„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

– „Such, wer da will, ein ander Ziel“ Teil 11

Dezember 2018

Als ich in Costa Rica für tot erklärt wurde

Unsere Tochter Rebekka (23) musste im Rahmen ihres Lehramtstudiums ein vier-monatiges Auslandssemester in Costa Rica absolvieren; da sie aber auch mal mit uns nach Peru mitfliegen wollte, bot es sich an, dass wir nach Abschluss ihres Semesters sie zunächst noch für eine Woche in Costa Rica besuchen wollten, um dann zusammen weiter nach Peru zu reisen. Meine Frau Ruth war bereits einen Monat vor mir nach Peru gereist und hat mich und meinen Bruder Patrick (46), der uns diesmal begleiten wollte, zusammen mit Rebekka am 01.12. vom Flughafen abgeholt. Rebekka war stolz darauf, dass sie uns in den nächsten Tagen ihr Land zeigen durfte. Sie hatte geplant, mit uns im Mietwagen eine Rundreise durch C. R. zu machen, um dieses wunderschöne Land auszukundschaften. Das erste Reiseziel war der Vulkan El Arenal, der im subtropischen Hinterland lag. Die Hitze war mit 33° C so drückend schwül, dass wir uns nur langsam bewegen konnten und aus allen Poren schwitzten. Die Natur war indes phantastisch. Noch nie habe ich so viele unterschiedliche Pflanzen und Blumen gesehen mitten im dichten Urwald.

Während Patrick und Rebekka mit einem Schlauchboot die Stromschnellen herab paddelten, machte ich mit Ruth eine Wanderung durch den Urwald, wobei wir den Vulkan Arenal bis auf etwa 600 m hinaufkletterten. Auf dem Weg sahen wir jede Menge schöne Schmetterlinge, aber auch bunte Eidechsen. Wir sahen Riesenbäume mit Lianen und manche Pflanzen, deren Blätter fast 1 qm groß waren. Als wir wieder hinabstiegen, sahen wir oben in den Wipfeln der Bäume einen Tulcan, d.h. einen Vogel mit einem riesigen Schnabel, und kurz darauf zwei farbenfrohe Paradiesvögel, die nur etwa 1 m über uns auf einem Zweig saßen. Ruth hob spontan die Arme und lobte Gott für seine wunderbare Schöpfung. Gegen Mittag fuhren wir dann zusammen die Bergserpentinen hinunter zum Playa de Coco, wo wir übernachteten.

Am nächsten Morgen hatten wir zunächst eine gemeinsame Bibelandacht und fuhren dann zu einem Selbstversorger-Hof, der vor allem Ziegen, aber auch viele andere Tiere wie Pferde, Schildkröten und Affen beherbergte und von amerikanischen Idealisten gegründet wurde. Wir sprachen mit ihnen auf Englisch über den Glauben an Christus und das nahende Weltende. Wir erfuhren, dass Ziegen als Allesfresser sehr pflegeleicht zu halten sind und zwei Jahre lang Milch geben. Allerdings sei das Leben als Selbstversorger sehr hart, und sie räumten ein, dass sie nicht damit gerechnet hatten, dass es so viel Arbeit macht. Am Nachmittag fuhren wir nach Tamarindo, einem Surferparadies an der Westküste, wo die Brandung sehr stark war und die Wellen schon deutlich über 2 m hoch waren.

Am Morgen hörten wir im Nachbarzimmer der Herberge, wie Rebekka und Ruth miteinander stritten. Der Anlass war nichtig: Ruth hatte Rebekka eingerieben und dabei ihr Tagebuch beiseitegelegt, wobei sie versehentlich durch ihre öligen Finger Fettflecken auf den weißen Karton-Einband hinterließ. Die Sache schaukelte sich allmählich so sehr hoch, dass sich Rebekka weinend ins Bad einschloss. Patrick versuchte sich dann als Mittler, indem er sagte: „Rebekka, der Fettfleck hat Dein Tagebuch doch erst richtig wertvoll gemacht! Was würde ich darum geben, wenn ich noch einen echten Fingerabdruck von meiner Mutter hätte!“ Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die beiden wieder versöhnt hätten. Nun wollten wir frühstücken, hatten aber nichts mehr dabei als nur noch Spaghetti mit Soße. Während wir aßen, sprach ich einen Argentinier namens Sergio (34) an, der gerade Mate-Tee trank. Er erzählte uns, dass er schon seit 15 Jahren durch Südamerika tingelte und sich mit dem Verkauf von Kunsthandwerk an die Touristen über Wasser hielt. Ich berichtete ihm, wie ich vor 4 Jahren zum Glauben an den HErrn Jesus zurückfand und bezeugte ihm das Evangelium. Dann verabschiedeten wir uns, beluden den Wagen und fuhren zum Strand um zu Schwimmen. Auch heute war wieder eine atemberaubende Brandung. Die Wellen türmten sich hoch auf und glänzten im Sonnenlicht wie eine hohe Wand, bevor sie mit Wucht auf den felsigen Strand krachten, und der Wind eine helle Gicht versprühte. Aber dann passierte etwas, das alle so schnell nicht mehr vergessen würden…

Ich und Patrick waren hinausgegangen ins Meer. Doch schon nach kurzer Zeit war Patrick stehen geblieben, während ich immer weiter hinausschwamm zu den großen Wellen, die weiter hinten waren. Da bemerkte ich, dass der Boden sehr felsig war und ich achtgeben musste, von den Wellen nicht auf die scharfen Kanten geschlagen zu werden. Also schwamm ich noch weiter hinaus, wo keine Felsen mehr waren. Indes schaute Ruth nach mir aus und sah mich nicht mehr. Sie rief Patrick, der nach mir rufen sollte, aber durch die laute Brandung hörte man sich selbst kaum. Sie machte ihm Vorwürfe, dass er nicht auf mich achtgegeben hätte und befahl ihm und Rebekka immer wieder, für mich zu beten. Als ich aber nach 15 Minuten immer noch nicht aufgetaucht war, geriet Ruth völlig in Panik. Rebekka fing an zu weinen und betete: „HErr, bitte mach, dass Papa wieder gesund zu uns zurückkehrt und vergib mir, dass ich in den letzten Wochen kaum zur Gemeinde gegangen bin. Wenn Papa nichts zugestoßen ist, verspreche ich Dir, dass ich von nun an auch immer regelmäßig zur Gemeinde gehen werde!“ Ruth schickte sie los, um nach mir zu suchen. Als aber nach weiteren 10 Minuten auch Rebekka nicht zurückkam, ließ sie all unsere Sachen liegen und lief mit einem Kokosmilchverkäufer zur Strandwacht, um nach mir suchen zu lassen. Diese reagierten entsetzt und erklärten, dass dies gar kein Badestrand sei, sondern nur ein Surferstrand. Sofort machten sich drei Seenotretter mit Taucheranzügen auf die Suche nach mir.

