„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

– „Stich-Worte“ Teil 9

  1. Wählen

„Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen, indem du den HErrn, deinen Gott, liebst und Seiner Stimme gehorchst und Ihm anhängst!“ (5.Mo.30:19)

Wenn man heute von Waldbränden in Hollywood hört, von Überschwemmungen in Mekka und von Erbeben in Tibet, könnte man geneigt sein, zu sagen: Gott bestraft die Götzendiener und falschen Heilsverkünder, weil sie die Leute verführen. Aber haben die Leute nicht selbst schuld, wenn sie sich falsche „Götter erwählen“ (Richt. 5:8)? Welchen Gott aber hätten wir erwählt, wenn wir in Pakistan, in Indien oder Indonesien geboren wären?

Haben wir Menschen eine freie Wahl?

Mehr denn je wird heute unter Christen behauptet, dass der Mensch sich frei entscheiden kann, entweder ist er für oder gegen den HErrn Jesus. Tatsächlich aber erfordert eine freie Wahl nicht nur einen unbeeinflussten und voll umfänglichen Zugang zu allen notwendigen Informationen, sondern setzt auch voraus, dass man nicht mit Verfolgung, Folter oder dem Tod bedroht wird. In den islamischen Ländern ist es jedoch verboten, das Evangelium zu verkünden, und wer als Muslim Christ werden will, muss mit der Todesstrafe rechnen. Aber auch in freien Ländern stehen Menschen unter dem Einfluss ihres gottlosen Umfelds, werden manipuliert durch die Medien und begegnen nur selten einem Christen, der das Evangelium verkündigt, da diese sehr lau, feige und träge geworden sind. Auch für sie gilt letztendlich leider: „Wie aber werden sie an den glauben, von welchem sie nicht gehört haben? Wie aber werden sie hören ohne einen Prediger“ (Röm.10:14).

Aber selbst wenn alle Bedingungen erfüllt sind, hat der Mensch noch immer keine freie Wahl, das Evangelium anzunehmen oder abzulehnen. Das wäre theoretisch der Fall, wenn die Ablehnung keinerlei Konsequenzen hätte. Da allen Menschen aber wegen ihrer Sünden Gottes Gericht und Strafe droht, bleibt ihnen gar keine andere Wahl, wenn sie nicht verloren gehen wollen. Der Glaube ist ja keine Wette, bei der ich gewinnen oder verlieren kann, sondern er ist eine absolute Notwendigkeit. Andernfalls könnten wir uns ja als Wettgewinner ansehen, die sich das Heil auch rechtmäßig verdient haben, da wir bei einem überschaubaren Risiko zufällig auf den richtigen Glauben gesetzt haben. Dass wir an Gott glauben, wäre dann gar kein Gnadengeschenk mehr (Eph.2:8), sondern wir könnten es unserer eigenen Klugheit zuschreiben. Gott muss uns dann erretten, weil wir uns das ewige Leben sozusagen redlich verdient hätten.

Als der HErr dem Paulus erschien, fragte Er ihn nicht: „Saulus, möchtest du gerne mich erwählen oder lieber nicht?“ Die Annahme des Evangeliums ist ja nicht wie ein Autokauf, wo der Händler sagt: „Möchten Sie lieber dieses oder besser jenes Modell? Sie können auch gerne erstmal eine Probefahrt machen. Sie müssen sich auch noch nicht sofort entscheiden, sondern können gerne noch mal eine Nacht drüber schlafen; denn unsere Rabattaktion geht noch bis zum Ende des Monats“. Petrus hingegen flehte die Menge an: „Lasst euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“ (Apg.2:40). Wenn man am Abgrund hängt, hat man keine Wahl mehr oder eine Entscheidungsfreiheit, sondern kann heilfroh sein, dass einem die rettende Hand Jesu gereicht wird. Zudem betont der HErr selbst: „Nicht ihr habt mich ausgewählt, sondern ich habe euch auserwählt!“ (Joh.15:16).

Aber hat der Mensch dann gar keinen freien Willen?

