Januar – März 2023
Der Betrug von TLM fliegt endgültig auf
In den drei Monaten nach unserer Rückkehr aus Uganda hatte ich jede Menge WhatsApp-Nachrichten von den Geschwistern dort erhalten, sodass ich eine Chatgruppe einrichtete namens Followers of Jesus Christ, um nicht immer jedem einzelnen schreiben zu müssen über alle Neuigkeiten und Ankündigungen. Viele Geschwister schrieben mir von ihrer finanziellen Not, baten mich jedoch in der Regel nicht direkt um eine Spende, sondern schrieben einfach nur: „Please pray for it“. Einige jedoch baten ganz unverhohlen und geradezu dreist um Geld. Zu diesen gehörte irritierenderweise sogar der alte Bruder Samuel Kiyemba Musoke (ca. 75), der diese Missionsarbeit von Anbeginn mit aufgebaut hatte. Er hatte mir und der Manuela schon auf der Reise mitgeteilt, dass er sich jetzt altersbedingt zurückziehen und von unseren Spenden sich gerne einen Altersruhesitz kaufen wolle, und das, obwohl er bereits ein Haus besaß, in dem er mit seiner Familie lebte. Allein diese unbescheidene Frage, ob wir damit einverstanden sind, offenbarte in erschreckender Weise seine Ahnungslosigkeit und Schamlosigkeit, dass ihm scheinbar längst nicht mehr bewusst war, dass die Spenden für die Kinder gedacht waren und nicht für irgendwelche Privatinteressen. Dass er sich nicht schämte, dies überhaupt von uns zu erbitten! Und so einer war all die Jahre TLM-Schatzmeister?! Es erinnerte mich ein wenig an die Bitte Adonijas, der von Salomo eine Entschädigung dafür erbat, dass er mit dem Versuch gescheitert war, sich das Königtum gewaltsam anzueignen (1.Kön.2:14-25).
Und dann fiel Marlies aus allen Wolken, als ich ihr sagte, dass der junge Bruder Samson Kamulgeye seinen Beruf als freischaffender Architekt aufgegeben habe, um seit einigen Monaten nur noch für die Projekte von TLM zu arbeiten. Denn Marlies hatte viele Jahre ja auch sein Architekturstudium finanziert, damit er eines Tages durch seinen Architektenberuf genug Geld verdiene, um das TLM-Werk auch selbst finanziell zu unterstützen. Und so viele Bauprojekte hatte TLM ja gar nicht, dass es sich die Beschäftigung eines eigenen Architekten leisten könnte. Samson hatte mir erzählt, dass er sich als Selbstständiger versucht habe, aber kaum Kunden gefunden habe, um sich finanziell über Wasser zu halten. Nur deshalb habe TLM ihn eingestellt, zumal er zur Familie gehörte. Hier konnte man also von Vetternwirtschaft sprechen. Obwohl Samson auf mich eigentlich einen vernünftigen Eindruck machte und er ständig fromme Musik im Auto hörte, konnte ich nicht verstehen, warum er sich mit einer Muslima verlobt hatte, wo er doch wissen musste, dass ihr muslimischer Vater einen sehr hohen Brautpreis fordern würde. Mit den 130 Euro, die er als Gehalt von uns bekam, würde er sich diese Braut nicht leisten können. Außerdem bestand die Gefahr der Einflussnahme (2.Kor.6:14).
Und dann war da noch Andrew Nsiyonna, der Schulleiter und Projektmanager von TLM. Er hatte mir geschrieben, dass seine Frau schwer krank sei und daher jeden Monat eine Spende von 170 Euro brauche für Medikamente und Pflege. Nachdem ich ihm 170 Euro überwiesen hatte, bat ich ihn, mir Quittungen oder Rechnungen in Kopie zu senden. Er erklärte, dass er tatsächlich nur 23 Euro im Monat für Medizin benötige, aber die restlichen 147 Euro „für eine spezielle Diät aus Früchten und Gemüse“ benötige. Wenn man bedenkt, dass es viele arme Gläubige in Uganda gibt, die gerade einmal nur 60 bis 80 Euro im Monat zum Leben haben, dann war es völlig unfair, wenn Andrew neben seinem Gehalt als Schulleiter auch noch zusätzliche 147 Euro als Spende für seine Frau bekäme, weshalb ich nicht mehr bereit war, ihm weiter zu spenden. Ich bat ihn sogar, die zu Unrecht eingenommene Spende von 147 Euro der armen Familie Kateregga zu geben, da diese derzeit überhaupt keine Einnahmen habe und trotzdem mehrere alte Leute bei sich beherberge. Dies tat Andrew jedoch nicht, sondern behielt das Geld einfach. Dadurch wurde mir klar, dass der gesamte Vorstand völlig ungeistlich und egoistisch war und deshalb unbedingt ausgetauscht werden musste. Der Fisch stank vom Kopf her. Aber wie konnten wir ihn loswerden? Durch ihre Leichtgläubigkeit hatte sich Marlies mit falschen Brüdern eingelassen, welche den Glauben als Mittel zum Gewinn missbrauchten (1.Tim.6:5).
Manuela und ich waren uns einig, dass wir mit diesem Vorstand nicht länger zusammenarbeiten konnten. Er musste neu besetzt werden mit Brüdern, die wir als zuverlässig erachteten, z.B. Peter, Lawrence oder Fred. Wir mussten vom Vorstand verlangen, dass sie uns ausführlich Rechenschaft geben sollten über die bisherigen Ausgaben und ihnen andernfalls den Geldhahn zudrehen. Als wir Marlies jedoch von unserem Plan berichteten, war sie nicht damit einverstanden. Sie hielt unser Misstrauen für unberechtigt, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass Christen betrügen könnten. Wir zählten ihr sämtliche Verdachtsmomente auf, aber konnten Marlies nicht überzeugen. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie sich jahrelang von den Schmeicheleien von falschen Christen täuschen ließ, denen sie im Laufe von zwölf Jahren über Hunderttausend Euro überwiesen hatte. Deshalb machte ich den Vorschlag, eine E-Mail an TLM zu schreiben, in welcher ich sie aufforderte, die Vorwürfe auszuräumen und unsere Bitte um Aufklärung nachzukommen. Marlies war damit einverstanden, und so schrieb ich kurz vor unserer weiteren Reise nach Peru einen Brief an TLM.
