich kam gar nicht mehr mit den Antworten hinterher, so dass sie sich ständig Sorgen machte, ob ich vielleicht sauer auf sie sei, weil ich schon zwei Wochen nicht geantwortet hatte. Ich versicherte ihr, dass es nichts mit ihr zu tun habe, sondern dass ich einfach nicht so viel Zeit hätte. Ehrlich gesagt wusste ich auch nicht immer, was ihr schreiben könne.

An einem Abend erzählte ich nach der Bibelstunde meiner Schwester Diana von Christa und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, der Christa zu schreiben. Diana wollte dies sehr gerne, zumal sie ohnehin schon lange eine Brieffreundschaft suchte. So gab ich ihr die Anschrift von Christa, wollte sie aber zuvor noch fragen, ob sie damit einverstanden sei. Leider war Diana schneller als ich, so dass ich schon zwei Tage später eine sehr wütende Reaktion von Christa bekam. Sie war unendlich enttäuscht von mir, dass ich einfach ihre Adresse weitergegeben hätte und wollte von nun an nichts mehr von mir wissen. Ich entschuldigte mich überschwänglich und beteuerte ihr, dass ich es nicht böse meinte, sondern ihr doch einfach nur eine neue Brieffreundin vermitteln wollte. Christa vergab mir, wollte aber auch weiterhin nur mit mir Korrespondenz. Irgendwann schrieb sie mir, dass ihr Hund krank sei und vermutlich bald sterben werde. Sie wollte ihn aber nicht einäschern lassen, sondern ihn würdig begraben. Deshalb bat sie mich, ob ich ihn abholen könne, wenn es so weit sei, um ihn dann bei mir im Garten zu begraben. Ich hatte dafür Verständnis und sagte, dass es eine Ehre für mich sei, ihr diesen Gefallen zu tun.

Es vergingen zwei Monate, da schrieb sie mir in völliger Verbitterung: „Moin Simon, Bobby, mein kleiner Hund, ist tot. Die sog. ´Ehre´, die es dir angeblich war, ihn in deinem Garten zu begraben – sie endete in Asche im Krematorium… Biblische Sprüche klopfen non stop – aber DAS, Simon, ist nicht Glaube! DAS ist nicht Mission aus dem Herzen! Mich hast du nicht erreicht … Komm auf den Boden zurück zu den Menschen, die du doch angeblich erreichen willst. Und lass die Sprücheklopferei – das überzeugt niemanden.“ Sofort schrieb ich ihr zurück, dass der Tod ihres Hundes mir sehr leidtäte, aber ich doch gar nicht wusste, dass er gestorben war. Ich erinnerte sie dran, dass wir doch so verblieben waren, dass sie mir bescheid geben solle. Wenn sie mich aber erst nach der Einäscherung informiert, könne sie mir doch keine Vorwürfe machen. Christa „verzieh“ mir und fragte mich, ob ich ihr einen neuen Hund besorgen könne, da sie es nicht aushalten könne über Weihnachten allein zu sein. Also suchte ich im Internet nach Hunde-Angeboten, die allerdings für Christa unerschwinglich waren (teilw. über 1000 Euro). Auch rief ich im Bremer Tierheim an, wo man mir erklärte, dass es ein gewisses Prozedere gäbe, nach welchem Christa erst über mehrere Wochen dorthin kommen müsse, um mit dem Hund ihrer Wahl Gassi zu gehen, damit man prüfen könne, ob Christa auch würdig sei. Aber Christa wollte dies nicht.