Doch natürlich, aber nicht, wenn es um sein Seelenheil geht, denn dieses ist zu wichtig, als dass Gott es uns Stümpern überlassen könnte, die „nicht zu unterscheiden wissen zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken“ (Jona 4:11). Gott will ja, dass „alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1.Tim.2:4). Aber würde Er dieses Projekt, einfach aus der Hand geben und es dem Zufall überlassen, dann wäre Sein Wille gar nicht ernst zu nehmen, da Gott doch um die Unzulänglichkeit des Menschen weiß. Errettung ist aber „Chefsache“, und da kann sich Gott nicht durch die Unzuverlässigkeit des Menschen hineinpfuschen lassen, da dies völlig verantwortungslos wäre. Der Preis, den der HErr Jesus zahlen musste, um uns zu erlösen, war einfach zu hoch, um unsere Errettung zu gefährden.

In allen anderen Bereichen des Lebens haben wir einen freien Willen, der zwar auch beeinflusst ist durch unsere Bedürfnisse und Triebe, aber der dennoch fähig ist, um in den wichtigen Momenten die richtige Entscheidung zu treffen. Hierin unterscheiden wir Menschen uns vom Tier, das gezwungen ist, immer nur seinen primitiven Instinkten zu folgen. Aufgrund unserer Denkfähigkeit und unseres moralischen Empfindens sind wir in der Lage, eine vernünftige und weise Wahl zu treffen, ohne uns durch niedere Instinkte korrumpieren zu lassen. Selbst Ungläubige haben ein Gewissen, das eines Tages maßgeblich sein wird bei Gottes Urteil (Röm.2:14-15).

Als Gläubige haben wir darüber hinaus das Vorrecht, den geoffenbarten Willen Gottes in Form Seiner Gebote zu kennen. Praktisch bedeutet das, dass wir in jeder Lebenssituation prüfen müssen anhand der Bibel, welches gerade „der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist“ (Röm.12:2). Und in den Bereichen, wo Gott uns Freiheit gibt (Röm.14), können wir bei der Wahl zwischen zwei Alternativen auch durchaus eine Münze werfen, nachdem wir gebetet haben, denn laut Sprüche 16:33 kann Gott uns auch durch ein Los Seinen Willen zeigen (z.B. Apg.1:24-26). Wenn uns aber der Wille Gottes klar ist anhand der Bibel, dürfen wir Gott nicht mehr um Weisung bitten, denn das hieße, Gott zu versuchen. Und wenn wir in Versuchung geraten, bleibt uns immer noch die Wahl, ob wir auf die Einflüsterung der Schlange hören und der Versuchung erliegen wollen oder ob wir wachsam widerstehen, indem wir ins Gebet gehen, um Kraft und Weisheit zu erbitten (Jak.1:2-5).

 

  1. Gebet

„Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen“ (1.Tim.2:1)

Es ist vielleicht das wichtigste Thema überhaupt, aber zugleich auch das schwierigste für mich. Denn ich kann von mir nicht ehrlich behaupten, dass ich „unablässig bete“, wie es eigentlich sein sollte (1.Thes.5:17). Aber wahrscheinlich geht es den meisten von uns so, dass wir erst in der Not besonders viel und inniglich beten. Umso wichtiger aber sollten wir uns mit den Fragen rund um das Gebet beschäftigen, selbst wenn uns die Antworten bekannt sind, um uns an diese zu erinnern (2.Petr.1:12).

  1. Was ist eigentlich Gebet?

Das Gebet ist nicht nur ein Reden mit Gott, sondern die Gemeinschaft mit Ihm, ein beständiger Austausch. Es ist das Hineingehen in Seinen heiligen Tempel und zugleich auch ein Redebeitrag im himmlischen „Parlament“, an dem alle Engel teilnehmen. Gebet ist eine Glaubenstat. „Alles, was irgend ihr im Gebet glaubend begehret, werdet ihr empfangen“ (Mt.21:22). Ohne Glauben ist das Gebet nicht nur wirkungslos, sondern findet erst gar nicht statt.  Deshalb ist das Gebet für einen Atheisten das Unsinnigste, was es überhaupt gibt: reine Zeitverschwendung. Für uns Kinder Gottes hingegen ist es das Atmen der Seele, die Zuflucht im Sturm und das intime Beratungsgespräch mit unserem Geliebten.

