Juli – September 2023
Eine Zigeunerfamilie wird wie der letzte Dreck behandelt
An einem Tag berichtete der kolumbianische Bruder David uns beim Hauskreis, dass er sich auf dem Parkplatz vorm Lidl mit einer Frau über den Glauben unterhalten hätte. Alexandrina (36) war eine Zigeunerin aus Rumänien, sprach aber sehr gut Spanisch, da sie und ihre Familie zehn Jahre lang in Spanien gelebt hatten. David lud sie ein zu unserem Hauskreis, und sie kam dann tatsächlich, da sie auf der Suche nach Gott sei. Sie erzählte uns, dass sie und ihr Ehemann Tezaur (38) sich bisher wegen ihrer Armut mit Gelegenheitsjobs, Betteln und Diebstahl über Wasser gehalten hätten, sie aber nun ein neues Leben beginnen wolle. Ihr sei klar geworden, dass sie nun als Christin nicht mehr stehlen oder betteln dürfe und wünschte sich, dass auch ihr Mann gläubig werde, damit er von nun an ein Vorbild für die Kinder werde. Am darauffolgenden Freitag brachte sie Tezaur mit und wir erklärten auch ihm das Evangelium. Er bat uns, dass wir ihn einfach bei seinem Nachnamen Bujor nennen könnten, da dieser leichter auszusprechen sei. Bujor war noch dicker als seine Frau, hatte eine braune Haut und eine väterliche Art. Zu Alexandrinas Freude wollte auch Bujor nun den Weg mit dem HErrn Jesus gehen. Deshalb verabredeten wir uns am nächsten Wochenende und tauften die beiden in der Weser.
Bujor erzählte mir, dass er im Januar seine Arbeit verloren hatte und deshalb seine Miete nicht mehr bezahlen konnte. Das Jobcenter verzögerte jedoch monatelang die Leistungen für die Familie, so dass der pakistanische Vermieter ihn kündigte und sogleich eine Räumungsklage einreichte, da er die Frist zur Räumung verstreichen ließ. Die Zwangsräumung der Wohnung erfolgte nun Ende Juli. Erst im Juni hatte das Jobcenter dem Bujor nicht nur die ausstehenden Leistungen nachgezahlt, sondern auch noch knapp 8.000 Euro an den Vermieter inkl. Anwaltskosten. Doch Bujor brauchte nun dringend ein neues Zuhause für sich und seine Familie, weshalb er mich um Hilfe bat. Ich rief bei sämtlichen Wohnungsverwaltungen und Vermietern an, die inseriert hatten, aber keiner war bereit, die Familie bei sich wohnen zu lassen. Da erinnerte ich mich an die Worte der Außenministerin Annalena Baerbock, die ja mal gepostet hatte: „Wir haben Platz!“ und rief kurzerhand die „Grünen“ an, ob sie denn für diese Familie einen Platz besorgen könnten. Deren Parteizentrale in Bremen war mit diesem Anliegen jedoch überfordert und konnte mir nicht helfen. Doch dann ergab sich eine unverhoffte Lösung: Da die Kündigung vom Jobcenter verursacht wurde, brachte die Stadt Bremen die 6-köpfige Familie erstmal vorübergehend in eine kleine Pension in der Inselstraße 49 unter. Als ich Bujor dort besuchte, war ich schockiert darüber, dass die Familie dort lediglich ein Dachzimmer ohne Möbel bekam. Man hatte ihnen nur vier Matratzen hineingelegt, weiter nichts. Da das Zimmer noch nicht mal einen Schrank hatte, lagerten sie ihre Wäsche in Plastiktüten in einer Ecke. Sie hatten weder Tisch noch Stühle bekommen, so dass sie auf den Matratzen essen mussten, und ohne Herd konnten sie sich noch nicht einmal ein Essen warm machen. Ich fragte Bujor, wie viel die Stadt Bremen denn für dieses erbärmliche Pensionszimmer zahlen müsse. Bujor zeigte mir den Mietvertrag, und ich konnte es nicht fassen: 9.000,00 Euro pro Monat! Der Vermieter berechnete es wie folgt: 50,- Euro/pro Tag /pro Person = 50 x 30 x 6 = 9000,- Euro. Wenn die Stadt Bremen so verschwenderisch mit ihren Steuergeldern umgeht, dann ist es kein Wunder, dass Bremen das ärmste Bundesland ist!
Bujor fand jedoch schon bald einen neuen Job bei HelloFresh in Verden. Und Gott schenkte ihm auch eine rumänisch-sprachige Gemeinde in Bremen, wo er von nun an immer mit seiner Familie hinging und wo auch ich einmal predigen durfte. Doch dann kam das nächste Unglück über Bujor: Sein alter Vermieter hatte ihn verklagt auf Schadenersatz, weil er beim Verlassen der Wohnung diese angeblich in einem desolaten Zustand zurückgelassen habe. Bujor erzählte mir, dass diese Wohnung schon von Anfang an verschimmelt war und völlig heruntergekommen, weshalb der Vermieter sie immer nur an Sinti und Roma-Familien vermiete, die wohl aus seiner Sicht weniger Anspruch hatten und nichts Besseres brauchten. Da sie schon überall gefragt hatten und niemand sie nehmen wollte, erklärten sie sich im Januar 2020 dazu bereit, diese Schrottwohnung in diesem Zustand zu übernehmen. Bujor renovierte die Wohnung auf eigene Kosten, indem er den Schimmel einfach überstrich. Doch schon nach einem Jahr sah die Wohnung wieder genauso schäbig aus wie vorher. Nachdem sie nun ausgezogen waren, wollte der Vermieter Herr Janjuar die Wohnung von Grund auf mal renovieren lassen inkl. neuer Tapeten und neuem Fußbodenbelag. Und da er sah, dass Bujor sich auch nicht gegen die Kündigung und Zwangsräumung zur Wehr setzte, dachte er wohl, dass er auch die Renovierung von Bujor geschenkt bekommen würde.
Ich bot Bujor meine Hilfe an, indem ich dem Vermieteranwalt schrieb und den Anspruch zurückwies, da die Wohnung schon vorher so schäbig aussah und der Mietvertrag keine Grundrenovierung nach dem Auszug vorsah. Leider hatte Bujor beim Einzug unterschrieben, dass die Wohnung in einem guten Zustand sei, wobei er das Übergabeprotokoll gar nicht verstehen konnte, da er noch kein Deutsch sprach. Der Anwalt aber bestand auf die Zahlungspflicht und drohte mit einer Klage. Daher sprach ich mit Herrn Lindemann, meinem Anwalt, ob er den Fall von Bujor übernehmen könne. Da sich Bujor gar nicht selbst einen Anwalt leisten konnte, beantragten wir Verfahrenskostenhilfe. Als es dann Monate später zur Gerichtsverhandlung kam, sagte mein Anwalt: „Über was verhandeln wir hier eigentlich? Selbst wenn Herr Bujor tatsächlich zur Zahlung verpflichtet wäre, könnte er ohnehin die 7.800 Euro für die Renovierung gar nicht zahlen, da er völlig mittellos ist. Mit dem wenigen Geld, das er verdient, kann er noch nicht einmal seine große Familie über Wasser halten. Den ganzen Prozess hätte man sich doch eigentlich sparen können!“ Daraufhin fragte der gegnerische Anwalt die Richterin, ob sie dies auch bestätigen könne. Sie sagte, dass sie durch die Kontoauszüge für den Prozesskostenhilfeantrag Einblick hatte in die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse und daher bestätigen könne, dass es so sei. Daraufhin besprach sich der Anwalt flüsternd mit seinem Mandanten und erklärte dann, dass Herr Janjuar unter diesen Voraussetzungen bereit sei, die Klage wieder zurückzuziehen. Bujor brauchte also nichts mehr bezahlen.