Kurz vor Weihnachten hatte Christa die Idee, einer kinderreichen Familie etwas spenden zu wollen, damit die Eltern damit Weihnachtsgeschenke kaufen könnten. Sie schickte mir einen Betrag, den ich dann an Bujor weiterleitete. Ich bot ihr an, dass sie an Heiligabend bei uns sein könne, aber sie lehnte es ab, weil sie sich als „Eindringling“ fühle bei unserem Familienfest. Ich tröstete sie und sprach ihr Zuspruch vom HErrn aus, der das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Doch nicht auslöschen werde. Als ich mich nach Weihnachten nicht sofort bei ihr meldete, schrieb sie verbittert: „Du bist ein typischer frommer Laberkopp, Simon. Sorry für die harten Worte, aber solche Leute wie dich habe ich zur Genüge kennengelernt. Nochmal muss ich das nicht haben. Kaum wirst du gefordert, auch einmal anderen zu entsprechen, verschwindest du mit ein paar frommen Worten im Nirwana. …Mir stehts nicht zu, darüber zu urteilen. Mir fällt nur auf: Du bietest viel an – und letztlich verpufft alles im Nichts… Ich breche an dieser Stelle den Kontakt zu dir ab – es ist besser so. Und ich werde auch keine weiteren Mails mehr von dir lesen, sondern sie ungelesen löschen. Christa.“ Ich schrieb ihr trotzdem, aber sie informierte mich danach nur, dass sie meine E-Mail sofort gelöscht hatte. Doch Ende Januar kam dann doch noch mal eine Antwort auf meine Mail: „Leider hast du mir nur wieder einen Bibelspruch um die Ohren gehauen. Sowas verletzt am meisten, aber das weißt du selbst. Wolltest du es? … Wo warst du, als mein Hund starb? – In deinem Garten war er jedenfalls nicht danach… Wo warst du zu Weihnachten? – ich war mal wieder allein. Das tat echt weh. … Trotzdem vermisse ich dich – bekloppterweise. Warum ich mich jetzt nochmal melde? Keine Ahnung. Vermutlich machts gar keinen Sinn. Aber was macht im Erdenleben schon einen Sinn? Shalom, Simon. Christa“. Jetzt wurde mir klar, dass Christa mich mit ihren ständigen emotionalen Erpressungen nur als bösen Versager hinstellen wollte, um sich als Opfer fühlen zu können. Dass sie ja selber meine Hilfsangebote abwies, verdrängte sie einfach und labte sich daran, mir Schuldgefühle einzureden. In ihrer narzisstischen Wahrnehmung sollte ich derjenige sein, der sie im Stich gelassen hatte. Die Realität blendete sie dabei aus. Sie wurde einfach zugunsten ihrer Opfergeschichte umgeschrieben.

 

Januar bis Juni 2025

Marcus kommt ohne mich nicht mehr zurecht

Im Januar flogen Ruth und ich wieder nach Peru und nahmen dabei nicht nur Rebekka und Penelope, sondern auch Dennis mit, für den es die erste Perureise war. Damit sich das Ehepaar mal ungestört das ganze Land anschauen kann, kümmerten wir uns um Penelope, mit der wir täglich auf den Spielplatz gingen oder sie bei einem Nachbarkind zum Spielen brachten. Da ich mir Sorgen machte um Marcus, der schon vor meiner Abreise wieder sehr unruhig war, wollte ich schon Ende Januar wieder zurückfliegen, während Ruth noch zwei Monate länger blieb. Doch am letzten Tag vor meiner Abreise erfuhr ich von Bruder Sergej, dass Marcus sich schon seit zwei Wochen nicht mehr gemeldet hatte und sein Handy aus war. Ich bat ihn, er möge sich doch mal bei meiner Schwester Diana den Schlüssel vom Elternhaus rausholen und mal nachsehen, ob er dort sei. Und tatsächlich fand Sergej ihn mit Jacke und Hose im Bett liegen, wo er sich scheinbar schon seit Tagen zurückgezogen hatte. Sergej redete mit ihm, aber Marcus antwortete nicht. Da Marcus Kühlschrank leer war, kaufte er ihm etwas zu essen, bevor er ging. Als ich am nächsten Tag abends in Bremen ankam, fuhr ich sofort zu Marcus, nachdem ich zuvor Lebensmittel eingekauft hatte. Er machte mir die Tür auf, legte sich aber sofort wieder ins Bett. Im Haus war es gerade mal nur 10 °C, da die Heizung ausgeschaltet war. Die Pflanzen waren alle vertrocknet und man merkte, dass schon lange keiner mehr saubergemacht hatte. Ich machte uns Abendessen und erklärte Marcus, dass ich die Nacht im Haus übernachten wolle. Er wollte nichts essen, antwortete immer erst nach langer Verzögerung und wirkte auffällig unruhig. Er war mal wieder katatonisch. Ich forderte ihn mehrfach auf, doch wenigstens etwas zu trinken, damit er nicht dehydriere. Immer wieder hob er das Glas hoch, nur, um es gleich darauf wieder abzusetzen. Ich schimpfte mit ihm, weil er sein Medikament nicht genommen hatte.  Da es mir am Ende jedoch zu kalt im Haus war, wollte ich wieder zu mir fahren, versprach Marcus aber, morgen früh wiederzukommen.

