„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

Hat Gott Menschen erschaffen, um sie ewig zu verdammen?

 

  • Über die Absurdität der doppelten Prädestination –

 

Wenn aber Gott, der willens ist, Seinen Zorn zu zeigen und Seine Macht kundzutun, mit viel Langmut Gefäße des Zorns ertragen hat, die ‹sich› zum Verderben passendgemacht ‹haben›…“ (Röm.9:22)

Viele Calvinisten sind aufgrund von Röm.9:21-23 davon überzeugt, dass Gott die Mehrheit der Menschen aktiv „zum Verderben zubereitet“ habe. Doch bevor wir uns der Frage widmen, ob diese These eigentlich denkbar und biblisch ist, möchte ich auf die geläufigen Argumente der Calvinisten eingehen, denn der griechische Text deutet hier auf eine ganz andere Auslegung.

 

Biblische Widerlegung der doppelten Prädestination

Das entscheidende Wort ist κατηρτισμένα (KAT-ERTISMÄNA), ein Perfekt-Partizip im Medium oder Passiv. Es heißt nicht „die Gott zubereitet hat“, sondern „die passendgemacht worden sind“ bzw. „die sich passendgemacht haben“. Paulus verwendet bewusst keine aktive Formulierung wie in Vers 23, wo er bei den „Gefäßen der Barmherzigkeit“ klar sagt: προητοίμασεν („die Er vorher zubereitet hat“). Der Apostel betont hier nicht Gottes aktives Zubereiten zum Verderben, sondern Seine große Geduld. Gott erträgt Menschen, die sich durch ihre eigene Sünde und Verstocktheit für das Gericht zurechtgemacht haben. Das entspricht der gesamtbiblischen Linie, dass Gott „nicht will, dass jemand verloren gehe“ (2. Petr.3:9) und „keinen Gefallen am Tod des Gottlosen hat“ (Hes.33:11). Römer 9 handelt somit nicht von einer symmetrischen Vorherbestimmung zur Verdammnis, sondern von Gottes souveräner Geduld gegenüber sündigen Menschen und Seiner freien Gnadenwahl zum Heil. Die doppelte Prädestination lässt sich aus diesem Vers exegetisch nicht begründen, sondern wird vielmehr in ihn hineingelesen.

Es gibt noch weitere Stellen, die zum Beweis einer angebl. Vorherbestimmung zur Hölle bemüht werden: Sprüche 16:4Der HErr hat alles zu Seiner Absicht gemacht, auch den Gesetzlosen für den Tag des Unheils.“ Der Vers spricht von Gottes Plan, wie Er mit Gesetzlosen verfahren will, nicht aber von einer individuellen, vorweltlichen Zuweisung einzelner Seelen zur Hölle. Der „Tag des Unheils“ kann sich übrigens auch auf eine irdische Bestrafung über böse Taten beziehen. Würde man den Vers jedoch so verstehen, wie Calvinisten es tun, müsste man konsequenterweise sagen: Gott hat Diebe, Vergewaltiger und Mörder aktiv erschaffen, damit sie Böses tun und ewig leiden. Das macht Gott zum Urheber der Sünde, eine Vorstellung, die die Bibel ausdrücklich ablehnt (Jak.1:13).

Eph.1:4–5+11 „…wie Er uns in Ihm erwählt hat vor Grundlegung der Welt … und hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft … nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rat seines Willens.“ Auf den ersten Blick scheint dieser Text die calvinistische Position zu stützen. Bei genauerem Hinsehen widerlegt er jedoch diese: Der Text spricht ausschließlich von der Erwählung zum Heil („zur Sohnschaft“, „heilig und untadelig“). Es wird mit keinem Wort eine symmetrische Vorherbestimmung zur Verdammnis erwähnt.

Vers 11 („nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt…“) beschreibt Gottes souveränen Heilsplan, der nicht zwangsläufig eine Vorbestimmung zum Heil und Unheil beinhalten muss, sondern z.B. auch eine Absicht offenbart, dass Gott gemäß 1.Tim.2:4 noch nicht alle auf einmal erretten will, sondern dass es „Erstlinge Seiner Geschöpfe“ geben soll (Jak.1:18), die auserwählt wurden, um in diesem Zeitalter errettet zu werden und andere erst im künftigen (Mat.12:31-32). Deshalb spricht der HErr Jesus auch von den „Ersten“ und den „Letzten“ (Mat.19:30, 20:16, Lk.13:30). Und von den Pharisäern, die „dem Gericht der Hölle nicht entfliehen“ (Mat.23:33), sagt der HErr in Mat.21:31, dass „die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes“, – sie also ebenso irgendwann eingehen werden.