Als wir uns auf dem Flur vom Gericht die Jacken anzogen, bat mich der Vermieter, den Bujors zu übersetzen, dass er nur deshalb die Klage zurückgezogen habe, weil er die kleinen Kinder der Familie sah und sie nicht unnötig belasten wolle, da sie schon genug an Lasten zu tragen hätten. Nun bat mich Alexandrina, ihm zu sagen, dass dies doch Heuchelei sei, da er doch von Anfang an wusste, dass sie arm seien und kleine Kinder haben und trotzdem keine Skrupel hatte, sie einfach auf die Straße zu setzen. Mit aufgeregter Stimme ließ Alexandrina ihre ganze Empörung freien Lauf: „Und selbst das hat Ihnen noch nicht gereicht, sondern sie wollten auch noch so viel Geld von uns haben, obwohl sie reich genug sind, um die Wohnung auf eigene Kosten zu renovieren. Sie haben uns eingeschüchtert und vor Gericht gezerrt, aber unser Gott hat dies alles gesehen und uns beschützt. Eines Tages aber werden SIE vor Gericht gebracht und von unserem HErrn Jesus Christus verurteilt wegen all ihrer Habsucht!“ Herr Janjuar erwiderte mit ruhiger Stimme: „Lassen Sie, Herr Poppe! das brauchen Sie mir nicht übersetzen, denn ich ahne schon, was sie mir sagen will. Aber bitte sagen Sie ihr, dass auch ich an Gott glaube und zu Ihm bete, und ich bin mir auch als Muslim bewusst, dass wir alle einmal vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.“
Christine stirbt und Marcus erlebt ein Dauertrauma
Inzwischen ging es Christine körperlich so schlecht, dass sie kaum noch etwas zu sich nahm und stark abmagerte. Geistlich aber war sie stark und tapfer in der Vorfreude, bald beim HErrn Jesus zu sein. Doch dann forderte der Pflegedienst, dass sie unbedingt bestimmte Tabletten zu sich nehmen müsse wegen der Schmerzen, aber Marcus und Christine weigerten sich, da sie diese nicht vertrug. Der Pflegedienst drohte ihnen, dass er andernfalls nicht mehr kommen würde, wenn sie weiterhin so wenig kooperieren würden. Da lächelte Christine milde, nahm die Hand der Pflegekraft, legte die Tabletten hinein und sagte: „Ich danke Ihnen für alle Hilfe bis hierher. Aber von nun an ist Ihre Aufgabe beendet, denn ich vertraue ganz auf Gottes Hilfe, dass Er mich auch ohne Ihre Tabletten mit allem versorgen wird. Ich freu mich, dass es jetzt schon bald nach Haus geht.“ Ende Juli konnte Christine jedoch nicht mehr zuhause versorgt werden, sondern wurde in ein Hospiz gebracht. Sie konnte wegen der starken Schmerzmittel nicht mehr sprechen und war die meiste Zeit in einem Dämmerzustand. Marcus lief indes völlig kopflos umher und wünschte sich, dass man sich doch auch mal um ihn kümmern möge, da er sich „wie inmitten eines Tsunamis“ befand und allen Halt verlor. Ihm war klar, dass er ohne Christine nicht mehr allein klarkommen würde im Leben. Deshalb versprach ich Marcus, dass er nach dem Tod von Christine bei uns einziehen und mit uns wohnen könne. Diese Zusage gab Marcus neue Zuversicht, obgleich er fürchtete, dass er nur auf Zeit bleiben könne, da Ruth nie ihr Einverständnis gegeben hatte, dass Marcus für immer bei uns wohnen könne. Aber auch Ruth war klar, dass wir Marcus jetzt nicht im Stich lassen konnten.
Und dann kam der 09.08.2023, als Christine in Marcus Gegenwart den letzten Atemzug machte. Es hatte den Anschein, als ob Marcus sogar ein wenig erleichtert war, dass es nun endlich vorbei war und seine Frau nicht mehr leiden müsse. Wir ließen Marcus nun ein wenig Kleidung zusammen sammeln und boten ihm Rebekkas Kinderzimmer als sein neues Zuhause an. Am Abend erklärte Ruth ihm dann, dass er sich jeden Abend waschen müsse, da sie darauf wertlegte, dass er nicht muffeln dürfe im Haus. Marcus war jedoch der Überzeugung, dass es schädlich sei, sich jeden Abend zu duschen, und er nicht diese Gewohnheit habe. Ruth aber bestand darauf, da er sich als Gast auch an die Hausordnung halten müsse. Doch in den Tagen danach stellte sich immer wieder heraus, dass Marcus sich am Ende des Abends doch nicht geduscht hatte und entsprechend nach Schweiß roch. Zudem störte es Ruth, dass er sich ständig zu ihr ins Wohnzimmer setzte, um sich mit ihr zu unterhalten, obwohl sie gerade am Studieren von tierärztlichen Fortbildungen im Internet war. Sie traute sich nicht, ihn abzuweisen, fühlte sich aber immer häufiger „incómodo“ („unbequem“). Nach etwa vier Wochen war Ruth sich sicher, dass sie es nicht mehr länger mit Marcus aushalten könne, da er aus ihrer Sicht zu „übergriffig“ sei. Sie wollte nicht dauerhaft eine Ehe zu Dritt führen, zumal sie jedes Mal achthaben musste, wenn sie abends aus dem Bad ging. Marcus solle sich doch eine andere Wohngemeinschaft suchen, wenn er nicht mehr in seinem Haus wohnen wolle. Oder er möge Gott doch bitten, dass Er ihm eine neue Gehilfin schenken möge.