Als ich am nächsten Morgen wieder auf der Matte stand, machte Marcus mir nicht die Tür auf. Ich klingelte immer wieder, trat gegen die Tür und rief ihn laut, aber er reagierte nicht. Da aber Licht brannte, gab ich nicht auf. Nach einer halben Stunde sah ich ihn schemenhaft durch die Glastür, so dass ich noch lauter rief und bollerte. Endlich machte er mir stumm und apathisch die Tür auf. Er schaute mich starr an, während ich mit ihm schimpfte. Ich forderte ihn auf, Kleidung zusammenzustellen, weil ich ihn mitnehmen wolle zu mir. Dazu war Marcus aber nicht in der Lage, weshalb ich selbst ein paar Sachen von ihm mitnahm. Als wir bei mir ankamen, ließ ich erstmal Badewannenwasser einlaufen, da Marcus wieder ziemlich stark roch. Zu meiner Verwunderung stieg er diesmal ohne Widerstand in die Badewanne, wenn auch sehr langsam. Das gemeinsame Frühstück dauerte dann eine Ewigkeit, da er immer wieder zögerte. Danach bat ich ihn, dass wir gemeinsam beten sollten. Ohne Zögern ging er auf die Knie. Er war wieder wie ein Lämmlein – so wie ich es mir immer gewünscht und erhofft hatte. Nach dem Gebet wurde Marcus allmählich wieder klar im Kopf, und wir gingen auf mein Zimmer, um uns zu unterhalten.

In den folgenden Tagen folgte mir Marcus auf Schritt und Tritt; sogar, wenn ich auf Toilette ging, wartete er vor der Tür bis ich wieder rauskam. Während ich meine Büroarbeit machte, saß er neben mir auf dem Sofa und schaute mich einfach nur an, ohne etwas zu sagen. Und wenn ich Kunden besuchte, begleitete er mich überall hin. Mir war aber klar, dass dies kein Dauerzustand sein konnte, zumal Ruth schon Ende März zurückkehren würde und er dann nicht mehr bei uns wohnen könne. Also telefonierte ich mit verschiedenen christlichen Einrichtungen wie etwa das Sozialwerk der Freien Christengemeinde, dem Geistlichen Rüstzentrum Krelingen oder dem Freizeitheim Blekendorf, aber überall waren sie schon voll und hatten Wartelisten. Zuletzt fragte ich beim WEC Missionshaus in Oyten nach und erfuhr, dass der Bruder Esra mit seiner Familie nach Albanien ausgewandert sei und das Missionshaus zum Verkauf angeboten wurde. Da kam mir die Idee, dass vielleicht die Russlanddeutschen das Haus kaufen und es als Wohnheim für psychisch labile Christen weiterführen könnten. Ich fragte nach, und tatsächlich hatte die russlanddeutsche Pfingstgemeinde in Bremen Interesse an dem Haus. Nach mehreren Gesprächen und Besichtigungen, wurden sie sich jedoch nicht handelseinig, so dass es nicht dazu kam. Von Tag zu Tag taute Marcus allmählich aus seiner Lethargie auf und wurde auch wieder gesprächiger. Er erklärte mir, dass er ohnehin nicht in irgendein Wohnheim ziehen würde, sondern so lange bei uns wohnen bleiben wolle, bis er wieder stabil sei. Dass Ruth dies nicht wolle, ließ er nicht gelten. Als Ehemann solle ich bloß ein Machtwort sprechen, unter dass sich Ruth beugen müsse. Ich solle mich einfach nur mehr durchsetzen.