Am 03.01.23 erhielt ich dann eine Antwort-Mail von Petua Katumba. Der Vorstand war auf keine unserer Fragen und Bitten eingegangen. Stattdessen schrieb sie u.a.: „Es ist offensichtlich, dass Du mit der Absicht schreibst, Gottes Werk zu zerstören, indem Du Aufmüpfigkeit und Zwietracht unter Brüdern streust, um die Organisationsprogramme rückwirkend durcheinanderzubringen. Damit ist der Vorstand aber nicht einverstanden! Es ist unser Gebet, dass Gott Dir die Gnade gebe, uns zu vertrauen, wenn wir Seine Arbeit tun!“ Wenn man mal bedenkt, dass mein Brief absolut berechtigte Fragen und auch nur ganz dezent formulierte Kritik enthielt, dann war diese Reaktion im Grunde eine Unverschämtheit. Es war nur zu offensichtlich, dass Petua und die anderen Vorstandsmitglieder hier versuchten, mich als Störenfried hinzustellen, der ständig unbequeme Fragen stellt, und mich deshalb mit billigen Unterstellungen abspeisen wollte. Dabei vergaßen sie, dass auch ich sie seit Jahren im Gebet und durch Spenden unterstützt hatte (über 6000,- € in den letzten 5 Jahren). Und ich wollte wie jeder andere Spender lediglich Rechenschaft bekommen, ob meine Spenden auch wirklich den Kindern zugutekamen und nicht irgendwelche Privathäuser oder Privatautos damit finanziert wurden. Deshalb schrieb ich TLM: „Dear Petua, Your arrogant letter is not acceptable at all, but it is a disrespectful insolence, considering that I have supported you in the last 6 years regularly by money and prayer… And now I will … recommend sister Marlies that she should not send money to you from now on until you have answered our justified questions and considered our peticiones. You will not succeed in driving a wedge between us.“
Straßenschlachten in Peru
Am 09.12.22 flogen meine Frau und ich wie jedes Jahr wieder nach Peru, um den Winter dort zu verbringen. Wir nahmen diesmal auch unsere Tochter Rebekka (27) und ihre Tochter Penelope (2) mit. Zwei Tage zuvor hatte jedoch der peruanische Präsident Pedro Castillo (53) per Dekret den Kongress aufgelöst und sich zum alleinigen Machthaber ernannt. Einen solchen „Autogolpe“ („Selbstputsch“) hatte bereits 30 Jahre zuvor Präsident Alberto Fujimoro erfolgreich vorgenommen, jedoch damals die Sicherheitskräfte und das Militär hinter sich gehabt. Bei Castillo hingegen scheiterte der Putsch schon nach wenigen Stunden, da der Kongress das Dekret einfach ignorierte und Castillo absetzte wegen Verfassungsbruch. Er wollte durch seine Aktion einer bevorstehenden „Amtsenthebung wegen Unfähigkeit“ zuvorkommen, hatte den Staatsstreich jedoch nicht entsprechend vorbereitet, sondern bloß dilettantisch improvisiert. Er wurde daraufhin sofort verhaftet und später wegen Rebellion zu 11,5 Jahren Haft verurteilt. Damit war er schon der 6. Präsident Perus, der in den letzten 25 Jahren verhaftet und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Es gibt heute kaum ein Land in der Welt, in welchem so viele Präsidenten am Ende im Gefängnis landeten. Diesmal aber führte die Verhaftung Castillos zu massiven Unruhen und vielen Todesopfern, da das Land gespalten und hochinstabil war: Im armen Süden und in ländlichen Regionen sprach man von einer „beraubten Präsidentschaft“, während die eher wohlhabenden Bewohner Limas froh waren, einen völlig unbegabten payaso, („Clown“) losgeworden zu sein, der sie ein Jahr lang vor der Welt nur blamiert hatte.
Als der sowohl marxistische als auch evangelikal-konservative Dorfschullehrer Castillo am 06.06.21 zum Präsidenten Perus gewählt wurde, erhoffte besonders die arme Landbevölkerung, dass er das dysfunktionale und korrupte Parteiensystem endlich reformieren würde, da er „einer von ihnen“ war, d.h. aus der ärmlichen, bäuerlichen Provinz kam, die sich von der Politik vernachlässigt fühlte (seine Eltern waren z. B. Analphabeten). Um sein Indio-Image zu pflegen und für seine indigene Herkunft zu werben, trat er stets mit einem Sombrero (Hut) und traditionellem Poncho auf. Da er über keine Erfahrung verfügte, hörten sich seine Reden oft widersprüchlich und verworren an, zumal er oftmals den Faden verlor. So blamierte er sich, indem er auf internationaler Bühne immer wieder die Geschichte von einem Jungen erzählte, der seinem Lehrer durch die Frage, ob das Huhn in seiner Hand tot oder lebendig sei, eine Falle stellen wollte, die der Lehrer aber durchschaute. Einem Journalisten von CNN erklärte er, dass er keine Ausbildung zum Politiker habe und deshalb versuche, „im Amt zu lernen, wie man Präsident wird“. Diese gut gemeinte Ehrlichkeit wurde von den Peruanern mit Erschrecken und sarkastischer Kritik aufgenommen. Daraufhin untersagte ihm das Parlament, an ausländischen Staatsbesuchen teilzunehmen. Seine Unerfahrenheit äußerte sich dann schon bald, indem er in seiner kurzen Amtszeit extrem häufig das Kabinett auswechselte: über 70 Minister wurden sogar nach nur wenigen Tagen oder Wochen im Amt wieder entlassen. Da das Parlament ihn ständig mit einer Amtsenthebung drohte wegen seiner chaotischen Inkompetenz, drohte er damit, das Volk gegen sie zu mobilisieren, das ohnehin einen tief verwurzelten Hass auf das Establishment hatte.
Dieser Volkszorn entlud sich deshalb nach seiner Verhaftung und führte zu gewaltsamen Aufständen im ganzen Land, die in der Folge über 60 Tote, 1.500 Verletzte und einen wirtschaftlichen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe angerichtet haben. Während wir in der Stadt waren, mussten wir immer schon um 18:00 Uhr wieder aufbrechen, weil dann die Protestmärsche begannen, die regelmäßig in gewaltsamen Ausschreitungen eskalierten mit Steinwürfen, Plünderungen und Brandanschlägen. Viele Läden schlossen deshalb schon um 15:00 Uhr, zumal auch viele Kriminelle die Gunst der Stunde nutzten, da die meisten verfügbaren Polizisten durch die Proteste gebunden waren. Die manifestantes („Demonstranten“) warfen Steine auf die Polizisten, zündeten Wagen und Autoreifen an und blockierten die Fernstraßen. Zunächst hofften die Politiker noch, dass sich der Aufstand zum Jahresende wieder beruhigen und die Proteste abflauen würden. Doch dann eskalierte die Situation immer mehr: Flughäfen wurden besetzt und Gebäude angezündet. Die Demonstranten wurden immer gewalttätiger und nahmen nun auch Tote billigend in Kauf. Es mischten sich nachweislich auch immer mehr ehemalige Kämpfer der Terrororganisation Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“) mit Waffen unter die Demonstranten und verübten sog. False-Flag-Anschläge, um sie der Regierung anzulasten und den Hass noch weiter zu schüren.