Nachdem Christine beerdigt war, bot ich Marcus an, mit ihm zusammen Granitsteine im Baumarkt zu kaufen, um das Grab einzuhegen und mit Blumen zu bepflanzen. Mein Bruder Patrick, der ja Tischler war, hatte ein großes Holzkreuz gefertigt, wie er es schon für unsere Mutter tat. Als wir mit Schaufeln, Spaten und Beton-Estrich an der Grabstelle ankamen, war Marcus auf einmal wie gelähmt und sah sich außerstande, mir bei der Herstellung des Grabes zu helfen. Also schaufelte ich die Einfriedung von allein, was aufgrund des lehmigen Bodens nicht einfach war. Doch als ich die ersten Granitsteine gesetzt hatte, bat Marcus mich, sie noch einmal auszugraben und sie tiefer zu setzen. Als ich seinem Wunsch nachgekommen war, kam auf einmal ein Friedhofsgärtner vorbei und wies darauf hin, dass es strenge Vorschriften gäbe für die Grabeinfriedung und wir das nicht frei Schnauze machen dürften. Sofort bat Marcus darum, ich solle alles beenden, da er keinen Ärger bekommen wolle. Ich war jedoch nicht einverstanden und wollte meine Arbeit beenden. Da ergriff Marcus meinen Spaten und flehte mich an, nicht weiterzumachen, sondern alles wieder in den vorigen Zustand zu versetzen. Da ich aber schon zwei Stunden dabei war und mir nur noch 30 Minuten fehlten, bestand ich darauf, auch noch den Rest zu machen. Marcus geriet nun völlig in Panik und redete ununterbrochen auf mich ein, so dass es in mir langsam hochkochte. „Du kannst nur Anweisungen geben, aber rührst dabei keinen Finger krumm! Entweder Du lässt mich meine Arbeit jetzt fertig machen oder ich gehe! Dann kannst Du selbst alles wieder rückgängig machen!“ Marcus aber versuchte, mit aller Redekunst mich zum Rückbau zu überreden, so dass mir am Ende der Kragen platzte und ich den Ort verließ. Marcus rief mir hinterher, dann rannte er mir nach und flehte mich an, zurückzukommen. Wir einigten uns schließlich, dass ich die Arbeit zu Ende bringen dürfe, wenn ich im Falle einer behördlichen Kritik bereit sei, alles wieder zurückzubauen.
So oft ich mich in den folgenden Wochen und Monaten auch immer wieder mit Marcus stritt, so hängte er sich doch wie eine Klette an mich. Ich erklärte ihm, dass ich nicht seine Ersatz-Ehefrau sein könne, ihm aber gerne behilflich sein würde, um eine neue Glaubensschwester zu finden. Marcus aber war sich sicher, dass keine Frau bereit wäre, ihn in diesem Zustand zu nehmen – und wenn, dann vielleicht nur aus Mitleid, was nicht von Dauer wäre. Er komme sozusagen „gerade aus dem Gazastreifen“ und sei schwerst verwundet an Seele und Geist. Er frage sich, warum Gott überhaupt zugelassen habe, dass er ausgerechnet in jener Zeit, als Christine ihn am meisten gebraucht habe, nicht für sie da sein konnte, sondern psychotisch wurde. Er fragte sich grundsätzlich, ob er überhaupt wiedergeboren sei, da Gott ihm nicht antworte und er Gott überhaupt nicht mehr spüre. Vielleicht habe Gott ihn verworfen, ohne dass er es bemerkt hatte und werde am Ende als törichte Jungfrau von der Entrückung ausgeschlossen. Ich sagte, dass ich auch schon den Eindruck hatte, als ob seine Lampe am Erlöschen sei und er kein Reserveöl mitgenommen habe (Matth.25:1-13). „Simon, Du bist wirklich ein schlechter Seelsorger, denn anstatt mich aufzurichten, bestätigst Du mich noch in meinen schlimmsten Befürchtungen…“. „Aber es stimmt doch, und Du sagst es doch selbst, dass Gott gar nicht mehr zu Dir redet – so wie damals bei Saul (1.Sam.28:6).“ – „Hör auf, Simon! Du hast wirklich die Sensibilität eines Rindviehs. Ich brauche Milde und Verständnis, aber Deine Worte sind wie Tritte in die Magenkuhle.“ – „Aber ich meine es nicht böse, sondern glaube, dass Gott gerade jetzt zu Dir reden möchte und dazu harte Maßnahmen ergreifen musste, weil Du so stur bist und Ihn nicht anders verstehst. Gott will z.B. nicht, dass Du allein bist, sondern Er will Dir eine Gehilfin schenken so wie Christine, dann würdest Du diesen Verlust gar nicht mehr so stark empfinden.“ – „Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass ich unmöglich in diesem Zustand neu heiraten kann. Christine ist noch nicht einmal einen Monat unter der Erde, und Du redest schon von einer neuen Frau! Es wäre ein Verbrechen, wenn ich jetzt eine Frau dazu verleiten würde, mich zu heiraten, weil ich ihr unmöglich ein Haupt sein könnte. Das hat keine Frau verdient!“ – „Ich sehe es genau andersherum: Würdest Du jetzt heiraten, wärest Du auf einen Schlag wieder gesund. Außerdem wäre eine Schwester, die Dich nicht im Zustand äußerster Schwäche so nehmen würde wie Du bist, Deiner unwürdig.“
Keine Toleranz mit den Intoleranten?
Ende August wurde in Bremen wieder der Christopher-Street-Day veranstaltet, bei dem sich 15.000 Schwule und Lesben in Bremen trafen, um für mehr Toleranz und Verständnis zu werben. David und ich hatten uns zu diesem Anlass wieder in der Innenstadt verabredet, um die Verlorenen und Dürstigen einzuladen. Zu diesem Zweck hatte ich ein neues Schild gemacht mit der Aufschrift: „Jesus macht frei und glücklich.“ Damit die Demonstranten nicht wieder mein Schild mit Aufklebern verhunzen konnten, brachte ich diesmal lange Eisenstangen daran, so dass ich es über 3 m in die Luft halten konnte, damit sie es nicht mehr erreichen konnten. Wie beim letzten Mal ernteten wir wieder aggressiven Hohn und Verachtung von den Gleichgeschlechtlichen, obwohl ich ihnen doch eine gute Nachricht überbringen konnte. Sie fauchten mich wutschnaubend an und nutzten jede Gelegenheit, um mir das Schild aus der Hand zu reißen oder es mit Regenschirmen zu verhüllen. Trotzdem gab es auch diesmal wieder Gelegenheit, mit einzelnen Personen friedlich über den Glauben zu sprechen. Allerdings war es so laut, dass ich den Lärm kaum durch lautes Reden übertönen und mich nicht auf die Gespräche konzentrieren konnte. David rief wieder mutig und tapfer zur Umkehr auf und blies zwischendurch in sein Schophar-Horn.
An genau der gleichen Stelle wie im Vorjahr geriet unsere Werbung für den Glauben wieder zu einer Eskalation. Schon wieder musste die Polizei Verstärkung rufen, weil uns die Demonstranten eingekesselt hatten und aggressiv auf uns einschrien. Im Nu waren plötzlich etwa zehn weitere Polizisten gekommen, aber statt uns zu schützen, machten sie kurzen Prozess mit uns und führten uns ab ohne Diskussion. Meine Frage, warum sie uns mitnahmen, blieb zunächst unbeantwortet. Erst in etwa 20 Meter Entfernung forderten sie unsere Papiere und teilten uns mit, dass gegen uns eine Strafanzeige gestellt wurde. Ich fragte: „Wegen was?“ aber die Polizisten wussten es zunächst selbst nicht, sondern telefonierten mit ihrem Vorgesetzten. Dann kam die Antwort: „Wegen unerlaubter Versammlung!“ Obwohl mir klar war, dass dies nur ein fadenscheiniger Vorwand war, um uns als Störer von der Demo fernzuhalten, wies ich die Beamten darauf hin, dass wir keine Versammlung sind, sondern jeder von uns lediglich ein Evangelist, wofür es keine Erlaubnis benötige. Gegen die sog. „Klimakleber“ unternimmt die Bremer Polizei nichts, wenn sie mitten im Berufsverkehr die Hochbrücke am Breitenweg für zwei Stunden versperren, weil sie lapidar eine angeblich spontane Versammlung angemeldet hatten. Aber gegen uns friedliche Christen, die einfach nur am Straßenrand missionieren, wenden sie sofort Gewalt an!