Ruth war sich nun fast sicher, dass mir etwas zugestoßen sei, denn weit und breit war ich nicht zu sehen. Sie war völlig verzweifelt und betete unentwegt, dass Gott doch noch ein Wunder schenken möge. Vor ihren Augen liefen plötzlich all die Bilder ab, was sie immer in den Nachrichten sah über tragische Unfälle, und jetzt betraf es sie selbst. Sie sah mich schon auf dem Obduktionstisch und bereute, dass sie mit mir immer so oft geschimpft hatte. Patrick starrte nur wie versteinert aufs Meer und stand unter Schock. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf: Wer würde nun den Mietwagen fahren, da er doch seinen Führerschein nicht mitgenommen hatte? Würde sich jetzt durch die Überführung des Sarges sein Rückflug verzögern? Was würde seine Frau Daniela sagen? usw. Innerhalb von einer halben Stunde dachten alle nur noch daran, dass sie mich nie wieder lebend wiedersehen würden.

Von all dem wusste ich nichts, als ich mich entschloss, allmählich wieder zurückzuschwimmen. Auf einmal sah ich einen Mann in schwarzem Taucheranzug, der mir von Weitem zurief und mit dem Surfbrett bäuchlings auf mich zu paddelte. Dann ließ er sich runterfallen und bat mich auf sein Surfbrett zu klettern. Ich dachte: Wieder so einer, der mir für Geld irgendeinen Service anbieten wollte, deshalb sagte ich dankend Nein und schwamm weiter in Richtung Strand. Er reagierte erbost und erklärte mir, dass meine Frau sich große Sorgen um mich machen würde. Ich dachte: Ach, immer das gleiche mit Ruth! und ich beeilte mich, an Land zu schwimmen. Dann sah mich Rebekka und redete wild auf mich ein, schnell aus dem Wasser zu kommen. Sie erzählte mir, dass man überall nach mir suchen würde, weil alle mich für tot hielten. Als ich dann am Strand entlang auf Ruth und Patrick zuging, standen da viele Leute um sie herum, die durch das laute Schreien von Ruth auf den Vorfall aufmerksam gemacht waren. Ruth und ich umarmten uns und alle redeten gleichzeitig auf mich ein. Ich entschuldigte mich für meine Torheit und Leichtsinnigkeit. Wir dankten Gott und bedankten uns auch bei den Helfern für ihren Einsatz, der schließlich ein glückliches Ende nahm. Ruth sagte, dass ich für die nächsten vier Wochen nicht mehr ins Meer dürfe, und Patrick legte noch scherzhaft eins drauf: „Du darfst in den nächsten 4 Wochen noch nicht einmal mehr duschen!“ Doch schon eine Stunde später wollte Rebekka sich ein Surfbrett ausleihen und bat mich, ihr beim Surfen behilflich zu sein, indem ich sie dazu anleitete.

Am Nachmittag fuhren an einen Ort namens Monteverde, der drei Sunden östlich mitten im dichten Regenwald lag. Der Weg über die mit Schlaglöchern übersäten, staubigen Urwaldpisten war jedoch sehr anstrengend, und da der Ort im Gebirge war, ging es auch immer wieder in Schlangenkurven rauf und runter, wobei wir zweimal sogar überschwemmte Straßen überqueren mussten in der Hoffnung, nicht mit den Reifen im Schlamm stecken zu bleiben. In tiefster Dunkelheit erreichten wir dann schließlich eine Pension, wobei uns beim Aussteigen alle Muskeln weh taten. Oben im Gebirge war es natürlich recht kühl und sehr windig. In der Nacht stürmte es dermaßen laut unter unsrer Wellblech-Herberge, dass wir dachten, ein Hurrikan würde gerade wüten und dass am Morgen alles verwüstet sein würde.

Am nächsten Vormittag machten wir erst mal eine längere Wanderung durch den Nationalpark, dessen gut ausgebauter Weg über sieben Hängebrücken verlief, die durchschnittlich 100 m lang und über einen bis zu 30 m tiefen Abgrund gingen. Interessant war für mich, dass an den mit Moos bewachsenen Baumstämmen zahlreiche andere Pflanzen sich angenistet hatten, deren Wurzeln sich allmählich mit dem Stamm des Wirtbaumes verbunden hatten und von diesem ihre Nährstoffe empfingen. Mittags aßen wir dann unsere Butterbrote in einem kleinen Kolibri-Park, wo an die 100 daumengroßen Kolibris den süßen Saft aus eigens für diese aufgestellte Behälter mit kleinen Löchern herausschlürften und man ihnen aus wenigen Zentimetern Entfernung dabei zuschauen konnte.

Als wir dann auf den Weg in die Hauptstadt San Jose machten, hielten wir unterwegs an einer Brücke, unter der sich etwa 10-15 Krokodile in der Sonne wärmten. Ich fragte mich, von was sie sich wohl ernährten, denn solche Herden von Antilopen oder Gnus wie in Afrika gab es hier ja nicht. Nach zwei Stunden kamen wir müde in San Jose an, ruhten uns ein wenig aus und fuhren dann in die Innenstadt, wo wir uns trennten: Patrick wollte mich beim Predigen begleiten und Ruth und Rebekka wollten einkaufen. Ich begann damit, einfach nur Passagen aus der Bergpredigt vorzulesen, da bemerkte ich im Augenwinkel einen jungen Mann, der mir aufmerksam zuhörte. Nach einer Weile ging ich auf ihn zu und fragte ihn, ob er schon dem HErrn Jesus gehöre. „Nein“, sagte er, und ich fragte weiter: „Möchtest Du denn dem HErrn Jesus gehören?“ -„Ja.“ antwortete er. Dann erklärte ich ihm noch einmal ausführlich das Evangelium und fragte ihn, ob er mit mir zusammen beten wolle, um sich vor Gott als Sünder zu bekennen. Er wollte, und wir gingen zusammen an den Rand der Fußgängerzone. Wir beteten gemeinsam und er bat den HErrn um Rettung und Vergebung. Dann erklärte ich ihm, dass es wie bei einem Geburtsvorgang noch viele schmerzvolle Erfahrungen geben könne, bis er wirklich das neue Leben erfahre, er aber jetzt erst mal fleißig in der Bibel lesen sollte, damit der Heilige Geist ihn unterweise. Leider hatte er keine Bibel und ich hatte nur meine eigene, die ich noch brauchte. Er hieß Nedilio Obregon (39) und ist aus Nicaragua. Obwohl er nicht um Geld bat, gab meine Frau ihm noch eine finanzielle Unterstützung auf den Weg. Da Ruth und Rebekka inzwischen gekommen waren, fuhren wir zur Herberge, wo Rebekka ein leckeres Essen für uns alle kochte. Wir dankten Gott für die Freude, die er uns an diesem Tag geschenkt hat.

