„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“

(Röm.13:12)

– „Einmal auf dem Schoß Gottes sitzen“ Teil 13 (Januar – Dezember 2003)

Januar bis Juli 2003

Grundformen der Angst

Im Januar fuhren Ruth, Rebekka und ich für eine Woche nach Barcelona in den Urlaub. Dort waren es trotz der Winterzeit +18˚C und Sonnenschein. Wir besuchten ein Tiefsee-Aquarium und einen Freizeitpark, wo wir unter freiem Himmel Schlittschuh laufen konnten. Beeindruckt war ich von der Kirche „La Sagrada Familia„, an der schon seit 100 Jahren gebaut wird. Sie hat 18 Türme und ist im Stil der Neugotik und des Modernismus erbaut vom Architekten Antonio Gaudí (1885-1926). In Barcelona spricht man übrigens weniger spanisch, sondern hauptsächlich katalanisch, eine Mischung aus Spanisch und Französisch.

Als wir wieder zurück waren, musste ich mit meinen Lehrlingen wieder öfters Handzettel verteilen, da – wie jedes Jahr – im Winter die Auftragslage deutlich zurückging. Während des Verteilens hörte ich über meinen mobilen CD-Player meistens Hörbücher, die ich mir aus der Stadtbibliothek ausgeliehen hatte. Eines dieser Hörbücher hatte den Titel „Grundformen der Angst“ vom Psychologen Fritz Riemann und war für mich äußerst erhellend, so dass ich es viele Male hören musste, um mir die Botschaft einzuprägen. Riemann weist in seiner Untersuchung über Charaktertypologien nach, dass es im Prinzip vier Persönlichkeitsmodelle gibt, der sich alle Menschen zuordnen lassen. Im Gegensatz zur bekannten Temperamentenlehre des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (Sanguiniker, Phlematiker, Choleriker und Melancholiker) unterteilte Riemann die Menschen nach vier Persönlichkeitsstrukturen, die sich aus ihren jeweiligen Grundängsten gebildet haben und die ich im Folgenden mal aus dem Gedächtnis wiedergebe:

1. Die depressive Persönlichkeit: Das sind Menschen, die von Kind auf Angst haben vor Ausgrenzung. Ihnen fiel es schwer, sich aus der elterlichen Geborgenheit zu lösen, weil ihnen der dominante Einfluss der Mutter oder des Vaters nicht ermöglicht hatte, eine eigene starke Persönlichkeit zu entfalten, sodass sie sich ihr Leben lang an andere Einzelpersonen oder Gruppen wie eine Klette anhängen, die ihnen dieses Gefühl von familiärer Geborgenheit ersetzen. Am liebsten möchten sie ihr eigenes Ich aufgeben und ganz im Anderen oder in der größeren Sache aufgehen (Partei, Verein, Gemeinde). Sich zu unterscheiden, anders zu denken und zu fühlen, mobilisiert bei ihnen Verlustängste, so dass sie bemüht sind, auf eigene Ideen zu verzichten und sich anzupassen. Da sie keinen Mut zur Eigeninitiative haben, entwickeln sie eine passive Erwartungshaltung. Sie mögen sich gerne für andere aufopfern und haben auch eine große Liebe und Empathie. Dies führt allzu oft zum Ausgebeutet-werden durch andere. Das Streben nach Wärme und Harmonie (Nuckelinstinkt) bringt solche Menschen oftmals dazu, dass sie schon früh anfangen mit Rauchen, Alkohol, Drogen oder anderen Süchten, die ihnen die Angst vor der Einsamkeit vorübergehend vergessen lassen. Wird dieses Bedürfnis nach Wärme und Nähe irgendwann nicht mehr ausreichend gestillt, kann dies bei ihnen zu einer echten Depression führen.

2. Die schizoide Persönlichkeit: Hierbei handelt es sich um Menschen, die das genaue Gegenteil von 1 sind, nämlich solchen, die eher Angst haben, von anderen Menschen vereinnahmt zu werden und sich deshalb gerne absondern. Leute mit einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur haben in ihrer Kindheit eher die Erfahrung von Überforderung gemacht, weil ihre Eltern eine viel zu hohe Erwartung und einen Leistungsdruck auf das Kind ausgeübt haben, so dass es erst in der Stille und dem Alleinsein mit sich selbst Glück und Zufriedenheit erleben konnte. Ähnlich wie Autisten bevorzugen solche Menschen auch als Erwachsene lieber die Distanz zu anderen, meiden die Teilnahme an Veranstaltungen und fühlen sich erst am heimischen Computer oder beim Lesen eines Buches wohl. „Sein Streben wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig“ (F. Riemann). Wird dieses Bedürfnis nach Privatsphäre dauerhaft nicht berücksichtigt, neigen solche Menschen zur paranoiden Schizophrenie.