Eines Nachts am 10.01.23 patrouillierten drei Polizisten in Juliaca, als eine Meute von ca. 80 Manifestantes sie umzingelte und zum Aussteigen aus ihrem Wagen zwang. Die Polizisten machten bewusst keinen Gebrauch von ihren Waffen, um den Unmut zu beruhigen. Als sie jedoch dann mit Stöcken und Steinen gezwungen wurden, ihre Waffen abzulegen, gelang es noch zweien von ihnen rechtzeitig zu fliehen, während der Dritte unter viel Geschrei immer wieder geschlagen und schließlich mit seiner eigenen Waffe angeschossen wurde. Doch noch immer rang der Unteroffizier José Luis Soncco (29) um sein Leben. Nun warf man kübelweise Müll auf ihn, zündete das Polizeiauto an, übergoss ihn mit Benzin und verbrannte ihn schließlich bei lebendigem Leibe. Seit diesem Vorfall schoss die Polizei schon des Öfteren mal scharf, wenn es brenzlig wurde. Jeden Tag tobte fortan ein Straßenkrieg in Lima. In der Innenstadt roch es abends nach Tränengas, und überall lagen schwere Steine auf dem Boden, die man zuvor gegen die Polizisten geworfen hatte. Diese hielten ihre Schutzschilde wie das Römische Heer dicht an dicht, damit möglichst kein Stein traf. Insgesamt standen in Lima den ca. 15.000 – 20.000 Demonstranten jeden Tag etwa 6.800 Polizisten gegenüber und versuchen, der Lage Herr zu werden. Einmal sah ich, wie etwa 100 Polizisten zusammenstanden und gemeinsam ein Lied sangen in der brütenden Sommerhitze, um sich gegenseitig zu motivieren. Ruth und ich kauften ihnen Getränke und segneten sie im Namen des HErrn.
In anderen Städten Perus war es z.T. noch schlimmer, besonders im Süden. Vielerorts wurde zum Generalstreik aufgerufen, und wenn ein Ladenbesitzer sich nicht daran hielt, wurde sein Laden kurzerhand geplündert und danach angezündet. In Puno hatten sie sogar ein Polizeikommissariat in Brand gesteckt, nachdem sie die Polizisten zuvor gewarnt hatten, das Gebäude zu verlassen. Da der Kongress weder einer verlangten Wiedereinsetzung Castillos noch vorgezogenen Neuwahlen zustimmte (da sie dann ja auch ihr Mandat und damit ihr Abgeordnetengehalt verlieren würden), wollten die Demonstranten bis zum bitteren Ende kämpfen, zumal sie aus ihrer Sicht nichts mehr zu verlieren haben, und z.T. den Tod der Armut vorzogen. Ihre Geduld mit dieser korrupten Politikerkaste war endgültig vorbei. Alles war ihnen lieber als der Status Quo, der sie zu einem Dasein in Armut zwang nach dem Motto: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Mitte Januar riefen sie dann im ganzen Land zur „Einnahme von Lima“ auf, so wie Mussolini 100 Jahre zuvor zum „Marsch auf Rom“ aufrief. Als dann ein historisches Gebäude in der Innenstadt von Lima in Flammen aufging, rief die Regierung den Notstand aus und setzte das Militär ein. In vielen Städten galt von nun an eine nächtliche Ausgangssperre. Doch schon ab 14:00 Uhr schlossen die meisten Läden aus Angst vor Plünderungen. Die Leute flohen regelrecht, um noch schnell einen der letzten Busse zu kriegen, denn wenn die Märsche anfingen, wurden viele Straßenzüge abgeriegelt oder waren nicht mehr passierbar.
Da viele Landstraßen im Süden Perus blockiert wurden, hatten sich die Waren deutlich verteuert. Ein Kilo Kartoffeln kostete eigentlich nur ca. 2 Soles (0,50 Cent)/Kilo, nun aber schon 15 Soles d.h. 3,75 €! Tonnenweise wurden Fische und Gemüseladungen in den LKWs weggeworfen, weil sie in der Hitze verfault waren. Verdorbene Milch wurde von den Molkerei-LKWs hektoliterweise auf die Straße gegossen. Touristen saßen in ihren Urlaubsorten fest, zumal es auch vielerorts kein Benzin mehr gab. Etwa 300 Touristen mussten von Machu Picchu aus 6 Stunden mit ihrem Gepäck durch den Regenwald, weil der Zug ausgefallen war. Städte wie Puno oder Puerto Maldonado waren komplett von der Außenwelt abgeschnitten und wurden durch Armeehubschrauber mit Nahrungsmitteln versorgt. An vielen Geldautomaten gab es kein Bargeld mehr, da sie nicht mehr aufgefüllt werden konnten. Wegen fehlender Einnahmen durch Touristen konnten viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter kaum noch bezahlen. Krankenhäuser klagten über fehlende Belieferungen mit Sauerstoff und Blutkonserven. Diese apokalyptischen Zustände erinnerten mich an Habakuk 3:15-17 „Ich zitterte am ganzen Leib, als ich es hörte, ich vernahm den Lärm und schrie. Der Schreck fuhr mir in die Glieder, und meine Knie wurden weich … Zwar blüht der Feigenbaum nicht, der Weinstock bringt keinen Ertrag, der Ölbaum hat keine Oliven, die Kornfelder keine Frucht … Ich aber will dennoch jubeln über den HErrn, will mich freuen über den Gott meines Heils.“
Frieden inmitten des Sturms
Der Fehler von Pedro Castillo war, dass er sich als Christ mit den revolutionären Ideen der Linken eins gemacht hatte, konkret mit der marxistischen Partei Perú Libre („freies Peru“), die sich später von ihm trennte. Der Marxismus ist seinem Wesen nach gesetzlos, da der Klassenkampf auf Umsturz und Abschaffung der göttlichen Ordnung abzielt. Das Symbol der nach oben gerichteten Faust steht im Marxismus für den gewaltsamen Aufstand und Kampf gegen die Obrigkeit und letztlich gegen Gott selbst: »Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Stricke!« (Ps.2:3). Die Linken wollen keinen Frieden und Dialog, sondern ihre gesetzlose Ideologie mit Gewalt durchsetzen: „Die Gesetzlosen sind wie das aufgewühlte Meer. Denn es kann nicht ruhig sein, und seine Wasser wühlen Schlamm und Kot auf. ‚Kein Friede den Gesetzlosen!‘, spricht mein Gott“ (Jes.57:20-21). Es ist sicher kein Zufall, dass die „Linken“ immer wieder gegen die „Recht(schaffend)en“ kämpfen. Das Adjektiv „link“ stand schon immer für hinterhältig, falsch und tückisch. Es ist die versteckte Hand, die der Gesprächspartner nicht sehen darf, während man ihm die rechte Hand reicht. Im Satanismus spricht man vom „Pfad der linken Hand“ (d.h. Selbstvergöttlichung). Zugleich ist die linke Hand aber immer die ungeschickte, unzuverlässige und damit nicht vertrauenswürdige („zwei linke Hände haben„). Wer sich also wie Castillo mit Gesetzlosen einlässt, befreundet sich mit Gotteshassern (2.Chr.19:2, Spr.1:14).