  1. Warum sollten wir beten?

Beten“ kommt von „Bitten“, einen Wunsch vortragen. So ist es auch in der griechischen Wortbedeutung von „Gebet“: PROS ÄWChE = „Hin-Wunsch“, d.h. ein zu Gott gerichteter Wunsch. Unser Gebet hat eine unvorstellbare, weltverändernde Macht, da wir durch dieses die unsichtbaren Kräfte gegen das Böse freisetzen. Gott kann sich durch unsere Fürsprache sogar umstimmen lassen, wie wir es bei Abraham, Mose und Hiob sehen (1.Mo.18:23-32, 2.Mo.32:11-14, 4.Mo.14:13-20, Hi.42: 10)! Und unser Gebet wirkt sogar über unsere eigene Lebenszeit hinaus – wie bei jenem zukünftigen Räucherwerk, das den „Gebeten der Heiligen“ vor Gott Kraft verleihen wird (Offb.5:8, 8:3-4). Vor allem verherrlicht sich Gott durch unser Gebet, sowohl wegen der Erhörung als auch durch unsere Danksagung (Joh.14:13, Jak.5:16). Denn gerade durch die empfangene Hilfe und Heilung wird ja der Name Jeschua geehrt, dessen Bedeutung ja ist: „Jahwe hilft“ bzw. „Jahwe rettet“.

  1. Wie sollen wir beten?

Diese berechtigte Frage der Jünger in Luk.11:1 beantwortet der HErr mit dem Vaterunser. Dieses besteht aus sieben Bitten, von denen die ersten drei vor allem die Interessen Gottes betreffen und die anderen vier Bitten unsere Bedürfnisse (vergl. Mat.6:33). Es lohnt sich, sich neben den vielen Personen, für die wir beten möchten, auch mal sämtliche Gebetsanliegen aufzuschreiben, die wir in der Bibel finden, z.B. „Betet für alle Menschen, für Regenten und alle Hochstehenden“ (1.Tim.2.2), „Bittet den HErrn der Ernte, dass Er Arbeiter aussende in Seine Ernte“ (Mt.9:38), „Dass das Wort des HErrn laufe und verherrlicht werde“ (1.Th.3:1), „Denkt der Gefangenen“ (Hebr.13:3), „Betet für sie [die Verfolger]“ (Mt.5:44)  und „Bittet um den Frieden Jerusalems“ (Ps.122:6). Aber selbst das noch so formvollendetste Gebet nützt nichts, wenn es mit einer selbst- oder menschengefälligen Motivation vorgetragen wird (Luk.18:11). Andersherum wird der Heilige Geist sogar unser noch so erbärmliches Stammeln in eine Gott wohlgefällige Rede übersetzen (Röm.8:26). Voraussetzung für eine Gebetserhörung ist aber der Gehorsam (1.Petr.3:12), denn „einen Sünder wird Gott nicht hören“ (Joh.9:31, Spr.28:9), aber auch keinen Bruder, der seine Frau nicht ehrt (1.Petr.3:7). Zudem sollten wir vor jedem Gebet prüfen, ob es noch jemanden gibt, dem wir vergeben oder mit dem wir ein versöhnliches Gespräch führen müssen (Mk.11:25).

  1. Wann und wie oft sollen wir beten?

Betet ohne Unterlass“. Mit dem unablässigen Beten ist natürlich kein 24-Stunden-Gebet gemeint, sondern wörtlich heißt es: „Durchweg unfehlenlassend betet“, d.h. lasst möglichst keine eurer regelmäßigen Gebete ausfallen (Apg.2:42, 12:5). Tatsächlich hatten die Gläubigen schon in der Apostelgeschichte scheinbar feste Gebetszeiten: „Petrus aber und Johannes gingen um die Stunde des Gebets, die neunte [ca. 15:00 Uhr], zusammen hinauf in den Tempel“ (Apg.3:1, 10:30). „Petrus stieg um die sechste Stunde [12:00 Uhr] auf das Dach, um zu beten“ (Apg. 10:9). Von Daniel lesen wir, dass er „dreimal am Tag auf seine Knie niederkniete, betete und vor seinem Gott pries“ (Dan. 6:11). Machen wir uns nichts vor: Wenn wir auf feste Gebetszeiten verzichten, stehen wir in der Gefahr, das Gebet zu vernachlässigen! Denn gerade in der heutigen Zeit gibt es zu viele Dinge, die uns ablenken und denen wir Vorzug geben, so dass unsere Gebete immer wieder zu kurz kommen oder ganz ausbleiben. Paulus und Silas beteten sogar „um Mitternacht und lobten Gott“ (Apg.16:25). Ein besonderer Segen liegt auf dem Gebet am frühen Morgen gleich nach dem Aufwachen (Ps. 5:4, 17:15, 63:1, 119:147, 130:6). Gott hat immer Sprechstunde, 24 Stunden lang.