Paulus ließ sich das Unrecht, als Römer misshandelt zu werden, nicht gefallen, sondern forderte eine rechtliche Klärung. Und so wollte auch ich wissen, wie der Veranstalter vom Christopher-Street-Day es eigentlich vereinbaren kann, dass sie auf der einen Seite für sich Toleranz und Sichtbarkeit einfordern kann, wenn sie auf der anderen Seite andere Minderheiten wie mich als Christen schmähen und disqualifizieren wollen, wo ich doch in einer angeblich offenen Gesellschaft die gleichen Rechte wie sie für mich beanspruchen kann wie sie. Der Pressesprecher vom CSD, ein gewisser Jerome, war zunächst freundlich und bedauerte die aggressiven Attacken gegen uns, nachdem ich ihm versichert hatte, dass von uns keinerlei Anfeindung gegen die Homosexuellen ausging, sondern wir absolut friedlich und wohlwollend ihnen gegenüber verhielten. Als ich ihm jedoch erzählte, dass wir zur Martinigemeinde von Olaf Latzel gehen, änderte sich seine gute Laune schlagartig, und er kam mit Stereotypen wie „homophob“ und einer strukturellen Homofeindlichkeit, die angeblich schon viele Opfer verursacht habe. Ich entgegnete ihm, dass wir Christen grundsätzlich alle Menschen lieben, selbst jene, die uns anfeinden, aber dass wir aufgrund des Wortes Gottes nicht alle Handlungen der Menschen gutheißen können, wenn sie für Gott ein Gräuel sind. Daraufhin wiederholte Jerome im scharfen Ton, dass man „keine Toleranz den Intoleranten“ gegenüber haben dürfe. „Aber es gibt nicht eine gute und eine schlechte Intoleranz, sondern wenn Du intolerant gegenüber Leuten wie mir bist, dann verurteilst Du Dich damit selbst, weil Du das gleiche tust wie ich,“ erklärte ich ihm, „denn Du misst sonst mit zweierlei Maß.“ – „Nein, da irrst Du Dich!“ keifte er mich an, „denn Du lehnst mich ab wegen einer genetischen Veranlagung, für die ich nichts kann. Ich aber werfe Dir eine Intoleranz vor, für die Du sehr wohl etwas kannst, denn Du kannst Dich ja auch dafür entscheiden, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Aber das tust Du nicht!“ – „Doch, ich toleriere Dich doch und lehne Dich auch nicht ab. Aber ich toleriere nicht Dein Tun, weil es Sünde ist. Und ich bin von der Bibel her verpflichtet, Dich darauf hinzuweisen und Dich vor den Konsequenzen zu warnen.“ Wir diskutierten über eine Stunde lang miteinander in sehr erhitztem Ton, aber es führte am Ende zu nichts.
„Was willst Du in diesem Senioren-Club?“
Schon seit langem hatten Bruder David und ich überlegt, ob wir uns nicht mal eine neue Gemeinde suchen sollten, da uns die Ev.-luth.-Martinikirche von Olaf Latzel nicht mehr gefiel. Wir hatten zwar unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen von einer guten Gemeinde, doch waren der gleichen Meinung, dass man in einer lutherischen Kirche zum passiven Zuschauer degradiert wird, anstatt ein aktiver Mitarbeiter zu sein. So verabredeten wir uns, um an mehreren Sonntagen in verschiedene Gemeinden zu gehen, um uns die geeignetste auszusuchen. Eine Russlanddeutsche Gemeinde in Bremen-Nord gefiel uns z.B. ganz gut – außer das gemeinsame Gebet, weil es nicht „einmütig“ war (Apg.1:14, 4:24), sondern jeder für sich in einem ohrenbetäubenden, babylonischen Sprachgewirr unharmonisch durcheinanderredete, so dass man sich noch nicht mal auf sein eigenes Wort verstand. Mich wunderte, dass diese Geschwister nicht schon längst selbst bemerkt haben, dass diese chaotische Kakophonie doch eigentlich ziemlich ungeistlich ist. Aber uns war klar, dass sie dies wohl kaum ändern würden, da sie sich daran gewöhnt hatten. Aber jedes Mal diesen Lärm zu ertragen, wollten wir letztlich auch nicht.
Als nächstes gingen wir in eine Freie Brüdergemeinde in der Vahr, und zwar jene, in die ich schon 30 Jahre zuvor mit Ruth ging, als es noch eine Exklusive Brüdergemeinde war. 1993 waren es noch etwa 150 Geschwister, die sich dort versammelten. Aber nach einer Aufspaltung im Jahr 2000 verließen die echten Exklusiven die anderen, die ihnen zu liberal waren und versammelten sich im Industriegebiet Haferwende. Die Liberaleren blieben zurück, wobei die Jungen später ebenso gingen in modernere Gemeinden und die Alten zurückließen. So waren David und ich ziemlich überrascht, in dem großen Gemeinderaum nur noch etwa 15 alte Geschwister zu finden, die in einem halben Stuhlkreis um das Rednerpult saßen. Das Durchschnittsalter war 75 J., der älteste Bruder schon 88 J. und die meisten gehörten schon seit über 50 Jahren dieser Gemeinde an. Irgendwie hatte man den Eindruck, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Tatsächlich vertraute mir später eine Schwester an, dass sie gerade eine Woche zuvor erwogen hatten, die Gemeinde zu schließen und sich aufs Altenteil zurückzuziehen. „Allerdings kann es gut sein, dass wir jetzt, wo Ihr beide vielleicht zu uns stoßen wollt, dass wir doch noch erstmal weitermachen werden…“ Über diese kompromittierende Andeutung war ich etwas verwundert. Sollte es denn tatsächlich am Ende an David und mir liegen, ob die Gemeinde ihren Dienst fortführt? „Und was wird aus den Geschwistern und dem Gemeindehaus, wenn Ihr die Gemeinde beenden wollt?“ – „Die meisten gehen dann in andere Freikirchen und verbringen dort ihren Lebensabend. Und das Gebäude würden wir dann verkaufen.“ – Irgendwie fand ich diesen Ausblick ziemlich bedrückend und traurig. Bisher wusste ich nur, wie man eine Gemeinde gründet, hatte aber noch nie gehört, dass Gemeinden auch sterben können.