Doch trotz der Unruhen und aller Widrigkeiten hat der HErr Gnade geschenkt, dass ich auch diesmal das Evangelium verkündigen konnten. Auf den Plaza de San Martin, wo ich sonst immer predigte, ging es diesmal nicht, weil dieser – wie viele Plätze – von der Polizei wegen der manifestantes gesperrt war. Stattdessen ging ich jedes Mal auf den Plazuela de San Augustín, direkt neben einem Kloster im historischen Zentrum von Lima und predigte dort vor etwa 50 Passanten, die sich auf den Bänken im Schatten der Bäume ausruhten. Gleich am ersten Tag übergab ein gewisser Juan José (45) sein Leben in die Hände Jesu, der in den letzten 12 Jahren aufgrund der Trennung von seiner Frau auch seinen Glauben verloren hatte. Ein Jahr zuvor hatte ich dort ja eine Goldschmiedin namens Leoniza (50) kennengelernt, die erst seit kurzem gläubig war. Seither öffnete sie sogar ihre Wohnung für den HErrn, so dass wir uns sowohl bei ihr, als auch bei Francisco zur Bibelstunde versammelten.
In den folgenden Wochen schenkte der HErr immer wieder Bekehrungen, und zwar ein gewisser Alexander (ca. 30), Omar (62), Salomon (47), José-Ruben (ca.40), Luis (ca. 20) und Jorge (70). Jorge z.B. war ein ehemaliger Drogenhändler von höherer Bildung, der später durch den Konsum einer Droge namens Ayahuasca (Quetcha: „Todes-Strick“) unter dauernden Wahnvorstellungen und Paranoia litt und schließlich obdachlos wurde. Ich erinnerte mich an das Gleichnis in Lukas 10 und gab ihm Geld, damit er für die nächsten zwei Tage versorgt sei. Dann trafen wir uns erneut und ich übergab ihm ein paar Strümpfe und Unterwäsche, die Ruth für ihn gekauft hatte. Auch dem Luis gab ich Schuhe, eine Hose und Unterwäsche, da er ebenfalls obdachlos war. Dem Jorge schenkte ich eine Bibel und lud ihn zur Versammlung ein, aber er kam leider nicht. Die Geschwister, die wir in Lima kennen, versammeln sich in zwei Hauskreisen, und zwar freitagabends bei uns im Stadtteil La Victoria und samstags bei Bruder Francisco im Stadtteil Lince. Es gab unter ihnen vier Brüder, die behindert bzw. gesundheitlich angeschlagen waren:
1.) Augusto (76) erlitt 20 Jahre zuvor einen Schlaganfall und war seitdem ein Pflegefall. Er saß den ganzen Tag in seinem 12 qm großen Zimmer im 4.Stock eines Wohnblocks und bekam so gut wie nie Besuch, da er keine Verwandten hatte. Deshalb besuchten Ruth und ich ihn regelmäßig und lasen ihm aus der Bibel vor. Durch die Besuche wurde inzwischen auch sein Pfleger Felix (56) gläubig.
2.) Pedro (ca.55), ein ehemaliger Theologe und Prediger, ist aufgrund seines Diabetes seit 15 Jahren beinamputiert an den Rollstuhl gefesselt und zugleich erblindet. Im Oktober 2021 konnte er eines Morgens wie durch ein Wunder wieder auf einem Auge sehen. Da er sehr arm ist, haben wir ihm eine größere Spende von den deutschen Geschwistern übergeben. Er bedankte sich, indem er mir seine alte, verschwitzte Ledermütze schenkte.
3.) Luis (63), ein ehemaliger Krankenpfleger und Schweißer, litt jahrelang unter Cluster-Kopfschmerz, Diabetes und Sehschwäche. Seine Schmerzen sind oftmals so stark, dass seine Schmerztabletten kaum noch Wirkung zeigten und er sich wünschte, dass Gott ihn heimrufen möge, zumal er sich auch völlig unnütz fühlte. Auch er bekam eine Spende, sowie Schmerzmittel von Ruth.
4.) Zeferino (ca. 60), ein ehemaliger Aushilfslehrer, war jahrelang arbeitslos und litt unter Lungenfibrose. Seine Frau ließ sich zwei Jahren zuvor von ihm scheiden, bekam dann aber Krebs, weshalb er sie pflegen musste. Seit längerem arbeitete er nun bei Bruder Heraclio als Aushilfe in seinem Orthopädieladen. Er bettelte uns häufig um Geld an, kam aber oft nicht zum Hauskreis.
Da ich zu jener Zeit vorhatte, mit Ruth demnächst nach Peru auszuwandern, aber schon jetzt die Arbeitsmöglichkeiten in Peru testen wollte, bewarb ich mich Anfang Januar bei zwei Instituten als Deutschlehrer, um während meiner zukünftigen Aufenthalte in Peru in Teilzeit arbeiten zu können. So einfach war dies jedoch nicht, da man von mir noch gewisse Qualifikationen forderte. Daher gab ich es vorerst auf und bot stattdessen dem Bruder Francisco an, seine Tierarztpraxis kostenlos zu streichen von innen und außen, was ich dann auch den ganzen Januar hindurch tat, hautsächlich vormittags. Nachmittags fuhr ich dann oft mit Ruth, Rebekka und Penelope in die Stadt, damit jene einkaufen konnten, während ich evangelisierte. Einmal unternahmen wir auch eine Reise zu einem etwa 200 km entfernten Ausflugsort namens Lunahuaná in der Provinz Cañete. Dort konnten wir im Schlauchboot die wilden Stromschnellen des Flusses hinabpaddeln, sowie in der schönen Landschaft wandern. Von dort fuhren wir an einem Tag auch mal zur Inka-Festung Incahuasi. Auf der Rückreise verbrachten wir einen Tag am Strand von Cerro Azul. Als wir am Abend jedoch weiter nach Lima fahren wollten, war die Panamericana von Protestierenden gesperrt. Durch Gottes Gnade erreichten wir dennoch über Schleichwege unser Zuhause.
Christine hat Krebs im Endstadium
Als wir wieder in Deutschland ankamen, stellte sich zu unserer großen Freude heraus, dass unser Schwiegersohn Dennis, der ja ein Jahr zuvor beschlossen hatte, sich von unserer Tochter zu trennen, durch eine Burn-out-Depression zum Umdenken gekommen war und sich mit Rebekka wieder versöhnte. Besonders das Alleinsein am Heiligabend hatte ihm wohl so sehr zu schaffen gemacht, dass er sich schon richtig auf die Rückkehr von Rebekka und Penelope gefreut hatte. Rebekka war überglücklich und wir dankten alle dem HErrn, dass nun wieder endlich Frieden war.
