"Und ER ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: von ihrem Glanze nach dem Regen sproßt das Grün aus der Erde."

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„Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe.
Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen
und die Waffen des Lichts anziehen.“ (Röm.13:12)

Aktuelles

April – Juni 1996

Meine Angst, zu versagen

Am 01.04. war es dann schließlich soweit, dass ich mich von meiner Frau Ruth, von meiner Schwiegermutter Lucila und von meiner 6 Monate alten Tochter Rebekka verabschieden musste, da Ruth wegen ihres Tiermedizinstudiums und ihrer Doktorarbeit für ein halbes Jahr wieder nach Peru musste. Wir waren so verblieben, dass ich dann Anfang Oktober ebenso kommen würde, um sie für zwei Monate dort zu unterstützen. Als ich an jenem Montag früh um 5.30 Uhr den Bremer Flughafen verließ, um zur Arbeit zu fahren, hatte ich noch keine Ahnung, was alles noch in jenem Sommer passieren würde und sich mein Leben von nun an vollkommen verändern würde…

In der neuen Firma wurde ich einem jungen Meister namens Carsten zugeordnet, der eine kleine Truppe unter sich hatte. Mich wunderte, wie akribisch genau der Materialbedarf für jeden einzelnen Auftrag ermittelt wurde und ich fragte einen Kollegen nach dem Grund. Er sagte mir, dass der Chef ein echter Kontrollfreak sei, der seinen Mitarbeitern grundsätzlich immer misstraue, angefangen von der Einhaltung der Arbeitsleistung bis hin zum Materialverbrauch. Das störe alle so sehr, dass sie auch ihrerseits sich bewusst Freiheiten herausnehmen, indem sie z.B. regelmäßig Dinge mitgehen lassen würden. Nicht dass sie es nötig hätten, aber es bereite ihnen einfach eine gewisse Genugtuung und ein Erfolgserlebnis, zu sehen, dass der Chef mit seinem notorischen Misstrauen nichts erreichen würde. Es dauerte nicht lange, da bekam ich diesen Kontrollzwang auch selber zu spüren. Als ich an einem Morgen um 8.00 Uhr dabei war, Farbe anzumischen, kam der Chef auf die Baustelle, begrüßte mich, und fragte: „Herr Poppe, Sie sind seit 7.00 Uhr auf der Baustelle, aber rühren jetzt erst den Farbton an. Was haben Sie denn seit 7.00 Uhr gemacht?“ – „Ich habe abgeklebt und überall mit Acryl ausgefugt.“ – „Wo genau?“ – „z.B. überall in den Fensterleibungen“. – Er ging still durch die Räume und rief mich dann von weitem: „Zeigen Sie mir doch mal bitte, wo!“ Ich ging herzklopfend mit ihm in einen der Räume des leeren Bürotraktes und zeigte auf eines der Fenster. Er fasste mit seinem Finger in die Ecke und vergewisserte sich, dass das Acryl noch frisch war, um mich zu testen. Als er dann wieder wegfuhr, nahm ich mir vor, meinen zukünftigen Mitarbeitern nicht solche Schikanen zuzumuten.

Doch obwohl ich mir alle Mühe gab, so korrekt und fleißig wie´s nur irgend möglich war, zu sein, hatte ich doch immer ein Problem mit der Pünktlichkeit. Denn um pünktlich um 7.00 Uhr in der Firma zu sein, musste ich schon um kurz nach 6.00 Uhr aus dem Haus, weil die Firma weit weg war und ich zweimal umsteigen musste. Doch hatte ich jetzt wo Ruth weg war niemanden mehr an meiner Seite, der mich zur Not weckte, wenn ich nach dem Ausschalten des Weckers wieder eingenickt war. Dadurch passierte es, dass ich mich manchmal ganz schnell beeilen musste, um noch meinen Bus zu kriegen. Hatte ich diesen aber dann verpasst und musste den nächsten nehmen, kam ich manchmal erst um 7.30 Uhr an, was für meine Kolonne sehr ärgerlich war, denn alle mussten dann extra 5-10 Min auf mich warten. Nachdem ich innerhalb von 2 Wochen schon das 3. Mal verspätet kam, drohte mir Carsten: „Wenn du in den nächsten 3 Monaten nur noch einmal zu spät kommst, bist du gefeuert!“ Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde; doch schon kurze Zeit später, wachte ich morgens erst um 6.45 Uhr auf! Ich hatte keine Chance mehr, pünktlich zu kommen. Aber zu behaupten, ich sei krank, traute ich mich nicht, denn ich war immer schon ein schlechter Lügner, und der Arzt würde das merken. Was konnte ich also tun? Ich lief aufgeregt in der Wohnung umher und überlegte. Doch dann hatte ich eine Idee. Wenn ich nicht lügen durfte, dann musste ich die Ursache für meine Arbeitsunfähigkeit eben selber herbeiführen, um dann de Wahrheit sagen zu können! So fuhr ich mit meinem Fahrrad an die nahe gelegene Uferpromenade, wo ein Schotterweg war. Ich stieg mit meiner kurzen Hose auf eine Sitzbank und ließ mich von dort mit dem Knie auf den Boden fallen, so dass mein Knie blutete. Dann rief ich in der Firma an und sagte, dass ich gestürzt sei und mich am Knie verletzt habe, weshalb ich nicht zur Arbeit kommen könne. Dann verband ich mein Knie und ging damit zum Arzt. Während dieser meinen Verband abwickelte, um sich die Wunde anzusehen, fragte er mich: „Wie ist das denn passiert?“ – „Ich bin gestern Abend mit dem Fahrrad gestürzt…“ Als er dann die Wunde sah, sagte er: „Na sowas, die blutet ja noch ganz frisch! Und das soll schon gestern Abend passiert sein?“ Da wurde ich rot.

Mein Grübeln

Die Tage vergingen, und während ich mich tagsüber noch gut zerstreuen konnte durch die Arbeit, fiel mir die Einsamkeit nach Feierabend doch zunehmend schwer. Wie ungewohnt war es, abends ins Bett zu gehen, ohne dass ich jemandem "Gute Nacht" sagen konnte! Um die Stille in der Wohnung zu überwinden, hörte ich viel Radio und auch immer mehr Musik, die ich mir aus der Stadtbibliothek besorgt hatte. Einige Zeit zuvor, wurde gerade der CD-Player erfunden, und auch ich hatte mir solch einen zugelegt, weil die Musik künftig nur noch auf CDs verkauft und verliehen wurde (die gute alte Langspielplatte hatte ausgedient, und die Kassetten wollte auch keiner mehr hören, wegen dem häufigen Bandsalat, den man dann mühselig mit dem Bleistift wieder beheben musste). Mein geistlicher Eifer, den ich früher noch hatte, war inzwischen völlig erloschen. Ich las auch immer weniger in der Bibel und betete nur noch, wenn es mir schlecht ging. Ich hatte auch keine Lust mehr, Briefe zu schreiben oder biblische Abhandlungen, und auch mein missionarischer Eifer war längst vorbei. Auf der Arbeit unterhielt ich mich einmal mit einem Kollegen über Gott und die Bibel. Er sagte: "Ich habe mich ehrlich gesagt bisher nicht mit diesem Thema befasst. Meine Eltern haben mir auch nie etwas von Gott erzählt und von der Bibel weiß ich eigentlich kaum etwas." - Früher wäre dies für mich eine Steilvorlage gewesen, um ihm mal ausführlich das Evangelium zu erklären, aber auf einmal fühlte ich mich innerlich so schlapp, dass ich keine Kraft hatte, ihm nun eine hilfreiche Antwort zu geben, warum er Gott suchen sollte. Einerseits sagte ich mir: Wenn Gott will, dass Er errettet wird, dann braucht mich Gott nicht unbedingt. Und wenn er nicht errettet werden soll, dann nützen auch all meine Überredungsversuche nichts. Andererseits fragte ich mich: Warum wollte Gott ihn einfach verloren gehen lassen, wo es doch gar nicht seine Schuld war, dass seine Eltern ihn nie vom Glauben an Gott erzählt haben? War er etwa ein schlechterer Mensch als ich? Es war doch schließlich auch nicht mein Verdienst, dass ich errettet wurde, sondern allein Gottes Gnade. Aber warum ist Gott denn nicht auch ihm gnädig? Ich war ja wirklich keinen Deut besser, außer dass ich eben den Glauben hatte, der mir aber doch auch von Gott geschenkt wurde. Warum aber verlangte Gott überhaupt den Glauben zur Errettung, wenn Er diesen nicht auch allen Menschen gab? Oder gab es vielleicht noch eine weitere Bedingung, die ich erfüllt hatte und er nicht? War es vielleicht doch nicht der Glaube allein, der den Unterschied machte?

So grübelte ich tagelang auf der Arbeit vor mich hin, um eine Auflösung für all diese Widersprüche zu finden. Warum eine ewig währende Höllenstrafe für Sünden, die die Menschen während einer begrenzten Zeit getan hatten? Warum will der HErr Seinen Feinden irgendwann nicht mehr vergeben, wenn Er doch auch von uns Feindesliebe erwartet und wir sogar 70 x 7 mal vergeben sollen? Wieso hat der HErr uns nicht vollkommen geschaffen, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, zu sündigen? Warum hat Gott in Seiner Allwissenheit den Sündenfall nicht einfach verhindert? Immer wenn ich dachte, dass ich jetzt endlich eine plausible Erklärung hätte, fiel mir später irgendeine Bibelstelle ein, die mein ganzes gedankliches Kartenhaus wieder zum Einstürzen brachte. Einfach wäre es gewesen, wenn man bestimmte Bibelstellen hätte relativieren oder umdeuten können, damit das Puzzle endlich passt und ein Ganzes ergibt. Wenn ich aber irgendeine Aussage der Bibel in Frage stellen würde, müsste ich die ganze Bibel in Frage stellen, und das durfte/wollte ich nicht. Denn was hatte ich dann noch? Während ich beim Streichen so überlegte, hörte ich die ganze Zeit meine südamerikanische Folkloremusik über meinen Walkman. Besonders gerne hörte ich die peruanischen Criollalieder, die ecuatorianischen Pasillo-Balladen oder die cubanische "musica trova", denn diese romantische Musik drückte genau meine schwermütigen Gefühle aus. Die Musik half mir, einen klaren Kopf zu behalten und besänftigte meinen inneren Schmerz.

Was mich auch fast zur Verzweiflung brachte, war der Umstand, dass sich die Verheißung aus 2.Kor.5:17 einer vollkommenen Lebensveränderung nur in der ersten Zeit meines Glaubens bewahrheitet hatte, aber ich schon seit langer Zeit wieder rückfällig geworden war und im Grunde so lebte wie jeder andere Mensch. Dabei stellte Johannes doch fest, dass "jeder der aus Gott geboren ist, nicht mehr sündigt", und dass "jeder, der sündigt, aus dem Teufel ist" (1.Joh.3:8-9). Gibt es aber überhaupt irgendeinen Christen, der von sich ehrlich sagen kann, dass er nicht mehr sündigt? Wenn ja, dann war ich bisher nie wirklich wiedergeboren; und wenn Nein, dann stimmte diese Verheißung einfach nicht oder sie war maßlos übertrieben. Mir ging es aber eher so wie Paulus, der schrieb: "Nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich nicht will, das tue ich... Ich elender Mensch, wer wird mich retten aus diesem Leibe des Todes?" (Röm.7:15+24). Leben ohne Sünde war für mich nur noch graue Theorie. Es fing ja schon an mit den sexuellen Sünden. Ich schaffte es kaum, länger als eine Woche ohne Selbstbefriedigung auszukommen. Früher hatte ich es bis zu vier oder fünf Wochen ausgehalten, aber jetzt wo Ruth weg war, war die Onanie die einzige Möglichkeit, um die Sehnsucht und den hormonellen Druck loszuwerden. Die Unreinigkeit gehörte aber zu den "Werken des Fleisches", von denen das Wort Gottes sagt: "...die solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben" (Gal.5:19+21). Entweder war ich also verloren oder aber die Bibel irrte sich. Beides war für mich gleichermaßen eine schreckliche Vorstellung. Es musste doch irgendeinen Ausweg geben aus diesem Dilemma! Irgendwas musste jetzt passieren, dass mir aus dieser unerträglichen Belastung heraushalf und mir eine neue Perspektive gab!