  1. Wie lange sollen wir beten?

Tatsächlich muss ein Gebet nicht gleich eine Stunde lang dauern, auch wenn der HErr im Garten Gethsemane von „einer Stunde“ sprach, in der wir wachen und beten sollten, um nicht in Versuchung zu geraten (Mk.14:37-38). Das Vaterunser dauert gerade einmal nur 30 Sekunden und enthält alles Wesentliche. Wir sollen auch nicht „plappern wie die Heiden“, die meinen, dass sie nur durch viele Worte erhört werden (Mat.6:7). Von den Schriftgelehrten sagte der HErr, dass sie „zum Schein lange Gebete halten“ (Mk.12:40). Trotzdem gibt es so vieles, was wir Gott sagen wollen, dass es uns eigentlich völlig egal sein kann, wie lange wir beten. Wir tun es so lange, bis wir dem himmlischen Vater all unsere Sorgen und Anliegen gebracht haben. Ich kenne Brüder, die jeden Morgen zwei Stunden brauchten, um Gott alle Namen zu nennen, für die sie Fürbitte tun wollten.

  1. Zu wem sollen wir beten?

Auch wenn viele Christen heute kein Interesse an dieser Frage haben, steht dennoch fest, dass wir in der ganzen Schrift unzählige Stellen finden, dass wir zu Gott, dem Vater, beten sollen, aber kein einziges Gebot, dass wir zu Jesus beten sollen. Da ich dies bereits ausführlich in einem anderen Artikel nachgewiesen habe, verweise ich hiermit auf diesen: https://derhahnenschrei.de/aktuelles/zu-wem-sollen-wir-beten/

  1. Auf welche Art und Weise sollen wir beten?

Obwohl uns das Bewusstsein für eine ehrwürdige Form des Gebets heute weitläufig verlorengegangen ist, sei nur am Rande erwähnt, dass der HErr und die Gläubigen auf Knien beteten (1.Kön.8:54, 18:42, Esr.9:5, Ps.95:6, Js.45:23, Lk.22:41, Apg.7:60, 9:40, 20:36, 21:5, Ep.3:14).

 

  1. Flehen

„Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, HErr. Herr, höre auf meine Stimme! Lass Deine Ohren aufmerksam sein auf die Stimme meines Flehens! … Ich hoffe auf den HErrn, meine Seele hofft, und auf Sein Wort harre ich.“ (Psalm 130:1-2+5)

Flehen ist der inbrünstige Hilfeschrei des Verzweifelten. Es ist die demütigste und schmerzhafteste Weise mit Gott zu reden, aber es ist zugleich die vorrangigste Art der Gemeinschaft mit dem HErrn, die in der Aufzählung von 1.Tim.2:1 noch vor dem regulären Gebet kommt. Wer zu Gott fleht wie jener Psalmist, ist sich seiner absoluten Niedrigkeit und Unwürdigkeit bewusst. Er ruft „aus den Tiefen“ zu Gott und weiß, dass Gott sogar im Scheol und in tiefster Finsternis gegenwärtig ist und das Flehen hören kann (Ps.139:8+12). Uns fällt es schwer, dies zu glauben, weil wir uns der Heiligkeit Gottes bewusst sind, der zu rein ist, um Böses zu sehen (Hab.1:13) und der „Sünder nicht hört“ (Joh.9:31). Wenn der Mensch aber in völlige Not gerät wie Jona, der „aus dem Schoße des Scheols zu dem HErrn schrie“ und dann erfuhr: „Du hörtest meine Stimme“ (Jona 2:2).

Besonders bitter ist es, wenn man sich keiner großen Schuld bewusst ist, aber dennoch das Gefühl hat, dass Gott schweigt und sich von einem abgewandt hat (Ps. 28:1). Einer der Söhne Korahs wollte sich aber in Psalm 44 nicht mit solch einem Zustand abfinden, sondern provozierte Gott sogar mit geradezu dreisten Worten: „Erwache! Warum schläfst Du, HErr? Wache auf! Verwirf uns nicht dauerhaft! Warum verbirgst Du Dein Angesicht, vergisst unsere Demütigung und unsere Unterdrückung?“ (Ps.44:23-24). Der HErr hat Verständnis für solche unbesonnenen Worte, wenn sie aus dem Mund eines völlig Verzweifelten kommen. Wie groß muss die Not sein, um auf solche Provokationen zurückzugreifen! Flehen ist in der Bibel immer wieder mit einem Fasten und Kasteien verbunden, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu verleihen. Daniel fastete und flehte (Dan.9:3), ebenso wie auch jene Witwe Anna, die über 50 Jahre lang nicht mehr den Tempel verließ, sondern dem HErrn dort „Nacht und Tag mit Fasten und Flehen diente“ (Luk.2:37). Was für eine Hingabe!