Doch Ende Februar kündigte sich neues Unheil an: Mein Zwillingsbruder Marcus kam uns besuchen und berichtete unter Tränen, dass man bei seiner Frau Christine gerade einen unheilbaren Krebs festgestellt habe, der von der Brust aus gestreut hatte in die Bauchspeicheldrüse und schon so weit fortgeschritten war, dass sie nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. Er erzählte uns, dass Christine ihm schon ein Jahr zuvor von einem kleinen Knoten in der Brust berichtet hatte, die beiden sich jedoch entschieden hätten, nicht zum Arzt zu gehen, aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit Ärzten in der Corona-Zeit („Die wollen doch nur Geld verdienen und verschreiben deshalb teure Chemotherapien, die nichts bringen, aber nur schaden!“). Christine informierte sich stattdessen im Internet über alternative Heilungsmethoden durch bestimmte Kräuter und Früchte. Marcus wiederum ließ sich von einem befreundeten Krankenpfleger sagen, dass man Krebsgeschwüre grundsätzlich nicht operativ entfernen sollte, da durch den Eingriff sofort Krebszellen versehentlich ins Blut gelangen können und dadurch Metastasen verursachen können. Deswegen unternahmen die beiden nichts, so dass sich der Brustknoten immer weiter vergrößerte. Erst im Dezember 2022 wurde Christine so unruhig, dass sie zum Arzt ging. Sofort wurde ihr ein OP-Termin für Anfang Februar gegeben, obgleich man ihr sagte, dass es eventuell schon zu spät sein könne.
Am 09.02.23 (an ihrem 58. Geburtstag) erfuhr Christine dann die bittere Diagnose, dass ihr Krebs bereits in andere Organe gestreut hatte und eine Heilung nicht mehr sehr wahrscheinlich sei. Sie nahm die Nachricht äußerlich betrachtet tapfer und mit Fassung zur Kenntnis, zumal es jetzt endlich heim gehe. Doch machte sie sich zurecht Sorgen um Marcus, da sie daran zweifelte, dass er auch ohne sie das Leben allein bewältigen könne. Und dann kamen im Februar weitere Hiobsbotschaften auf Marcus zu: Sein Hauskreis hatte ihn ausgeschlossen, da er mehrere Male vehement dem Antimillenialismus widersprach, der in der Gruppe vertreten wurde. Dabei war es wohl weniger, dass der Hauskreisleiter Stephan anderen Lehrmeinungen gegenüber intolerant war, als vielmehr die Rechthaberei von Marcus. Kurz nachdem Marcus ausgeladen war, starb einer der Brüder plötzlich und unerwartet an Krebs, so dass sich der Hauskreis in der Folge komplett auflöste. Kurz danach starb dann auch noch Schwester Iris an Krebs, die Frau von Bruder Andreas Schmidt aus Rothenburg, mit dem Marcus schon seit über zehn Jahren ganz eng befreundet war. Die Ironie war dabei, dass Andreas als Krankenpfleger auf einer Krebsstation sowohl seiner Frau als auch Christine geraten hatte, sich nicht operieren zu lassen wegen des Risikos einer unkontrollierbaren Streuung der Krebszellen.
All dies war schließlich zu viel für Marcus. Und was keiner für möglich gehalten hatte passierte dann: Nach 27 Jahren trat ein Rezidiv (Rückfall) seiner letzten Psychose aus dem Jahr 1996 wieder auf, da ihn die Vorstellung, demnächst ganz allein in seinem Haus in Arbergen zu leben eine so große Belastung war, dass er sie nicht ertragen konnte. Zunächst verschwieg uns Christine, dass sich Marcus immer merkwürdiger verhielt und kaum noch mit ihr redete. Sie hoffte, dass dies schon bald vorübergehen würde. Aber dann kam der Tag, an dem sie Alarm schlug: Etwa Mitte März teilte sie mir am Telefon mit, dass Marcus schon seit Tagen kaum noch ein Wort sagte und wenn überhaupt nur wirres Zeugs. Einmal verlangte er von Christine sogar einen Beweis, dass sie wirklich seine Frau sei und erkannte auch ihre gemeinsame Havaneser-Hündin Biene nicht mehr an. Christine hielt es nicht mehr mit Marcus aus und wollte mal für eine Woche zu ihrer Schwester reisen. Daher bat sie mich und meine Schwester Diana, dass wir uns um Marcus kümmern mögen. Am nächsten Tag fuhr ich nach der Arbeit nach Arbergen zu Marcus, wo ich mich mit Diana und ihrem Mann Axel verabredet hatte. Sie waren schon vor mir angekommen und hatten Marcus in einem so erschreckenden Zustand vorgefunden, dass sie einen Krankenwagen riefen. Dies war eine heikle Entscheidung, denn Marcus war ja seit 22 Jahren gar nicht mehr krankenversichert, so dass wir die Kosten am Ende privat bezahlen müssten. Aber jetzt hatte die Gesundheit von Marcus absoluten Vorrang. Als die Sanitäter eintrafen, befragten Sie Marcus über seine Situation. Aber er war kaum in der Lage, Auskunft zu geben. Stattdessen versuchte er, alles herunterzuspielen und ihnen weiszumachen, dass alles in Ordnung sei. Doch dann ließ er sich schließlich überreden, doch lieber vorsichtshalber mal mitzukommen, wiewohl er dies nur sehr widerwillig tat. Doch im Aufnahmezimmer stritt er wieder vehement ab, dass er krank sei und wollte wieder nach Hause. Der liebevollen Überredungskunst von Diana war es am Ende zu verdanken, dass er dann doch einwilligte. Aber schon am nächsten Tag war Marcus wieder zuhause, nachdem er sich selbst entlassen hatte. Man hatte ihn weder untersucht, noch mit einer Therapie begonnen und ihm noch nicht einmal ein Medikament gegeben. Aber allein für den Aufenthalt und ein trockenes Brot mit Käse und Tee, sowie zwei nicht gewünschten Covid-Tests schickten sie Marcus später eine Rechnung von 1.260,15 € zzgl. 800 € für den Krankenwageneinsatz. Hätten wir das gewusst, dann hätten wir ihn lieber ins luxuriöse Parkhotel gebracht, das nur halb so viel gekostet hätte.