 

 „Das kann doch eigentlich gar nicht sein!“

Es gibt ein bemerkenswertes Phänomen: gerade hochgebildete Menschen können mit dem Brustton der Überzeugung an offensichtlich absurden und unhaltbaren Schlussfolgerungen festhalten, ohne sich die Mühe zu machen, den Denkfehler in ihrer Argumentation zu suchen, weil sie die Möglichkeit eines Irrtums auch aufgrund vielen Zuspruchs ihrer Bewunderer gar nicht erst in Betracht ziehen.

Im Jahr 1903 verkündete z.B. der angesehene französische Physiker Prosper-René Blondlot stolz die Entdeckung von sog. „N-Strahlen“ als eine völlig neue Art unsichtbarer Strahlen, die alles Mögliche konnten: Funken heller machen, das Auge schärfen und sogar durch Wände gehen. Blondlot beschrieb seine Experimente so überzeugend, dass bald Hunderte von Wissenschaftlern in Europa mitmachten. Plötzlich „sahen“ auch sie die Strahlen in abgedunkelten Räumen, auf speziellen Schirmen, mit viel Konzentration. Wer nichts sah, traute sich kaum etwas zu sagen. Schließlich waren das alles hochintelligente Professoren! Man wollte ja nicht als der Dumme dastehen, der „zu blöd für neue Physik“ war. Der Gipfel der Komödie kam, als der amerikanische Physiker Robert Wood nach Nancy reiste. Während eines Experiments schlich er sich an und entfernte heimlich den wichtigsten Teil der Apparatur. Blondlot und seine Kollegen merkten nichts und beschrieben weiter begeistert, wie sich die N-Strahlen veränderten. Wood veröffentlichte das, und die Blase platzte. Die N-Strahlen waren nie da gewesen. Es war reine Einbildung, verstärkt durch Erwartungsdruck und Gruppendenken. Blondlot selbst glaubte bis zu seinem Tod, dass alle anderen einfach zu unfähig gewesen seien. Ein klassischer Fall von: „Der Kaiser ist nackt!“, aber alle klatschen trotzdem.

Vor Jahren blamierte sich auch mal der Mathematikprofessor George Pólya (1887-1985), der vor seinen Studenten versuchte, den mathematischen Beweis zu führen, dass alle Pferde auf der Welt genau dieselbe Farbe haben müssen. Obwohl das offensichtlich Unfug war, konnte er nirgendwo einen Fehler in seiner Berechnung finden. Ähnlich skurril waren die atemberaubenden Schlussfolgerungen des Bibellehrers und studierten Physikers Fritz-Henning Baader (1929-2019), der herausfand, dass nicht die Erde eine Kugel sei, sondern der Himmel, und wir daher in einem riesigen Hohlraum leben, der diesen Himmel umschließt. Baader, der kein esoterischer Spinner war, sondern ein Sprachen-Genie und Universalgelehrter, war felsenfest davon überzeugt, dass alle gängigen astronomischen Modelle falsch seien, da nach seiner Hohlraum-Theorie sämtliche Bibelstellen über die „Feste am Himmel“ oder die „Grundfesten der Erde“ in völliger Harmonie standen mit seinen physikalischen Erkenntnissen, an denen er trotz vieler Kritik unbeirrt festhielt bis zu seinem Tod. Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich nah beieinander. Baader hatte auch keine Hemmungen zu behaupten, dass die Schlange im Paradies mit Eva sexuell verkehrt habe und dabei Kain zeugte, der dadurch angeblich ein Nachkomme Satans war.