Am Sonntag ging wir nach dem Frühstück in eine nahe gelegene Pfingstgemeinde, in der etwa 90 % unter 35 J. alt waren. Wie bei den Charismatikern üblich wurde erst einmal eine Stunde lang nur Lobpreis mit Klatschen, Armeschwenken, Hüpfen, Tanzen und lauter Musik gemacht. Nach etwa 20 Minuten bin ich erst mal wieder raus gegangen, da ich auf dem linken Ohr ohnehin schon schwerhörig bin. Draußen sah ich einen jungen Mann, der in einer Ecke saß und bitterlich weinte. Ich setzte mich zu ihm und fragte, was er habe, aber er konnte nicht antworten. Nach einer Weile fragte ich ihn, ob er vielleicht etwas bekennen möchte. Da antwortete er, dass vor zwei Jahren seine Mutter heimgegangen sei und er durch ein Lied, das vorhin gespielt wurde, wieder an sie erinnert wurde. Seine Mutter war die beste Freundin von Gilberto (24), und er wusste nicht, wie er ohne sie auf der Welt leben könne. Ich versuchte ihn zu trösten und betete mit ihm. Dann las ich ihm Psalm 27 vor und sagte ihm, dass meine Mutter uns verboten hatte, über ihren Tod zu trauern, weil dieser ja eigentlich ein Grund der Freude sei, weil man dann beim HErrn sei. Danach flogen Ruth, Rebekka und ich weiter nach Peru, während Patrick nach Deutschland zurückflog.

Ein falscher Apostel

Am Vormittag nach unserer Ankunft in Lima fuhren Ruth und ich in den Stadtbezirk Gamarra, um Lebensmittel einzukaufen. Die Straßen sind dort so voll mit Menschen, dass auf 100 qm bestimmt 200 oder 300 Menschen kommen, die wie Ameisen durch die engen Wege zwischen den Verkaufsständen schwärmen. Entsprechend vorsichtig musste man sein vor Taschendieben, die es dort zuhauf gab. Im Naturprodukte-Bereich konnte man so ziemlich alles bekommen, was in Peru wächst, angefangen von Körnerarten wie Quinoa, Maca oder Amarant, über Heilpflanzen wie uña de gato („Katzenkralle“) bis hin zu Kaktusfeigen und Wachtel-Eiern. Es gab sogar einige Schlangen dort, sowohl lebende als auch tote, die zum Verkauf angeboten wurden. Manche Heilsäfte und Kräuter konnten nicht nur von körperlichen Krankheiten heilen, sondern vermochten sogar angeblich charakterliche Schwächen wie Hochmut oder Eifersucht zu „heilen“ (jedenfalls stand es so auf den jeweiligen Werbetafeln). Vor allem gab es aber auch jede Menge okkulte Hilfsmittel wie Tarotkarten oder Zauber-Tinkturen, die angeblich zu Reichtum verhelfen sollen oder zu einer erhöhten sexuellen Attraktivität. Man konnte wirklich meinen, dass der Stadtteil Gamarra eine gewisse Ähnlichkeit mit dem namens-verwandten Ort Gomorrha hat.

Aber nicht nur die vielen visuellen Eindrücke, sondern vor allem die vielen Menschen und der Krach versetzen mich in enorme Anspannung und Stress. Zunächst ließ ich mir zwei T-Shirts mit evangelistischen Versen bedrucken und kaufte mir einen Sombrero (Strohhut). Ruth wollte gerne Körner kaufen, um ein Müsli herzustellen, doch ehe wir uns versahen, hatten wir uns aus den Augen verloren. Sie zu suchen hatte bei all den vielen Menschen, die alle gleich aussehen, wenig Sinn, obwohl ich alle Leute um einen Kopf überragte und somit einen besseren Überblick hatte. Ich hoffte deshalb, dass SIE mich sieht und ging also dort zurück, wo wir uns das letzte Mal sahen. Hätte Ruth die Leute gefragt, ob sie jemanden wie mich gesehen hätten, dann hätte sie nur das Wort in Hohl.5:10 zitieren brauchen: „Mein Geliebter ist weißhäutig und rothaarig, den man unter 10.000 (Peruanern) sofort erkennen kann“. Doch Ruth kam einfach nicht und so betete ich, dass Ruth doch bald kommen möge. Und siehe da, mitten im Getümmel sah ich sie auf einmal von Weitem. „Da fand ich, die meine Seele liebt, und ich ließ sie nicht wieder los“.

Nachdem Ruth alle Einkäufe erledigt hatte, sahen wir eine Evangelisation von Charismatikern vor deren Kirche, die mitten in der Fußgängerzone war. Als mich einer der Veranstalter sah, lud er mich ein, ins Foyer der Gemeinde zu kommen. So gingen Ruth und ich hinein und sahen eine aufgestellte Kamera und eine Frau, die auf dem Fußboden lag und mit einer Decke zugedeckt war. Da kam der Pastor auf mich zu und begrüßte mich herzlich. Er erklärte mir, dass sie gerade eine Livestream-Übertragung machen, da ein „Apostel“ hier sei, namens Don Vicente Díaz Arce (80), der die Kranken heilen könne. Ich schaute und sah einen kleinen, alten Mann mit Sonnenbrille, der gerade einer Frau die Hände auflegte. Dann fiel sie in Ohnmacht und wurde von zwei anderen Frauen auf den Boden gelegt. In diesem Moment stellte mich der Pastor dem Apostel vor, und sie boten mir einen Stuhl neben ihm an, um miteinander zu plaudern, während die Kamera auf uns gerichtet war. Der alte Mann stellte mir zunächst ein paar harmlose Fragen zu meiner Person, bis er mich fragte, ob ich von ihm eine besondere Salbung empfangen wolle. Ich bezeugte ihm, dass ich bereits mit „jedem geistlichen Segen in den himmlischen Örtern in Christo gesegnet“ sei (Eph.1:3) und auch die „Salbung des Heiligen empfangen habe und alles wisse“ (1.Joh.2:20). Darauf bedrängte er mich nicht weiter, sondern erzählte mir von seinem Dienst, die Kranken zu heilen. Er erzählte mir, dass er 1956 diese Galería Gamarra gegründet habe und etwa 30 Firmen besaß, die in den 60er bis 80er Jahren Textilien und Kühlschränke verkauften. Durch die Gewinne kaufte er hier ein Grundstück nach dem anderen auf. Als er dann zum Glauben an Christus fand, gründete er ein christliches Heilungs-Zentrum, durch das schon „100.000 Menschen geheilt wurden“.