April – Juni 2023
Der Whistleblower
Ein Whistleblower („Pfeifenbläser“) ist ein Hinweisgeber, der wichtige Auskünfte über Missstände, illegales Verhalten oder moralische Verstöße in einer Organisation aufdeckt und heimlich meldet, oft unter Inkaufnahme von damit verbundenen Risiken, weil ihm die Aufklärung der Öffentlichkeit oder der arglosen Opfer von Betrug wichtiger ist als das Erwischtwerden und Erleiden persönlicher Konsequenzen. Und genau solch einen Hinweisgeber schenkte uns der HErr auf einmal für Uganda, und zwar in dem Bruder Kato Samuel Lubuulwa (53). Es war wirklich eine Ironie, das ausgerechnet dieser Bruder der Ehemann war von Petua Katumba, der Chefin von True-Light-Mission, diesem Spenden-Veruntreuungs-Verein, der die christliche Gutgläubigkeit und das Mitleid mit den armen Kindern dazu missbrauchte, um heimlich Gewinne für persönliche Interessen abzuzweigen. Denn Kato Samuel gab uns das, was wir nicht hatten: Beweise. Hintergrund für seinen Verrat war, dass er das Gebaren seiner Frau nicht mehr mit seinem Gewissen vor Gott vereinbaren konnte. Außerdem befürchtete er, dass seine Frau sich ohnehin in den nächsten Monaten von ihm scheiden lassen wolle, da sie nach seiner Vermutung eine heimliche Affäre mit ihrem Chef habe, einem Autohändler, der zugleich ein hoher Offizier beim Militär sei und ihr deshalb mehr bieten könne. Bei jeder Gelegenheit erniedrigte sie ihren mittellosen Ehemann mit Worten wie: „You are good for nothing!“ („Du bist zu nichts zu gebrauchen!“)
Kato Samuel berichtete mir, dass Petua ihm nie Einblick verschafft habe in ihre Finanzen, war sich aber sicher, dass sie sehr viel Geld habe und dies unmöglich allein durch ihr monatliches Gehalt erworben haben konnte. Denn sie besaß nicht nur ein teures Auto, sondern sogar drei große, vermietete Häuser. Entweder habe sie das Geld von ihrem Liebhaber oder sie habe immer heimlich Geld abgezweigt von den Spendengeldern. Da er als ehrenamtlicher Pastor keine Einnahmen hatte, sie aber so vermögend sei, habe sie keinerlei Respekt mehr vor ihrem Ehemann, dem sie gerade einmal nur ein monatliches Taschengeld zugestand. Diese finanzielle Abhängigkeit missbrauchte Petua aber regelmäßig, indem sie ihn häufig erpresste, um ihre Interessen durchzusetzen. Immer wenn sie z.B. sauer auf ihn war, fuhr sie ihn nicht zu seiner 2 km entfernten Gemeinde, so dass er den Weg dorthin zu Fuß gehen musste hin und zurück. Auch demütigte sie ihn oft, indem sie ihn einen Versager nannte. Irgendwann erkannte sie jedoch die Chancen hinter dem Predigtdienst, um Respekt und Anerkennung zu erlangen und wollte auch gerne in seiner Gemeinde predigen, was er ihr aber untersagte. Daraufhin erwarb sie den Titel eines „Reverend“ („Ehrwürden“) und verschaffte sich dadurch die Erlaubnis, in den anderen Gemeinden von TLM zu predigen. Sie war offensichtlich in allem eine Nachahmerin der Isabel bzw Jezabel der Bibel.
Von nun an verging keine Woche, in der mir Kato nicht neueste Skandale über TLM mitteilte: zum Beispiel kassierte der Verein heimlich Schulgelder von den bettelarmen Eltern der Kinder, obwohl es immer hieß, dass die Kinder von unseren Schulen den Unterricht gratis und durch Spenden finanziert bekommen. Ferner soll es auch eine US-Amerikanerin geben, die regelmäßig Spenden sammele, obwohl Petua uns versichert hatte, dass wir Deutschen die einzigen Spender von TLM seien. Dann verriet er uns, dass die Lehrer gerade einmal nur 80 Euro im Monat bekämen, obwohl sie auf den Quittungen 100 Euro bestätigen sollten. Wer heimlich etwas ausplaudern würde, verlöre sofort seinen Job. Die Mitarbeiter lebten in Angst und Schrecken vor den TLM-Leitern, die sogar vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckten. Ich bat Kato, Fotos und schriftliche Belege zu schicken, um sie an Marlies und Manuela weiterzuleiten, was er auch tat. Als Lawrence und Peter erfuhren, dass Kato unser Informant war, packten auch sie aus und bestätigten die Angaben von Kato. Nun war auch Manuela völlig überzeugt, dass wir fortan nicht mehr mit TLM zusammenarbeiten könnten. Wir versuchten, auch Marlies zu überzeugen, was jedoch nicht einfach war, da sie sich um die vielen Kinder sorgte. Zudem wollte sie handfeste Beweise sehen, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass es Christen gibt, die solche Betrügereien machen. Da sie herzensgut war, projizierte sie ihre eigene Arglosigkeit auf andere, die diese Naivität schamlos ausnutzten. So ließ sie sich zwölf Jahre lang von ihrem Wunschdenken leiten und sich von TLM im Bilde gesprochen „schimmeliges Brot“ vorzeigen (vergl. Josua 9:12-14), anstatt mit kritischem Blick nachzubohren und beharrlich die Einhaltung gängiger Regeln der Geschäftswelt einzufordern (1.Joh.4:1). Als Spendenempfängerin hatte Petua eine Bringschuld gegenüber Marlies gehabt, ihr umfangreich Rechenschaft abzulegen über alle Wünsche und Ausgaben, weshalb es geradezu lächerlich war, dass Petua der Marlies einredete, als ob wir als Kritiker eine Beweislast hätten, ihr Veruntreuung nachzuweisen. Dennoch gelang es Petua immer wieder, Marlies mit der Not des Lehrerpersonals zu erpressen, anstatt fehlende Gehälter erstmal aus ihrem eigenen Reichtum vorzuschießen. Erpressung funktioniert immer durch einen vorgetäuschten Zeitdruck, der einem keine Zeit mehr lässt, mit Besonnenheit eine Behauptung zu prüfen. Marlies räumte schließlich ein, dass sie zwar immer wieder Fragen gestellt hatte, aber sich aus falscher Demut immer wieder damit abgefunden hatte, dass man ihr die Fragen nie oder nie vollständig beantwortet hatte.
Nach vielen Gesprächen sah Marlies endlich ein, dass sie sich über den Tisch ziehen ließ und sich durch Leichtgläubigkeit mitschuldig gemacht hatte an der Veruntreuung von Spendengeldern. So schrieben wir gemeinsam eine E-Mail an TLM, dass sie fortan keine direkten Spenden mehr von uns bekämen, sondern nur noch durch Lawrence und Peter, denen sie von nun an für jede Zahlung Rechenschaft abgeben müssten. Dazu war TLM aber nicht bereit. Petua vermutete, dass die beiden es waren, die sie verraten hätten und schlossen sie ganz aus TLM aus. Daraufhin beschlossen wir, dass Lawrence und Peter die Spendengelder gezielt an die Eltern der Schüler, sowie an Bedürftige verteilen sollten, wodurch wir TLM umgangen in der Hoffnung, dadurch den Veruntreuungssumpf trocken zu legen. Petua antwortete jedoch hochnäsig, dass sie sich nicht erpressen lasse und auch angeblich gar nicht auf unsere Hilfe angewiesen sei. Da war ich wirklich baff und schreib Marlies: „Wenn das stimmt, dass TLM nicht auf uns angewiesen sei, was haben sie dann all die Jahre mit unseren 8.000 Euro im Monat angestellt?“
Es dauerte jedoch nicht lange, da versuchte Petua, sich wieder bei Marlies anzubiedern durch viele Komplimente und fromme Sprüche. Auch versuchte sie, einen Keil zwischen uns zu treiben, indem sie schlecht von mir redete und Marlies heuchlerisch darum bat, dass doch wieder „alles so wie früher sei möge“. Manuela und ich baten Marlies inständig, sich nicht von Petua betören zu lassen. Manuela buchte einen Flug für Juni, um die neu entstandene Lage vor Ort aufzuklären und die Spendenverwaltung neu zu organisieren. Zum Ende ihrer Reise rief sie mich aus Uganda an und sagte: „Simon, es ist alles noch viel schlimmer als ich es mir hätte vorstellen können. Ich habe so viele neue schockierende Informationen über TLM, die ich Euch aber erst bei meiner Rückkehr nach Deutschland berichten werde. Es ist alles so heftig, dass ich sogar schon Angst um mein Leben habe, denn TLM weiß, dass ich jetzt die ganze Wahrheit erfahren habe, und diese Leute sind wirklich zu allem fähig. Ich will nur noch weg aus Uganda!“ Als sie in Deutschland ankam, wurde Manuela jedoch auf einmal schwer krank und reagierte gar nicht mehr auf unsere Anfragen. Kurz darauf erfuhren wir, dass sie plötzlich gestorben war, und das gerade einmal nur im Alter von 58 Jahren!