Mitte Februar wurde Marcus schon wieder psychotisch. Zum Glück hatte ich noch 3 Tabletten Lorazepam und gab ihm eine. Schon bald entkrampfte sich sein Kopf wieder. Aber wenn er solche Attacken noch öfter haben würde, brauchte ich Medikamentennachschub. Da er noch immer nicht krankenversichert war, bot ich ihm an, ihn zum 01.03. einzustellen. Marcus hatte panische Angst davor, weil er dann eine Nachzahlung an die Krankenkasse von mehreren 10.000 Euro leisten müsste, um überhaupt wieder versichert werden zu können. „Im schlimmsten Fall nehmen die mir mein Haus weg!“ – „Unfug,“ sagte ich. „Das Haus gehört Dir ja gar nicht allein.“ – „Doch. Ihr hattet mir ja vor zehn Jahren euren Anteil am Erbe abgetreten.“ – „Aber das haben wir ja noch nicht notariell gemacht.“ – „Doch. Ich war ja mit Vater und Christine damals beim Notar. Ich bin jetzt der alleinige Besitzer.“ – „Selbst wenn. Die können Dir nicht das Haus wegnehmen, denn es gibt Bestandsschutz.“ – „Nur, wenn ich auch im Haus wohne. Aber ich kann nicht mehr zurück nach Arbergen. Alles im Haus erinnert mich an Christine. Es ist, als würde ich mich in einen Sarg legen. Bitte, Simon, lass mich nicht mehr dort zurückkehren. Ich schenke Dir auch mein Haus.“ – „Dann verkaufe es doch und nimm Dir eine Wohnung zur Miete.“ – „Nein, ich kann auch nicht allein leben. Außerdem will Vater nicht, dass ich das Haus verkaufe solange er lebt. Mein Fehler war, dass ich das Haus damals nach dem Tod von Christine nicht an die Familie von Bujor vermietet habe und mir eine Mietwohnung genommen hätte.“ – „Wieso? Was hindert dich denn, es jetzt nachzuholen?“ – „….“


Marcus findet kein Zuhause mehr

Nach langem Zögern unterschrieb Marcus dann endlich den Arbeitsvertrag, und ich meldete ihn bei der Krankenkasse an. Da Marcus aber inzwischen zwei Jahre nicht mehr gearbeitet hatte, machte er jeden Tag schon nach wenigen Stunden schlapp und musste sich ausruhen (Muskeldystrophie). Damit meine Mitarbeiter dies nicht bemerkten, wollte Marcus nur mit mir zusammenarbeiten und nicht mit ihnen. Marcus suchte nach der verlorenen Geborgenheit, aber ich konnte ihm nicht eine Ehefrau ersetzen. Als sich dann Ende März der Zeitpunkt nahte, dass er wieder gehen musste, wurde er erneut psychotisch. Da mir die Medikamente ausgegangen waren, brachte mir Bruder Sergej aus Walsrode eine Packung Perazin, ein mildes Neuroleptikum, mit dem er als selbst Betroffener gute Erfahrung gemacht hatte. Aber Marcus wollte weder dieses einnehmen, noch sich einen Termin beim Psychiater geben lassen, um eine andere Tablette zu kriegen. Stattdessen lag er den ganzen Tag nur noch im Bett und grübelte vor sich hin, während ich auf der Baustelle am Arbeiten war. Die Situation belastete mich so sehr, dass ich meine Schwester Diana anrief, um mich zu unterstützen. Diana aber weigerte sich, Marcus weiterhin jedes Mal vor dem Tod durch Verdursten zu retten, sondern forderte, dass er einen gerichtlichen Betreuer brauche, der ihn dann bei Bedarf in eine entsprechende Einrichtung zwangseinweisen könne. Als ich dies Marcus erzählte – in der Hoffnung, dass er nun bereit werde, mit uns zu kooperieren – geriet Marcus in Panik und floh aus dem Haus, ohne mir zu sagen, wohin. Als Diana mir dann einen von Axel verfassten Brief ans Betreuungsgericht vorlegte, unterschrieb ich ihn, weil es so nicht mehr weitergehen könnte.