Eine befreundete Zigeunerfamilie kommt mich häufig besuchen, und wenn wir dann zusammen beten, fällt mir jedes Mal auf, dass diese ausnahmslos beim Beten den HErrn unter Tränen laut anflehen. Dabei ist es keineswegs so, dass sie nur über ihre eigenen Sünden klagen (Klag.3:39), sondern sie weinen über andere! Kann es eine größere Liebe geben, als die, wenn man nicht über sich selbst weint, sondern über das Leid anderer, so wie es David (2.Sam.1,12, 3:32, 12:21, 19:1), Elisa (2.Kön.8:11), Hesekiel (Hes.9:4+8) oder auch der HErr Jesus tat (Joh.11:35)? Das ist wohl das reinste Flehen überhaupt! Aber die Männer Gottes haben nicht nur im Gebet geweint, sondern auch richtig geschrien! Immer wieder lesen wir, dass Mose in all seiner Bedrängnis in der Wüste „seine Stimme erhob und zu dem HErrn schrie“ (2.Mo.8:12, 14:10, 15:25, 17:4, 4.Mo.12:13, 20:16, 5.Mo.26:7). Ebenso auch Josua (Jos.24:7). Und auch im Buch Richter immer wieder: Richt. 3:9+15, 4:3, 6:6-7, 10:10). Samuel „schrie zu dem HErrn für Israel“ (1.Sam.7:9, 12:8+10) und wegen Saul „schrie er zu dem HErrn die ganze Nacht“ (1.Sam.15:11). Hier noch weitere Schreigebete: 2.Chr.13:14, 18:31, Neh.9:4, Ps.18:6 +41, 30:2, 88:1, 107:6+13. 142:5, Hes.9:4+8, 11:13). Hier stellt sich die Frage: Warum schreien wir nicht mehr? Warum weinen wir heute nicht mehr für andere?

Meine Vermutung ist, dass wir einfach abgestumpft und lau geworden sind. Es geht uns einfach zu gut. Und die Liebe zu unseren leidenden und verfolgten Geschwistern ist erkaltet. Eigentlich hätten wir allen Grund über unseren elenden und jämmerlichen Zustand vor Gott zu weinen und Ihn um Gnade anzuflehen. Aber das Traurige ist ja gerade, dass wir blind geworden sind dafür, wie der HErr uns eigentlich wirklich beurteilt (Offb.3:15-18). Der HErr ruft uns auch heute „zum Weinen und zur Wehklage auf, zum Kahlscheren und zum Umgürten von Sacktuch“, aber stattdessen herrscht in vielen Gemeinden „Wonne und Freude“ wie damals in Jes.22:12-13. Wenn uns bewusst wäre, dass wir in diesem Zustand verloren sind und nicht an der Entrückung teilnehmen werden, dann würden wir uns vor Gott demütigen und das tun, was uns in Joel 2:12-17 geboten wird: „Doch auch jetzt, spricht der HErr, kehrt um zu mir mit eurem ganzen Herzen und mit Fasten und mit Weinen und mit Klagen! Und zerreißt euer Herz und nicht eure Kleider und kehrt um zum HErrn, eurem Gott! Denn Er ist gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Gnade, und lässt sich das Unheil gereuen. Wer weiß, vielleicht wird Er umkehren und es sich gereuen lassen.