3. Die neurotische Persönlichkeit: Darunter fallen jene Menschen, die eine permanente Angst vor Veränderung und vor der Vergänglichkeit haben. Deshalb entwickeln sie ein zwanghaftes Streben nach Stabilität und Gleichmäßigkeit, indem sie möglichst alles unterbinden, was sich ihrer Kontrolle entzieht. Solchen zwanghaften Persönlichkeiten wurde schon sehr früh der kindliche, lebendige Impuls nach Spontanität, Phantasie und Affektivität unterdrückt, indem ihr gesunder Wille durch übertriebene Regeln allzu sehr gedrosselt und gehemmt wurde. Ebenso können auch traumatische Schicksalsschläge in der Kindheit, die nicht verarbeitet wurden, dazu geführt haben, dass der Heranwachsende sich nach Ruhe und Frieden sehnt und erst durch das konsequente Einhalten von starren Regeln Halt und Orientierung erlebt. Solche Persönlichkeiten sind verständlicherweise äußerst treu und zuverlässig, sowohl in der Ehe als auch im Beruf. Sie reagieren jedoch zugleich eher gereizt auf Überraschungen oder Veränderungen, und da das Leben ständig im Fluss ist, haben sie immer irgendetwas zu nörgeln, vor allem an anderen, die weniger treu und zuverlässig sind wie sie. Neurotische Personen sind immer pünktlich, sparsam und verantwortungsbewusst und scheuen jedes Risiko. Sie geben Halt, vertreten Werte und bewahren Tradition. Ihre übertriebene Pedanterie kann bei erhöhter Belastung auch zu einer Zwangsneurose führen.

4. Die hysterische Persönlichkeit: Dies sind solche Menschen, die im Gegensatz zu Typ 3 sich eher vor der Verantwortung drücken, aber dafür sich mit Leidenschaft jeder neuen Herausforderung im Leben stellen und keine Angst haben vor Veränderung, sondern eher Angst haben vor der Erstarrung. Den hysterischen Persönlichkeiten ist ein großer Mut vor dem Unbekanntem zu eigen, mit dem sie zwar vieles erreichen, aber dabei auch oftmals über Leichen gehen, da sie wenig Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen. Hysteriker sind bereit, jedes Risiko einzugehen, wenn es ihnen irgendeinen neuartigen Reiz verspricht; darin liegt aber auch ihre Verführbarkeit, da sie Versuchungen schwer widerstehen können. Sie scheuen das Notwendige und leugnen das Begrenzende, nicht zuletzt auch die Begrenztheit ihrer eigenen Möglichkeiten. Über die Konsequenzen eigenen Tuns mögen sie sich keine Klarheit verschaffen und neigen dazu, sich ihnen ideenreich zu entziehen. Pünktlichkeit und planvolles Handeln halten sie für kleinlich und überflüssig und sind auch für Kritik von außen eher immun. Ursachen für dieses Geltungsbedürfnis und diesen Drang nach Grenzerfahrung können neben der Vererbung auch in der Wirkung von Vorbildern in der Kindheit, aber auch Rivalitäten in der Familie begründet sein. Kränkungen ihres Selbstwertgefühls werden oft mit heftigen Reaktionen der Rache beantwortet. Hysterikern gelingt es eher selten, sich aus der Identifikation mit ihren Vorbildern oder aus der Rebellion gegen sie lösen zu können. Dies hindert sie an der Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Identität, so dass ihr Geltungsdrang im Extremfall narzißtische Züge annimmt.

Nachdem ich das Hörbuch zu Ende gehört hatte, war mir völlig klar, dass ich zur 4.Persönlichkeitsgruppe gehörte, denn alles traf zu 100 % auf mich zu. Jetzt wurde mir klar, warum es mir im Gegensatz zu anderen so schwer fiel, mich anzupassen oder unterzuordnen unter gesellschaftliche Konventionen, aber auch warum ich so einen Drang hatte, Neues auszuprobieren. War dies nicht auch die Ursache, warum ich mich im Christentum auf Dauer immer unwohler gefühlt habe? Vielleicht eignete ich mich charakterlich schon nicht für den Glauben, da ich mich nicht in eine Hierachie einzufügen vermag und auch nicht jahrelang die gleichen starren Regeln befolgen kann? Anderen gelingt dies schon deshalb viel besser, weil sie Angst haben vor Ausgrenzung haben („Depressive„) oder das Bedürfnis, das Vertraute zu bewahren, weil es ihrem Wunsch nach Stabilität entgegen kommt („Neurotiker„). Aber auch „Schizoide“ können ihr Bedürfnis nach Absonderung in bestimmten christlichen Sekten ausleben und ihre Not zur Tugend erklären, indem sie dies mit entsprechenden Bibelgeboten zur Absonderung rechtfertigen können. Aber für einen „Hysteriker“ wie mich ist einfach nirgendwo Platz im Christentum, denn Individualität und der Drang nach Wandel widersprechen einfach den Anforderungen von Gehorsam und Treue. Ich erinnerte mich an die Vorwürfe der Brüder: „Simon kommt jede Woche mit irgendetwas Neuem!“ Ich war für sie unberechenbar geworden, ein unzuverlässiger Eigenbrödler und eine Nervensäge. Auf Dauer wäre ich sicher immer nur ein Anstoß und Ärgernis für die Anderen geblieben, so dass es letztlich besser war, zu gehen.