Ich beschloss, nicht weiter zu suchen, sondern hier zu bleiben, um den alten Geschwistern beizustehen. Für David war diese Gemeinde jedoch zu trostlos und nichts für seine junge Familie. Auch Marcus, der am darauffolgenden Sonntag mal mitkam, fragte mich: „Was willst Du in diesem Senioren-Club? Das ist ja schon beinahe so, als würdest Du auf einen Friedhof gehen.“ – „Der HErr vermag Tote wieder lebendig zu machen.“ entgegnete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie weit ich dazu irgendwie beitragen könnte. War es nicht vermessen, überhaupt so zu denken? Wer war ich schon?! Und doch – vielleicht hatte der HErr hier etwas vor, für das Er mich gebrauchen wollte. Immerhin erlaubten mir die beiden Vorsteher Bernd und Rolf, dass ich auch predigen dürfe, und das war mir schon wichtig. Und auch anders herum konnte ich vielleicht von der Lebensweisheit der alten Geschwister profitieren. Rehabeam machte ja den Fehler, dass er sich lieber mit den Jungen und Gleichaltrigen beraten wollte, anstatt auf die Alten zu hören (1.Kön.12:8). Vor allem musste ich immer noch lernen, nicht nach hohen Dingen zu trachten, sondern mich zu den niedrigen zu halten (Röm.12:16).
Der Gottesdienst in dieser Brüdergemeinde folgte tatsächlich einem stark ritualisierten Ablauf: Es waren immer nur dieselben beiden Brüder, die die Moderation machten nach immergleichen, starren Vorgaben, die nie hinterfragt wurden. Statt eines spontanen gemeinschaftlichen Gebets, an dem sich alle beteiligten, betete immer nur diese beiden Brüder Rolf und Bernd, und das sogar nach immer den gleichen Formulierungen und Gebetsanliegen. Das Abendmahl wurde immer nach dem gleichen Zeremoniell von Bruder Dietmar ausgeführt und ähnelte dadurch dem Opferritus eines Priesters im Alten Testament. Ein spontanes Zeugnis oder das Vortragen eines Gedichts wurde durch die starren, festgelegten Formen sofort im Keim erstickt. Formtreue stand über Wahrhaftigkeit. Die Einmütigkeit wurde mit Gleichförmigkeit verwechselt und die Ordnung mit geistlicher Lebendigkeit. Es war eigentlich weniger ein Gottesdienst als eine liturgische Fossilienpflege in einem Museum. Man pflegte die Erinnerung an eine alte Zeit, die lange schon vorbei war. Selbst der Heilige Geist sollte sich hier streng ans Protokoll halten, wenn Er überhaupt noch eingeladen war. Eigentlich hätte man sich den Besuch auch sparen können, denn Sonntag für Sonntag lief immer genau gleich ab. Von Erbauung und einem inneren Wachstum konnte gar keine Rede sein. Die alten Brüder verhielten sich wie in der Wartelounge eines Flughafens und versuchten, sich bis zu ihrem Abflug noch ein wenig die Zeit zu vertreiben durch den starren Blick auf eine Dauerwerbesendung auf dem Bildschirm mit ständigen Wiederholungen. Obwohl ihr Flug auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben wurde, lohnte es sich nicht mehr für sie, den Flughafen zu verlassen, um ihre Zeit noch irgendwie sinnvoll zu nutzen. Sie waren einfach schon zu müde und gelähmt dafür vom vielen Warten.
Eine meiner ersten Predigten handelte von der geistlichen Lähmung. Ich las mit den Geschwistern aus Haggai 1:2-8 „Dieses Volk sagt: ‚Die Zeit ist ⟨noch⟩ nicht gekommen, das Haus des HErrn zu bauen‘. … ‚Ist es etwa für euch selber ⟨an der⟩ Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus verödet daliegt? Und nun, so spricht der HErr der Heerscharen: Richtet euer Herz auf eure Wege! Ihr habt viel gesät, aber wenig eingebracht; … Steigt hinauf ins Gebirge und bringt Holz herbei und baut das Haus! Dann werde ich Gefallen daran haben und mich verherrlichen, spricht der HErr. Ihr habt nach vielem ausgeschaut, und siehe, es wurde wenig. Und brachtet ihr es heim, so blies ich hinein. Weshalb das?, spricht der HErr der Heerscharen. Wegen meines Hauses, das verödet daliegt, während ihr lauft, jeder für sein eigenes Haus.“ Sicherlich hatte nicht jeder Bruder die Begabung zum Evangelisieren. Aber gerade alte Geschwister konnten im Gebet hinter den Evangelisten stehen, so wie Simeon und Anna als alte Gläubige ihre Aufgabe im Tempel Gottes sahen. Daher bot ich mich an, für die Gemeinde einen regelmäßigen Büchertisch vorzuhalten, um die Leute in die Gemeinde einzuladen, damit sie sich bekehren. Rolf fand das eine gute Idee: „Wir hatten früher schon mal einen Büchertisch und aus jener Zeit auch noch viele Kartons mit Traktaten. Ich wäre sehr froh, wenn diese endlich unters Volk kämen.“
Bruder Michael (75), ein ehemaliger Physiklehrer, erklärte sich bereit, diesen Dienst mit mir zu tun. Ich besorgte zwei Tapeziertische und meine evangelistischen Schilder, während Michael eine Kiste mit Verschenk-Taschenbüchern über die Evolutionstheorie mitbrachte, die er jedes Mal auf einem der Tische auslegte. Eines meiner Schilder gefiel ihm jedoch nicht, weil es kein Bibelvers war: „‘Jesus macht frei und glücklich‘ – das ist ein falsches Evangelium, denn es verkürzt die Botschaft Jesu auf einen Teilaspekt, weil das Gericht verschwiegen wird.“ – „Aber wir wollen die Leute doch einladen und nicht einschüchtern. Macht der HErr etwa nicht frei von Sünde und dadurch glücklich?“ – „Ja, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn man nicht auch die Leute vor der Hölle warnt, ist das nur Wischiwaschi und ein Friede-Freude-Eierkuchen-Evangelium.“ – „Aber auf dem anderen Schild steht: ‚Ändert euer Denken, denn das Reich Gottes ist nahe gekommen!‘ – Dadurch ist die Botschaft insgesamt vollständig.“
Damit die Leute auch bereit sind, in unsere Gemeinde zu kommen, stellten wir den Tisch vorm Einkaufszentrum Berliner Freiheit auf, wo es überdurchschnittlich viele Ausländer gibt. Immer wieder hatten wir Gespräche mit Muslimen, die ihren Islam rechtfertigen wollten. Obwohl Marcus eigentlich vorerst nicht mehr missionieren wollte (da er ja inzwischen keine Heilsgewissheit mehr hatte), kam er immer wieder mit als Begleiter und Zuschauer. Doch nach zwei Monaten sah es zunächst so aus, als ob die ganzen Einsätze umsonst waren, da kein einziger Fisch anbiss. An einem Sonntag kam aber auf einmal eine kleine Dame in unsere Gemeinde, die ganz in der Nähe wohnte und mal neugierig war. Ingrid war Buddhistin und alleinlebend. Sie wollte den christlichen Glauben näher kennenlernen, vor allem aber deshalb, um ihn in ihr synkretistisch-esoterisches Weltbild zu integrieren. Nach mehreren Gesprächen nach dem Gottesdienst lud ich sie zu unseren Hauskreis ein. Der HErr schenkte Gnade und Ingrid bekehrte sich dann, nachdem ihr durch das Abendmahl auf einmal klar wurde, warum der HErr Jesus für unsere Sünden sterben musste. Da sie früher in der Krankenpflege gearbeitet hatte, verstand sie sich gut mit meiner Schwester Diana.