Doch vielleicht bist Du Dir sehr wohl Deines erbärmlichen Zustands vor Gott bewusst, aber hast es einfach verlernt, zu Gott zu flehen. Dann möchte ich Dich an eine Szene erinnern aus dem Film „Titanic“ (1997): Als sich nach dem Sinken des Schiffes die junge Rose auf einer Planke retten konnte und dann dabei zusehen musste, wie ihr geliebter Jack im eiskalten Meer erfror, da verlor sie zunächst alle Hoffnung und verfiel in tiefste Verzweiflung. Doch dann hörte sie von Ferne, wie ein Rettungsboot noch Ausschau nach Überlebenden hielt. Sie versuchte, zu schreien, aber sie hatte keine Kraft mehr in ihrer Stimme. Der Offizier auf dem Rettungsboot sagte, dass es keinen Sinn mehr habe, da alle gestorben seien. Er gab den Befehl zurückzukehren. Aber da nahm Rose noch einmal allen Mut zusammen, ließ sich ins kalte Meer rollen und schwamm mit letzter Kraft zu einem erfrorenen Bootsmann, der eine Trillerpfeife am Hals trug. Sie nahm ihm diese weg und pustete aus Leibeskräften, um von dem Rettungsteam gehört zu werden. Und tatsächlich vernahmen sie von weit her das Pfeifen und kehrten noch einmal um. Und so konnte Rose noch im letzten Moment gerettet werden! Und wenn auch Du kaum noch Kraft hast, um zum HErrn zu schreien, dann besorge Dir solch eine Trillerpfeife (im Bilde gesprochen) und mach den HErrn auf Dich aufmerksam: „HErr, ich bin hier ganz unten! Hörst Du mich? Ich bin hier und flehe zu Dir! Erbarme Dich meiner!

 

  1. Versöhnung

„Wenn du nun deine Gabe darbringst zu dem Altar und dich daselbst erinnerst, dass dein Bruder etwas wider dich habe, so lass daselbst deine Gabe … und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bringe deine Gabe“ (Matth.5:23-24)

Das griechische Wort hier für „versöhnen“ DIALLASSOo hat weder etwas mit einem Dialog noch mit einem Deal zu tun, obwohl man dies vermuten könnte. DIAL bedeutet „durch“ und ALLASSOo heißt „ändern“. Gemeint ist hier eine tiefgreifende Beziehungsveränderung mittels eines Ausgleichs gegenseitiger Interessen. Bei einem Kauf z.B. werden durch eine Änderung der Besitzverhältnisse am Ende beide Seiten befriedigt und dadurch „versöhnt“. Im geistlichen Sinne geht es um eine Wiederherstellung und Heilung einer gestörten Beziehung.

Ein gutes Beispiel hierfür finden wir in 2.Sam.21. Anstatt die Amalekiter (die Erbarmungslosen lt. 5.Mo.25:17-19) zu vertilgen, hatte er versucht, die Gibeonitern auszurotten, mit denen Josua 300 Jahre zuvor einen Friedensbund geschlossen hatte (Jos.9:16). Für dieses Unrecht hatte es noch immer keine Sühnung gegeben. Die Sünde Sauls lag ja inzwischen schon über 30 Jahre zurück. Gott hatte das Vergangene wieder hervorgebracht (Pr.3:15). Wir würden sagen: „Es war Gras über die Sache gewachsen“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“. Aber in der unsichtbaren Welt nutzte der Feind gerade jetzt das Wohlergehen Israels, um es wegen dieses Eidbruchs vor Gott anzuklagen (Offb.12:10). Und Gott gab der Klage statt, zumal in Israel grundsätzlich keine Blutschuld ungesühnt bleiben durfte (4.Mo.35:33). ER verhängte eine Hungersnot über Israel, so wie es das Gesetz vorsah (zB in 5.Mo.11:17), und weil Gott gerecht und ein „Gott des Maßes“ ist (2.Kor.11:13), wäre die Hungersnot theoretisch auch ohne Davids Eingreifen irgendwann gesühnt.

Doch dient natürlich Gottes Züchtigung immer vor allem der Erziehung, weshalb die Hungersnot eigentlich den David und sein Volk sofort zur Buße leiten sollte. Überraschend ist, dass David scheinbar erst nach drei Jahren auf die Idee kam, Gott nach dem Grund für die Strafe zu fragen. Auch wir sind manchmal schwer von Kapee, sodass manch eine erzieherische Maßnahme Gottes ihre Wirkung verfehlt. Wir erkennen sie zwar noch allgemein als Züchtigung „wegen irgendetwas“ an (als ob Gott uns zwischendurch einfach nur mal wieder ein bisschen demütigen wolle), aber wir fragen den HErrn viel zu selten nach einem konkreten Grund (vergl. Jes.9:10, 22:9-11).