Marcus hatte indes Zuflucht gefunden bei einem 90 Jahre alten Bruder aus der Brüdergemeinde. Aber auch Horst war schon bald mit der Situation überlastet, da Marcus nichts mehr aß und trank, sondern nur noch im Bett liegen blieb. Er rief mich an, und ich holte Marcus wieder ab. Da Ruth inzwischen wieder da war, brachte ich Marcus zu meinem Vater nach Lilienthal. Ich bat meinen Vater, Marcus am besten jeden Tag eine Tablette zu geben. Nach einer Woche verkündigte unser Vater stolz, dass Marcus wieder klar im Kopf sei und kooperiere. Später erfuhr ich von Marcus, dass mein Vater ihn jeden Tag anbrüllte und sogar schlug, damit er die Tablette nehme. Und da mein Vater mit seiner Lebensgefährtin Irmtraut den ganzen Tag nur auf seiner Parzelle lag, um Kreuzworträtsel zu lösen, aber kein einziges Wort mit Marcus redete, fühlte er sich von Tag zu Tag unglücklicher. Hinzu kamen die unhygienischen Zustände, die man überall im Haus sehen konnte und an die sich die beiden Alten schon längst gewöhnt hatten. Mein Vater konnte Marcus keine Zerstreuung bieten, außer einmal in der Woche nach Worpswede zu fahren, um zu containern (d.h. abgelaufene Lebensmittel aus den Müllcontainern der Supermärkte zu holen). Kein Wunder, dass Marcus schon nach zwei Wochen wieder geflohen war und heimatlos im Auto umherirrte. Er kam dann aber immer wieder mitten in der Nacht zurück, manchmal um 3 Uhr, und wartete dann bis zur Morgendämmerung auf der Terrasse, damit mein Vater ihn rein ließ.

Um Marcus wenigstens emotional beizustehen, telefonierten wir jeden Tag miteinander, und er durfte mich auch mittwochnachmittags vor der Bibelstunde besuchen zum seelsorgerlichen Spazierengehen. Wir berieten, wie es weitergehen könne, aber gerieten leider immer wieder in Streit, da Marcus jeden meiner Vorschläge abwies. Er wollte weder eine Ehefrau suchen, noch in eine WG ziehen und erst recht nicht in eine psychiatrisch-betreute Wohngruppe. Noch immer machte er sich Sorgen, dass die Krankenkasse ihm das Haus wegnehmen könne und flehte mich an, den Antrag auf einen gerichtlichen Betreuer doch wieder zurückzuziehen. Dass seine eigenen Geschwister dies veranlasst hatten, war für ihn ein Verrat. Er verglich es mit Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauft hatten. In jener Zeit meldete sich Marcus Ex-Freundin bei mir und erkundigte sich nach ihm. Viola hatte Marcus nach der Hochzeit mit Christine 2016 sechs Jahre lang hinterhergetrauert, da Marcus der Mann ihres Lebens war. Doch dann lernte sie Daniel, einen anderen Christen, kennen, mit dem sie seitdem befreundet war. Ausgerechnet jetzt! Was für eine Ironie des Schicksals, denn Viola wäre die einzige Frau gewesen, die Marcus noch bereit gewesen wäre, zu heiraten. Aber es sollte nicht sein. Trotzdem fühlte sich Viola weiter für Marcus verantwortlich und gab mir viele gute Ratschläge, da sie ja als Sozialarbeiterin für psychisch Kranke jahrelange Erfahrung mit Medikamenten und Behörden hatte. Und als wolle sie etwas wieder gut machen, engagierte sich Viola von nun an intensiv um Marcus, indem sie mir pro Woche bis zu 50 WhatsApp-Nachrichten schickte. Anfangs gefiel mir diese Fürsorge noch, aber im Laufe der Zeit antwortete ich ihr dann nur noch 3 bis 4-mal pro Woche und las auch nur noch 80 % ihrer ganzen Nachrichten, was sie sofort merkte und mit mir schimpfte. Offensichtlich war Marcus noch immer „der Mann ihres Lebens“.