Oktober bis Dezember 2023
Exorzismus-Versuche
An einem Tag schrieb mich ein Christ aus Husum an, der um seelsorgerliche Hilfe bat. Martin (45) war nach eigener Aussage dämonisch besessen und leide schon seit Jahren unter dämonischen Angriffen, die sich durch lästerliche Gedanken und Worte äußerten. Er sagte, dass er schon bei ganz vielen Predigern war, die aber alle nicht bereit waren, ihm die Dämonen auszutreiben. Da ich selbst auch keine Erfahrung mit Exorzismus hatte, war ich zunächst etwas ratlos, wollte ihn aber nicht hängen lassen, sondern lud ihn zu mir nach Bremen ein. Am Sonntag gingen wir dann zusammen in die Brüdergemeinde, und ich erklärte den Brüdern dort nach dem Gottesdienst unser Anliegen. Ich schlug vor, ob wir nicht einfach zusammen unter Gebet und Flehen mit Gottes Hilfe die Dämonen austreiben könnten. „Wenn Du das willst, dann mach es“ sagte Bernd verlegen. Wir gingen in den Keller und beteten gemeinsam für Martin. Dann nahm ich eine Bibel und rief laut: „Im Namen des HERRN JESUS CHRISTUS fahre von ihm aus, du unreiner Geist!“ Auf einmal machte Martin unheimliche Grunz-Geräusche. Ich wiederholte den Satz noch ein weiteres Mal. Da kam eine Stimme aus Martin, die mich anbrüllte: „HALT DIE FRESSE!“ In dem Moment hatte ich den Eindruck, dass ich besser nicht weitermachen sollte, da mir die Erfahrung mit Dämonen fehlte.
Wir verabschiedeten uns von den Brüdern und stiegen ins Auto. Martin war sehr enttäuscht, da es für ihn sozusagen die letzte Hoffnung war. Er berichtete mir, dass er in seiner Verzweiflung sogar schon mal zu einem Voodoo-Priester gegangen sei, um durch Orakelmethoden Kontakt mit seinen Geistern aufzunehmen und Reinigungsrituale durchzuführen. Für diese „Behandlung“ verlangte er von ihm 10.000,- Euro, weshalb er einen Kredit aufnahm, den er bis heute abbezahlen müsse. Geholfen habe der faule Zauber ihm am Ende nicht, sondern er hatte den Eindruck, dass es sogar schlimmer mit ihm geworden sei. „Wie konntest Du nur so töricht sein! Du hast durch diese Gräuelsünde wahrscheinlich jetzt erst recht Dämonen aufgenommen, die Dich so schnell nicht verlassen werden. Du musst darüber Buße tun und den HErrn um Vergebung bitten, damit Er Dir noch einmal gnädig sei. Das ist das Mindeste.“ – „Das hab ich doch alles schon viele Male. Aber was soll ich denn sonst noch tun. Mehr geht doch schon gar nicht mehr!“ – „Grundsätzlich weichen die Dämonen, wenn wir beten und Gott um Vergebung und Gnade anflehen. Aber Gott schaut auf das Herz, ob es wirklich demütig und zerbrochen ist. Wenn Du wirklich Deine Taten aufrichtig bereust, dann wird der HErr Dich befreien, denn dazu ist er gekommen. Ich kenne eine schwarzafrikanische Gemeinde hier in Bremen, die Exorzismus praktiziert. Wenn Du willst, kann ich Dich dorthin fahren, denn ihre Gottesdienste ziehen sich über Mittag hinweg.“ – „Ja, bitte, Simon.“
Ich fuhr mit Martin ins Bahnhofsviertel, wo es in der Findorffstraße eine englischsprachige Gemeinde gab, deren Predigten man aufgrund der Lautstärke schon von der Straße aus hören konnte. Wir gingen in die Chapel hinein und setzten uns ganz hinten hin, um der Predigt zu lauschen. Es ging um Kindererziehung, und der schwarze Prediger hatte etwas an einem Whiteboard gezeichnet, dass er der Gemeinde erklärte. Als dann der Gottesdienst mit ähnlich temperamentvollem Gebet und Lobgesang endete, wurde mir erst bewusst, dass es sich um eine Pfingstgemeinde handelte, – was mir ein etwas mulmiges Gefühl gab, dass Martin vielleicht auch jetzt wieder eine Enttäuschung erleben könnte und vom Regen in die Traufe komme. Dennoch vertraute ich auf die Zusage Gottes, dass wir im Namen Jesu die Dämonen austreiben können und Er Seine Gnadengaben nicht bereut (Mark.16:17, Röm.11:29). Wenn Martin heute von unreinen Geistern befreit wird, dann entspricht dies dem Willen Gottes in Jes.58:6.
Wir gingen nach vorne, und ich fragte den Pastor, ob er dem Martin die Dämonen austreiben könne. Er nickte und bat die Gemeinde, ihn dabei durch Gebet und Flehen zu unterstützen. Dann fragte er Martin, ob er Heilsgewissheit habe, was dieser verneinte. „Do you want to receive Jesus in your life and confess your sins?“ ich übersetzte es und Martin willigte vorsichtshalber ein. Ich konnte mir das nur so erklären, dass Martin so verzweifelt war, dass er lieber all seinen bisherigen Glauben für nichtig erklärte in der Hoffnung, noch einmal ganz von vorne anfangen zu dürfen, indem er seinen Glauben auf Werkseinstellung zurückstellen ließ. Und dann ging der Exorzismus los, indem der Prediger zusammen mit einem Assistenten laut und unmissverständlich die Dämonen aufforderte im Namen des HErrn Jesus den Martin zu verlassen. Wieder ertönte dieses unheimlich blubbernde Lippenflattern von Martin, das sich wie ein stöhnendes Grunzen anhörte. Doch statt dass Martin benommen zu Boden sank und man das Verschwinden der Geister spürte, blubberte Martin in einer Tour, so dass die beiden Schwarzen ihr Beschwören der Dämonen unzählige Male fortsetzten. Martin machte einen verzweifelten Blick, als würde man seinen Kopf immer wieder unter Wasser drücken, so dass er kaum noch Luft kriegte. Ich machte mir nun ehrlich Sorgen um Martin und fragte mich, ob ich ihn da irgendwie herausholen müsste. Ich versuchte, seinen Blick mit dem meinigen zu erreichen und ihm zu signalisieren, dass ich das abbrechen könne, wenn er wolle. Immer und immer wieder brüllte der Prediger ihn an. Ich dachte: Die bringen ihn noch um!