Aber was wir wussten, genügte uns längst. Marlies war einverstanden, die Spendengelder von nun an ausschließlich über Lawrence und Peter verteilen zu lassen, die jetzt auch detailliert Nachweise sandten von allen Empfängern mit Unterschrift und Fotos. Bald darauf stießen auch Freddy und George zum Team dazu, die ebenso ihre Jobs verloren. Petua war außer sich vor Wut, aber ahnte noch immer nicht, dass ausgerechnet ihr Ehemann Kato Samuel den Stein ins Rollen gebracht hatte. Ich empfahl ihm, dass er sich seiner Frau offenbaren sollte und von ihr fordern müsse, sich ihm als Ehemann zu unterstellen, was eine Offenlegung ihrer Einnahmen mit einschließe. Kato hatte jedoch Angst vor ihrer Reaktion, was ja auch durchaus verständlich war. Dennoch überredete ich ihn, dass er besser Gott fürchten sollte und das Risiko einer Trennung in Kauf nehmen müsse. Wir beteten gemeinsam intensiv, und Kato fasste allen Mut zusammen, um seine Frau Petua mit der Wahrheit zu konfrontieren. Sie reagierte gefasst, umarmte ihn sogar und versprach, ihn in Zukunft mehr zu achten. Leider hielt dieser Vorsatz nicht lange, so dass die Demütigungen am Ende noch schlimmer wurden. Zeitweise flüchtete Kato vor ihr und hielt sich tagelang mit Fasten und Beten in seiner Kapelle auf. Ich wollte wirklich nicht in seiner Haut stecken.
Unterlassene Hilfeleistung
Ende April rief mich Christine auf der Arbeit an und flehte mich um Hilfe an: Marcus habe nach einer kurzen Genesungsphase nun schon wieder einen Rückfall gehabt und sei zu einem lebenden Toten geworden, der nicht mehr rede, aber auch seit Tagen nicht mehr esse und trinke, sondern nur noch gedankenlos in der Wohnung stehe und ihr Angst mache. Sie habe schon genug zu schaffen mit ihren ständigen Schmerzen wegen ihrer Krebserkrankung und bat mich, Marcus in die Psychiatrie zu bringen. So fuhr ich nach Arbergen und von dort mit Marcus ins ZKH Bremen-Ost. Doch als ich einen Moment abgelenkt war, verschwand Marcus plötzlich, so dass ich ihn auf dem Krankenhausgelände wieder einfangen musste. Nachdem wir dann beim diensthabenden Psychiater vorstellig geworden waren, bat dieser uns, draußen Platz zu nehmen, bis er uns wieder aufrufe. Doch dann ging ein unerträgliches Katz und Maus-Spiel los, denn Marcus versuchte immer wieder wortlos, aus dem Krankenhaus zu flüchten, so dass ich keine Minute von seiner Seite weichen konnte. Immer wieder musste ich ihn mit aller Kraft vor einer erneuten Flucht zurückhalten, indem ich z.B. die Notausgangstür ins Freie mit aller Gewalt versperrte. Nach gefühlten zwei Stunden war Marcus durch seine Fluchtversuche so ermattet, dass er beim Gehen nicht mehr die Augen offenhalten konnte und daher sogar gegen die Glastüren stieß.
Als wir dann endlich an der Reihe waren, wurde Marcus auf die geschlossene Station 71 gebracht, wo auch mein Vater 20 Jahre zuvor gearbeitet hatte. Marcus war inzwischen völlig im Stehen eingeschlafen, so dass ich ihn – ohne zuvor seine Kleidung zu wechseln – wie einen 2 m langen Baumstamm ins Bett legte, wo er regungslos liegen blieb. Ich erklärte der Praktikantin auf der Station, dass Marcus seit Tagen nichts getrunken habe und deshalb unbedingt eine Infusion brauche. Als ich ihn zwei Tage später besuchen kam, lag er noch genauso da, ohne dass er auch nur die geringste Pflege bekommen hätte. Ich schimpfte mit der Krankenschwester, die lediglich ihm eine Flasche Wasser ans Bett gestellt hatte, die noch immer ungeöffnet auf dem Tisch stand. Sie sagte, dass er sich eingenässt hätte, aber man die Spuren schon beseitigt hatte. Ich rief den leitenden Stationsarzt und fragte, warum Marcus immer noch keine Infusion bekommen hätte. Er sagte, dass man versucht habe, ihm eine Tablette mit Flüssigkeit zu verabreichen, aber er die Zähne zugebissen habe. Marcus lag seit über 48 Stunden ungewaschen und steif auf dem Rücken wie ein Koma-Patient, um den sich niemand kümmerte aufgrund von Personalmangel. Daher rief ich meine Schwester Diana an, ob sie mal kommen könne. Sie machte sich auf den Weg und leitete schon gleich nach ihrer Ankunft als examinierte Altenpflegerin Erste-Hilfe-Maßnahmen ein, indem sie ihm mit einem Trichterbecher erst einmal 1,3 Liter Wasser mit sanfter Gewalt in den Mund einflöste, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte. Dadurch rettete sie ihm das Leben. Sie erzählte später, dass das Krankenhaus sogar dazu verpflichtet war, die Flüssigkeitszuvor ihrer Patienten zu dokumentieren.