Doch 1994 geriet er in den Fokus eines gewissen Baruch Ivcher, dem Besitzer des Fernsehsenders Frequencia Latina Canal 2, der eine „Schmutzkampagne“ gegen ihn führte, dass er angeblich Steuern hinterzogen habe. Am Ende wurde der millionreiche Apostel zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, „zu Unrecht“ – wie er beteuerte – und verlor einen Großteil seines Reichtums. Gott habe ihm aber dafür entschädigt, indem Er ihm die Gabe der Krankenheilung geschenkt habe. Ich erzählte ihm, dass auch meine Frau seit Jahren schwer krank sei, aber dass sie Angst habe, dass diese Krankenheilung nicht von Gott, sondern vom Teufel sei. Er aber beteuerte, dass der HErr uns befohlen habe, die Kranken zu heilen und Krankheit ein Zeichen mangelnden Segens sei. Ich erinnerte ihn an Trophimus, den Paulus „krank in Milet zurückgelassen“ habe (2.Tim.4:20), und dass nicht alle gläubigen Kranken geheilt wurden. Er sagte: „Sie spielen auf Paulus an, der ein Augenleiden hatte, von dem der HErr ihn nicht heilen wollte. Das war aber eine absolute Ausnahme; denn grundsätzlich will Gott all unsere Krankheiten heilen (Ps.103:4).“ – „Wir sollen aber auch unser Kreuz tragen, und manchmal besteht dieses im Erdulden einer chronischen Erkrankung.“ – „Nein! das ist damit nicht gemeint! Krankheit ist immer vom Teufel, wenn auch manchmal Gott diese erlaubt zur Züchtigung.“ – „Aber ganz offensichtlich hat der HErr meine Frau noch nicht heilen wollen, obwohl wir schon jahrelang regelmäßig dafür beten.“ – „Lassen Sie Ihre Frau zu mir kommen und ich mache sie gesund. Sie muss einfach nur glauben!“

Meine Frau war indessen in ein Gespräch vertieft mit einem alten Bruder. Ruth erzählte mir, dass er arm und blind sei, und dass sie ihm deshalb morgen mal ein Geatrisches Milchpulver und einen neuen Krückstock vorbeibringen werde, denn seiner war schon völlig instabil. Er käme jeden Tag zur Gemeinde, um etwas zu essen und etwas Gesellschaft zu bekommen. Ich fragte mich, warum der Apostel ihn nicht einfach von seiner Blindheit befreien würde, wenn er es doch könne. Wie schön wäre es, wenn Ruth durch diesen Bruder auf einmal geheilt wäre von ihren Schmerzen; aber wenn Gott das gewollt hätte, hätte Gott es doch auch schon so längst getan. Wozu muss es dafür ein bestimmter Bruder sein? Und warum ist er wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis gekommen und nicht um Christi willen? Darf er überhaupt jetzt noch Aufseher sein, wenn er kein gutes Zeugnis mehr hat von denen, die draußen sind (1.Tim.3:3)? Wir verabschiedeten uns und aßen zu Mittag, bevor wir nach Haus fuhren. Ein Jahr später erfuhren wir, dass dieser Apostel wieder von der Polizei verhaftet wurde, als sich herausstellte, dass er heimlich mit der Mafia zusammengearbeitet hatte. Bei seiner Verhaftung suchte man ihn überall in seiner Villa und seinem riesigen Grundstück und fand ihn schließlich versteckt im Pumphaus seines Swimming-Pools.

„Erst will ich Englisch lernen und dann bekehre ich mich“

An einem Morgen las ich in Psalm 37 den bekannten Vers: „Vertraue auf den HErrn, und Er wird handeln“ (Vers 5). Das nahm ich mir vor, als wir an jenem Vormittag in die Innenstadt von Lima fuhren. Rebekka und Ruth wollten wärmere Kleidung kaufen für unsere Reise nach Huaraz, die wir am Abend antreten wollten, und ich wollte wieder in der Fußgängerzone predigen. Als wir ankamen, trennten wir uns und ich ging auf den Plaza de la Republica, um einen schattigen Platz zu suchen mit genügend Personen, die mir zuhören könnten, um einen Anfang zu machen. Es war allerdings noch sehr früh am Tag und relativ wenige Menschen auf dem Platz. Die Sonne brannte aber schon unerträglich heiß, und es gab nur 6 oder 7 große Palmen, die Schatten spendeten. Ich ging eine Weile umher und suchte dann Schatten in der großen Kathedrale. Auf der rechten Seite war ein kleiner Raum mit religiösen Wandmalereien und in einer großen Vitrine lag ein Skelett. Ich schaute auf eine Tafel, und dort stand, dass dies die originalen sterblichen Überreste von Francisco Pizarro sind, dem Eroberer des Inkareiches. Anthropologen haben seine Gebeine gründlich untersucht und eine ganze Reihe an Krankheiten und Verletzungen festgestellt. Noch nie hatte ich bis dahin ein echtes Skelett gesehen. Ich ging wieder raus und betete: „HErr, Du hast verheißen, dass Du mich durch Deine Augen leiten willst. Wo soll ich mich jetzt hinstellen oder was soll ich tun? Bitte zeige mir, was ich tun soll.“ Drei Sekunden später kam ein alter Mann im Rollstuhl auf mich zu, der nur einen Arm hatte und deshalb große Mühe hatte, seinen Rollstuhl zu rollen. Ich sprach ihn an und fragte, ob ich ihn wo hinschieben darf, was er dankbar annahm. Dann schob ich ihn die Fußgängerzone runter an eine Stelle, die er mir zeigte, wo er seine Bonbons verkaufen wollte.