Während ich so mir den Kopf zerbrach und der Verzweiflung nahe war, kam ein Lied von der argentinischen Sängerin Mercedes Sosa (1935-2009) mit dem Titel "Todo cambia" ("Alles verändert sich"). Das Lied berührte mich aufs Tiefste, sodass ich es immer wieder hintereinander hörte, sowohl die Melodie als auch der Text. Ihre liebevolle und mütterliche Stimme und auch ihre tröstenden Worte kamen mir so vor, als ob meine eigene Mutter mich in den Arm nehmen und mir Trost zusprechen würde, indem sie meinen Blick weitete und mir den Mut gab, mein Herz zu öffnen. Ich gebe hier mal im Folgenden eine Übersetzung des Textes:

"Es ändert sich das Oberflächliche genauso wie das Tiefgründige, auch das Denken ändert sich, so wie sich auch alles in der Welt verändert. Es wandelt sich das Klima mit den Jahren, und der Hirte wechselt seine Herde. Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Refrain: Es verändert sich, alles verändert sich. Es verändert sich, alles verändert sich

Es verändert selbst der feinste Edelstein seinen Glanz, von Hand zu Hand. Es wechselt das Vöglein sein Nest, so wie ein Geliebter seine Gefühle ändert. Der Wanderer ändert seinen Kurs, auch wenn es ihm am Ende schadet, Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Die Sonne verändert ihren Stand, während die Nacht fortbesteht. Die Pflanze wechselt ihr Kleid, trägt frisches Grün im Frühling Wie das Wildtier sein Fell wechselt, verändert sich das Haar des Greises, Und so wie alles sich ändert, ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich ändere.

Es ändert sich, alles verändert sich...

Was sich nicht ändert ist meine Liebe, wie fern ich auch immer mich befinde, Und auch nicht die Erinnerung und der Schmerz meines Volkes und meiner Leute. Was sich gestern erst verändert hat, wird sich auch morgen wieder ändern müssen, So wie ich mich verändere in diesem fernen Land.

Es ändert sich, alles verändert sich..."

Durfte ich auch meinen Glauben ändern? Was würde dann passieren? Würde ich dann nicht jeden Halt verlieren? Aber was, wenn ich dann aufgefangen werde? Aber was, wenn nicht? Konnte ich dieses Risiko eingehen? Vielleicht hätte ich bald keine andere Wahl mehr. Aber solange es noch ging, wollte ich erst mal weiter am Bisherigen festhalten. Vielleicht würde der HErr demnächst endlich den ersehnten Ausweg bereit halten. Ich wollte weiter auf Seine Hilfe warten. Ich dachte: Vielleicht sollte ich mich mal vertrauensvoll an den Prediger der Missionsgemeinde wenden, um ein seelsorgerliches Gespräch zu erbitten? Bisher hatten mir die Predigten kaum geholfen in meiner notvollen Lage, und ich überlegte schon, ob ich überhaupt noch dort hingehen sollte. Also schrieb ich am 12.05.96 einen Brief an Udo Slopianka, und bekannte ihm mein Dilemma. Ich bekannte ihm auch, dass ich mit vielen seiner Lehren zwar nicht einverstanden war, aber dass es mir derzeit vielmehr um mein eigenes Seelenheil ging. Das konnte ihm als Hirten doch nicht egal sein!

 
Vorsprache bei einem Exorzisten

Am darauffolgenden Sonntag ging Udo nach dem Gottesdienst auf mich zu und lud mich zu einer kurzen Unterredung ein. Wir gingen in einen Abstellraum, aber statt zu beten, fing er sofort an, mir eine Mitteilung zu machen, die ihm auf dem Herzen lag: "Hör mal, Simon, ich verstehe Dich sehr gut, viel besser als Du Dir vorstellen kannst. Und ich kann Dir versichern, dass Du nicht verloren gehen wirst. Was Du gerade durchmachst, das hat schon jeder von uns erlebt; das sind ganz normale Anfechtungen vom Feind. Aber hättest Du mir jetzt nicht geschrieben, wäre ich ohnehin auf Dich zugegangen, denn es gibt da etwas, was ich ohnehin mal mit Dir besprechen wollte..." - Ich sagte: "Tatsächlich? Dann erzähl mal!" - "Weißt Du, Simon, Du bist ein hochbegabter junger Bruder, und eigentlich freue ich mich, Dich hier in unserer Gemeinde zu haben. Du wärest an sich auch gut geeignet für den Verkündigungsdienst, aber es gibt da ein riesiges Problem..." - "Du meinst die Lehrunterschiede?" - "Nein, die vielleicht auch, aber das ist nicht das entscheidendste Problem!" - "Ok. Und was ist es dann?" - "Weißt Du, Simon, wenn ich mit meiner Frau zusammen für Dich bete, dann bete ich nicht nur FÜR Dich, sondern ich bete auch GEGEN Dich!" Noch bevor ich ihn fragen konnte, setzte er gleich fort: "Ja, Simon, denn DU bist VOLL VON DÄMONEN, Du bist geradezu WAHNSINNIG BESESSEN ohne dass es Dir vielleicht bewusst ist!" Ich grinste verlegen. Er sagte: "Ja, grins nur! denn sogar an Deinem Grinsen sehe ich das Grinsen der alten Schlange! und auch wie Du beim Reden Deine Zunge bewegst! Mir machst Du da nichts vor. Du hast Dir irgendwo ein paar Dämonen eingefangen und brauchst dringend Befreiung. Du weißt ja, dass wir auch einen Befreiungsdienst praktizieren, weil der HErr das so geboten hat. Wenn Du also frei werden willst, dann lade ich Dich herzlich dazu ein! Diese Dämonen haben Dich auch zu all diesen Irrlehren verführt, von wegen, ein Kind Gottes könne noch verloren gehen!" Ich erklärte ihm, dass ich nicht an die Möglichkeit von Besessenheit bei Gläubigen glaube und daher ein Exorzismus bei mir zwecklos sei. Er aber wollte von mir keine Begründung hören, sondern riet mir, dass ich erst mal weiter in die Gemeinde gehen solle, dann würde Gott mir schon Buße und die Erkenntnis Seines Wortes und Willens schenken.

Am folgenden Samstag besuchte mich mein Freund Joachim Pehlke (29), der inzwischen schon ein Jahr verheiratet war. Er lud mich ein, mit ihm zusammen zum Spanischbibelkreis zu gehen, wo ich schon eine ganze Weile nicht mehr war. Die Predigt fand ich sehr schlimm, denn der Prediger lehrte aus meiner Sicht unbiblisch, so dass er der Gesetzlosigkeit Tür und Tor öffnete. Doch dann gab eine junge Schwester ein Zeugnis, was sie mit dem HErrn erlebt hatte, seit sie gläubig wurde, ein wunderbares Zeugnis! Danach erschien es, als würde der Prediger dieses Zeugnis gleich wieder zunichtemachen, indem er sie vor den "Gesetzeslehrern“ warnte, die sie einschüchtern könnten, indem sie ihr ein schlechtes Gewissen machten. Darauf erhob ich spontan meine Stimme und beklagte die heutige Treulosigkeit des Volkes Gottes, wobei ich mich selbst mit einschloss. Meine Stimme bebte und ich zitterte, doch die Worte sprudelten nur so aus mir heraus. Sie waren scharf und schneidend, es war eine Rede gegen mich selbst gerichtet. Danach waren alle sehr betroffen, es war eine bedrückende Stimmung im Raum, die jedoch bald wieder verflog. Doch in mir gehrte es weiter. Ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, musste aber dann doch rausgehen, um meinem Kummer Luft zu machen. Mir wurde die ganze Machte des Feindes in meinem Leben bewusst und meine ganze Schuldigkeit und Verlorenheit. Ich begann, mich zu verabscheuen und den HErrn wieder ganz neu und inbrünstig zu lieben. Ich beschloss, den Kampf gegen die Sünde in aller Härte wieder ganz neu aufzunehmen und mich gegen die Vorherrschaft des Teufels in meinem Leben aufzulehnen. Ich wollte endlich frei werden und mich nicht mehr vom Widersacher einschüchtern lassen. Als ich abends nach Haus kam, räumte ich erst mal in meiner Wohnung auf. Alle meine Musikkassetten und Bücher wollte ich wegschmeißen und meine Wohnung wieder als Gebetsstätte heiligen. Doch noch am selben Abend erlag ich einer Versuchung, indem meine gläubige Nachbarin Elke, die unter mir im Haus wohnte, zu mir hoch kam und mich einlud, zusammen einen Film im Fernsehen zu sehen. Elke war aufgrund traumatischer Kindheitserlebnisse und damit verbundener psychischer Probleme in Frührente und lebte alleine. Da sie mir leid tat, willigte ich ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Als ich spät am Abend wieder nach oben ging, war mir sehr elend und ich weinte bitterlich, weil ich dem Feind wieder auf den Leim gegangen war. Doch wollte ich mich nicht wieder einschüchtern lassen und bat Gott um Vergebung, wobei ich auch wirklich glaubte, dass Er mir vergab und mir nichts nachtrug.

So verging eine Woche in der ich in Treue und Hingegebenheit zu Gott lebte und freute mich über den Sieg in meinem Leben. Auch berichtete ich Ruth in einem Brief, dass ich wieder zur ersten Liebe zurückgekehrt sei. Doch dann fiel ich wieder in Sünde (Selbstbefriedigung) und meine alten Zweifel kamen mir wieder, weil ich vieles erlebte, bei dem ich den Eindruck hatte, dass Gott mein Gebet nicht mehr erhört, ja, sogar mir entgegen war. Ich fragte mich: Liebt mich Gott überhaupt noch oder hatte Er mich inzwischen schon verworfen wie Saul? Warum verlangt Gott so viel von mir? und warum lässt Er mich verloren gehen, wenn Er mich doch liebt? Warum darf ich nicht einfach ein normales Leben führen wie jeder andere Mensch? Lag es vielleicht daran, dass mir mein vieles Wissen um den Willen Gottes zum Verhängnis geworden ist (Amos 3:2, Luk.12:47, 19:26)? Dann könnte ich es fast bereuen, dass ich Christ geworden war. Ich wünschte mir, dass Gott anders wäre als der Gott, von dem es heißt: "Ein eifernder und rächender Gott ist Jahwe und voll von Grimm; Jahwe übt Rache an Seinen Widersachern und trägt Seinen Feinden nach" (Nahum 1:2). Aber ich konnte es mir nicht aussuchen, sondern musste es so glauben (oder nicht glauben), wie's geschrieben steht.

Zeitweise überlegte ich schon, ob ich den Glauben nicht ganz aufgeben sollte, denn ich hatte kaum noch Hoffnung, dass sich mein Leben noch einmal entscheidend ändern würde. Und dann erlaubte Gott etwas, dass mir im Nachherein sehr peinlich war: und zwar hatte ich an einem Sonntagabend die Idee, meinen neu erworbenen Anrufbeantworter mit einer bekannten Melodie zu untermalen. Mir kam dabei die lustige Idee, die Titelmelodie von James Bond 007 zu nehmen und entsprechend auf dem Band zu sagen: "Mein Name ist Poppe, Simon Poppe, bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht!" Doch schon am nächsten Tag fiel mir ein, dass auch ein Bruder mich anrufen könnte und dann mich für völlig verweltlicht halten könnte. Also beschloss ich, die Ansage wieder zu ändern. Als ich nach Hause kam, hatten zwei Personen angerufen, einmal meine Mutter, die auch eine Nachricht hinterlassen hatte, und eine andere Person, die nur aufgelegt hatte und von der ich auch keine Nummer im Display sehen konnte. Als ich eine Woche später erfuhr, WER diese Person war, die meine alberne Ansage gehört hatte, war es mir absolut peinlich... (kommt noch).


Marcus Rückfall in den Wahnsinn

Mitte Mai fand in Dresden ein sog. Christival statt, zu welchem junge Christen aus ganz Deutschland für eine Woche hin pilgern, um an den Veranstaltungen teilzunehmen, also eine Art evangelikaler Kirchentag für Jugendliche. Als Marcus erfuhr, dass Thomas und Ralf dort hinreisen wollten, um dort zu missionieren, wollte er unbedingt auch dorthin, um sie zu unterstützen. Doch kurz zuvor schrieb Ralf dem Marcus, dass sie nicht mit ihm zusammen zum Christival fahren würden, weil er sich noch nicht von mir distanziert habe. Sie warfen ihm vor, dass er "noch auf beiden Seiten hinken würde" (1.Kön.18:21). Doch Marcus fuhr trotzdem nach Dresden und hatte sich dort scheinbar mit den Brüdern angelegt. An einem Abend zog dann ein Sturm auf, der sämtliche Zelte hinwegriss, wo Thomas, Ralf und die anderen Teilnehmer campierten. Danach weiß niemand mehr, was genau passiert war, aber nach zwei Tagen fand die Polizei Marcus an einer Autobahnraststätte in der Nähe von München im völlig verwirrten Zustand. Er hatte schon wieder eine Psychose erlitten, insgesamt schon die Dritte. Sein ganzes Gepäck hatte er unterwegs mal wieder irgendwo an die Straße gestellt und war ohne Gepäck weitergegangen. Es heißt, dass er noch nicht einmal mehr Schuhe anhatte. Er wurde mit dem Krankenwagen nach Wasserburg gebracht, 50 km von München entfernt, wo eine Klinik für psychisch Kranke ist. Marcus weigerte sich jedoch aufgenommen zu werden. Als zwei Pfleger ihn dann mit Gewalt auf seine Station bringen wollten, schlug er sie mit der Faust, so dass sie Verstärkung holen mussten. Er schlug um sich mit Händen und Füßen, so dass man ihm einen Wirkstoffcocktail injizierte, der ihn vollkommen lahmlegte, eine sog. "chemische Zwangsjacke". Nachdem die Polizei sein Gepäck und sein Zelt gefunden hatten, fanden sie auch seine Brieftasche mit seinen Personalien. Sie riefen dann bei meiner Mutter an, die entsetzt war, und da sie mit der Situation nicht klarkam, bat sie mich nach München zu fahren, um Marcus zu besuchen.