Schwarzarbeit

Wenn man selber leichtfüßig, exzentrisch und risikofreudig ist, dann mag man auch Leute, die ebenso verrückt und chaotisch sind, wie man selber ist. Als im Frühjahr 2003 die Auftragslage wieder deutlich besser wurde, gab ich eine Stellenanzeige beim Arbeitsamt auf, dass ich einen gelernten Maler suchen würde. Es meldete sich u.a. ein junger Pole namens Piotr Hnidziuk (24), der reden konnte wie ein Wasserfall und irgendwie ziemlich komisch war. Er sagte, dass er zwar kein gelernter Maler sei, aber im Prinzip schon alles gemacht habe. Er brauche dringend Arbeit, habe aber keine Arbeitserlaubnis, da er Pole sei (Polen gehörte 2003 noch nicht zur EU). Ich entschied mich, ihn trotzdem zu nehmen. Erst zwei Wochen später, nachdem er bei mir angefangen hatte, bekannte mir Piotr, dass er noch nicht einmal eine gültige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hatte. Ich schimpfte mit ihm, dass er mir nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte, ließ ihn aber trotzdem für mich arbeiten, da ich das Risiko für überschaubar hielt.

Piotr war nicht der erste Schwarzarbeiter, dem ich vorübergehend Arbeit gab. Der erste war Walter Maul (ca. 35), ein Alkoholiker, dem vorne mehrere Zähne fehlten. Marco hatte ihn bei seinen Einsätzen als Streetworker für die Heilsarmee kennengelernt, und er half mir bei meinem Umzug. Allerdings war Walter infolge seines jahrelangen Alkoholkonsums etwas unterbelichtet, so dass ich mich schämte, ihn bei Kunden einzusetzen. Einmal schenkte ich ihm z.B. eine Deckenlampe, und Marco bot ihm netterweise an, diese in Walters Wohnung aufzuhängen. Dabei verursachte Marco jedoch einen Kurzschluss, den er nicht zu beheben wusste. Daraufhin bedrohte Walter den Marco (im halb angetrunkenen Zustand), dass er die Polizei rufen würde, wenn Marco ihm nicht den angerichteten Schaden wieder in Ordnung brächte.

Kurz darauf verlor Walter jedoch seine Wohnung und wohnte eine Zeit lang bei meinem Lehrling Sergej Eliseev. Eines Tages fuhr Walter stockbetrunken in der Straßenbahn und pöbelte die Ausländer mit rassistischen Sprüchen an. Als er dann plötzlich bei einer Fahrscheinkontrolle mal wieder als Schwarzfahrer erwischt wurde, verließ er frustriert die Bahn und torkelte zu Fuß zur Wohnung von Sergej. Dort angekommen schwadronierte er weiter mit Fäkalausdrücken über die Ausländer, so dass Sergej ihn zur Mäßigung aufrief, zumal auch er sich als Russe damit angesprochen fühlte. Daraufhin pöbelte Walter auch gegen die Russen und forderte ein ausländerfreies Deutschland. Das war für Sergej zu viel. Er stand auf, griff Walter am Arm und gab ihm zu verstehen, dass er ihn nicht länger in seiner Wohnung dulden würde und er sich woanders eine Unterkunft suchen solle. Walter griff daraufhin in seine Tasche und holte eine Dose Pfefferspray hervor, die er dem Sergej ins Gesicht sprühte. Als Walter kurz darauf hinausgeworfen wurde und im Treppenhaus landete, rief er sofort die Polizei. Zwei Polizisten kamen und ließen sich von Walter und Sergej nacheinander die Ursachen des Streits erklären. Daraufhin wurde Walter verhaftet, da der ungerechtfertigte Einsatz von Pfefferspray eine Körperverletzung darstelle.

Nicht alle Menschen haben die Gabe, ihre Anliegen durch simple Kommunikation zu vermitteln. Einer von diesen war mein Mitarbeiter Stefan Koch (33), der wegen seiner Schüchternheit so gut wie nie etwas sagte. Doch plötzlich erhielt ich einen Brief von einer Anwaltskanzlei. Man forderte mich darin auf, ihrem Mandanten Stefan Koch den noch ausstehenden restlichen Monatslohn vom Vormonat zu bezahlen. Ich ging daraufhin zu Stefan und sagte, dass es mir leid täte, dies vergessen zu haben, aber dass er doch deshalb nicht gleich einen Anwalt einschalten müsse. Er zuckte nur mit den Schultern, sagte aber nichts. Ich überwies ihm das Geld. Doch einen Monat später erhielt ich schon wieder Post von seinem Anwalt. Diesmal erinnerte man mich daran, dass ich das zusätzliche Weihnachtsgeld für Stefan auch noch nicht überwiesen hätte. Ich rief Stefan an, aber als ich ihn bat, er solle in Zukunft einfach direkt mit MIR reden und nicht jedes Mal gleich seinen Anwalt einschalten, legte er einfach auf. Dann fuhr ich zu seiner Baustelle, aber er war auf einmal abgehauen. Ich rief ihn noch einmal an und schimpfte mit ihm, dass er einfach ohne Erlaubnis die Baustelle verlassen habe. Daraufhin legte er wieder auf. Ich rief ihn wieder an und drohte ihm mit Kündigung, wenn er noch einmal auflege. Doch bevor ich ihm noch mehr sagen konnte, hatte er schon wieder aufgelegt und sein Handy dann ausgeschaltet. Stefan wollte offensichtlich, dass ich ihn kündigen sollte, und ich tat es.