Selbst die klügsten Köpfe der Welt können kollektiv einer Illusion verfallen, wenn niemand den Mut hat, als Erster „Das kann doch gar nicht sein!“ zu sagen (Hi.12:17, Jes.44:25). Genau wie bei den N-Strahlen wiederholt sich auch in der Theologiegeschichte ein bekanntes Muster: Eine Lehre, die bei nüchternem, moralischem Nachdenken geradezu empörend wirkt, wird dennoch jahrhundertelang kaum ernsthaft hinterfragt. Das Paradebeispiel dafür ist die doppelte Prädestination, d.h. die Vorstellung, Gott habe von Ewigkeit her nicht nur einige Menschen zur Errettung erwählt, sondern andere zur ewigen Verdammnis bestimmt. Der Puritaner William Perkins formulierte es so: „Gott hat einige von Ewigkeit her zur Seligkeit und andere zur Verdammnis vorherbestimmt, und zwar vor der Erschaffung der Welt und unabhängig von irgendwelchen Werken oder Vorherwissen.“ Für jeden unvoreingenommenen, vernünftigen Menschen drängt sich sofort derselbe Gedanke auf: „Das kann doch eigentlich gar nicht sein!“ Ein Gott, der Wesen erschafft, von denen er bereits weiß, dass Er sie für immer verwerfen und quälen wird. Das widerspricht nicht nur dem gesunden moralischen Empfinden, sondern auch dem biblischen Bild eines Gottes, „der will, dass alle Menschen gerettet werden“ (nicht: „alle Arten von Menschen“ 1.Tim.2:4). Und trotzdem traute sich kaum jemand, diese Lehre grundlegend in Frage zu stellen. Warum? Weil sie von großen Theologen wie Johannes Calvin (1509-1564), Jonathan Edwards (1703–1758), Arthur Pink (1886–1952), R.C. Sproul (1939–2017) oder vom US-Prediger Paul Washer (*1961) als logische Konsequenz der Souveränität Gottes präsentiert wurde und weil man Angst hat, in ihren Augen als unbiblisch, oberflächlich oder theologisch ungebildet zu gelten. Es ist dasselbe psychologische Spiel wie bei den N-Strahlen: Man sieht etwas nicht (die moralische Absurdität), aber weil alle klugen Autoritäten so tun, als wäre es doch offensichtlich biblisch und richtig, beginnt man, seinem eigenen Verstand zu misstrauen. Der Kaiser ist theologisch nackt, aber die ganze Gemeinde schweigt aus Furcht vor dem eigenen unmündigen Denken. Die doppelte Prädestination ist nicht nur gotteslästerlich, sondern auch ein intellektueller, menschlicher und seelischer Albtraum. Sie verwandelt den Menschen in eine prädestinierte Marionette und das Leben in ein kosmisches Lotteriespiel mit tödlichem Ausgang für die meisten. Hier die schonungslose Kritik aus vier Perspektiven, untermauert mit biblischen Belegen.

  1. Logikversagen und moralischer Bankrott

Die doppelte Prädestination macht Gott zum Urheber des Bösen. Wenn Gott von Ewigkeit her aktiv beschließt, dass bestimmte Menschen sündigen sollen und dafür ewig gequält werden, dann ist Er nicht nur der Richter, sondern der Drehbuchautor des Verbrechens. Das ist keine Souveränität, sondern göttlicher Sadismus mit Planungszwang. Ein Gott, der Wesen erschafft, die Er von vornherein zur ewigen Verdammnis bestimmt hat, widerspricht fundamental jedem vernünftigen Begriff von Güte, Gerechtigkeit und Liebe (vgl. 1.Joh.4:8: „Gott ist Liebe“). Was soll das für eine „Liebe“ sein, die den Geliebten mit der einen Hand erschafft und mit der anderen einer ewigen Folter übergibt? Das wäre nicht Allmacht,  sondern die perfekte Definition eines kosmischen Tyrannen. Die Bibel bezeugt klar, dass Gott nicht der Urheber des Bösen ist: „Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand“ (Jak.1:13).

Zudem zerstört sie jede sinnvolle Moral. Wenn mein Wille, meine Entscheidungen und sogar meine Sünden von Gott vorherbestimmt sind, dann bin ich moralisch nicht verantwortlich. Lob und Tadel werden zu absurden Ritualen. Der Mörder, der Lügner und der Gleichgültige sind alle nur Schauspieler in einem Stück, das Gott selbst geschrieben hat. Wie kann man dann noch von „Gerechtigkeit“ sprechen, wenn nicht nur das Verhalten, sondern auch die Strafe schon vor der Tat feststand? Die Bibel hingegen betont immer wieder echte Verantwortung und Wahlmöglichkeit: „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt. So wähle das Leben, damit du lebst“ (5.Mo.30:19).