Ich ging dann auf Toilette, um in Ruhe zu beten und Gott zu bitten, dass Er doch eingreifen möge, um den Martin zu retten. Dann ging ich wieder in den Gemeinderaum hinein, wo die ganze Gemeinde inständig für die Befreiung von Martin betete. Inzwischen waren die beiden Männer schweißgebadet, als würden sie direkt einen Ringkampf mit den Dämonen machen. Die Stimme des Predigers musste schon richtig heiser sein bei all dieser Schreierei. Nach etwa einer Stunde gaben die Brüder erschöpft auf. Sofort ging ich zu Martin und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Überraschenderweise jammerte Martin nicht, sondern erklärte, dass ihm der Exorzismus schon sehr geholfen habe, da ihn einige Dämonen auf jeden Fall verlassen hätten. „Ich spüre eine deutliche Erleichterung.“ Auch die Brüder bestätigten einen Teilerfolg, erklärten aber dann, dass seine Dämonen sehr hartnäckig seien und es deshalb eines noch erfahreneren Exorzisten bedürfe, dessen Namen sie mir dann aufschrieben mit Telefonnummer. Ich fand das alles doch mehr als lächerlich, denn in der Bibel wurden die Dämonen immer vollständig und auf einen Schlag ausgetrieben. Dieser pseudofromme Budenzauber überzeugte mich nicht. Ich konnte mir vorstellen, dass es hier um einen Psychodruck handelt, durch den eine Austreibung nur suggeriert wird.
Als wir wieder im Auto saßen, erzählte ich Martin von meinem Eindruck: „Wenn Gott Dich hätte befreien wollen, dann hätte Er es schon getan.“ – „Willst Du damit sagen, dass Er mich nicht mehr befreien will?“ – „Nein, sondern dass Er Dich aus bestimmten Gründen noch nicht befreien kann bzw. will, weil Du die Voraussetzungen noch nicht erbracht hast. Du redest häufig mit sehr viel Trotz, anstatt demütig zu sein…“ – „Wer kann mir das verdenken – nach all den Jahren des Leidens!“ – „Mag sein. Aber das ist nicht das zerbrochene Herz und der zerschlagene Geist, der Gott wohlgefällig ist. Der Räuber am Kreuz sagte, dass er die Strafe verdiene wegen seiner vielen Sünden. Von Dir habe ich aber noch keine echte Reue vernommen, sondern Du nimmst es als selbstverständlich, dass Gott Dir helfen muss, als sei es ein Anspruch, den Du hättest.“ – „Ich weiß, dass ich viel falsch gemacht habe. Aber ich bin einfach tief enttäuscht, dass mich die Gläubigen bisher alle nur enttäuscht haben und keiner mir helfen will oder kann. Ich gebe aber nicht auf. Sag mal, hier in Bremen gibt es doch den Pastor Olaf Latzel. Kannst Du den nicht mal anrufen und ihn fragen, ob er mir die Dämonen austreibt?“ – „Du hörst Dich an wie Balak, der König von Moab, der den Bileam immer wieder zu einem anderen Ort führte, um Israel von dort aus zu verwünschen. Wenn Gott Dich noch nicht heilen will, dann wirst Du auch an keinem anderen Ort Erfolg haben, sondern solltest es demütig aus Gottes Hand annehmen.“ – „Ja, aber bitte gib mir noch diese Chance und bitte Bruder Latzel um einen Termin. Bitte, bitte!“ – Ich tat ihm den Gefallen und fragte Olaf. Er antwortete, dass das nicht von heute auf morgen möglich sei, sondern Martin erst einmal einen Termin im Sekretariat der Gemeinde machen solle. Außerdem sei es auch nicht mit einer einzigen Sitzung getan, sondern würde sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Ich fand das sehr merkwürdig und auch unpraktisch, da Martin ja in Husum wohnte. Martin aber war einverstanden und verabredete sich mit Olaf. Später erfuhr ich, dass auch das alles nichts gebracht hatte und er noch immer nicht frei sei von seinen Dämonen.
Das Gericht fängt am Hause Gottes an
Anfang Oktober erhielt ich von Bruder Norbert Homuth (77) aus Fürth mal wieder seine neueste Ausgabe der „Glaubensnachrichten“, die er inzwischen schon seit 50 Jahren herausgab. Sein Leitartikel war wie gewohnt provokant: „Rauchende Prediger“. Es ging darin nicht nur um Prediger wie Wilhelm Busch oder C.H. Spurgeon, sondern auch um Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 – 1760), den Homuth schon oft scharf kritisiert hatte wegen dessen Schwärmerei. Jetzt aber unterstellte er ihm, dass dieser treue Gottesmann angeblich ein Raucher war, obwohl es dafür nicht einen Beweis gab. Um seine These zu belegen, zeigte er eine Zigarrenwerbung aus dem 19.Jh. von einer Fa. Dürninger aus Herrnhut, die mit dem Porträt von Zinzendorf warb. Unter dem Bild hatte Homuth geschrieben: „Zinzendorf finanzierte sein Werk großenteils mit Tabakhandel…“ Diese Behauptung – wie auch weitere in diesem Artikel – war frei erfunden und diente allein der Verleumdung und Rufschädigung. Obwohl Norbert und ich uns schon seit 37 Jahren kannten und er für seine provokante Ausdrucksweise und seine reißerischen Artikel eine gewisse Beliebtheit genoss bei den Gläubigen in Deutschland, hatte er in den letzten Jahren nicht nur immer häufiger Rufmord verübt, sondern verbreitete auch immer öfter gefühlte Wahrheiten (Fake-News), da er sich nicht die Mühe machte, erst einmal gründlich zu recherchieren im Internet, das er ohnehin ablehnte. Er schrieb das, was seine inzwischen betagte Leserschaft gerne lesen wollte, nämlich Skandale innerhalb der deutschen Christenheit, um sich dadurch selbst als gerechter zu sehen.
Obwohl ich Bruder Norbert schon öfters zurechtwies und ihm Fehler in seiner Berichterstattung nachwies (z.B. über Corona, die Babytaufe oder das Malzeichen), reagierte Norbert keineswegs gekränkt, sondern ganz im Gegenteil schickte er mir sogar öfters Spenden wegen meiner regelmäßigen Rundbriefe und Biographie-Episoden, die er nach eigenem Bekunden „jedes Mal in eins durchlas“. Er fühlte sich mit mir aufs Engste verbunden, teilte aber in Vielem nicht meine Meinung. Seine Spenden hatten dadurch etwas Kompromittierendes, so als wollte er mich bestechen, damit ich ihn künftig nicht mehr ständig so kritisierte. Um diesem Verdacht keinen Raum zu geben, ließ ich mich nicht beirren, sondern übte auch diesmal wieder Kritik an seiner Zinzendorf-Verleumdung, indem ich von ihm Nachweise erbat für seine Behauptungen. Eine Antwort erhielt ich aber diesmal nicht, und es sollte auch die letzte Ausgabe der Glaubensnachrichten gewesen sein, denn Norbert starb Ende Oktober, wie ich von einem Bruder erfuhr (sein schon vor zehn Jahren behandelter Krebs war zurückgekehrt und hatte neue Metastasen gebildet). Gab es einen Zusammenhang zwischen seinem verleumderischen Artikel und seinem Tod im Sinne von Spr.29:1? Oder war es bloß seinem Alter geschuldet? Auffällig ist, dass im Jahr 2023 ungewöhnlich viele Gläubige, die ich kannte, heimgeholt wurden. Manche hatten ja schon ihr Alter erreicht wie etwa der OM-Gründer George Verwer oder Uwe Holmer, der 1990 die Honeckers bei sich aufnahm. Aber wenn ein Christ vor der Zeit stirbt, hat es nicht selten etwas mit Gericht zu tun (s. 1.Kor.11:30).