Im Mai erhielten wir plötzlich Besuch von den Schwarzarbeitskontrolleuren, und zwar ausgerechnet auf der Baustelle, wo Piotr ganz alleine am Arbeiten war. Wahrscheinlich hatten Nachbarn einen Verdacht geschöpft und das Arbeitsamt alarmiert, weil Piotr nicht mit weißer Latzhose am Streichen der Fassade war, sondern nur einen sog. „Blaumann“ anhatte. Piotr sah die Beamten oben vom Gerüst aus, als sie aus dem Wagen stiegen und ging schnell auf die andere Gebäudeseite. Doch sie hatten ihn schon gesehen und liefen auf das Grundstück. Piotr kletterte hinter dem Haus schnell vom Gerüst herunter, sprang über die Hecke auf ein Nachbargrundstück und versteckte sich dort bis die Luft rein war. Er war um Haaresbreite einer Verhaftung entgangen.

Als Piotr mich dann anrief und mir erzählte, was passiert war, geriet ich in Panik; aber ich kam dennoch nicht auf die Idee, das „Arbeitsverhältnis“ mit Piotr unverzüglich zu beenden (zumal er ja auch mich „gerettet“ hatte und ich ihm zu Dank verpflichtet war), sondern ließ ihn fortan nur auf Baustellen im Innenbereich arbeiten. An die Fassade hingegen schickte ich am nächsten Tag meinen Mitarbeiter Paul Rauner, weil ich befürchtete, dass die wiederkommen könnten. Und tatsächlich berichtete mir Paul später, dass die Kontrolleure wiederkamen und seinen Sozialversicherungsausweis verlangten. Da er diesen nicht dabei hatte, nahmen sie ihn mit und fuhren mit ihm zu seiner Wohnung, wo er diesen zusammen mit seinen Lohnabrechnungen vorlegen musste. Dadurch hatte sich die Sache dann für die Kontrolleure erledigt.

 

Juli – Dezember 2003

Meine Diplomarbeit

Der Sommer 2003 war ungewöhnlich heiß. Ich erinnere mich, dass ich in Findorff im Auto fuhr und auf dem Thermometer 39˚C sah. Es waren wohl die ersten Anzeichen des Klimawandels, von dem damals noch niemand redete, da das Thema noch völlig unbekannt war. Einer der ersten, der schon 2006 damit an die Öffentlichkeit ging war der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore, der im Jahr 2000 gegen seinen Konkurrenten George Bush jr. bei den Wahlen knapp unterlegen war. Sein Buch hieß: „Die unbequeme Wahrheit“ und wurde später auch verfilmt.

Auch ich sollte im Sommer 2003 etwas schreiben, und zwar meine Diplomarbeit zum Abschluss meines Teizeitstudiums in Betriebswirtschaftslehre. Hierbei konnten wir uns aus allen BWL-Fächern ein beliebiges Thema wählen, über dass wir dann auf etwa 20 Seiten ein ausführliches Referat schreiben und später mündlich vortragen sollten. Da die BWL-Fächer z.T. ziemlich trocken und langweilig sind (z.B. Arbeitsorganisation oder Bilanzanalyse), wählte ich das Fach Marketing und schrieb eine Hausarbeit mit dem Titel „Privatkundenorientierte Werbung durch Handzettel“. Als ehemaliger Missionar lag mir das Thema „Werbung“ ja ohnehin am Herzen und ich hatte ja bisher selber gute Erfahrungen gemacht mit der Handzettelwerbung an die Briefkästen.

Es ging nur darum, zu begründen, warum Handzettel auch in der Zeit des Internets immer noch ein geeignetes Werbemittel waren und wie man Kunden besonders mit vorübergehenden Preisaktionen locken konnte. Ich selber begründete auf meinem Handzettel den Preisnachlass ja damit, dass ich mich gerade erst selbstständig gemacht hatte, so dass der Kunde schnell einsehen konnte, dass es mir bei der Preissenkung um Bekanntheit im Markt und Kundenbindung ging, so dass sie keinen Grund hatten zum Misstrauen. Dass ich die Preisnachlässe jedoch an Beispielen auf meinem Handzettel veranschaulichte, war schon eine ziemlich originelle Idee, die ich bisher noch auf keinem Werbeflyer von anderen Handwerkern gesehen hatte.

Ich schrieb damals:

Gute Ideen sind meistens gar nicht so verrückt, wie man meint. Sie sind für gewöhnlich simpel und naheliegend. Häufig kommen sie einfach schon bei der Beseitigung von Denkblockaden zustande. So war auch meine Idee nicht gerade weltbewegend, aber scheinbar doch recht erfolgreich:

Mir fiel auf, dass es scheinbar in allen Branchen eine gewisse Preistransparenz gibt, nur nicht gerade im Bauhandwerk. Reisebüros z.B. kleben ihre Schaufenster voll mit Billigflugangeboten. Auch Kaufhäuser und Baumärkte, ja überall wo man hinschaut findet man Preisaushänge, nur im Bauhandwerk herrscht noch immer eisernes Schweigen, nach dem Motto: „Über Geld reden wir nicht!“ Diese Gewohnheit stammt möglicherweise noch aus der Zeit der mittelalterlichen Zünfte, wo die einzelnen Bauhandwerker sich unter Todesandrohung zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet hatten. Ein anderer Grund könnte auch darin bestehen, dass viele Handwerksmeister nicht in der Lage sind, eine vernünftige Kalkulation zustande zu bringen, sondern stattdessen ihre Einheitswerte unreflektiert von ihren Vorgängern übernommen haben. Kein Wunder, dass es deshalb bei der Einholung von Vergleichsangeboten häufig geschieht, dass für eine und dieselbe Leistung Preisunterschiede von z.T. über 100 % resultieren können! Wenn dann mal ein junger Meister wirklich mit spitzem Bleistift daherkommt und den tatsächlichen Aufwand genau errechnet, dann folgt sogleich die bierselige Phrase: „Der macht ja unsere Preise kaputt!“