So fuhr ich am 18.05.96 durch eine Mitfahrgelegenheit nach München und von dort weiter mit dem Bus nach Wasserburg. Als ich im Klinikum Inn-Salzach ankam, ging ich durch mehrere Glastüren auf einen 20 m langen Flur und sah von Ferne ganz am Ende des Ganges eine Person, die dort stand wie ein "Zombie", ein lebender Toter, der mich mit einem gebuckelten Rücken und herunterhängenden Armen unentwegt anstarrte mit offenem Mund. Als ich näher kam, erkannte ich, dass es mein Zwillingsbruder war. Man hatte ihm Haldol gegeben, so dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich begrüßte ihn herzlich, aber Marcus war nicht in der Lage, irgendwelche Affekte zu äußern. Wir gingen in eine Art Empfangs- oder Besucherraum, wo sich hinter einer Glasscheibe auch das Stationszimmer befand. Mitten in diesem Aufenthaltsraum stand das Bett von Marcus. Ich erfuhr, dass man das Bett absichtlich hier hineingeschoben hatte, weil er aufgrund seiner Suizid- und Gemeingefährlichkeit unter ständiger Beobachtung stehen müsse. Ich setzte mich mit Marcus aufs Bett und tröstete ihn, wobei ich ihm behutsam ein paar Fragen stellte. Doch Marcus hatte keine Lust, mir zu antworten, weil er zu müde war. Er legte sich hin und wollte sofort einschlafen. Ich schüttelte ihn und bat ihn, doch mit mir zu reden, schließlich war ich doch von weither gekommen. Er aber knurrte, weil er lieber schlafen wollte, und kurz darauf war er auch schon fest eingeschlafen. Ich sprach daraufhin mit dem Pfleger, und der erklärte mir, was passiert war und gab mir die Adresse der Polizeidirektion, damit ich dort seine Sachen abholen konnte. Das tat ich und fuhr an selben Abend noch mit dem Zug zurück nach Bremen.

Marcus wurde entmündigt und sollte für mehrere Monate in Wasserburg bleiben. Doch nach einer Woche fühlte sich Marcus schon wieder gut und wollte zurück nach Bremen. Aber man erlaubte es ihm nicht, und er durfte noch nicht einmal aus dem Gebäude der geschlossenen Psychiatrie hinaus. Während er am Freitagnachmittag mit einem Patienten Schach spielte, sah er durch die Scheiben der Fenster, wie die anderen Patienten draußen Volleyball spielten. Marcus beschwerte sich, weil es draußen an diesem Maitag schon über 30˚ C war und er hinaus wollte zu den anderen. Er wies daraufhin, dass das Grundstück doch ohnehin durch eine hohe Mauer gesichert sei, so dass niemand entkommen könne. Auf sein Drängen hin, ließ man ihn nach draußen. Zunächst ließ er sich nichts anmerken und vergnügte sich mit den anderen; doch in einem Moment, als niemand achtgab, kletterte Marcus über eine große Hecke hinaus und rannte durch den Wald. Schon bald wurde sein Verschwinden bemerkt und man rief die Polizei. Diese fahndete nach ihm mit einem Großaufgebot und durchkämmte mit Hunden den Wald. Marcus war unterdessen auf eine Straße gekommen, wo er als Anhalter mitgenommen wurde. Der Fahrer war etwas erstaunt, denn Marcus war nur mit einer Bermuda-Shorts bekleidet ohne jegliches Gepäck. Er nahm ihn mit nach Rosenheim, wo Marcus sich im Haus eines Bekannten duschen konnte, der ihm auch Kleidung, Schuhe und Kleingeld borgte. Damit fuhr Marcus dann per Anhalter quer durch Deutschland und kam in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in Bremen-Arbergen an. Um etwa 9.00 Uhr klingelte es an jenem Sonntagmorgen, und zwei Polizisten standen vor der Tür. Marcus stellte sich freiwillig, und nachdem sie sich eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hatten, erklärten sie ihn für zurechnungsfähig, ganz pragmatisch und ohne psychologisches Gutachten. Ich musste allerdings mit ihm am Montag noch mal zum Vormundschaftsrichter, damit auch dieser seine Entmündigung wieder aufhob.

Ein paar Tage später hatte ich den Wunsch, mal wieder meinen Freund Bernd Fischer anzurufen, um ihn zu fragen, ob ich ihn besuchen dürfte. Wir vereinbarten einen Termin für Anfang Juni. Und dann sagte Bernd zu mir: „Übrigens Simon, mache ich mir Sorgen um Dich, weil wir ja schon eine ganze Weile nicht mehr miteinander gesprochen haben, und ich habe mich gefragt, ob Du überhaupt noch an Gott glaubst.“ – „Aber Bernd, warum sagst Du das? Selbstverständlich glaube ich doch an Gott!“ – „Ich war mir aber nicht so sicher, denn vor etwa zwei Wochen habe ich Dich angerufen, und da war eine so merkwürdige Ansage von Dir auf dem Anrufbeantworter, dass ich dachte, Du seiest inzwischen in die Welt zurück gegangen.“ – Mir schlug das Herz bis zum Hals. Dann war es also der Bernd, der mich anrief, aber keine Nachricht hinterlassen hatte! Ich fing an zu stottern und erklärte Bernd, dass das so eine Dummheit von mir war, weil ich meinen Bruder Patrick da nachahmen wollte, aber mir schon gleich am nächsten Tag das Gewissen schlug und ich es wieder gelöscht habe. Als das Telefonat dann nach einigen quälenden Minuten endlich zu Ende war, fiel ich heulend auf meine Knie und bat Gott um Vergebung. Mir war es so peinlich, dass ich mir ausgerechnet vor diesem heiligen Bruder solch eine Blöße gegeben hatte. Wie konnte das nur passieren?! Mir fiel auf, dass ich wirklich in zwei ganz unterschiedlichen Welten lebte: auf der einen Seite war ich der fromme – wenn auch noch unreife und z.T. wankelmütige – Glaubensbruder, und auf der anderen Seite war ich der lustige und kreative Simon von früher (d.h. von vor meiner Bekehrung). Mein altes Wesen sollte doch aber längst begraben sein durch Christus in der Taufe. Warum aber kam es immer wieder noch zum Vorschein? So konnte es aber nicht immer weitergehen, dass ich wie ein Schauspieler auf zwei Hochzeiten tanzen würde. Ich musste mich einfach mal entscheiden, wer ich eigentlich wirklich sein wollte. Und da ich dem hohen Anspruch eines heiligen und Gott wohlgefälligen Lebens offensichtlich noch nicht (oder nicht mehr!) gewachsen war, sollte ich doch lieber so ehrlich sein, dazu zu stehen, anstatt weiter zu heucheln. Während ich noch auf den Knien war, sagte ich zu Gott: „Ich schaffe das nicht, HErr. Bitte verzeih mir, aber ich schaffe es einfach nicht! Mach mich zu einem Deiner Tagelöhner! Stufe mich zurück und fordere nicht mehr so viel von mir, HErr.“ Dann stand ich auf und sagte zu mir selbst: „Ab jetzt will ich nicht mehr heucheln, sondern zu dem stehen, was ich bin! Lieber, dass ich im Ansehen der anderen sinke, aber ich möchte mich ab heute nie mehr verstellen.“ Da ging es mir schon viel besser.


Mein Abfall vom Glauben

Ende Mai hatte ich dann an einem Tag ein entscheidendes Schlüsselerlebnis, das mein Leben für die nächsten 18 Jahre ändern sollte: Ich hatte den ganzen Tag alleine an der Fassade eines Mehrfamilienhauses gestrichen und dachte dabei über die Erlebnisse der letzten Monate nach. Warum hatte Gott all diese Probleme zugelassen, sei es mit dem Kinderheim oder Herrn Tönsing oder mit Thomas und Marcus? Und warum hatte ich schon seit Monaten keine Gebetserhörung mehr, z.B. bezüglich der Dauerschmerzen von Ruth. Das machte für mich alles keinen Sinn mehr. Und warum ließ Gott den Thomas mit all seiner Bosheit einfach ungeschoren davon kommen? Ich hätte ihn am liebsten genauso öffentlich an den Pranger gestellt, wie er dies mit mir und anderen gemacht hatte, um ihn zu demütigen. Aber Gott schwieg zu alledem, wie mir schien, und ließ mich seit Monaten schon in einem geistlichen Niemandsland umherirren, ohne Rast und Frieden. Und dann waren da all die ungelösten Fragen und Zweifel, die ich in der Bibel sah, aber die mir keine Ruhe ließen, weil ich für diese keine Erklärung fand. So grübelte ich auf dem Gerüst den ganzen Tag, während ich über Kopfhörer meine Musik hörte. Und dann kam ein Lied, dessen schwermütiger Gesang genau in meine Situation passte, nämlich "Losing my religion" von R.E.M., frei übersetzt: "(Ich fürchte, dass) ich meinen Glauben verliere". In dem Lied ging es um eine gescheiterte Liebesbeziehung, wo der Sänger auch den Eindruck hatte, dass er "alles vermasselt" habe und es nun zu spät sei. Genauso ging es mir ja auch in Bezug auf Gott.

Als Feierabend war, fuhr ich mit meinem Rad den langen Weg nach Hause, während ich unentwegt grübelte. Was wäre, fragte ich mich, wenn das mit der "ewigen Qual" in der Hölle einfach nur ein Missverständnis war, nämlich eine Fehlübersetzung des Wortes "aion", wie die Allversöhner behaupten, und es sich in Wirklichkeit nur um eine vorübergehende Dauer handelte? Aber "von Ewigkeit zu Ewigkeit" klang mir doch zu sehr nach "endlos", da wollte ich mir nichts vormachen. Aber wie konnte eine unendliche Qual mit der Liebe und Gerechtigkeit Gottes harmonisieren? Gar nicht. Wie man es auch dreht und wendet, es passte einfach nicht zusammen. Was aber, wenn Gott uns nur einen Schrecken einjagen wollte, aber es letztlich nicht so gemeint hat? Nein, das passt auch nicht, denn Gott kann nicht lügen und Sein Wort ist wahr. Oder wie wäre es, wenn die Bibel nicht Gottes Wort ist, sondern nur Gottes Wort enthält, wie einige Theologen sagen? Ein Großteil der Bibel ist ja ohnehin nur erzählte Geschichte und nur ein relativ kleiner Teil direkte Rede Gottes. Wie wäre z.B., wenn Gott die Bibel nicht als Sein Wort buchstäblich INSPIRIERT sondern nur nachträglich AUTORISIERT habe, also zugelassen habe? Dann dürfte es auch Fehler enthalten, die Gott aber überwaltet. Der Mensch hätte in diesem Fall nur seine Gedanken und Vorstellungen über Gott aufgeschrieben und Gott habe sie für gut und sinnvoll anerkannt und genehmigt, selbst wenn sie nicht immer zutreffend wären. War es nicht auch so mit dem mosaischen Gesetz, das ja letztlich auch nicht den endgültigen Willen Gottes widerspiegelte, sondern nur eine Zwischenstation darstellte, die auf den HErrn Jesus und das Evangelium vorbereiten sollte, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss war. Was wäre, wenn auch das Evangelium nur eine solche Zwischenstation wäre, aber Gott uns über Seinen endgültigen Willen bewusst im Unklaren gelassen habe, weil die Zeit noch nicht reif war für eine höhere Stufe? Schließlich gab es doch auch im Alten Testament kaum Hinweise auf das Evangelium, so dass es doch auch denkbar wäre, dass ebenso auch im Neuen Testament noch keine klaren Hinweise erkennbar seien für eine "3. Stufe" des Heilsplans Gottes? Aber dann verwarf ich all diese Überlegungen, weil sie ketzerisch waren und noch nicht einmal das Denken darüber erlaubt sei (1.Kor.4:6). Diese Gedanken standen im Widerspruch zu Gottes Wort und waren deshalb absolut tabu.