Marcus blieb noch drei weitere Tage auf der Station und kam allmählich zu sich. Sofort bat er wieder um seine Entlassung und fuhr nach Hause. In den Tagen danach ging es ihm zunächst deutlich besser, aber dafür ging es Christine zunehmend schlechter: Nach einer Bestrahlung war ihr Magen so sehr geschädigt, dass sie die Morphium-Tabletten ständig wieder erbrechen musste. Einmal rutschte Marcus sogar auf dem Erbrochenen aus als er lief, um sie auf Toilette zu bringen. Da sich der Krebs bereits in ihrer Wirbelsäule ausgebreitet hatte, bestand die Gefahr, dass allein durch einen Hustenanfall ihre Wirbelsäule brechen könnte. Christine sagte nur sarkastisch, dass das nicht schlimm sei, weil sie dann wenigstens keine Schmerzen mehr spüren würde. Christine bekam nun Windeln, die Marcus regelmäßig wechseln musste. Und da sie die Tabletten nicht mehr vertrug, gab der Pflegedienst ihr Fentanyl-Pflaster, die noch 100-mal stärker wirkten wie Morphium. Bald darauf ging es Christine deutlich besser. Als Marcus sich jedoch eines Abends beim Wechseln des Pflasters auf Christines Rücken ungeschickt anstellte, verklebte das Pflaster so sehr, dass es nach dem Anbringen kaum noch Klebkraft hatte und die Wirkung entsprechend schwach war. Christine schimpfte mit ihm, und Marcus fühlte sich in diesem Moment wie der letzte Versager. Er war mit der ganzen Situation heillos überfordert und brauchte ja selber Hilfe und Unterstützung.
Schwester Lotte (44) aus unserem Hauskreis erklärte sich nun bereit, Christine bis zu ihrem Tod zu pflegen. Sie zog also in das Haus in Arbergen ein und verbrachte die nächsten drei Monate fast 24 Std. am Bett von Christine, mit der sie neben Füttern und Windelwechseln auch regelmäßig zusammen betete und ihr aus der Bibel vorlas. Insgeheim hoffte ich, dass sich dadurch auch Marcus und Lotte besser kennenlernen, so dass Lotte vielleicht später seine Frau werden könnte. Aber Lotte wollte von Marcus nichts wissen und erklärte ihm immer wieder, dass sie nur für Christine da sei. In der Folge hatte Marcus dann immer wieder psychotische Abstürze, die meist immer mehrere Tage andauerten. Einmal besuchte ich ihn mit Ruth, aber Christine sagte, dass er schon vor Stunden das Haus verlassen habe und sich Sorgen mache, er könne vielleicht hinter dem Baggersee unter der Brücke sitzen und sich im Wahn vor einen der vorbeifahrenden Schnellzüge werfen. Und tatsächlich trafen wir Marcus dort an. Er ging wie ein Zombie auf uns zu, zeigte aber keinerlei Affekte, als ich ihn umarmte. Auf all meine Fragen gab er mal wieder keine Antwort, sondern ging langsamen Schrittes ins Nirgendwo. Sein Gehirn war quasi ausgeschaltet, und er handelte nur noch instinktiv. Später vertraute er mir an, dass er uns zwar wahrnahm, aber gerade den schlimmsten Horrortrip im Kopf erlebte. Darüber berichten wollte er aber nicht. Ein anderes Mal sah ich Marcus zufällig an einer Bushaltestelle warten. Ich hielt den Wagen abrupt an und rief ihn. Doch in diesem Moment lief er wie panisch weg, als habe er mich gesehen. Als ich dann zu ihm nach Haus fuhr, schossen mir Tränen in die Augen bei der Vorstellung, dass Marcus demnächst vielleicht für immer Patient in einer psychiatrischen Einrichtung sein werde. Ich betete, dass Gott ihn doch wieder ins Leben zurückholen möge und sein Verstand wieder zu ihm zurückkehre. Und tatsächlich blieb Marcus daraufhin über Wochen und Monate stabil, wenn auch verunsichert und verängstigt.
Doch dann bekam Marcus vom Krankenhaus eine weitere Rechnung für die eine Woche, in der sie ihn durch Unterlassung fast umgebracht hätten, und wollten insgesamt etwa 3.300,- € von ihm, da er nicht versichert war. Daraufhin schrieb ich dem Krankenhaus, dass nach meiner Auffassung als rechtlicher Laie „Das Rechtsgeschäft unwirksam sei aufgrund
1.) Seiner Beschränkten Geschäftsfähigkeit (nach § 104 BGB, Abs.2 ist ein Vertrag erst dadurch zustande gekommen, sofern „die freie Willensbestimmung einer Person sich nicht in einem ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit befindet“).
- Offener Einigungsmangel und fehlende Beurkundung (nach § 154 BGB, Abs.1 gilt ein Rechtsgeschäft erst dann als vertraglich vereinbart, wenn sich beide Seiten „über alle Punkte eines Vertrages geeinigt haben“, also z.B. auch über die Höhe der Kosten. Da diese jedoch vor Einwilligung zur stationären Aufnahme nicht bekannt gemacht wurde und mein Bruder von deutlich niedrigeren Kosten ausgehen musste, die sich im Bereich von 300,- bis 400,- € bewegen, hätte er einer Aufnahme nicht zugestimmt, wenn er von der Höhe der Kosten gewusst hätte.)
- Missverhältnis zwischen berechneter und erbrachter Leistung (nach § 138 BGB Abs. 2 ist ein Rechtsgeschäft nichtig, „durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.“ Solch ein Missverhältnis kann auch nicht durch die Berufung auf irgendwelche Fallpauschalen, die dem Betreffenden völlig unbekannt sind, geheilt werden, selbst wenn sie „gängige Praxis“ wären. Hierbei soll ja nicht die Angemessenheit der Fallpauschalen an sich angezweifelt werden, sondern nur deren Anwendung auf den vorliegenden Einzelfall).
Zudem besteht der Vorwurf auf unterlassene Hilfeleistung (§ 229 StGB Fahrlässige Körperverletzung, §13 StGB Begehen durch Unterlassung, § 630a BGB Behandlungsfehler, § 630f BGB Fehlende Dokumentationspflicht, § 280 BGB Schadenersatz/ Schmerzensgeld), da mein Bruder vier Tage lang so gut wie nichts getrunken hatte und man ihm trotz ausdrücklicher Bitte um eine Infusion erst nach meinem Besuch am 28.04.23 eine Infusion geben wollte, als er schon völlig dehydriert war und ein Organversagen drohte laut Auskunft des Oberarztes. Einen kranken Menschen einfach im Bett vor sich hinvegetieren zu lassen, ohne ihn zu pflegen, aber dafür Tausende von Euros kassieren zu wollen, ist einfach ein Skandal!“
Um weiteren Streit zu vermeiden, bot ich dem Klinikum Ost als Vergleich an, für die Übernachtungen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht pauschal 500,- € zu zahlen und im Gegenzug auf eine Klage zu verzichten. Nachdem ich den Brief abgeschickt hatte, teilte ich Marcus mit, dass er sich keine Sorgen machen müsse, da ich mich um diese Rechnungen gekümmert hätte. Marcus erwiderte: „Wieso? Die Rechnungen hat Vater doch schon beglichen.“ – „Aber ich hatte Dir doch gesagt, dass Du die gar nicht in voller Höhe bezahlen musst! – So waren wir doch verblieben.“ – „Ja, tut mir leid,“ sagte Marcus, „aber ich konnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, da ich ja 25 Jahre nicht versichert war.“ – „Aber dass Vater die Rechnungen für Dich bezahlt hat – das konntest Du mit Deinem Gewissen vereinbaren?!“