Meine Idee war also, dem Kunden gegenüber von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Ich wollte ihn nicht in die peinliche Situation bringen, dass er sich mit völlig unrealistischen Preisvorstellungen an mich wenden muss, um zaghaft auszukundschaften, ob er sich einen Meisterbetrieb überhaupt leisten kann. Diese Offenheit hat zum anderen ja auch für mich den Vorteil, dass ich mir nicht mehr von geizigen Verbrauchern die Zeit stehlen lassen brauche, die „sich nur mal so informieren wollten“…

Mir war von Anfang an klar, dass ich unterdurchschnittliche Preise nur dann als taugliches Werbemittel verwenden kann, wenn sich durch diese zumindest noch meine variablen und meine Fixkosten decken ließen. Wie hoch der Fixkostenzuschlag insgesamt ausfällt, lässt sich natürlich erst nach einem Jahr exakt berechnen und kann bei Existenzgründern zunächst nur geschätzt werden. […]

Ohne hier als ‚Nestbeschmutzer‘ angesehen zu werden, möchte ich an dieser Stelle nur einmal selbstkritisch feststellen, dass viele Malerbetriebe bei einigen Leistungen schon längst die Bodenhaftung verloren haben, indem sie diese völlig überteuert anbieten.

Besonders gravierend wird dies deutlich bei den Preisen für Fassadenanstriche: 1 m² Fassade zu streichen dauert eigentlich nur wenige Sekunden, doch man muss natürlich auch sämtliche andere damit verbundene Arbeiten und die Materialkosten auf den Quadratmeter-Preis umlegen, um zu einem realistischen Preis zu kommen. Das Preisberechnungsbuch des Malerhandwerks hat einen Aufwand von durchschnittlich 15 Minuten ermittelt für den gesamten Anstrich Aufbau – pro Quadratmeter. Bei einem Stundenverrechnungssatz von durchschnittlich 32,50 € pro Stunde für einen Malergesellen im Lande Bremen (Stand 2003!) und einer Materialkostenumlage von durchschnittlich 2,- €/ qm ergibt dies Preis/qm für Fassadenanstriche von ca. 10,- €. Tatsache ist jedoch, dass viele meiner Mitbewerber Preise von 15 € oder sogar mehr in Rechnung stellen. Und genau hier sah ich meine Chance!

Nachdem wir unsere ersten Fassaden gestrichen hatten, stellte ich erfreut fest, dass ich bei dem für mich selbst errechneten Angebotspreis von 7,50 € /qm immer noch ausgesprochen gut verdienen konnte und damit weit billiger war als meine Mitbewerber, die ich regelmäßig aus dem Rennen schicken konnte. Ein Beispiel: eine Fassade von zum Beispiel 200 m² konnte ich mit meinen beiden Lehrlingen an drei Tagen streichen für 1.500 € netto abzüglich der Materialkosten von circa 300 € blieb eine Wertschöpfung von 1.200 €, d.h. 400 € am Tag, abzüglich der geringfügigen Personalkosten (2 Lehrlinge) von maximal 100 € verblieb mir immer noch ein ansehnlicher Deckungsbeitrag von 300 € pro Tag. Nicht schlecht für den Anfang! Während ich dem Kunden also 1500 € zzgl. 16 % Mehrwertsteuer, also 1.740 € in Rechnung stellte, kamen meine Mitbewerber nicht selten auf Preise von 3000 € oder sogar 5.000 €. Diese Diskrepanz habe ich dann genutzt um sie in meinem Handzettel als Verkaufsargument zu nutzen: „Fassadenanstriche zum halben Preis!“ Die Reaktion der Kunden ließ nicht lange auf sich warten: ständig klingelte das Telefon, den ganzen Sommer über, wir hatten einen Auftrag nach dem anderen, auf einen Schlag war ich im Geschäft!

[…]  Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass ich durch den Handzettel in gewissen Maße auch die „Spreu vom Weizen trennen“ kann. Die Kunden, die ich erreichen möchte, gehen nicht unbedingt ins Internet, wenn sie einen Maler suchen. Es sind meistens eben gerade Rentner, die überhaupt nichts mehr „suchen“ bzw. erreichen wollen, weil sie schon alles haben. Sie sitzen morgens um 9:00 Uhr am Frühstückstisch und studieren aufmerksam ihre Tageszeitung. Und weil sie so viel Zeit haben, schauen sie sich auch noch die Werbebeilagen an, um zu überprüfen, ob es irgendein interessantes Angebot gibt. Und dann finden sie plötzlich einen Zettel, wo ein junger Mann auf seine Betriebsgründung aufmerksam macht, und schon wird Ihnen ganz warm ums Herz. Sie erinnern sich an ihre große Zeit, als sie noch jung waren und noch kämpfen mussten um ihre kleine Familie. Oder Sie müssen an ihre Erwachsenen Kinder oder gar Enkelkinder denken, die sich vielleicht auch gerade selbstständig gemacht haben und deshalb auch die Erfahrung machen mussten, wie schwierig es ist in der heutigen Zeit. Wie viele ältere Kunden haben schon zu mir gesagt: „Sowas, was sie machen, das muss man ja wirklich unterstützen!“ .“