Ich fuhr weiter, aber war frustriert, denn ich brauchte endlich eine Lösung, die den "gordischen Knoten" in meinem Kopf zerschlug, damit ich nicht wahnsinnig werden würde wie mein Bruder. Was wäre, so überlegte ich, wenn die Bibel tatsächlich nicht das Wort Gottes wäre? Sollte es nicht mal einen Versuch wert sein, sich wenigstens für einen Moment diesem Gedanken zu öffnen? Ich stellte mir eine Türschwelle vor, die ich in Gedanken für einen kleinen Moment überschreiten musste, um danach wieder zurückzukehren in mein bisheriges Denken. Ich wollte nur mal ganz kurz spüren, wie sich dieser Gedanke anfühlt. Und wenn ich gleich sofort wieder zurückgehe in mein altes Denken, dann kann es doch nicht geschadet haben... Ich hatte mich selbst überzeugt und wollte das Wagnis eingehen. Dabei war es - wie ich im Nachhinein feststellte - als habe ich die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegriffen und war nun im Begriff dabei, von dieser Frucht abzubeißen. Ich tat es. Es musste sein, damit ich endlich aus dem Dilemma herauskäme. Ich war vom Fahrrad abgestiegen, hatte meine Augen geschlossen und setzte mich für zwei Minuten hemmungslos diesem Gedanken aus. Es war überwältigend. Ein totales Glücksgefühl stieg in mir auf. Ich war endlich völlig frei! Als wenn sich auf einmal alle Ketten lösten, die mich gefangen hielten. Es war meine "zweite Bekehrung", wie ich es später nannte, nur dass in diesem Moment nicht der Heilige Geist in mir Wohnung nahm, sondern fremde Geister in mich einkehrten, weil ich sie durch meine Entscheidung herbei gerufen hatte. Aber mir war in diesem Moment klar, dass ich nie mehr zurück wollte, sondern nun ein neues Leben begonnen hatte. Ich konnte nun kein Christ mehr sein, jedenfalls nicht mehr im biblischen Sinne, sondern war jetzt ein Apostat, ein Abgefallener. Aber war nicht auch Paulus ein "Abgefallener" vom Gesetz in dem Moment, als er sich zu Christus bekehrte? Vielleicht hatte Gott auch mich jetzt tatsächlich auf eine höhere Stufe der Erkenntnis gestellt, so glaubte ich. Ich fuhr weiter und sah plötzlich die Passanten, die an mir vorbei gingen, als meine Brüder und Schwestern an. War es das, was auch der Freimaurer Friedrich Schiller erlebt hatte, bevor er in der "Ode an die Freude" dichtete: "Seid umschlungen, Millionen! diesen Gruß der ganzen Welt. Brüder, über‘m Sternenzelt, muss ein güt´ger Vater wohnen... Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwert geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt."

Kurz darauf erhielt ich einen Brief von Bruder Bernd, in welchem er mich tröstete und mir erklärte, warum wir als Christen nicht immer sofort den Sieg hätten über die Sünde, weil nämlich wir sonst hochmütig werden könnten und die Abhängigkeit vom HErrn verlieren. Er mahnte mich, nicht aufzugeben, sondern einfach jedes Mal wieder neu Buße zu tun, wenn ich durch Sünde gefallen war, weil mir der HErr den Sieg verheißen habe, solange ich den Kampfplatz nicht verlassen würde. „Wichtig ist, dass Du die Front nicht dort einreißen lässt, wo Du schon Sieg hattest, … damit der Feind keine Gebietsgewinne macht. Lass Dich von der Selbstbefriedigung nicht zum Ehebruch treiben…“ Nein, das hatte ich gewiss nicht vor. Aber sein Appell zum Durchhalten kam jetzt zu spät, denn ich hatte ja bereits die Seite gewechselt und war sozusagen zum Gegner übergelaufen. Aber wie sollte ich das jetzt allen erklären? Sie würden verächtlich auf mich herabschauen und sagen, dass ich schon immer zu fleischlich war und nun der Fleischeslust nachgegeben hätte. Aber das stimmte so ja nicht, sondern es waren ja vor allem die Widersprüche an sich, die mich zur Aufgabe zwangen. Der HErr hatte mich doch als ganz normalen Mann geschaffen mit ganz normalen sexuellen Bedürfnissen. Warum sollte Er mir dann Vorwürfe machen, dass ich mich genau so verhalte, wie Er mich geschaffen hat? Hätte Er mich denn sonst nicht auch anders schaffen können?


Meine Rache an Thomas

Zum Glück wusste ja noch überhaupt niemand, dass ich jetzt „ungläubig“ geworden war, also konnte ich mir in Ruhe eine Strategie überlegen, wie ich meinen Sinneswandel nun allen so behutsam und nachvollziehbar vermitteln konnte wie möglich. Für eine Weile musste ich also noch ein Doppelleben führen bis die Zeit reif genug war, dass ich allen Geschwistern nach und nach die Wahrheit sagen konnte. Am schwierigsten würde das wohl für Ruth sein, aber ich hatte ja auch noch ein paar Monate Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Als erstes wollte ich mich mal um Thomas Schaum „kümmern“, denn mit seinem boshaften Verhalten sollte er nun nicht mehr ungeschoren davonkommen. Jetzt wo ich ja kein Christ mehr war, hatte ich keinerlei Einschränkung mehr in meinen Mitteln. Um Thomas aber vor allen bloßzustellen, musste ich ihm erst einmal selber irgendwie seine dunklen Geheimnisse entlocken. Aber wie sollte ich diese herausfinden? Von selbst würde er sie mir ja nicht verraten. Da kam mir ein perfider Plan: Ich wollte ihm einen Bußbrief schreiben, in welchem ich ihm offen bekennen würde, was für ein Sünder ich doch sei und ihn fragen, ob ich ihn besuchen könnte, damit ich bei ihm „reinen Tisch machen“ könne. Würde er mir erst mal glauben, könnte ich ihn in ein Gespräch verwickeln, in welchem er auch seine eigenen Sünden konkret bekennt. Später bräuchte ich dann meine Abbitte nur zu widerrufen, hätte aber dann die Informationen, die ich bräuchte, um ihm das zu vergelten, was er mir angetan hatte. Ich schrieb ihm also einen Brief, in welchem ich so glaubwürdig wie möglich Buße tat; und siehe da: Thomas hatte den Köder geschluckt und lud mich ein, am 09.06.96 nach Asmushausen zu kommen. Der erste Schritt meines Planes hatte also funktioniert. Schon gleich nach meiner Ankunft am Samstagmittag schüttete ich mein Herz aus und bekannte ihnen schonungslos meine fleischliche Schwachheit, d.h. meine Abhängigkeit von der Selbstbefriedigung und von romantischer Musik. Was hatte ich auch zu verlieren, denn sie konnten ja nicht ahnen, dass es mir inzwischen ziemlich egal war, was sie von mir dachten. Als wir dann später als Brüder an den Kaffe-und-Kuchen-Tisch setzten, fragte ich Thomas wie beiläufig: „Wie ist das eigentlich bei Dir so? Bist Du eigentlich frei von der Selbstbefriedigung?“ – Daraufhin antwortete Thomas mir zunächst nur, dass er auf diesem Gebiet auch „noch viel Kampf“ habe und fügte dann in einer für mich völlig überraschenden und absoluten Ehrlichkeit einen Satz hinzu, den ich hier nicht nennen kann, um die Fantasie und das Schamgefühl des Lesers, vor allem aber auch das Ansehen von Thomas nicht weiter herabzuwürdigen. Jedenfalls hatte er mit seinen Bekenntnissen meine Erwartungen weit übertroffen.

Als ich wieder in Bremen war, erbat Thomas von mir, dass ich nun auch „der Buße würdige Frucht bringen müsse“, indem ich öffentlich meine zuvor genannten Vorwürfe gegen Thomas widerrufen solle. Ich wiederum bat den Thomas darum, dass er nun, wo ich doch alles bekannt hatte, was mich betrifft, doch davon abstehen möge, weiter gegen den Bruder Hans-Udo vorzugehen, zumal dies gar nicht seine Aufgabe sein könne als Fernstehender. Diese Provokation war für Thomas dann genug, dass er meine ganze Buße als halbherzig und damit als wertlos betrachtete, mich erneut als „Belialsmensch“ bezeichnete und ein weiteres Mal über mehrere Seiten alles wiederholte, was er über mich in Erfahrung gebracht hatte, sei es von anderen oder aus meinem eigenen Mund. Was er jedoch nicht ahnte, war, dass genau dies meine Absicht war, denn jetzt gab er mir einen Grund, ihn auch selbst öffentlich an den Pranger zu stellen in einem „offenen Brief“, den ich auch an all die anderen Brüder sandte, die ihn und mich kannten, aber diesmal mit ebenso heiklen Details aus seinem Privatleben, um ihm das heimzuzahlen, was er zuvor mit mir tat. Mein Brief blieb dann tatsächlich nicht ohne Folgen, indem ich später erfuhr, dass einige Getreue von Thomas nun auch zu ihm auf Distanz gingen. Und von Thomas kam zu meiner Überraschung keine Reaktion mehr. Die Schlammschlacht war zu Ende, und einen Sieger gab es nicht.

Im Nachhinein betrachtet war mein Verhalten gegenüber Thomas absolut hinterhältig und verwerflich. Es zeigt einfach nur, dass ich inzwischen von demselben mörderischen Drang erfüllt war, der auch dem Thomas umtrieb und ich mich um das Verbot der Rache mittlerweile einen Dreck scherte (Röm.12:19). Seit ich wieder gläubig bin (seit 2014) habe ich über mein damaliges Verhalten Buße getan und Gott um Vergebung gebeten. Ob Thomas inzwischen auch irgendetwas bereut hat über sein Verhalten mir gegenüber, kann ich nicht sagen, denn er will nach wie vor nichts mit mir zu tun haben und erkennt meine erneute Umkehr zu Gott nicht als echt an. Möge der HErr Gnade schenken, dass es zwischen uns eines Tages zur Versöhnung komme!

Nachdem ich meine Rache geübt hatte, überlegte ich mir, mit wem ich in Zukunft Kontakt und Freundschaft pflegen sollte, nachdem ich mich ja nun vom fundamentalistischen Christentum innerlich losgesagt hatte. Da fielen mir die Freimaurer ein, die ja gerade von bibeltreuen Christen als die ärgsten Feinde und sogar als Diener Satans angesehen wurden. Ich fragte mich, ob denn nicht die Feinde meiner Feinde zu meinen Freunden werden könnten. Also suchte ich mir aus dem Telefonbuch die Telefonnummer einer Freimaurerloge heraus und rief dort an. Nachdem ich dem Mann am anderen Ende kurz mein Anliegen beschrieben hatte, wies er mich darauf hin, dass seine Loge eine konfessionslose sei, es aber auch eine christliche Freimaurerloge in Bremen gäbe, nämlich die „Zum Ölzweig“. Er empfahl mir, mich an diese zu wenden, da diese „Brüder“ besser vertraut waren mit meiner Vergangenheit und gab mir von dieser die Nummer. Als ich dann dort anrief, lud mich der „Meister vom Stuhl“, Klaus Bettag, zu einem Gästeabend ein, wo mich die Logenbrüder persönlich kennenlernen könnten und meine Fragen beantworten würden.

Kurz darauf besuchte ich diese und nahm in der Folgezeit an insgesamt drei solcher Gästeabende teil, wobei ich jeweils der einzige Gast war inmitten von etwa 5 bis 6 Logenbrüdern. Zunächst fiel mir auf, dass diese Männer im Alter von 40 bis 75 Jahren alle sehr freundlich waren. Besonders der Großmeister Klaus Bettag war außerordentlich höflich und respektvoll zu mir wie ein Gentleman. Sie waren amüsiert, als ich ihnen schilderte, wie man von Seiten der bibelgläubigen Christen über die Freimaurer dachte, dass sie nämlich heimlich mit dem Teufel im Bunde seien etc. Sie erklärten mir, dass sie selbst eine explizit christliche Loge seien, die nur Männer aufnehmen würde, die an Christus und die Bibel als Wort Gottes glauben würden. Wie jedoch der Glaube jedes einzelnen praktiziert werde, sei jedem selbst überlassen. So freundete ich mich im Verlauf der nächsten Wochen mit einem gewissen Carl-Ernst an, der ein überzeugter Katholik war und mit seinen etwa 40 Jahren der Jüngste von allen sei. Der Klaus Bettag wiederum hatte über mich „Recherchen“ angestellt, genau gesagt über meinen Stammbaum, und übergab mir nach ein paar Tagen einen Stammbaum der Familie Poppe, der bis ins 15. Jh. zurückreichte. Dies tat er deshalb, weil er durch vorherige Untersuchungen in seinem eigenen Stammbaum feststellte, dass seine Vorfahren mit den meinigen verwandt seien. Auch brachte er mir einen Aufsatz mit, den er mal über das Bremer Rathaus geschrieben hatte. Er hatte diesen mal als Vortrag in der Loge gehalten und wies darin auf die geometrisch interessante Bauweise hin, durch die der Architekt angeblich auf freimaurerische Symbole anspielen wollte (für mich war der Text totlangweilig). Und als ob er mich für die Loge gewinnen wollte, zeigte er mir an meinen Vorfahren, dass ungewöhnlich viele von diesen sog. „Baumeister“ (Architekten) waren und Mitglied der Loge „Zum Ölzweig“. Auch erzählte er mir, dass die Loge massiv unter Mitgliederschwund leide, da die Alten ausstürben und keine neuen Brüder hinzukämen. Schuld daran sei seines Erachtens, dass die Gesellschaft zunehmend individualisiert sei und jeder nur seine eigenen Interessen verfolge.