  1. Der Mensch als vorprogrammierter Sondermüll

Aus anthropologischer Sicht ist die doppelte Prädestination eine Entmenschlichung ersten Ranges. Sie reduziert den Menschen auf eine Marionette ohne echte Personalität, ohne echte Beziehungsfähigkeit und ohne echte Entwicklung. Was bleibt von menschlicher Würde, wenn Du entweder von Ewigkeit her der auserwählte Liebling bist oder kosmischer Abfall, der nur zur Demonstration göttlicher Macht erschaffen wurde? Die Heilige Schrift hingegen bezeugt, dass alle Menschen „zu Seinem Bilde, zum Bilde Gottes“ geschaffen wurden (1.Mo.1:27) mit der Fähigkeit zu echter Entscheidung, Reue und Beziehung. Die doppelte Prädestination zerstört genau diese Gottebenbildlichkeit. Sie spaltet die Menschheit in zwei Klassen: die „Angenommenen“ (denen Gott Würde und Zukunft ermöglicht) und die „Verstoßenen“ (die von vornherein nie eine Chance bekommen sollten). Das wäre nicht nur willkürlich und ungerecht, sondern ist eine unerträgliche Entwürdigung, durch die Gott die dem Menschen zugedachte Freiheit und Verantwortung zerstört. Der Mensch wird zum biologisch-kulturell determinierten Automaten. Beziehungen werden sinnlos: Warum echten Schmerz teilen, echte Liebe riskieren oder echte Veränderung anstreben, wenn alles schon im Drehbuch steht? Die Bibel ruft dagegen zur echten Umkehr und Verantwortung auf und nicht zu fatalistischer Resignation.

  1. Ein himmlisches Fehlurteil vor Prozessbeginn

Juristisch betrachtet verstößt die doppelte Prädestination gegen jedes Prinzip von Recht und Gerechtigkeit, sowohl im mosaischen Gesetz als auch im Neuen Testament. Im mosaischen Gesetz (Tora) wird Gerechtigkeit immer an das tatsächliche Verhalten geknüpft. Die Bundesflüche und Segnungen in 5. Mose 28 hängen von Gehorsam oder Ungehorsam ab und nicht von einer vorzeitlichen Festlegung. Es gibt ausdrückliche Möglichkeiten der Umkehr und des Neuanfangs (z. B. die Zufluchtsstädte, das Versöhnungsfest, die prophetischen Rufe zur Buße). Ein Richter, der das Urteil schon vor der Tat und vor jeder Verhandlung festschreibt, wäre im alttestamentlichen Rechtsverständnis ein Unrechtsrichter.

Im Neuen Testament wird das Urteil explizit an Werke, Früchte und die Antwort des Menschen gebunden: „Denn Gott wird einem jeden geben nach seinen Werken“ (Röm.2:6). Der HErr Jesus lehrt, dass man die Menschen „an ihren Früchten“ erkennen soll (Mat. 7:16) und dass das Endgericht nach konkreten Taten der Barmherzigkeit oder der Verweigerung erfolgt (Mat.25:31–46). Paulus betont Glauben und Verantwortung. Ein Gott, der Menschen vor ihrer Geburt zur Verdammnis bestimmt und sie dann für ein Drehbuch bestraft, das Er selbst geschrieben hat, betreibt kein Gericht, sondern einen lächerlichen und korrupten Schauprozess, bei dem die rechtlichen Grundsätze völlig missachtet werden und das Urteil schon von vornherein feststeht. Das widerspricht dem biblischen Bild eines gerechten Richters, der nach tatsächlichem Verhalten urteilt und echten Raum für Umkehr lässt (1.Mo.18:25, 2.Petr.3:9 und Hes.33:11).

  1. Paranoia, Arroganz und seelische Verstümmelung

Psychologisch ist die doppelte Prädestination hochtoxisch. Sie erzeugt entweder existenzielle Verzweiflung oder toxische Überheblichkeit; beides ist seelisch zerstörerisch. Man stelle sich vor: Du lebst Dein ganzes Leben mit der unterschwelligen Frage „Bin ich wirklich erwählt?“ Das bezeichnet man in der Psychologe als „Erlernte Hilflosigkeit“, d.h. die Wahrnehmung, dass nichts, was Du tust, Dein Schicksal ändern wird. Die Bibel dagegen verheißt Frieden und Freiheit durch Christus und nicht permanente Angst vor einem vorab festgelegten Schicksal. Oder Du gehörst zu den „Erwählten“ – dann darfst Du Dich in selbstgerechter Arroganz suhlen. Das ist der perfekte Nährboden für Urteilsfreudigkeit und spirituellen Narzissmus. Die Bibel warnt davor, andere zu verurteilen, und ruft zur Demut auf.