 Zu meiner großen Freude, erhielt ich für meine Hausarbeit die Note „gut“. In den anderen Fächern waren meine Noten nicht immer ganz so gut:

  • Betriebsorganisation                                                       befriedigend

  • Bilanzanalyse                                                                  befriedigend

  • Vertragsrecht                                                                   befriedigend

  • Volkswirtschaft                                                                gut

  • Marketing                                                                        sehr gut

  • Arbeitssicherheit                                                             gut

  • Arbeitsrecht                                                                     befriedigend

  • Arbeitsvorbereitung                                                         ausreichend

  • Kostenrechnung und Kalkulation                                    ausreichend

  • Mitarbeiterführung                                                           befriedigend

  • Steuern/ Sozialversicherungsfragen                               sehr gut

  • Zeitwirtschaft                                                                  ausreichend

  • Finanzierung                                                                  gut

  • Persönlichkeitsentwicklung                                            sehr gut

  • Verkaufstechnik                                                              befriedigend

  • Mitarbeiterauswahl befriedigend Steuerrecht                 befriedigend

  • Rechtliche Gestaltung des Betriebes                             befriedigend

  • Controlling                                                                      befriedigend

  • Betriebsplanung                                                             ausreichend

  • Materialwirtschaft                                                           gut

  • Rhetorik                                                                          sehr gut

Insgesamt hatte ich mit 78,5 Punkten eine befriedigende Note.

Im Sommer erhielt auch mein Lehrling Patrick Müncher die Ergebnisse seiner Zwischenprüfung:

Praktisch: 2                        Theorie: 4

Er hatte sich also ziemlich gut entwickelt und brachte auf den Baustellen eine anständige Leistung. Da ein Auszubildender deutlich weniger Kosten verursacht, entschied ich mich, noch einen weiteren Lehrling zu nehmen. Die Handwerkskammer nahm zwar meine Stellenanzeige an, forderte jedoch von mir, dass ich dann auch noch einen weiteren Gesellen einstellen müsste, da ich ja bereits 3 Lehrlinge hatte und nur einen Gesellen. Ich stellte also einen russlanddeutschen Gesellen namens Leonid Albrecht (23) ein. Und bekam dann von Arbeitsamt einen palästinensischen jungen Mann namens Fadi Shoushari (21) vermittelt der mit 10 Jahren nach Deutschland gekommen war und dem die Abschiebung nach Syrien drohte, wenn er nicht kurzfristig einen Ausbildungsplatz gefunden hätte. Fadi war ein sehr guter Lehrling und wurde später einer meiner besten Mitarbeiter.

Die Meistergründungsprämie

Im Spätsommer 2003 fand ich in der Beilage der Handwerkszeitung einen Flyer vom Bremer Senator für Wirtschaft und Häfen, der zu einem jährlich ausgeschriebenen Wettbewerb einlud, bei dem es eine sog. „Meistergründungsprämie“ in Höhe von 5.000,- € zu gewinnen gab. Handwerksmeister aus Bremen, die sich im Vorjahr selbstständig gemacht hatten, sollten ihr individuelles Unternehmenskonzept einreichen, mit dem sie am Markt erfolgreich gewesen sind. Eine Expertenjury würde die eingereichten Beiträge dann unter den Förderkriterien nach innovativen Ideen bewerten in den Bereichen Produktionsabläufe, Marketingkonzepte oder innerbetriebliche Strukturen. Ziel des Wettbewerbs war es, die Gründungspotenziale im Handwerk zu aktivieren, den Erwerb des Meistertitels als Qualitätsmerkmal herauszustellen und den Generationenwechsel voranzutreiben.

Grundvoraussetzung zur Teilnahme war, dass man sich mit seinem Meistertitel im Vorjahr selbständig gemacht haben musste. Ich dachte zuerst: „Schade! Wenn ich das eher gewusst hätte, dann hätte ich auf jeden Fall daran teilgenommen; aber ich bin ja jetzt schon seit 5 Jahren selbstständig und scheide deshalb von der Teilnahme aus.“ Doch dann fiel mir ein, dass ich ja im Lande Bremen tatsächlich erst seit einem Jahr selbstständig bin, und dass ich schon vorher mal in Niedersachsen selbstständig war, musste ja niemand wissen! Ich war wie elektrisiert, denn die 5.000,- € Gewinnerprämie konnte ich gut gebrauchen, um mir endlich mal einen neuen Firmenwagen zu leisten. Ich las mir noch mal die geforderten Inhalte des Unternehmenskonzeptes vor und überlegte, was ich schreiben könnte. Doch dann fiel es mir wie ein Geistesblitz ein: „Ich nehme einfach meine Diplomarbeit über den Handzettel als Werbe-Erfolgsgeheimnis und kürze den Text etwas, dann habe ich ja schon mein innovatives Erfolgsrezept!“ Ich freute mich über diesen genialen Einfall und kürzte meinen 20-Seiten-Text auf die 3 vorgeschriebenen Seiten und reichte ihn kurz vor Einsendeschluss ein.