 

Januar – März 1996

Mein Schiffbruch im Glauben

Das neue Jahr begann mit viel Schnee und Minustemperaturen. Da Herr Tönsing auch nach den Feiertagen nicht erreichbar war und ich nicht wusste, wie es nun weiter gehen sollte, ging ich zur Arbeiterkammer, um mich rechtlich beraten zu lassen. Denn obwohl ich inzwischen schon 2,5 Monate lang kein Geld mehr erhalten hatte, bestand ja immer noch ein ungekündigtes Arbeitsverhältnis. Die dortige Juristin riet mir, ihm meine Arbeitskraft anzubieten, doch ihm auch eine kurze Frist zu setzen mit der Androhung, zu kündigen, falls er weiterhin nicht reagiere, da unser Lebensunterhalt gefährdet sei. Danach solle ich ihn beim Arbeitsgericht auf Zahlung der noch ausstehenden Löhne verklagen, was ich dann auch Ende Januar tat, zusammen mit allen anderen - um ihren Lohn geprellten - Mitarbeitern.

Mein Freund Bernd Fischer schrieb mir und warnte mich eindringlich, dass ich unbedingt den Kontakt zu Thomas und Ralf beenden müsse, da diese zu „Brudermördern“ geworden seien und ich durch ein Bündnis mit diesen mich mitschuldig machen würde an ihren Verleumdungen. Die Begründungen von Bernd waren sehr weise und biblisch gut fundiert, deshalb willigte ich ein und verwandte seine Argumente in einem Brief an Thomas, in welchem ich ihn aufforderte, grundsätzlich sein – so wörtlich - „Schreiben gegen andere Brüder aufzugeben, da Du dafür nicht die nötige Begabung hast“. Wie nicht anders zu erwarten, verschärfte sich darauf allmählich der Ton zwischen uns, und Thomas begann nun, auch mir immer mehr Vorhaltungen zu machen, warum ich denn überhaupt noch Kontakt zu Bernd habe, der doch ein Irrlehrer sei mit seiner „Gott-belügt-die-Lügner“-These. Aber auch Hans-Udo reagierte nun mit einem langen Brief voller Vorwürfe gegen mich wegen meiner Treulosigkeit und wollte dieses ständige Hin und Her nicht länger mitmachen. In seinen Augen hatte ich nun endgültig bewiesen, dass auf mich kein Verlass sei, sondern dass ich ein unreifer und wankelmütiger Bruder sei, dem man nicht trauen könne.

Wankelmütig? Ja, das traf es in der Tat. Denn ich verlor allmählich immer mehr an Selbstsicherheit, weil ich zu viele falsche Entscheidungen getroffen hatte und keine Orientierung mehr besaß, was eigentlich Gottes Wille für mich wäre. In jener Zeit telefonierte ich viel mit Schwester Brigitta Foggin (46), die zu unserem Hauskreis gehörte und in den letzten zwei Jahren auch immer Marcus‘ Seelsorgerin war. Brigitta sah sich immer als eine Art „Aufpasserin“ über unseren Glauben und erwartete stets, dass wir ihre Ratschläge auch befolgen sollten. So hatte ich ihr z.B. mitgeteilt, dass mein Vater mir 2.000,- DM geliehen habe, weil wir absolut blank waren und ich auch meine Miete nicht hätte bezahlen könne. Sie warf mir jedoch vor, dass ich mir kein Geld von meinem Vater hätte ausleihen dürfen, da mein Vater noch nicht wirklich gläubig sei und ein Christ sich nichts von Ungläubigen borgen solle. Sie forderte mich auf, meinem Vater das Geld zurückzugeben und stattdessen zu beten, dass der HErr mir doch auf irgendeine andere Weise das Geld zukommen lassen möge. Ich hielt dies für gänzlich ausgeschlossen, befolgte jedoch ihren Wunsch, für dieses Wunder zu beten. Kurz darauf erhielt ich Post vom Finanzamt mit einem Steuerbescheid aus 1994, dass ich aufgrund eines zu geringen Einkommens meine gesamten bezahlten Steuern von etwas über 2000,- DM zurückerstattet bekommen würde. Ich war total sprachlos und rief sofort Brigitta an, um ihr von dieser Gebetserhörung zu berichten. Brigitta freute sich sehr, doch nachdem der erste Jubel verklungen war, sagte sie: „Simon, dann weißt Du ja hoffentlich, was Du jetzt zu tun hast.“ – Ich schluckte und sagte: „Du meinst, ich solle meinem Vater jetzt die 2000,-DM zurückgeben?“ – „Ja, selbstverständlich! Was denkst Du denn?!“ – „Aber Brigitta, ich hatte Dir doch schon gesagt, dass mein Vater das Geld gar nicht braucht, weil er genug davon hat. Ich hingegen kann es sehr gut gebrauchen, denn ich stecke ja noch immer in der Krise; und wenn ich es ihm jetzt auch geben würde, dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass ich ihn schon bald wieder um Geld anbetteln müsste.“ – „Aber Simon! Jetzt bin ich aber wirklich entsetzt und schwer enttäuscht von Dir! Da hat Gott Dir einmal mehr Seine Macht gezeigt und ein solches Wunder geschenkt, und Du zweifelst immer noch daran, dass Er Euch auch weiterhin versorgen würde! Sag mal, hast Du denn überhaupt keinen Glauben mehr!?“ – Eine gute Frage. Nach all den Prüfungen, die ich in der letzten Zeit schon durchgemacht hatte, waren alle meine Glaubensreserven aufgebraucht. Ich bat Brigitta um Verzeihung, dass ich derzeit zu schwach sei, um auf diese unverhoffte Finanzspritze verzichten zu können. Sie fragte mich, was sie denn überhaupt in den Bibelstunden noch von mir lernen könne, wenn ich in der Praxis so jämmerlich versagen würde. Das fragte ich mich allmählich auch. Ich musste mir eingestehen, dass ich im Glauben Schiffbruch erlitten hatte (1.Tim.1:19).

Mein Glaubensleben war wirklich an einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Meine fromme Fassade war inzwischen so durchlöchert, dass jeder geistliche Mensch sofort sehen konnte, dass da kaum mehr geistliche Substanz vorhanden war, von der ich hätte zehren können. Deswegen erlitt ich all diese schweren Züchtigungen, weil Gott von mir schwer enttäuscht war und mir nun mit aller Eindringlichkeit zeigen wollte, dass ich Buße tun müsse. Ich erinnerte mich an die Worte Jesu: „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße (d.h. ändere dein Denken) und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust“ (Offb.2:5). Womit hatten all die Probleme angefangen? Was war der Ursache, dass ich vom Wege abgekommen bin? Fing es nicht schon 1994 an, als ich für Ruth einen Fernseher gekauft hatte und später sogar einen Videorekorder? Dabei hatte ich doch jahrelang immer gepredigt, dass Fernsehen Sünde sei! Und ich hatte meine Haltung auch nie öffentlich widerrufen, sondern stattdessen seither jedes Mal den Fernseher versteckt, wenn ich Besuch von Brüdern bekam. Thomas hatte schon ganz richtig bemerkt, dass ich ein Heuchler sei. Aber es war noch nicht zu spät. Das Licht Gottes war noch nicht ganz in mir erloschen (1.Sam.3:3); einen „glimmenden Docht“ wie mich würde der HErr nicht auslöschen (Mt.12:20). Ich musste also nur den Götzen aus unserem Haus entfernen, und vielleicht würde dann schon alles gut werden.

So schlich ich mich heimlich ins Haus, um den Fernseher samt Antenne in einen Karton zu packen, um ihn zu zerdeppern. Von Bruder Norbert Homuth hatte ich gelernt, dass man einen Fernseher nicht einfach auf den Sperrmüll tun dürfe, da er sonst von jemand anderes mitgenommen werden könnte, sondern dass man ihn in jedem Fall vorher zerstören müsse, z.B. durch Steinigung. Das wollte ich tun, aber dazu musste ich ihn erst einmal wegschaffen. Als ich den Karton auf meinen Gepäckträger tat, sah mich meine Schwiegermutter und fragte mich beiläufig, was ich denn vorhätte. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Tengo que llevar basura“ („Ich muss nur mal eben Müll wegbringen“). Ohne einen Plan zu haben, fuhr ich mit dem Fahrrad auf die B6 Richtung Brinkum. Als ich auf die Ochtumbrücke kam, hielt ich mein Fahrrad an, lud den Karton ab und wollte ihn unbemerkt in den Fluss werfen. Doch mir kam der Gedanke, dass dies Umweltverschmutzung sei, und so warf ich ihn nicht in den Fluss, sondern auf die daneben befindliche Uferböschung. Doch zu meiner Überraschung war der Fernseher so weich gelandet, dass er nicht kaputt gegangen war. Also ging ich nochmal runter, brachte ihn wieder nach oben auf die Brücke und warf ihn ein zweites Mal, und erst dann zerbrach er in viele Stücke. Dann ging ich noch einmal nach unten und befestigte am Fernseher einen Zettel, den ich zuvor als eine Art „Grabrede“ geschrieben hatte, und zwar mit einem Gedicht, das Heinrich Heine kurz vor seinem Tod gedichtet haben soll: „Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt! Die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist, die Leier die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang. O HErr, o HErr, ich kniee nieder, vergib, vergib mir meine Lieder!“.

Als ich zurückkam, verkündigte ich voller Freude und Stolz, dass ich gerade eben unseren Fernseher zerschmettert hätte. Lucila reagierte etwas erschrocken und sagte nur: „Si pues, era la caja del diablo“ („Na ja, das war ja auch der Kasten des Teufels“). Ruth hingegen war nicht gerade begeistert über diese eigenmächtige Entscheidung von mir, weil ich mich nicht zuvor mit ihr abgesprochen hatte. Sie warf mir vor dass sie und ihre Mutter nun überhaupt keine Zerstreuung mehr hätten und sie wegen des Schnees und der Kälte draußen noch nicht einmal längere Zeit Spazieren gehen könnten. Aber als ich ihr die Gründe erklärte, dass das Fernsehen für mich ein Anstoß zur Sünde sei und ich diesen deshalb mit Stumpf und Stiel ausrotten musste, verstand sie es und war damit einverstanden. Ich versprach ihr, dass wir uns von nun an mehr Zeit nehmen würden zur regelmäßigen Bibellese und Gebet. Durch die neu gewonnene Zeit konnte ich - während Lucila strickte und wir uns unterhielten - auch endlich mal mein 2000-Teile-Puzzle fertigstellen, das schon die ganze Zeit auf dem Boden lag. Doch sollte diese Idylle vom trauten Heim nur von kurzer Dauer sein…


Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…

Am Freitag, den 25.01.96 stand auf einmal Marcus vor der Tür. Inzwischen hatte er einen richtigen Vollbart, wie es ihm die Brüder aus Asmushausen „beigebracht“ hatten (nach ihrer Auffassung habe Gott den Mann ja schließlich mit Bartwuchs geschaffen, deshalb sei es Sünde, wenn man sich rasieren würde, weil man dadurch ja dem Willen Gottes widerstehen würde). Er begrüßte uns herzlich und wir sprachen miteinander über die letzten Tage und Wochen und es gelang mir, ihn davon zu überzeugen, dass der Thomas sich durch seine harte und unfruchtbare Agitation gegen Hans-Udo und andere Brüder versündigt habe. Marcus räumte ein, dass der eigentliche Grund für seinen Besuch der war, um mich und meine Familie „zur Buße zu rufen“, aber dass er nun einsah, dass er sich nicht in solche Anklagen wie die gegen Hans-Udo einzumischen habe, zumal er diesen überhaupt nicht kenne. Doch am nächsten Tag war er schon früh aus dem Haus gegangen und hatte mir nur einen Zettel hinterlassen mit meinem Taufspruch aus Luk.22:31-32: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre. Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder!“ Marcus sah mich scheinbar total in Sünden zu versinken und wollte mit diesem Apell mir vorerst den Rücken kehren. Doch erfuhr ich später, dass er in unser Elternhaus gefahren war, um nun meinen Vater und meinen Bruder Patrick zur Buße zu rufen, was bei diesen jedoch nur auf Befremden stieß. In der Nacht von Samstag auf Sonntag überfiel Marcus dann der Wunsch, das ganze Haus meiner Eltern von oben bis unten zu reinigen, sozusagen als letzten Dienst für die Familie, bevor er für immer gehen wollte. In der Morgendämmerung stieg er dann in den ersten Bummelzug, um nach Asmushausen zurückzufahren. Als er schon in Göttingen war, besann er sich darauf, wieder nach Bremen zu fahren, weil dort sein Platz sei. Er besprach sich am Montag mit Schwester Brigitta über seine Situation, doch bekam er plötzlich eine sonderbare, geistesgestörte Anwandlung, weil er Brigittas Wohnung angeblich voller Dämonen sah. So verließ er sie fluchtartig, um – wie er sagte – „Sodom und Gomorra“ zu verlassen. Er schnappte sich seinen Rucksack und ein Fahrrad, und fuhr bis zur nächsten Autobahnauffahrt. Dort stellte er es unabgeschlossen mitten auf dem Gehweg, ging die Böschung der Autobahn hinauf und ging von 18.00 bis 21.00 Uhr ca. 30 km die Autobahn entlang, um auf den schnellsten Weg nach Asmushausen zu kommen. Seinen Rucksack mit seinen ganzen Habseligkeiten ließ er unterwegs an einer Leitplanke zurück, weil er ihm zu schwer war. Ein anhaltender Autofahrer bot ihm an, einzusteigen, aber er lehnte ab. Um ca. 22.00 Uhr rief er meinen Bruder Patrick zuhause an und bat mit stockender Stimme, ihn in Langwedel bei der Autobahnausfahrt Achim-Ost abzuholen. Er war völlig durchgefroren und verwirrt. Nachdem sie dann zwar sein Fahrrad aber nicht mehr seinen Rucksack aufgabeln konnten, fuhren sie wieder nach Hause. Als ich dann mit ihm telefonierte sagte er mit leiser Stimme: „Ich wollte ein besserer Christ sein, aber diese Superchristen in Asmushausen – das kann es irgendwie nicht sein. Ich bleibe jetzt hier.“ Am Dienstagmorgen rief er Thomas an, um ihn über seinen Entschluss zu informieren. Thomas reagierte erbost und sagte ungefähr soviel wie: „Wenn du in Sodom bleiben willst, dann kann ich dir nicht mehr helfen!“ Nach dem Gespräch sagte er zu Patrick unter Tränen: „Wie können sie immer nur so hart zu mir sein…“.