Da Marcus schon seit Wochen nicht mehr arbeiten konnte bzw. wollte, kam mir die Idee, einen Mieter für das Haus in Arbergen zu suchen, damit Marcus durch die Mieteinnahmen finanziell versorgt werde. Mein Vater war sofort einverstanden, denn da das Haus seit zwei Jahren leer stand, entgingen ihm Monat für Monat bis zu 2000 Euro Mietgewinne. Ich erinnerte mich an den kolumbianischen Bruder David, der inzwischen ein zweites Kind hatte, und David war einverstanden und hoch erfreut über dieses Angebot. Meinen Vorschlag von 1000 Euro Miete lehnte er jedoch ab und wollte mindestens 1300 Euro bezahlen. Doch als Diana davon erfuhr, war sie sofort dagegen und überredete alle anderen, das Haus nicht zu vermieten, damit mein Vater nach dem Tod von Irmtraut nicht auf der Straße landen müsse.

Polizeifahndung nach Marcus Poppe

Und dieser Tod kam dann tatsächlich und völlig unerwartet: An einem Tag rief mich ein Gerichtsgutachter an, der Marcus Zustand einschätzen sollte, um einen Überraschungsbesuch bei meinem Vater anzukündigen. Doch wenige Minuten vor dem Besuch geschah ein Unglück. Irmtraut musste auf Toilette und rutschte plötzlich auf den Fliesen aus. Marcus lief sofort zu ihr, um sie aufzurichten, stellte aber fest, dass sie nicht mehr stehen konnte. Sie hatte sich den Oberhalsschenkel gebrochen. Er legte sie auf das Sofa, als es plötzlich an der Tür klingelte. Es war der Gutachter. Marcus reagierte angespannt und war wie gelähmt. Da er auf keine Frage antworten konnte, war für den Gutachter schon nach fünf Minuten der Fall klar. Marcus brauche einen Betreuer! Kurz darauf starb Irmtraut im Krankenhaus an den Folgen des Sturzes. Mein Vater war geschockt und trug tiefe Trauer um Irmtraut, mit der er ja schon 13 Jahre lang zusammengelebt hatte. Er musste nun aus dem Haus von Irmtraut ausziehen und lebte zunächst auf der Parzelle. Durch den ganzen Wirbel bemerkte zunächst niemand, dass Marcus verschwunden war. Als Diana eine Woche später nach Arbergen fuhr, machte keiner die Tür auf, aber auch sein Auto stand nicht vor der Tür. Sie hatte keinen Schlüssel vom Haus, weshalb sie mich um Hilfe bat. Dann ging sie zur Polizei und erstattete eine Vermisstenanzeige. Doch als ich wenig später mit Ruth zum Haus in Arbergen fuhr, fanden wir Marcus im Bett kauernd. Er hatte absichtlich seinen Wagen in einer anderen Straße geparkt, um nicht gefunden zu werden. Ich teilte ihm mit, dass schon die Polizei nach ihm suchen würde und er doch vernünftig sein und erstmal mit meinem Vater auf der Parzelle wohnen könne. Marcus willigte ein, wollte aber nicht mit uns fahren, sondern selbst mit seinem Auto zu meinem Vater fahren. Wir vertrauten ihm, was ein Fehler war, denn er hatte uns angelogen. An jenem Abend verschwand mein Bruder spurlos.