Als ich wieder zurück auf den Platz kam, sah ich im Schatten einer der Palmen eine Sitzbank, auf der drei junge Männer saßen. Ich ging dort hin und sprach sie an: „Entschuldigen Sie, darf ich mich zu Ihnen setzen und mit Ihnen ein wenig über Gottes Wort sprechen? Ich möchte Sie nicht stören, aber vielleicht haben Sie Interesse.“ – Einer von ihnen antwortete: „Sich über das Wort Gottes zu unterhalten, ist sicherlich immer ein sinnvoller Zeitvertreib.“ Ich setzte mich und sagte: „Ach, dann bist Du also ein Christ, nicht wahr?“ – „Nein“, antwortete Omar (ca.35 J), „aber ich habe schon vor, Christ zu werden.“ Ich war sehr überrascht über diese Antwort und fragte ihn, was ihn denn daran hindern würde. Er erklärte mir dann, dass er Katholik sei und „nicht einfach so die Religion wechseln“ wolle, solange er nichts Besseres gefunden habe. Das überraschte mich noch mehr, denn offensichtlich schien er ja einen Unterschied zu machen zwischen Christen und Katholiken. Während Omar mir dann seinen Standpunkt erklärte, merkte ich, dass er ein enormes Bibelwissen hatte. Ständig untermauerte Omar seine Argumente mit Bibelstellen, die er zitierte, so dass ich ihn fragen musste, woher er sich so gut auskenne in der Bibel. „Ich habe als Jugendlicher die Zeugen Jehovas kennengelernt und mich einige Jahre mit ihren Lehren beschäftigt. Dadurch habe ich immer mehr in die Bibel hineingefunden, habe mich aber dann entschieden, mich nicht den Zeugen Jehovas anzuschließen, sondern erst einmal weiter zu prüfen, was andere Religionsgemeinschaften lehren, um mich erst dann endgültig festzulegen.“ – „Das ist gut,“ sagte ich, „dass Du nicht gleich die erstbeste Meinung übernommen hast, sondern weiter offen bist und auf der Suche nach der Wahrheit. Wenn Du mir erlaubst, würde ich Dir gerne einmal eine Kernaussage der Bibel bekanntmachen, falls Du sie noch nicht kennst.“ – „Ja, gerne! Ich bitte darum.“ Dann las ich mit ihm zusammen Joh.3:1-18 und die Notwendigkeit, Jesus als HErrn und Retter anzunehmen. Omar hatte dann viele Fragen zur biblischen Prophetie, die allerdings immer wieder ablenkten von der Botschaft, die ich ihm eigentlich vermitteln wollte.

So sprach ich etwa zwei Stunden mit ihm u.a. über das Buch Daniel und die Offenbarung, und war immer wieder überrascht, wie viel er selbst schon wusste durch eigenes Bibelstudium. Als dann schließlich Ruth und Rebekka mich abholen wollten, sah ich mich gedrängt, ihn zu fragen, warum er nicht hier und jetzt den HErrn Jesus annehmen möchte, so wie es in Joh.1:12 steht, um ein Kind Gottes zu werden. „Das ist so“, antwortete er, „ich wollte jetzt eigentlich erst mal Englisch lernen und mich erst dann entscheiden.“ – „Was hat denn Dein Wunsch, Englisch zu lernen, mit Deiner Heilsentscheidung zu tun??!“ fragte ich verwirrt. „Das ist nicht so leicht zu erklären, aber ich versuche es mal: Sieh mal, alle erfolgreichen Menschen der Weltgeschichte sprachen Englisch, ist Dir das schon mal aufgefallen? Ich glaube, dass dies kein Zufall sein kann. Irgendwie muss es da einen inneren Zusammenhang geben. Es ist doch unbestritten, dass alle Akademiker und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse auf Englisch schrieben. In dieser Sprache muss irgendwie ein besonderer Segen liegen.“ – „Das ist doch Unfug. Man ist doch nicht automatisch klug, weil man eine ganz bestimmte Sprache spricht. Was glaubst Du wohl, wie viele US-Amerikaner strohdumm sind, obwohl sie Englisch können! Und auch viele anderssprachige Völker haben kluge Menschen hervorgebracht, denke nur mal an die alten Griechen mit ihrer Geometrie oder Sokrates usw. Die konnten alle kein Englisch und haben die Welt vorangebracht.“ – „Ja, damals. Aber in den letzten Jahren gingen sämtliche Nobelpreise an englischsprachige Menschen. Wer hat z.B. das Telefon erfunden oder den Hubschrauber, die Dampfmaschine oder die Elektrizität? Alles Engländer!“ – „Ach, und Du glaubst, wenn Du erst mal Englisch kannst, dann gehörst auch Du zur auserwählten Elite, die klug genug ist, den richtigen Gauben zu erwählen?“ Ich las dann mit ihm 1.Kor.1 und 2, was aber schwierig war, weil er mich nach jedem Satz unterbrach. Offensichtlich lag gerade hier sein Schwachpunkt.

Am Ende sagte ich ihm: „Omar, wenn ich könnte, würde ich Dich einfach in die schmale Pforte hineinschubsen, um Dich zu retten, aber Du musst schon freiwillig eintreten. Solange Du aber so einen breiten Kopf hast, passt Du nicht durch die enge Tür. Es geht im Glauben nicht um Wissen, sondern um Gehorsam. Dass alle Menschen Buße tun sollen, ist nicht bloß eine Option unter vielen, sondern ein Befehl!“ Daraufhin gab er mir die Hand und sagte: „Vielleicht hast Du recht, dass ich im Moment Gott ungehorsam bin; aber auch Jona war Gott ungehorsam, weshalb Gott ihm einen Fisch senden musste um ihn zum Umdenken zu bringen. Bete doch einfach für mich, dass Gott auch mir einen solchen Fisch schicken möge, damit ich so ein Christ werde wie Du.“ Ich rief ihm hinterher: „Damit musst Du jederzeit rechnen, aber nimm es nicht auf die leichte Schulter. Gott lässt sich nicht spotten!

Wir gingen dann etwas essen und gingen am Rio Rimac spazieren, da sahen wir eine alte Greisin, die am Straßenrand bettelte. Ruth wurde an ihre Mutter erinnert und wollte der Frau ein Mittagessen geben. Sie gingen mit ihr in ein Fast-Food-Restaurant, und sie erzählte den beiden von ihren ganzen Krankheiten und ihrer Einsamkeit. Rebekka fühlte sich darauf so berührt, dass sie von ihrem eigenen Geld 50 Soles spenden wollte, um für sie Medizin zu kaufen. Während ich draußen wartete, sprach mich ein Schuhputzer an, den ich auf etwa 70 Jahren schätzte. Ich erzählte ihm vom Glauben, und er bezeugte, dass er auch gläubig sei. Er war früher Alkoholiker und habe wegen verschiedener Diebstähle auch schon im Gefängnis gesessen. Aber dann habe der HErr ihn völlig erneuert, so dass er trocken ist und nur noch auf ehrliche Weise sein Geld verdienen möchte. Ich fragte ihn nach seinem Alter, und er sagte „50.“ Das konnte ich kaum glauben, dass er genauso alt war wie ich, denn sein Gesicht war faltenzerfurcht und ihm fehlten Zähne. „Was glauben Sie denn, wie alt ich bin?“ fragte ich ihn. „Schwer zu sagen“, sagte er, „vielleicht 6o oder 70?“ Ich grinste und sagte: „Neeeiiin! ganz falsch.“ – „Wie alt denn? Eher weniger oder eher mehr?“ – „Natürlich weniger. Viele halten mich für 40, aber ich bin tatsächlich auch schon 50.“ – „Ja, ich bin im Schätzen tatsächlich nicht so gut.