Am späten Abend besuchte mich Marcus. Er war inzwischen völlig klar und entschieden, sich endgültig von diesen Brüdern zu trennen, bis sie Buße getan hätten. Doch während wir uns unterhielten über die heutige Situation in der Christenheit und über meine Schwachheit im Fleische und auch über das Gute, das Marcus in Asmushausen von HErrn geschenkt bekam, stand Marcus plötzlich auf und wollte gehen. Er sagte, hier sei nicht sein Platz, er habe keinen Frieden hier. Ich hielt ihn zurück und erklärte ihm ausgiebig sein krankhaftes, debiles Verhalten und die Gefahren in Asmushausen. Als ich fertig war, stand er auf und sagte: „Dein eigener Mund verurteilt dich! Komm mit mir nach Asmushausen und lass dich dort durch die Brüder von deinen Sünden überführen!“ Er zog seine Jacke an, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen, weil ich Angst um ihn hatte. Ich sagte: „Marcus, das ist doch nicht der Heilige Geist, der dich treibt, sondern Dämonen! Lass uns doch erst einmal zusammen beten!“ Er schaute mich wie hypnotisiert an. Sein Blick war starr und apathisch. Er sagte: „Nein, lass mich gehen.“ Ich erwiderte: „Um deinetwillen würde ich sogar schon morgen nach Asmushausen fahren.“ Dann setzte er sich wieder, und sagte, er würde nur deshalb die Nacht hier verbringen, weil ich ihm dieses Versprechen gemacht habe. In diesem Moment rief mich plötzlich Hans-Udo an und wir sprachen kurz über die Kritik der Asmushausener. Da stand Marcus auf und wollte mit Hans-Udo sprechen; ich ließ es aber nicht zu, sondern verabschiedete mich schnell von dem Bruder. Als Marcus dann laut etwas in den Hörer hineinrief, hatte Hans-Udo bereits aufgelegt, so dass Marcus ihm „Feigheit“ vorwarf.

Dann hielt ich Marcus anderthalb Stunden ohne Unterbrechung bis Mitternacht einen Vortrag über die ganze Situation, erzählte ihm, wie viel Böses Thomas schon durch seine üble Nachrede angerichtet hatte und fing sogar dabei an zu weinen, wie er schon Zwietracht ausgestreut hatte unter Brüdern, so dass fast alle Brüder sich inzwischen von mir getrennt hätten. Als ich fertig war und froh war über seine scheinbar einsichtsvolle Geduld, stand er zu meiner Überraschung wieder wortlos auf, um zu gehen. Diesmal hinderte ich ihn aber nicht, sondern ging auf die Knie, um für Ihn zu beten und ging dann mit Ruth zu Bett. Nach einer halben Stunde kam Marcus wieder und da er wusste, wo der Hausschlüssel versteckt war, kam er die Treppe hoch und sagte, dass der letzte Zug schon gefahren sei und er deshalb bis morgen noch bleiben würde. Ich holte ihm ein Federbett vom Dachboden, während er still in der Bibel las. Doch nach 10 Minuten hatte er schon wieder den Entschluss gefasst, zu gehen, weil er lieber auf dem Hauptbahnhof übernachten wollte. Ich versuchte ihn, zu überreden, zumal es angefangen hatte zu schneien, aber es half nichts. Eine Stunde später – ich war schon fast eingeschlafen – stand Marcus wieder in der Wohnung. Er sagte nichts, sondern setzte sich aufs Sofa, um in der Bibel zu lesen. Ich lege mich wieder hin, doch nach 5 Minuten zog er sich wieder seine Jacke an und wollte gehen. Ich sagte nur: „Marcus, komm endlich zur Ruhe!“ Er verharrte eine Weile und ging dann aber doch. Draußen schneite es heftig.

Es vergingen 2 Stunden, da kam er wieder und sagte: „Simon, mein Verhalten war eigenwilliger Gottesdienst. Ich hatte Petrus-Allüren. Ich bitte dich um Vergebung!“ Doch es waren kaum 5 Minuten vergangen, da meinte er wieder, er müsse nach Matth.10 das „Haus verlassen und den Staub von seinen Füßen schütteln“, da ich seine Bußbotschaft nicht annahm. Ich schimpfte mit ihm und sagte, er sei wie ein „Junkie vollgekifft“ und sollte sich von Thomas lieber die Füße anstatt das Hirn waschen. Auch sagte ich ihm das er die schlechte Frucht von Thomas bösem Verhalten sei und dass ich deshalb nie mehr nach Asmushausen gehen würde, bis sie alle Buße getan hätten. Ich bemerkte bei Marcus einen völlig verzweifelten Gesichtsausdruck und er beschwor mich, nie mehr das Haus zu betreten. Ich sagte: „Geh doch endlich, hau ab und stör uns nicht ständig!“ Nach einer halben Stunde kam Marcus wieder ins Haus und sagte mit verklärter Stimme: „Simon, ich bin wieder da und bleibe jetzt hier. Es ist alles gut, alles wieder in Ordnung, mach dir keine Sorgen…“ Diesmal war es von Dauer, aber mein Schlaf war dahin. Es war schon 3:30 Uhr in der Frühe. Ich duschte mich und legte mich noch für 4 Stunden nieder. Ruth hatte übrigens schon vorher sämtliche Messer in der Küche versteckt, damit Marcus sich nicht wieder wie vor zwei Jahren die Pulsadern aufschneiden könnte. Doch endlich war der Spuk vorbei, zumindest hofften wir es.

Doch auch am nächsten Tag ging der Horror weiter: Nachdem wir gefrühstückt hatten, schlug ich vor, mit Marcus zusammen nach Arbergen ins Elternhaus zu fahren, denn mein Vater würde sich sicherlich schon Sorgen machen, ob Marcus nicht schon wieder eine Psychose habe wie vor zwei Jahren, als er im Wahn mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen und schließlich mit Erfrierungen 3. Grades in die Geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Als wir im Bus saßen, schüttete Marcus mir sein ganzes Herz aus und erklärte, dass er in Ralf Schiemann einen Ersatzvater gesucht habe, den er über die Maßen bewunderte und so sein wollte wie er. Wörtlich: „Weißt Du, Simon, wenn ich an meine Beziehung zu Gott denke, dann habe ich immer die Vorstellung, als wäre ich wie ein ganz kleiner Junge, der seinem übergroßen Vater am Hosenbein zieht, während dieser am Tisch sitzt, und der ihn anfleht, dass er auch mal auf seinem Schoß sitzen möchte. Ja, ich wollte mein ganzes Leben lang einfach nur auf dem Schoß Gottes sitzen, aber egal was ich auch tue, habe ich immer das Gefühl, dass Gott mich nicht auf seinen Schoß lassen will, so oft ich auch an Seinem Hosenbein ziehe.“ Ich bekam eine Gänsehaut. Wow, was für einen tiefen Einblick in seine Seele, den mir mein Bruder gewährte! War es aber mit mir nicht genau das Gleiche? Auch ich wollte einfach nur wieder jenes schöne Gefühl haben, von Gott geliebt zu sein. Aber nach all dem, was ich angestellt hatte, konnte Gott mich doch kaum mehr lieben, sondern war einfach nur noch bitter enttäuscht von mir!


Der Wahnsinn

Als wir im Elternhaus ankamen, öffnete ich die Küchentür einen Spalt, wo mein Vater am Fenster saß und fröhlich mit seiner für ihn typisch sarkastischen Ausgelassenheit sagte: „Ach da seid ihr ja! Ich hatte mir schon Sorgen um Marcus gemacht, dass er sich schon wieder an irgendeinen Baum gehängt haben könnte! Hahahahahahahahaha!“ Mein Vater lachte laut, und ich machte schnell wieder die Tür zu in der Hoffnung, dass mein labiler Bruder diesen dummen Spruch nicht gehört habe. Ich ging mit ihm ins Wohnzimmer und wir sprachen dort weiter miteinander über die ganze Situation. Nach etwa einer halben Stunde, während Marcus mir gerade etwas erklärte, stockte er plötzlich und grübelte einen Moment. Dann schaute er mich wieder mit diesem starren Blick an, zeigte mit seinem Finger auf mich und sagte mir mit beschwörenden Worten: „Simon, Du musst Buße tun! Das ganze hier ist doch eine Falle! Ich werde jetzt nicht weiter mit Dir reden, sondern nach Asmushausen zurückgehen!“ Ich stand auf und sagte: „Ach geht das jetzt schon wieder los! Hör doch endlich auf, Marcus, und komm endlich zur Ruhe! Das ist doch der Teufel, der Dich ängstigen will. Bleib doch hier!“ Marcus war aber aufgestanden und ging aus dem Wohnzimmer hinaus. Ich hielt ihn fest und versperrte ihm mit aller Kraft den Weg, indem ich mich am Treppengeländer und Türrahmen festhielt. Daraufhin rannte Marcus stracks nach oben, als gäbe es dort noch einen anderen Ausgang. Ich lief ihm hinterher, und er drohte mir, dass er über den Balkon nach unten springen würde, wenn ich ihn nicht gehen lassen würde. Ich bat ihn, mir doch wenigstens kurz zuzuhören; aber er riss die Balkontür auf und wollte gerade springen, als ich nachgab und ihn gehen ließ. Er rannte los und ich rannte ihm hinterher, indem ich ihn fragte: „Was willst Du denn? Wo willst Du hin?“ Er sagte: „Ich muss die Stadt verlassen!“ – „Aber warum?“ Mit keuchender Stimme rief er: „Weil es schon 16.00 Uhr ist und die Sonne innerhalb der nächsten Stunde untergeht!“ – „Häh?!? Was hat das denn mit dem Sonnenuntergang zu tun??!“ fragte ich. „Erinnerst Du Dich nicht, was die Engel zu Lot sagten? Dass er vor Sonnenuntergang die Stadt verlassen müsse? Ich war gekommen, um Dich mitzunehmen, aber wenn Du nicht kommen willst, dann musst Du halt mit all den anderen Gottlosen untergehen!“ – „Das ist doch völliger Wahnsinn, was Du erzählst! Zum einen ist Bremen doch nicht Sodom und zum anderen bist Du kein Engel!“ – „Doch! Denn Engel bedeutet einfach nur Bote!“ – „Dann kannst Du Dir aber trotzdem noch Zeit lassen, denn die Engel mussten erst bei der Morgenröte die Stadt verlassen haben. Marcus, bitte halt doch mal kurz an, BITTE!“ – „Nein, Du kannst ja weiter reden, aber dann musst Du schon mit mir laufen!“ – Ich war schon völlig außer Atem, aber versuchte, ihn in seinem Wahn zu verstehen: „Lot sollte aber auf die Berge fliehen, aber hier sind weit und breit keine Berge!“ – „Doch!" sagte Marcus, "Da hinten in Mahndorf ist die Autobahn, und wenn man dort die Anhöhung hinaufgeht, dann ist das auch wie Berge!“

Hätte jemand dieses merkwürdige Gespräch mitgehört, dann hätte er uns wohl beide für verrückt erklärt. Ich rief mit letzter Puste: „Marcus, Du willst doch nicht die Autobahn entlang nach Asmushausen laufen! Das sind über 300 km, da brauchst Du zu Fuß über eine Woche! Außerdem ist das verboten auf der Autobahn zu gehen!“ – Ich hielt ihn am Arm, weil ich nicht mehr weiterlaufen konnte, aber er riss sich sofort wieder los. Ich rief ihm zu: „Wenn Du jetzt nicht stehenbleibst, dann rufe ich die Polizei!“ Er lief weiter und ich blieb stehen, um zu verschnaufen. Dann ging ich in eine Telefonzelle und rief die Polizei.