Zwei Monate später erfuhr ich dann die sensationelle Nachricht per Post: ICH HATTE GEWONNEN! Genau genommen gehörte ich zu den 5 Gewinnern, die alle im Rahmen einer Festveranstaltung im September ihren Scheck über 5.000,- € erhalten sollten. Zu dem von der Sparkasse in Bremen veranstalteten traditionellen „Mahl des Handwerks“ waren viele Gäste aus Politik und Wirtschaft geladen, also Vertreter des Senats und der Handwerkskammer, sowie Professoren und Politiker, die zunächst einen Vortrag hielten zum Thema „Wird Deutschland die Wachstumsschwäche überwinden?“ Vor Beginn des großen Bufets überreichte dann der Bremer Bürgermeister und Wirtschaftssenator Hartmut Perschau (CDU) an uns die Urkunden mit den Schecks und gratulierte uns. Da wir selber auch eine kurze Rede halten sollten, bedankte ich mich für den Preis und wies darauf hin, dass die Lehrlinge im Handwerk mehr Geld bekommen sollten, um den Handwerksberuf attraktiver zu machen. Auch der Bremer Weser Kurier und andere Pressevertreter nahmen an der Veranstaltung teil, so dass ich zum ersten Mal auch in der Zeitung stand mit einem großen Foto. Von dem Geld kaufte ich mir einen gebrauchten Opel Combo (Kastenwagen) und ließ ihn mit meinen Firmendaten beschriften. Auch ließ ich mir Briefpapier mit meinem eigenen Logo anfertigen und Visitenkarten. Ich wollte endlich ein ernst zu nehmender Malereibetrieb in Bremen werden.

Der Fall Petersen (Teil 2)

Inzwischen war der Termin am Landgericht Westerstede gekommen, weil Herr Petersen ja Berufung eingelegt hatte gegen das Urteil, dass ihn zur vollständigen Zahlung meines Werklohns in Höhe von 2.673,75 € verurteilt. Ich wunderte mich, warum er überhaupt in Berufung gegangen war, denn der Fall war doch eigentlich so eindeutig. Doch als wir im Gerichtssaal Platz nahmen, sagte der vorsitzende Richter Kramarz schon vor Beginn der Verhandlung auf einmal: „Ach, Herr Petersen, so bald sieht man sich wieder!“ Herr Petersen sagte: „Was soll das denn heißen!? Bin ich jetzt etwa vorverurteilt?“ Dann wandte er sich an seinen Anwalt Zimmermann und fragte ihn, ob er den Richter vielleicht wegen Befangenheit ablehnen sollte. „Nun mal halblang, Herr Petersen!“ sagte der Richter. „Ich habe doch lediglich festgestellt, dass wir uns doch vor Kurzem erst gesehen haben.“ Sein Anwalt flüsterte ihm dann etwas zu, was ich nicht verstand. Dann ging die Verhandlung los, indem unsere Namen verlesen und die Anträge der Streitparteien bestätigt wurden.

Doch dann kam plötzlich eine große Überraschung: Herr Petersen stand auf, holte aus seiner Hosentasche ein Bündel mit Geldscheinen hervor und sagte zu mir: „Herr Poppe, ich habe hier 500,- € in bar für Sie mitgebracht und mache Ihnen einen Vorschlag: Ich ziehe den Berufungsantrag zurück und gebe Ihnen das Geld hier, und dann ist der Fall erledigt. Was halten Sie davon?“ Ich dachte, dass er mich wohl auf den Arm nehmen will und schaute zum Richter. Dieser lächelte mich an und sagte mit ruhiger Stimme: „Überlegen Sie sich das, Herr Poppe. Also ich hätte das Angebot ruhig angenommen.“ Jetzt war ich total verwirrt. Was wollte mir der Richter hier zu verstehen geben? Etwa dass ich den Prozess sonst verlieren würde? Aber das konnte doch gar nicht sein, denn der Fall war doch sonnenklar! Ich schaute zu meinem Anwalt und dieser sagte zum Richter: „Ich würde mich mal eben mit meinem Mandanten vor der Tür unterreden.“ – Wir gingen dann raus und Herr Peiler sagte: „Also, Herr Poppe, wenn Sie dieses Vergleichsangebot annehmen, dann haben Sie mit sauren Zitronen gehandelt! Stellen Sie sich nur mal vor, was auch noch alles an Kosten auf Sie zukommen wird, denn bei einem Vergleich müssen Sie ja die Hälfte aller Anwalts- und Gerichtskosten zusätzlich bezahlen!“ – „Wie kommen Sie darauf, dass ich dem Vergleich zustimmen würde? Auf keinen Fall! Warum sollte ich!?“ – Wir gingen wieder rein und gaben meine Entscheidung bekannt. Nach weiteren zähen Verhandlungen wurde Herr Petersen schließlich zur Zahlung des gesamten Betrages verurteilt.