Reise ins Hochgebirge

Nachdem wir die ganze Nacht über im Reisebus verbracht hatten, erreichten wir morgens um 6.30 Uhr die Gebirgsstadt Huaraz, die umgeben ist von einer schneebedeckten Gebirgskette, der Cordillera Blanca (einem Weltkulturerbe der UNESCO). Nachdem wir unsere Sachen in einer Herberge ließen, fuhren wir     zur Lagune von Llanganuco, einem türkisblauen Gletschersee am Fuße des Huascarán, dem mit 6.773 m höchsten Berg Südamerikas. Ruth und Rebekka hatten leider starke Kopfschmerzen wegen der dünnen Luft im Gebirge. Diese verstärkten sich noch dadurch, dass der Bus zur Geschwindigkeitsdrosselung alle 500 m über künstliche Straßenhuckel fahren musste, die man besonders spürte, wenn man hinten im Bus saß. Nach etwa 1,5 Stunden erreichten wir den Ort Yungay, eine Stadt, in der früher die reichen Haciendabesitzer in ihren Stadtvillen wohnten, die aber von einer schrecklichen Katastrophe heimgesucht wurde. Die Reiseleiterin erklärte uns, dass am 31.05.1970 um 15.20 Uhr hier ein schweres Erdbeben die Nordspitze des Huascarán abgesprengt hatte, so dass innerhalb von 3 Minuten Zehntausende von Tonnen riesiger Eisbrocken und Felsen auf die Stadt hinabstürzten und 25.000 Menschen unter sich begruben. Die einzigen, die überlebten, waren 92 Menschen, die an jenem Sonntag auf dem höher gelegenen Friedhofshügel die Gräber ihrer Angehörigen besucht hatten. Da diese Bergregion aber weit abgelegen war, mussten die Überlebenden drei Tage warten, bis endlich Hilfe vom Militär kam. Ein alter Mann berichtete damals, dass er einige Tage zuvor in der Stadt war und wegen seines großen Durstes an mehrere Türen geklopft habe, ob er etwas Wasser haben dürfe, aber dass niemand bereit war, ihm Wasser zu geben. Deshalb wird das Unglück von Yungay auch in der Bevölkerung als Gottes Gericht an den Reichen angesehen, die noch nicht mal bereit waren, ein Glas Wasser an einen Durstigen zu geben.

Anschließend sind wir zu der Laguna de Llanganuco [ausgespr. Janganuko) gefahren und machten um den von Bäumen umgebenen Natursee einen Spaziergang. Von den steilen Felswänden, die über 1000 in die Luft ragen, rieselt hier das Wasser hinab, so dass sie in der Sonne glitzern. Wir hatten Glück dass es trotz der Regenzeit ein strahlend blauer Himmel war. Die Touristen unserer kleinen Reisegruppe machten unzählige Fotos, vor allem Selfies mit ihrem Stick, um allen zu beweisen, dass sie hier waren. Danach fuhren wir ins Dorf Carhuáz, um dort Mittag zu essen. Immer wieder fragte ich mich, warum ich während der Busfahrten nicht einfach aufstehe und den Passagieren das Evangelium predigte. Schließlich ging es doch um Leben und Tod, weshalb ich mich nicht schämen sollte. Aber ich schaffte es einfach nicht, obwohl ich immer wieder mit mir rang. Ich betete, dass der HErr mir doch diese Menschenfurcht wegnehmen möge. In Psalm 39 sagte David selbstkritisch: „Ich schwieg vom Guten“. Wie viel Schuld lud ich ständig auf mich, indem ich das als Gutes erkannte nicht tat! „Dies ist ein Tag guter Botschaft; schweigen wir aber und warten, bis der Tag anbricht, dann wird uns Schuld treffen“ sagten die Aussätzigen von Jerusalem in 2.Kön.7. Ich sagte mir: „Heute ist der Tag des Heils, deshalb will ich heute Nachmittag wieder das Evangelium predigen!“. Wir gingen in ein nahegelegenes Lokal für Einheimische. Es war zwar etwas ärmlich, aber dafür waren die Menüs sehr preisgünstig. Neben Rinderfilet, Hähnchen und Hühnersuppe gab es auch „picante de cuy“ („Meerschweinchen in scharfer Soße“) für 5 Soles (1,50 €).

Doch da erreichte mich eine Sprachnachricht aus Deutschland, die mich ins Mark erschütterte: Elija Nathan (28), der seit Jahren als Islamexperte und eifriger Evangelist auf YouTube überall Bekanntheit erlangt hatte, besonders in der Salafistenszene, hatte sich jetzt, nachdem seine Verlobte ihn vor zwei Monaten verließ und zum Islam übergetreten war, ebenfalls entschieden, dem Islam beizutreten! Ich konnte das kaum vorstellen, wie das möglich war. Gerade Elija war es ja, der sich jahrelang über die Lehren des Islam lustig gemacht hatte und die Muslime demütigte, indem er sie mit den katastrophalen, menschenverachtenden und geradezu absurden Aussagen und Details aus dem Leben Mohammeds konfrontierte. Und ausgerechnet er soll jetzt wieder „Zuflucht genommen haben bei dem Herrn der Morgenröte“ (Satan), wie es in der 113. Sure heißt. Es ist doch zu durchschaubar, dass er das nur um seiner Verlobten willen getan haben konnte, um seine Zukunft mit ihr zu retten, zumal sie auch ein gemeinsames Kind haben. Aber war es das wert, dass er deshalb seinen Glauben aufgab und damit das ewige Leben wieder einbüßte?! Ich hatte ihn noch vor meiner Abreise gewarnt, dass er in Gefahr stehe, seinen Glauben zu verlieren, denn auch ich hatte ja mal meinen Glauben aufgegeben, als ich so alt war wie er.

Aber Gott war mir am Ende gnädig gewesen, dass Er mir 4 ½ Jahre zuvor wieder den Glauben geschenkt hatte. Auch bei mir war 18 Jahre vorher massive Kritik von allen Seiten am Ende der Auslöser, dass ich allmählich mürbe und schwach wurde im Glauben und ich immer mehr den Zweifeln Raum gab. Der Satan hat unser aller begehrt, uns zu sichten wie den Weizen (Luk.22:31) und schon damals begann die Zeit, dass das Gericht Gottes beginnen musste am Hause Gottes. Wessen Glaube und Gehorsam nicht fest verankert ist in Christus durch eine intensiv gepflegte, lebendige Beziehung zu Ihm, der wird den schwersten Prüfungen, die Satan für uns bei Gott beantragt, nicht standhalten. Es erinnert mich an jenen Jüngling in Mark,14:51-52, der sich auch in der Nachfolge übernommen hatte, und als die Feinde ihn dann ergriffen, entblößten sie ihn, so dass deutlich wurde, dass er nicht ausreichend genug bekleidet war.