Etwa 5 Minuten später fuhr zufällig mein Bruder Patrick von der Arbeit nach Hause und sah meinen Bruder Marcus ihm entgegengehen. Er hielt an und sagte: „Hallo Marcus, was für ein Zufall! Soll ich Dich mitnehmen? Komm steig ein!“ Marcus zögerte einen Moment, dachte aber, dass es besser sei, wenn Patrick keinen Verdacht schöpfe. Er stieg ein und sagte: „Du musst hier einmal drehen und kannst mich da hinten beim Ortausgang rauslassen, wo die Autobahnauffahrt ist“. Patrick fuhr jedoch weiter stadteinwärts und fragte: „Wieso, was willst Du denn dort? Ich fahr jetzt nach zu uns nach Hause und dachte, dass ich Dich dorthin mitnehmen soll.“ – „Dann halt sofort an, denn ich muss in die andere Richtung!“ – „Wieso, was willst Du denn dort? Willst Du etwa wieder die Autobahn entlang spazieren? Das ist verboten! Warum nimmst Du nicht einfach den Zug?“ – „Kann ich Dir jetzt nicht erklären. Halt sofort an oder ich spring aus dem Auto!“ – „Hä? Was soll das, was willst Du denn?“ – Doch in dem Moment hatte Marcus sich abgeschnallt und die Beifahrertür aufgemacht, um zu springen, da hielt Patrick schnell den Wagen an. Marcus rannte raus, ohne sich zu verabschieden, und Patrick rief ihm hinterher: „Bist Du jetzt völlig bescheuert? Was soll das??!“ Unterdessen war die Polizei zu mir gekommen und ich erklärte ihnen, dass mein Bruder verrückt sei und auf die Autobahn gelaufen wäre. Ich stieg hinten ins Polizeiauto ein, und wir fuhren bei Uphusen auf die Autobahn Richtung Bremer-Kreuz, doch nirgendwo war Marcus zu sehen. Dann fuhren wir am Bremer Kreuz in Richtung Hannover bis zur ersten Ausfahrt Achim, aber auch dort war Marcus nicht zu sehen. Weiter aber hätte er nicht kommen können, also fuhren wir wieder zurück. Ich konnte mir das nicht erklären und entschuldigte mich bei den Beamten für diesen falschen Alarm. Sie brachten mich wieder zurück nach Arbergen und ich fuhr nach Hause.

Gegen 17.30 Uhr ging dann bei der Polizei ein Notruf ein. Ein Autofahrer hatte meinen Bruder auf der Autobahn die Standspur entlanggehen sehen Richtung Hannover. Die Polizeibeamten hielten Marcus daraufhin an und baten ihn, ins Polizeiauto zu steigen, um seine Personalien aufzunehmen. Als sie schon wieder losgefahren waren, um mit ihm nach Bremen zurückzufahren, sprang Marcus während der Fahrt aus dem Polizeiauto und rannte davon. Die Polizei hielt sofort an, lief ihm hinterher und legte ihm Handschellen an. Nachdem sie auf der Wache den Vorfall protokolliert hatten, wurde mein Bruder durch Beschluss eines Amtsrichters entmündigt und in die Psychiatrie eingewiesen (im ZKH- Bremen-Ost), wo er auch 2 Jahre zuvor schon einmal war. Um 23.00 Uhr erhielt ich dann von der Polizei einen Anruf, wo mir über Marcus berichtet wurde. Am darauf folgenden Donnerstag, den 31.01.96 besuchten Ruth und ich meinen Bruder und unterhielten uns mit ihm auf seinem Zimmer. Nachdem wir zusammen gebetet hatten, sagte Marcus plötzlich: „Ich bitte Euch, dass ihr jetzt gehen solltet, denn ich spüre in diesem Moment wieder so ein starkes Angstgefühl in mir aufsteigen.“ In diesem Moment kamen zwei Krankenschwestern rein mit einem Bett und sagten, dass sie mal eben die Betten tauschen müssten. Wir gingen hinaus zum Fahrstuhl, aber sahen, wie Marcus im Schlafanzug auf den Flur ging und völlig in Gedanken versunken war. Doch noch bevor unser Fahrstuhl kam, fiel Marcus plötzlich auf die Knie, hob seine Hände empor und brüllte mit lauter Stimme: „OH GOTT; HILF MIR! HILF MIR, BITTE!“.

Ruth und ich waren völlig erstarrt vor Entsetzen. Mein armer Bruder! Was haben sie bloß mit ihm gemacht! Ich war jetzt völlig entschieden, Marcus vor jeden weiteren Kontakt mit Thomas zu schützen, damit Marcus nicht schon wieder versuchen würde, sich das Leben zu nehmen. Ich schrieb Thomas, dass es möglich sei, dass aus ihm nicht der Geist Gottes, sondern der Geist des „Verklägers der Brüder“ spräche (Offb.12:10), indem er sich anmaße, durch seine ständige Gesinnungskritik ein „Beurteiler der Gedanken und Gesinnungen des Herzens [anderer] zu sein“, ein Attribut, das aber nur Gott zukäme (Hebr.4:12). Desweiteren hatte ich von Patrick erfahren, dass Thomas ihm in einem Telefonat mitgeteilt hatte, Marcus nicht länger bei sich aufnehmen zu wollen, da dies für ihn und seine Familie eine zu große Belastung sei. Daher fragte ich Thomas, wo Marcus denn seiner Meinung nach nun hingehen solle. In einem 10-seitigen Brief holte Thomas dann zum Gegenschlag aus und wies jede Verantwortung für Marcus zurück. Seine Wirrnis sei nur dadurch zu erklären, dass er entgegen dem Rat der Brüder nach Bremen gereist sei, denn sie hielten meine ganze Familie für einen reinen Sündenpfuhl. Als Beispiele zählte er sämtliche Vergehen meiner Eltern auf, von denen Marcus ihm berichtet hatte. Bei ihnen hingegen habe sich Marcus die ganze Zeit über geborgen und geliebt gefühlt, was er mit Zitaten aus dem Tagebuch von Marcus zu beweisen suchte. Er beschimpfte mich als „giftige, heuchlerische Schlange“ und drohte mir, als nächstes auch alle meine peinlichsten Sünden vor allen Brüdern zu veröffentlichen, damit jeder wisse, wer ich sei.


Der Untergang

Dieser Brief folgte dann ein paar Tage später. Er war so schlimm, dass ich total geschockt war und nur noch heulen konnte. Er hatte doch tatsächlich einen „offenen Brief“ geschrieben, indem er ausführlich und der Reihe nach nicht nur die bisherigen Vorwürfe gegen mich auflistete, sondern darüber hinaus auch noch die peinlichsten Dinge über mich breit vor allen anderen aufführte, von denen ich nicht ahnte, dass Marcus sie ihm erzählt haben könnte, damit alle auch die noch so intimsten Dinge über mich erfahren sollten. Ich war völlig erstarrt und wollte mich nur noch in die letzte Ecke verkriechen. Dieser Brief war so schlimm, dass ich ihn vernichten musste, damit niemand ihn je mehr lesen sollte. Und auch jedem, der ihn möglicherweise gelesen haben könnte, wollte ich von nun an nie mehr unter die Augen treten. Mir war völlig klar, dass ich mich jetzt vollkommen zurückziehen und verstecken musste. Thomas hatte mich getötet. Er hat mir den letzten Stich verpasst; von dieser Wunde würde ich nicht mehr genesen. Es war aus und vorbei. Der Simon Poppe war nun Geschichte. Gott selbst hatte mich durch den Thomas vernichtend geschlagen; Er hat mich gewogen und für zu leicht befunden. Ich weinte den ganzen Abend, so dass Ruth sich um mich sorgte, denn ich wollte mich nicht mehr trösten lassen. Dann verbrachte ich lange Zeit im Gebet und bat den HErrn, dass Er sich doch meiner erbarme. Ich war am absoluten Tiefpunkt angelangt und hatte keine Ahnung, wie es nun weiter gehen könne. Hatte Gott mich wirklich inzwischen endgültig verworfen? Aber wo bleibt dann Sein Erbarmen mit einem Sünder wie mir? Ich dachte an die Worte Hiobs: „Ich schreie zu Dir, und Du antwortest mir nicht; ich stehe da, und Du starrst mich an. In einen Grausamen verwandelst Du Dich mir, mit der Stärke Deiner Hand befeindest Du mich… Doch streckt man beim Sturze nicht die Hand aus, oder erhebt man bei seinem Untergang nicht darob ein Hilfsgeschrei? … Trauernd gehe ich einher ohne Sonne; ich stehe auf in der Versammlung und schreie“ (Hi.30:20-28).

Mitte Februar kamen die Brüder aus Asmushausen nach Bremen, um Marcus zu besuchen. Dieser war nach zwei Wochen wieder aus der Psychiatrie entlassen worden, hatte sich aber zuvor geweigert, ein Formular zu unterschreiben, dass ihn aufgrund seiner Wahn-bedingten, verminderten Schuldfähigkeit von all den Kosten (5.000,-DM) befreit hätte, die durch die Einweisung und den Aufenthalt in der Psychiatrie entstanden waren. Denn da Marcus aus Gewissensgründen kein Mitglied der Krankenkasse war (er wollte Abtreibungen nicht unterstützen), wollte er jetzt auch nicht, dass der Staat für die Kosten aufkommen solle, die er verursacht hatte, sondern bot an, diese selber in Raten abzustottern. Thomas und Ralf, teilten Marcus jedoch mit, dass es für sie unmöglich sei, ihn weiterhin in Asmushausen aufzunehmen, zumal die Dorfbewohner ohnehin schon mit Argusaugen auf die kleine Sekte blickten und sie sich deshalb kein weiteres Aufsehen mehr erlauben könnten. Marcus war darüber sehr traurig, sah es aber auch ein. Er wollte aber auf keinen Fall mehr zurück in sein altes Leben als Erzieher von schwer erziehbaren Jugendlichen, weil er sich für diese Aufgabe derzeit seelisch nicht stark genug fühlte. Deshalb versuchte er sich als selbständiger Hausmeister, der sich um die Reinigung von Treppenhäusern und um die Gärten von Wohnanlagen kümmerte.

Inzwischen erhielt ich Post vom Arbeitsgericht. Der Termin zur Verhandlung war kurzfristig einberaumt worden, da akute Fluchtgefahr bestand. Doch Tönsing erschien zum Gütetermin und verteidigte sich mit einem überraschenden Kampfgeist. Er warf uns vor, wir hätten ihn alle betrogen, indem wir die Stundenzettel wahrheitswidrig und willkürlich ausgefüllt hätten, so dass er kein Vertrauen mehr hatte und bis zur endgültigen Klärung die Löhne zurückgehalten habe. Selbstverständlich wolle er unsere Löhne alle zahlen, aber nicht in der von uns geforderten Höhe. Die meisten von uns hatten Forderungen von im Schnitt 6.000,-DM. Tönsing bot uns indes an, die Hälfte zu zahlen, womit wir natürlich absolut nicht einverstanden waren. Der Arbeitsrichter machte nun den Vorschlag, ob man sich denn nicht auf pauschal 5.000,- DM einig werden könne. Für Tönsing war dies indes viel zu viel, und er schlug 4.000,- DM für jeden vor. Nun war eigentlich eine Einigung bei 4.500,-DM das Naheliegenste, und wir waren auch damit einverstanden. Aber Tönsing wollte weiter feilschen, und so einigten wir uns schließlich auf 4.250,- DM. Ich war nur froh, dass auch dieser Alptraum endlich zu Ende war und wir nun endlich Geld bekämen. Als wir die Treppen vom Gericht runter gingen, sprach meine Frau Herrn Tönsing darauf an, dass auch sie noch 300,-DM für ihren Putzdienst zu bekommen habe. „Ach, Sie haben bisher kein Geld erhalten? Das tut mir wirklich leid. Ich werde das prüfen und mich darum kümmern. Wie geht es übrigens ihrem Baby? Ist das Kind wohl auf?“ – „Ja,“ antwortete meine Frau, „aber das Kind braucht etwas zu essen.“

Nachdem in den Wochen danach immer noch kein Geld kam, ließ ich mir einen sog. „vollstreckbaren Titel“ ausfertigen und beantragte die Vollstreckung. Als der Gerichtsvollzieher Wochen später an der Tür von Herrn Tönsing klingelte, war dieser auf Nimmerwiedersehen nach Portugal ausgewandert. Der ganze Streit vor Gericht war also nur eine Hinhaltetaktik gewesen, um den Eindruck zu erwecken, dass er noch zahlen würde. Er hatte uns also alle an der Nase herumgeführt. Die Schulden bei meinem Vater waren inzwischen auf 3000,- DM angewachsen, und ich bat meinen Vater um weiteren Aufschub, bis ich Geld vom Sozialamt bekommen würde.