Als David nun den HErrn fragt, bekommt er sofort eine Antwort (wohl durch eine gedankliche Eingebung). Und auch jetzt ergeht sich David nicht fatalistisch in sein Schicksal, sondern übernimmt Verantwortung für Sein Volk (im Gegensatz zu unseren Politikern), um die Krise sofort abzuwenden. Er weiß, dass er jetzt gefordert ist, und dass es nicht mit einer bloßen Fürbitte getan ist (v. Jos.7:10-13): Es bedurfte einer Versöhnung durch eine Sühnung (die beiden Wörter sind sprachlich verwandt)! Und David wusste auch sofort, dass nach Gottes Willen allein die Geschädigten über die Art und Höhe der Erstattung befinden durfen. Den Gibeonitern indes war es bewusst, dass es nicht um blinde Rache oder maßlose Mitnahme gehen konnte, sondern in erster Linie um eine Genugtuung zur Rehabilitierung der Ermordeten. Auch sie litten ja unter der Hungersnot und wollten sich in dieser Krise nicht als Nutznießer selbst bereichern.

Nach dem Gesetz konnte Blutschuld nur durch ein Blutopfer vergolten werden (1.Mo.9:6, 3.Mo.17:11). „Ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung“ (Hebr.9:22). Und da Saul als Schuldiger schon gestorben war, sollten sieben seiner Enkelsöhne sterben: zwei von der Rizpah und fünf von der Merab (der Name Michal in 2.Sam.21:8 ist vermutlich ein Abschreibfehler, denn laut 2.Sam.6:23 hatte Michal ja gar keine Kinder, vergl. 1.Sam.18:19). Nun könnte man hier einwenden: Wieso mussten hier sieben unschuldige, junge Männer hingerichtet werden wegen des Verbrechens ihres Großvaters, an dem sie doch gar nicht beteiligt waren? Heißt es nicht in Hes.18, dass niemand stellvertretend für die Sünde seines Vaters bestraft werden darf? Ja, allerdings, und das gilt auch. Aber wer sagt denn, dass diese sieben Enkelsöhne Gerechte waren, wie es in Hes.18 gefordert wird? Denn in der Tat starben sie nur wegen ihrer eigenen Sünden, aber Gott hätte sie auch am Leben lassen können, wenn es nicht wegen des Verbrechens Sauls einer Bestrafung gebraucht hätte. Gott sucht die Schuld der Väter heim an ihren Nachkommen, aber nur ins 4.Glied; und auch nur an jenen, die Gott „hassen“ (5.Mo.5:9). Die Sieben wurden vielleicht deshalb ausgesucht, weil sie Gott im biblischen Sinne „hassten“, d.h. an zweite Stelle setzen. Sündige Angewohnheiten und Charaktereigenschaften werden ja häufig von den Vätern übernommen. Aber Gott will, dass solch eine verdorbene Blutlinie, dieser „Same der Übeltäter“ (Jes.1:4) abgeschnitten wird.

Wir können also aus 2.Sam.21 lernen, dass der HErr es in jeder Hinsicht gut meint mit uns, wenn Er auch längst vergessene Ungerechtigkeiten wieder in Erinnerung ruft (Hes.21:23-24), damit wir sie korrigieren können. Gott geht es in Seinen Erziehungsmaßnahmen nicht um sinnlose Rache, sondern Ausgleich und Wiederherstellung. Biblische Versöhnung kann es nicht geben durch ein oberflächliches Unter-den-Teppich-Kehren oder durch ein Schwamm-drüber, sondern erst wenn echte Einsicht in Fehler und fruchtbare Buße folgen. Deshalb sollen die Kinder Israel sich auch „kasteien“ am Versöhnungstag (Jom Kippur), um sich zu demütigen angesichts der von Gott erlangten Vergebung (3.Mo.23:27-32). Dieser JOM KiPuRI´M ist wörtlich der „Tag der Verschirmungen“, weil Gott Seine schirmenden Hände über sie legt, um die Sünden zu bedecken (Röm.4:7, Jak.5:20, 1.Petr.4:8).

Vorheriger Beitrag
– „Stich-Worte“ Teil 8
Nächster Beitrag
– „Prophetische Ereignisse“ Teil 8

Inhaltsverzeichnis

Etwas nicht gefunden?

Neuste Beiträge

Gastbeiträge

„Der ist kein Narr, der aufgibt, was er nicht behalten kann, damit er gewinnt, was er nicht verlieren kann.“

(Jim Elliott)