Als Marcus auch nach Tagen nicht wieder auftauchte, rief ich etwa 50 Personen an, mit denen Marcus in Kontakt stand, aber nirgendwo war Marcus untergetaucht. Daraufhin schlugen wir Alarm. Ich erklärte der Polizei, dass Marcus in Lebensgefahr sei, da er im Falle einer Katatonie nicht in der Lage sei, sich zu orientieren und dann irgendwo im Wald liegen könnte, ohne zum Aufstehen fähig zu sein und dadurch verdursten könne. Marcus wurde nun europaweit von der Polizei gesucht. Da er mit dem Auto unterwegs war, wurde überall im Raum Bremen und umzu ein Fahndungsplakat in Tankstellen aufgehängt. Schon bald darauf teilte uns die Polizei mit, dass eine Überwachungskamera ihn abends an einer unbemannten Automaten-Tankstelle im Raum Scheeßel fotografiert habe. Ich richtete eine WhatsApp-Gruppe ein und fragte, ob irgendjemand eine Idee hätte, wo er sein könnte. Einer in der Gruppe vermittelte mich an ein Detektivbüro aus Mönchengladbach, die als „Trovato“-Familie schon eine RTL-Serie hatten, in welcher vermisste Personen mit professionellen Geheimdienstmethoden aufgespürt werden. Das Trovato-Team befragte mich dann 2 Stunden lang, während sie mit Hackermethoden an vertrauliche Daten rankamen. So konnten sie z.B. anhand von gehackten Kontoauszügen herausfinden, an welchen Geldautomaten Marcus war usw. Doch Marcus hinterließ keine verwertbaren Spuren, so dass sie schließlich aufgaben.

Wir beteten immer wieder, dass Marcus doch zurückkehren möge, und mir kam auf einmal jenes Wort aus 1.Mo.42:21 in den Sinn: „Fürwahr, wir sind schuldig wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er zu uns flehte, und wir hörten nicht; darum ist diese Drangsal über uns gekommen.“ Wenn Marcus jetzt wirklich sterben würde und Gott dies zuließe, dann würden wir uns alle noch jahrelang schuldig fühlen, weil wir nicht bereit waren, ihm ein Zuhause zu bieten. Aber ich war mir sicher: das würde der HErr nicht zulassen. „Sicher wird Marcus irgendwo bei einer Familie untergekommen sein!“ Aber ich sollte mich irren: Fünf Wochen nach seinem Verschwinden rief Marcus mich am 06.07.25 abends an und bat darum, zu mir zu kommen, um etwas zu Essen zu kriegen und sich waschen zu dürfen. Als er dann vor der Tür stand, erschrak ich. Marcus war vollkommen abgemagert, hatte lange Haare und einen ängstlichen Blick. Ich machte ihm ein Abendessen und er erzählte mir, dass er tatsächlich so gut wie nichts gegessen hatte in den 40 Tagen und im Auto geschlafen habe, weil er Angst hatte, dass die Polizei ihn wieder in die Psychiatrie einweise. Er habe auch Wahnvorstellungen gehabt, dass er sich von einem Felsen runterstürzen müsse und sei deshalb in den Harz gefahren. Aber Gott habe ihn davor bewahrt. Ich dankte Gott von Herzen, dass Er meinen verlorenen Bruder wieder zur Besinnung gebracht hat. Nachdem Marcus gebadet hatte und neue Kleidung von mir erhielt, legte er sich bei uns schlafen.

Doch schon am frühen Morgen war Marcus erneut verschwunden. Sollte alles wieder von vorne losgehen? Nein, denn schon am Nachmittag rief er wieder an und bereute seine Flucht. Er sah ein, dass er sich endlich fügen und mit uns kooperieren musste. Er wohnte dann zunächst noch eine Weile bei meinem Vater und nahm seine Tabletten. Am 01.08.25 war er dann wieder in der Lage, jeden Tag bei mir in der Firma zu arbeiten. Gott schenkte ihm dann eine Unterkunft bei einem Glaubensbruder, der wie er unter Einsamkeit litt, so dass am Ende beiden geholfen wurde. Er wurde zwar auch danach noch einige Male psychotisch und katatonisch, aber tendenziell ging es Marcus im Laufe der Zeit immer besser. Es hatte sich mal wieder das Bibelwort erfüllt: „Gott lässt Einsame in einem Hause wohnen, führt Gefangene hinaus ins Glück; die Widerspenstigen aber wohnen in der Dürre“ (Ps.68:18). Gott hat mich in den letzten zehn Jahren durch viele Prüfungen geführt, aber stand mir immer bei und schenkte mir einen Ausgang, so dass ich es ertragen konnte (1.Kor.10:13). Lob und Ehre sei Ihm für Seine Treue!

Bremen, den 24.05.2026                                                                          Simon Poppe

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