Ruth und Rebekka ließen mich auf dem Plaza de Armas zurück, während sie die Stadt auskundschaften wollten. Der typisch südamerikanisch, park-ähnlich angelegte Platz hatte viele Bänke und war jetzt kurz vor Weihnachten völlig übertrieben geschmückt mit Weihnachtsmännern und ähnlichem Kitsch. Ich setzte mich mehrfach zu Personen auf eine Bank und fragte sie, ob ich mich mit ihnen über die Bibel austauschen dürfe. Alle waren letztlich bereit, und es ergaben sich viele Gespräche: Manuel (25) z.B. hatte ein vererbtes Augenleiden und hatte sich vor 5 Jahren zum HErrn bekehrt, nachdem er von einer Bekannten in eine Freikirche eingeladen wurde. Doch seither habe er die „erste Liebe wieder verlassen“, wie er sagte und sich von den Sorgen des Alltags ablenken lassen. Aktuell sei er gerade in Not, weil er von der Stadtverwaltung, für die er arbeitet, schon seit zwei Monaten kein Geld erhalten habe. Ich versuchte, ihm das Leben mit Christus wieder schmackhaft zu machen, indem ich ihn daran erinnerte, dass Er Gott um alles bitten dürfe und Er ihm gerne seine Bitten erfüllen möchte. Er war sehr dankbar für diese Anregung und versprach, wieder mehr zu beten und in der Bibel zu lesen.

Ein Greis namens Antonio (89) freute sich sehr, als ich mit ihm zu sprechen begann. Er sagte, dass er inzwischen blind sei, aber dass er die Bibel für „das bedeutendste Buch überhaupt“ ansah. Als ich ihm dann den Heilsweg erklärte, merkte ich, dass er diesen scheinbar noch nicht kannte, zumindest winkte er nicht ab, als wenn ihm dies schon alles bekannt sei. Roswell und Raimunda (beide Mitte 20), ein junges Pärchen mit Baby, hörten mir aufmerksam zu, stellten jedoch keine Fragen, sondern stimmten mir bei allem zu. Als es dann plötzlich anfing zu regnen, verabschiedeten wir uns. Mabel (30) verteilte unter den Arkaden im Schutz vor dem Regen Flyer an die Passanten, so dass ich mit ihr ins Gespräch kam. Sie warb für eine Organisation, die sich Akropolis nannte und die Menschen mittels der Philosophie Platons zu einem sinnvolleren Leben und einen freundlicheren Umgang miteinander zu motivieren suchte. Ich erklärte ihr den Heilsplan Gottes für die Menschheit und wie ich selbst das Heil in Christus erlangt hatte. Sie hörte mir eine ganze Weile interessiert zu, fing aber dann wieder nebenbei an, ihre Flyer zu verteilen, wodurch sie mir zu verstehen gab, dass sie nun genug gehört habe. Als es dann immer stärker regnete, machte ich mich auf dem Weg zurück zur Herberge, da ich den Zimmerschlüssel hatte und Ruth u. Rebekka sonst nicht rein kämen. Am Abend erzählte mir Ruth, dass man heute eine Gruppe von 10 Drogenschmugglern am Flughafen von Lima verhaftet hatte, die sich als Evangelikale ausgaben, die zu einer Bibelkonferenz unterwegs waren. Jeder von ihnen hatte 1 kg schwere Beutel mit flüssigem Kokain im Darm, die sie außer Landes schmuggeln wollten. Sie dachten, dass sie als Evangelikale getarnt weniger auffallen würden, was zeigt, welches hohe Ansehen die Evangelikalen hier haben.

Auf 5.000 m Höhe

Am nächsten Tag ging es auf den Gletscherberg Pastoruri auf 5.000 m Höhe, wo schon die Schneegrenze ist. Leider hatten wir teilweise unangemessene Kleidung; z.B. hatte ich nur meine Birkenstock-Sandalen und auch nur eine Strickjacke mitgenommen. Aber wir dachten: es wird schon irgendwie gehen. In der Herberge hatte man uns geraten, möglichst wenig zu essen, sondern nur Kaffee zu trinken und Koka-Blätter zu kauen, denn in dieser Höhe bestehe ja die Gefahr der sog. Höhenkrankheit (spanisch soroche). So kauften wir uns noch schnell jeder ein Paar Handschuhe und einen Regenponcho, sowie eine kleine Tüte getrocknete Kokablätter, da diese der Atemnot entgegenwirke. Die Blätter schmeckten herb und schon nach kurzer Zeit hatte man den Eindruck, als wäre das Zahnfleisch betäubt. Auch sollten wir uns daran gewöhnen, immer tief ein und auszuatmen, damit genügend Sauerstoff in die Blutgefäße gelangt.

Der Reiseleiter erklärte uns auch, dass es den Gletscher, den wir heute sehen sollten, in etwa 4 – 5 Jahren nicht mehr geben würde, aufgrund der fortschreitenden Erderwärmung. In den letzten 35 Jahren seien Tausende an Hektare Eis abgeschmolzen, weshalb die Cordillera Blanca in voraussichtlich 10 – 15 Jahren keinen Schnee mehr haben werde. Schon heute macht man sich deshalb Sorgen, denn da es an der Küste von Lima so gut wie nie regnet, hing die Wasserversorgung Limas und anderer Städte in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt auch von dem Gletscherwasser ab, das es dann nicht mehr geben würde. Man habe deshalb schon begonnen, Depots anzulegen und investiere in Meerwasserentsalzungsanlagen. Die schmelzenden Gletscher haben bereits zunehmend Fossilien freigelegt, angefangen von fossilen Muscheln und Meerestieren bis zu versteinerten Skeletten von Raptoren und gigantischen Flugsauriern. Er behauptete: „Vor 30 bis 40 Millionen Jahren waren die Anden noch mit Meer bedeckt“. Da widersprach ich ihm und wies ihn auf Ps.104:8 hin, dass nämlich die Wasser der Sintflut erst durch massive Vulkanaktivität und einem damit einhergehenden Aufrichten der Landmassen absinken konnten. Er stimmte mir zu und ging sogar soweit, festzustellen, dass die Bibel für ihn ein wissenschaftliches Buch sei.