Anfang November klingelte es bei mir an der Tür. Es war ein Russlanddeutscher Glaubensbruder namens Eugen, der gerade Traktate verteilte und auf das Schild an meinem Haus aufmerksam wurde: „Lasst euch versöhnen mit Gott“. Zu meiner Überraschung wohnte Eugen nur 200 m von meinem Haus entfernt. „Wie kommt es, dass Dir mein Haus bisher nie aufgefallen ist?“ – „Tatsächlich hatte ich bisher keine Veranlassung, bei Dir vorbeizugehen.“ Eugen (50) lebte allein, arbeitete bei Mercedes, spielte Gitarre, ging aber in keine Gemeinde. Ich lud ihn ein zu unserem Hauskreis und er sagte sofort zu. Zu jener Zeit stieß auch ein gewisser Andreas zu uns, den die Lotte an einem Tag mitbrachte. An einem Abend teilte uns David mit, dass er nicht mehr an die Allversöhnung glaube. Für mich war dies absolut kein Problem, und ich ahnte schon den Grund, da er regelmäßig Freitag abends ab 20:00 Uhr mit der Werde-Licht-Mission am Hauptbahnhof evangelisierte und sie es ihm nicht erlaubt hätten, wenn er nicht der Allversöhnung abgeschworen hätte. Doch dann passierte im Dezember etwas Merkwürdiges: Seit zwei Wochen war David schon gar nicht mehr zum Hauskreis gekommen. Aber dann kam auch Lotte nicht mehr, auch nicht mehr Eugen und Andreas, so dass ich mit Marcus und Ruth allein im Wohnzimmer saß. Ich schrieb David eine Nachricht, und er antwortete mir, dass er den Abend mal mit seiner Frau Geraldín verbringen wolle. Dann fragte ich Lotte, und sie schrieb mir, dass Andreas sie und David zu seinem eigenen Hauskreis eingeladen hatte bei sich im Haus, der zeitlich genauso wie bei uns um 18:00 Uhr stattfand.
Auch eine Woche später kam keiner mehr, so dass ich mir Sorgen machte. Ich fragte in unserer What´s-App-Gruppe, was denn los sei. Lotte war die einzige, die mir antwortete. Sie machte mir viele Vorwürfe, dass ich für sie kein Vorbild mehr sei, weil ich zwar auf der einen Seite immer wieder meine Vorsätze mitgeteilt habe, z.B. auf WhatsApp und YouTube zu verzichten, sowie auch mein Interesse an der Politik aufzugeben, aber am Ende doch immer wieder rückfällig werde und inkonsequent sei. Ich räumte Lotte gegenüber meine Schwachheit ein und bat sie um Vergebung. Für mich war dies aber kein Grund, mir die Gemeinschaft aufzukündigen, zumal ich nie behauptet hatte, ein fehlerloser Christ zu sein. Lotte sah es jedoch so, dass ich noch in Sünde leben würde und sie deshalb keine Gemeinschaft mit mir haben könne. Scheinbar sahen das die anderen Geschwister ähnlich, auch wenn sie mir nie ihre Gründe sagten. Auch meine Schwester Diana wollte in Zukunft nicht mehr kommen, aber sie hatte einen verständlichen Grund: Ihr Ehemann Axel hatte sich vor ein paar Wochen aufgemacht und Gott gesucht, nachdem er sich an seinem Arbeitsplatz, der Bremer Tafel, mit ukrainischen Pfingstlern unterhielt, die ihn in ihre Gemeinde eingeladen hatten. Dort erfuhr er seitdem so viel Liebe und Zuwendung, dass dies quasi seine neue Familie wurde. Er fing jetzt auch an, regelmäßig in der Bibel zu lesen, was er früher nie tat. Diana wollte ihn von nun an auf diesem Weg begleiten und mitgehen in seine Gemeinde.
Von einem Moment zum anderen hatte also der gesamte Hauskreis sich aufgelöst. Das war sehr bitter, denn wir trafen uns ja seit fast zwei Jahren jede Woche, und jetzt verabschiedeten sie sich noch nicht einmal von mir. Allerdings tröstete der HErr mich genau zu jener Zeit durch ein Ehepaar, das ich in der Brüdergemeinde kennengelernt hatte. Sascha und Tatjana waren schon ein paar Mal gekommen, aber an einem Sonntag nach einer Predigt, die ich gehalten hatte, kam Sascha auf mich zu und sagte, dass er mal im Internet nach mir gegoogelt hatte und auf meine Hörbuch-Biographie gestoßen sei. Er habe schon mehrere Episoden mit seiner Frau gehört und fand die sehr interessant. Daraufhin lud ich ihn ein, zu uns nach Hause zu kommen zur Bibelstunde. Die beiden kamen, und von dem Tag an freundeten wir uns an. Sascha arbeitete in der Computerbranche und wollte Tatjana im Frühjahr heiraten. Sie fragten mich auch, ob ich sie taufen könnte, was ich sehr gerne tat. Sascha wurde zum fleißigen Bibelleser und stellte mir fast jeden Tag Verständnisfragen, die mir zeigten, dass er ein sehr aufmerksamer Bibelleser war, dem wirklich nichts entging. Er entdeckte sogar die unscheinbarsten Widersprüche, die ich ihm jedoch in den meisten Fällen erklären konnte. Zum Thema Allversöhnung wollte er sich nicht positionieren, da das für ihn (noch) nicht dran war. Was ihn aber umso mehr interessierte, war die Frage der Gottheit Jesu. Er hatte sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und kam für sich zu keinem anderen Schluss, als dass der HErr der Sohn Gottes, nicht aber Gott selbst sei. Wegen dieser Meinung wurde er schon bald von vielen Christen verketzert und verteufelt. Dafür, dass er erst ein Jahr Christ war, ertrug er die Ablehnung tapfer.
Seit dem Tod von Christine war Marcus mit allem überfordert, unter anderem auch mit seiner Havaneser-Hündin Biene, die er in unsere Obhut gab. Es dauerte nicht lange, da verliebte sich Ruth die kleine Hündin und fragte ihn, ob er sie uns nicht ganz überlassen könne. Marcus war jedoch nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten, da er Angst hatte, eine falsche Entscheidung zu treffen. Als ich an einem Abend mit Biene Gassi ging, traf ich unsere Nachbarin Irmtraut Förster (80), die immer ein sehr mürrisches Gesicht machte, jedes Mal, wenn ich sie grüßte. Wir plauderten zunächst über Belangloses; da sie aber nicht aufhörte zu reden, lenkte ich das Gespräch auf den Glauben. Zu meiner Überraschung erklärte sie mir, dass sie auch gläubig sei und früher in eine Freikirche ging. Daraufhin lud ich sie zu unserem nicht mehr vorhandenen Hauskreis ein, und sie kam prompt. Von da an kam sie regelmäßig, hielt sich jedoch mit Fragen und Anregungen zurück. Umso redseliger war sie dann beim anschließenden Abendessen, bei dem sie uns immer wieder ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählte. Sie war eben einsam und genoss die Möglichkeit, dass ihr endlich mal jemand wieder zuhörte.