Ein Lichtblick am Horizont

An einem Morgen saßen wir zusammen am Frühstückstisch mit meinem Vater und überlegten, wie es weitergehen könnte. Ruth wollte gerne im April mit unserer Tochter nach Peru reisen, um ihr Studium zu beenden und ihren Doktortitel zu machen, denn sonst wäre alles umsonst gewesen. Mein Vater fragte mich damals: „Simon, was hältst Du davon, wenn Du Dich selbstständig machst? Da würdest Du doch deutlich mehr verdienen!“ – „Ich hatte das schon versucht, aber ohne Meistertitel bekommt man schnell Ärger wegen Schwarzarbeit. Das bin ich inzwischen leid.“ – "Warum machst Du dann nicht einfach Deinen Meistertitel? Du bist doch intelligent genug und könntest das schaffen.“ – „Ja, Papa, aber das kostet locker bis zu 17.000,- DM mit Kurs- und Prüfungsgebühren und, und woher sollte ich das Geld nehmen?“ – „Aber gibt es nicht auch die Möglichkeit, Meister-BaFöG zu beantragen?“ – „Ja, aber das würde längst nicht alle Kosten abdecken. Wovon sollten wir denn leben, wenn ich ein Jahr lang nur zur Schule gehen würde?“ – „Also, Simon, wenn Du das machen würdest, dann würde ich Dir das Geld zur Verfügung stellen. Das würde ich auf jeden Fall machen, denn es wäre mir eine große Ehre, wenn Du später mal Deinen eigenen Handwerksbetrieb hättest!“ – „Aber es gibt noch ein Problem, Papa: Ich habe noch immer keinen Führerschein. Wie sollte ich mich denn selbstständig machen ohne Fahrerlaubnis? Aber auch dafür habe ich kein Geld.“ – „Mach Dir keine Sorgen, Simon! Auch den Führerschein bezahle ich Dir!“ Ich war total gerührt von so viel Liebe von meinem Vater. Nach all den schlechten Nachrichten war dies mal endlich wieder ein Lichtblick am Horizont.

Unterdessen hatte ich mich bei einigen Malerbetrieben in Bremen beworben, und die Firma Horr war bereit, mich zu nehmen. Als ich Herrn Horr von Herrn Tönsing berichtete, erklärte er mir, dass dieser bis vor einem Jahr als Freigänger in seiner Firma gearbeitet hatte. Er hatte nämlich wegen diverser Betrügereien als Veranstalter von sog Kaffeefahrten eine Haftstrafe absitzen müssen. Schon während dieser Zeit als Freigänger habe Tönsing bei der Arbeit immer wieder Telefonate mit zukünftigen Kunden geführt, weil er seine Selbstständigkeit plante. Für die Zeit bis zu meinem ersten Gehalt hatte mir das Sozialamt etwa 1000,-DM zur Überbrückung gegeben. Eine Schwester aus unserem Hauskreis gab uns ebenso eine Spende für Oma Lucila, damit sie wieder zurück nach Peru fliegen konnte in Begleitung von Ruth und Rebekka. Mit dem Geld meines Vaters konnte Ruth auch ein Flugticket für den 01.04.96 kaufen. Wir vereinbarten, dass ich ihr von meinem Gehalt regelmäßig Geld schicke und dann Anfang Oktober selber auch nach Peru und Ecuador reisen würde, um bei der Einarbeitung eines potenziellen Nachfolgers für die Kinderheimleitung behilflich zu sein und um Ruth bei ihrer Doktorarbeit zu unterstützen. Wie sich zeigte, sollte ich die lange Zeit der Trennung auch nicht ganz alleine verbringen, denn mein kolumbianischer Freund Pepe Gomez (44) hatte sich gemeldet und uns mitgeteilt, dass sein Sohn John-Jairo (20) Ende Juni nach Bremen kommen würde, um dann 3 Monate bei uns zu wohnen. Doch um dem John-Jairo geistlich stärken zu können, musste ich erst einmal selber wieder einen stabilen Boden unter den Füßen haben, was den Glauben anging.

Bernd hatte mir empfohlen, mir mal in Bremen eine biblische Gemeinde zu suchen, zumal ich nach Ruths Abreise dringend mehr Gemeinschaft mit anderen Christen benötigte. Es gab zwar noch immer die Bibelstunden bei Schwester Brigitta, aber da ich dort der einzige Lehrende war, hatte ich dort niemanden, der mich belehrte. Der Hauskreis in Blumenthal bei Edgard und Hedi, in dem ich aufgewachsen war, hatte sich vor einiger Zeit aufgelöst, und die Geschwister gingen jetzt alle in die Exklusive Brüdergemeinde im Lehrer-Lämpel-Weg. Ich war dort auch schon einige Male hingegangen, aber mir gefiel die Athosphäre dort nicht. Zwischen jedem Gebet, Gesang oder geistlicher Ansprache machten die Brüder dort immer eine 3 bis 5 Minuten lange Kunstpause, in welcher der Heilige Geist den einen oder anderen Bruder dann spontan zu einem Gebet, einen Gesangsvorschlag oder einer Predigt berufen sollte. Denn sich vorzubereiten auf eine Predigt oder sich untereinander abzustimmen, war bei den Brüdern nicht erlaubt, weil man dadurch "den Geist dämpfen" würde. So war es zumindest in der Theorie, aber praktisch hatte man eher den Eindruck, dass sie sich sehr wohl etwas vorbereitet hatten und es unter vorgehaltener Hand auch Absprachen gegeben haben muss. Was mich auch störte, war der "Mief" im Gottesdienst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Da der Gottesdienst in einer umgebauten Turnhalle stattfand, waren nur ganz oben ein paar schmale Belüftungsfenster. Aber selbst wenn diese alle auf Kipp standen, war die Luft bei so vielen Personen schnell verbraucht, was aber scheinbar niemanden außer mir störte. Ich überlegte daher, lieber zur sog. "Missionsgemeinde Bremen" zurückzukehren, wo ich mich 1984 bekehrt hatte. Diese hatte mich zwar drei Jahre zuvor noch buchstäblich hinausgeworfen vor Beginn eines Gottesdienstes, weil ich zuvor ihre Exorzismuspraxis öffentlich kritisiert hatte, aber ich konnte sie ja um Vergebung bitten, und dann müssten sie mich wieder aufnehmen. Allerdings musste ich dann mal mit Brigitta sprechen, ob wir unsere sonntäglichen Bibelstunden dann nicht lieber auf den Abend verschieben können, um zu dieser Gemeinde zu gehen. Ich schrieb also am 11.03.96 einen Brief an den Gemeindeleiter Udo Slopianka und bat ihn um Vergebung und um Aufnahme in seine Gemeinde. Er rief mich daraufhin an und lud mich herzlich ein, wiederzukommen.


Erste Zweifel

Für ihre Doktorarbeit über Kokzidien (Parasiten) in Greifvögeln benötigte Ruth noch jede Menge Kopien aus Fachliteratur, und da das Internet 1996 noch in den Kinderschuhen steckte, mussten wir öfters zur Universitätsbibliothek Bremen, wo Ruth sich aus den entsprechenden Fachbüchern die nötigen Informationen zusammenkopieren konnte. Ich begleitete sie mit Rebekka, und um die Zeit ihrer Recherche zu überbrücken, ging ich zum Bereich der „Religion“, um mal zu stöbern, was es so an Literatur gab. Dabei stieß ich auf ein kleines Taschenbuch mit dem Titel: „Naive Frömmigkeit der Gegenwart. Eine kritische Untersuchung d. Schriften Werner Heukelbachs“. Ich dachte: „Na sowas, den Werner Heukelbach kenn ich doch durch seinen Traktatversand! Das würde mich ja mal interessieren, was die an ihm zu kritisieren haben!“ Ich lieh mir das Buch aus und begann, es zu lesen. Es war eine Dissertation (Doktorarbeit). Auf den ersten Seiten gab der Autor einen Überblick über die wesentlichen Thesen Heukelbachs, die im Prinzip dem Evangelium entsprachen, um dann zu untersuchen, inwiefern sie eigentlich haltbar sind in Bezug auf die empirische Beobachtung. Am Beispiel der in der von Heukelbach beschriebenen Auswirkungen der Wiedergeburt aus Wasser und Geist, verglich er die Phänomene von Erneuerung und Begeisterung mit den Empfindungen, die ein Mensch hat, der sich z.B. vom Buddhismus zum Kommunismus bekehrt oder anders herum. Immer ginge solchen Bekehrungen eine tiefe Sinnkrise voraus, eine schwere Depression oder eine ausweglose Lebenslage. Die Verheißung, einen Neuanfang erleben zu dürfen, lösen dann ganz zwangsläufig bei einem Menschen Glückshormone aus, so dass sich diese tiefgreifende Erneuerung auch auf ganz natürliche Weise erklären lasse. Ähnlich verhalte es sich außerdem bei ersehnten Ereignissen, die man gerne als „Wunder“ bezeichnet, obgleich sie sich noch völlig im Rahmen der Wahrscheinlichkeit zugetragen haben. In jedem Fall sei immer wieder der Wunsch der Vater des Gedankens.

An dieser Stelle hatte ich keine Lust mehr, weiterzulesen, denn die Argumente ärgerten mich. Wie konnte dieser Schwätzer sich anmaßen, mein Bekehrungserlebnis mit irgendwelchen säkularen oder heidnischen „Bekehrungen“ zu vergleichen, wenn er das meinige doch gar nicht kennt und auch nicht kennen kann? Aber war es nicht andersherum genauso? Woher konnte ich denn sicher sein, dass mein Umdenken ein unvergleichbar höheres Niveau hat als sein Umdenken? Sind denn Empfindungen nicht immer subjektiver Art? Wenn man aber persönliche Gotteserfahrungen des anderen gar nicht kennen kann, dann kann man auch nicht beurteilen, ob sie richtig oder falsch sind, sondern man muss darüber schweigen. Allerdings sagt die Bibel, dass die Ungläubigen Menschen „verfinstert sind am Verstande, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verstockung ihres Herzens“ (Eph.4:18). Von daher darf man ein Kind Gottes nie vergleichen mit einem Ungläubigen. Mögen vielleicht manche Erfahrungen der Ungläubigen ähnlich sein wie bei Gläubigen, so war doch etwas Entscheidendes anders, nämlich der Glaube. Und das es anders war, musste ich glauben. Ich sollte auch weiterhin „aus Glauben glauben“ (Röm.1:17). Aber der Zweifel begann in mir zu nagen, denn Theorie und Wirklichkeit stimmten immer weniger miteinander überein.

Ich schrieb in mein Tagebuch: „Ich habe diese Nacht geträumt, dass ich im Bus sitze, aber keinen Fahrschein besaß. Doch nahm ich an, unbemerkt zu bleiben. Als ich mich  jedoch umdrehte, sah ich den Kontrolleur... – Ich wollte aussteigen, aber die Tür schloß sich vor mir, und der Kontrolleur wollte meinen Fahrausweis sehen.“ Als ich erwachte, erinnerte mich diese Begebenheit an das Hochzeitsmahl im Himmel, wo es ebenso einen Gast gab, der kein Hochzeitskleid anhatte und deshalb hinausgeworfen wurde in die äußerste Finsternis (Mt. 22:11-13). Konnte das nicht auch auf mich zutreffen? War ich nicht inzwischen selber ein „Schwarzfahrer“ im Christentum geworden, der gar keine Berechtigung mehr hatte, um weiterhin unter den Heiligen mitzumischen, da ich ohne Geistesleitung mich nicht mehr als Kind Gottes betrachten konnte (Röm.8:14)? In einem anderen Traum hatte ich mir vorgestellt, dass ich gestorben sei. Irgendwie war mir dieses Gefühl wohlig und angenehm. Ich stellte mir vor, wie alle um mich herum trauern würden. Ich fragte mich im Halbschlaf: Muss man erst tot sein, um Mitleid zu empfangen? Ich hatte mich aber ganz bewusst nur als tot verstellt, weil ich selbst den Zeitpunkt wählen wollte, wann ich mich den anderen als lebend zu erkennen geben wollte. Ihre Verwunderung und Verständnislosigkeit machte mir nichts aus. Ich wollte wissen, warum sie jetzt erst um mich getrauert hätten und nicht schon vorher als ich vermeintlich noch am Leben war. Aber ging es den anderen nicht vielleicht genauso wie mir? Hatten wir nicht alle eine Sehnsucht nach der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Zuwendung? Mir schien, dass das ganze Leben der Menschen an und für sich nichts weiter als ein Warten war auf ein besseres Leben. Nur dass die meisten dies nicht zugeben wollten, weil man ihre Sehnsucht als Schwäche deuten würde.

 

 

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IMG 0365Mein Schwager, Dr. Israel Condori (59), hat in Ica (im Süden Perus) ein Freizeitheim mit Paradiesgarten, Pool und Volleyballplatz, wo auch wir als Familie regelmäßig Urlaub machen. Bei den Condoris geht es ganz familiär zu: Die beiden Söhne Jonathan und Joel organisieren mit den Gästen Rundreisen an die schönsten Orte Perus (z.B. Macchu Picchu) und die Frauen kümmern sich um das leibliche Wohl der Gäste. Der Rund-um-Service kostet $ 50 USD/Tag (d.h. Vollpension + Führung) zzgl. Reisekosten. Grundkenntnisse der spanischen Sprache sind von Vorteil.
Wenn Sie Interesse haben, rufen Sie uns einfach an: Familie Poppe,telefon0421-830 50 81
(bitte nur bei ernsthafter Reiseabsicht).

 

 

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