Als wir schon über 4000 m hoch gefahren waren, verwandelte sich die Landschaft in eine baum- und strauchlose Steinwüste, in der nur noch Gräser wuchsen und eine merkwürdige Riesenpflanze, die aussieht wie eine auf dem Kopf stehende Palme, namens Puya di Raimundi, benannt nach einem italienischen Forscher. Aber auch hier oben in dieser verlassenen Steppenlandschaft grasten überall noch Schafe, Lamas und Rinder, die sich offensichtlich an die dünne Luft gewöhnt hatten. Wir hielten auch an einer Höhle mit Wandmalereien aus der Steinzeit und an einer der vielen Quellen, aus denen Methan heraussprudelte und das Wasser kupferfarbig färbte. Schließlich hielt der Reisebus auf einer Anhöhe, von wo aus man nur noch zu Fuß zum Gletscher gelangen konnte. Der Reiseleiter versprach uns, dass dieser 2 km entfernte, auf über 5000 m Höhe gelegene Gletscher in etwa 40 Minuten zu Fuß erreichbar sei, was sich aber als völlig unrealistisch erwies, denn der steile Aufstieg dauerte fast 1,5 Stunden. Ruth verzichtete von vornherein darauf, mitzukommen, weil sie das gesundheitlich nicht verkraften konnte. Rebekka nahm das Angebot an, für 7,5 Soles auf einem Pferd nach oben gebracht zu werden. Als wir den Aufstieg begannen setzte ein starker Hagel ein und es donnerte auch ein paar Mal aus dem nebelverhangenen Himmel. Doch der starke Wind wehte die Wolken allmählich beiseite, so dass auf einmal die Gipfel der schneebedeckten Berge sichtbar wurden.

Als wir schließlich am Gletscher ankamen, waren wir völlig erschöpft und außer Atem. Aber für den Anblick der riesigen Eiswand und der Gletscherhöhle mit den langen Eiszapfen neben einem großen, von Bergen umgebenen Schmelzwassersee, hatte sich der Aufstieg wirklich gelohnt. Der Reiseleiter bat uns jedoch, nicht allzu lange zu verweilen, da ein Sturm aufziehe und wir noch rechtzeitig wieder alle beim Bus sein sollten. Als wir mit dem Abstieg begannen, wehte uns der eiskalte Wind mit Hagel entgegen, so dass man kaum mehr etwas sehen konnte. Meine rechte Wange war kaltgefroren und an meinem Bart hingen Schneekristalle. Wir waren froh, dass wir vorher noch die Handschuhe und Regenponchos gekauft hatten. Von dem Bergpanorama war inzwischen nichts mehr zu sehen, denn alles war im dichten Nebel. Als wir beim Bus ankamen waren unsere Kleidungsstücke alle durchnässt und unsere Füße eiskalt. Aber wir waren Gott dankbar für alle Bewahrung und dass es nun wieder heim unter eine warme Dusche geht.

Am nächsten Tag wollten Ruth und Rebekka an einem Ausflug nach Chavín teilnehmen, während ich lieber evangelisieren wollte. Nachdem ich Ruth und Rebekka zum Busterminal gebracht habe, betete ich, dass sich doch heute die ein oder andere Seele doch zum HErrn bekehre. Dann ging ich wieder auf den Plaza de Armas und suchte wieder auf den Bänken nach geeigneten Personen, denen ich das Evangelium erklären konnte. Dem HErrn sei Dank! dass sich in den folgenden zwei Stunden immerhin 2 junge Menschen bekehrten und den HErrn Jesus als ihren HErrn annahmen: Christian Salazar (17) war mir aufgefallen, weil er ein großes Kruzifix um seinen Hals trug. Ich erklärte ihm zunächst die Heilsbotschaft und ging dann mit ihm jedes einzelne der 10 Gebote durch, wobei ich ihn immer wieder fragte, ob er sich erinnern könne, gegen dieses jeweilige Gebot verstoßen zu haben, und jedes Mal, wenn er es verneinte, nannte ich ihm Beispiele aus dem Leben, die vielleicht auf ihn zuträfen, damit er sich auch wirklich seiner Schuld bewusst werde. Am Ende fragte ich ihn, ob er gerne ein Eigentum des HErrn Jesus werden möchte und sein Leben dem HErrn übergeben möchte. Er wollte, und wir beteten zusammen, wobei er für sich den HErrn um Vergebung bat und um die Gabe des Heiligen Geistes. Dann empfahl ich ihm, von nun an regelmäßig in der Bibel zu lesen und sich eine evangelikale Gemeinde zu suchen, wo er Brüder hat, die ihn weiter unterweisen können. Miguel Ramirez Leiva (22) war Katholik, hörte aber aufmerksam meiner Botschaft zu. Ich erklärte ihm sehr ausführlich das Evangelium und die Forderung Gottes, sich zu bekehren und Ihm seine Sünden zu bekennen. Auch bei Miguel trat ich dabei eine offene Tür ein, und er klärte sich sofort bereit, mit mir zu beten, um den HErrn um Errettung zu bitten. Auch sein Gebet war sehr schön, wobei er auch für seine Familie bat. Anschließend erklärte ich auch ihm, dass er von nun an jeden Tag ein Kapitel in der Bibel lesen solle, damit Gott ihm zeigen könne, was Er weiter mit ihm vorhabe, und dass er sich eine Gemeinde von Gläubigen suchen möge. Er bedankte sich herzlich und ich ging weiter. Ich hatte noch ein paar weitere Gespräche, die aber hier nicht der Rede wert sind. Als Ruth und Rebekka dann schließlich um 19.30 Uhr kamen, fuhren wir spät am Abend zurück nach Lima.

Um den vielen Bettlern in Lima die Liebe Gottes ganz praktisch zu vermitteln, kauften Ruth und Rebekka Brot samt Brotaufstrich, sowie Limonade, um diese an die Bedürftigen zu verteilen, während ich in der Innenstadt predigen würde. Unter den vielen Bettlern gab es auch manche alte Leute oder Mütter mit Kindern, denen sie jeweils ein Butterbrot gaben. Immer wieder trafen wir aber auch venezolanische Flüchtlinge, die zu Dritt auf ihren Koffern am Straßenrand standen mit einem Schild: „Wir sind gerade angekommen und haben Hunger, brauchen auch eine Unterkunft. Bitte helfen Sie uns!“ Das Elend war einfach überall und unsere Brote bald verteilt. Besonders die alten Frauen hatten es der Rebekka angetan, weil sie durch diese immer an ihre Oma Lucila erinnert wurde. Als sie einmal eine solche bettelnde Oma sah, die auch noch blind war, musste Rebekka fast weinen. Später sagte sie: „Wenn ich hier in Peru mal ein gutes Werk tun wollte, dann würde ich ein Heim für alte Menschen gründen, wo man sie wäscht und füttert, denn die können sich nicht mehr selber helfen.“ – „Dann mach das doch“ sagte ich. Während ich predigte, kam plötzlich ein Junge von ca. 20 J. auf mich zu und schenkte mir eine neue Flasche Wasser, die er für mich gekauft hatte, um mich auf diese Weise zu unterstützen. Ich bedankte mich und wies ihn auf Mt.10:42 hin, dass jeder, der einen Jünger Christi mit Wasser tränken wird, einmal dafür belohnt wird.

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