Doch damit war der Fall leider noch längst nicht erledigt, denn Herr Petersen zahlte nichts. Als dann die Vollstreckung beantragt wurde, teilte mir mein Anwalt mit, dass Herr Petersen einen Offenbarungseid geleistet hatte. Jetzt wurde mir plötzlich klar, warum der Richter diese merkwürdige Andeutung gemacht hatte! Er wollte mich warnen, weil er schon wusste, dass Herr Petersen pleite war, mir es aber nicht sagen durfte! Ich rief meinen Anwalt an, um zu fragen, was ich jetzt noch machen könnte. „Nichts mehr, Herr Poppe. Es tut mir leid, aber diese Forderung müssen Sie jetzt wohl als uneinbringlich abschreiben. Das ist sicherlich sehr bedauerlich, aber da kann man leider nichts machen. Ihr Titel ist aber 30 Jahre gültig, und vielleicht können Sie den Betrag ja irgendwann in ein paar Jahren eintreiben.“ Ich dachte: „So eine Sauerei! Und jetzt ist er auch noch in Berufung gegangen und hat noch mehr Kosten produziert!“ Ich fuhr mit bedrückter Stimmung nach Hause. Herr Peiler hatte mir alle Unterlagen mitgegeben, auch die vom Gerichtsvollzieher, weil der Fall ja jetzt erledigt war.

Ich blätterte in der Eidesstattlichen Erklärung und las die Fragen über die Vermögensverhältnisse, die Herr Petersen alle mit „Nein“ angekreuzt hatte: „Verfügen Sie über einen Pkw?“ – „Nein“ – „Haben Sie innerhalb des letzen Jahres, vor dem ersten zur Abgabe der Eidesstattlichen Versicherung anberaumten Termin Gegenstände an eine der nachgenannten Personen entgeltlich veräußert?“ Auch hier hatte Herr Petersen einfach mit „Nein“ angekreuzt. „Aber das stimmt doch gar nicht!“ dachte ich. „Wer soll das denn glauben, dass er als Firmenchef schon seit längerem keine Autos mehr besitzt! Da war doch ein ganzer Fuhrpark mit Firmenfahrzeugen. Hat er die etwa alle auf den Namen seiner Frau umgeschrieben? Außerdem wohnten da doch auch Mieter im hinteren Teil des Gebäudes. Also wird er doch Mieteinnahmen haben! Was soll das also?“ Ich dachte, dass ich jetzt einfach mal Detektiv spielen müsse, um herauszufinden, ob er wirklich kein Einkommen mehr besitzt. „Aber selbst wenn er gelogen hat, dann würde er vielleicht eine Strafe bekommen, aber ich würde mein Geld trotzdem nie wiedersehen. Aber, was soll’s! Der Typ darf nicht so ungeschoren davonkommen!“

Ich fuhr an einem Freitagnachmittag nach Feierabend noch einmal nach Rastede und fotografierte heimlich die Wagen mit ihren Autokennzeichen. Dann ging ich zum Hauseingang des Gebäudes und fotografierte die Klingelschilder. Dann rief ich bei den Mietern an und fragte sie, wer ihr Vermieter sei. Auch fragte ich bei der Polizei nach den Haltern der Fahrzeuge (man wollte mir jedoch keine Auskunft geben). Dann schrieb ich eine Strafanzeige gegen Herrn Petersen wegen einer falschen Eidesstattlichen Versicherung und wegen Kreditbetrug (denn er war ja schon pleite, bevor er mich beauftragt hatte). Ein paar Monate später erhielt ich Post vo Gericht. Die Staatsanwaltschaft hatte mich im Fall Petersen zum Zeugen geladen, denn man hatte inzwischen meine Angaben überprüft und festgestellt, dass Herr Petersen beim Ausfüllen der Eidesstattlichen Versicherung tatsächlich gelogen hatte.

Ich wartete zwei Stunden vor der Tür des Verhandlungssaals bis ich hereingerufen wurde. Die Richterin sagte mir: „Herr Poppe, Sie brauchen nicht mehr aussagen, denn wir haben inzwischen mit Herrn Petersen eine Vereinbarung getroffen. Wir hatten ihn vor die Wahl gestellt, ob er lieber verurteilt werden will zu einer Geldstrafe und dann als ‚vorbestraft‘ gelte, oder ob er lieber Ihnen den Betrag von 2.673,75 € in monatlichen Raten von 150,-€ bezahlen wolle, um einer Verurteilung zu entgehen. Er hat sich für das Zweite entschieden. Sie werden also von Herrn Petersen den Rechnungsbetrag in Raten bezahlt bekommen, und sobald er mit einer Zahlung in Verzug gerät, teilen Sie uns dies bitte mit. Denn sollte Herr Petersen irgendwann nicht mehr weiter zahlen, gilt diese Vereinbarung als nichtig und Herr Petersen würde am Ende doch verurteilt werden.“ – Ich war überglücklich. Wer hätte das gedacht, dass ich am Ende doch noch mein Geld erhalten sollte! Was für eine Demütigung für den arroganten Herrn Petersen, dass er jetzt vom Gericht zur Zahlung genötigt wurde!

Und tatsächlich erhielt ich dann in den folgenden zwei Jahren den offenen Rechnungsbetrag in Raten überwiesen, wenn auch unregelmäßig. Als ich irgendwann alles erhalten hatte, rief ich meinen alten Anwalt Herrn Peiler aus Delmenhorst an: „Hallo Herr Peiler, erinnern Sie sich noch an den Fall Petersen, wo Sie mir damals sagten, dass da nichts zu machen sei? Stellen Sie sich mal vor, dass ich jetzt doch mein ganzes Geld von ihm bekommen habe!“ – „Tatsächlich? Wie haben Sie das denn angestellt?“ fragte er. Und dann erzählte ich ihm die Geschichte, wie ich Detektiv gespielt hatte und am Ende von der Richterin meinen Lohn zugesprochen bekam. Da war er ziemlich verblüfft.

 

 

 

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