 

Gott ist KEIN tyrannischer Sadist mit Kontrollwahn!

Den Freunden Hiobs hat Gott vorgeworfen, dass sie „nicht geziemend“ von Ihm geredet haben (Hiob 42:7), vermutlich weil sie Ihn als einen berechenbaren Kaufmann angesehen hatten, mit dem man Geschäfte machen konnte. Hiob hingegen hatte Gott „nichts Ungereimtes“ zugeschrieben (Hi.1:22). Eine falsche Vorstellung von Gott zu haben und diese öffentlich zu vertreten, ist also nicht bloß ein Irrtum oder eine Dummheit, sondern auch Sünde und Gotteslästerung, selbst wenn sie unbeabsichtigt geschieht. Denn selbst wenn man blind oder abgestumpft ist, trägt man eine Verantwortung dafür, wie man Gott vor anderen darstellt, da man andere dazu verführen kann, ebenso falsch von Gott zu denken. Psychoanalytisch betrachtet würde ein Gott, der eine doppelte Prädestination beschlossen hat, an einer sadistisch-narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden mit paranoiden und autoritären Zügen:

Sadismus: Er erschafft bewusst die Mehrheit Seiner Geschöpfe nur, um sie ewig zu quälen. Das ist kein „gerechtes Gericht“, sondern Lust an der ewigen Unterwerfung und dem Leiden der Anderen.

Narzissmus: Er braucht eine kleine Gruppe von Bewunderern (die Erwählten), die Ihn ewig loben, während Er die große Mehrheit als wegwerfbaren Müll behandelt. Die Erwählten dienen bloß als Spiegel Seiner Größe. Aus reinem Egoismus wollte er nicht auf ihre Erschaffung verzichten.

Paranoia / präventiver Kontrollwahn: Er muss bereits vor der Schöpfung alles festlegen, um jede mögliche Rebellion im Keim zu ersticken. Freiheit ist ihm suspekt und muss im Voraus ausgeschaltet werden.

Autoritäre Persönlichkeitsstruktur: Diese Lehre projiziert menschliche Machtfantasien und Unterwerfungslust auf Gott. Ein despotischer Vatergott, der absolute Unterwerfung verlangt und gleichzeitig die meisten Seiner Geschöpfe für immer verstößt.

Gott wäre also nach dieser Darstellung ein kosmischer Sadist mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, paranoiden Zügen und einem präventiv-strafenden Wahn. Er erschafft Wesen, um sie größtenteils ewig zu quälen, als hätte er Angst, dass sie ihm andernfalls zur Bedrohung werden. Die Bibel zeigt dagegen einen Gott, der „die Welt geliebt“ hat und Seinen Sohn sandte, „dass die Welt durch ihn gerettet werde“ (Joh.3:16-17) und  nicht einen Gott, der die Welt im Voraus in Erwählte und ewig Verworfene aufteilt.

Die doppelte Prädestination ist philosophisch unlogisch, anthropologisch entmenschlichend, juristisch rechtswidrig, psychologisch toxisch und theologisch lästerlich. Sie sagt weniger über Gott aus als über jenen, der sie unreflektiert vertritt, da für einen solchen die totale Kontrolle und Überlegenheit scheinbar wichtiger sind als eine echte Liebesbeziehung. Die Bibel kennt einen anderen Gott, nämlich einen, der liebt, der ruft, der nach Werken richtet und der echten Raum für Umkehr lässt.


Die doppelte Prädestination als Blaupause für irdische Hierarchien und Fatalismus

Was in der Philosophie als logischer Widerspruch und in der Psychoanalyse als sadistischer Kontrollwahn entlarvt wurde, blieb in der Menschheitsgeschichte keine absurde Theorie. Die Lehre von der doppelten Prädestination wurde in der Kirchengeschichte zur praktischen Gebrauchsanweisung für Spaltung und moralische Überwachung, aber auch für kollektiven Fatalismus. Was theoretisch schon den Menschen seiner Würde und Gott Seiner Liebe beraubte, schlug in der realen Welt als Instrument der Macht und der Angst durch:

Unter Johannes Calvin in Genf wurde diese Theologie zur Staatsraison. Das Genfer Konsistorium, ein Gremium aus Pfarrern und Laienältesten, fungierte im 16.Jh. als moralpolizeiliches Tribunal. Es überwachte nicht nur den Glauben, sondern das gesamte öffentliche und private Leben: Tanzverbote, Kleiderordnungen, Denunziationen bei „lästerlichem“ Verhalten. Wer als „nicht erwählt“ galt oder keine sichtbaren Zeichen der Heiligung zeigte, geriet schnell ins Visier. Exkommunikation, Verbannung oder schlimmer. Die Bibel spricht ja von einem Gott, der „nicht will, dass jemand verloren gehe“ (2.Petr.3:9), doch hier wurde das ewige Urteil bereits irdisch vorweggenommen. Calvin selbst nannte die doppelte Prädestination ein „schreckliches Geheimnis“ (decretum horribile), doch seine Anhänger machten daraus ein System der sozialen Kontrolle. Die Erwählten als sichtbare Elite, die Verworfenen als Bedrohung – eine Spaltung, die das neutestamentliche Bild der einen und allen zugänglichen Gnade (Joh.3:16-17) systematisch untergrub.

Noch deutlicher zeigte sich die gesellschaftliche Sprengkraft in Neuengland bei den Puritanern. Hier wurde die Lehre von der „sichtbaren Heiligkeit“ (visible sainthood) zum Kriterium für Bürgerrechte und Kirchenmitgliedschaft. Nur wer glaubhaft seine Erwählung nachweisen konnte durch eine strenge Lebensführung, Bußkämpfe und Bekehrungserlebnisse, gehörte zur Gemeinde der Auserwählten. Die anderen galten als potenziell Verworfene. Dieser Druck führte zu einer Kultur der permanenten Selbstprüfung und gegenseitigen Überwachung. In extremen Fällen wie bei den Hexenprozessen von Salem 1692 mischte sich religiöse Panik mit der Angst vor den „Nicht-Erwählten“. Was als geistliche Wachsamkeit begann, endete in sozialer Hysterie und Hinrichtungen. Später weigerten sich viele Puritaner sogar, die Indianer zu missionieren, da man sie als „Kinder des Teufels“ ansah, die heillos verdammt seien und man ihnen deshalb das Land rauben dürfe. Die katholischen Jesuiten in Brasilien hingegen betrieben ab Mitte des 16. Jh. eine systematische Missionierung der Ureinwohner, brachten ihnen das Lesen bei, übersetzten die Bibel in ihren Sprachen und bildeten sie in der Landwirtschaft aus.

Die doppelte Prädestination blieb also nicht in den Studierstuben der Theologen. Sie wurde zur Blaupause für Eliten und Hierarchien, in denen einige wenige die Auserwählten sind und die vielen anderen als notwendiger Kollateralschaden oder potenzielle Bedrohung gelten. Sie nährte Fatalismus dort, wo Verantwortung gefragt war, und Überheblichkeit dort, wo Demut am Platz gewesen wäre.

Über die direkte Kirchenzucht hinaus prägte diese Lehre ein schädliches Gemeinschaftsklima: Fatalismus gepaart mit elitärem Selbstbewusstsein. Wenn das ewige Schicksal ohnehin feststeht, warum sollte man sich dann für Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit einsetzen? Viele Gläubige zogen sich in eine fromme Innerlichkeit zurück, während andere die Erwählung als göttliche Legitimation für weltliche Überlegenheit deuteten. Später, im Zuge des Kolonialismus und der Sklaverei, diente ähnliches Denken manchen als ideologische Unterfütterung: Völker oder Gruppen, die dem Evangelium nicht folgten, schienen „offenbar verworfen“ was eine gefährliche Verkehrung des biblischen Missionsauftrags darstellt, „alle Völker zu Jüngern“ zu machen (Mat.28:19). In der Bibel findet man keinen solchen rassischen oder kulturellen Vorabfilter; sie verkündet ein Kreuz, das für die ganze Welt gilt (1.Joh.2:2).

Wer an einen unerbittlichen und willkürlichen Gott glaubt, neigt dazu, auch selbst rigoros, streng und kompromisslos zu werden. Gnade wird ja nicht mehr als ein Geschenk gesehen, sondern als etwas, das nur den Auserwählten zusteht. Es fällt ihnen entsprechend leicht, anderen den wahren Glauben abzusprechen, sobald sie andere Erkenntnisse haben. Statt einer tiefen Barmherzigkeit und Mitgefühl, findet man häufig eine emotionale Kälte, autoritäre Überheblichkeit und geringe Dialogbereitschaft. Warum sollte man auch noch mit Christen reden, die doch angeblich ohnehin verloren gehen?

 

 

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